Schlagwort: Allgemeine Belletristik

Frances Greenslade: Der Duft des Regens

Über „Der Duft des Regens“ von Frances Greenslade bin ich auf mehreren Blogs gestolpert und wurde dadurch so neugierig auf das Buch, dass ich es in der Bibliothek vormerkte. Die Grundgeschichte dieses Romans ist schnell erzählt: Maggie und Jenny erleben eine (scheinbar) glückliche Kindheit mit ihren Eltern in einer kleinen Ansiedlung in Kanadas Wäldern. Doch nach dem Tod des Vaters dauert es nicht lange, bis die beiden Mädchen von ihrer Mutter bei einem fremden Ehepaar zurückgelassen werden. Man erlebt die Geschichte aus der Sicht von Maggie, die beim Verschwinden ihrer Mutter gerade mal elf Jahre alt ist und die sich viele Jahre an den Gedanken klammert, dass es die Aufgabe ihrer Mutter sei, sie zu finden, und nicht ihre Aufgabe, ihre Mutter zu suchen.

Frances Greenslade hat für diesen Roman wunderbare Charaktere geschaffen. Während die ältere Jenny recht mädchenhaft ist, gern Zeit mit ihren Freunden verbringt und sich zu einem „ganz normalen“ lebenslustigen Teenager entwickelt, ist Maggie burschikoser. Sie fühlt sich in der Natur wohl, sie steht gern auf eigenen Beinen und sie hat das Bedürfnis, sich um alles zu kümmern. Auch die Beschreibungen all der kleinen und größeren Momente, die Maggie mit ihrer Familie in ihrer Kindheit erlebt hat, sind wunderschön. Die Autorin beschreibt kleine Zeltausflüge, gemütliche Abende daheim – und wie geborgen sich Maggie an der Seite ihres Vaters fühlt und wie wunderschön und verheißungsvoll die Autofahrten mit ihrer Mutter sind.

Hier betonen die meisten Rezensionen, die ich gelesen habe, wie harmonisch und heil die Kindheit der beiden Mädchen war und wie wenig sie doch davon ahnten, dass auch ihre Eltern Probleme hatten. Diese Einschätzung kann ich beim besten Willen nicht teilen. Maggie macht sich schon als kleines Kind ständig Sorgen. Sie registriert Verstimmungen zwischen ihren Eltern, sie macht sich Sorgen, dass sie ihren Vater verlieren könnte, und sie steht nachts auf, um nachzugucken, ob ihre Schwester und ihre Eltern noch sicher in ihren Betten liegen und ob sie noch atmen. Das zeigt mir, dass das Mädchen schon merkt, dass bei aller Harmonie und bei all der Liebe, die die Eltern für sie haben, das Leben keine Sicherheit bietet, dass auch Eltern Menschen sind, die Bedürfnisse haben und Fehler machen, und dass ihre kleine und relativ heile Welt sehr zerbrechlich ist.

Gerade diese Zerbrechlichkeit macht für mich diese Szenen so eindringlich. All die Schönheit, diese Liebe und dieses Verständnis, die Großartigkeit der Natur und die stimmungsvollen Winterabende am Ofen, all das hat eben auch seine Schattenseiten –  und selbst wenn Maggie dies als Kind nicht richtig begreifen oder gar in Worte fassen kann, so ist es ihr schon bewusst. Jahre später, als sie vierzehn ist, macht sich Maggie auf die Suche nach ihrer Mutter und lernt ihre Eltern als Menschen mit einer eigenen Persönlichkeit und einer nicht ganz einfachen Vergangenheit kennen. Das alles macht „Der Duft des Regens“ zu einer melancholischen Geschichte vom Erwachsenwerden, zu einer Geschichte voller zerbrochener Hoffnungen und Träume, aber auch zu einer Geschichte von starken Menschen und von dem berauschenden Gefühl, zu lieben. Sehr leise erzählt und bei aller Traurigkeit wunderschön.

[Kurz und knapp] Jill Smolinksi: Fast wie neu

Zu „Fast wie neu“ von Jill Smolinksi habe ich gegriffen, weil ich etwas Nettes und Unterhaltsames gesucht habe. Unterhaltsam war das Buch, allerdings ging mir die Hauptfigur Lucy im Laufe der Geschichte so auf die Nerven, dass ich sie am Liebsten geschüttelt hätte. Lucy Bloom ist 39 Jahre alt und sie musste gerade, um den Entzug ihres Sohnes Ash zu finanieren, ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen. So hat sie zu Beginn des Romans Unterschlupf bei ihrer Freundin Heather gefunden, die für Lucy eine Matratze in das Zimmer ihrer vierjährigen Tochter gelegt hat.

Zusätzlich leidet Lucy immer noch darunter, dass sich ihr Freund Daniel vor einer Weile von ihr getrennt hat – oh, und ihren Job hat sie zu der Zeit ebenfalls verloren. Dazu kommt noch, dass sich der Entrümplungsratgeber, den Lucy geschrieben hatte, nicht gerade gut verkauft. So ist Lucy verzweifelt genug, um einen Auftrag anzunehmen, bei dem sie innerhalb weniger Wochen den Inhalt des komplett zugestellten Hauses der Künstlerin Marva Meier Rios sichten, sortieren und zum Großteil verkaufen soll. Dass Marva bei jedem einzelnen Stück ein Mitbestimmungsrecht über die zukünftige Verwendung hat, macht die Sache für Lucy nicht einfacher.

Ich muss zugeben, dass ich Marva sehr schnell ins Herz geschlossen hatte. Die Künstlerin ist unhöflich, direkt, eigen und führt Lucy die ganze Zeit an der Nase rum. Lucy hingegen fällt auf jeden kleinen Trick von Marva rein, hat von ihrem Job relativ wenig Ahnung und wurde mir mit jeder Seite unsympathischer, da recht schnell klar wurde, dass Lucy sich gern etwas einredet und ihre Realität nicht immer eine objektive Sicht der Dinge beinhaltet. Trotz dieser Antipathie gegenüber der Protagonistin gab es die eine oder andere amüsante Szene zwischen Marva und Lucy und auch die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen den beiden Frauen habe ich eigentlich gern verfolgt. (Auch wenn ich beim besten Willen nicht verstehe, warum Lucy so viele Menschen kennenlernt, die so geduldig und freundlich mit ihr umgehen.)

Stella Gibbons: Der Sommernachtsball

„Der Sommernachtsball“ von Stella Gibbons war eine „klingt nett und Manhattan hat schon ein paar schöne ältere Titel rausgebracht“-Anschaffung. Über die Autorin habe ich mir keine Gedanken gemacht, sehr große Erwartungen hatte ich nicht, war aber anhand des Klappentextes davon ausgegangen, dass die Handlung mehr Liebesgeschichte sein würde, als sie tatsächlich ist. Erst nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich nach weiteren Informationen über die Autorin geschaut. Dabei habe ich dann prompt festgestellt, dass ich von Stella Gibbons schon mal was gehört habe – unter anderem auf Birthes Blog, wo sie „Cold Comfort Farm“ von der Autorin rezensiert und damit schon mein Interesse geweckt hatte. (Mein Namensgedächtnis ist auch nicht mehr das, was es mal war, wenn es um Autoren geht.)

Wenn man den Klappentext von „Der Sommernachtsball“ anschaut, dann scheint einen nichts anderes als eine Aschenputtel-Variante zu erwarten. Stattdessen bekommt man aber ein detailliertes und spitzzüngiges Abbild einer sehr begrenzten ländlichen Gesellschaft präsentiert. Dabei steht nicht allein die junge Witwe Viola Withers im Mittelpunkt des Geschehens, sondern sämtliche Mitglieder der Familie Withers, die der Familie Spring und noch ein paar andere Personen, die mit diesen Familien in Zusammenhang stehen. Die gesamte Handlung umspannt ein gutes Jahr und beginnt mit Violas Ankunft in der kleinen Ortschaft Sible Pelden.

Obwohl auch Viola aus der Gegend stammt, hat sie einige Zeit in London gelebt und bringt eindeutig einen Hauch von (billigem) Stadtflair in das Haus der Withers‘. Während ihr geiziger und kontrollsüchtiger Schwiegervater schon davon träumt, das (allerdings nicht vorhandene) Erbe seiner Schwiegertochter zu verwalten, wissen ihre Schwiegermutter und ihre beiden Schwägerinnen nicht so recht etwas mit Viola anzufangen. Die beiden Töchter der Familie sind deutlich älter als ihre junge und naive Schwägerin und haben sich mehr schlecht als recht mit der einengenden Situation daheim abgefunden.

Während Madge mit Ende Dreißig ihre Tage an der frischen Luft verbringt, sich selbst nicht eingestehen kann, dass sie ein mehr als freundschaftliches Interesse an dem (verheirateten und inzwischen im Ausland lebenden) Nachbarssohn hat, und heimlich davon träumt, dass ihr Vater ihr endlich das Halten eines Hundes erlaubt, lenkt sich die etwas jüngere Tina (35 Jahre) mit Selbsthilfebüchern von ihrem trostlosen Dasein ab. Erst mit der Hilfe von „Selenes Töchter“ (einem Buch über weibliche Psychologie) wird ihr bewusst, dass sie gern etwas mehr Zeit mit Saxon, dem (sehr viel jüngeren) neuen Chauffeur ihres Vaters verbringen würde – und sei es nur, um davon zu träumen, wie es wohl wäre, wenn auch sie einmal einen Verehrer hätte.

Auch bei den Springs ist nicht alles so harmonisch, wie es von außen wirkt. Victor Spring – der seit Jugendzeiten der heimliche Schwarm sämtlicher Mädchen der umliegenden Dörfer (und somit auch von Viola) ist – steht kurz davor, sich mit einer Jugendfreundin zu verloben. Diese Verbindung wird nicht nur von allen Seiten erwartet, auch die beiden Verlobten in spe sind sich sicher, dass dies die logische Fortführung ihrer jahrelangen Freundschaft ist, ohne sich dabei eingestehen zu können, dass sie so gar nicht zueinander passen. Auch Victors Mutter ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken an die bevorstehende Heirat, hatte sie sich doch einen ganz anderen Typ Frau für ihren Sohn vorgestellt.

Victors Cousine Hetty hingegen, die von klein auf bei den Springs lebt, träumt davon, das dekadente Leben dieser Familie hinter sich lassen zu können, um stattdessen studieren, selbstbestimmt leben und den ganzen Tag mit ihren Büchern verbringen zu können. Zu diesen Familien kommen noch die diversen Figuren, die Einfluss auf das Leben der verschiedenen Familienmitglieder haben, wie etwa Victors Verlobte, der attraktive und ehrgeizige Chauffeur der Withers‘, seine Mutter und ein aufdringlicher und ordinärer Einsiedler. Und immer wieder bekommt man auch die Perspektive dieser Personen präsentiert, so dass man diese Charaktere eigentlich genauso gut kennenlernt wie die Familien Withers und Spring.

Stella Gibbons nimmt sich viel Zeit, um dem Leser die Figuren, ihre Leben und ihre (eingestandenen und verborgenen) Träume vorzustellen. Dabei kommt es in der Handlung nur zu wenigen Höhen und Tiefen, und einige entscheidende Wendungen bekommt man als Leser gar nicht so direkt mit, weil man zeitgleich das Leben einer anderen Person verfolgt. Statt also den Leser mit großen Dramen zu fesseln, unterhält einen die Autorin vor allem mit kleinen, fast alltäglichen Szenen, die immer mal wieder liebevolle oder amüsante Momente präsentieren, aber noch viel häufiger die Kleinlichkeit, die Engstirnigkeit oder Dummheit der Personen entlarven.

Das alles führte dazu, dass ich mich zwar beim Lesen sehr über diese zwar häufig überzogenen, aber treffsicheren Beschreibungen amüsiert habe, mir die Personen aber nicht ans Herz gewachsen sind. Viola ist nett, aber ein dummes Gänschen, Madge ist auf ihre Art ebenso konservativ wie ihr Vater und nur ihre Sehnsucht nach einem Hund sorgt dafür, dass man hinter der harten Frau hier und da das einsame kleine Mädchen sehen kann, Mrs. Withers hat kein Rückgrat, auch wenn sie manchmal für ihre Töchter einsteht, Mrs. Spring ist fantasielos und ohne Einfühlungsvermögen, aber immerhin meint sie es gut, und so könnte ich immer weiter machen.

Am Ende muss ich zugeben, dass mir dieser Roman dank dieser wunderbar treffend beschriebenen kleinen Szenen zwar sehr unterhaltsame Stunden bereitet hat, dass aber zwei Wochen später nicht mehr so viel davon zurückgeblieben ist – eigentlich nur dieser vage Eindruck von „da waren eine Menge seltsamer Leute mit seltsamen Problemen, und am Schluss ist doch irgendwie (fast) alles gut geworden“.

Charlotte Brontë: Jane Eyre

Auch „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë gehört zu den Romanen, die ich für die „100 Bücher“-Challenge gelesen habe. „Jane Eyre“ habe ich das erste (und letzte) Mal mit ungefähr zwölf Jahren gelesen und inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich damals eine ungekürzte Fassung in die Hände bekommen hatte oder ob ich in der Zwischenzeit sehr viel vergessen hatte.

So konnte ich mich zum Beispiel nicht mehr daran erinnern, dass in diesem Roman anfangs ein gar nicht so unerheblicher Teil dafür draufgeht, das Leben der kleinen Jane bei ihrer Tante zu beschreiben. Dabei wird deutlich, wie sehr das Mädchen unter der ungerechten Behandlung ihrer Verwandten und den Quälereien durch ihren Cousin leidet. Auch die Zeit im Institut hatte ich ziemlich verdrängt, auch wenn ich mich noch daran erinnerte, dass sie in einem solchen ausgebildet wurde. Und ich muss zugeben, dass ich beim nochmaligen Lesen ganz froh war, dass ich an Janes Freundin Helen zum Beispiel keine Erinnerungen mehr hatte, denn deren langen Monologe fand ich stellenweise doch recht ermüdend.

Erst mit Janes Eintreffen auf Thornfield und ihrer ersten Begegnung mit Mr. Rochester kam ich wieder in vertrautes Gebiet. Allein schon die Szene mit dem Pferd und dem Hund ist ja recht unvergesslich, aber auch das langsame Kennenlernen der beiden Charaktere, Janes Sehnsucht nach mehr Abenteuer, als ihr ihr Leben bieten kann, sein launenhaftes Wesen und natürlich das in Flammen stehende Bett – das alles sind bekannte Fixpunkte. Was ich hingegen vollständig verdrängt hatte, war, dass auch Mr. Rochester eine Neigung zu Monologen hegte – natürlich nur herbeigeführt durch Janes geduldiges Zuhören. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass sich alle Menschen in diesem Roman sehr gern selbst reden hören. 😉

Außerdem ist mir der Unterschied zwischen den beiden Männern in Janes Leben nicht mehr so bewusst gewesen. Während ich Mr. Rochester mag und verstehen kann (obwohl er trotz der Dame im dritten Stock Zukunftspläne hegt), ist mir St. John recht zuwider gewesen. Seine Bereitschaft, alle Mittel anzuwenden, um seinen Willen zu bekommen, und dabei immer zu behaupten, es geschehe doch nur im Namen Gottes, fand ich wirklich abschreckend. Ebenso unangenehm war es mir, wie Jane sich in seiner Gegenwart von Woche zu Woche verändert hat.

Am Ende ist es aber – trotz der großen Liebe, die zwischen ihnen herrscht – das Verhältnis zwischen Jane und ihrem Mr. Rochester, das dafür sorgt, dass ich den Roman wohl so schnell nicht noch einmal lesen werde. Jane verhindert anfangs jede Großzügigkeit von seiner Seite, er ist verliebt, er möchte sie erfreuen, aber sie scheint dabei nur das Gefühl zu haben, dass er sie kaufen will. Erst als er derjenigee ist, der abhängig von ihr ist, als sie großzügig und „opferbereit“ sein darf, kann sie ihrer Liebe nachgeben, erst dann gibt es eine Zukunft für die beiden – und das lässt mich das Buch mit einem etwas bitteren Nachgeschmack beenden.

Charles Dickens: A Christmas Carol

Mit „A Christmas Carol“ von Charles Dickens habe ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Das Buch passt auf der einen Seite ganz wunderbar zu „Vorweihnachts-Lese-Challenge“ und auf der anderen Seite kann ich den Titel für die „100 Bücher“-Challenge anrechnen. Außerdem mag ich die Geschichte sehr gern und lese sie immer wieder mit Vergnügen rund um die Weihnachtszeit. In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal die englische Ausgabe des Textes gelesen und mich dabei sehr an der Sprache erfreut. Dickens gelingt es nicht nur immer wieder wunderschöne kleine Szenen heraufzubeschwören – wie zum Beispiel den Weihnachtsabend bei Scrooge Lehrherrn, an dem zwanzig Paare tanzen und ihren Spaß haben -, sondern auch kleine Dinge so zu beschreiben, dass ich sie wirklich genießen kann.

So richtig ist mir das ziemlich zu Beginn des Textes aufgefallen – nicht nur bei all den Straßenmomenten und der malerischen Beschreibung des Büros, in dem Scrooge seine Geschäfte tätigt, sondern vor allem bei der Passage, in der es um Scrooge Heimkehr und seine Wohnung geht:

„.They were a gloomy suite of rooms, in a lowering pile of building up a yard, where it had so little business to be, that one could scarcely help fancying it must have run there when it was a young house, playing at hide-and-seek with other houses, and have forgotten the way out again.“  (Seite 7 des Originalmanuskripts)

Ich verfolge gern im Rahmen der ersten Heimsuchung die Entwicklung des jungen und bücherbegeisterten Scrooge zum menschenverachtenden Geizhals. Dabei schüttel ich immer wieder amüsiert den Kopf darüber, wie schnell der alte Ebenezer auf den Gedanken kommt, dass er doch am heutigen Weihnachtsabend anders hätte handeln sollen. Dass er dem Weihnachtssänger etwas hätte zukommen lassen oder ein Wort mit seinem Anstellten hätte wechseln sollen, statt in seiner üblichen Humbug-ausrufenden Art Weihnachten als sentimentale Zeitverschwendung abzutun. Dickens erzählt die Geschichte so plakativ wie es eigentlich nur bei Märchen der Fall ist und gerade das passt so hübsch zur Weihnachtszeit. 😉

Bis zum zweiten Geist schaffe ich es immer Tiny Tim zu verdrängen – und nun muss ich eine erschreckende Tatsache beichten: Ich kann Tiny Tim nicht leiden! Dieser kleine Junge, dem Tode geweiht, so christlich denkend und allen Menschen nur das Beste wünschend, ist für mich das unangenehmste Element der Geschichte. An der Stelle, an der Scrooge den kleinen Tim neben seinem Vater im Kreise der Familie sitzen sieht und vom Geist erfährt, dass der Junge das nächste Weihnachtsfest nicht mehr erleben wird, möchte ich Scrooge am Liebsten zurufen, dass er sich zusammenreißen und ein kräftiges „Humbug“ in die Welt hinausschmettern soll. Aber stattdessen fängt der alte Geizkragen an zu zittern und zu klagen und sorgt sich um die Zukunft von Tiny Tim …

Zum Glück kommen kurz darauf die Szenen mit Scrooge Neffen und ich mag die Vorstellung, wie der alte Ebenezer mit Feuereifer bei irgendwelchen „kindischen“ Spielen mitmacht, obwohl ihn niemand sehen oder hören kann. Etwas weniger Eifer hätte ich eigentlich beim Erscheinen des dritten Geistes erwartet, denn wer möchte schon eine Zukunft sehen, die er fürchtet. Aber da Scrooge sich sicher ist, dass diese eine Weihnachtsnacht ihn vollständig verändert hat, ist es wiederum verständlich, dass er die dritte Erscheinung einfach hinter sich bringen will, um dann in ein neues Leben zu starten. Und da ich schon meine Abneigung gegenüber Tiny Tim zum Ausdruck gebracht habe, kann ich gleich noch zugeben, dass ich die Leichenfledderer-Szene in diesem Teil der Handlung mag. 😉

Zum Schluss noch ein Ende voller Truthahn, Kichern, „Ablasshandel“, kindischer Spiele und ähnlich netter Dinge, wobei es mir nach all den Szenen in Puschen und Hausmantel immer schwer fällt, Scrooge in seinem besten Anzug vor mir zu sehen. 😉 Dieses Werk von Dickens ist schrecklich kitschig und doch so schön zu Weihnachten! Trotzdem gibt es für mich nur eine Art, einen Text über diese Geschichte zu beenden:

Bah! Humbug! 

4 Tage, 4 Bücher und 4 Leseeindrücke

Nachdem der Juni nicht gerade ein Lesemonat für mich war, läuft es zur Zeit ganz gut. Weniger Termine, weniger Arbeit im Juli – dafür höhere Temperaturen, die dazu führen, dass ich die heißen Mittagsstunden hinter runtergelassenen Rollläden auf dem Sofa verbringe und lese. Außerdem war da ja noch der Mini-SuB aus Bibliotheksbüchern, den ich gerade brav abarbeite. So habe ich am Samstag „Der verschwundene Halbgott“ gelesen, am Sonntag kam „Der Feuerthron“ an die Reihe, und Montag las ich „Nacht ohne Schatten“. Den Abschluss vor dem Bibliotheksbesuch am Mittwoch machte „Die Frau, die vom Himmel fiel“, das Buch habe ich am Dienstag gelesen.

Rick Riordan: Helden des Olymps 1 – Der verschwundene Halbgott

Ich mochte die Percy-Jackson-Romane, und „Der verschwundene Halbgott“ geht in genau die gleiche Richtung. Zwar fand ich es etwas arg offensichtlich, wohin Percy verschwunden ist und was hinter Jasons verlorenem Gedächtnis steckt, aber das ändert nichts daran, dass mir die Geschichte gefallen hat. Auch mag ich das Spiel mit den römischen und griechischen Göttern, fand die Charaktere in der Regel sympathisch und werde bestimmt auch die weiteren Romane aus der Reihe lesen.

Rick Riordan: Die Kane-Chroniken 2 – Der Feuerthron

Ich hatte den ersten Teil der Reihe im letzten Jahr als Hörbuch gehört und fand es erschreckend, wie wenig davon bei mir hängen geblieben ist (und das ist kein so gutes Zeichen). Obwohl mich die ägyptischen Götter interessieren und Rick Riordan auch hier beweist, dass er unterhaltsam schreiben kann, packt mich die Reihe nicht so recht. Ich werde zwar vermutlich weiterlesen, aber weder Carter noch Sadie sind mir so nah wie die Figuren aus der „Percy-Jackson-Welt“, und die Herausforderungen mag ich in der griechischen Version auch lieber als in der ägyptischen. Dabei finde ich die Grundidee mit den ägyptischen Göttern und der direkten Verbindung zwischen den jungen Magiern und den Göttern ganz reizvoll, aber trotzdem fesselt mich die Geschichte nicht …

Gisa Klönne: Nacht ohne Schatten

Gisa Klönne ist eine der deutschen Autorinnen, von denen ich schon viel gehört, aber noch nichts gelesen habe. Mit „Nacht ohne Schatten“ hat sich das nun geändert, aber so richtig weiß ich noch nicht, ob ich weitere Titel von ihr lesen werde. „Nacht ohne Schatten“ war definitiv nicht schlecht, es gab tolle Figuren (vor allem die russische Medizinerin Ekaterina hat es mir in diesem Buch angetan) und eine faszinierende Erzählweise. Immer wieder wirft die Autorin dem Leser im Text einzelne Wörter vor die Füße, um eine Szene, Stimmungen oder Gedanken zu beschreiben, und schafft so eine – für mich überraschend – eindringliche Atmosphäre. Mein Problem bei diesem Roman ist eher die Handlung, die in sehr vielen Bereichen angenehm realistisch verläuft, aber gerade deshalb auch oft erschreckend deprimierend war. Und deprimierende Krimis mag ich momentan einfach nicht mehr lesen, wenn ich nicht gleichzeitig einen Ausgleich in der Geschichte finde, der mich etwas auffängt …

Simon Mawer: Die Frau, die vom Himmel fiel

„Die Frau, die vom Himmel fiel“ ist ein Internet-Beifang, wobei ich nicht mehr weiß, auf welchen Blogs ich das Buch empfohlen gesehen habe. Mich konnte der Roman nicht so recht überzeugen. Die ersten 150 Seiten spielen in England, wo die neunzehnjährige Marian Sutro während des Zweiten Weltkriegs ausgebildet wird, um im besetzten Frankreich den Widerstand zu unterstützen. Da man schon im Prolog mitbekommt, dass sie im Flugzeug nach Frankreich auf den Absprung wartet, fand ich diesen Part nicht besonders spannend. Auch die Einführung des Charakters zog sich meinem Gefühl nach ziemlich hin und ich war froh, als die Handlung endlich in Frankreich weiterging.

Doch so richtig aufregend wurde es da auch nicht, die Spionagetätigkeiten werden nur hier und da angerissen, viele Schwierigkeiten, in die Marian gelangt, lassen sich durch Glück und ihr hübsches Gesicht lösen. Die im Klappentext angekündigte Liebesgeschichte hat mich auch nicht überzeugen können, und viel zu oft konnte ich die Entscheidungen der Hauptfigur nicht verstehen. Hier und da gab es recht hübsche Szenen, wie zum Beispiel die Überwindung einer Kontrolle mit Hilfe einer Gruppe von Kindern und der sie begleitenden Nonnen. Komischerweise habe ich das Gefühl, dass das ausnahmsweise eine Geschichte wäre, die als Film – solange die Figuren mit guten Schauspielern besetzt würden – gut funktionieren könnte, während mich das Buch (trotz der flüssigen Erzählweise) nicht bewegt hat.

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört …

„Wer die Nachtigall stört …“ von Harper Lee wurde von mir im Rahmen der „100 Bücher“-Challenge gelesen. Er ist wieder einer dieser Romane, von denen ich schon so viel gehört habe, den ich aber von mir aus vermutlich nicht so schnell gelesen hätte. Ich finde es immer wieder bedauerlich, dass mir inzwischen die Offenheit gegenüber diesen „Klassikern“ fehlt, die ich als Kind hatte. Mit zwölf Jahren hatte ich alle Bereiche in unserer kleinen Stadtbibliothek durch, die mich interessierten, und habe mich danach einfach auf die übrigen Regale gestürzt und systematisch alles angeguckt, das ich nicht kannte. So habe ich in den folgenden Jahren auch viele Klassiker für mich entdeckt und mich quer durch die verschiedenen Stilrichtungen und Zeiten gelesen. Inzwischen – so fürchte ich – habe ich eine Menge vorgefasste Meinungen über viele der Bücher, die man „gelesen haben sollte“ und greife stattdessen in der Regel lieber zu Fast-Food-Geschichten als zu einem Klassiker.

So hätte ich wohl auch nicht so schnell zu „Wer die Nachtigall stört …“ gegriffen, obwohl mir der Roman wirklich gut gefallen hat. Erzählt wird die Geschichte von der (anfangs) sechsjährigen Jean Louise „Scout“ Fink, die gemeinsam mit ihrem vier Jahre älteren Bruder Jem die kleine Stadt Maycomb unsicher macht. Und während ich über die Handlung immer nur gehört hatte, dass es sich um Rassentrennung und die Ungleichbehandlung zwischen Schwarz und Weiß handelt, dreht sich der Roman doch vielmehr um die großen und kleinen Erlebnisse, die Scout und ihr Bruder in ihrer Kindheit haben. Dass dabei auch die Tatsache eine Rolle spielt, dass ihr Vater als Rechtsanwalt – gegen den Widerstand seiner Familie und zum Entsetzen der „ehrbaren“ weißen Bevölkerung – einen Schwarzen verteidigt, fällt anfangs gar nicht so sehr ins Auge, sondern gehört eher zur Charakterbeschreibung von Scouts Vater Atticus Fink.

Erst im zweiten Teil des Buches bekommt man als Leser mehr über den Fall und die Gerichtsverhandlung mit, und hier gelingt es der Autorin, Stück für Stück mit erschreckender Deutlichkeit die Unschuld des Angeklagten aufzuzeigen, während einem weiterhin bewusst ist, dass an diesem Ort und zu dieser Zeit ein Freispruch für einen schwarzen Mann einfach nicht geschehen wird. Ich fand es überraschend angenehm, all diese Geschehnisse durch Scouts Augen zu erleben. Sie saugt zwar in kindlicher Neugier alle Details in sich auf, beschreibt Dinge, die ein Erwachsener vielleicht nicht als relevant empfinden wurde, aber ist doch erst einmal distanziert.

Scout fällt es schwer, das Gesehene und Erlebte zu bewerten, und sie denkt nicht in den gleichen Schubladen wie die Erwachsenen in ihrer Umgebung. Stattdessen scheint sie erst einmal alles hinzunehmen, um es später in einen – für sie logischen – Zusammenhang zu bringen. Das sorgt auf der einen Seite dafür, dass ich mich als Leser nicht so persönlich betroffen fühle und mehr Raum habe, um die treffenden Charakterbeschreibungen und die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen. Auf der anderen Seite zeigt diese Erzählweise überdeutlich, wie widersinnig eine solch rassistische Haltung ist – und leider auch, wie wenig ein einziger ehrbarer Mann gegen die Tyrannei der Masse bewirken kann.

Abgesehen davon, dass das eine wirklich tolle Art ist, um so eine Geschichte zu erzählen, hat Harper Lee auch ein Händchen für Figuren. Scout und Jem sind neu- und wissbegierige Kinder, und vor allem Scout fällt es oft schwer, all die Wissensbrocken und gesellschaftlichen Regeln richtig zuzuordnen. Die beiden stecken – ebenso wie ihr Freund Dill – voller Einfälle, Herausforderungen und Streiche, ohne dass sie bewusst boshaft handeln würden. Ihr Vater Atticus ist eine wunderbare Figur, auch wenn er sich für mich nicht wirklich real anfühlte, da er mir manchmal einfach zu gut war. Nicht fehlerfrei, aber dafür stoisch, gerecht, höflich und mit genügend Rückgrat, um für seine Überzeugungen einzustehen. Ein Ideal, an dem man sich orientieren kann, aber keine für mich wirklich greifbare Person.

Edward Kelsey Moore: Mrs. Roosevelt und das Wunder von Earl’s Diner

„Mrs. Roosevelt und das Wunder von Earl’s Diner“ von Edward Kelsey Moore spielt zwar nicht in den Südstaaten von Amerika, vermittelt mir aber das Gefühl, dort zu spielen. Der Roman erzählt die Geschichte der drei Freundinnen Odette, Clarice und Barbara Jean, die sich schon seit Teenagerzeiten regelmäßig in „Earl’s Diner“ treffen und dort das „All You Can Eat“-Büffet plündern. Dabei verfolgt man auf der einen Seite ein Jahr im Leben der drei Frauen, die inzwischen weit über 50 Jahre alt sind, und bekommt auf der anderen Seite in Rückblicken wichtige Ereignisse aus der Vergangenheit erzählt.

Während Odette ihren Part in der 1. Person erzählt, bekommt man die Passagen, die sich um Clarice und Barbara Jean drehen, aus der 3. Person präsentiert. Dabei muss man rund um Odette mit ungewöhnlichen Erlebnissen rechnen, denn als diese eines Morgens an ihrem Küchentisch sitzt, schleicht sich ihre Mutter zur Hintertür herein und erzählt von dem vergnüglichen Abend, den sie mit Big Earl und Thelma McIntyre verbracht hat. Das wäre noch nicht so bemerkenswert, hätte Odette nicht schon vor Jahren ihre Mutter beerdigt. Auch Thelma ist schon lange verstorben, ebenso wie Mrs. Roosevelt, die in der Geschichte ebenfalls immer wieder auftaucht und einen nicht gerade geringen Einfluss auf Odettes Leben nimmt.

Edward Kelsey Moore hat mit seinem Debütroman eine wunderbar warmherzige Geschichte geschrieben, die mich beim Lesen sehr berührt hat. „Mrs. Roosevelt und das Wunder von Earl’s Diner“ ist ein großartiger Wohlfühlroman rund um Liebe, Freundschaft, Trauer, Rassismus, Krankheit, Familie, Loyalität, verlorene Träume und Bigotterie. Und während mir bei einigen Szenen die Tränen kamen, habe ich wenige Seiten später schon wieder aus vollem Herzen gelacht. Vor allem Odette ist mir ans Herz gewachsen, sie hat so eine wunderbare Einstellung zum Leben (und zum Sterben), sie sagt in der Regel frei heraus, was ihr durch den Kopf geht, und sie hat schon als junges Mädchen eine kämpferische Haltung gezeigt, die für eine Frau ihrer Zeit empörend emanzipiert war.

Aber ich glaube, dass eine Figur wie Odette nur halb so gut funktionieren würde, gäbe es nicht ihre Freundinnen Clarice und Barbara Jean. Während Clarice in einer wohlhabenden kultivierten Familie aufgewachsen ist und sich als Pianistin einen Ruf gemacht hatte, bevor sie – sehr früh – heiratete, ist Barbara Jean die Tochter des Ortsflittchens. So ergänzen sich die drei Frauen schon seit langer Zeit und kümmern sich um einander. Ohne Odette und Barbara Jean wäre Clarice vermutlich eine verkniffene Kopie ihrer bigotten Mutter geworden, während Barbara Jean durch die Freundinnen – zumindest kurzzeitig – ein Zuhause gefunden hatte. Und Odette war sich schon als junges Mädchen sicher, dass sie ohne Clarice und Barbara Jean ziemlich einsam wäre, da ihre direkte Art nicht gerade dafür sorgt, dass sie leicht Freundschaften schließt.

Trotz der zum Teil wirklich schwerwiegenden Themen und der berührenden Erzählweise besteht „Mrs. Roosevelt und das Wunder von Earl’s Diner“ vor allem aus vielen skurrilen und amüsanten Szenen. Das liegt nicht nur an den Geistern, die Odettes Alltag immer wieder bereichern, sondern auch an dem vertrauten Miteinander der drei Frauen und ihrer Familien. Außerdem gelingt es dem Autor, selbst entscheidende Momente mit einer gewissen Leichtigkeit und Beiläufigkeit zu erzählen, die mir wirklich Spaß gemacht hat. Ich bin selten nach dem Lesen eines Romans so zufrieden gewesen wie nach diesem hier und kann euch dieses Buch nur empfehlen.

Alice Hoffman: Im Hexenhaus

Hermia hatte während der „7 Days – 7 Books“-Aktion „Märzkinder“ von Alice Hoffman gelesen und mich mit dem, was sie zu dem Buch geschrieben hatte, auf die Autorin neugierig gemacht. In unserer Bibliothek habe ich in den letzten Wochen erst nur „Die Mädchen von nebenan“ ausleihen können, aber das hat mich spontan nicht so angesprochen. Am Wochenende aber habe ich dann mit „Im Hexenhaus“ anfangen können und den Roman gleich in einem Zug gelesen (und danach dann doch noch „Die Mädchen von nebenan“).

Der Anfang von „Im Hexenhaus“ wird jedem bekannt vorkommen, der den Film „Zauberhafte Schwestern“ mit Sandra Bullock und Nicole Kidman schon mal gesehen hat, denn der Roman war die Vorlage zu dem Film. Aber so viele Gemeinsamkeiten gibt es letztendlich zwischen der Verfilmung und dem Buch nicht, wenn man von der Grundidee und der Gestaltung der Charaktere absieht. Die Schwestern Sally und Gillian Owens wachsen bei ihren Tanten auf, nachdem ihre Eltern viel zu früh gestorben sind. Die Tanten sind im Ort als Hexen verschrien, was nicht nur an ihrem unheimlichen Haus liegt, sondern auch an den Dingen, die sie ihren Kundinnen verkaufen, wenn diese auf der Suche nach Liebestränken u. ä. an ihre Tür klopfen.

Der Ruf der Tanten führt dazu, dass Sally und Gillian keine Freunde finden und deshalb sehr aufeinander angewiesen sind. Dabei sind die Schwestern so unterschiedlich, wie zwei Menschen nur sein können. Während Sally sich nicht nur um ihre kleine Schwester, sondern auch um den Haushalt ihrer Tanten kümmert, nutzt Gillian ihre Teenagerzeit, um den Jungs, die sie als Kind immer geärgert haben, den Kopf zu verdrehen. So verwundert es auch niemanden, dass sich Gillian sehr früh aus dem Staub macht und sich die folgenden Jahre von einem Mann (und einem Kellnerinnenjob) zum nächsten treiben lässt.

Sally hingegen, die wild entschlossen war, sich niemals zu verlieben, heiratet mit Anfang zwanzig und bekommt zwei Kinder. Doch nach dem frühen Tod ihres Mannes verlässt auch sie die Tanten, um in einer anderen Stadt mit ihren Töchtern ein neues Leben anzufangen, ohne dass jemand sie oder ihre Kinder als unheilbringende Hexen beschimpft. Erst viele Jahre später sollen sich Sally und Gillian wiedersehen und einander wieder beistehen.

Ich muss gestehen, dass ich bei dem Roman immer wieder das Problem hatte, dass ich bestimmte Entwicklungen erwartet hatte und dann irritiert war, wenn sie nicht vorkamen. Dabei war die Geschichte toll zu lesen, in sich eigentlich viel stimmiger und „realistischer“ als die Filmhandlung und ganz wunderbar atmosphärisch. Alice Hoffman scheint – wenn ich das nach zwei Büchern beurteilen kann – immer wieder bestimmte Elemente aufzunehmen, und da das Elemente sind, die mir gut gefallen (das Verhältnis zur Familie, die Ernüchterung von Teenagern, wenn sie entdecken, dass das „Erwachsensein“ viel weniger lustig ist als erwartet, und ähnliches) werde ich auf jeden Fall noch mehr von der Autorin lesen.

Doch vor allem hat ihre Schreibweise dafür gesorgt, dass ich „Im Hexenhaus“ so gern gelesen habe. Sie erzählt von alltäglichen Familienauseinandersetzungen auf eine sehr liebevolle Weise, immer wieder musste ich schmunzeln oder war gerührt. Dann kombiniert sie kleine magische Elemente mit einer realen Geschichte. Ich würde weder „Im Hexenhaus“ noch „Die Mädchen von nebenan“ jemals als fantastische Romane bezeichnen, aber beide Geschichten beinhalten zauberhafte Momente – manchmal mit und manchmal ohne Magie.

So kann ein solcher Moment darin bestehen, dass ein Mädchen mitten in der Nacht von einer älteren Nachbarin bei einer Straftat beobachtet wird und beide sich in diesem Moment über den Duft der Rosen im Garten der Frau austauschen, statt dass die Polizei gerufen wird. Und bei den „richtigen“ magischen Szenen mischen sich kleine Aberglauben (Salz über die Schulter, ein Hof rund um den Mond als Zeichen für Unheil) mit besonderen Fähigkeiten. In der Geschichte ist das immer sehr stimmig umgesetzt und sorgt für eine ungewöhnliche Atmosphäre, mit der ich mich sehr wohlgefühlt habe.

Bei „Die Mädchen von nebenan“ gab es Wechsel von der 1. in die 3. Person bei der Erzählperspektive, die mir nicht ganz so gut gefallen haben, aber ansonsten hatte ich bei beiden Büchern eigentlich nichts anzumerken, was mich gestört hätte, und so bin ich mir sicher, dass ich demnächst noch mehr von Alice Hoffman lesen werde.

Daphne du Maurier: Rebecca

Mein Name ist Mrs. Danvers. Von meinen Schützlingen bin ich immer liebevoll „Danny“ genannt worden. Mein Vorname tut nichts zur Sache. Es gibt keine Person, der ich eine solche vertrauliche, ganz und gar respektlose Anrede zugestehen würde. Respekt ist wichtig, gerade dann, wenn man wie ich sein Leben lang in Stellung gewesen ist. Respekt nicht nur gegenüber mir als Person, sondern auch gegenüber meiner Position im Haushalt. Er hatte das nie verstanden. Er hatte nie verstanden, dass ich immer mehr war als eine gewöhnliche Haushälterin.

Dabei habe ich die Position nur übernommen, um auch weiterhin bei meiner geliebten Rebecca bleiben zu können. Schon als kleines Mädchen war sie einfach hinreißend. Eine bezaubernde Schönheit mit unbändigen schwarzen Locken und einem Temperament wie ein kleiner Junge. Was immer Rebecca sich vornahm, gelang ihr auch. Sie war eine unvergleichliche Sportlerin, und nichts zeugte von mehr Lebensfreude als ihr schönes Gesicht, wenn sie auf ihrem Boot über das Meer segelte. Meine Rebecca hatte vor nichts Angst. Mit gerade einmal sechzehn Jahren bändigte sie einen jungen Hengst, an den sich nicht einmal der Stallmeister herantraute. So eine willensstarke Frau war sie, meine geliebte Rebecca.

Er aber hat sie nie verstanden. Der feine Herr de Winter … Ständig hat er ihr Vorschriften gemacht, konnte nicht begreifen, dass eine so schöne und junge Frau das Leben genießen muss. Dabei hat jeder sie geliebt. Nach diesem schrecklichen Segelunfall hat einfach jeder von ihrer Schönheit und Anmut gesprochen, davon, was für ein Verlust ihr Tod für die Grafschaft war, wie sehr man ihr Lachen und die charmanten Gespräche mit ihr vermissen würde und wie sehr ihre Bälle und Einfälle den Alltag der Nachbarn bereichert haben. Doch er, er wanderte nur in der Bibliothek herum. Bei der ersten Gelegenheit ging er auf Vergnügungsreise, verließ Manderley, wo ihn alles an meine wunderschöne Rebecca erinnerte, und kam nicht einmal zehn Monate nach Rebeccas Tod mit einer neuen Frau zurück.

Respektlos war das. Respektlos gegenüber der toten Rebecca und ebenso mir gegenüber. So ein fades Kind setzt er an die Stelle meiner geliebten Rebecca. Dieses rückgratloses Mäuschen sollte nun die neue Herrin auf Manderley sein. Eine unscheinbare Gestalt ohne Esprit, ohne Bildung und ohne jeglichen Charme – nichts von dem, was meine Rebecca ausgemacht hatte. Nicht einmal der Hund hat sie ernst genommen. Nur der schwachsinnige Sohn des Pächters lief ihr immer wieder mit großen Augen hinterher. Niemand konnte von mir erwarten, dass ich diese farblose Gestalt in Manderley duldete, dass ich zuließ, dass ihre verhuschte Präsenz das Andenken an Rebecca verwässerte.

Das Feuer war vielleicht etwas zu viel. Aber wie sonst hätte ich verhindern können, dass all das, was an meine geliebte Rebecca erinnerte, in falsche Hände gerät?

(Zur Info: „Rebecca“ wurde von mir im Rahmen der „Bücher, die man gelesen haben muss“-Challenge gelesen.)