Schlagwort: Allgemeine Belletristik

Sue Monk Kidd: Die Bienenhüterin

Über „Die Bienenhüterin“ bin ich auf mehreren Blogs (z.B. „Blattgold“ und „Bookberry“) gestolpert, aber aus irgendeinem Grund brauchte ich eine Weile, bis ich meiner Neugier nachgab und das Buch dann über die Bibliothek in die Finger bekommen habe. (Und nach dem Schreiben der Rezi ist mir dann noch aufgegangen, dass der Titel gut für den Punkt „Schuld“ der Themen-Challenge passt, so dass ich dafür auch endlich mal wieder etwas besprochen habe.)

Die Geschichte spielt im Jahr 1964 in den Südstaaten der USA und dreht sich in erster Linie um die junge Lily Owens. Das Mädchen ist die Tochter eines Farmers, der vom Anbau von Pfirsichen lebt. Während der Vater Lily ablehnt und sie ständig auf der Hut sein muss vor seinem unberechenbaren Temperament, seinen Schlägen und seinen Bestrafungen, findet sie etwas Halt bei der schwarzen Rosaleen, die sich seit Lilys viertem Lebensjahr um sie kümmert. Doch nicht einmal mit Rosaleen kann das Mädchen über seine Mutter Deborah reden, die durch eine Waffe getötet wurde, welche in den Händen der damals vierjährigen Lily losging.

Als Rosaleen dann auch noch ins Gefängnis geworfen wird, nachdem sie sich – wie es nach dem frisch erlassenen „Civil Rights Act“ ihr Recht ist – als Wählerin registrieren lassen will und dabei mit einer Gruppe rassistischer weißer Männer aneinandergerät, beschließt Lily, Rosaleen aus der Gewalt der Polizei zu befreien und mit ihr zusammen wegzulaufen. Unterschlupf finden die beiden bei drei ungewöhnlichen Schwestern. Die älteste Schwester Augusta hatte zwar vor Jahren am College für Farbige studiert, um Lehrerin zu werden, doch nun verdient sie ihren Lebensunterhalt als „Bienenhüterin“ (Imkerin). Auch die zweite Schwester, June, ist Lehrerin und lebt ansonsten für ihre Musik, während May, die dritte Schwester, psychische Probleme hat und sich in ihren „guten Phasen“ um den Haushalt der drei kümmert.

Diese drei Frauen bieten Lily und Rosaleen nicht nur eine Zuflucht, sondern auch ihre Zuneigung und Zeit, um sich zu erholen und zu sich selbst zu finden. Während Rosaleen sich problemlos in den Haushalt der drei Frauen einfügt, muss Lily mit einer Menge Dinge fertig werden. Sie ist nicht nur Schuld am Tod ihrer Mutter und hat diese Tatsache noch lange nicht verarbeitet, sondern muss auch damit leben, dass ihr Vater keinerlei Zuneigung für sie empfindet. Zusätzlich wird ihr bewusst, dass sie Rosaleens Situation durch ihre gemeinsame Flucht nicht einfacher gemacht hat und dass sie – trotz aller Gefühle, die sie für Rosaleen hegt – eine Menge Vorurteile gegenüber Farbigen hat, die sie nun revidieren muss.

„Die Bienenhüterin“ ist eine ruhige und leise Geschichte mit ganz viel Südstaatenatmosphäre und vielen kleinen, berührenden und liebevollen, aber auch skurrilen Szenen. Lily ist aufgrund ihrer Geschichte kein ganz normales Mädchen, aber trotzdem sehr realistisch von der Autorin angelegt worden. Die drei Schwestern sind sehr unterschiedlich, sehr sympathisch und genau das, was Lily in ihrem Leben gefehlt hat. Gerade zu Augusta baut sie eine enge Verbindung auf. Augusta macht ihr bewusst, dass sie – trotz der Schuld, die sie als kleines Kind auf sich geladen hat – wert ist, geliebt zu werden.

Mir hat es auch gefallen, wie Sue Monk Kidd in dieser Geschichte mit dem Thema Rassismus umgeht. Durch die Verabschiedung des „Civil Rights Act“ kommt sehr viel in Bewegung, und doch ist jedem bewusst, dass ein Gesetz allein nicht ausreicht, um gegen Rassismus vorzugehen. Obwohl sowohl Rosaleen, als auch Zack, ein Freund von Lily, der Willkür der Weißen ausgesetzt sind und schlimme Momente erleben müssen, hatte ich nicht das Gefühl, dass die Autorin diese Szenen ganz schlicht beschrieben hätte. Sue Monk Kidd hat mit ihrer Darstellung eher die bedrückende Alltäglichkeit dieser rassistischen Verhaltensweisen beschrieben, statt sie besonders zu betonen. Ich empfinde so ein Vorgehen immer als eindringlicher, als wenn mir große Tragik vorgesetzt würde.

Doch vor allem Lilys Suche nach Absolution, nach Zuneigung, nach einem Platz im Leben und nach Informationen über die Mutter, die auf so schreckliche Weise gestorben ist, stehen im Mittelpunkt des Romans. Und während Lily von Augusta in die Kunst des Bienenhütens eingeweiht wird und Details über die drei Schwestern und ihr Leben erfährt, erlebt sie zum ersten Mal, dass es Menschen gibt, die ihr Luft zum Atmen lassen und sie so akzeptieren, wie sie ist. Trotzdem ist es für Lily nicht einfach, mit ihren Erinnerungen fertig zu werden und einen Weg zu finden, mit sich und den Altlasten, die ihre Eltern ihr mitgegeben haben, umzugehen. Das alles fand ich berührend, aber auch bedrückend, amüsant und wunderbar atmosphärisch.

Und da mich der Roman an einige Filme erinnert hat, die ich sehr gern gesehen habe, werde ich mir vermutlich irgendwann auch noch die Verfilmung besorgen und schauen, ob sie dem Buch gerecht wird.

Nicholas Drayson: Kleine Vogelkunde Ostafrikas

Nachdem ich Natiras Meinung zu „Kleine Vogelkunde Ostafrikas“ gelesen hatte, wollte ich den Roman unbedingt lesen. Also war Natira so lieb und hat mir das Buch geliehen – und dann lag es endlos lange in meiner Leihschublade. So nett die Inhaltsangabe klang, so hübsch der Umschlag war, ich hatte immer das Gefühl, ich sei nicht in der rechten Stimmung für diese Geschichte – bis ich dann doch mal zu dem Buch griff und bis in die Nacht las, weil ich wissen wollte wie es mit Mr. Malik weitergeht.

Mr. Malik wirkt auf den ersten Blick etwas betulich. Er scheint zwar liebenswert, aber etwas langweilig zu sein, und so ist der Einstieg in die Geschichte zwar nett geschrieben, aber nicht gerade mitreißend. Doch je näher ich Mr. Malik kennenlernte, je mehr unerwartete Seiten er zeigte, desto mehr wuchs mir der kleine indischstämmige Mann ans Herz. Schon zu Beginn des Romans erfährt der Leser, dass der 61-Jährige Mr. Malik seit drei Jahren auf seine stille und zurückhaltende Art bis über beide Ohren in Rose Mbikwa verliebt ist. Diese Dame leitet jeden Dienstagvormittag eine Tour der Ostafrikanischen Ornithologischen Gesellschaft, deren Mitglied Mr. Malik ist, seitdem ihm ein Arzt geraten hat, sich ein entspannendes Hobby – wie Vogelbeobachten – zuzulegen.

In diesem Jahr hat sich Mr. Malik fest vorgenommen, Rose – übrigens eine Britin, die sich als junge Frau in einen Kenianer verliebte und in Nairobi blieb – zu einem jährlich stattfindenden Ball einzuladen. Doch bevor der ältere Herr aktiv werden kann, findet er heraus, dass Harry Khan, sein alter Rivale aus Internatszeiten, ebenfalls ein Auge auf Rose geworfen hat und sie zum Ball einladen will. Harry Khan ist das komplette Gegenteil von Mr. Malik. Er ist kein erfolgreicher Geschäftsmann, aber dafür ein charismatischer, attraktiver und selbstsicherer Mann, der das Leben mit einer anziehenden Leichtigkeit genießt. Mit einem solchen Rivalen vor Augen entwickelt der zurückhaltende Mr. Malik auf einmal Kampfgeist, und so kommt es dazu, dass er sich – angespornt von den wettbegeisterten Mitgliedern seines Herrenclubs – auf eine ungewöhnliche Vereinbarung einlässt.

Mr. Malik und Harry Khan sollen eine Woche lang einen Wettstreit austragen und der Sieger darf am Ende Rose zum Ball einladen (wobei natürlich nicht sicher ist, dass die Dame auch zusagen wird). Dabei dreht sich der Wettstreit angesichts der Tatsache, dass dies Roses großes Interesse ist, natürlich um das Vogelbeobachten. Wer die meisten ostafrikanischen Vögel sichtet, die beobachteten Vögel täglich bis zu einer bestimmten Uhrzeit im Asadi Club vor Zeugen bekannt gibt und in dieser Woche keinen Kontakt zu Rose hat, der wird zum Gewinner gekürt. So ziehen die beiden Männer Tag für Tag los, um die heimische Vogelwelt zu dokumentieren. Und während sich Mr. Malik vor allem auf Nairobi konzentriert, gewinnt Harry (nicht ganz regelgerecht) zwei Ökotouristen als Verbündete und reist auf der Suche nach Vögeln im Schnellverfahren quer durch das Land.

Ich fand es einfach unglaublich, was den beiden auf ihren Vogelbeobachtungstouren so zustieß und welche Hindernisse sich aus manchmal alltäglichen Begebenheiten ergaben. Doch vor allem haben mich die verschiedenen Charaktere in ihren Bann gezogen. Mr. Malik ist ein wirklich liebenswerter und überraschend engagierter Mann, der ein Gespür für Gerechtigkeit hat, sich um seine Mitmenschen kümmert und auf seine Art versucht, etwas in seinem Land zu bewegen. Und auch Harry, der anfangs sehr oberflächlich wirkt, entpuppt sich als netter Kerl, während die vielen Nebenfiguren die Geschichte auf fantastische Weise abrunden.

Obwohl Nicholas Drayson auch viele kritische/ernste Themen wie den Umgang mit Aids, kenianische Politik, Kriminalität und Korruption anschneidet, habe ich mich wunderbar mit dieser bezaubernden Geschichte amüsiert. Ich habe gekichert und laut aufgelacht, ich war gerührt, habe um Mr. Malik gebangt, einiges Neues über Kenia gelernt und einfach eine gute Zeit mit diesem Buch gehabt. Der Roman ist kein spannungsgeladener Pageturner, aber dafür eine liebevolle und detailliert erzählte Geschichte mit so vielen Facetten, dass ich am Ende das Buch aus der Hand legte und ausnahmsweise einmal vollkommen zufrieden und glücklich mit dem gerade Gelesenen war.

Vikram Seth: Eine gute Partie

Mila und ihre 100-Bücher-Liste haben mich auf diesen Titel gebracht, und ich bin wirklich froh darüber, auch wenn die 2000 Seiten manchmal eine Herausforderung waren. Ohne Milas liebevolle Beschreibung von Mrs. Rupa Mehra und ihrer Familie hätte ich vermutlich gar nicht mit „Eine gute Partie“ angefangen, und dann hätte ich nicht nur viel Wissenswertes über Indien, sondern auch eine Menge liebenswerter, ehrbarer, verzweifelter, hilfsbereiter und egozentrischer Figuren verpasst. Oh, und noch ein Tipp für das Lesen eines so umfangreichen Romans: Ich habe mir täglich kleine Portionen vorgenommen, und da die Geschichte in viele Unterkapitel unterteilt ist, klappte das so wirklich gut. Allerdings sollte man zwischen den einzelnen Abschnitten nicht zu viel Zeit verstreichen lassen, weil es sonst irgendwann schwierig wird, die vielen Personen in allen Details auseinanderzuhalten.

Vikram Seth erzählt in „Eine gute Partie“ die Geschichte von vier miteinander verbundenen Familien, wobei das Hauptthema Mrs. Rupa Mehras Versuche sind, ihre neunzehnjährige Tochter Lata mit einem passenden Mann zu verheiraten. Dabei zeichnet der Autor ein detailliertes Bild von der indischen Gesellschaft in den Jahren 1951/52. Indien ist gerade mal seit vier Jahren unabhängig und leidet unter der Abspaltung Pakistans. Während Konflikte zwischen den verschiedenen Religionen schwelen und ein neues Gesetz eine Landreform einleiten soll, schwankt bereits die junge indische Demokratie aufgrund von kurzsichtigen oder bestechlichen Politiker, von Idealen, die in der Realität nicht bestehen können, und vor allem aufgrund von sozialer Ungerechtigkeit in diesem überbevölkerten Land.

Vor diesem Hintergrund kann der Leser die großen und kleinen Wendungen im Leben der verschiedensten Personen verfolgen. Die bereits erwähnte Mrs. Rupa Mehra und ihre Tochter Lata haben zum Beispiel sehr persönliche Probleme. Während die Mutter für ihre Tochter eine gute Partie sucht, möchte Lata die Wahl haben, ob und wen sie heiratet. Sie ist noch mitten in ihrem Studium und sperrt sich gegen den liebevollen (und sehr aufdringlichen) Einfluss ihrer Mutter – auch wenn sie anhand ihrer älteren Schwester Savita und ihrem Mann Pran sieht, dass so eine arrangierte Ehe auch sehr liebevoll sein kann. Prans Vater Maresh Kapoor hingegen beschäftigt sich mit der großen Politik. Er ist federführend für die geplante Enteignung der Großgrundbesitzer verantwortlich und versucht so gerechtere Eigentumsverhältnisse in Indien einzuführen, auch wenn das zum Beispiel bedeuten würde, dass einer seiner besten Freunde – der Moslem Nawab Sahib – einen Großteil seines Besitzes verlieren würde.

Ich muss gestehen, dass ich die politischen Aspekte der Geschichte (die erst gegen Ende wirkliche Tragweite bekommen, wenn man schon so in der Handlung drin ist, dass auch längere Beschreibungen von Gesetzesdiskussionen einen nicht rausreißen) deutlich fesselnder fand, als ich erwartet hatte. Vikram Seth hat ein Händchen dafür, die landesweiten Ereignisse mit den kleinen persönlichen Schicksalen zu verknüpfen, so dass es einfach spannend wird. So wird der Tunichtgut Maan Kapoor aufgrund seiner einnehmenden Persönlichkeit in den Wahlkampf seines Vaters Maresh gezogen und bekommt auf diese Weise hautnah mit, welche verheerende Folgen die sozialistischen Ideale seines Freundes Rasheed auf die Ärmsten in seinem Heimatdorf haben.

Die allgemein aufgeheizte Stimmung (und die Tatsache, dass die Hindus eine Mehrheit im Parlament haben) führt auch immer wieder zu Zwischenfällen auf den Straßen der fiktiven Stadt Brahmpur, bei denen Mitglieder der vier Familien in Gefahr geraten oder sogar einen andersgläubigen Freund vor einem unkontrollierbaren Mob retten müssen. Gerade weil in diesem Roman – trotz der einen oder anderen großen Katastrophe – eher die kleinen Begebenheiten und Schicksalsschläge erzählt werden, finde ich ihn so reizvoll. Zu lesen, dass bei einer religiösen Feierlichkeit hunderte Pilger getötet und verletzt werden, ist erschütternd, aber viel eindrucksvoller ist der Moment, in dem eine junge Mutter spürt, wie ihr in der hysterischen Menge die Hand ihres neunjährigen Sohns entgleitet.

So habe ich 2000 Seiten lang über die Ereignisse, die die Familien Mehra, Kapoor, Khan, Chatterji und ihre Freunde erleben, geschmunzelt, den Kopf geschüttelt und sogar ein paar Tränchen verdrückt. Ich wollte Lata in ihrer ersten Verliebtheit ermutigen, Maan zur Vernunft bringen, seinen Freund Firoz vor einem Unglück bewahren und Latas älteren Bruder regelmäßig schütteln, weil mir seine Arroganz so auf die Nerven fiel. Ich fühlte mich als ein Teil dieser Familien, wollte ihnen Ratschläge erteilen und die freudigen Momente mit ihnen feiern. Und auch wenn ich nur wenige Monate ihres Lebens ganze 2000 Seiten mit ihnen verbracht habe, so habe ich „Eine gute Partie“ am Ende mit großem Bedauern zugeklappt. Diese Charaktere sind für mich während der Tage, in denen ich diesen Roman gelesen habe, erstaunlich real geworden und selbst die, die mir nicht sympathisch geworden sind, lassen mich auch im Nachhinein nicht gleichgültig.

Ich bin mir sicher, dass „Eine gute Partie“ – allein schon aufgrund des Umfangs – nicht für jeden Leser geeignet ist. Aber wer sich gern einmal kopfüber in eine andere Zeit und Kultur stürzen möchte, wer die kleinen und großen Ereignisse im Leben vierer liebenswerter Familien verfolgen mag und wer so wie ich eine Schwäche für indische Romane hat, der soll auf jeden Fall einen Versuch wagen. Wenn man jeden Tag um die hundert Seiten liest, dann ist diese Geschichte viel zu schnell vorbei. Ich hoffe sehr, dass Vikram Seth nach „Eine gute Partie (A Suitable Boy)“ wirklich im Jahr 2013 wie angekündigt die Fortsetzung „A Suitable Girl“ veröffentlicht und dass das Buch dann auch in Deutschland erscheinen wird. Ich würde wirklich gern wieder von Lata und ihren Angehörigen und Freunden lesen und mitverfolgen, wie sie diesmal diejenige ist, die eine passende Partie für ihren Enkel sucht …

Eine Sache noch zur Sprache und Erzählweise: Dieser Roman ist nicht nur, was den Umfang angeht, sondern auch in Bezug auf die Erzählweise sehr üppig. Gerade die etwas emotionaleren Charaktere können sich seitenweise in einem Gespräch über ihre Gefühle auslassen, die Sprache ist blumig, überbordend und doch genau richtig für die Atmosphäre. Ich finde es ja immer wieder faszinierend, dass mir einige Länder sprachlich so viel näher liegen als andere. Bei indischen Romanen stören mich die blumigen Umschreibungen so gar nicht, weil ich das Gefühl habe, dass die Kernaussage immer noch sehr direkt zum Ausdruck gebracht – und der Rest nicht ohne eine gewisse (Selbst-)Ironie formuliert wird. Mit französischen Autoren hingegen habe ich in der Regel Probleme, weil ich da das Gefühl habe, dass die Blumigkeit dazu benutzt wird, etwas so zu umschreiben, dass die eigentliche Aussage möglichst gut versteckt wird. 😉

[Kurz und knapp] Richard Russo: Diese alte Sehnsucht

Über dieses Buch bin ich gestolpert, als Ulrike Rudolph von den Seitenspinnerinnen es auf ihrem Blog erwähnte. Sie meinte, dass sie bei der Geschichte hätte weinen müssen, obwohl es „‚eigentlich‘ sehr leicht geschrieben und überwiegend tiefsinnig lustig ist“. Diese Aussage sowie die Tatsache, dass der Roman zum Großteil auf Cape Cod spielt (manche Schauplätze üben einfach eine vorhersehbaren Zauber auf mich aus), hat mich dazu veranlasst, den Titel in der Bibliothek vorzumerken.

Als das Buch dann bei mir ankam, habe ich schnell reingelesen und der Anfang gefiel mir. Trotzdem blieb der Roman fast drei Monate liegen – und wenn ich ihn nicht morgen zur Bibliothek bringen müsste, dann würde er vermutlich immer noch im Regal ruhen und darauf warten, dass ich ihn zum unzähligen Mal erneut in die Hand nehme. Dabei gefällt mir Richard Russos Erzählweise: Es gelingt ihm, dass ich gemeinsam mit Griffin den Weg nach Cape Cod nehme und Szenen seiner Kindheit und seiner Ehe durchlebe.

Griffin fährt in diesem Roman zweimal nach Cape Cod und beide Male zu einer Hochzeit. Die erste Reise löst bei ihm mit Mitte Fünfzig die Erkenntnis aus, dass seine Eltern einen wesentlich größeren Einfluss auf sein Leben hatten, als ihm bislang bewusst war. Außerdem hat sein Verhältnis zu seinen Eltern dafür gesorgt, dass es auch in seiner eigenen Ehe zu einer Entwicklung gekommen war, die weder ihn noch seine Frau Joy besonders glücklich macht. Für mich als Leser war das Buch anfangs recht deprimierend, obwohl es wirklich leicht geschrieben und amüsant ist.

Erst nach der Hälfte der Geschichte, als Griffin sich ein Jahr später auf den Weg zur zweiten Hochzeit macht und man die Entwicklung spürt, die er (und sein Umfeld) in den letzten Monaten durchgemacht haben, fühlte sich dieser Roman für mich „gut“ an. Ab diesem Zeitpunkt wirkt es, als ob sich Griffin so langsam mit seinen (inzwischen verstorbenen) Eltern anfreunden und sie gerade deshalb in gewisser Weise loslassen könnte. Er – und damit auch ich als Leser – ist am Ende der Geschichte deutlich zufriedener und scheint auf dem richtigen Weg zu sein.

Und obwohl die beiden Romane eigentlich so gut wie keine Gemeinsamkeiten haben, hat mich „Diese alte Sehnsucht“ beim Lesen immer wieder an „Wonder Boys“ von Michael Chabon erinnert – vielleicht, weil sich die beiden Hauptfiguren dieser Bücher so sehr verrannt haben und in ihrem Leben an einem Punkt angelangt sind, bei dem auf der Hand liegt, dass etwas nicht stimmt, aber keiner von beiden in der Lage ist, sich aus seiner aussichtslosen Situation zu befreien. Beide verharren lange Zeit in ihrer – wenn auch sehr unterschiedlichen – Art der Selbstzerstörung, und es bedarf erst einschneidender Impulse von außen, damit die beiden Herren ihre Scheuklappen abnehmen und sich aktiv darum bemühen, ihr Leben glücklicher zu gestalten.

Doch während ich „Wonder Boys“ als außenstehende Betrachterin genossen habe (und ausnahmsweise mal zugeben muss, dass mir die Verfilmung besser gefällt als der Roman), hat mich „Diese alte Sehnsucht“ immer wieder an meine eigene Familie und an so manche Eigenart meiner Eltern denken lassen. So lässt mich die Geschichte etwas zwiegespalten und „aus dem Lot“ zurück, auch wenn ich die Geschehnisse rund um die zweite Hochzeit (und den vorhergehenden Probetermin mit all seinen Katastrophen *g*) genossen habe. Es passiert selten, dass ich mir einen Roman gut als Verfilmung vorstellen könnte, aber hier ist das der Fall. Und ich glaube, dass ich mich von einem Film weniger persönlich berührt fühlen würde als von dem Roman und stattdessen die Figuren, die verschiedenen Szenen und die liebevollen kleinen Details besser würdigen könnte.

Caroline Vermalle: Als das Leben überraschend zu Besuch kam

Nachdem mir „Denn das Glück ist eine Reise“ von Caroline Vermalle so gut gefallen hatte, war ich sehr neugierig auf ihren neuen Roman „Als das Leben überraschend zu Besuch kam“. Wieder hat die Autorin recht alte Protagonisten für ihre Geschichte gewählt und gemeinsam mit ihren Figuren reist man durch die Bretagne und erlebt viele kleine bezaubernde Augenblicke. Im Zentrum der Geschichte steht die dreiundsiebzigejährige Jacqueline, die von einem Tag auf den anderen ihren Mann Marcel verlässt. Während er absolut keine Ahnung hat, wo seine Frau sein könnte, reist sie anfangs ziellos durch die Gegend. Doch dann erinnert sie sich an ihre Kusine Nane, die sie seit über fünfzig Jahren nicht mehr gesehen hat, und beschließt die Ile d’Yeu, auf der Nane lebt, als Startpunkt für einen Neuanfang zu wählen.

Dabei wird die Geschichte aus der Sicht eines Schmetterlings erzählt, der bei Jaquelines Erscheinen vor Nanes Tür spürt, dass hier etwas Besonderes vor sich geht. Und was dieser Schmetterling nicht selber beobachten kann, wird ihm von den verschiedenen Winden oder andere Insekten zugetragen, so dass sich die Handlung aus vielen kleinen Szenen zusammensetzt. Nur hier und da wechselt Caroline Vermalle die Perspektive, wenn es darum geht dem Leser die unausgesprochenen Gedanken ihrer Figuren zu vermitteln.

Mir sind die drei Hauptfiguren wirklich ans Herz gewachsen, obwohl das aufgrund der Schmetterlings-Perspektive und Jacquelines sprödem Wesen nicht so einfach war. Die alte Dame war eindeutig nicht glücklich in ihrer Ehe, wobei man beim Lesen nicht das Gefühl hat, dass ihr Mann Marcel das Problem war. Stattdessen scheint Jacquelines – schon vor 33 Jahren verstorbene – Mutter einen unguten Einfluss auf das Leben ihrer Tochter genommen und bis zum heutigen Tag vergällt zu haben. Sie war auch der Grund, warum der Kontakt zwischen Jacqueline und Nane abbrach, obwohl sich die Kusinen in den vergangenen Jahrzehnten sehr vermisst haben.

Nane ist ein deutlich lebenslustiger Charakter als Jacqueline. Sie hat früh einen Künstler geheiratet und sich selber als Bildhauerin einen Namen gemacht. Mit inzwischen achtzig Jahren genießt sie ihren Mittagschlaf im Garten, ihr liebevoll zubereitetes Essen und die vielen Besuche von Freunden und Familienmitgliedern. Obwohl auch ihr Leben nicht perfekt ist, scheint sie doch ihren Weg gegangen und letztendlich zufrieden zu sein. Zuletzt ist da noch Marcel, der nach dem Weggang von Jacqueline feststellen muss, dass es sehr vieles gibt, was er über seine Frau nicht wusste. Und weil man nicht über fünfzig Jahre Ehe einfach wegwerfen kann, will er zwei Fliegen mit einer Klappe erlegen. Auf der einen Seite will er sich einen Jugendtraum erfüllen, in dem er die Loire von der Quelle bis zur Mündung hinunter schwimmt und auf der anderen Seite will er so die Ile d’Yeu erreichen und dort – dank seiner großen Leistung – die Bewunderung (und die Liebe) seine Frau wiedererlangen.

Jacqueline stößt nicht nur bei Nane und Marcel viele Gedanken an, es werden auch einige weitere Personen durch ihre Handlungen beeinflusst und dazu veranlasst über ihr Leben und ihre Wünsche nachzudenken. Und je verzweifelter Jacqueline nach dem Punkt sucht, an dem sie sich verloren hat, und Ausschau nach einem Weg für ihre Zukunft hält, desto mehr Bewegung bringt sie in das Leben der Personen, die ihr nahe sind. Für den Leser gibt es so auch genügend Anlässe, um darüber nachzudenken wie wichtig die eigenen Hoffnungen und Wünsche sind und dass es nie zu spät ist, seine Prioritäten neu zu überdenken und sich an die Verwirklichung eines Traumes zu wagen.

Alles in allem hat mir die Geschichte wirklich gefallen, aber es gibt zwei Punkte, die dafür gesorgt haben, dass mich dieser Roman lange nicht so sehr bewegt hat wie „Denn das Glück ist eine Reise“. Erst einmal sind die Passagen, die aus der Sicht des Schmetterlings geschrieben wurden, sehr poetisch erzählt. Es sind bezaubernde kleine Szenen, die mich teilweise an die „windigen“ Passagen aus „Chocolate“ erinnert haben (während Nane Judi Dench Darstellung der Armande Voizin in der Verfilmung entsprach), aber diese Schmetterlingsszenen haben dafür gesorgt, dass ich die gesamte Handlung mit einem gewissen Abstand verfolgt habe. Die Geschichte wäre – in meinen Augen – so viel berührender und magischer gewesen, wenn sich die Autorin auf die einfache und reduzierte Erzählweise beschränkt hätte, die ihr Debüt ausgezeichnet hat.

Und dann gibt es am Ende des Romans einen Brief, den Jacqueline einer Freundin schreibt, und in dem sie erklärt, welche Teile der Handlung von ihr ausgeschmückt worden wären und welche nicht. Für mich wird damit eine wunderschöne und bewegende Geschichte radikal entzaubert. Ich möchte in so einem Buch keine Auflösung auf den letzten Seiten, die das Ganze „realistischer“ wirken lässt. Ich möchte den Roman zuklappen können und das Gefühl haben, dass da eine Autorin eine wunderschöne Geschichte voller leiser und bezaubernder Momente geschaffen hat, die in mir viele Gedanken und Gefühle ausgelöst hat. Und ich will am Ende eines solchen Buches das Gefühl haben, dass alles möglich ist und alles gut ausgeht, wenn man sich nur Mühe gibt …

Caroline Vermalle: Denn das Glück ist eine Reise

Manche Geschichten kommen ohne große Höhen und Tiefen aus und doch ist es so schön und befriedigend sie zu lesen – und genau so ein Buch ist „Denn das Glück ist eine Reise“. Ausnahmsweise gehe ich auch mal auf die Aufmachung des Buches ein, denn obwohl ich eigentlich Lila nicht so mag, finde ich diesen Lavendelton (der leider auf dem Foto eher blau aussieht) für den Roman sehr passend. Wenn ich kritisch sein wollte, dann könnte ich behaupten, dass das Cover überhaupt nicht stimmt. Georges und Charles sind in einem modernen Renault Scenic unterwegs – und der ist auch nicht weiß – und die Lavendelfelder sind eigentlich ein Markenzeichen der Provence, die am Mittelmeer liegt, und nicht der Bretagne, die an der Atlantikküste liegt. Aber für mich strahlt das Cover etwas liebevolles, altmodisches und französisches aus – und das passt wiederum perfekt zu dieser Geschichte. 😉

„Denn das Glück ist eine Reise“ von Caroline Vermalle ist der Debütroman der Autorin. In diesem Buch begleitet der Leser den 83-jährigen Georges und seinen sieben Jahre jüngeren Nachbarn Charles auf einer Reise. Die beiden alten Männer haben sich vorgenommen mit einem Auto (welches extra für dieses Vorhaben gekauft wurde) die einzelnen Routen der Tour de France abzufahren. Für Georges ist dies die Erfüllung eines Lebenstraums – und doch hat er so einige Ängste bezüglich dieser Reise. Schon seit Jahren geht es mit seiner Gesundheit bergab, außerdem ist er so in seinem Alltagstrott gefangen, dass ihn die Veränderungen, die mit seinem Plan einhergehen, sehr unsicher machen.

Aber wenn er nicht jetzt, da seine Tochter Françoise für zwei Monate verreist ist und ihn nicht im Auge behalten kann, losreist, dann wird das wohl nichts mehr mit der Fahrt, bevor er stirbt. Nur kommt blöderweise seine Enkelin Adèle hinter das Vorhaben ihres Großvaters, doch solange dieser ihr jeden Abend eine SMS schickt, in dem er schreibt, an welchem Ort er ist und dass es ihm gut geht, verrät sie ihn nicht an die Mutter. So beginnt eine wirklich berührende Geschichte, die ich kaum aus der Hand legen wollte.

Ich habe es genossen zu erleben, dass Georges, der in den letzten Jahren etwas mutlos und depressiv geworden war, wieder entdeckt wie wunderbar das Leben ist. Während Charles am Steuer sitzt, genießt Georges die Schönheit der Bretagne. Gemeinsam erkunden sie die Ortschaften entlang ihres Weges, machen ein Picknick oder genießen einen lustigen Abend in einer Crêperie. So vertieft sich die Freundschaft der beiden älteren Herren, die bislang „nur“ ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis hatten. Dabei kommt es auf dieser Reise auch zu kleineren und größeren Auseinandersetzungen, weil jeder von ihnen einen Dickkopf und ganz genaue Vorstellungen vom Ablauf der Fahrt hat.

Sehr schön ist es auch, dass Georges auf andere Menschen zugehen muss, um die Bedingungen seiner Enkelin Adèle zu erfüllen. Denn der Großvater hat keine Ahnung davon, wie er das Handy bedienen muss, welches er mal von seiner Tochter geschenkt bekommen hatte. Doch eine Rezeptionistin zeigt ihm wie man SMS schreibt und ein Kellner weist ihn in die Geheimnisse der SMS-Sprache ein. Hat Georges sich anfangs nur unwillig auf das verhasste moderne Gerät eingelassen, so genießt er es im Laufe der Zeit, dass er per SMS all seine schönen Erlebnisse mit seiner Enkelin teilen kann. Auch für Adèle werden die SMS ihres Großvaters zu einem Lichtblick, während sie in London einem eher frustrierendem Praktikum nachgeht. Georges Liebe für die Bretagne, all seine Erlebnisse und Erfahrungen, bringen ihr den Großvater (den sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte) deutlich näher.

Ich hatte Georges, Charles und all die anderen Charaktere schnell in mein Herz geschlossen und bin voller Freude mit ihnen auf die Reise gegangen. Obwohl Frankreich nicht gerade an der Spitze meiner Wunsch-Reiseziele steht, hatte ich beim Lesen (und auch nach dem Buch) das Bedürfnis all diese Orte persönlich zu sehen, einen Blick auf einen kleinen Fischerhafen zu werfen, zu erleben wie der Atlantik an die Küste braust und in einem kleinen Restaurant zu essen und dabei den Menschen bei ihrem Alltag zuzuschauen. Dabei beschreibt Caroline Vermalle die Bretagne nicht mit ausufernden Worten, sondern hält sich sehr zurück und reduziert die Landschafts- und Ortsbeschreibungen auf das Nötigste. Für mich wurde der Roman gerade deshalb zu einer wundervoll atmosphärischen Reise, bei der ich viel gelacht und am Ende ein wenig geweint habe. Auf jeden Fall habe ich dieses Buch in vollen Zügen genießen können und kann es jedem von euch, der sich auf eine kleine, feine und wunderschöne Geschichte einlassen mag, nur ans Herz legen.

Agnès Desarthe: Mein hungriges Herz

Wieder ein Buch, bei dem der Klappentext in mir andere Erwartungen geweckt hatte als letztendlich erfüllt wurden.

Der Verlagstext lautet:

Seit Myriam von ihrer Familie verstoßen wurde, sucht sie nach einem neuen Sinn in ihrem Leben. Nach Jahren zielloser Wanderschaft eröffnet sie in Paris ein kleines Lokal namens Chez moi. Das ungewöhnliche Restaurant wird schnell zum Lieblingstreffpunkt des Viertels, und Myriam findet in ihren Nachbarn und Gästen eine neue Familie. Doch kann man die Vergangenheit einfach so hinter sich lassen?

Den Anfang von „Mein hungriges Herz“ fand ich noch sehr reizvoll. Agnès Desarthe zeigt hier eine recht entschlossene Myriam, die einen Haufen Dokumente fälscht und Geschichten erzählt, um sich den Traum vom eigenen Restaurant erfüllen zu können. Mir hat es gefallen, wie sich die Frau provisorisch in ihrem Café „Chez moi“ eingerichtet hat, wie sie auf einer gepolsterten Bank schläft und sich in ihrem Spülbecken ein Bad gönnt, weil sie sich eine Wohnung neben dem Restaurant nicht leisten kann. In diesen Aktionen steckt so ein Wille zum Überleben, so ein Bedürfnis sich diesen einen Traum zu erfüllen, das fand ich schön!

Doch als das Café so langsam anläuft, wird die Geschichte für mich immer seltsamer. Myriam philosophiert über die verschiedenen Gäste, über ihre Geschäftsnachbarn und über ihre eigene Stellung in der Welt – und mit diesen Passagen hat es mir die Autorin sehr schwer gemacht bei der Stange zu bleiben. Für mich waren die Gedanken von Myriam oft nicht nachvollziehbar, zu abgehoben, zu pathetisch, zu … fremd. Und zwar auf eine Art und Weise, die ich nicht interessant, sondern ermüdend fand. Wieder einmal war es hier eine Nebenfigur, die dafür sorgte, dass ich weitergelesen habe.

Denn obwohl Myriams Restaurant gut besucht ist und die Leute ihr Essen und ihre Ideen lieben, bekommt sie ihre Finanzen und all die anderen Dinge, die zu beachten sind, nicht in den Griff. Was auch daran liegt, dass sie zum Beispiel zwei Studentinnen, die sie ins Herz geschlossen hat, die teuersten Gerichte vorsetzt, ohne dass die beiden angemessen dafür bezahlen müssen. Immerhin sind es auch diese beiden Mädchen, die ihr empfehlen Ben als Kellner anzustellen. Ihr Argument ist es, dass sich Myriam so mehr auf das Kochen konzentrieren kann, während sich Ben um die Gäste kümmern wird. Aber der junge Mann bedient nicht nur die hungrigen Besucher des „Chez moi“, sondern sortiert unauffällig auch Myriams Leben neu. Er sorgt dafür, dass dringende Rechnungen bezahlt werden, dass sich die Köchin nach dem richtigen Lieferanten umschaut und dass sich Myriam wieder mehr auf sich konzentrieren kann.

Denn Myriam wirkt – je erfolgreicher das Restaurant ist – immer verlorener. Als Leser weiß man zwar, dass es zu einem Bruch mit ihrer Familie kam, aber erst so nach und nach erfährt man, was wirklich passiert ist. Auch hier hatte ich das Gefühl, dass mir die Autorin nicht so ganz erklären kann, warum dieser eine Vorfall zu einer solchen Zerstörung von Myriams Persönlichkeit geführt hat. Einzig die Andeutungen, dass sie sich noch nie wie andere gefühlt hat und dass sie auch damals ihren Mann vor allem geheiratet hat, um ein beständiges und „normales“ Leben zu führen, hat mich etwas mit dieser Grundsituation versöhnt.

„Mein hungriges Herz“ gehört wieder einmal zu den Büchern, bei denen ich die Idee, die Figuren und die Sprach zwar würdigen kann, aber bei denen ich das Fazit ziehen muss: Für mich ist das nichts! Und das obwohl ich mich am Ende in die Geschichte eingefunden hatte und mich über den Schluss freuen konnte. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Agnès Desarthe oder daran, dass ich eben auch mit einer bestimmten Form von „Frauenroman“ nichts anfangen kann, aber so ist es eben. Das wird mich allerdings nicht daran hindern, immer wieder zu solchen Büchern zu greifen, in der Hoffnung darin eine berührende und ungewöhnliche Geschichte zu entdecken.

Alan Bennett: Così fan tutte

Anlässlich des ersten 24-h-read-a-thon hatte ich von Alan Bennett „Die souveräne Leserin“ gelesen und es hatte mir so gut gefallen, dass ich mich von Natiras Rezension dazu verleiten ließ, mir „Così fan tutte“ von dem Autor in der Bibliothek vormerken zu lassen. Ich kann gleich dazu anmerken, dass ich im Gegensatz zu Natira „Die souveräne Leserin“ bevorzuge, aber Spaß gemacht hat mir auch dieses Bändchen.

Der Inhalt lässt sich ganz schnell erzählen: Als Rosemary und Maurice Ransome von einem Opernabend nach Hause kommen, finden sie eine komplett leere Wohnung vor. Und zwar wirklich komplett leer! Kein Schrank, kein Topf, nicht einmal das Toilettenpapier ist ihnen geblieben. Während Mr. Ransome sich um die wichtigen Dinge wie die Auseinandersetzung mit der Versicherung und eine neue Stereoanlage kümmert, um dann stoisch sein normales Leben weiterzuführen, entdeckt Mrs. Ransome die Möglichkeiten, die so ein Neuanfang mit sich bringen kann.

Sie geht zum ersten Mal in ihren Leben in den indischen Gemüseladen um die Ecke, probiert exotische Obstsorten, genießt den billig aussehenden, aber sehr bequemen Schaukelstuhl, den sie neu angeschafft hat, erfreut sich an dem farbenfrohen Teppich, der nicht zu ihrer alten konservativen Möblierung gepasst hätte und denkt darüber nach, was man eigentlich alles noch in der eigenen Stadt entdecken könnte. Mrs. Ransome träumt von Museumsbesuchen und Volkshochschulkursen und entdeckt die nachmittäglichen Talkshows im Fernsehen.

Ich muss zugeben, dass mein Herz eindeutig für Mrs. Ransome schlug, die diesen Eingriff in ihr Leben als eine Chance für Veränderungen ansieht. Ihren Mann hingegen fand ich ganz schrecklich! So ein pedantischer, unflexibler und konservativer Mensch, der außer seinen eigenen Bedürfnissen nichts wahrzunehmen scheint! Die Vorstellung so unbelastet neu auf alles zuzugehen wie Mrs Ransome finde ich faszinierend – mir wäre es nicht möglich, allein meine Bücher, wären ein unwiederbringlicher Verlust, den ich wohl kaum überwinden könnte 😉 – aber gerade deshalb habe ich es genossen mir Mrs. Ransomes Situation auszumalen. So habe ich mich auch dieses Mal von Alan Bennett gut unterhalten gefühlt. Wobei ich zugeben muss, dass ich mir dieses Büchlein wohl nicht selber kaufen werde/würde. Für den Umfang finde ich es – trotz des Lesevergnügens und der schönen Ausstattung – mit fast 15 Euro dann doch etwas teuer.

Milena Agus: Die Gräfin der Lüfte

„Die Gräfin der Lüfte“ ist das dritte Buch aus dem Hoffmann und Campe Verlag von Milena Agus, die schon mit ihrem Roman „Die Frau im Mond“ zu einer Bestseller-Autorin wurde. Milena Agus konzentriert sich in ihren Geschichten auf das Leben auf Sardinien und um die Eigenheiten der Sarden. Während ich sonst häufig mit italienischen Autoren nicht so recht warm werde, so mag ich die Bücher von Milena Agus – und da ich hier noch nichts über sie geschrieben habe, müsst ihr jetzt mit ein paar zusätzlichen Passagen zu diesen Geschichten leben, bevor ich zu „Die Gräfin der Lüfte“ komme.

Ihr erster Titel „Die Frau im Mond“ hat mich gut unterhalten. Ich war von ihrer Hauptfigur fasziniert, einer Frau, die trotz der harten Lebensumstände in ihrem Ort und des Drucks der Familie viele Jahre lang auf den richtigen Mann wartet. Eine Frau, die erst mit dreißig Jahren den Plänen ihrer Verwandtschaft nicht mehr standhalten kann und sich mit einem Mann verheiraten lässt, der aufgrund des (zweiten Welt-)Krieges aus der Hauptstadt Cagliari geflüchtet ist. Doch auch in dieser Vernunftehe träumt diese Sardin weiter von der großen Liebe … All das wird von ihrer Enkelin erzählt, ohne dass das Verhalten der Personen gewertet oder gar kommentiert wird. Es wird dem Leser überlassen, wie er das Benehmen der Figuren beurteilt und wie er die leichten Widersprüche deutet.

Mit „Die Flügel meines Vaters“ bin ich nicht ganz so warm geworden, aber auch hier sind Szenen oder Sätze in meiner Erinnerung haften geblieben. Wie bei „Die Gräfin der Lüfte“ erzählt Milena Agus in diesem Roman weniger eine Geschichte, als dass sie Momentaufnahmen vom Leben ihrer Protagonisten zeigt und versucht die Eigenheiten der Sarden und das Leben auf Sardinien zu beschreiben. Die Autorin verwendet eine sehr einfache Sprache und ebenso einfache Bilder und doch schwingt hinter jedem Absatz noch etwas Ungesagtes oder Ungezeigtes mit, das dafür sorgt, dass diese Szenen in mir nachklingen.

Nun aber zu „Die Gräfin der Lüfte“: Die Handlung dreht sich um drei Schwestern, die in einem alten Palazzo in Cagliari wohnen. Die drei gehören zu einer alten und verarmten Adelsfamilie – und so mussten sie in der Vergangenheit fünf von den acht Wohnungen ihres Palazzos verkaufen. Noemi, die älteste der Schwestern, ist Single und eine erfolgreiche Anwältin. Sie träumt davon den Stadtpalast eines Tages wieder in altem Glanz auferstehen zu lassen, die Fassaden zu renovieren, die Wohnungen zurückzukaufen und die Räume mit den prächtigen Möbeln ihrer Vorfahren einzurichten.

Die zweite der Schwestern, Maddalena, ist mit Salvatore verheiratet. Die beiden wünschen sich sehnlichst ein Kind und verbringen so viel Zeit wie möglich mit Sex. Die jüngste der drei Frauen wird von allen aufgrund ihrer Unbeholfenheit nur die „Contessa mit den Ricottahänden“ oder kurz Contessa (di Ricotta) genannt. Ich persönlich finde diesen Namen scheußlich, auch wenn er auf italienisch deutlich hübscher klingt. Die Contessa ist eine sehr weichherzige und ebenso ungeschickte Person. Sie gibt ihr ganzes Geld und ihren gesamten Hausrat an die Armen der Stadt weiter – die wohl zum Teil ohne ihre Mildtätigkeit besser dran gewesen wären -, obwohl sie selber ohne die Unterstützung ihrer Schwestern nicht über die Runden käme.

Auch bei der Arbeit versagt die Contessa regelmäßig, denn obwohl sie alle Prüfungen (mit Hilfe ihrer Schwestern) geschafft hat, erträgt sie es nicht als Lehrerin zu arbeiten. Nicht einmal die Aushilfsstellen, die sie immer wieder annimmt, bringt sie zu einem Ende, da sie den Lärm und den Spott der Schüler beim Unterrichten nicht erträgt. Sie hat einen kleinen Sohn, Carlino, der ebenso ein Außenseiter ist wie seine Mutter, und dessen Vater nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte.

Milena Agus erzählt in ihrem Buch von den Hoffnungen und Wünschen dieser drei Frauen, die oft genug in einem harten Kontrast zu ihrer Realität stehen. Und doch führen ihre Träume dazu führen, dass jede von ihnen wunderschöne Zeiten erlebt. So kann man als Leser die Höhen und Tiefen im Leben der Schwestern miterleben, während sich kleine Beschreibungen der Umgebung und des Alltags in dieser Stadt durch die Zeilen ziehen.

Am Ende von „Die Gräfin der Lüfte“ blieben bei mir weniger die Erinnerung an einer Geschichte oder greifbare Handlung hängen, sondern Gerüche, Gefühle, Bilder und Träume. Ich habe das Gefühl, ich habe einen Blick auf Cagliari werfen können, hätte mich durch den dunklen Palazzo bewegt und mich vom Ausblick am Meer bezaubern lassen. In meiner Nase hängt der Geruch eines schimmeligen Kellers, in dem die Nachbarn der Schwestern wohnen, und der von Mandelgebäck, dass frisch gebacken wurde, um eine an Liebeskummer leidende Noemi aufzubauen. Ich möchte einen kleinen Garten mit einer Bruchsteinmauer hegen und pflegen – obwohl einem Teil von mir bewusst ist, dass ich mit meinem eigenen kleinen Garten nicht besonders gut zurecht komme *g* – und ich bin gerade fest davon überzeugt, dass es sich sehr heimelig anfühlen würde, wenn ich jetzt aus dem Fenstern der Nachbarn Klaviermusik hören würde.

Die Bücher von Milena Agus erzählen keine spannenden oder mitreißenden Geschichten, aber sie hinterlassen Eindrücke in mir, die noch eine ganze Weile nachklingen, die mir ein gutes Gefühl geben und die dafür sorgen, dass ich wohl auch zum nächsten Buch von der Autorin greifen werde. Ich muss aber zugeben, dass mir diese Romane nicht so wichtig sind, dass ich dafür 15 Euro für ein (wirklich schönes und liebevoll gemachtes) sehr dünnes Hardcover ausgeben wollte. Also werde ich auch dann wieder darauf warten, dass ich in der Bibliothek überraschend über eines ihrer Bücher stolpere, um mich damit für ein paar Stündchen nach Sardinien träumen zu können.

Karen Joy Fowler: Der Jane Austen Club

Fünf Frauen und ein Mann kommen sechs Monate lang regelmäßig zusammen, um über die Romane von Jane Austen zu diskutieren. Doch was dabei ans Licht kommt, sind weniger die verschiedenen Aspekte von „Stolz und Vorurteil“ als die Wünsche und Sehnsüchte der Teilnehmer selbst. Während der Jane Austen Club sich trifft, werden Ehen getestet, zarte Bande gesponnen und Tragödien gemeistert. Und die Liebe bahnt sich am Ende durch alle Wirrnisse ihren Weg …

Soweit der Klappentext – und auf meiner Ausgabe stehen noch Zitate aus diversen Medien: „Ein wahres Lesefest“ (Bookreporter), „Ein absoluter Genuss! Intelligente, bezaubernde, kluge Unterhaltung für jeden Leser – und ein ganz besonderes Fest für alle Fans von Jane Austen.“ (Kirkus Reviews), „Scharfsinnig und raffiniert – eine ernste, witzige und durch und durch entzückende Komödie.“ (Entertainment Weekley) und „Dieser Roman zeigt, wie uns manche Bücher mitten ins Herz treffen.“ (Independent)

Nach all diesen werbenden Meinungen zum Buch muss ich mich nach dem Lesen des Romans fragen, ob die die gleiche Geschichte gelesen hatten wie ich. Ich meine, das Buch ist nett! Aber ich habe dafür zwei Tage gebraucht, weil ich beim Lesen auf dem Sofa immer wieder eingeschlafen bin. Und das lag weniger daran, dass ich so müde war, sondern daran, dass mich „Der Jane Austen Club“ nicht so weit fesselte, dass ich dabei wach bleiben konnte!

Sechs sehr unterschiedliche Personen treffen sich einmal im Monat, um über die Bücher von Jane Austen zu reden. Diese regelmäßigen Treffen nutzt Karen Joy Fowler, um pro Monat einen ihrer Charaktere näher zu beleuchten und zu zeigen, wie sich alle sechs im Laufe der Zeit weiterentwickeln. Das war ja alles ganz nett, aber in keiner Weise bezaubernd, raffiniert oder gar wirklich witzig – nur nett, wirklich nicht mehr (und ich muss zugeben, dass mir wirklich kein passenderes Wort dafür einfällt 😉 )!

Keine der sechs Personen ist mir besonders sympathisch gewesen oder gar ans Herz gewachsen. Der Teil, der sich um diese Leute gedreht hat, kam mir vor wie oberflächlicher Kaffeeklatsch: Man bekommt ein paar Details aus dem Leben der Nachbarn erzählt, einige sind belanglos und bleiben trotzdem hängen, andere hätte man eigentlich nie wissen wollen und wieder andere lassen einen den Menschen kurz aus einer anderen Perspektive sehen. Das ist in Ordnung, aber nichts, was ich bewusst suche. 😉

Das beste an diesem Buch war für mich die Beschäftigung mit den Jane-Austen-Romanen. Das hat auch bei mir dazu geführt, dass ich mir wieder neue Gedanken zu den bekannten Geschichten und Charakteren gemacht habe. Wobei da anzumerken ist, dass man die Handlungen und Figuren noch gut im Kopf haben muss, um die verschiedenen Ereignisse und Namen auf den Punkt parat zu haben und mit allen Anspielungen etwas anfangen zu können. Obwohl ich in diesem Jahr einiges von Jane Austen gelesen (oder gehört) habe, musste ich stellenweise ganz schön nachdenken, welcher Charakter nun gemeint war und warum diese Personen solche Ansichten über diese Figur äußerten.

Letztendlich habe ich zwar nicht das Gefühl, dass „Der Jane Austen Club“ totale Zeitverschwendung war, doch ich hätte mein Wochenende lieber mit meiner Ausgabe von „Mansfield Park“ verbringen sollen. Das Buch habe ich nämlich das letzte Mal vor ein paar Jahren gelesen, als ich es aus der Bibliothek geliehen hatte, und meine eigene Ausgabe wartet nun schon seit einigen Monaten darauf, dass ich Zeit finde, meine Erinnerungen wieder aufzufrischen. Und auf dieses Leseerlebnis freue ich mich wirklich! 🙂