Schlagwort: Allgemeine Belletristik

Truman Capote: Frühstück bei Tiffany

Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht zumindest schon von dem Film „Frühstück bei Tiffany“ gehört hat – und die meisten werden diesen Film auch kennen (und vielleicht sogar lieben). Das Drehbuch basiert auf einer Novelle von Truman Capote und obwohl mir das bekannt war, bin ich eigentlich nie auf den Gedanken gekommen, die Geschichte mal zu lesen. Doch im letzten Jahr habe ich die schöne Ausgabe von Kein & Aber von einer guten Freundin geschenkt bekommen und bin vor kurzem endlich dazu gekommen das Buch zu lesen.

Da ich durch den Film und Audrey Hepburn sehr vorbelastet bin, war es ungemein faszinierend das Original zu lesen und nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu gucken. Ich weiß nicht, ob er schon eine bestimmte Frau vor Augen hatte, als Truman Capote diese Geschichte – oder eher Episode – aus dem Leben von Holly Golightly und dem Erzähler schrieb, aber für die Verfilmung wollte er (und ich weiß gerade nicht mehr, wo ich die Information gefunden hatte) eigentlich Marilyn Monroe als Hauptdarstellerin haben! So nett ich die Schauspielerin finde, so hätte sie meiner Meinung nach überhaupt nicht gepasst. Viel zu weich (Mimik, Stimme und Figur!) wäre sie für die Rolle der Holly gewesen. Vor allem, da auch Truman Capote seine Hauptfigur als eine eher knabenhaft-schlanke Frau beschrieb.

Doch trotz all der Unterschiede und trotz all der Dinge, die mir vertraut waren und die ich wiedererkannt habe, hat mich „Frühstück bei Tiffany“ auch für sich überzeug. Holly Golightly mit den Augen des Erzählers kennenzulernen, zu erleben, wie ihre Umwelt auf sie reagiert und wie sie – zwischen Berechnung und Naivität schwankend – versucht ihren Weg im Leben zu finden, ist einfach großartig zu verfolgen. Doch im Gegensatz zum Film hat man nicht das Gefühl, dass die Geschichte erst einmal einen Abschluss gefunden hat.

Zusammen mit dem Erzähler lernt man Holly Golightly kennen. Anfangs nur als exzentrische Nachbarin, die den neu eingezogenen Schriftsteller regelmäßig aus dem Bett klingelt, weil sie in der Nacht nach Hause kommt, ohne einen Schlüssel dabei zu haben. Dann als verwirrende und bezaubernde Frau, die vor einem Verehrer Zuflucht sucht und später in vielen kleinen – immer persönlicher werdenden – Begegnungen. Der Erzähler ist ungemein fasziniert von dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit und mit ihm der Leser.

Ich glaube, dass Holly gerade deshalb so fesselnd ist, weil sie auf den ersten Blick zwar so leicht und unabhängig durchs Leben zu gehen scheint, aber doch eigentlich eine traurige Figur ist, die vor Beziehungen flüchtet und sich doch nach einem Zuhause sehnt. Gleich zu Beginn des Buches weiß man, dass der Erzähler seine ehemalige Nachbarin schon sehr lange Zeit nicht mehr gesehen hat und dieses Wissen schwingt bei jeder Szene mit. Immer wieder habe ich mich gefragt, wo der Wendepunkt ist, der dafür sorgte, dass Holly und der Schriftsteller den Kontakt verloren haben.

Jede kleine Szene habe ich genossen – und ehrlich gesagt auch immer wieder das Gelesene mit dem Film verglichen und keines für besser oder schlechter befinden können. Beide Geschichten haben ihre ganz eigene Gewichtungen und auch wenn mich das angedeutete Happy End des Films immer wieder rührt, so hat mich das Lesen des Buches genauso befriedigt. Ich bin sehr froh, dass meine Freundin mir diese wunderschöne Geschichte geschenkt hat und ich so tolle Momente mit Holly Golightly verbringen konnte!

Oh, und ich sage ja selten ein Wort zur Ausgabe, aber diese hier hat wirklich ein paar lobende Erwähnungen verdient! Nicht nur, dass der schwarze Seideneinband wunderschön anzuschauen ist und sich ebenso schön anfühlt, sondern auch die Modeskizzen von Hubert de Givenchy (der unter anderem das kleine schwarze Kleid, das Audrey Hepburn in der Verfilmung trägt, entworfen hat) – eine davon ist in Silber auf dem Cover zu sehen, drei weitere sind im Buch abgedruckt – sind einen Blick wert und tragen ihren Teil dazu bei, um die richtige Stimmung beim Lesen zu erzeugen.

Laura Kalpakian: Café Eden

Vor einiger Zeit habe ich euch mal gefragt, was für ein Buch ihr bei diesem Klappentext erwarten würdet. Und die meisten waren (wie ich auch) nach dem Lesen der Inhaltsangabe davon ausgegangen, dass man in „Café Eden“ die Geschichte einer Frau verfolgen könnte, die nach einer schwierigen Kindheit und/oder unglücklichen Beziehungen Erfüllung in ihrem eigenen Café findet. Meiner Erwartung nach hätte die Handlung sich spätestens ab der Hälfte des Buches um das Café herum entwickelt und dort hätte man vielleicht sogar etwas über die regelmäßigen Besucher erfahren und über die Freundschaften, die sich entwickeln.

Stattdessen bekommt man in diesem Buch eine Familiensaga präsentiert, bei der sich die Rezepte, die später einmal im „Café Eden“ serviert werden, wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen. Das Ganz beginnt im Jahr 1926 in einer Mormonen-Gemeinde in Utah, wo die sechsjährige Eden zu Schule geht. Und schon in der ersten Szene bekommt man mit, dass sich das kleine Mädchen bei Problemen lieber an ihre Tante Afton als an die Mutter wendet. Denn während Edens Mutter den ganzen Tag betrunken ihren Tagträumen nachhängt, ist ihre Tante eine gläubige Mormonin, die nicht nur ihre eigen Familie erfolgreich „verwaltet. Bei ihr lernt Eden auch die ersten Schritte in der Küche, damit das Mädchen in der Lage ist sich und die beiden kleineren Geschwister zu versorgen.

Vor jedem Kapitel gibt es eine „Momentaufnahme“ die kurz die Lebensgeschichte einer Person oder wichtige Ereignisse aus ihrem Leben erzählen. All diese Menschen haben in irgendeiner Weise mit Eden und ihrer Familie zu tun – und am Ende des dazugehörigen Kapitels wird dann noch ein Rezept präsentiert, das mit dieser Person in Verbindung gebracht wird. Die Idee ist eigentlich ganz nett, macht das Buch aber etwas anstrengend zu lesen. Da springt man von den Erlebnissen eines chinesischen Kindes zu der Befreiung einer jungen Sklavin zur „Vernunftehe“ einer Banditentochter oder dem Schicksal einer italienischstämmigen Witwe und muss sich jedes Mal neu auf zurechtfinden.

Zwar steht Eden eigentlich immer der Mittelpunkt der Geschichte, doch bei so vielen Menschen, die Einfluss auf ihr Leben genommen haben, habe ich im Laufe des Romans immer wieder dagesessen und musste überlegen, welche Person hier schon wieder erwähnt wird und welche Verbindung zwischen ihr und Eden besteht und an welchen Stellen es schon mal Hinweise auf diesen Menschen gab. Dabei wäre das Leben der jungen Mormonin auch ohne diese Einschübe interessant zu lesen gewesen.

Eden ist von klein auf eine ungewöhnlich selbständige junge Frau. So meldet sie sich freiwillig als der Zweite Weltkrieg beginnt und verbringt die Kriegstage in London. Und da sie nach dem Krieg nicht (wie es sich für ein braves Mormonen-Mädchen gehören würde) als Hausfrau und Mutter niederlassen will, studiert sie und findet schließlich eine Stelle als Sekretärin in einer großen Bank. Auch als sie sich dann verliebt und dem Film-Ranch-Besitzer Matt March heiratet, verläuft ihr Leben nicht gerade langweilig.

Einzig die Nebenbemerkungen bei den Rezeptseiten, die von Anfang an klarstellen, dass diese Gerichte später in Edens Café serviert werden, deuten an, dass diese Frau irgendwann einmal ein Café eröffnet wird. Doch wie es dazu kommt, bleibt bis kurz vor Schluss des Romans unklar. Dabei spielt Essen in Edens Leben durchaus eine wichtige Rolle. Anfangs weil ihre Eltern nicht in der Lage sind, die drei Kinder regelmäßig mit Mahlzeiten zu versorgen, dann gibt es die Szenen innerhalb der Großfamilie, bei denen groß aufgetischt wird, und auch während der Kriegszeit erlebt Eden Hungerphasen ebenso wie seltene kulinarische Köstlichkeiten wie eine Apfeltarte während eines Bombenangriffs.

Doch obwohl ständig vom Essen die Rede ist und die Autorin immer wieder betont, dass man neben einem guten Rezept für das Kochen vor allem Fingerspitzengefühl und etwas Kreativität benötigt, fühlte ich mich beim Lesen nicht wirklich von all den Beschreibungen berührt. Bei anderen Büchern passiert es mir, dass ich mir ständig das Wasser im Munde zusammenläuft, ich laufe während des Lesens in die Küche und gucke, ob ich noch Zutaten für bestimmte Gerichte im Haus habe, ich stürze mich vor lauter Schokoladenlust auf die letzte Schokoreserve meines Mannes oder plane eine Kochorgie für das nächste Wochenende. Doch hier habe ich einfach nur gelesen, fand es ganz nett, aber niemals mitreißend.

Und das lag gewiss nicht nur daran, dass die traditionelle amerikanische Küche recht wenig Gerichte für eine Vegetarierin bereithält – sogar Bill Bufords (für mich eher ekelhafte, aber dafür enthusiastische) Beschreibungen seiner Tätigkeit in einer italienischen Metzgerei in dem Buch „Hitze“ haben bei mir mehr Begeisterung und Lust auf’s Kochen ausgelöst, als Laura Kalpakians Beschreibungen einer angeblich köstlichen Nachspeise.

Genauso ging es mir auch mit Edens Geschichte, es fehlte der Funken, der einen mit den Personen mitfühlen lässt. Dabei hat die Autorin viele liebevolle Details in die Handlung eingebaut und mit Eden einen interessanten Charakter geschaffen. Da dieser Roman mehr als 50 Jahre umspannt, bekommt man nicht nur einen Einblick in Erlebnisse dieser ungewöhnlichen Frau, sondern auch in die amerikanische Geschichte. Wobei ich vor allem den Part rund um die Filmgeschichte (Stummfilmzeit, amerikanische Western und die Anfänge der italienischen Westernzeit) mit Neugierde gelesen habe.

Alles in allem hat es etwas gebraucht bis ich mich an die Erzählweise gewöhnt hatte und mich zwischen all den Charakteren zurechtfand und erst ab der Mitte des Buches wurde die Geschichte dicht genug erzählt, dass ich mich mit der Handlung wohlfühlte und ein persönlicheres Interesse für die Figuren entwickelte. Trotz der insgesamt interessanten Geschichte finde ich es immer noch schade, dass es die Autorin nicht geschafft hat, mich mit all ihren Beschreibungen und Rezepten zu begeistern. Das ständige Gefühl beim Lesen, dass da noch ein Unglück in der Luft schwebt und das noch etwas gravierendes passieren muss, damit Eden irgendwann ihr Café eröffnet, kann ich der Autorin zwar nur zum Teil anlasten, da der Klappentext ja nicht aus ihrer Feder stammt – aber das ändert nichts daran, dass ich mich darüber etwas geärgert habe.

Doris Dörrie: Kirschblüten – Hanami (Buch und Film)

Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen den deutschen Film – es gibt aber leider nur wenige, die mir wirklich gefallen. So reizte mich zwar das Thema bei Doris Dörries Film „Kirschblüten – Hanami“, aber so ganz konnte ich mich nicht dazu aufraffen, ins Kino zu gehen, was auch ein wenig an den Schauspielern lag, die ich nicht in jeder Rolle leiden kann, wenn ich das mal so freundlich ausdrücken darf. Irgendwann bekam ich dann das Buch zum Film in die Hand und hier hat mich die Geschichte so sehr berührt, dass ich doch noch die DVD angucken musste.

In „Kirschblüten – Hanami“ (Hanami ist übrigens der japanische Ausdruck für das Betrachten von Blüten und wird in der Regel auf die Kirschblüte bezogen, da für die Japaner das Aufblühen der Kirschbäume ein besonderes Ereignis ist und man gleichzeitig mit diesem Anblick den Beginn des Frühlings feiert) erzählt Doris Dörrie von dem Ehepaar Trudi und Rudi. Beide sind schon lange miteinander verheiratet, und bei aller Zärtlichkeit füreinander hat der graue Alltag sie schon längst eingeholt. Trudi hatte vor der Heirat japanischen Butoh-Tanz studiert, ist immer noch vom Anblick des Fuji und von der japanischen Kultur fasziniert und träumt davon, einmal die Kirschblüte in Japan erleben zu dürfen. Rudi kann das nicht nachvollziehen, er fühlt sich in seinem Alltag wohl, ist ein Gewohnheitstier und kennt keine unerfüllten Träume.

Doch dann bekommt Trudi die Mitteilung, dass Rudi schwer erkrankt ist. Ihr bleibt es überlassen, ob er von seiner Krankheit erfahren oder ob er so ungetrübt wie möglich seine letzten Monate erleben soll. Trudi beschließt, ihrem Mann nichts zu sagen und versucht stattdessen, ihm die verbleibende Zeit so schön wie möglich zu machen. Doch ein Besuch bei den Kindern (Sohn und Tochter) in Berlin zeigt nur, wie sehr sich die einzelnen Familienmitglieder voneinander entfremdet haben – und während Trudi herauszufinden versucht, was Rudi glücklich machen würde, ist er nur irritiert von ihrem Verhalten und ihren Fragen. Erst als Trudi überraschend stirbt, geht ihm auf, wie viele Träume sie für ihn und die gemeinsamen Kinder aufgegeben hat. Um sich ihr noch einmal nahe fühlen zu können, reist Rudi zu seinem zweiten Sohn, der in Japan lebt, und versucht dort all die Dinge zu sehen und zu erleben, die seine Frau sich so sehr gewünscht hat.

Das Buch zum Film wurde in drei Teile aufgeteilt: Über 100 Fotos mit Bildunterschriften, das komplette Drehbuch und ein Abschnitt über Doris Dörrie, der beschreibt, wie es zu dem Dreh von „Kirschblüten – Hanami“ kam, was der Regisseurin so alles in Japan schon passiert ist und wie ihre Faszination an dem Land ausgelöst wurde. Da ich den Film ja noch nicht kannte, habe ich mir gründlich die Fotos angeguckt und die Geschichte erst einmal wie bei einem Bilderbuch erlebt, was sehr berührend war. Ohne die Handlung im Hinterkopf zu haben, musste ich die Fotos besonders aufmerksam betrachten und war beeindruckt von den kleinen Dingen, die man wohl beim Betrachten des Films nicht so bewusst wahrnimmt.

Das Drehbuch hat mir dann deutlich mehr Hintergründe zu den einzelnen Figuren verschafft und ihr Verhältnis zueinander beleuchtet. Zu sehen, wie sehr sich die Kinder von ihren Eltern entfremdet haben und dass es eine Außenstehende benötigt, damit die verschiedenen Familienmitglieder wieder aufmerksamer miteinander umgehen, ist sehr traurig und doch so alltäglich. Auch Trudis und Rudis hilflose Versuche, für den anderen da zu sein – oder zumindest dann im Nachhinein noch die Dinge zu tun, die den anderen erfreut hätten -, waren sehr berührend zu lesen. Oder um es mal ganz deutlich zu sagen: Am Ende des Drehbuchs liefen mir die Tränen übers Gesicht, weil es so schön und traurig war.

Ganz so tief wie das Buch hat mich der Film allerdings nicht bewegt. Er gefiel mir und habe ihn bestimmt nicht zum letzen Mal gesehen, aber meine Fantasie hatte der Geschichte beim Lesen doch noch mehr Intensität verliehen, als es Doris Dörries Bilder gekonnt haben. Dabei haben Elmar Wepper und Hannelore Elsner hier in meinen Augen ihre überzeugendste Leistung als Schauspieler abgeliefert, und zum ersten Mal habe ich die beiden uneingeschränkt gemocht. Besonders Elmar Weppers Zusammenspiel mit Aya Irizuki (die die Japanerin Yu spielt) ist wirklich ganz bezaubernd!

Dafür habe ich mir während des Films mehr Gedanken um diese (und so auch ein wenig über meine) Familie gemacht. Selbst während wunderschöne Bilder aus Japan zu sehen waren, hat das einen Teil meiner Aufmerksamkeit gefangen gehalten. Das liegt wohl daran, dass ich das Buch miterlebt habe, während ich beim Film – trotz des Einsatzes einer Videokamera, die ich immer gewöhnungsbedürftig finde, die aber eine gewisse Nähe erzeugen soll – doch nur Zuschauer war und so mehr Raum für mich und weniger für die Geschichte hatte.

Auch muss ich zugeben, dass ich wohl ohne Kenntnis der Handlung bei einer Fernsehausstrahlung in der ersten Hälfte der Geschichte einen anderen Sender gesucht hätte. Aber mit dem Wissen, wie sehr sich Rudi noch entwickelt (und weil ich eben nach dem Lesen den Film sehen wollte), fand ich selbst diese eher zähen Passagen sehr rührend. Sowohl im Buch als auch im Film fand ich einen Moment in dieser Familie wunderbar mitzuerleben, bei dem man erkennt, dass diese unterschiedlichen Personen doch eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.

Hans Werner Kettenbach: Das starke Geschlecht

In den letzten Jahren habe ich mich irgendwie zu einem „Fast-Food-Leser“ entwickelt und genieße vor allem eher leichte und unterhaltsame Romane, während ich mich als Teenager intensiv mit klassischer Literatur auseinandergesetzt habe. Damals habe ich zwar nicht jedes Buch verstanden (zumindest ist das im Nachhinein mein Eindruck), aber jeder dieser Klassiker hat mich nachhaltig beeindruckt. Doch auch heute stolpere ich immer wieder über Titel, die man eher von Literaturkritikern besprochen als auf den Bestsellerlisten sieht und die eine schöne Abwechslung zur leichten Unterhaltung bieten.

„Das starke Geschlecht“ ist so ein Titel, den ich mir vor allem aus Neugierde auf den Autor zugelegt habe – und nach einem kurzen Blick hinein landete das Buch erst einmal auf dem SuB. Denn statt einer Geschichte über einen Gerichtsstreit oder etwas ähnliches, wie ich es nach dem Klappentext erwartet hatte, bekam ich einen jungen Anwalt und ein recht betagtes Ehepaar, die alle drei ständig mit dem Thema Sex beschäftigt waren. Ohne Karis SuB-Losverfahren hätte ich es wohl auch so schnell nicht wieder aus dem Regal geholt, aber da Irina das Buch für mich nun mal gezogen hatte, musste ich mich da jetzt mal durchkämpfen. Und ein Kampf wurde es, denn ich konnte von der ersten Seite an mit den Figuren nichts anfangen.

Um mal das Positive herauszustreichen: Hans Werner Kettenbach verwendet eine schöne und klare Sprache (von ein paar Ausnahmen abgesehen, die durch die Charaktere, die in dem Moment zu Wort kommen, erklärt werden) und man merkt, dass er ein genauer Beobachter ist, der auch die kleinen Dinge sehr schön und detailliert beschreibt. Auch entdeckt man erst allmählich die vielen verschiedenen Schichten der unterschiedlichen Persönlichkeiten und lernt die Erzählweise des Autors zu schätzen (was leider nicht bedeutet, dass ich sie mag).

Trotzdem werde ich nach „Das starke Geschlecht“ wohl nie wieder zu einem Roman von Hans Werner Kettenbach greifen. Dieses Buch beginnt damit, dass der neunundzwanzigjährige Anwalt Alexander Zabel den Fabrikanten Herbert Klofft in einem Rechtsstreit vertreten muss. Der alte Mann hatte einer langjährige Mitarbeiterin fristlos gekündigt, da diese sich – seiner Meinung nach – durch einen Krankschreibung einen nicht genehmigten Urlaub erschlichen hatte. Erst langsam kommt Alexander dahinter, dass der Fabrikant mit der Klägerin Katharina Fuchs jahrlange ein Verhältnis hatte. Und nur durch die Informationen, mit denen ihn Cilly, die Ehefrau von Herbert versorgt, erfährt Alexander die nötigen Details, die er für die Verteidigung seines Mandanten benötigt.

Doch die Handlung plätscherte dahin und die Anklage gegen den Fabrikanten ist nur ein Vorwand für den Autor um die Beziehungen der verschiedenen Charaktere zueinander zu beleuchten. Leider konnte ich keine dieser Personen auch nur annähernd ausstehen! Ich mochte mich mit ihnen nicht beschäftigen – und das hat sich auch im Laufe der Geschichte nicht geändert. Herbert Klofft ist ein geiler alte Bock, dessen einziges Bedauern der Tatsache gilt, dass er im Alter nicht mehr zum Sex in der Lage ist. Dieser Punkt ist so viel schlimmer als die Krankheit, an der er gerade elend zugrunde geht. Also versucht er nicht nur wieder Gewalt über seine ehemalige Geliebte zu bekommen, sondern bezahlt auch eine Haushälterin und Pflegerin, die ihn regelmäßig animieren soll.

Jedes Detail über sein „Liebesleben“ erzählt er mit Genuss und unter Verwendung einer abstoßend obszönen Sprache seinem Anwalt und wirft bei mir die Frage auf, warum sich Alexander Zabel sowas überhaupt antut. Der ist in meinen Augen sowieso ein Weichei – um es mal freundlich zu umschreiben. Anfangs gefiel es mir, dass der Anwalt gewisse Grundprinzipien hat, die ihm anerzogen wurden und nach denen er auch als Erwachsener lebt. Er ist höflich, freundlich und pflichtbewusst und erst einmal nur ganz nett, aber langweilig. Doch in seiner Beziehung zu der Reporterin Frauke steht er gehörig unter dem Pantoffel und es wurde mir nicht klar, was diese beiden Personen überhaupt verbindet und warum er sich von ihr so viel gefallen lässt.

Außerdem fühlt er vom ersten Augenblick an eine starke sexuelle Anziehung zu Cilly Klofft. Dabei stören mich weder der Altersunterschied von 44 Jahren (er ist 29, sie 73) oder die Beschreibungen ihrer körperlichen Vorzüge (auch wenn ich da schnell an Operationen und Botox denken musste), sondern der Umgang der beiden miteinander und die Art und Weise wie dieser beschrieben wurde. Er fühlt sich fasziniert von dieser Frau – und abgestoßen von seinen eigenen Gefühlen – und sie spielt mit ihm, reizt ihn immer wieder, will ihn verführen und nimmt ihn doch nicht ernst.

Es gab bei diesem Buch kaum ein Kapitel bei dem ich mir nicht gewünscht habe, ich könnte es einfach aus der Hand legen und müsste mich nicht mehr mit diesen unangenehmen Personen beschäftigen. Nicht einmal das Mitleid, das im Laufe der Handlung gegenüber den verschiedenen Figuren aufkam, konnte diese Gefühle mildern. Auf der anderen Seite habe ich den Roman als Herausforderung gesehen, wurde trotzig und war wild entschlossen ihn zum Ende zu bringen. So habe ich mich irgendwann in einer Woche durchgekämpft und zwischendurch sogar über Sex, Liebe, Beziehungen und das Altern nachgedacht – und kann nun behaupten, dass dieser Autor (wenn ich von diesem Titel auf sein Gesamtwerk schließen darf) nichts für mich ist!

Immerhin ist nun der SuB wieder um ein Buch geschrumpft und ich kann für mich endlich diese Runde von Karis Losverfahren abschließen.

Ann Pearlman: Der Christmas Cookie Club

Alle Jahre wieder treffen sich die zwölf Freundinnen in Marnies festlich geschmücktem Wohnzimmer zum Christmas Cookie Club. Sie erzählen und plaudern, lachen und weinen, streiten und versöhnen sich. Kein Thema wird ausgespart: Hat Tracy die große Liebe gefunden? Kann ein Rapper ein guter Vater sein? Wie bleibt Sex immer aufregend? Und wie backt man die köstlichsten Cookies fürs Weihnachtsfest? An diesem ganz besonderen Abend sind die Frauen einander so nahe wie nie – Freundinnen fürs Leben, was immer auch geschieht.

„Der Christmas Cookie Club” von Ann Pearlman war sehr nett zu lesen, vor allem die erste Hälfte fand ich sehr entspannend. Einzig die Tatsache, dass ich gewaltige Lust auf Kekse bekam, war ein wenig störend. 😉 Mir hat es gefallen Marnie und ihre Freundinnen kennenzulernen und mehr über diesen einen Abend in der Vorweihnachtszeit zu erfahren, an dem sich alle Mitglieder des Clubs treffen und Plätzchen und Rezepte austauschen und über die Ereignisse des vergangenen Jahres reden. Da kam auch bei mir so etwas wie Vorfreude auf den Advent auf.

Am Anfang eines Kapitels findet man ein Plätzchenrezept und im folgenden Teil der Geschichte wird von einem Mitglied des Clubs erzählt, warum es gerade dieses Rezept gewählt hat und was es persönlich damit verbindet. Für den Leser bedeutet dies, dass man mehr über die betreffende Frau erfährt. Manchmal verbinden sich mit einen Rezept Kindheitserinnerungen oder der Name des Plätzchens sprach die Bäckerin an. Es kann aber auch sein, dass das Gespräch schnell wegwandert von den Rezepten und sich eher um die aktuellen persönlichen Entwicklungen dreht. Im privaten Bereich hat sich bei all diesen Frauen viel getan. So hat sich Marnie zum Beispiel in einen jüngeren Mann verliebt, Laurie ein kleines Mädchen aus China adoptiert und Charlene ihren Sohn bei einem schrecklichen Unfall verloren.

Allerdings gibt es ein paar Dinge, die mich nicht so ansprachen. Zum einen finde ich das beliegende Dr.-Oetker-Rezeptheft ziemlich überflüssig. Sowohl die im Roman verwendeten Zutaten, als auch ein Cup&Spoon-Set sind inzwischen ohne Probleme in Deutschland zu bekommen, und die Änderungen gegenüber dem Originalrezept empfinde ich auch nicht als so positiv – vor allem, wenn man ständig die Gewürzmischung verwenden soll, die von Dr. Oetker natürlich nur in der Vorweihnachtszeit verkauft wird. Wie bei allen anderen fertig gewürzten Dingen, wird da wohl der besondere Geschmack einer Plätzchensorte auf der Strecke bleiben … Aber ich versuche das Ganze trotzdem wohlwollend zu sehen und mir zu sagen, dass so vielleicht auch diejenigen mal zum Backen verführt werden, die es sich nicht zutrauen die amerikanischen Mengen auf ihre Messgeräte umzurechnen oder vielleicht sogar mal nach Gefühl zu würzen. 😉

Dann habe ich – und nicht nur in diesem Buch – immer wieder ein Problem mit diesem leichtfertig dahin gesagtem „Ich liebe dich“, das für amerikanische Romane so typisch zu sein scheint. Auch wenn einige aus dem „Christmas Cookie Club“ wohl das Jahr über sehr engen Kontakt haben, so wird deutlich, dass diese Frauen nicht alle eng miteinander befreundet sind. Warum sagt man also jemandem, von dem man nicht einmal genug weiß, um ihm in Schwierigkeiten helfen zu können, dass man ihn liebt?

In dieser Beziehung – und auch bei der Anzahl der erzählten Lebensgeschichten – wäre für mich weniger mehr gewesen. Ich hätte das Buch deutlich mehr genossen, wenn ich ein paar Personen besser kennen gelernt hätte, wenn ich mit ihnen hätte mitfühlen können. So hingegen hat mich die Fülle an Schicksalsschlägen, Beziehungs- und sonstigen Problemen irgendwann aus meiner „Gehirn aus und genießen“-Stimmung gerissen. Dabei hatte es mir so gut gefallen, wie Ann Pearlman die Vorbereitungen für die Party und über Gerüche und den Geschmack der Zutaten Atmosphäre aufbaute.

Ich denke schon, dass ich den Roman in den nächsten Jahren im Advent wieder aus dem Regal kramen werde, um mich ein wenig in Weihnachtsstimmung bringen zu lassen. Aber dabei wird mir immer bewusst sein, dass mich keine durchgehend befriedigende Geschichte erwartet, und dass ich beim Leser meinen inneren Kritiker unterdrücken sollte. 😉

Diane Setterfield: Die dreizehnte Geschichte

„Die dreizehnte Geschichte“ ist Diane Setterfields Debütroman und wanderte 2007 direkt auf die Bestsellerlisten. Die Geschichte handelt von der Buchhändlerin und Hobbybiografien Margaret Lea, die die einmalige Gelegenheit bekommt, die Lebensgeschichte der gefeierten Schriftstellerin Vida Winter zu verfassen. Die Autorin hatte von Anfang an Stillschweigen über ihren familiären Hintergrund bewahrt und jahrelang in den verschiedenen Interviews immer wieder neue Geschichten über ihr Leben erfunden. Doch nun beschließt Vida, dass es an der Zeit die Wahrheit über ihre Herkunft und ihre Vergangenheit zu erzählen.

Obwohl Diane Setterfield sich viel Zeit nimmt, um ihre Handlung zu erzählen, habe ich mich mit diesem Roman sehr wohl gefühlt. Die Autorin hat eine wundervolle Hommage an die Klassiker des 19. Jahrhunderts, wie „Jane Eyre“ oder „Die Frau in Weiß“ geschaffen. So nimmt Diane Setterfield viele vertraute Motive auf – und bemüht auch den Zufall nicht gerade selten -, um eine im besten Sinne altmodische Geschichte zu erzählen.

Zwischen den beide Hauptfiguren Vida und Margaret entsteht ein angenehmer Kontrast, der dafür sorgte, dass ich durchgehend neugierig auf die Handlung blieb (auch wenn so manche Wendung für mich vorhersehbar war). Vida beginnt ihre Geschichte bei ihren Großeltern, deren seltsame Liebe den Grundstein legte für die Erlebnisse und das Elend ihrer Nachkommen, und die die Ursache für die Geschehnisse rund um die Zwillinge Adeline und Emmeline Angelfield bildeten.

Nachdem Vida schon so viele Jahrzehnte Lügengeschichten über ihr Leben gesponnen hat, fällt es der Autorin selber schwer zwischen Wahrheit und Märchen zu unterscheiden. Und es wird deutlich, wie belastend es für sie ist in ihre Vergangenheit zurückzugehen. Doch durch Margarets wissenschaftliche Neugier, die dafür sorgt, dass die junge Frau jeden Teil der Erzählung erst durch Fakten aus Archiven und Kirchenregistern belegt haben muss, bevor sie eine solch ungeheuerliche Geschichte glauben kann, wird auch für den Leser die Handlung realer. Oh, und Margaretes Liebe zu Büchern, ihre Arbeit in dem Antiquariat des Vaters und der Zuflucht, die sie in ihren Romanen findet, haben mich wirklich sehr angesprochen.

Mit „Die dreizehnte Geschichte“ von Diane Setterfield bekommt man einen wirklich ungewöhnlichen Roman zu lesen. Aus einer Hommage an die viktorianischen Klassiker hat die Autorin eine spannende Geschichte mit faszinierenden Charakteren und unverhofften Wendungen geschaffen, die mich hervorragend unterhalten hat.

Melissa Bank: Dinge, die Frauen aus Liebe tun

Ich muss gestehen, dass ich bei diesem Buch mal wieder keine Ahnung habe, wie es zu dem deutschen Titel „Dinge, die Frauen aus Liebe tun“ kam – wobei mir auch keine passende Übersetzung zu „The Wonder Spot“ einfallen würde. 😉 Insgesamt hat mich der Roman an den Film „Familienfest und andere Schwierigkeiten“ erinnert, allerdings konzentriert sich die Handlung nicht auf ein Thanksgiving-Fest, sondern erzählt episodenhaft von Sophies dreizehnten Lebensjahr an verschiedene Abschnitte, die mit ihr und ihren Beziehungen zu tun haben.

Sophie ist geprägt von ihrem jüdischen Elternhaus, auch wenn sie selber mit der Religion recht wenig anfangen kann. Sie ist unsicher, fühlt sich immer ein wenig fehl am Platz und versucht schon von klein auf zu gefallen. Immer wieder will sie die Erwartungen ihrer Umgebung erfüllen, und weiß doch oft gar nicht, wie sie dies tun soll. Ständig scheint sie in Fettnäpfchen zu treten und obwohl sie das Gefühl hat, dass sie sich Mühe gibt, scheitert sie an ihren Vorhaben. Doch vor allem in ihren Beziehungen geht ständig etwas schief – und es dauert Jahre bis Sophie dahinter kommt, dass auch sie Erwartungen an die Männer in ihrem Leben gestellt hat, die diese kaum erfüllen konnten.

Melissa Bank erzählt eine Geschichte, die nicht aufregend ist. Sie zeigt keine ungewöhnliche Frau, der spannende Sachen passieren. Sophie ist diejenige, die mit den interessanten Mädchen am College zusammenwohnt, sie ist die, die in einem faszinierenden Berufsfeld arbeitet, aber dort nur eine kleine Nebenrolle spielt, und sie ist diejenige, die lange Zeit davon träumt, dass es anders wäre. Eigentlich hätte sie gern das aufregende Leben, den perfekten Beruf und die traumhafte Beziehung, die die anderen zu haben scheinen.

So besteht der Reiz dieses Buches weniger in den Dingen, die Sophie passieren, oder in den interessanten Charakteren als in den kleinen Szenen, die dazu führen, dass man sich mit der Hauptfigur identifizieren kann. Oder in den Momenten, die einem das Gefühl geben, dass man zwar immer wieder die gleichen Dummheiten macht, aber letztendlich jedes Mal ein kleines bisschen dazulernt. Ich habe den Roman gern gelesen, ihn unterhaltsam gefunden und auch ein paar Denkanstöße mitgenommen.

Allerdings muss ich zugeben, dass für mich am Ende ein wenig die Luft raus war und mir ein „runderer“ Abschluss lieber gewesen wäre. Auch sind die Zeitsprünge gewöhnungsbedürftig: Melissa Banks erklärt wenig, was sehr stimmig ist, aber dafür muss sich der Leser erst einmal wieder zurechtfinden. Man muss herausfinden, wo sich Sophie gerade befindet, was in der Zwischenzeit geschehen ist, welcher Mann gerade eine Rolle spielt und was mit den ganzen Personen passiert ist, die man früher schon kennengelernt hatte.

Tanja Wekwerth: Mitternachtsmädchen

Wenn ich ein Buch lese, dann mach ich mir in der Regel ein paar Notizen. Ich halte meine Eindrücke fest oder kommentiere den Roman. Bevor ich dann eine Rezension schreibe, schau ich mich online ein bisschen um und gucke, was andere Leute über das Buch geschrieben haben. Und manchmal frage ich mich, ob ich den gleichen Titel vor der Nase hatte, wie diese Jubelrezensenten (z.B. bei Amazon). Tanja Wekwerths Roman „Mitternachtsmädchen“ hinterlässt bei mir wieder dieses Gefühl, dass ich ein anderes Buch gelesen habe als die anderen.

Laut Klappentext handelt das Buch von den Zwillingen May und April, die kurz nach ihrer Geburt getrennt werden und sich ein Leben lang unvollständig fühlen. Doch der größte Teil dieses Romans dreht sich um Molly. Molly ist in Kilborough geboren und hat schon als Teenager angefangen sich um eine kleine Pension am Rande des Ortes zu kümmern. Vier kleine und gemütliche Zimmer und ein Speisesaal mit einer umwerfenden Ausblick auf das Meer stehen dort den Gästen zur Verfügung. Mit Molly zusammen lernt man den Alltag in der kleinen Pension und die unterschiedlichen Besucher kennen und vor allem gelingt es der Autorin den Leser für die Landschaft, das Meer und den fast magisch wirkenden Speisesaal zu begeistern.

In dieser Pension ist Mary zu Gast, als sie die Zwillinge May und April zur Welt bringt. Von vornherein ist klar, dass die junge Frau nur wieder zurück nach London will – ohne Kinder und ohne die Erinnerung an den Mann, von dem sie diese empfangen hat. Für Molly hingegen sind die Mädchen ein Segen und sie fürchtet den Tag, an dem sie sich von ihnen trennen müsste. Ganz genau hat sie sich schon ausgemalt, wie sie für die Zwillinge in Zukunft sorgen kann. Doch dann gibt Mary eine ihrer Töchter zur Adoption frei …

April geht zusammen mit einem deutschen Ehepaar nach Berlin, doch das ist nur die erste Station auf ihrem Lebensweg. May hingegen bleibt Molly und der Pension erhalten und wagt nur selten eine Reise, die sie von Kilborough wegführt. Während die Schwestern ohne voneinander zu wissen ihr Leben führen, sind beide doch immer auf der Suche nach ihrer Vergangenheit und dem fehlenden Teil in ihrem Leben.

Mich hat das Buch ein wenig unbefriedigt zurückgelassen. Die Autorin springt zwischen den verschiedenen Personen und bringt so ein wenig Abwechslung in die Geschichte, doch letztendlich dümpelt die Handlung wie ein See an einem windstillen Sommertag. Die Pension wird stimmungsvoll beschrieben und es entsteht eine regelrechte Sehnsucht nach dem Meer beim Lesen – und doch ließ mich der später eintretende Verfall des Gebäudes kalt. Doch vor allem hatte ich ein Problem mit den Charakteren. Molly ist eine nette und etwas einfacher Person, die man schnell ins Herz schließt. Aber sie wird überlagert von all den Figuren, die durch ihren Egoismus, ihren Ergeiz und ihren Selbstbetrug hervorstechen.

Keine der vielen Frauenfiguren hatte ein einigermaßen normales Verhältnis zu einem Mann – oder gar zu ihrem eigenen Körper. Und auch wenn ich es erfrischend fand, dass dieser Roman keine Happy-End-Liebesgeschichte beinhaltete, so wären mir in einigen Passagen weniger erigierende Penisse (und dies ohne Sexzenen!) und dafür mehr Tiefgang doch lieber gewesen. Die „Mitternachtsmädchen“ waren unterhaltsam und die Landschaften wurden sehr stimmungsvoll beschrieben, aber am Ende blieb bei mir vor allem das Gefühl zurück, dass die Autorin selber nicht so recht wusste, was sie mit ihrer Geschichte erzählen wollte.

Eeva-Kaarina Aronen: Der Sommer vor meinem Fenster

Vielleicht hatte mich der Klappentext in die Irre geführt, der von einem Sommer erzählt, in dem eine Rundfunkjournalistin dramatische Ereignisse in ihrer Nachbarschaft beobachtet, aber „Der Sommer vor meinem Fenster“ gehörte zu den Romanen, durch die ich mich regelrecht durchquälen musste. Sprachlich schreibt Eeva-Kaarina Aronen sehr schön, ihre Ausdrucksweise kann man anfangs durchaus genießen, doch irgendwann kommt das Gefühl auf, dass die Autorin so gar nicht zu sagen hat. Oder sich zu sehr bemüht das Gesagte malerisch zu verpacken und dem Leser so die Lust am Text nimmt.

Kapitelweise stellt sie die verschiedenen Nachbarn ihrer Hauptfigur Hagar vor, die von der ihnen nachspionierenden Journalistin auch noch lauter Spitznamen verpasst bekommen haben. Bis ich die verschiedenen Beziehungen und Hintergründe verstanden hatte, hatte ich schon gar keine Lust mehr mich mit diesen Personen zu beschäftigen. Und während ich darauf wartete, dass endlich etwas großes passiert, schiebt Eeva-Kaarina Aronen einen Exkurs über die russisch-finnische Vergangenheit ein.

Dieser Part ist überaus faszinierend, mir waren vorher viele Verbindungen nicht bekannt und ich habe interessiert die Entstehung des russischen Kommunismus und seine Folgen für Finnland verfolgt – nur um dann wieder mit Hagar zusammen auf das Straßenfest der kleinen finnischen Gemeinde hinzuarbeiten. Endlich wird aus den vielen vielen Andeutungen, die seit Anfang des Buches gemacht wurden, ein konkretes Ereignis. Aber inzwischen hat die Autorin mich schon längst verloren. Hagar ist mir unsympathisch und die Vorgänge in ihrer Siedlung sind mir egal und die soooo lange aufgebaute Spannung endete für mich mit einem enttäuschenden kleinen „Puff“. Wenn ich wirklich einmal mehr über finnische und russische Geschichte lernen will, dann suche ich mir ein gutes Sachbuch. Von dieser Autorin hingegen werde ich wohl so schnell kein Buch mehr lesen, denn ich fühlte mich einfach nicht gut genug unterhalten, um die Durststrecken zwischen den interessanteren Teilen mühelos durchzuhalten …

Farahad Zama: Mister Alis Hochzeitsagentur für hoffnungslose Fälle

Obwohl der Titel „Mister Alis Hochzeitsagentur für hoffnungslose Fälle“ ein wenig irreführend ist, denn für Mister Ali gibt es keinen Menschen, für den er nicht den passenden Ehepartner finden könnte, gefällt er mir deutlich besser als der Originaltitel „The Marriage Bureau For Rich People“. Und weil ich eine Schwäche für Geschichten aus Indien habe und mich der Titel so ansprach, konnte ich es kaum erwarten meine Nase in das Buch zu stecken. Belohnt wurde ich mit einem bezaubernden Roman voller liebenswerter Figuren, humorvoller Szenen und einem kleinen Blick in die indische Kultur.

Mister Ali ist nach einem Arbeitsleben als Beamter in den Ruhestand getreten und könnte nun zusammen mit seiner Frau seinen Lebensabend genießen. Doch die Untätigkeit macht ihn schier verrückt – und seine Unruhe stört das geregelte Leben seiner Angetrauten – und so beschließt er als Hobby ein Heiratsbüro nach westlichem Vorbild aufzubauen. Eine innovative Idee für die sonst so traditionell bestimmte Suche nach einem Ehepartner. Statt die Eltern oder einen professionellen Heiratsvermittler zu beauftragen gezielt die richtige Person zu finden, bietet Mister Ali eine Kartei an, auf die die Klienten zurückgreifen können. Und was als Hobby begann, wird schnell so erfolgreich, dass Mister Ali dringend eine Sekretärin einstellen muss, die ihm bei der Büroarbeit hilft.

Auch die neue Sekretärin Aruna hat Probleme bei der Suche nach einem Ehemann. Ihre Familie ist, nach einer Erkrankung des Vaters, hoch verschuldet, was dazu führt, dass sie sich keine Hochzeit leisten kann. So leicht und heiter die einzelnen Episoden geschildert sind, so nutzt Farahad Zama dieses Buch, um einem die Augen für die großen und kleinen Probleme Indiens zu öffnen. Da gibt es die Putzfrau der Alis, die die lebenswichtige Operation des Enkels nicht finanzieren kann, oder der politisch aktive Sohn Rehmann, der Mister Ali und seiner Frau so manchem Kummer bereitet.

Mister Ali und seine Hochzeitsagentur gehören zu den wenigen Romanen in den letzten Monaten, die fest in meinen Bestand gewandert sind. Ich habe selten eine so bezaubernde und liebevolle Geschichte gelesen, in der humorvoll ein kleines Stückchen Indien beschrieben wird, ohne dass dabei vor den Missständen im Land die Augen verschlossen wird. Hier bekommt man keine Romantik nach Art der Bollywood-Filme präsentiert, kann aber trotzdem eine schöne Liebesgeschichte genießen, über das Geheimnis einer guten Ehe nachdenken und sich mit der fremdartigen Kultur eines faszinierenden Landes auseinandersetzen.