Schlagwort: Allgemeine Belletristik

Emily Wu: Feder im Sturm

„Feder im Sturm – Meine Kindheit in China“ (oder wie es im englischen noch etwas gelungener untertitelt wird: „A Childhood lost in Chaos“) ist ein biografischer Roman von Yimao (Emily) Wu, die während Maos Kulturrevolution aufgewachsen ist. Ich lese sehr gern so persönliche Berichte über geschichtliche Ereignisse, denn das lässt sie für mich greifbarer und erlebbarer werden. Und da die Kulturrevolution vor meiner Geburt stattfand, hatte (und habe) ich in diesem Bereich doch eine erschreckende Wissenslücke. Natürlich bin ich grob darüber informiert, was Mao damit bezweckte und welche Folgen diese für China hatte, aber die genaueren Zusammenhänge und Daten für eine detaillierter zeitliche Zuordnung haben mir lange Zeit gefehlt.

Durch Yimaos Augen erlebt der Leser von „Feder im Sturm“ die vorhergehenden Hungerwinter in China mit und wie ihr Vater Jahre in einem Straflager verbrachte, weil er in Amerika studiert hatte. Als er endlich wieder als Professor an einer Universität arbeiten darf, ist er schnell beliebt bei seinen Studenten, denen er die englische Literatur näher bringt. Doch kurz darauf verwandeln sich diese netten Studenten in einen unberechenbaren Mob, der verwüstend und mordend durch die Straßen zieht. Genauso wie für die junge Yimao gibt es für den Leser so viele Geschehnisse, die mit dem Verstand nicht nachvollziehbar sind. Die Gewalt, die von diesen gebildeten Menschen ausgeht, die Ächtung von Kultur, Literatur und den Traditionen, sind ohne das Wissen um die vorhergehende Propaganda kaum zu verstehen.

Die Familie Wu wird später auf’s Land verbannt, wo sie weiterhin der Willkür andere Menschen ausgesetzt ist. Für Yimao bedeuten diese politischen Wendungen der Verlust der Kindheit – und dabei hatte es ein Mädchen in dieser Zeit in China eh schon nicht einfach. Ich weiß gar nicht, was mich mehr entsetzt hat: Die politischen Vorgänge oder die privaten Umstände für die Frauen. Was die Politik angeht und die Morde und Misshandlungen, die im Namen des Regimes verübt wurden, so möchte man doch immer glauben, dass soetwas nie wieder irgendwo auf der Welt möglich sein kann (was leider durch die Geschichtsschreibung widerlegt wird). Aber dass selbst in einem so intellektuellen und aufgeklärten Haushalt wie der Familie Wu so ein großer Unterschied zwischen den Söhnen und der Tochter gemacht wird, ist für mich fast genauso unbegreiflich.

„Feder im Sturm“ ist auf jeden Fall ein faszinierender, informativer und mitreißender Roman über eine Kindheit in China während der Kulturrevolution – und es wird bestimmt nicht das letzte Buch gewesen sein, dass ich zu diesem Thema lesen werde.

Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

Als ihre Großmutter stirbt erbt Iris das Haus, das für sie mit so vielen Kindheiterinnerungen verbunden ist. Hier hat sie mit den anderen Familienmitglieder jeden Sommer verbracht und zusammen mit ihrer Kusine Rosmarie und deren Freudin Mira fantasievolle Spiele gespielt. Noch überlegt die Bibliothekarin, ob sie das Erbe annimmt, doch je mehr sie sich auf das alte Haus einlässt, je mehr sie über die Vergangenheit ihrer Großmutter Bertha erfährt, desto mehr fühlt sie sich mit dem Hof und ihrer Familie verbunden.

Zu Beginn zieht einen die Autorin in ein schon fast unwirklich erscheinendes Umfeld. Der kleine Ort, der alte Hof und die Fülle an wunderbaren Kindheitserinnerungen wirken beinah magisch auf den Leser. Katharina Hagena beschreibt so lebhaft die Szenen, die sich in den vergangenen Jahren dort zugetragen haben, dass man regelrecht das Gefühl hat, den Duft von Apfelblüten, von Gras im Sonnenschein und üppig blühenden Blumenbeeten in der Nase zu haben.

Auch die Erinnerung an Rosemaries Tod und der langsam aufkommende Verdacht, dass der Großvater den Frauen in seiner Familie das Leben arg schwer gemacht hat, kann an der wunderbaren Atmosphäre dieses Buches erst einmal nichts ändern. Doch an manchen Stellen werden die Beschreibungen so gewollt poetisch, dass es nur schwer zu akzeptieren ist und auch die Geschichte schwächelt gegen Ende.

Iris ist so begierig darauf, mehr über ihre Großmutter zu erfahren. Doch als sie endlich jemanden gefunden hat, der ihr auf ihre Fragen antwortet, verliert sie sich lieber in Tagträumen. Stellt sich vor wie es hätte sein können, ohne dem alten Herren, der nur schweren Herzens seine Erinnungen für sie öffnet, wirklich zuzuhören. Auch der ungemein harmonische Schluss wirkt, als ob die Autorin auf halber Strecke nicht mehr gewußt hätte, wohin ihre Handlung gehen sollte, und sich dann dachte, dass ein Happy-End immer zieht.

Max, der Bruder von Mira, war Iris in ihrer Kindheit keinerlei Beachtung wert, doch nun entspinnt sich eine leise Liebesgeschichte zwischen den beiden. Und diese ersten zarten Anfänge wirken soviel stimmiger und romantischer als der letzte Abschnitt, der dem Leser mit dem Holzhammer beibringt, wie glücklich Iris doch Jahre später auf dem Hof der Familie geworden ist. Nach einem überaus vielversprechenden Anfang hat mich das Buch letztendlich doch enttäuscht. Sehr schade, denn die ersten Seiten hatte mir so gut gefallen …

Amulya Malladi: 100 Arten eine Mango zu essen

Die siebenzwanzigjährige Priya Rao ging vor vielen Jahren von Indien nach Amerika, um dort zu studieren. Inzwischen hat sie sich in dem fremden Land ein gutes Leben aufgebaut, arbeitet in der IT-Branche und es gibt auch einen Mann, in den sie sich verliebt hat. Doch von Nick, den sie heiraten will, hat sie ihrer Familie nichts erzählt. Priya ist sich darüber im klaren wie traditionsbewußt ihre Familie ist – und wie sehr ihre Eltern damit rechnen, dass sie standesgemäß heiraten wird. Zum ersten Mal seit vielen Jahren reist die junge Frau nun wieder in ihre Heimat und schnell wird ihr bewußt, wie weit sie sich von dem Leben ihrer Eltern entfernt hat.

Sie ist nicht mehr das kleine Mädchen, das dem Großvater zuhört, wenn er seine Geschichten erzählt. Während sich die ganze Familie zum traditionellen Mangokochen bei den Großeltern versammelt, löst Priyas Haltung gegenüber den Vorgängen in ihrem Umkreis so einige offenen Aussprachen aus. Sie kann nicht mitansehen, wie ihre Tante regelrecht zu einer dritten Schwangerschaft gezwungen wird, damit endlich der ersehnte Sohn geboren wird. Und auch der verächtliche Umgang mit derjenigen von ihren Tanten, die seit zehn Jahren erfolglos auf dem Heiratsmarkt gehandelt wird, erbost die emanzipierte junge Frau.

Amulya Malladi, die selber eine im Ausland lebende Inderin ist, gelingt es ganz hervorragend die Spannungen zwischen den Traditionen und dem modernen Leben aufzuzeigen. Obwohl einige ihrer Charakter ziemlich rassistisch denken und handeln, habe ich die verschiedenen Figuren schnell lieb gewonnen. Keiner von ihnen meint es böse, all diese menschenverachtende Aussagen zeugen eher von Unwissen und einen umgesunden Verhaften an alten Regeln. Denn als Priya ihre Familie dazu zwingt mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, und ihnen aufzeigt, wie sehr sie ihre Lieben durch ihr Verhalten verletzten, sind sie in der Lage zaghaft ihr Denken zu verändern. Dabei bleiben sie immer noch fehlerhafte, dickköpfige – und doch liebenswerte – Personen, die sich eben schwer durch Argumente überzeugen lassen.

Mir hat dieser Roman auf überaus unterhaltsame Weise die Augen für einen kleinen Teil Indiens geöffnet. Gerade diese Gradwanderung zwischen dem Erhalt der altvertrauten Traditionen und dem notwendigen Umdenken, um in einer modernen Welt zu bestehen, ist sehr schön dargestellt. Und neben dem informativen Teil gibt es unglaublich viele kleine humorvolle Szenen, die das Lesen zu einem Vergnügen machen.

Ricarda Martin: Tochter der Schuld

Alaynes Leben wird von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt: Ihre Tocher eröffnet ihr erst im letzten Moment, dass sie demnächst im Ausland studieren will, ihre geliebte Großmutter erleidet einen Schlaganfall und ihr Mann Michael betrügt sie mit ihrer besten Freundin. Um zu überlegen, wie es in Zukunft weitergehen soll, flüchtet Alayne in das Cottage ihrer Großmutter Edith, wo sie nicht nur auf dem Dachboden sehr alte und sehr edle Kinderkleidung mit einem Wappen findet, sondern auch die Nachricht bekommt, dass in dem ehemaligen Wirtshaus der Großmutter während des Abriss eine Leiche gefunden wurde. Edith erzählt Alayne daraufhin von dem Küchenmädchen Edwina und ihrer unstandesgemäßen Liebe zu dem jüngsten Sohn eines alten Adelsgeschlechts …

Auch wenn der Part um Alayne ein ganz stimmungsvoller Anfang für dieses Buch ist, so ist es Ricarda Martin erst nach fast hundert Seiten gelungen mich richtig in die Geschichte zu ziehen. Der Teil, in dem es um Edwina, ihre unglückliche Liebe und die Intrigen des Lords gegen die Beziehung zwischen dem Küchenmädchen und seinem Bruder geht, ist wirklich spannend und flüssig geschrieben. Der Autorin ist es so schön gelungen die Atmosphäre in dem Herrensitz vor dem Zweiten Weltkrieg einzufangen, dass man gleich richtig in der Geschichte drin ist.

Überraschende Wendungen sorgen dafür, dass man den Roman in einem Rutsch runterlesen kann, obwohl die einzelnen Elemente jedem vertraut sein dürften, der schon mal eine Familiensaga gelesen hat. Ein wenig enttäuschend ist dann wieder das schwache Ende, wenn der Erzählstrang zurück in die Gegenwart und zu Alayne springt. Hier bekommt man das Gefühl, dass die Autorin diesen Part irgendwie abschließen wollte – und natürlich brauchte es ihrer Ansicht nach ein HappyEnd, damit man das Buch in dem Wissen zuklappen kann, dass auch für Alayne noch ein schöner Lebensabend anbrechen wird. Trotzdem ein schönes und unterhaltsames Buch, das mir sehr gut gefallen hat!