Dean Atta: The Black Flamingo

Wenn man „The Black Flamingo“ von Dean Atta beginnt, fällt sofort die ungewöhnliche Erzählweise ins Auge, die der Autor für seine Geschichte gewählt hat. Denn Dean Atta ist in erster Linie ein Poet und so hat er auch sein Buch als eine „verse novel“ geschrieben, bei der die einzelnen (häufig kurzen) Gedichte von verschiedenen Momenten in dem Leben des Protagonisten Michael erzählen. Dabei begleitet der Leser Michael von seinem sechsten bis zu seinem neunzehnten Lebensjahr und erfährt so viel darüber, welche Wege dieser auf der Suche nach seiner eigenen Identität einschlägt. Denn Michael ist nicht nur ein schwarzer Brite mit jamaikanisch-zypriotischer Abstammung, der sich weder jamaikanisch noch griechisch-zypriotisch genug fühlt, um wirklich zu einer dieser Zuwanderergruppen zu gehören, sondern Michael ist auch schwul und hat von klein auf mit den dementsprechenden Vorurteilen und Anfeindungen zu kämpfen.

I Want to Be a Pink Flamingo

Pink. Definitely pink.
I want my feathers to match
the hue you imagine.
I want to blend in.
Nothing but flamingoness.

David Attenborough would say,
„Here we see the most typical flamingo.“

Though I don’t want to be the most,
just typical. A wrapping-paper pattern.
I don’t want to stand apart.
Nothing different about my parts.
My beak just a beak, my head just a head.
My neck, body, wings. Simply fit for purpose.
Standing on one leg, just like the rest.
Pink. Definitely pink. (Seite 194)

Ich fand Michaels Geschichte sehr berührend zu lesen, gerade weil er im Laufe der Zeit immer wieder darüber nachdenkt, wie andere Menschen ihn eigentlich sehen und was diese Sicht der anderen mit ihm selber macht. Außerdem war es spannend, die vielen unterschiedlichen Gedichtformen zu lesen und zu sehen, wie jedes einzelne dieser Gedichte für sich stehen kann und doch gleichzeitig einen wichtigen Teil des Gesamtbilds darstellt. Dean Attas Spiel mit der englischen Sprache habe ich wirklich genossen, und seine Zeilen haben noch einige Zeit nach dem Lesen in mir nachgeklungen. So gelingt es dem Autoren, Michael nicht nur als Protagonisten, sondern auch als Künstler innerhalb der Geschichte wachsen zu lassen. Dabei muss Michael sich mit seinen eigenen Vorurteilen und Schwächen ebenso auseinandersetzen wie mit seinen Stärken und Wünschen. Das bringt auf diese Weise den Leser fast beiläufig dazu, ebenfalls über sein Verhalten und seinen Umgang mit sich selbst und anderen nachzudenken.

Only one name comes to mind. It’s like
I’ve said it before: „I am The Black Flamingo
and my pronouns are he and him,“ I declare.
I’m sure of this for the first time ever.

They look at each other, then at me,

Then Mzz B asks, „So are you a king,
a queen or …?“

„Neither,“ I say. „I’m just a man and I want
to wear a dress and make-up on stage,
I want to know how it feels to publicly
express a side of me I’ve only felt privately
when playing with my Barbie as a boy.
It was only at home that I’d play with that toy;
I knew my Mum loved me more than
anyone else and with her I could be myself.
I didn’t think boys could do ballet, certainly
not a black boy and definitely not me.
I was already suspicious that people were
nice to me despite me being different.
I never wanted to take my difference too far.“
[…] (Seite 206)

Faszinierend war es auch zu sehen, wie viele unterschiedliche Themen Dean Atta in diesem Buch anspricht und dass sich dies beim Lesen anfühlt, als ob er nur eine helfende Hand reichen will, damit der Leser seinen Horizont etwas erweitert kann. Dabei kann man wohl davon ausgehen, dass Dean Atta sehr viele Elemente seiner eigenen Biografie in Michaels Geschichte verarbeitet hat, denn auch der Autor ist schwarz und schwul und Drag-Künstler. Ich muss gestehen, dass es mir überraschend schwerfällt, über dieses Buch zu schreiben, weil es so viel beinhaltet, dass ich gar nicht auf alle Aspekte eingehen kann. Ich kann nur sagen, dass „The Black Flamingo“ mich sehr berührt hat, und deshalb wünsche ich diesem Titel viele Leser, die gemeinsam mit Michael ein kleines bisschen wachsen und ihre Flügel ausbreiten dürfen.

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