Shion Miura: The Easy Life in Kamusari

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „The Easy Life in Kamusari“ von Shion Miura gelesen habe. Genau genommen habe ich das Buch im vergangenen Dezember während meines „Jahresausklangs“ gelesen und bei der Gelegenheit auch schon ein bisschen was dazu geschrieben. Was mir normalerweise reichen würde, um keine „richtige“ Rezension mehr zu schreiben, wenn das Lesen schon so viele Monate her ist. Aber immer wenn ich darüber nachdenke, dass ich den Roman einfach ins Regal stellen könnte, fallen mir all die kleinen Gedanken dazu ein, die ich doch noch gern losgeworden wäre. Und sei es nur, um mal hier zuzugeben, dass ich nonbinäre, weibliche und männliche Autor*innen mit zweierlei Maß messe und an letztere (aufgrund meiner Erfahrungen) grundsätzlich geringere Erwartungen stelle.

Die Handlung in „The Easy Life in Kamusari“ dreht sich um Yuki Hirano, der zu Beginn der Geschichte gerade die High School beendet hat und von seinen Eltern – ohne Absprache mit ihm – in ein Forstwirtschafts-Training-Programm eingeschrieben wurde. Yuki gibt in seinen Aufzeichnungen zu, dass er selbst keinerlei Ahnung hatte, was er beruflich machen sollte, aber ich war trotzdem etwas irritiert, dass er so passiv alles mit sich machen ließ. Er landet im tiefsten Hinterland von Japan, ohne Internet oder andere Kommunikationsmöglichkeiten, und ist in den ersten Monaten einfach nur jeden Abend fürchterlich erschöpft von der harten Arbeit. Nach und nach lernt er aber die Vorzüge von Kamusari schätzen, fühlt sich in den Wäldern der Umgebung wohl und findet in seinem Arbeitskollegen Yoki ein (zweifelhaftes) Vorbild. Außerdem lernt er die junge Grundschullehrerin Nao kennen und „verliebt“ sich in sie.

Es gibt eine Menge Elemente, die ich an der Geschichte wirklich mochte, vor allem die vielen Szenen rund um japanische Forstwirtschaft, die ich interessant und informativ fand. Außerdem erinnerten mich sehr viele Momente zwischen Yuki und seinen (durchgehend männlichen) Arbeitskollegen an die Pausenszenen in dem Film „The Woodsman and the Rain“, wo sich die Forstarbeiter über ihren Tag und ihr Privatleben austauschen und deutlich wird, dass diese Personen sich seit Jahren in- und auswendig kennen und ihre ganz eigenen persönlichen Rituale haben. Dazu kam in „The Easy Life in Kamusari“ ein Hauch von Aberglaube/Magie rund um den Wald in Kamusari, was ich unterhaltsam fand und was zu so einigen absurd-amüsanten Szenen führte, so dass ich das Lesen des Romans eigentlich genossen habe.

Was mich dazu bringt, dass ich bis zum Ende der Geschichte glaubte, dass Shion Miura ein männlicher Autor sei, da Shion nun mal die japanische Form von Sean ist. Das führte dazu, dass ich das eine oder anderen Element in dem Roman hingenommen habe, obwohl es mich beim Lesen störte. Es gibt ein paar Szenen mit männlich-pubertärem Humor, auf die ich persönlich hätte verzichten können, und die wenige weiblichen Nebenfiguren fühlten sich wie Abziehbilder an, was meine Vermutung, dass es sich um einen männlichen Autor handelte, bestärkte. Nachdem ich aber – dank der Autoreninfo – herausgefunden habe, dass Shion Miura eine Autorin ist, ärgert mich diese Darstellung der weiblichen Figuren wirklich sehr. Selbst wenn die Autorin damit versucht haben sollte, aus der Perspektive eines heranwachsenden Mannes zu schreiben, sehe ich keinen Grund dafür, wieso die Frauen in der Geschichte so klischeehaft und zweidimensional dargestellt werden.

Noch unangenehmer fand ich das „Verliebtsein“ von Yuki, da er seine Angebetete gerade mal einige Sekunden an einem Fenster stehend gesehen hatte, als er beschloss, dass er in die hübsche junge Frau verliebt sei – und ihr dann in den folgenden Monaten regelmäßig seine Anwesenheit aufdrängte, ohne auf ihre Wünsche und Gefühle einen Gedanken zu verschwenden. Diese Aspekte, die – wie ich zugeben muss – nur einen kleinen Teil der Handlung ausmachen, verderben mir ein bisschen die Erinnerung an diesen eigentlich netten Roman. Dabei ist mir bewusst, dass ich in dieser Beziehung mit zweierlei Maß messe und solche Elemente bei einem männlichen Autoren hingenommen hätte – auch wenn ich mich dadurch darin bestätigt gesehen hätte, dass ich nur noch selten von Männern geschriebene aktuelle Geschichten lese. Bei einer Autorin, bei der ich hingegen davon ausgehen muss, dass sie in ihrem Leben selbst einige Erfahrungen mit Misogynie gemacht hat, finde ich es umso ärgerlicher, dass sie die Gelegenheit nicht nutzt, um in ihren eigenen Romanen realistischere, vielschichtigere Frauenfiguren zu schreiben. Was dann auch der Grund ist, wieso ich keine Lust auf die Fortsetzung „Kamusari Tales Told at Night“ habe.

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