Von Skyla Dawn Cameron wusste ich anfangs nur, dass sie Urban-Fantasy-Bücher – genau genommen die Livi-Talbot-Romane – schreibt. Erst seitdem ich im vergangenen Jahr über die Ankündigung für den ersten Waverly-Jones-Band gestolpert bin, schaue ich auch nach anderen Veröffentlichungen von der Autorin. An ihre Horror-Romane traue ich mich noch nicht ran, aber mit „The Silent Places“ habe ich in der vergangenen Woche wirklich spannende Stunden verbracht. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Imogen Sharp erzählt, deren Ehemann Nick vor einem Jahr während eines Schneesturms spurlos verschwand. Imogen blieb allein mit ihrer (aktuell) fünfjährigen Tochter in dem kleinen Ort Red Fox Lake zurück, und all ihre Nachbarn scheinen davon überzeugt zu sein, dass sie Nick damals umgebracht hat. Zum Jahrestag von Nicks Verschwinden kommt eine Journalistin nach Red Fox Lake, die sich auf die Suche nach vermissten Personen spezialisiert hat. So sehr Imogen hofft, dass sie irgendwann Informationen darüber bekommt, was mit Nick passiert ist, so sehr fürchtet sie auch, dass die Aufmerksamkeit der Medien dafür sorgen wird, dass ihre Vergangenheit sie einholt.
Zwischen den Kapiteln, die aus Imogens Perspektive die aktuellen Ereignisse erzählen, gibt es auch immer wieder Passagen, die aus der Sicht von Chloe geschrieben wurden. Chloe lebt mit ihrem gewalttätigen Ehemann zusammen und sucht verzweifelt eine Möglichkeit, aus ihrer Ehe zu fliehen, ohne dass er sie vorher umbringt – und ja, es ist von Anfang an ziemlich klar, welche Verbindung es zwischen Imogen und Chloe gibt. Aber die Tatsache, dass diese zwei Handlungsstränge parallel erzählt werden, sorgt dafür, dass sich – obwohl relativ wenig zu passieren scheint – überraschend viel Spannung aufbaut. Die Chloe-Passagen enthalten einige Elemente, die aufgrund der geschilderten (oder angedeuteten) Gewalt eigentlich mit CWs versehen werden sollten, während in Imogens Part bis zum Showdown am Ende nichts wirklich Schlimmes passiert.
Das machte Imogens Teil deutlich spannender zu lesen, weil ich ständig darauf wartete, dass aus der unterschwelligen Bedrohung etwas Greifbares wird, gegen das die Protagonistin vorgehen könnte. Imogen wohnt allein mit ihrer kleinen Tochter in einem Haus außerhalb des Ortes, und immer wieder zeigen Fußspuren im Schnee, dass fremde Personen auf dem Grundstück waren. Es kommt zu Vandalismus und es gibt Anzeichen dafür, dass jemand ins Haus eingedrungen ist. Wobei viele dieser Vorfälle theoretisch von Jugendlichen aus Red Fox Lake begangen worden sein könnten oder von der recherchierenden Journalistin … Oder vielleicht war es doch nur Imogens Einbildung, die sie glauben ließ, dass in ihrem Zuhause etwas nicht in Ordnung ist? Diese Unsicherheit sorgte dafür, dass ich beim Lesen die ganze Zeit aufmerksam auf jeden Hinweis, auf jedes verdächtige Verhalten und auf jede weitere Wendung lauerte.
Ich finde es immer auch wieder faszinierend, wie es Skyla Dawn Cameron gelingt, Charaktere zu erschaffen, deren Erfahrungen mir so fern sind und deren Verhalten ich trotzdem so nachvollziehbar finde. Imogen ist sich bewusst, dass sie häufig zu misstrauisch und zu harsch ist, aber sie ist wild entschlossen, nie wieder in eine Position zu geraten, in der sie hilflos ist oder von jemandem als schwach wahrgenommen wird. Ihre Paranoia ist stimmig, wenn ihre Vergangenheit mit in Betracht gezogen wird, ebenso wie ihr Verhalten am Ende der Geschichte, das zu einer – für mich – doch ziemlich unvorhersehbaren Wendung führte. Die Tatsache, dass die Autorin mich immer wieder überraschen kann, obwohl ich das Gefühl habe, dass Thriller so oft nach dem selben Schema aufgebaut sind – was dann zu einem vorhersagbaren Showdown führt – sorgt dafür, dass ich definitiv noch mehr Thriller von ihr lesen möchte. Und wer weiß, vielleicht traue ich mich irgendwann sogar an die Horrorgeschichten von Skyla Dawn Cameron heran.
