Schlagwort: Horror

Karen E. Taylor: Cellar

Ich hatte ja schon in meinem letzten „Dies und Das“-Beitrag angedeutet, dass „Cellar“ von Karen E. Taylor“ bei mir einen wunden Punkt getroffen hat. „Cellar“ ist Teil eines Bundles („Modern Magic – Twelve Tales of Urban Fantasy“), in dem zwölf verschiedene Romane angeboten wurden. Da das ganze Bundle gerade mal 1,99 Euro kostete, dachte ich, es sei eine gute Gelegenheit für mich, neue Fantasyautoren auszuprobieren. „Cellar“ wird aus der Sicht von Laura Wagner erzählt, die erst vor kurzer Zeit nach Woodland Heights gezogen ist. Laura ist frisch geschieden, Mutter von zwei Kindern (die bei ihrem Vater aufwachsen) und Alkoholikerin. Genauer gesagt ist sie alkohol- und valiumsüchtig und zu Beginn der Geschichte hat sie gerade erst in betrunkenem Zustand einen Unfall gebaut, bei dem sie beim Ausparken mit ihrem Auto einen Polizeiwagen angefahren hat. Im folgenden Prozess wird Laura zu einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik verurteilt und muss sich von diesem Zeitpunkt an mit ihrer Sucht auseinandersetzen.

So weit alles ganz normal, wenn auch etwas unschön, doch zu diesen Elementen kommen noch die Stimmen, die Laura immer wieder in ihrem neuen Haus hört, die Albträume, das Schlafwandeln und das unheimliche Gefühl im Keller. Und ich muss zugeben, dass ich gerade in der ersten Hälfte des Buches diesen Keller wirklich gruselig fand. Die Autorin schafft immer wieder atmosphärische Momente, in denen eine Präsenz in Lauras Haus dafür sorgt, dass Laura zu kippen droht, dass sie falsche Entscheidungen trifft oder in Gedankenschleifen festhängt, die ihr nicht guttun. Häufig ist es dann ein Impuls von Außen, der Laura im letzten Moment rettet, aber darauf kann sich der Leser ja nicht verlassen, so dass es ein paar spannende Stellen gibt.

Aus der Perspektive von Mike, der nicht nur der Polizist ist, dessen Auto Laura angefahren hat, sondern der auch im Laufe der Geschichte ein sehr persönliches Interesse an Laura entwickelt, bekommt man zusätzlich noch mit, dass vor fünf Jahren – zu der Zeit, als Lauras Haus noch in Besitz eines alten Ehepaares war und die Neubausiedlung rund um das Haus noch nicht entstanden war – sechs Kinder in der Gegend spurlos verschwanden und nie wieder gefunden wurden. Mike ist von diesem Fall wie besessen und natürlich steht für den Leser von Anfang an fest, dass es eine Verbindung zwischen den verschwundenen Kindern und den Erscheinungen im Haus geben muss.

Ich gebe zu, dass ich bei allem, was in Richtung Horror geht, ein Weichei bin. Und gerade zu Beginn der Geschichte hat mich Karen E. Taylor mit „Cellar“ wirklich fertig gemacht. Auf der einen Seite wollte ich zwar wissen, was hinter den verschiedenen Vorkommnissen steckt, auf der anderen Seite hat mir die Vorstellung von einer bösen Präsenz an einem Ort, der doch eigentlich eine sichere Zuflucht sein sollte, unruhige Träume verursacht. Am Ende war die ganze Geschichte gar nicht so schlimm, die Auflösung lag sogar sehr früh auf der Hand und in der zweiten Hälfte kamen mir all die „gruseligen“ Momente schon nicht mehr so unheimlich vor (Wiederholung härtet eben ab), aber das ändert nichts daran, dass allein schon die Tatsache, dass meine Vorstellungskraft aufgrund der in dem Buch beschriebenen Ereignisse lauter schaurige Bilder produziert hat, das Lesen für mich stellenweise zu einer Herausforderung gemacht hat.

Insgesamt bin ich etwas zwiegespalten. Bei einer amerikanischen eBook-Ausgabe des Buches habe ich den Hinweis der Autorin gefunden, dass es eine Neuauflage sei, die um einige Szenen und den Epilog ergänzt worden ist, und ich glaube, dass das die gleiche Version ist, die ich gelesen habe. Ein bisschen habe ich nun das Gefühl, dass die Stellen, die für mich etwas Spannung und Atmosphäre aus der Geschichte genommen haben, nachträglich eingefügt wurden, um die Charaktere weiter auszubauen. Wenn es so war, dann hat es zwar dafür gesorgt, dass ich den Roman relativ problemlos beenden konnte, aber auch dafür, dass ich das Gefühl hatte, die Liebesgeschichte zwischen Laura und Mike bekäme zu viel Raum und das würde zu Lasten der unheimlichen Atmosphäre gehen und die Handlung unnötig in die Länge ziehen. Auch hätte es den Epilog für meinen Geschmack nicht gebraucht – der war mir zu kitschig, zu „Ghost Whisperer“-mäßig, und ohne ihn wäre das Ende runder gewesen.

Jetzt hoffe ich nur, dass die weiteren elf Romane eher in Richtung „Fantasy“ statt „Horror“ gehen, mir keine unruhigen Nächte bescheren und mich weniger zwiespältig zurück lassen. *g*

[Kurz und knapp] Chris Priestley: Mister Creecher

Für „Mister Creecher“ von Chris Priestley bemühe ich mal den Klappentext des Bloomoon Verlags,statt eine eigene Inhaltsangabe zu schreiben:

„London 1818. Billy ist ein einsamer Straßenjunge und Taschendieb und schleicht auf seinen Raubzügen durch die düsteren Gassen der nebligen Straßen. Da stolpert er über eine leblos am Boden liegende Gestalt – ein vermeintlich leichtes Opfer für einen gewieften Taschendieb? Doch der monströse Riese entpuppt sich als eine Furcht einflößende Gestalt: Mister Creecher! Und der ist keineswegs wehrlos oder gar tot.
Aus der zufälligen Begegnung von Billy und Mister Creecher wird Stück für Stück eine ungewöhnliche Freundschaft, die sie auf eine abenteuerliche Reise in Richtung Norden führt – immer einem Ziel folgend: Viktor Frankenstein.“

 Ich muss zugeben, dass ich nach dem Lesen des Romans sehr zwiegespalten zurückbleibe. Auf der einen Seite hat mir „Mister Creecher“ sehr gut gefallen. Keine der Figuren ist richtig sympathisch, aber man kann ihre Motivationen und Handlungen nachvollziehen. Billy hat durch sein Leben auf der Straße eine Skrupellosigkeit entwickelt, die immer wieder sein Handeln bestimmt. Für ihn geht es immer wieder ums Überleben, und so ist seine Beziehung zu Mister Creecher auch immer davon bestimmt, welchen Nutzen er daraus ziehen kann. Mal geht er auf die Aufträge dieses Wesens ein, weil er sich fürchtet, mal deshalb, weil er finanziellen Nutzen daraus zieht. Freundschaft, Wärme oder Uneigennützigkeit kennt der Junge lange Zeit nicht, erst im letzten Drittel gibt es Momente, in denen man als Leser den Eindruck hat, dass er Gefühle für andere Menschen entwickeln kann.

Mister Creecher hingegen wirkt – trotz seines Furcht einflößenden Äußeren – anfangs sehr viel menschlicher. Er ist gebildet, liest Bücher (unter anderem Jane Austen), sehnt sich nach Nähe und Freundschaft und scheut vor Gewalt zurück. Trotzdem schimmert immer wieder eine weitaus gefährlichere Seite seines Charakters durch. Seine Wutausbrüche sorgen ebenso wie seine distanzierte Haltung gegenüber den Menschen und seine Besessenheit, wenn es um seinen Schöpfer Frankenstein geht, dafür, dass es schwer fällt, Vertrauen zu ihm aufzubauen.

Gerade diese Ecken und unsympathischen Seiten bei den Figuren haben mir sehr gut gefallen und ließen sie angenehm realistisch wirken. So kann ich auch gut damit leben, dass es für Billy und Mister Creecher am Schluss kein glückliches Ende gibt. Allerdings gefällt mir die Art und Weise nicht, in der Chris Priestley seinen Roman abgeschlossen hat. Für Billy gibt es da einen unfassbar schrecklichen Moment, der etwas in ihm zerbrechen lässt und dafür sorgt, dass all das „Gute“, das er im Laufe der vergangenen Monate in sich entdeckt hat, vollständig verschwindet. Um diese Entwicklung zu betonen, lässt der Autor Billy ein Verbrechen begehen und zeigt danach deutlich auf, welche Schritte der Junge in den nächsten Tagen gehen wird.

Mir persönlich wäre es deutlich lieber gewesen, wenn die Geschichte mit dem unfassbar schrecklichen Moment (puh, ist das schwierig, ohne zu sehr zu spoilern!) geendet hätte und wenn der Autor jede weitere Entwicklung der Fantasie des Lesers überlassen hätte. Das hätte diese Geschichte für mich so viel eindringlicher werden lassen. So aber fühle ich mich am Ende unbefriedigt und vom Autor entmündigt. Auch wenn „Mister Creecher“ für Jugendliche geschrieben wurde, so bin ich doch der Meinung, dass man nicht jede Anspielung erklären muss, nicht jede Andeutung noch einmal aufgreifen und weiterführen muss, damit der Leser kapiert, welche Absicht der Autor damit verfolgt.

Chris Priestley verweist mit seinem Roman auf diverse Klassiker (und macht damit auch Lust, sich wieder mehr mit seinen Inspirationsquellen zu befassen). Die Verbindung zu „Frankenstein“ ist unübersehbar und wird nicht nur durch die Figur des Mister Creecher und seine Beziehung zu Viktor Frankenstein betont, sondern auch durch einen „Gastauftritt“ von Mary und Percy Shelley. Die Bezüge zu „Oliver Twist“ liegen ebenfalls auf der Hand, werden vom Autor aber erst in den letzten Absätzen – quasi als große Enthüllung – tatsächlich ausgesprochen. Billys Leben in London, seine Vorgeschichte als Kaminkehrerjunge, seine Aktivitäten als Taschendieb – all das scheint 1:1 aus einem Roman von Dickens zu stammen. Da Chris Priestley es die ganze Geschichte hindurch (krampfhaft) vermeidet, bestimmte Namen zu nennen, gibt es erst am Ende für den Leser (der „Oliver Twist“ kennt) die Gewissheit, welche Rolle Billy im Dickens’schen Universum einnimmt.

Auch hier hätte ich es viel spannender gefunden, wenn der Autor anders vorgegangen wäre. Mich hatte schon während des Lesens gestört, dass manche Figuren keinen Namen haben, sondern nur durch ihre Beziehung zu anderen Charakteren benannt werden. Als ich dann die „überraschende Wendung“ am Schluss las, war ich enttäuscht. Wie viel spannender wäre der Roman gewesen, wenn ich von Anfang an gewusst hätte, wer diese Personen sind und wenn ich mich beim Lesen hätte fragen können, wie Chris Priestley es letztendlich schaffen wird, seine Charaktere und ihre Geschichte mit den bekannten Elementen zu verflechten und daraus etwas Stimmiges zu erschaffen.

Noch bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich den Roman behalten werde. Abgesehen vom Ende hatte er mir wirklich gut gefallen – sehr atmosphärisch, sehr viele Szenen, die zeigen, dass das viktorianische Zeitalter bevorsteht, stimmige Charaktere, schöne Verweise auf Literaturklassiker -, aber momentan fürchte ich, dass ich die Geschichte nicht noch einmal lesen werde.

[Kurz und knapp] Bram Stoker: Dracula (Hörbuch)

„Dracula“ von Bram Stoker gehört zu den Klassikern, die ich als Teenager gelesen hatte. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, wie viele Bücher ich damals ein Mal und dann nie wieder gelesen hatte – und bei wie vielen ich mich nicht mehr an Details erinnere. Als also Ariana schrieb, dass sie ein gutes „Dracula“-Hörbuch gehört hatte, dachte ich, dass das eine gute Gelegenheit wäre, um meine Erinnerung aufzufrischen. Zum Glück gab es genau diese Ausgabe in der Bibliothek, und so habe ich in den letzten Tagen einige Stunden mit Jonathan und Mina Harker, Lucy Westenra, ihren Verehrern Arthur Holmwood, Dr. John Seward und Quincey P. Morris sowie dem genialen Professor van Helsing verbracht.

Die Handlung an sich dürfte bekannt sein, darauf muss ich wohl nicht eingehen. Dafür sind mir immer wieder Kleinigkeiten aufgefallen, die ich überraschend naiv fand. So behauptet Lucy in einem Brief an Mina, dass sie schon zwanzig sei und noch nie einen Verehrer gehabt habe bis zu dem Tag, an dem sie gleich drei Heiratsanträge bekam. Und sehr schmunzeln musste ich bei all den Bluttransfusionen für Lucy, als diese erkrankt. Jeder verfügbare Mann wurde angezapft, um Lucy Blut zu spenden, während bei mir die Frage nach Blutgruppenübereinstimmungen durch den Kopf geisterte. Dass die Transfusion als „Operation“ bezeichnet wurde, sehe ich hingegen nur als ein Beispiel von vielen für die altmodische Ausdrucksweise, die mir bei diesem Klassiker immer wieder in Ohr gesprungen ist.

Ansonsten kann ich mich Ariana nur anschließen (und könnte es mir deutlich einfacher machen, wenn ich einfach ihre oben verlinkte Rezension zitieren würde 😉 ). Die Hörbuchversion der Deutschen Grammophon scheint sich an der Erstübersetzung des Romans zu orientieren, was zu einer sehr schönen Atmosphäre beiträgt. Obwohl der Text im Vergleich zum englischen Original gekürzt wurde, gibt es keine spürbaren Lücken oder Auslassungen in der Handlung. Hier und da wird die Lesung von Musik unterstützt, was in der Regel angenehm dezent vonstatten geht, abgesehen vom Anfang und Ende einer jeden CD, aber da kann ich das akzeptieren.

Doch der größte Pluspunkt besteht in der Auswahl der Sprecher. Die verschiedenen Tagebucheinträge und Briefe werden von unterschiedlichen Sprechern und Sprecherinnen vorgetragen, die allesamt ihre Arbeit sehr gut machen. Es ist wirklich sehr selten, dass ich an gar keinem Sprecher etwas zu meckern habe, aber hier ist das der Fall. Einzig der Hall, der bei einigen Gelegenheiten verwendet wird, um eine Veränderung anzuzeigen, hätte meiner Meinung nach weggelassen werden können. Aber da dieser Effekt nicht groß stört, hat mir „Dracula“ in dieser Variante wirklich Spaß gemacht!

Rick Yancey: Der Monstrumologe (Hörbuch)

Nachdem ich mich mit Kiya auf ihrem Blog gerade kurz über den „Monstrumologen“ unterhalten habe, fiel mir ein, dass ich hier ja noch eine kurze Anmerkung zum Hörbuch veröffentlichen könnte. Einen detaillierten – und ein wenig langen – Eindruck zum Buch gab es von mir schon einmal HIER, aber Hörbücher sind ja immer noch ein klein wenig anders. Vor allem, wenn es sich um eine „bearbeitete Fassung“ handelt, finde ich einen direkten Vergleich immer wichtig.

Während ich sonst immer gern über die diversen Änderungen, die sich durch die Bearbeitung und Kürzung ergeben, meckere, muss ich zugeben, dass bei „Der Monstrumologe“ nur eines etwas zu bemängeln ist. Denn der Verlag hat die Einleitung des Buches weggelassen, durch die man erfährt, dass die gesamte Geschichte so erzählt wird, wie sie in seinen Tagebüchern von Will Henry aufgeschrieben wurde. Die ganze Vorgänge werden also nicht nur aus seiner Sicht geschildert, sondern lassen sich auch nicht nachprüfen, da Will Henry inzwischen in einem überraschend hohen Alter verstorben ist.

Ohne diese Einleitung gibt es bei dem Hörbuch kleine Momente, bei denen man als Hörer etwas irritiert ist, weil die Erzählweise in ihrer tagebuchartigen Art leicht unpassend wirkt. Das kommt aber nur sehr selten vor und ansonsten kann ich sagen, dass ich schon mit dem Buch in der Hand neben dem CD-Player hätte sitzen müssen, um den Finger auf die jeweiligen Kürzungen legen zu können. Hier und da hatte ich eine Szene in meiner Erinnerung etwas ekeliger abgespeichert, aber vermisst habe ich keinen entscheidenden Punkt und keine Szene, die für die Atmosphäre oder die Handlung entscheidend gewesen wäre. Es gab nur das vage Gefühl, dass hier und da ein Satz geschickt entfernt worden wäre.

Nicht nur bei der Bearbeitung, sondern auch bei der Wahl des Sprechers wurde für „Der Monstrumologe“ eine gute Entscheidung getroffen. Christoph Wortberg hat nicht nur eine angenehme Stimme, sondern betont auch die leicht altmodische Sprache (immerhin soll die Geschichte ja im Jahr 1888 spielen) sehr gut. Mir ist es nicht nur dadurch, dass ich die Handlung nun schon kannte, sondern auch durch seine flüssige Vortragsweise leichter gefallen in die Geschichte rein zu kommen. Außerdem habe ich seine Darstellung der verschiedenen Charaktere genossen. Ich mag es nicht, wenn ein Sprecher übermäßig betont oder seine Stimme groß verstellt (ich bin vermutlich auch einer der wenigen Menschen, die mit Rufus Beck als Hörbuchsprecher nichts anfangen können), aber Christoph Wortberg hat es sehr fein und geschickt gemacht.

Sein Will Henry ist ein unsicherer, ängstlicher Junge, der gegen die Müdigkeit, die Erschöpfung, den Hunger und das allgegenwärtige Gefühl der Einsamkeit ankämpfen muss und dabei doch bei Bedarf mutig und entschlossen vorgeht. Dr. Warthrope hingegen klingt ungeduldig, gereizt und immer drängend. Sein ständiges Antreiben hat mich mit Will Henry mitleiden lassen, mich aber auch regelmäßig zum Grinsen gebracht, während man später – im Kontrast mit dem zur Hilfe gerufenen „Monsterjäger“ – bemerkt, wie hilflos der Monstrumologe doch in Wirklichkeit ist und wie entschlossen seine Arbeit richtig zu tun. Wer also gern Hörbücher hört, kann bei dieser Version getrost zugreifen. Entweder um die Geschichte noch einmal anders zu erleben oder um als Hörbuch vielleicht etwas zu entdecken, an das man sich als Roman nicht so recht herangetraut hat. 😉

Rick Yancey: Der Monstrumologe

Ich warne euch lieber gleich vor, denn diese Rezension könnte etwas unstrukturiert (und lang) werden. Es ist schon ein paar Tage her, dass ich das Buch gelesen habe, und trotzdem bin ich mir noch immer nicht so ganz sicher, was ich von „Der Monstrumologe“ wirklich halte. Normalerweise lasse ich dann einfach die Geschichte etwas sacken, während ich gar nicht oder ein anderes Genre lese, aber hier funktioniert das nicht so ganz. Also bekommt ihr jetzt einfach so meine Meinung, etwas ungeordnet, vielleicht auch etwas widersprüchlich, aber wer weiß, vielleicht hilft es euch, um ein Bild von diesem Buch zu bekommen.

Als ich den Roman im Lübbe-Programm sah, war ich fasziniert – wusste aber nicht so recht, was für eine Geschichte mich da erwarten würde. Die Hauptfigur ist Will Henry, ein Junge, der seit dem Tod seiner Eltern für den seltsamen Dr. Warthrop arbeitet. Der Doktor ist Monstrumologe und beschäftigt sich mit der Erforschung und Vernichtung von Monstern – was für Will Henry dazu führt, dass er trotz seiner gerade mal zwölf Jahre schon allerlei grauenhafte Dinge in seinem Leben gesehen hat. Ganz ehrlich, wenn ich in seinem Alter solch ein Leben geführt hätte, dann hätte ich nicht nur Angst davor, in das Keller-Labor meines Arbeitgebers zu gehen, sondern auch davor, überhaupt in der Nacht die Augen zuzumachen!

Als erstes ist mir bei dem Buch das Cover ins Auge gefallen – ich mag diesen Linolschnitt-Eindruck und der setzt sich auch bei den Illustrationen im Inneren des Buches fort. Sehr dunkle Bilder, die monströse Dinge zeigen, wie es sich für eine solch gruselige Geschichte gehört. Und obwohl das Alter von Will Henry und die liebevolle Aufmachung den Gedanken an ein Jugendbuch nahelegen (ein Blick auf die Amazon-Rezensionen zeigte mir, dass ich nicht allein mit der Vermutung war), würde ich sagen, dass die dort zu findende Altersempfehlung „ab 14 Jahren“ meiner Meinung nach deutlich zu tief gegriffen ist.

Auch wenn der durchschnittliche Teenager wohl etwas härter im Nehmen ist, als ich es in dem Alter war, so gibt es zu viele Szenen in der Geschichte, in denen Blut und Eingeweide spritzen, in denen Menschen mehr oder wenig kaltblütig ermordet werden, und Momente, in denen so ekelige Sachen beschrieben werden, dass ich das Buch für einen Augenblick aus der Hand legen musste. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass Rick Yancey diese Dinge beschreibt, um ekelhaft zu sein, sondern deshalb, weil es eben genau so zu dieser Geschichte gehört – und das ist schon wieder ein Kompliment für den Autor, da ich doch nur zu gern unterstelle, dass jemand hofft, dass sich sein Buch über den Ekelfaktor verkauft, wenn die Handlung und die Charaktere schon nicht so gelungen sind.

Dabei zieht sich das erste Drittel der Geschichte schon etwas hin – ich habe für diesen Teil fünf Tage gebraucht, weil ich einfach nicht richtig reingekommen bin. Dabei ist die Grundsituation schon spannend: Ein Leichenräuber kommt eines Nachts zum Haus von Dr. Warthrop, weil er eine unheimliche Entdeckung gemacht hat. Er bringt dem Wissenschaftler eine Mädchenleiche, in die sich ein grauenhaftes Monster verbissen hat. Schnell steht für Dr. Warthrop fest, dass eine ganze Population dieser Viecher in der kleinen Stadt in Neuengland heimisch sein muss – und dass er zusammen mit Will Henry diese Monster beseitigen muss, bevor sie die Bevölkerung von New Jerusalem ausrotten. Neben der Suche nach dem Nest dieser Wesen beschäftigen sich der Wissenschaftler und sein Assistent mit der Frage, wie diese Antropophagen überhaupt nach Neuengland kommen konnten …

Mein Problem bei diesem Anfang war weniger die altmodische Sprache, an die hatte ich mich schnell gewöhnt – und dafür, dass die Geschichte 1888 spielen soll, ist die Ausdrucksweise des Autors leicht und flüssig zu lesen. Ich hatte ein Problem mit den Figuren, immer wieder fragte ich mich, warum Will Henry überhaupt nach dem Tod seiner Eltern zu Dr. Warthrop gezogen war, obwohl es andere Alternativen gegeben hätte. Ich fragte mich, warum der Wissenschaftler sich mit einem Kind als Assistenten abgibt, wenn dieser Junge doch vom Alter und den körperlichen Möglichkeiten her eigentlich denkbar ungeeignet für seine Aufgabe ist. Ich habe einfach keinen Zugang zu den beiden gefunden und dann wurde das Rätsel um die Antropophagen auch noch von detaillierten Beschreibungen der gefundenen Leichen überschattet. Okay, zum Teil ist das wirklich mein ganz persönliches Problem, weil ich neue Bücher gern beim Frühstück anfange – und da liest es sich etwas schlecht von blutigen Untersuchungen, Mädchenleichen und monströsen Fortpflanzungsdetails. 😉

Nach dem ersten Drittel zog die Geschichte dann an. Dr. Warthrop und Will Henry waren mir inzwischen vertraut und ich bekam eine Ahnung davon, was die beiden miteinander verband und wie sehr sie eigentlich aufeinander angewiesen waren. Außerdem gab es am Ende des ersten Drittels detaillierte Informationen über die Herkunft der Antropophagen und die Jagdvorbereitungen nahmen konkrete Züge an. Ab diesem Punkt hat mich das Buch wirklich gefesselt, es gab zwar immer noch genügend eklige Stellen, aber die Handlung wurde so spannend, dass ich darüber hinwegsehen konnte. Es waren einfach nur Dinge, die im Laufe der Geschichte passierten – und wenn das bedeutete, dass Will Henry knietief durch alte Leichen waten musste, dann war das eben so und wurde von mir einfach nur registriert, weil ich wissen wollte, was den Jungen am Ende seines Weges erwartet.

Mir fällt es sehr schwer, ein Urteil über dieses Buch zu fällen. Ich lese normalerweise keine üblichen Horrorromane, dafür mag ich aber gruselige Geschichten. Immer mal wieder war ich versucht „Der Monstrumologe“ mit H.P. Lovecraft (den ich übrigens wirklich gern lese) zu vergleichen, aber das trifft es auch nicht – abgesehen vielleicht von der Verbindung zu Neuengland und Will Henrys Perspektive, die mich an einige Lovecraftsche Erzähler erinnerte. Mich hat Rick Yancey letztendlich nicht mit den gruseligen Szenen oder der Jagd auf die Antropophagen gepackt – obwohl ich das vor allem am Ende auch spannend fand -, sondern mit der vielschichtigen Beziehung zwischen Dr. Warthrop und Will Henry.

Das bringt mich aber zu der Frage, für wen dieses Buch überhaupt geeignet ist. Wer auf hintergrundlose Splatterszenen steht oder keine Lust hat, sich in die etwas geschraubte Ausdrucksweise einzulesen, der wird mit „Der Monstrumologe“ auf keinen Fall glücklich. Wer keine Geduld hat, um die ersten 120 Seiten einfach durchzustehen, bevor die Handlung richtig Fahrt aufnimmt, der sollte wohl auch die Finger davon lassen … Wer hingegen Lust auf eine Geschichte hat, in der Horrorelemente mit einer leicht altmodischen Ausdrucksweise und einer komplexen Beziehung zwischen dem Wissenschaftler und seinem Assistenten gemischt wurden, und die sich angenehmerweise von dem Gros an Veröffentlichungen unterscheidet, der sollte gucken, dass er den Roman in einer Buchhandlung in die Finger bekommt und unbedingt einmal reinlesen!

Stephen King: Das Mädchen (Hörbuch)

Um Horror mache ich normalerweise einen Bogen – zumindest behaupte ich das immer, auch wenn diverse Horror-Manga und -Hörspiele in meinen Regalen zu finden sind, ebenso wie einige Romane, die man wohl theoretisch diesem Genre zuordnen kann. Hollys Challenge für das Jahr 2010 habe ich zum Anlass genommen, um mir ein paar Tipps geben zu lassen, welchen Autor ich doch mal ausprobieren sollte. Letztendlich bin ich bei Stephen King gelandet, um auch diese Bildungslücke zu schließen.

„Das Mädchen“ wurde mir als King-Anfänger-Geschichte empfohlen. Doch als Buch kam ich nicht so schnell an die gedruckte Fassung ran, aber dafür bot mir die örtliche Bibliothek eine ungekürzte Hörbuchfassung, die von Franziska Pigulla und Joachim Kerzel gelesen wird. Diese beiden Sprecher mag ich wirklich gerne, also war das eine mehr als akzeptable Alternative für mich.

Stephen King erzählt in „Das Mädchen“ die Geschichte von Trisha, die zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder eine Wanderung durch den Wald macht. Ihre Eltern haben sich vor einiger Zeit scheiden lassen und ihr Bruder kommt damit noch nicht so ganz zurecht. Vor allem belastet ihn der Umzug, der mit der Scheidung einherging, und der Umstand, dass er an seiner neuen Schule der absolute Außenseiter ist. Trisha übersteht das Ganze dank der Devise „Augen zu und durch“, sie versucht zwischen allen Beteiligten zu vermitteln und unterdrückt dabei nicht selten ihre eigenen Gefühle.

Doch bei dieser Wanderung ärgert sie sich darüber, dass ihre Mutter und ihr Bruder so mit Streiten beschäftigt sind, dass keiner von ihnen Trishs Wünsche und Bedürfnisse mitbekommt. So schlägt sie sich zum Pinkeln in die Büsche, ohne den beiden Bescheid zu sagen – und verirrt sich kurz darauf im Wald neben dem Appalachian Trial. Doch statt einfach stehen zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass sie schon gefunden wird, macht sich Trisha auf die Suche nach einem Weg und gerät immer tiefer in unwegsames Gelände.

Ich bin etwas zwiegespalten, wenn es um diese Geschichte geht. Die Grundidee gefällt mir und Stephen King hat sehr schön beschrieben, warum das Mädchen welche Entscheidungen trifft und wie sie dadurch immer tiefer in Schwierigkeiten gerät. Mir hat es gefallen, wie entschlossen und findig Trish mit ihrer Situation umgeht und ich fand es spannend zu verfolgen, wie es ihr allein in der Wildnis geht – und natürlich hat mich die Frage beschäftigt, ob sie überlebt.

Auf der anderen Seite hat der Autor nicht wenige Momente eingebaut, in denen Trish regelrecht philosophiert, in denen sie über Baseballweisheiten, die (nicht vorhandenen) religiösen Ansichten ihres Vaters und ihr Bedürfnis nach einem Gebet nachdenkt – und diese Teile fand ich unglaubwürdig. Hey, das Mädchen ist erst neun Jahre alt (na ja, schon fast zehn und groß für ihr Alter), da beschäftigt einen dieses Thema zwar, aber auf einer ganz anderen Ebene.

Außerdem wurden mir die Versuche künstlich Spannung aufzubauen, indem Trish von einem „ES“, einem „DING“, einem „Gott der Verirrten“ verfolgt wird, zu viel. Ich fand es deutlich aufregender, wie sie sich mit der Realität auseinandersetzen musste. Das Mädchen hat sich in einem Gebiet verirrt, in dem es so gut wie keine Menschen gibt, sie fällt Abhänge hinunter, wird von Wespen zerstochen, bekommt schreckliche gesundheitliche Probleme, weil sie sich von Farnen und Beeren ernährt, hat Angst im Dunklen (zurecht in einem Gebiet, in dem schließlich auch größere Raubtiere leben) und Hunger und Schlaflosigkeit führen zu Halluzinationen. Das sollte doch genug sein, um als Hörer/Leser Angst um die Kleine zu haben!

Ein anderer Punkt hat bei mir gleich zu Beginn zum Schmunzeln geführt und das war Joachim Kerzel. Er und Franziska Pigulla haben ihre Sache sehr gut gemacht – auch wenn ich gern wüsste, nach welchen Kritikpunkten entschieden wurde, wer welches Kapitel liest – , aber Joachim Kerzel ist mir vor allem als Sprecher der John-Sinclair-Hörspiele im Ohr. Und wenn ich dann als erstes diese Ortsangabe und diesen Satz „Juni 1998. Vor dem Spiel. Die Welt hatte Zähne. Und sie konnte damit zubeißen, wann immer sie wollte.“ von ihm vorgetragen bekomme, dann fühle ich mich (auch dank der musikalischen Untermalung, die ebenfalls Ähnlichkeiten aufweist) direkt in die Welt von Jason Dark versetzt. Und so gern ich die John-Sinclair-Hörspiele mag, so kann man von ihnen doch eher weniger behaupten, dass sie sprachliche Qualität besitzen. 😉

Nun gut, dieser Eindruck legte sich im Laufe der Zeit und auch an die regelmäßigen Wechsel zwischen der Männer- und der Frauenstimme habe ich mich schnell gewöhnt. Die beiden Sprecher haben zwar eindeutig andere Schwerpunkte in ihrem Vortrag gehabt, aber eigentlich gefiel mir das sogar. So konnte ich für mich mehr aus dem Text rausholen. Insgesamt muss ich wohl sagen, dass mich „Das Mädchen“ zwar gut unterhalten, aber nicht dazu animiert hat, mehr von King zu konsumieren. Grusel entsteht für mich – auch bei dieser Geschichte – mehr durch die Realität, als durch ein unheimliches „Es“.