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Barbara Hambly: Jagd der Vampire (James Asher 1)

Nachdem ich „Jagd der Vampire“ von Barbara Hambly am letzten Lese-Sonntag angelesen hatte, war das Buch erst einmal auf dem „bald lesen“-Stapel gelandet. Da ich aber schon auf den ersten Seiten so viel Spaß mit der Atmosphäre der Geschichte hatte, habe ich den Titel dann doch relativ schnell wieder vom Stapel gezupft. Die Handlung beginnt im Jahr 1907, als der Professor James Asher abends nach Hause kommt und dort unnatürliche Stille vorfindet. Als er sich ins Gebäude schleicht, muss er feststellen, dass seine Dienstboten anscheinend besinnungslos am Küchentisch sitzen, während seine Frau Lydia reglos im Wohnraum liegt und von einem Vampir bewacht wird. Don Simon Xavier Christian Morado de la Cadena-Ysidro bringt James dazu, für ihn als Ermittler tätig zu werden, indem er ihm verspricht, Lydia in Ruhe zu lassen, solange James für ihn arbeitet.

Don Ysidro greift auf diese Erpressung zurück, da jemand in den letzten Wochen angefangen hat, in London Vampire zu töten. Die Körper dieser getöteten Vampire wurden dem Sonnenlicht ausgesetzt, was bedeutet, dass Don Ysidro jemanden benötigt, der tagsüber Nachforschungen anstellen kann. Seine Wahl fiel dabei auf James Asher, da der Vampir aufgrund kleiner Auffälligkeiten in James‘ Lebenslauf – zu Recht – davon überzeugt ist, dass dieser früher als Spion für die britische Krone tätig war. Nur widerwillig beginnt James mit seinen Ermittlungen in London, immer auf der Suche nach einem Weg, um seinerseits die Vampire zu töten und somit jegliche Bedrohung für Lydia und sich selbst aus dem Weg zu räumen.

Ich habe mich beim Lesen von „Jagd der Vampire“ (den englischen Titel „Those who hunt the Night“ finde ich deutlich hübscher) wirklich gut unterhalten gefühlt. Die Vampire in dieser Geschichte entsprechen schon ziemlich dem düsteren Klischee von der unheimlichen Kreatur, die des Nachts jagt. Auf der anderen Seite gibt es auch kleine Momente, in denen durchblitzt, dass zumindest einige Vampire sich einen Hauch von Menschlichkeit bewahrt haben. Außerdem beweist Barbara Hambly ein Händchen für wirklich atmosphärische Beschreibung des London der „Edwardian era“, wobei ich besonders die kleinen Einblicke in eher alltägliche Dinge mochte, die James‘ Leben und Arbeit stimmig wirken ließen. (Das Einzige, was ich wirklich unbefriedigend fand, war, dass er anscheinend seine Stelle als Professor von einem Tag auf den anderen im Stich lassen konnte, ohne dass es Probleme gab.)

Auch gefiel mir das Verhältnis zwischen James und seiner Frau Lydia sehr gut. Trotz des großen Altersunterschieds zwischen den beiden (James hat seine Frau schon gekannt, als sie noch die kleine Tochter eines Kollegen war) begegnen sie sich auf Augenhöhe, respektieren die Meinung und schätzen die Intelligenz des jeweils anderen. James erfüllt es mit Stolz, dass Lydia zu den wenigen Frauen ihrer Zeit gehört, die in Oxford Medizin studiert haben, und unterstützt, dass seine Frau ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin nachgeht. Lydia hingegen ist zwar durch und durch Wissenschaftlerin, aber auch eine Frau ihrer Zeit, die (wenn auch mit Hilfe einiger Dienstboten) ihrem Mann den Haushalt führt und allen anderen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommt, weil das eben von ihr erwartet wird. Vor allem aber mochte ich, dass James seine Frau nicht im Dunklen lässt, ihr die Möglichkeit gibt, eigene Ermittlungen anzustellen, und sie so gemeinsam gegen die Bedrohung für und durch die Vampire angehen.

Die Suche nach demjenigen, der die Vampire tötet, verläuft hingegen wie bei jedem anderen solidem Krimi auch. James und Lydia recherchieren über Zeitungsartikeln, Grundbucheintragungen und ähnlichen Behördenspuren, und James und Don Ysidor befragen gemeinsam eventuelle Zeugen und Bekannte der Opfer. Dabei verbringen James und der Vampir nicht nur sehr viel Zeit miteinander, sie entwickeln auch nach und nach einen gewissen Respekt gegenüber dem anderen. Das bedeutet nicht, dass James kein Problem mit der Existenz der Vampire an sich hat oder damit, dass so ein Vampir im Laufe der Zeit Tausende von Menschen tötet, aber er akzeptiert ein wenig, dass das Vampirsein verschiedene Facetten aufweist. Trotzdem gibt es keinen Moment, in dem James sich in der Gegenwart von Vampiren sicher fühlen kann, was zu einigen spannenden Szenen in der Geschichte führt. Insgesamt war ich ehrlich gesagt angenehm überrascht, wie sehr ich nach all der Zeit diesen 1988 erstveröffentlichten Vampirroman, der sich deutlich mehr an „Dracula“ anlehnt, als an die damals populären Anne-Rice-Titel, beim Wiederlesen genossen habe.