Schlagwort: Kriminalroman

Charlotte MacLeod: Die Familiengruft (Sarah Kelling und Max Bittersohn 1)

In der letzten Woche hatte ich überraschend große Lust auf Rereads und einer der Titel, den ich in den letzten Tagen mal wieder aus dem Regal gezogen habe, war „Die Familiengruft“ von Charlotte MacLeod. Über die Reihe hatte ich vor kurzem erst in dem Beitrag „Spannung ist weiblich“ etwas geschrieben, aber wirklich viel ist zu diesen Romanen der Autorin auf meinem Blog nicht zu finden, weshalb ich die Gelegenheit mal nutze, um etwas über Sarah Kelling, ihre Familie und die Leiche in der Familiengruft zu schreiben. Zu Beginn der Geschichte ist Sarah Kelling noch keine 27 Jahre alt und seit ihrem 18. Lebensjahr mit Alexander Kelling – einem entfernten und fast doppelt so altem Cousin von ihr – verheiratet. Gemeinsam mit Alexanders tyrannischer Mutter Caroline leben die beiden in dem alten Familiensitz im Beacon Hill in Boston, und schnell wird deutlich, dass Sarah mit der Situation nicht besonders glücklich ist.

Abwechslung kommt in ihren recht eintönigen Alltag, als die schon vor Jahrzehnten stillgelegte alte Familiengruft der Kellings geöffnet wird, um Sarahs vor kurzem verstorbenen Großonkel Frederik zu beerdigen, und dort ein Skelett gefunden wird. Schnell wird die unbekannte Leiche als die vor dreißig Jahren verschwundene Nachtclubtänzerin Red Ruby identifiziert, und während die Öffentlichkeit sich vor allem damit beschäftigt, dass Red Ruby ermordet wurde, fragt sich Sarah, warum die Leiche gerade in ihrer Familiengruft gefunden wurde und wieso ihr das Muster der Ziegelsteinmauer, mit der die Gruft entgegen sämtlicher Denkmalschutzbestimmungen verschlossen wurde, so vertraut vorkam. Als sich dann auch noch ihr Mann Alexander besonders erschüttert über den traurigen Fund zeigt und sich herausstellt, dass er die Tänzerin in seiner Jugend gut gekannt hatte, fragt sich Sarah, wie viel sie überhaupt über den Mann weiß, den sie schon ihr Leben lang kennt und liebt, und ob es vielleicht möglich sein kann, dass ihre Familie in den Mord verwickelt war.

„Die Familiengruft“ erschien im Original im Jahr 1979, und es finden sich im Laufe der Reihe immer wieder Anspielungen auf aktuelle Entwicklungen, Kleidung oder Musik, aber insgesamt wirken die Geschichten rund um Sarah Kelling und ihre alteingesessene Bostoner Familie sehr zeitlos. Während die Kriminalfälle – trotz diverser amüsanter oder skurriler Details – immer solide konstruiert sind und man beim Lesen schön „mitermitteln“ kann, besticht die Serie doch vor allem durch ihre Figuren und die Darstellung der Bostoner Oberschicht. Mit spitzer, aber liebevoller Feder porträtiert die Autorin eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich für etwas Besseres halten, obwohl (oder gerade weil) sie aus einem Haufen exzentrischer Personen besteht, deren Geiz legendär ist und deren Kontakt mit der restlichen Bevölkerung der Stadt sich auf Wohltätigkeitsarbeit und das Engagieren von Angestellten zu beschränken scheint. Natürlich verfügt nicht jedes Mitglied dieser alteingesessenen Familien noch über den Wohlstand, den seine Vorfahren angehäuft haben, aber gerade bei den Kellings scheint die Sparsamkeit so ausgeprägt zu sein, dass regelmäßiges Schnorren oder das Auftragen der ererbten Kleidung der Eltern zum Alltag gehört, so dass niemand sagen kann, ob die genügsame Haushaltsführung aus Not oder anerzogenem Geiz geschieht.

Vor dem Hintergrund dieser Familie wirkt Sarahs Leben – ebenso wie ihre Ehe – erstaunlich plausibel, auch wenn man sich heutzutage beim Lesen natürlich fragen muss, wieso eine vernünftige junge Frau jahrelang in solch einer Situation ausharren kann. In „Die Familiengruft“ sorgen die Ereignisse nach dem Fund der Leiche dafür, dass Sarah mehr Rückgrat entwickelt, sich immer wieder gegen ihre Schwiegermutter stellt und darüber nachdenkt, was sie eigentlich vom Leben erwartet. Ich verfolge immer wieder gern, wie Sarah sich gegen ihre Erziehung und das, was in ihrer Familie üblich ist, stellt und wie sie daran arbeitet, dass ihre Ehe mit Alexander auch langfristig weiter funktionieren kann. Obwohl die beiden eine seltsame Beziehung haben und Sarahs Liebe zu Alexander zu einem nicht geringen Teil darauf basiert, dass er als schon erwachsener Mann freundlich und großzügig mit seiner vernachlässigten kleinen Cousine umging, freue ich mich bei jedem erneuten Lesen darüber, wie die beiden sich im Laufe der Geschichte einander annähern.

Max Bittersohn (dessen Name natürlich nicht ohne Grund von mir in der Reihenbezeichnung mitaufgeführt wurde) kommt in diesem Roman relativ wenig vor, auch wenn er eine entscheidende Rolle bei der Lösung des Kriminalfalls spielt. Allerdings fällt schon in diesem Debütroman schnell auf, dass er und Sarah anscheinend die einzigen bodenständigeren Personen in den Geschichten sind – und genau das liefert all die vielen kleinen und amüsanten Szenen, die dafür sorgen, dass ich seit Jahren immer wieder zu den Büchern zurückkehre und die Romane genieße. Wie Sarah immer wieder mit all den Eigenheiten (und Ansprüchen) ihrer exzentrischen Familienmitgliedern fertig werden muss, ist einfach amüsant zu lesen. Eine Familie, deren Mitglieder das Gefühl haben, dass sie über der öffentlichen Meinung stehen und die genügend Geld haben, um jeder ihrer Launen nachgehen zu können, bringt natürlich so einige skurrile Figuren hervor. Dazu kommen dann im Laufe der Zeit noch die einen oder anderen neuen Bekanntschaften, die Sarah so sammelt und die nicht weniger seltsame Eigenarten haben als ihre Familienmitglieder, und so gibt es in diesen Geschichten keinen Mangel an gut geschriebenen und sehr amüsante Szenen, in denen die Autorin die verschiedensten Charaktere aufeinandertreffen und miteinander agieren lässt.

Katherine Woodfine: The Clockwork Sparrow (The Sinclair’s Mysteries 1)

Ich habe keine Ahnung, warum ich so lange um „The Clockwork Sparrow“ von Katherine Woodfinde rumgeschlichen bin (vielleicht, weil es der Auftakt einer vierteiligen Reihe ist?), aber nachdem ich den Roman angefangen hatte, konnte ich ihn nicht mehr aus der Hand legen. Lustigerweise habe ich parallel dazu das Sachbuch „Maud West, Lady Detective“ gelesen und fand in beiden Büchern Elemente, die mich an den anderen Titel erinnerten. Das führt dazu, dass ich mir schon beim Lesen sicher war, dass die Handlung in „The Clockwork Sparrow“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, auch wenn im ganzen Buch keine Jahresangabe zu finden war – erst am Ende fand ich dann die Bestätigung in einem Anhang der Autorin, in der sie auf die Eröffnung von Selfridges im Jahr 1909 verweist.

Protagonistin der Geschichte ist die vierzehnjährige Sophie Taylor(-Cavendish), eine Tochter aus gutem Hause, die nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters einen Weg finden musste, um auf eigenen Füßen zu stehen. So ist es für Sophie ein großer Glückfall, dass sie eine Anstellung als Verkäuferin in der Hutabteilung des bald neu eröffnenden Sinclair’s Department Store in London gefunden hat. Das Leben als Verkäuferin ist zwar ungewohnt und anstrengend, aber die Arbeit macht Sophie Spaß und die Vorfreude auf die Eröffnung des Kaufhauses sorgt für eine aufgeregte Spannung unter den Angestellten. Umso erschütternder ist es, als kurz nach der Eröffnung Schaustücke gestohlen werden, die in einem der Räume ausgestellt worden waren. Zu den gestohlenen Objekten gehört auch der einzigartige „Clockwork Sparrow“, ein mit Juwelen geschmückter mechanischer Vogel, der bei jedem Aufziehen eine andere Tonfolge von sich gibt.

Gemeinsam mit ihren neuen Freunden – Lilian Rose (die als Mannequin bei Sinclair’s arbeitet und gerade ihre erste Bühnenrolle ergattern konnte), Bobby Parker (der eine Ausbildung als „Porter“ bei Sinclair’s begonnen hat) und Joe (dessen Vergangenheit als Gangmitglied ihn jederzeit einholen könnte) – versucht Sophie mehr über den Diebstahl herauszufinden. Mehr möchte ich hier gar nicht über die Handlung verraten, weil es immer wieder Momente gibt, in denen Sophie in Gefahr gerät (und diese geht nicht immer von den Kriminellen aus, die den Diebstahl verübt haben,) und bei denen es gerade die nicht so spektakulären Wendungen sind, die einen als Leser mit der Geschichte mitfiebern lassen. Ich fand es wunderbar, wie Katherine Woodfine von der ersten Seite an Sophies Leben beschreibt und wie man anhand all der vielen kleinen Nebenbemerkungen ein gutes Bild davon bekommt, wie schwierig es ist, unter den Umständen zu überleben, in denen sie sich nach dem Tod ihres Vaters befindet. Umso wichtiger ist für Sophie der Arbeitsplatz bei Sinclair’s und der Rückhalt, den sie im Laufe der Geschichte durch ihre Freunde bekommt.

Ich mochte in „The Clockwork Sparrow“ diese Mischung aus Realismus und Elementen, die man eher in einem Groschenroman von Edgar Wallace erwartet hätte, und fand, dass ein übermächtig wirkender Gangsterboss ebenso wie die später in der Geschichte auftauchenden Spionage-Elemente gerade deshalb so gut in die Handlung passten, weil sie auf Sophie ebenso absurd wirken wie auf den Leser. Außerdem hat es mir gefallen, dass die Autorin es geschafft hat, dass ich regelmäßig um Sophie und ihre Freunde gebangt habe, weil ich mir nicht sicher sein konnte, dass alle heil aus der ganzen Angelegenheit herauskommen. Stattdessen habe ich nach den ersten Kapiteln jederzeit befürchten müssen, dass diesen vier Personen Dinge zustoßen, die vielleicht nicht ihr Leben, aber doch ihre Existenz bedrohen könnten.

Ich habe dieses Mitfiebern beim Lesen sehr genossen, vor allem, da es zwischendurch immer wieder die schönen Momente rund um die Freundschaften, die sich da aufbauten, und den Zauber, den so ein luxuriöses Kaufhaus ausstrahlen konnte, zum Erholen und Genießen gab. Insgesamt haben mich die Charaktere, die Erzählweise, die Handlung und die Atmosphäre in „The Clockwork Sparrow“ so sehr überzeugt, dass ich mir noch vor Beenden des Romans die drei Fortsetzungen der Reihe bei meinem Buchhändler bestellt habe, weil ich einfach nicht wollte, dass ich Sophie und ihr Leben als Verkäuferin in Sinclair’s Hutabteilung so schnell hinter mir lassen musste.

Spannung ist weiblich

Nachdem Alexandra von „The Read Pack“ am Sonntag einen Beitrag zu „Spannung ist weiblich“ veröffentlichte, um auf Neuveröffentlichungen von Frauen in Bereich Krimi und Thriller aufmerksam zu machen, gingen mir nach dem Lesen ihres Textes so viele Empfehlungen und Anmerkungen durch den Kopf, dass ich Alex an dem Abend vermutlich bei Twitter etwas überfordert habe. 😉 Also gibt es hier ein paar Autorinnen von mir, die Cozies, Kriminalromane und Thriller schreiben und die man ausprobiert haben sollte. Einige dieser Titel sind schon relativ alt und nur noch gebraucht zu bekommen, andere habe ich bislang nur auf Englisch in die Finger bekommen und deutsche Veröffentlichungen sind da zum Teil nicht in Sicht. Da ich mit den Büchern, die mir spontan oder bei einer gezielten Suche nach meinen „Lieblingsautor.innen“ vor die Nase kommen, zeitlich schon vollkommen ausgelastet bin, habe ich schon vor einigen Jahren aufgehört, die Verlagskataloge zu durchstöbern, was sich eben auch in meinem Empfehlungen bemerkbar macht.

Deborah Crombie, die Alex auch schon in ihrer Auflistung geführt hat, wäre auch eine der Autorinnen gewesen, die mir spontan zu dem Thema einfallen, was kein Wunder ist, da ich gerade mit Sayuri eine große Reread-Runde der Kincaid-und-James-Krimis mache. Bei den Romanen würde ich unbedingt empfehlen, chronologisch zu lesen, da die beiden Protagonisten sich im Laufe der Zeit deutlich weiterentwickeln und nach und nach so viele Figuren auftauchen, dass es schwierig wird, das „Stammpersonal“ auf die Reihe zu bekommen, wenn man erst später einsteigt. Insgesamt bekommt man hier ruhige Kriminalgeschichten in einem aktuellen britischen Umfeld mit soliden Fällen und sehr sympathischen Charakteren geboten.

Jessica Kremser„Frau Maier fischt im Trüben“. Die Frau-Maier-Romane von Jessica Kremser gehören zu den wenigen deutschen Kriminalromanen, die ich wirklich gern lese, weil sie zwar spürbares Lokalkolorit, aber dabei nicht den sonst üblichen (platten) Humor von Regionalkrimis aufweisen. Außerdem habe ich die Protagonistin sehr ins Herz geschlossen, die mit ihrer Beobachtungsgabe und den Ermittlungsmöglichkeiten, die ihr als schon ältere Putzfrau zur Verfügung stehen, langsam, aber zielstrebig Mordfälle löst. Bislang sind vier Titel um Frau Maier erschienen, und obwohl ich grundsätzlich dafür bin, Romane chronologisch zu lesen, würde ich hier behaupten, dass man nicht so sehr auf die Reihenfolge achten muss.

Beate Sauer„Echo der Toten“. Sehr gut geschriebene Geschichte mit einem soliden Kriminalfall, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland spielt. Die Darstellung der Zeit ist hier fast präsenter als der Kriminalfall selbst, aber ich mochte die Atmosphäre in der Geschichte, die vielschichtigen Charaktere und dass Beate Sauer in der Handlung immer wieder auf die Frage zurückkommt, welche Rolle die verschiedenen Personen eigentlich während der Kriegszeit eingenommen haben. Bislang sind zwei Bände rund um die Polizeiassistentenanwärterin Friederike Matthée erschienen, eine weitere Fortsetzung scheint bislang nicht angekündigt zu sein.

Lucie Klassen – „Der 13. Brief“ bzw. Lucie Flebbe mit der gesamten Lila-Ziegler-Reihe. Die Lila-Ziegler-Krimis sind düsterer als meine normale Lektüre, denn die Protagonistin hat psychische Probleme und die Fälle, mit denen sie sich beschäftigt, drehen sich in der Regel um unschöne Geheimnisse. Aber ich mag, dass Lila trotzdem immer einen gewissen Kampfgeist an den Tag legt, und dazu kommt in den Geschichten noch eine ganze Menge Bochumer Lokalkolorit, was sich gut und stimmig lesen lässt.

Jane Harper hat mit „Hitze“ einen ungemein atmosphärischen australischen Krimi geschrieben, bei dem neben dem Ermittler Aaron Falk auch der Ort Kiewarra eine große Rolle spielt. Wer nicht nur einen spannenden und gut geschriebenen Krimi, sondern auch einen interessanten Protagonisten sucht, der ist mit diesem Titel auf jeden Fall gut bedient. Allerdings muss ich zugeben, dass ich die Fortsetzung „Ins Dunkel“ zwar sehr solide erzählt und flüssig zu lesen, aber nicht ganz genauso überzeugend fand. „Hitze“ ist aber auf jeden Fall eine Empfehlung wert!

Mary Roberts Rinehart„Das Album“ (1933) und „Die Wendeltreppe“ (1907), beide Romane sind Einzeltitel, die eine wunderbare altmodische New-England-Atmosphäre verbreiten, liebenswerte Protagonistinnen haben und gut konstruierte Kriminalfälle bieten. Mary Roberts Rinehart wird gern mit Agatha Christie verglichen, hat aber Jahre vor dieser ihre Karriere als Autorin begonnen. Leider gibt es nur wenige Titel auf Deutsch, und die auch nur noch gebraucht, aber ich finde, dass sich die Suche danach definitiv lohnt. Wer bei den englischen Titel, zugreift, wird sich vermutlich von der Menge an Veröffentlichungen etwas erschlagen fühlen, und ich muss zugeben, dass nicht alle Romane gleich qualitativ sind, aber mit den beiden von mir genannten Titeln kann man definitiv nichts falsch machen. „Die Wendeltreppe“ gilt als erster Krimi, in dem die Erzählerin mit „Foreshadowing“ arbeitete – gibt es dafür ein deutsches Wort?

Charlotte MacLeod – ist mit ihrer eher absurden Balaclava-Reihe vermutlich nicht für jeden Leser etwas, wer aber witzige Kriminalromane mit skurrilen und liebenswerten Charakteren und soliden Kriminalfällen lesen mag, sollte sich (gebraucht) ihre Kelling-Romane besorgen. Die Reihe dreht sich um Sarah Kelling und Max Bittersohn und spielt in Boston. Obwohl die Bücher Ende der 70er Jahre geschrieben wurden, finde ich sie zeitlich schlecht einzuordnen, weil die Bostoner High Society, die in den Geschichten auf die Schippe genommen wird, einfach wunderbar altmodisch dargestellt wird.

Dorothy Gilman – die „Mrs. Pollifax“-Romane sind eigentlich eher Spionage-Geschichten und spielen während des Kalten Krieges, aber für mich fühlen sie sich wie gemütliche Kriminalgeschichten an, die einfach nur in den unterschiedlichsten Ländern spielen und in die die CIA involviert ist. Doch der größte Reiz liegt bei diesen Romanen in der Person der Protagonistin, die sich als gelangweilte und lebensmüde Rentnerin bei der CIA als Spionin bewirbt und dank einer Verwechslung auch gleich ihren ersten Auftrag bekommt. Die deutschen Ausgaben sind inzwischen sogar gebraucht schwierig zu bekommen, aber dafür gibt es demnächst eine Neuauflage der Titel als englische eBooks.

P. J. Tracy„Spiel unter Freunden“ und all die anderen „Monkeewrench“-Krimis. Das Mutter-Tochter-Gespann, das hinter dem Pseudonym steckt, schreibt etwas härtere amerikanische Krimis. Diese lese ich zwar auch regelmäßig, sie führen aber normalerweise nicht dazu, dass ich die Autorinnen unbedingt empfehlen möchte. Bei P. J. Tracy ist es aber so, dass ich nicht nur die Fälle gut konstruiert finde, sondern auch all die blutigeren Aspekte durch die unterschiedlichen Charaktere so gut ausgeglichen werden, dass ich die Romane immer wieder lesen mag. Auch wenn mir gerade auffällt, dass ich noch immer keinen Titel der „Twin Cities“-Reihe gelesen habe, so kann ich die „Monkeewrench“-Romane auf jeden Fall empfehlen.

Rachel Caine – Die „Stillhouse Lake„-Reihe gehören zu den wenigen Thrillern, die mir so gut gefallen haben und die ich so spannend fand, dass ich sie gekauft und nicht nur in der Bibliothek ausgeliehen habe, obwohl ich sonst eher bei gemütlichen Krimis statt Thrillern bleibe. Die Geschichte dreht sich um Gwen, die vor einigen Jahren herausfinden musste, dass ihr Mann ein Serienmörder ist. Nach den folgenden Ermittlungen und Gerichtsverfahren ist sie zwar von einer Mitschuld freigesprochen worden, aber es gibt genügend Menschen, die nicht glauben wollen, dass sie nicht wusste, was ihr Mann getan hat. So muss sie gemeinsam mit ihren beiden Kindern abtauchen, doch die Taten ihres Mannes kann sie nicht hinter sich lassen. Für mich die Romane, bei denen ich nach dem Lesen auf jedes unvertraute Geräusch in der Wohnung lausche und auf einmal all die Menschen, die ich nur online kenne, misstrauisch beäuge. Auf Englisch erscheint in ein paar Tagen der vierte Band, auf Deutsch ist der vierte Teil für April angekündigt.

Agatha Christie – ist allgemein bekannt und muss eigentlich gar nicht mehr empfohlen werden, aber ich möchte vorschlagen, die Autorin auf Englisch zu lesen, weil es bei einigen Geschichten so große Unterschiede zwischen der Originalveröffentlichung und der Übersetzung gibt. Wer mehr dazu wissen will, kann sich gern meinen schon etwas älteren Vergleich von „They Came to Baghdad“ und „Sie kamen nach Bagdad“ anschauen.

Darcie Wilde„A Useful Woman“. Der erste Band der Rosalind-Thorne-Mysteries spielt im Jahr 1817 und dreht sich um einen Todesfall bei Almack’s. Die Autorin bietet hier eine wunderbare Mischung aus Regency-Roman mitsamt all der gesellschaftlichen Regeln und Gepflogenheiten, einer sehr sympathischen Protagonistin und einem reizvollem Kriminalfall. Darcie Wilde ist keine moderne Jane Austen, aber ich mochte diese Mischung aus „Austen-haften“ Beobachtungen über die Gesellschaft, den unterschiedlichen Gesellschaftschichten, in die hier ein kleiner Einblick gewährt wird, und natürlich einem gut erzähltem Kriminalfall. Die Reihe umfasst bislang drei Bände auf Englisch.

Ovidia Yu – „The Frangipani Tree Mystery“ würde ich allen ans Herz legen wollen, die eine Schwäche für gemütliche britische Krimis der 30er Jahre haben, aber gern mal einen anderen Schauplatz erleben wollen. Die Geschichte spielt nicht nur in Singapur, sondern wird auch aus der Sicht eines (dank Missionsschule durchaus gebildeten) chinesischen Dienstmädchens erzählt. Der Kriminalfall an sich ist etwas vorhersehbar, aber der Schauplatz, die Perspektive der Protagonistin Sun Lin und die zwar etwas gemächliche, aber sehr amüsante Erzählweise machen den Roman definitiv zu einem empfehlenswerten Krimi.

Zelda Popkin„Rendezvous nach Ladenschluss“. Noch einmal ein Krimi, der in den 30er Jahren spielt, aber dieses mal in den USA und im Umfeld eines der großen Kaufhäuser, die zu der Zeit ihre Blütezeit erlebten. Leider sind die Bücher nur noch gebraucht zu bekommen, aber die Mary-Carner-Romane von Zelda Popkin sind ein wunderbares Abbild ihrer Zeit, bieten einen spannenden Kriminalfall und die Atmosphäre klassischer amerikanischer Privatdetektiv-Geschichten, aber eben aus der weiblichen Perspektive statt aus der des desillusionierten männlichen Detektivs. Es ist zu schade, dass all diese Kriminalromane von Autorinnen wie Zelda Popkin, Amanda Cross usw., die früher bei dtv veröffentlicht wurden, heute nicht mehr aufgelegt werden.

Robin Stevens„Murder Most Unladylike“ (oder auf Deutsch „Mord ist nichts für junge Damen“). Es gibt so tolle Kriminalromane im Kinder- und Jugendbuchbereich, und „Murder Most Unladylike“ gehört definitiv dazu. Erzählt wird die Handlung aus Sicht der chinesischen Hazel Wong, die in den 30er Jahren von ihrem Vater auf ein britisches Internat geschickt wird, wo sie einige Zeit später ihre Naturwissenschaftslehrerin ermordet auffindet. Robin Stevens schreibt gut konstruierte Krimis, die auch für erwachsene Leser nicht zu einfach zu durchschauen sind, mit zwei sympathischen Protagonistinnen und dem einen oder anderen Anklang an klassische Agatha-Christie-Romane. Die Reihe endet mit dem im Sommer erscheinenden neunten Band, aber eine Folgereihe wurde von der Autorin schon angekündigt.

Katherine Woodfine – „The Clockwork Sparrow“. Da ich schon einen Schlenker zu den Kinder- und Jugendbüchern gemacht habe, kommt auch noch Katherine Woodfine mit ihren Sinclair Mysteries auf die Liste. Der erste Band „The Clockwork Sparrow“ spielt im Jahr 1909 in einem neueröffneten großen Londoner Kaufhaus, und die Protagonistin ist die vierzehnjährige Verkäuferin Sophie. Katherine Woodfine findet meiner Meinung nach eine großartige Mischung aus gemütlichem Krimi, spannenden Elementen (wie die Existenz einer kriminellen Vereinigung, die man eher in einem Edgar-Wallace-Roman erwarten würde) und einer immer wieder überraschend realistischen Darstellung dieser Zeit. Lustigerweise habe ich in diesem Roman so einige Elemente gefunden, die mich an Susannah Stapletons Recherchen zu der realen Privatdetektivin Maud West erinnerten. Es gibt insgesamt vier Romane rund um Sophie, von denen drei auf Deutsch unter dem Serientitel „Das Kaufhaus der Träume“ erschienen und anscheinend nur noch gebraucht zu bekommen sind.

Da der Beitrag jetzt schon eine Länge erreicht hat, die vermutlich jeden vernünftigen Menschen abschreckt, beende ich hier meine spontanen Empfehlungen, obwohl mir noch einige weitere Autorinnen einfallen, die mich entweder schon seit Jahren begleiten oder mich gerade erst begeistert haben. Es gibt so viele tolle Kriminalromane von Autorinnen, und das aus den verschiedensten Jahrzehnten und den unterschiedlichsten Ländern, dass jeder in der Lage sein sollte, einen Krimi oder Thriller nach seinem Geschmack zu finden, der von einer Autorin geschrieben wurde.

Jordan Stratford: The Wollstonecraft Detective Agency 1 – The Case of the Missing Moonstone

Normalerweise bin ich nicht so glücklich, wenn ein Autor sich zu große Freiheiten bei der Verwendung historischer Persönlichkeiten nimmt, aber mit „The Case of the Missing Moonstone“ von Jordan Stratford habe ich mich zu gut amüsiert, um ihm diesen großzügigen (und vollkommen unkorrekten) Einsatz berühmter Figuren übelzunehmen. Dazu muss ich allerdings anfügen, dass Jordan Stratford sich die Mühe gemacht hat, die realen Daten und Fakten im Anhang aufzulisten und zu erklären, wieso er diese für seine Geschichte angepasst hat. Für die Geschichte im ersten Band der „Wollstonecraft Detective Agency“-Reihe muss man als Leser also hinnehmen, dass Lady Ada Byron (Ada Lovelace) und Mary Godwin (Mary Shelley) gerade mal drei Jahren Altersunterschied trennen (statt der realen 18 Jahre), und auch sonst gibt es einige unerwartete Elemente.

Zu Beginn des Romans lässt sich Jordan Stratford Zeit, die beiden Protagonistinnen Ada und Mary vorzustellen. Ada ist zu diesem Zeitpunkt nicht gerade zufrieden mit ihrem Leben, da ihre Gouvernante sie verlässt (unerklärlicherweise, um zu heiraten!) und sie zukünftig – gemeinsam mit einem ihr unbekannten Mädchen – von einem Hauslehrer unterrichtet werden soll. Von den intellektuellen Fähigkeiten dieses Percy Snagsby (von Ada nur Peebs genannt) ist die Elfjährige nicht gerade überzeugt, und sowieso reicht es ihr, wenn man ihr aktuelle Sachbücher zu den Wissensgebieten zur Verfügung stellt, die sie interessieren. Die vierzehnjährige Mary hingegen freut sich sehr über diese einmalige Möglichkeit, durch einen Hauslehrer unterrichtet zu werden, auch wenn es eine Weile dauert, bis sie dahinterkommt, wie man am Besten mit Adas zahlreichen Eigenarten umgehen muss.

Je besser sich die beiden Mädchen kennenlernen, desto mehr stellen sie fest, dass sie sich in ihrer Gegensätzlichkeit gut ergänzen, was darauf hinausläuft, dass sie zusammen die „Wollstonecraft Detective Agency“ gründen. Für Ada ist dies die Möglichkeit, ihren Intellekt unter Beweis zu stellen, während Mary von der Aussicht auf Abenteuer gelockt wird. Beiden ist natürlich bewusst, dass sie als junge Damen der Gesellschaft nicht jeden Fall annehmen können, doch als in einem der benachbarten Herrenhäuser ein Schmuckstück gestohlen wird, scheint der perfekte Zeitpunkt gekommen zu sein, sich an ihren ersten Kriminalfall zu wagen. Passend zur Zielgruppe (ab acht Jahren) ist die Geschichte weder blutig noch besonders aufregend, dafür gibt es sehr viele amüsante Momente, die sich um Adas Eigenheiten drehen oder um all die kleinen Geheimnisse, die viele der Charaktere haben. Was aber vor allem heraussticht, ist eine Liebe zu Wissen und Wissenschaft, die sich nicht nur in Adas Begeisterung für Erfindungen widerspiegelt, sondern auch in all den kleinen Szenen mit „Rechenmaschinen“, seltsamen „unsichtbaren“ Jungen in der Kutsche oder eben auch in den Elementen, die zur Lösung des Falls entscheidend sind.

Jordan Stratford bietet eine verspielte und ungewöhnliche Sicht auf Mathematik, Physik und Chemie, und er fordert den Leser mit Wörtern, die theoretisch zu schwierig für die Altersgruppe sind, aber so beiläufig von Ada und Mary erklärt und verwendet werden, dass es Spaß macht, ihre Freude beim Kennenlernen neuer Wörter zu verfolgen. Ich persönlich mag normalerweise keine „lehrhaften“ Kinderbücher (wenn ich nicht gerade bewusst zu einem Sachbuch greife), aber ich habe mich bei „The Case of the Missing Moonstone“ großartig unterhalten gefühlt, während Ada über Schießpulver für ihre Peebs-Kanone nachdachte, Mary gemeinsam mit Charles Dickens (!) in einem Zeitungsarchiv Nachforschungen anstellte oder die beiden Mädchen eine lebensgefährliche Begegnung mit dem ersten pferdegezogenen britischen Omnibus hatten. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich als Kind nicht nur viel Spaß mit der Handlung gehabt hätte, sondern dass auch die diversen Hinweise auf historische Figuren, Literaturklassiker und Ähnliches dafür gesorgt hätten, dass ich mehr über die verschiedenen Gebiete hätte erfahren wollen. Bei mir hat das Lesen dieses Romans aber vor allem dazu geführt, dass ich große Lust auf weitere Geschichten mit Ada und Mary habe.

Darcie Wilde: A Useful Woman (Rosalind Thorne Mystery 1)

Über einen Mangel an Cozies, die in den 1920er oder 1930er Jahren spielen, kann ich mich ja nicht beschweren, aber ab und an sehne ich mich nach gemütlichen Kriminalromanen, die zu anderen Zeiten spielen. Bei „A Useful Woman“ muss ich gestehen, dass ich zuerst auf das Cover aufmerksam geworden bin und dann erst feststellte, dass die Reihe um 1817 spielt. Im Prolog bekommt man einen ersten Eindruck vom Familienleben der Protagonistin Rosalind Thorne und muss miterleben, wie ihr Vater sich gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Charlotte aus dem Staub macht, weil er seine Gläubiger fürchtet. Rosalind und ihre Mutter hingegen bleiben zurück und müssen irgendwie mit den Auswirkungen dieser Flucht fertig werden. Fünf Jahre später spielt Rosalind eine ungewöhnliche und sehr diskrete Rolle in der Gesellschaft, indem sie den diversen Ladys zur Seite steht, wenn diese besonders aufwändige Pläne verwirklichen wollen. In der Regel bestehen diese Pläne nur aus der Ausrichtung eines großen Festes oder ähnlich harmloser Ereignisse, aber manchmal gehört zu Rosalinds Aufgabe auch, die öffentliche Meinung zu beeinflussen oder einer Person Ratschläge zu geben, wie diese eine gesellschaftliche Katastrophe abwenden könnte.

Nachdem Rosalind ihre Tätigkeit anfangs aus dem Anwesen ihrer Patentante Lady Blanchard heraus ausgeübt hat, ist sie vor einem Jahr in ein eigenes kleines Haus in London gezogen, was ihre finanzielle Situation etwas angespannt sein lässt. So scheint das überaus großzügige Angebot von Lady Edmund Aimesworth, die nicht nur eine jährliche Apanage, sondern auch lebenslanges Wohnrecht in einem ihrer Häuser in Aussicht stellt, für die junge Frau unwiderstehlich zu sein. Um diese begehrlichen Dinge zu erlangen, muss Rosalind es nur schaffen, Lady Aimesworth zu einer Position als Patronesse bei Almack’s zu verhelfen, Doch dann wird ihr Sohn Jasper Aimesworth ermordet im Ballsall von Almack’s aufgefunden. Für Rosalind stellt sich nun die Frage, welche der Personen, die an diesem Tag unerwarteterweise im Gebäude anwesend waren, für den Tod des jungen Mannes verantwortlich sein könnte, und was im Hause Aimesworth vorgeht, vor dem Jasper sie vor seinem Tod warnen wollte.

Diese Beschreibung klingt jetzt etwas dramatischer, als die Geschichte wirklich ist, aber gerade die ruhige Erzählweise und all die kleinen Details, die Rosalinds Alltag als „diskrete Helferin der Damen der Gesellschaft“ ausmachen, mochte ich an diesem Roman wirklich. Rosalind hat nach der Flucht ihres Vaters dank ihrer Patentante Lady Blanchard ihre Stellung in der Gesellschaft halten können, und all ihr Verhalten ist seitdem davon bestimmt, diese Position nicht zu verlieren. Auf der anderen Seite hat sie durch ihr Engagement für die diversen Ladys in den vergangenen Jahren Einblicke in die Ecken der verschiedenen Adelsfamilien bekommen, über die normalerweise ein Mantel des Schweigens gehüllt wird. Ebenso hat sie – auch dank ihrer Haushälterin Mrs. Kendricks – Kontakte in die Dienstbotenkreise, aus denen sie Informationen erhält, die ihr bei ihrer Arbeit hilfreich sind. So ist es kein Wunder, dass Principal Officer Adam Harkness von Anfang an der Meinung ist, dass Rosalind und ihre Beziehungen nützlich für ihn sind, während er versucht, mehr über das Ableben von Jasper herauszufinden.

Wobei ich anmerken muss, dass sich Adam Harkness auch sonst zu Rosalind hingezogen fühlt, während diese noch immer Gefühle für (ihren ehemaligen Beinah-Verlobten) Lord Casselmaine hegt. Während ich normalerweise Dreiecks-Geschichten nicht so sehr mag, fand ich hier auch diesen Teil der Handlung stimmig gemacht. Erst einmal nimmt der „Beziehungsteil“ nicht so großen Raum ein, und dann ist es für Rosalinds Entwicklung im Laufe von „A Useful Woman“ wichtig, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit (und somit mit ihrem Verhältnis zu Lord Casselmaine) ebenso auseinandersetzt wie mit der Frage, was in Zukunft aus ihr werden soll. Ich mochte es sehr, dass Darcie Wilde es schaffte, dass Rosalind und ihre von Regeln beherrschte Gesellschaft stimmig und mit all den kleinen und größeren Geheimnissen, die hinter den perfekten Fassaden schlummern, dargestellt wurde. Durch Rosalinds Perspektive hingegen konnte man sehr gut verstehen, wieso es ihr so wichtig ist, dass sie diese (häufig unausgesprochenen) Regeln als Halt für ihr Benehmen und ihren Auftritt hat. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Szenen, in denen deutlich wird, dass dieser Halt trügerisch ist und dass gerade die Frauen zu dieser Zeit ohne eigenes Verschulden sehr hohen Risiken ausgesetzt waren.

Was mich zu den großartigen Nebenfiguren führt, die neben Rosalind so viel zur Atmosphäre von „A Useful Woman“ beigetragen haben. So ist Rosalind seit vielen Jahren mit Alice Littlefield befreundet, die nach dem Tod ihrer Eltern zusammen mit ihrem Bruder in einer kleinen Wohnung lebt und als Journalistin ihren Lebensunterhalt bestreitet. Obwohl Alice in derselben Schicht aufgewachsen ist wie Rosalind, hat sie scheinbar mühelos den Schritt in die (finanzielle) Unabhängigkeit gewagt, obwohl das bedeutete, dass sie nie wieder ihren Weg zurück in die Gesellschaft finden kann. Honoria Aimesworth hingegen, die Tochter von Lady Edmund Aimesworth und Jaspers Schwester, gehört zur Gesellschaft, auch wenn sie von den meisten Personen als exzentrisch angesehen wird. Doch trotz ihres Selbstbewusstseins und ihrer direkten Art wird schon früh deutlich, wie wenig sie von ihrer Schicht hält und wie verzweifelt sie eine Möglichkeit sucht, sich ein anderes Leben aufzubauen.

Bei all diesen Elementen wird der Kriminalfall ein wenig in den Hintergrund gerückt, was ich aber nicht schlimm fand, da die Frage nach Jaspers Tod und die Folgen, die dieser für die verschiedenen Personen hatte, trotzdem immer im Raum steht. Außerdem gibt es immer wieder kleine Hinweise auf die Auflösung in all den Szenen, die Rosalind beobachtet, und in den Gesprächen, die sie mit anderen Personen führt. So schrecklich überraschend waren die Motive der beteiligten Personen also am Ende nicht, ebensowenig wie die Identität des Mörders, aber Darcie Wilde ist es trotzdem gelungen, dass ich auf die Auflösung hinfieberte und am Ende aus mehreren Gründen um Rosalind (und ihre Freunde) bangte. Nachdem ich keine großen Erwartungen in „A Useful Woman“ gesetzt hatte und nur nach einer neuen netten Krimireihe suchte, war ich ziemlich überrascht, wie viel Spaß ich mit dem Roman hatte und wie sehr mir die verschiedenen Figuren ans Herz gewachsen waren – nur gut, dass es noch zwei weitere Rosalind-Thorne-Bände gibt, so dass ich noch ein paar Lesestunden mit ihr vor mir habe.

Jane Harper: Ins Dunkel (Aaron Falk 2)

Nachdem mir „Hitze“ von Jane Harper so gut gefallen hatte, habe ich mir noch vor Beenden des ersten Bandes den zweiten Kriminalroman rund um Aaron Falk in der Bibliothek ausgeliehen. Während im Debütroman der Autorin die alles vernichtende Dürre, die das kleine Städtchen Kiewarra um seine Existenz zu bringen droht, für einen Großteil der Atmosphäre verantwortlich war, liegt in „Im Dunkeln“ der Fokus auf der Unwegsamkeit des Giralang-Massivs. Wie schon im ersten Kriminalroman der Autorin gibt es auch in diesem Roman wieder zwei Fälle – einen aktuellen und einen deutlich älteren – die eine Rolle in der Geschichte spielen. Die aktuellen Ermittlungen drehen sich um eine Frau, die bei einer mehrtägigen Teambuilding-Wanderung, die eine Gruppe von Angestellten und Führungskräften der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BaileyTennants unternahm, verloren ging. Besonders brisant ist dabei für Aaron, dass die vermisste Alice Russell die Kontaktperson für ihn und seine Kollegin Carmen Cooper bei einem umfassenden Geldwäsche-Fall war und kurz davorstand, ihnen brisante Unterlagen zu überreichen.

Der ältere Fall, der immer wieder im Laufe der Handlung erwähnt wird, hat dafür gesorgt, dass der Nationalpark, in dem Alice verschwunden ist, berüchtigt ist für mehrere Morde, die dort vor Jahren stattfanden. Vor zwanzig Jahren wurden die Leichen von drei Frauen in dem dichten Waldgebiet aufgefunden und der für diese Taten verurteilte Wanderarbeiter Martin Kovac leugnete bis zu seinem Tod, dass er für die Morde an diesen Frauen oder das Verschwinden der achtzehnjährigen Sarah Sondenberg, deren Leiche bis heute nicht entdeckt werden konnte, verantwortlich gewesen sei. Die Angst, die die Erinnerungen an die damaligen Taten auch heute noch in der Wandergruppe hervorruft, und die Tatsache, dass die Polizei nichts über den aktuellen Aufenthaltsort des Sohns von Martin Kovac weiß, sorgt dafür, dass man als Leser diesen Teil der Erzählung nie ganz aus den Augen verliert. Außerdem bietet die regelmäßige Erinnerung an Martin und Sam Kovac einen hervorragenden Grund, dass man grundsätzlich jeden männlichen Charakter im passenden Alter erst einmal misstraut.

Wie schon bei „Hitze“ arbeitet Jane Harper auch hier mit Rückblicken, um die Handlung zu erzählen. Doch bekommt man bei „Im Dunkeln“ nicht Ereignisse präsentiert, die vor mehreren Jahren stattfanden, sondern die Erlebnisse der vier Wanderinnen, die in den Tagen vor ihrem Verschwinden mit Alice unterwegs waren. Da man die Erinnerungen jeder einzelnen dieser Frauen teilt, lernt man ihren jeweiligen Charakter sowohl aus der eigenen als auch aus fremder Perspektive ziemlich gut kennen. Auf der anderen Seite verfolgt man, wie Aaron und Carmen versuchen, mehr über die verschiedenen Personen herauszufinden (und trotz des Verschwindens von Alice ihren Geldwäsche-Fall weiter voranzutreiben). Ich mochte es sehr, wie die Autorin all die kleinen Zwistigkeiten in ihre Geschichte einbaute, die sich schnell aufhäufen, wenn sehr unterschiedliche Menschen zwangsweise in einer unangenehmen Situation aufeinander angewiesen sind. Außerdem war es stimmig und sehr atmosphärisch zu lesen, wie diese kleinen Reibereien sich immer weiter steigerten, während es den Frauen nach und nach klar wird, dass sie in großer Gefahr schweben.

So spannend die Handlung war und so sehr mich das Schicksal von Alice beschäftigt hat, so muss ich zugeben, dass ich doch bei diesem Roman etwas mehr Abstand zu den Ereignissen empfand als bei „Hitze“. Das liegt vermutlich daran, dass auch Aaron – trotz aller Sorge, die er sich um Alice macht, – nicht persönlich betroffen ist. Er empfindet Sympathie für einige der beteiligten Frauen, er sorgt sich um seinen Fall und er macht sich Gedanken darüber, was für Folgen all die Ereignisse für einige Personen haben werden, aber insgesamt ist das Ganze auch nur Teil einer Ermittlung für ihn. Das lässt diesen Teil der Reihe rund um Aaron Falk ein kleines bisschen weniger intensiv wirken als den Auftaktband. Trotzdem ist dies ein wirklich sehr gut erzählter Kriminalroman mit realistisch wirkenden Figuren, einer sehr spannenden Handlung und einer wunderbar atmosphärischen Kulisse. Ich habe mich auch von diesem Teil der Aaron-Falk-Bücher wieder sehr gut unterhalten gefühlt und würde gern noch mehr von der Autorin lesen, allerdings scheint Jane Harper nach diesem Roman noch kein weiteres Buch veröffentlicht zu haben.

Jane Harper: Hitze (Aaron Falk 1)

In den letzten Monaten bin ich mehrmals bei Neyasha über Bücher gestolpert, die ich interessant fand, so auch „Hitze“ von Jane Harper, das ich in der Onleihe ausleihen konnte. Der Kriminalroman beginnt mit der Beerdigung von Luke Hadler, der erst seine Frau und seinen Sohn und dann sich selbst umgebracht haben soll. Der Polizist Aaron Falk, Lukes Freund aus Kindertagen, kommt zu diesem Anlass zurück in seinen Geburtsort Kiewarra, obwohl er mit dem Ort keine guten Erinnerungen verknüpft. So ist es kein Wunder, dass Aaron eigentlich so schnell wie möglich wieder verschwinden will, doch Lukes Mutter ist sich sicher, dass ihr Sohn niemals seine Familie umgebracht hätte, und auch den örtlichen Polizisten Sergeant Raco beschäftigen rund um Lukes Tod noch einige unbeantwortete Fragen.

Von Anfang an bekommt man als Leser mit, dass für Aaron die Rückkehr nach Kiewarra nicht so einfach ist, da er vor vielen Jahren verdächtigt wurde, seine Freundin Ellie ermordet zu haben. Luke hatte ihm zwar damals für den Nachmittag, an dem Ellie verschwand, ein Alibi gegeben, aber so richtig wollte niemand in der kleinen Stadt glauben, dass der (oder gar beide) Teenager unschuldig an dem Tod der Sechzehnjährigen waren. Je mehr Aaron sich mit dem Tod von Luke beschäftigt, desto mehr Erinnerungen kommen auch an ihre gemeinsame Jugendzeit und natürlich Ellie hoch. Jane Harper lässt sich Zeit beim Erzählen der beiden Handlungsstränge rund um den Mord an Luke und seiner Familie sowie um den Tod von Ellie, der zwar offiziell als Selbstmord zu den Akten gelegt wurde, aber in den Augen der Bewohner von Kiewarra bis heute ungeklärt blieb. Ich mochte diese eher gemächliche Erzählweise der Autorin, weil sie einem so nicht nur die Gelegenheit gab, die verschiedenen Charaktere gut kennenzulernen, sondern damit auch eine ungemein atmosphärische Stimmung für ihre Geschichte kreiert hat.

Das Leben in Kiewarra war noch nie einfach, die Menschen dort leben von der Landwirtschaft und der australische Boden ist weder gnädig zu den Pflanzen noch zu den Nutztieren. Doch in den vergangenen Jahren wurde die Situation in dem kleinen Ort noch angespannter. Zwei Jahre Dürre haben die Felder verdorren und die letzten Wasserreserven verschwinden lassen. Viele Farmen in Kiewarra ringen um ihr Überleben oder mussten sich den extremen Wetterbedingungen geschlagen geben, was natürlich auch Auswirkungen auf alle anderen Geschäfte im Ort hat. Durch Aarons Augen erlebt man als Leser diese Veränderungen hautnah. Er hat schon als Kind gesehen, wie schwierig das Leben von der Landwirtschaft ist und welche Abhängigkeiten sich innerhalb der Nachbarschaft unter solchen Bedinungen entwickeln (und wie unmöglich das Leben an einem solchen Ort wird, wenn die Nachbarn beschließen, dass man in ihren Reihen keinen Platz mehr hat). Doch die Stimmung im heutigen Kiewarra ist noch angespannter, die Verzweiflung und Armut der Menschen an allen Ecken zu spüren, ebenso wie die Gewissheit, dass (im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne) ein Funke genügt, um eine Katastrophe auszulösen.

Obwohl die Stimmung in der Stadt schrecklich ist, fand ich die Geschichte nicht deprimierend. Ich mochte Aaron Falk, der mit all seinen Stärken und Schwächen einen sympathischen und glaubwürdigen Protagonisten abgab, und ich mochte es vor allem, dass er so gut mit dem örtlichen Polizisten Sergeant Raco zusammenarbeitete. Es gab kein Kompetenzgerangel zwischen den beiden – was auch daran lag, dass beide inoffiziell in einem eigentlich schon abgeschlossenen Fall ermittelten -, stattdessen entwickelt sich aus dem gemeinsamen Bedürfnis, die Wahrheit über die entsetzlichen Morde zu erfahren, eine relativ entspannte Freundschaft und ein überraschend belastbares Vertrauensverhältnis. Am Ende werden beide Fälle gelöst, wobei die Hintergründe rund um Ellies Tod schon relativ lange auf der Hand lagen, während mich die Autorin rund um den Tod von Luke und seiner Familie erfolgreich von meinem anfänglichen (richtigen) Verdacht ablenken konnte. Insgesamt bin ich wirklich beeindruckt davon, dass Jane Harper mit ihrem Debütroman eine so überzeugende und faszinierend Kriminalgeschichte geschaffen hat. Mir hat „Hitze“ sogar so gut gefallen, dass ich schon während des Lesens „Ins Dunkel“, den zweiten Band rund um Aaron Falk, in der Onleihe vorgemerkt habe, um ihn dann hoffentlich bald lesen zu können.

Kazuaki Takano: 13 Stufen

„13 Stufen“ von Kazuaki Takano war eine Leihgabe von Natira, und bevor ich mit dem Buch anfing, wusste ich so gar nichts über die Geschichte und den Autor. Die dreizehn Stufen im Titel beziehen sich darauf, dass man im Japanischen die dreizehn Stufen als Synonym für den Gang zum Galgen verwendet. Mit diesem Wissen im Hinterkopf verwundert es also nicht, dass sich die Geschichte in diesem Kriminalroman vor allem mit den verschiedenen Aspekten der Todesstrafe in Japan beschäftigt, auch wenn die Handlung sich vordergründig um die Ermittlung ein einem vor zehn Jahren geschehenen Mordfall dreht. Protagonisten in dem Roman sind der (ehemalige) Gefängnisaufseher Shōji Nangō und der auf Bewährung entlassene Jun’ichi Mikami. Gemeinsam versuchen die beiden Männer herauszufinden, wer vor zehn Jahren den Bewährungshelfer Kohei Utsugi und dessen Ehefrau Yasuko ermordet hat, um den für diese Tat verurteilten Ryō Kihara vor dem Tod durch den Strang zu bewahren.

Das brisante an dem Todesurteil für Ryō Kihara besteht darin, dass sich der junge Mann aufgrund eines am selben Abend wie die Tat passierten Motorradunfalls an absolut nichts erinnern kann. Ryō Kihara war zu dem Zeitpunkt des Mordes auf Bewährung und musste regelmäßig seinen Bewährungshelfer Kohei Utsugi besuchen, außerdem hatte er, als er nach seinem Unfall gefunden wurde, Blutspuren der Opfer an seiner Kleidung und einen Gegenstand des Ermordeten in seinem Besitz. Trotzdem gibt es anscheinend jemanden, der an der Schuld des Verurteilten zweifelt und deshalb einen Anwalt bezahlt, um erneute Nachforschungen anzustellen. Im Laufe mehrerer Wochen finden Shōji Nangō und Jun’ichi Mikami wirklich Hinweise, dass vielleicht eine weitere Person am Tatort gewesen sein könnte, doch die Zeit läuft den beiden Männern davon.

Ich fand es recht spannend, wie Kazuaki Takano parallel die (ziemlich hoffnungslos scheinenden) Ermittlungen in den alten Fall und den Weg beschreibt, den der Vollstreckungsbefehl des Todesurteils durch die verschiedenen Behörden nimmt. Dabei hat sich der Autor bei den Passagen rund um den Vollstreckungsbefehl nicht nur auf den rechtlichen Vorgang konzentriert, sondern auch die verschiedenen Gedanken und Motive der beteiligten Personen dargestellt.

Auch die Wahl seiner Charaktere – ein Gefängnisaufseher und ein wegen Totschlags verurteilter junger Mann – sorgen für eine Vertiefung des Themas. Denn während Nangō in seinem Berufsleben nicht nur als Zeuge, sondern auch als aktives Element bei der Vollstreckung der Todesstrafe beteiligt war, muss Jun’ichi damit leben, dass er jemanden getötet hat und dass diese Tat nicht nur sein Leben, sondern auch das vieler andere Personen deutlich beeinflusst hat. Diese unterschiedlichen Perspektiven und die verschiedenen Betroffenen, denen die beiden Männer im Laufe ihrer Ermittlungen begegnen, bieten Kazuaki Takano die Möglichkeit, viele Aspekte rund um die Todesstrafe und die Tötung eines Menschen zu beleuchten. Faszinierend fand ich zum Beispiel, wie wichtig im japanischen Rechtsystem es ist, dass ein Mensch eine Tat bereut. Teil der Bewährungsbedingungen ist es etwa, dass sich Jun’ichi den Hinterbliebenden seines Opfers stellt und sie um Verzeihung bittet, während Ryō Kihara vermutlich zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt worden wäre, wenn er sich an die Tat hätte erinnern und sie so hätte bereuen können. Die Tatsache, dass er keinerlei Erinnerungen an den Mord hat, ist eigentlich der Hauptgrund dafür, dass die Todesstrafe verhängt wurde.

All diese Details rund ums japanische Rechtssystem fand ich wirklich faszinierend, ebenso wie die Passagen, in denen sich Nangō und Jun’ichi über verschiedene Dinge ausgetauscht haben, die nicht nur dem jeweils anderen eine neue Perspektive auf etwas scheinbar Vertrautes gewährt haben, sondern dem Leser auch einen Einblick in die japanische Gesellschaft gewähren. Jemand, der sich für all dies nicht interessiert, dürfte „13 Stufen“ relativ langatmig finden, obwohl die Handlung nicht langweilig ist und gerade am Ende einige Wendungen nimmt, die viel Bewegung in die Geschichte bringen. Zwar gibt es einige vorhersehbare Aspekte in diesem Krimi, wie die Hintergründe zu dem Vorfall von vor zehn Jahren, der Jun’ichis Leben geprägt hat, oder zu der Frage, wer der geheimnisvolle Auftraggeber ist, der in letzter Minute noch die Unschuld von Ryō Kihara beweisen will, aber alles in allem fand ich diese Mischung aus Informationen und verzwickter Handlung wirklich spannend zu lesen. Oh, und nachdem ich gesehen habe, dass „13 Stufen“ der Debütroman von Kazuaki Tanako war, habe ich geschaut, ob er noch ähnliche Krimis hat, aber das scheint leider sein einziger Roman in diese Richtung gewesen zu sein.

Rose Donovan: The Mystery of Ruby’s Sugar (Ruby Dove Mystery 1)

Ich weiß nicht mehr, wie ich über „The Mystery of Ruby’s Sugar“ von Rose Donovan gestolpert bin, was bedeutet, dass ich auch nicht mehr weiß, welche Elemente des Klappentextes mich ursprünglich angesprochen hatten. Das kommt davon, dass ich gern Cozies hamstere, um welche auf Lager zu haben, wenn mir nach diesem Genre ist. 😉 Die Handlung wird aus der Sicht von Fina Aubrey-Havelock erzählt, die gemeinsam mit ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Ruby Dove die Weihnachtstage auf dem Herrensitz Pauncefort Hall verbringt. Doch im Gegensatz zu den restlichen Gästen sind Fina und Ruby nicht eingeladen worden, um eine nette Zeit im Kreis von Familie und Freunden zu verbringen, sondern um ihrer Arbeit als Designerin (Ruby) und Schneiderin (Fina) nachzugehen. Die beiden jungen Frauen finanzieren sich ihr Leben und ihr Studium in Oxford nämlich damit, dass sie reiche Frauen bezüglich ihrer Garderobe beraten und für sie Kleider entwerfen und nähen.

Außerdem ist Ruby auf der Suche nach Papieren, die beweisen sollen, dass die Familie Sykes-Duckworth, in deren Besitz sich Pauncefort Hall befindet, verantwortlich für ein Massaker auf der karibischen Insel St. Kitts war, bei dem ein Verwandter von Ruby ums Leben kam. Als dann Granville Sykes-Duckworth, der älteste Sohn des Hauses, ermordet wird, wollen Ruby und Fina die Tat aufklären, bevor die Polizei in dem eingeschneiten Herrensitz eintreffen kann, damit diese nicht aufgrund der Tatsache, dass das Mordmittel anscheinend Rubys selbstgebrauter Fleckenlöser war, die falschen Schlüsse zieht. Schnell sichern sich Ruby und Fina die Hilfe des Bediensteten Charles, der die beiden mit Informationen über die Familie und Angestellten versorgt.

Ich mochte an „The Mystery of Ruby’s Sugar“ sehr, dass die Geschichte für einen Cozy überraschend politisch ist. Die Handlung spielt Weihnachten 1934 und schon zu Beginn erfährt man, dass einer der Gäste eher links eingestellt ist, während der älteste Sohn des Hauses – ebenso wie einer seiner engsten Freunde – Anhänger des Faschisten Oswald Mosley ist. Und obwohl sich Ruby in der höheren Gesellschaft zu Hause zu fühlen scheint und als Designerin gefragt ist, gibt es natürlich Personen, die ein Problem mit ihrer Hautfarbe haben. Trotzdem ist Ruby nicht die einzige Woman of Color bei dieser Gesellschaft, da auch noch zwei Schwestern aus Indien die Weihnachtstage in Pauncefort Hall verbringen.

Ein bisschen zu viel war für mich, dass sowohl Ruby als auch ihre Freundin Fina eine „Vergangenheit“ haben. Während Ruby sich aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Bemühungen, das Zuckerimperium der Familie Sykes-Duckworth für das Massaker auf St. Kitts zur Verantwortung zu ziehen, in einer kritischen Position befindet, hat Fina das Problem, dass jeder sich bei ihrem Nachnamen an den Mord an ihrem Vater erinnert. Der Mord an sich wäre schon schlimm genug gewesen, doch die Tatsache, dass Finas Bruder für die Tat verurteilt wurde, facht natürlich die Sensationslust Außenstehender noch weiter an. Außerdem bin ich immer wieder über Szenen gestolpert, bei denen ich das Verhalten der verschiedenen Personen unstimmig fand und mich dann darüber grübeln ließen, ob die Autorin sich was dabei gedacht hat oder nur nachlässig war bei der Darstellung von Umgangsformen. Solche Momente haben regelmäßig dafür gesorgt, dass ich den Roman immer wieder aus der Hand legte, und da die Geschichte zwar unterhaltsam, aber nicht so spannend war, dass ich sie unbedingt zeitnah wieder aufnehmen und weiterlesen musste, hat sich das Lesen überraschend lang hingezogen.

Auch das Ende hat mich frustriert, weil der Mörder und sein Motiv zwar enthüllt werden, aber die Lösung, die nach der Entdeckung des Täters von Ruby vorgeschlagen wird, von der unwahrscheinlichen Voraussetzung ausgeht, dass eine Gruppe von Menschen es schafft, der Polizei eine erfundene Geschichte zu erzählen, ohne dass sich einer der Beteiligten verplappert. Insgesamt bin ich am Schluss recht enttäuscht von „The Mystery of Ruby’s Sugar“ gewesen, denn obwohl die Autorin so eine gute Grundidee hatte, ich die Selbstverständlichkeit mochte, mit der nicht-heteronormative Beziehungen dargestellt wurden, und ich die Tatsache begrüßte, dass mehrere Women of Color in der Geschichte vorkamen, konnten mich weder die Erzählweise noch die Auflösung des Romans überzeugen.

Elaine Viets: Shop Till You Drop (A Dead-End Job Mystery 1)

Elaine Viets‘ Roman „Shop Till You Drop“ beinhaltet unglaublich viele Elemente, die ich eigentlich in Kriminalromanen (selbst wenn es „nur“ Cozies sind) nicht mag, und trotzdem habe ich mich beim Lesen großartig amüsiert. Die Protagonistin Helen Hawthorne arbeitet zu Beginn des Romans gerade mal seit drei Wochen bei „Juliana’s“, einem extrem exklusivem Geschäft für Luxus-Mode. Für Helen ist die Boutique eine vollkommen neue Welt, auch wenn sie sich vor ihrer Scheidung selbst bei den teuren Mode-Marke eingekleidet hat. Sie ist fasziniert davon, dass die Geschäftsführerin Christine den Kundinnen einzeln über einen Summer Zugang gewähren muss (und von den Kriterien, die einer Frau das Betreten des Geschäfts verwehren), und lernt bei der Arbeit eine Seite an den Kundinnen kennen, die diese fast durchgehend liebenswert erscheinen lassen, obwohl Helen früher immer Vorurteile gegenüber dieser Art von Frauen hatte.

Denn die Kundinnen von „Juliana’s“ sind in der Regel junge, magere Frauen, deren Schönheit schon lange nicht mehr auf ihren natürlichen Vorraussetzungen basiert, sondern auf der Kunst (zweifelhafter) Schönheitsspezialisten. So gibt Christine nicht nur Rat beim Kauf der passenden Kleidung, um die perfekt modellierte Figur in Szene zu setzen, sondern auch Empfehlungen für nicht lizensierte brasilianische Ärztinnen, die in den USA nicht zugelassene Behandlungen durchführen, oder vermittelt Haushaltsangestellte und weitere Dienste. Was anfangs wie ein erstaunlich freundschaftliches Verhältnis zu all den reichen Kundinnen wirkt, kommt Helen im Laufe der Zeit immer dubioser vor, und als dann Drogen in „Juliana’s“ auftauchen und in einer Gated Community, trotz der theoretisch vorhandenen Bewachung, eine Frau erschossen wird, ist sie fest davon überzeugt, dass ihre Vorgesetzte in mehr als eine illegale Tätigkeit verwickelt ist.

Normalerweise wäre ich beim Lesen schnell total genervt gewesen von dieser Welt, in der so gut wie alle Frauen Schönheits-OPs hinter sich gebracht haben, in der das Leben davon geprägt ist, sich einen reichen Mann zu angeln und bei Laune zu halten und die Augen davor zu verschließen, dass der Sugar Daddy seine Millionen mit illegalen Geschäften gemacht hat. Doch bei „Shop Till You Drop“ lernt man diese Welt durch Helens Augen kennen, und sie findet nicht nur viele Elemente, die im Leben ihrer Kundinnen vollkommen normal sind, ebenso absurd wie ich selbst, sondern sie entwickelt auch eine ernsthafte Zuneigung zu den diversen Stammkundinnen. Durch ihre Perspektive verspürt man eine Mischung aus Mitleid, dass diese Frauen ihren Wert auf ihr Äußeres reduzieren und ihnen die Zeit mit jedem weiteren Lebensjahr davonläuft, und Bewunderung für all die Intelligenz, Willenskraft und den Mut, der sich hinter dem barbiepuppenhaften Äußeren häufig verbirgt.

Auch all die vagen Andeutungen, die man zu Beginn der Geschichte über Helens Vergangenheit und die Ereignisse rund um ihre Scheidung bekommt, hätten mich bei einer anderen Autorin vermutlich schnell genervt, weil trotz all der „auf der Flucht vor dem Gericht“-Bemerkungen nie ernsthaft der Gedanke aufkommt, dass Helen eine Verbrecherin sein könnte, auch wenn ihr aktueller Lebensstil eher zweifelhaft ist. Doch statt mich darüber aufzuregen, habe ich mich dank Elaine Viets‘ Erzählweise wunderbar amüsiert, als Helen endlich enthüllt, wieso sie auf der Flucht vor dem Gericht ist und weshalb sie sich mit unterbezahlter Schwarzarbeit über Wasser hält. Ebenso fand ich es lustig, Helens erste Dating-Versuche nach der Scheidung zu verfolgen, weil dadurch so viele absurde Szenen entstanden, die vollkommen unvorhersehbar waren.

Der Kriminanteil von „Shop Till You Drop“ entwickelt sich nur sehr langsam, aber auch das hat mich nicht gestört, weil man alle Beteiligten gut kennenlernt und Helen von Kapitel zu Kapitel immer mehr Ungereimtheiten und Geheimnisse rund um das „Juliana’s“ und seine Kundinnen entdeckt. Helen ist keine besonders professionelle Ermittlerin, aber sie arbeitet (vor allem gegen Ende) mit der Polizei zusammen und bekommt im Laufe der Geschichte auch überraschende Unterstützung von ihren Nachbarn aus der Wohnanlage, in der sie wohnt. Bei diesem Buch brauchte es für mich keine rasanten Entwicklungen, um stets neugierig auf die weiteren Ereignisse zu bleiben. Ich habe mich wunderbar beim Lesen amüsiert und die Charaktere (vor allem Helens großartige Vermieterin) ins Herz geschlossen. Da die Autorin am Schluss Helens Leben regelrecht aufräumt, muss ich nicht unbedingt sofort zum nächsten Teil der Trilogie greifen, aber wenn ich das nächste Mal Lust auf einen Wohlfühl-Roman mit Krimianteil habe, werde ich wohl herausfinden, welche absurden Situationen Helen bei ihrem nächsten Job in einer Buchhandlung erleben wird.