Schlagwort: Kriminalroman

Lese-Eindrücke Mai 2024

Im Mai habe ich vor allem Fortsetzungen gelesen, was nicht gerade zu vielen Rezensionen geführt hat. Aber ein paar Einzelbände gab es doch, zu denen ich hier noch was sagen kann. Außerdem dachte ich mir, ich könnte hier auch mal Anmerkungen dazu hinterlassen, ob die von mir gelesenen Fortsetzungen mit den ersten Bänden mithalten konnten.

K. J. Charles: Death in the Spires

K. J. Charles gehört zu den Autor*innen, von denen ich seit Jahren immer wieder günstige/kostenlose eBooks runterlade und dann doch erst einmal nicht lese. Umso amüsanter fand ich es, dass mein erster gelesener Roman dann nicht nur eine Neuveröffentlichung, sondern K. J. Charles‘ erster Ausflug ins Krimigenre war. „Death in the Spires“ spielt 1905 und wird aus der Perspektive von Jeremy (Jem) Kite erzählt, der vor zehn Jahren zu einer Gruppe von viel versprechenden Oxford-Student*innen gehörte. Als einer von ihnen ermordet wurde, bedeutete das für Jem das Ende seines Studiums. Die Tatsache, dass der Täter nie gefunden wurde, und die Frage, ob Jem vielleicht der Mörder gewesen sein könnte, verhindertete in den vergangenen Jahren jede Hoffnung auf eine einigermaßen sichere berufliche Position. Als er erneut seinen Arbeitsplatz verliert, ist Jem wild entschlossen endlich herauszufinden, wer seinen Freund Toby damals ermordet hat.

Ich muss zugeben, dass ich normalerweise diese Art von Geschichten wirklich nicht mag. Ich habe einfach schon zu viele Krimis gelesen/gesehen, die an Universitäten spielen und in denen in einer Gruppe eng befreundeter Studenten ein Verbrechen passiert (und manchmal auch vertuscht wird). Trotzdem habe ich mich von „Death in the Spires“ gut unterhalten gefühlt, weil K. J. Charles so viele Aspekte in die Geschichte einfließen lässt, die bei anderen Autor*innen in der Regel keine Erwähnung finden. Ihre Figuren haben unterschiedliche gesellschaftliche Hintergründe, sind queer, behindert oder Schwarz und zwei von ihnen gehören zu den ersten Frauen, die in Oxford studieren durften. Das alles führt dazu, dass in dem relativ kurzem Buch (ca. 270 Seiten) sehr viele Elemente für Unterströmungen sorgen, die dem – anfangs etwas naiven Protagonisten – erst nach und nach auffallen. Auch wenn ich als Leserin Jem da regelmäßig voraus war, hat mich das weiterhin neugierig auf die noch kommenden Entwicklungen gemacht, und so war das Buch deutlich befriedigender zu lesen als „klassische“ Varianten dieses Krimithemas.

H.L. Macfarlane und Adie Hart (Hrsg.): Once Updon a Season 3 – Once Upon a Spring (Anthologie)

Eine Anthologie mit sechzehn sehr unterschiedlichen Geschichten rund um das Thema „Frühling“. Während ich normalerweise einen extra Anthologie-Beitrag anlege, um meine Eindrücke und Gedanken zu den einzelnen Geschichten festzuhalten, bin ich hier auf zu viele Texte gestoßen, die mich nicht überzeugen konnten. Ich mochte von Adie Hart „Far Far Away“, eine ungewöhnliche Dornröschen-Variante, in der eine Bibliothekarin das „Dornröschen“ rettet, indem sie ihm hilft, die verlorenen 100 Jahre an Wissen aufzuholen. Das war eine sehr süße Geschichte, die ich mir Freude bereitet hat. Oh, und die Hades-und-Persephone-Geschichte „She Vanishes“ von Josie Jaffrey war auch sehr nett zu lesen, aber sonst haben die meisten Beiträge leider wenig (gute) Eindrücke bei mir hinterlassen.

Caroline O’Donoghue: The Gifts that Bind Us (The Gifts 2)/Caroline O’Donoghue: Every Gift a Curse (The Gifts 3)

Im Prinzip kann ich hier noch einmal wiederholen, was ich zum ersten Band („All Our Hidden Gifts“) geschrieben hatte: Ich mochte den zweiten und dritten Teil der The-Gifts-Trilogie, auch wenn ich mir wieder relativ viel Zeit mit dem Lesen gelassen habe, weil ich es so unangenehm fand, mehr über die „konservative/religiöse“ Gruppe zu lesen, die in diesen Romanen die Gegenspieler der Protagonistin Maeve und ihrer Freunde sind. Genau genommen finde ich sogar, dass die Geschichte mit jedem Band besser wird, weil Maeve sich – auch wenn sie immer wieder Mist baut – definitiv weiterentwickelt und erwachsener wird. Außerdem führt Caroline O’Donoghue neue Charaktere ein, die den fantastischen Teil ihrer Welt erweitern und so zu überraschenden Lösungen für das eine oder andere Problem sorgen. Ich habe mich mit der Trilogie sehr gut unterhalten gefühlt und bin gespannt, wie sich die Bücher für mich bei einem Reread irgendwann anfühlen werden.

Sandra Wickham: Death Coach, Vampires (Death Coach 2)

Noch eine Fortsetzung, zu der ich eigentlich all das, was ich schon zum ersten Band („Death Coach“) geschrieben hatte, noch einmal wiederholen könnte. Aber da ich mich so darüber gefreut hatte, dass Sandra Wickham das Niveau ihres Debütromans mit dieser Fortsetzung halten kann, wollte ich das hier noch einmal extra betonen. In diesem zweiten Teil der Death-Coach-Reihe lernt die Protagonistin Amy mehr über all die fantastischen Elemente in der Welt, die sie bis vor kurzem ignoriert hatte. Genau genommen lernt sie deutlich mehr über Vampire und über die Geister, mit denen sie kommunizieren kann. Außerdem findet sie sich immer mehr in ihrer Rolle als Death Coach zurecht und sammelt weitere Personen um sich herum, die ihr dabei helfen. Ich muss zugeben, dass ich die Nebenfiguren dieses Mal interessanter fand als Amy selbst, aber das ist ja nicht schlimm. Alles in allem ist das eine ungewöhnliche Urban-Fantasy-Reihe, die ich so unterhaltsam finde, dass ich sie weiter im Auge behalten werde.

Kate Griffin: Kitty Peck and the Music Hall Murders

Von Kate Griffin hatte ich vor einigen Jahren ein wirklich ungewöhnliches (Urban-)Fantasybuch („The Madness of Angels“) gelesen, das mich wirklich fasziniert hatte. (Auch wenn ich die Fortsetzungen immer noch ungelesen im Regal stehen habe, weil ich das Gefühl habe, ich müsste mir mal ganz in Ruhe Zeit für die Reihe nehmen.) Als ich also vor einiger Zeit mitbekam, dass die Autorin auch einen historischen Krimi geschrieben hat, dachte ich, das sei eine gute Gelegenheit, mehr von Kate Griffin zu lesen, ohne mich „langfristig“ auf etwas einlassen zu müssen. „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ spielt im Jahr 1880 in Limehouse (London), und die Handlung wird aus Sicht der siebzehnjährigen Kitty erzählt, die seit ein paar Jahren hinter den Kulissen einer Music Hall arbeitet.

Diese Music Hall gehört Lady Ginger, einer Drogenbaronin, in deren Händen das Schicksal der meisten Personen in Limehouse liegt und die es als persönlichen Angriff auf ihr Geschäft wertet, als nach und nach Music-Hall-Mädchen verschwinden. Obwohl keine Leichen gefunden werden, steht schnell fest, dass keines der Mädchen freiwillig verschwunden ist, und „natürlich“ kann eine Person wie Lady Ginger nicht die Polizei auf den unbekannten Täter ansetzen. Also wird Kitty damit beauftragt herauszufinden, was mit ihren Kolleginnen passiert ist. Dieser Auftrag sorgt dafür, dass sie – statt weiter hinter den Kulissen von „The Gaudy“ zu arbeiten – ganz neue Fähigkeiten lernt und als neue Sensation auf der Bühne ins Scheinwerferlicht rückt. Allerdings bedeutet das auch, dass ihr Leben keinen Penny mehr wert sein wird, wenn sie Lady Ginger nicht so bald wie möglich den Verantwortlichen für das Verschwinden der Mädchen präsentieren kann.

Es gibt zwei Punkte in der Geschichte, die mir Probleme bereiten. Einmal die Tatsache, dass sexueller Missbrauch ständig ein Thema und eine Bedrohung für Kitty ist, ohne dass diese Szenen mehr zur Handlung beitragen als zu zeigen, wie sehr das Wohlergehen der (noch jungfräulichen) Protagonistin von den Launen der diversen Männer abhängig ist – was spätestens nach der ersten solchen Szene deutlich genug ist, um nicht ständig wieder aufgegriffen werden zu müssen. Den zweiten Punkt finde ich aber noch gravierender, und das ist der Widerspruch, der sich für mich daraus ergibt, dass Kitty auf der einen Seite von anderen Personen immer als intelligent und einfallsreich beschrieben wird, aber auf der anderen Seite so gar keine Initiative entwickelt, wenn es um die Ermittlungen rund um die verschwundenen Mädchen geht.

Es gibt so viele Gründe, wieso es für Kitty wichtig ist, dass sie so schnell wie möglich herausfindet, was mit ihren Kolleginnen passiert sein könnte. Aber sie ist trotzdem wochenlang vollkommen zufrieden damit, als passive Beobachterin zu agieren – und die einzige Begründung, die den Leser*innen dafür geboten wird, ist, dass sie doch gar nicht weiß, wie Ermittlungen geführt werden. Von einer Person, die sonst nicht auf den Mund gefallen ist, die zumindest einige der Opfer sehr gut kannte und deren eigenes Wohlergehen von ihrem Erfolg abhängt, finde ich das etwas … schwach. Es gäbe so viele Dinge, über die sie zumindest hätte nachdenken können, und es gäbe so viele Personen, mit denen sie hätte reden können, aber statt aktiv Erkundigungen anzustellen, lässt sie sich von ihrem Chef und Lady Ginger wochenlang aufwändig für die Bühne trainieren, nur um dann als Köder zu enden.

Ein Köder, dessen Leben (oder Erfolg beim Mörderfang) nicht wichtig genug zu sein scheint, um von irgendjemandem beschützt zu werden. Was mich zu der Frage bringt, welchen Sinn so ein Köder haben soll, wenn eventuell gewonnenes Wissen nicht mehr weitergeleitet werden kann, weil die einzige Person, die darüber verfügt, leider ermordet wurde. Ich muss gestehen, dass ich spätestens nach dem ersten Drittel dieses Romans ziemlich frustriert war, weil ich so viele Punkte schrecklich unrund fand. Der Krimianteil ist von der Autorin wirklich schlecht und unlogisch konstruiert worden, und wenn eine bestimmte Person Kitty zeitnah eine Sache aus der Vergangenheit erzählt hätte, hätte sich der gesamte Fall innerhalb der ersten 100 Seiten erledigt. All diese unstimmigen Elemente rund um Kittys Ausbildung als Bühnen-Künstlerin, die Details rund um das verübte Verbrechen und dazu noch Lady Gingers Verhalten haben mich beim Lesen so unglaublich frustriert.

Ich will gar nicht erst von der Grundidee anfangen, dass eine Verbrecherkönigin eine Siebzehnjährige als Ermittlerin einsetzt, statt einige Polizisten in der Hand zu haben, die für sie die Drecksarbeit machen, auch wenn ich zugeben muss, dass es am Ende der Geschichte fast so etwas wie eine Begründung für Lady Gingers Handeln gibt. Aber da die genauso wenig glaubhaft war wie viele andere Aspekte in diesem Buch, tröstet mich das auch nicht über diese schwache Ausgangsidee hinweg. Dabei hätte ich das Buch mit all seinen Details rund um das Leben in Limehouse wirklich gern genossen. Ich mag normalerweise Romane, die das Leben in einer Gegend zeigt, die so sehr von der Seefahrt und den dazugehörigen Schattenseiten geprägt ist wie das historische Limehouse. Ich freue mich, wenn solche Beschreibungen sich eher realistisch als romantisch anfühlen, und ich genieße es, wenn solche Geschichten dann auch die dementsprechende Vielfalt bei den Charakteren aufweisen. Aber obwohl Kate Griffin wirklich viele atmosphärische Szenen rund um das historische Limehouse in „Kitty Peck and the Music Hall Murders“ eingebaut hat, konnten mich diese nicht über die restlichen Unstimmigkeiten in der Handlung hinwegsehen lassen.

Lese-Eindrücke April 2024

Eigentlich dachte ich, dass sich dieser Beitrag gar nicht lohnen würde, weil ich für die meisten Titel, die ich im April gelesen habe, eigentlich noch Rezensionen schreiben möchte. Und dann ging mir durch den Kopf, dass ich hier zumindest die Reihenfortsetzungen erwähnen könnte … 😉

Skyla Dawn Cameron: Alone at Night (Waverly Jones 3)

„Alone at Night“ ist der dritte Teil rund um die Privatdetektivin Waverly Jones von Skyla Dawn Cameron, und ich kann nach dem Lesen dieses Bands nur sagen, dass ich die Reihe wirklich liebe. Die wichtigsten Punkte hatte ich eigentlich schon in der Rezension zu dem Waverly-Jones-Auftaktband angesprochen, aber ich möchte hier noch einmal betonen, wie sehr ich es mag, dass sich die Autorin in dieser Reihe vor allem mit der Frage beschäftigt, welche Auswirkungen ein Verbrechen auf die Opfer bzw. ihre Hinterbliebenen und ihre Umgebung hat. Es gibt einen Handlungsfaden, der sich durch alle Bände der Reihe zieht, aber auch für jeden einzelnen Band einen „aktuelleren“ Fall, der eine neue Facette des Grundthemas beleuchtet. Skyla Dawn Cameron hat mit den Waverly-Jones-Büchern eine ungewöhnliche Thriller-/Mystery-Reihe geschaffen, bei der die (für mich) überraschenden Wendungen weniger bei der Enthüllung der Täter als bei den (Re-)Aktionen der Figuren zu finden sind.

Morgan Stang: Murder at Spindle Manor (The Lamplight Murder Mysteries 1)

Dieses Buch hat mich ein bisschen sprachlos gemacht, und am Ende hat mich vor allem die Frage beschäftigt, was ich da eigentlich gerade gelesen habe. Grundsätzlich finde ich die – edwardianisch/viktorianisch angehauchte – Fantasy-Welt, die Morgan Stang für seinen Krimi geschaffen hat, wirklich faszinierend. Ich mochte die Figuren, auch wenn sie so viel Tiefe hatten wie ein Abziehbild, und mir gefiel die Grundidee für diesen Mord in geschlossener Gesellschafft/Mord in verschlossenem Raum. Aber trotz all der theoretisch (!) lustigen Elemente und einem Umfang von knapp 250 Seiten zogen sich die Ermittlungen endlos hin und immer wieder wurden Dinge wiederholt, die auf der Hand lagen. Am Ende fühlte es sich an, als ob ich in einer „Eine Leiche zum Dessert“-Dauerschleife gefangen wäre – und so unterhaltsam ich den Film finde, ich möchte dann doch nicht mehrere Stunden am Stück damit verbringen!

Mara Webb: Better Off Bread (Compass Cove 3)

Nachdem ich den ersten Teil („Cakes to Die For“) von Mara Webbs Compass-Cove-Reihe sehr nett fand und mich über den zweiten Band („A Brunch With Death“) ziemlich geärgert hatte, hat es mir doch keine rechte Ruhe gelassen und ich habe im April doch noch den dritten Roman aus der Reihe gelesen. Immerhin kann ich so nun sagen, dass die Geschichte, die sich um die Ermordung des Jurors eines Brotback-Wettbewerbs dreht, für mich wieder so unterhaltsam war wie der erste Band. Dieses Mal hat die Autorin sich mehr auf weitere fantastische Elemente in Compass Cove konzentriert, der „romantische“ Teil der Handlung war so gut wie nicht vorhanden (yeah!) und die Protagonistin hat ein neues magisches Haustier, das ich wirklich nett fand. Wenn die Serie so bleibt, dann habe ich noch ein paar nette Bücher „für zwischendurch“ vor mir.

Jacqueline Benson: The Fire in the Glass (The London Charismatics 1)

„The Fire in the Glass“ ist eins von zwei Büchern von Jacqueline Benson, die bei einer Werbeaktion für verschiedene Fantasy-Untergenres auf meinem eReader gelandet sind. Ich habe mich eigentlich gut von der Geschichte unterhalten gefühlt, aber so recht weiß ich noch nicht, ob ich die Reihe weiter verfolgen will. Die Protagonistin Lilith (Lily) Albright lebt im Jahr 1914 in London und verfügt über die Gabe, Katastrophen vorhersehen zu können. Allerdings hat sie in ihrem gesamten bisherigen Leben nichts mit dieser Gabe anfangen können, und die Tatsache, dass sie die Ermordung ihrer Mutter vorhersehen, aber nicht verhindern konnte, plagt sie bis heute. Außerdem hat Lily ein Problem damit, dass sie die illegitime Tochter eines einflussreichen Lords ist und sie zwar die Erziehung einer höheren Tochter genossen hat, aber niemals als potenzielle Ehefrau für einen Mann von Rang angesehen werden kann.

Zu Beginn der Geschichte sieht Lily voraus, dass ihre Nachbarin Estelle ermordet wird, während vor den Fenstern Schnee fällt. Da gerade Februar ist, kann sie sich nicht sicher sein, ob der Mord in den nächsten Tagen oder erst in einigen Monaten stattfinden wird, außerdem geht sie sowieso davon aus, dass sie die Tat nicht verhindern kann. Estelle hingegen, die als Medium ihr Geld verdient, merkt, dass Lily etwas vor ihr verheimlichtm und bringt sie zu einer Gesellschaft von „Charismatics“ (Personen mit ungewöhnlichen/übernatürlichen Begabungen). Obwohl Lily sich weiterhin sicher ist, dass sie nichts an Estelles Ermorung ändern kann, ist sie fasziniert von den Informationen, die sie dort über ihre Begabung und die der anderen erhält. Außerdem erfährt sie, dass in den letzten Wochen so einige Personen, die ihren Lebensunterhalt mit (angeblichen oder wirklich vorhandenen) übernatürlichen Fähigkeiten verdienten, umgebracht wurden.

Um mehr über den Mörder herauszufinden, müsste Lily die anderen Charismatics um Hilfe bitten – vor allem die besondere Begabung von Lord Strangford könnte ihr entscheidende Hinweise bieten – doch Lily fällt es schwer, sich anderen Personen anzuvertrauen und nicht alles allein in Angriff zu nehmen. Und damit wären wir dann schon bei den zwei Problemen, die ich mit der Geschichte hatte: 1. Lily ist sich sicher, dass die Tatsache, dass sie (bekannterweise) die Tochter eines Lords und seiner Schauspielerinnen-Geliebten ist, dafür sorgt, dass niemand sie jemals als potenzielle Partnerin sehen kann, und 2. ist Lily besessen davon, sich auf niemanden zu verlassen, weil sie in ihrem Leben ja schon soooo oft enttäuscht wurde. Ich bin mir sicher, dass der Roman locker 100 (von 500) Seiten kürzer hätte sein können, wenn diese Handlungselemente nicht immer wieder wiederholt worden wären, ohne dass ich irgendein wichtiges Element in der Geschichte verpasst hätte.

Wenn ich also diesen Teil von Lilys Persönlichkeit in Betracht ziehe, dann kann ich definitiv sagen, dass ich die Serie nicht weiterlesen möchte. Auf der anderen Seite mochte ich, wie Jacqueline Benson das Leben in London darstellte und sich dabei quer durch alle Schichten bewegte. Es gibt eine ziemlich coole Szene, in der Lily und ein paar andere Personen illegal ein Grab öffnen, es gibt Beschreibungen von Krankenhäusern, die ziemlich erschütternd sind, und dann als großer Gegensatz eine Ausstellungseröffnung in einer Galerie, bei der sich die crème de la crème tummelt. Außerdem fand ich die diversen unterschiedlichen Begabungen der „Charismatics“ sehr spannend und würde gern mehr über diese Charaktere lesen. Es ist von Anfang an offensichtlich, wer hinter den Morden steckt (und welches Motiv die Person dafür hat). Aber ich finde es anerkennenswert, dass es Jacqueline Benson trotzdem gelang, Lilys Bemühungen, Beweise gegen den Täter zu finden, so fesselnd zu schreiben, dass ich trotz meiner beiden großen Kritikpunkte immer weiter gelesen habe. Das Ende gab mir dann sogar die Hoffnung, dass Lily ihre Lektion gelernt hat und bereit ist, in Zukunft mit anderen zusammenzuarbeiten (und sich sogar auf eine Beziehung einzulassen) – ich weiß nur nicht, ob ich dieser Hoffnung genug vertraue, um mir den zweiten Band zu besorgen …

Lese-Eindrücke Januar 2024

Winter Tales from Cozy Vales (A Cozy Fantasty Collection 1)

Cozy Vales ist eine „shared world“, in der die Autor*innen L. A. Scott, Rebecca Buchanan, Selina J. Eckert, Deanna Stuart, Angela Stuart, Cassandra Stirling, K. M. Jackways, G. Glatworthy, Nathaniel Webb und Bonnie Axton schreiben. „Winter Tales from Cozy Vales“ ist eine (kostenlose) Sammlung von Geschichten, die diese Welt und ihre Bewohner vorstellen, und war für mich die perfekte Entspannung zum Jahresanfang. Nicht alle der neun Geschichten haben mir gleichermaßen gut gefallen, aber in allen davon habe ich Elemente gefunden, die mich erfreut haben, und bei überraschend vielen Texten gehe ich davon aus, dass ich weitere Cozy-Vales-Veröffentlichungen der Autor*innen lesen werde.

Alle Beiträge in dieser Collection drehen sich rund um die „Lantern Night“, die in dieser fantastischen Welt begangen wird (wobei die verschiedenen Regionen auch unterschiedliche Traditionen rund um diesen Feiertag haben), und ich mochte die winterliche Atmosphäre ebenso wie die vielen kleinen und großen magischen Elemente und Personen. Einige dieser Geschichten haben bei mir ein ähnliches Gefühl hervorgerufen wie „Legends & Lattes“, wobei es in dieser Welt grundsätzlich mehr Alltagsmagie und weniger Abenteuer zu geben scheint. Für mich die perfekte Lektüre, um abends entspannt ein bisschen zu lesen und mir dann beim Einschlafen auszumalen, wie es mit den Charakteren wohl weitergehen könnte. 😉

Lauren Gilley: Heart of Winter (Drake Chronicles 1)

„The Heart of Winter“ von Lauren Gilley ist schon vor längerer Zeit auf meinem eReader gelandet, und erst beim Erstellen meiner „Winter-Leseliste“ habe ich wieder an den Titel gedacht. Inzwischen habe ich nicht nur diesen ersten Band der „Drake Chronicles“, sondern auch den zweiten und dritten Teil gelesen, weil ich mich davon so gut unterhalten fühle. Am Anfang dreht sich die Handlung vor allem um Oliver Meacham (Bastardsohn eines Adeligen) und seine Cousine Tessa Drake, die von ihm in den Norden begleitet wird, wo sie den „barbarischen“ König Erik heiraten soll. Diese Heirat soll dafür sorgen, dass das Herzogtum Drakewell militärische Unterstützung gegen die einfallenden Sels erhält. Doch Erik ist nicht an einer Heirat interessiert und bietet Tessa stattdessen die Hand eines seiner Neffen (und Erben) an, während sich gleichzeitig eine Liebesgeschichte zwischen dem König und Oliver entwickelt.

Es gibt in diesen Romanen so einige Elemente, bei denen ich nicht genauer über den Weltenbau nachdenken darf – vor allem, wenn es um die Tiere in den verschiedenen Regionen, die Logistik beim Reisen oder gar um das Thema Nahrungsmittelanbau, -import oder -export geht. Außerdem hätte es für mich die Menge an Sex- und Schmachtszenen (m/m und f/m) nicht unbedingt benötigt, aber ich kann damit leben, weil es dabei auch immer wieder – zum Teil wirklich wichtige – Dialoge gab. Vor allem aber habe ich diese Bücher mit so großem Vergnügen gelesen, weil ich die Figuren und die Art und Weise, wie sie mit ihren Familienmitgliedern und Freunden umgehen, mochte. Für Oliver führt die Reise in den Norden nicht nur dazu, dass er Gefühle für König Erik entwickelt, sondern auch dazu, dass er zum ersten Mal mehr als nur „der Bastard“ ist.

Er und Tessa finden eine überraschend herzliche neue Familie, und auch wenn es aufgrund von unterschiedlichen Temperamenten oder kulturellen Missverständnisse mal knirscht, so reden diese Figuren doch miteinander und versuchen gemeinsam ihre Probleme zu lösen. Das ist so wohltuend zu lesen, dass die (ab dem Ende des ersten Bands) auftauchenden dramatischen Elemente wie Krieg, Nekromanten, Clan-Politik und natürlich politische Schachzüge und Verrat den wohltuenden Teil für mich nicht überschatten. So haben die ersten drei Teile der „Drake Chronicles“ bei mir für überraschend entspannte Lesestunden gesorgt und ich musste beim abendlichen Lesen aufpassen, dass ich meine Schlafenszeit nicht zu sehr in die Nacht verschob. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch noch die letzten beiden Teile der Reihe lesen werde.

Catie Murphy: Death by Irish Whiskey (The Dublin Driver 5)

„Death by Irish Whiskey“ ist der fünfte Band der „Dublin Driver Mysteries“ und ich mag die Reihe so sehr, dass ich den Krimi direkt nach Erscheinen (am 23. Januar) gelesen habe. Protagonistin der Bücher ist Megan Malone, eine Amerikanerin, die seit fünf Jahren in Dublin lebt und dort als Limousinen-Chauffeurin arbeitet. Im Rahmen ihrer Arbeit lernt sie nicht nur die ungewöhnlichsten Personen kennen, sondern stolpert auch immer wieder über Leichen. Dieses Mal ist sie allerdings privat unterwegs, als bei einem Wettbewerb, bei dem der vielversprechendste „Newcomer Whiskey“ des Jahres gekürt werden soll, einer der Teilnehmer ermordet wird. Obwohl Megan ihrer Freundin Jelena versprochen hatte, dass sie in Zukunft die Finger von den Mordermittlungen lässt, kann sie auch dieses Mal nicht einfach zuschauen, wie die Polizei ermittelt – schließlich gehört auch ihr Onkel Rabbie zu den Teilnehmern des Wettbewerbs und könnte deshalb in Gefahr schweben.

Nachdem ich den vierten Teil der Reihe etwas enttäuschend fand, weil es mich so genervt hat, dass Megans Liebste Jelena so extrem darauf reagierte, dass Megan immer wieder über Leichen stolperte, hat mich „Death by Irish Whiskey“ wieder rundum gut unterhalten. Jelena kommt zu dem Schluss, dass das Schicksal bestimmt hat, dass Megan Morde aufklärt, und Megan plaudert mit den diversen Personen und findet einen Hinweis nach dem anderen. Dabei finde ich es immer wieder spannend, wie Catie Murphy Megans Verhältnis zur Polizei darstellt: Auf der einen Seite besteht Megan auf ihre Rechte und lässt den Polizisten keinen (versuchten) Regelverstoß durchgehen. Auf der anderen Seite berichtet sie jede relevante Information, damit die Ermittler ihrer Arbeit in vollem Umfang nachgehen können. Vor allem aber mag ich Megan und ihren Freundeskreis und all die kleinen Beobachtungen der geborenen Amerikanerin rund um das Leben in Irland. Außerdem finde ich die vielen verschiedenen Charaktere, die sie im Laufe der Mordfälle kennenlernt, interessant und amüsiere mich immer wieder sehr über die Dialoge. Ich hoffe sehr, dass C. E. Murphy noch so einige Dublin-Driver-Krimis schreiben wird.

Courtney Smyth: The Undetectables

Ich hatte „The Undetectables“ von Courtney Smyth bestellt, weil ich das Cover großartig und die Inhaltsangabe sehr ansprechend fand. Aber ich ging auch davon aus, dass die Protagonistinnen der Geschichte einige Jahre älter sein würden, als sie es in diesem Roman sind – und das hat mich von Anfang an etwas aus dem Tritt gebracht. Ich weiß gar nicht, wieso ich das dachte, aber es hat dazu geführt, dass ich erwachsenere und lebenserfahrenere Charaktere mit etwas weniger Gefühlschaos und mehr Professionalität erwartet hatte. Die Differenz zwischen meinen Erwartungen und dem, was der Roman stattdessen lieferte, hat es mir nicht ganz so einfach gemacht, mich auf das Buch einzulassen. Als ich zusätzlich im Laufe der Handlungen immer wieder über Punkte stolperte, die ich zu offensichtlich (wie die Identität des Mörders!) oder nicht in Ordnung fand, war ich dann endgültig enttäuscht – und habe den Roman nur beendet, weil ich hoffte, dass es doch noch eine Wendung geben könnte, die ihn für mich retten würde. (Ich hätte das Cover wirklich gern im Bücherregal behalten, aber das Bleiberecht erhalten nur Titel, die ich noch einmal lesen mag …)

Dabei mochte ich die Anfangsszene in „The Undetectables“ wirklich gern, in der erzählt wird, wie Theodore bei einer Samhain-Party in dem Herrenhaus der Familie Broadwick ums Leben kam und wie die drei vierzehnjährigen Mädchen Mallory Hawthorne, Diana Cheung-Merriweather und Cornelia Broadwick seine Leiche (und seinen Geist) fanden. Sechs Jahre später beginnt dann die eigentliche Handlung aus der Perspektive von Mallory, die in den vergangenen Jahren wegen einer chronischen Krankheit viel Zeit zu Hause verbrachte, während ihre beiden Freundinnen aus der okkulten Stadt Wrackton wegzogen, um zu studieren. Doch dann kommen Diana und Cornelia zurück nach Wrackton, und die drei jungen Frauen werden damit beauftragt, einen Mord in einem verschlossenen Raum aufzuklären, der eindeutig mit Magie begangen wurde. Alle drei haben Fähigkeiten und Wissensgebiete, die ihnen bei ihrer Detektivarbeit helfen, wobei Mallory mit all den Dingen, die sie in den vergangenen Jahren rund um Forensik gelernt hat, die Ermittlungen leitet.

Es gibt so einige Aspekte, die ich an „The Undetectables“ mochte, zum Beispiel dass Magie in Wrackton alltäglich ist und wie selbstverständlich – wenn auch nicht ganz reibungslos – die verschiedenen magischen Wesen dort zusammenleben. Mir gefiel es auch sehr, wie Mallory und ihre Freundinnen immer wieder magische und nicht-magische Dinge kombinierten, um (für ihre Welt) ungewöhnliche Ermittlungswege gehen zu können. So setzt Mallory z. B. einen Gaschromatographen ein, um verschiedene Varianten von magischen Rückständen an Indizien identifizieren zu können. Außerdem habe ich online so einige lobende Stimmen von Personen mit chronischen Krankheiten gelesen, die betonten, dass Courtney Smyths Darstellung von Mallorys Leben mit Fybromyalgie sehr stimmig und realistisch ist. Dazu gab es noch so einige Szenen zwischen den drei Freundinnen, die ich genossen habe, weil sie von der langen Verbundenheit und der damit einhergehenden Vertrautheit zwischen Mallory, Diana und Cornelia zeugten.

Dummerweise kamen dazu noch so einige Dinge, die mir so gar keine Freude beim Lesen dieses Romans gemacht haben. Dass die Protagonistinnen deutlich jünger waren, als ich erwartet hatte, kann ich Courtney Smyth nicht vorwerfen. Aber ich fand es schwierig, immer wieder Szenen zu lesen, in denen Mallory, Diana und Cornelia sehr aufmerksam und respektvoll miteinander umgingen, nur um kurz darauf einen Moment zu haben, in dem sie Grenzen verletzen und sich nicht nur respektlos, sondern regelrecht unethisch verhalten. Diese Sachen hätte ich akzeptieren können, wenn es jemals Thema gewesen wäre, dass ihr Verhalten nicht okay ist, aber dies war nicht ein einziges Mal der Fall. Ein Beispiel ist das Sammeln von Proben von magischen Personen, um eine Datenbasis für Mallorys Gaschromatographen anzulegen, wo sie – ohne um Erlaubnis zu fragen – von drei Freunden DNS-Proben verwendeten. Das hätte ich noch bei Verdächtigen hinnehmen können, bei denen das Sammeln von Proben riskant gewesen wäre. Aber bei Freunden, die selbst ein großes Interesse an der Aufklärung der Morde haben, nicht mal eben nachzufragen, bevor ihre DNS verwendet wird, sorgte (neben weiteren ähnlichen Vorfällen) dafür, dass ich die Protagonistinnen nicht gerade sympathisch und ihre „Ermittlungsmethoden“ insgesamt zweifelhaft fand.

Ein weiteres Problem war für mich der Aufbau des Kriminalfalls, denn die Hinweise auf die Person hinter den Morden wurden von Courtney Smyth so offensichtlich in die Handlung eingestreut, dass spätestens beim zweiten Mord die Identität dieser Person auf der Hand lag. Zumindest für mich – während Mallory und ihre beiden Freundinnen weiterhin verzweifelt versuchten, irgendein greifbares Indiz in die Finger zu bekommen, um mehr über Mordmethode, Motiv und Täter*in herauszufinden. Ich gebe zu, es ist etwas einfacher „mitzuermitteln“, wenn ich eine Beschreibung des Mords zu lesen bekomme, während er in der Handlung passiert – wobei ich betonen möche, dass diese Passagen so ziemlich spoilerfrei waren und weniger Hinweise lieferten als die spätere Betrachtung des Tatorts durch die Protagonistinnen.

Bis zum Ende des Romans hatte ich gehofft, dass mein Anfangsverdacht falsch war und dass deutlich mehr hinter diesen Morden stecken würde, als ich dachte. Denn wenn mehr hinter diesen Morden gesteckt hätte, als ich als Leserin sehen konnte, dann wäre es für mich einfacher gewesen, der Autorin zu glauben, dass ihre drei Protagonistinnen kluge und aufmerksame Ermittlerinnen sind … Stattdessen habe ich die zweite Hälfte des Romans ständig vor mich hingeschimpft, weil offensichtliche Aussagen übersehen wurden und Schlussfolgerungen ausblieben. Am Ende bleibt mir nur zuzugeben, dass „The Undetectables“ leider nicht das richtige Buch für mich war, obwohl ich den Roman so gern gemocht hätte.

Skyla Dawn Cameron: The Killing Beach (Waverly Jones 1)

„The Killing Beach“ von Skyla Dawn Cameron habe ich schon vor ein paar Wochen gelesen und es gibt Elemente an dem Buch, die mich bis heute nicht ganz losgelassen haben. Auf den ersten Blick scheint „The Killing Beach“ ein ganz normaler Thriller zu sein. Die Protagonistin Waverly Jones (ehemals Milton) kommt nach vielen Jahren Abwesenheit zurück in ihre Heimatstadt Port Milton, um dort als Privatdetektivin zu arbeiten. Genau genommen hat eine Reihe von Morden Waverly zurück in ihren Geburtsort gebracht. Die Opfer dieser Morde sind Männer, deren äußere Beschreibung die junge Frau an den vor elf Jahren verschwundenen Detective-Sergeant Sebastian Kyle erinnern. Denn diese Mordserie ist nicht die erste, die die kleine Stadt erschüttert: Als Waverly noch eine Teenagerin war, wurden einige junge Mädchen ermordet und Detective-Sergeant Sebastian Kyle hatte vor seinem unerklärlichen Verschwinden die Ermittlungen übernommen.

Da Waverlys gleichaltrige Schwester Meadow vermutlich ebenfalls dem Serienmörder zum Opfer fiel und Waverly schon vor dem Verschwinden ihrer Schwester mit einer Intensität für Sebastian Kyle schwärmte, wie sie nur eine (einsame) Teenagerin aufbringen kann, lässt sie dieser alte Fall natürlich nicht los – womit wir alle Elemente für einen klassischen Thriller hätten. Doch Skyla Dawn Cameron hat mit Waverly eine sehr ungewöhnliche und nicht gerade sympathisch wirkende Figur in den Mittelpunkt ihrer Geschichte gestellt. Ihre Protagonistin ist abweisend und manipulativ, und all die Jahre, die sie in Therapie war, haben weniger dafür gesorgt, dass sich Waverly ein „gesellschaftlich akzeptableres“ Verhalten zugelegt hat, als dass sie sich ihrer Probleme definitiv bewusst ist und deshalb einfach keine Beziehungen zu anderen Menschen eingehen möchte. Dazu kommt, dass das Verschwinden ihrer Schwester Meadow und die Tatsache, dass ihre Leiche nie gefunden wurde, Waverly nachhaltig traumatisiert hatte – was dazu führt, dass sie sich regelmäßig vorstellt, dass ihre Schwester sie begleitet. (Also nicht als Geist, sondern als eine – recht eloquente – Projektion ihres Unterbewusstseins.)

Ich fand es sehr spannend, dass Waverly so gar keine sympathische Figur war und dass ich es trotzdem genossen habe, aus ihrer Perspektive die Handlung zu verfolgen. Skyla Dawn Cameron verzichtet auf reißerische Details rund um die Opfer und die Dinge, die ihnen angetan wurden, und konzentriert sich stattdessen auf die Folgen solcher Verbrechen. Auf die Folgen nicht nur für die Angehörigen und Freunde der Opfer, sondern auch für eine Generation junger Frauen, die mit der Angst vor einem Serienmörder aufwachsen musste, auf all die Bewohner des Ortes, die sich fragen mussten, wer von ihnen wohl der Täter ist und welche Hinweise sie eventuell übersehen, und auf die Ermittler, die mit ihrem Scheitern fertigwerden mussten. Diese Elemente sind es, die bis heute bei mir hängengeblieben sind und die mich auch darüber hinweggetragen haben, dass der Roman in der Mitte ein kleines bisschen langatmig wurde. Ich fand die Geschichte aus Waverlys Perspektive faszinierend zu lesen, und das sorgt – ebenso wie der Cliffhanger am Ende (und die Hoffnung, dass Skyla Dawn Cameron auch bei diesem Punkt nicht den ausgetretenen Pfaden des Genres folgen wird) – dafür, dass ich ziemlich ungeduldig auf den im November erscheinenden zweiten Teil der Reihe warte.

Lesezeit (4) – A Caribbean Mystery

Es ist schon eine ganze Weile her, seitdem es hier einen „Lesezeit“-Beitrag gegeben hat, aber mit der früher eintreffenen Dämmerung und den (zumindest etwas) kühleren Temperaturen, bin ich wieder in der richtigen Stimmung, um mir einen vertrauten Roman aus dem Regal zu ziehen und nach Jahren erneut zu lesen. Heute habe ich „A Caribbean Mystery“ von Agatha Christie von einem meiner „bald lesen“-Stapel gezogen. Ich weiß nicht, wie oft ich die Geschichte schon gelesen habe, aber da das letzte Mal schon eine Weile her ist und ich den Roman zum ersten Mal auf Englisch lese, bin ich gespannt, über welche kleinen Dinge ich wohl so stolpere.

Die Taschenbuchausgabe von "A Caribbean Mystery", dessen Cover ein Kreuzfahrtschiff zeigt. Links davon eine kleine brennende Sturmlaterne, rechts eine hexenkesselförmige Tasse mit Heißer Schokolade.

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie wenig Worte Agatha Christie braucht, um Figuren einzuführen. Natürlich liegt das auch daran, dass sie immer wieder die selben Stereotypen aufgreift – hier mit Major Palgrave, der so ein typischer alter Mann ist, „who needed a listener so that he could, in memory relive days in which he had been happy“. Und neben dieser Fasziniation daran, dass es gerade mal zwei Absätze benötigt, um diesen Charakter und die Situation, in der sich Miss Marple als seine Zuhörerin befindet, darzustellen, meldet sich bei mir heute zum ersten Mal der Gedanke, dass diese Situation mich doch sehr an die diversen Gespräche mit meinem Vater in den vergangenen Jahrzehnten erinnern … Außerdem habe ich nach gerade mal zwei Seiten das Bedürfnis meine alte deutsche Ausgabe aus dem Regal zu ziehen, um zu schauen wie da Miss Marples Gedanken zum Thema Sex „damals“ und „heute“ übersetzt wurden. Dafür erinnere ich mich sehr gut an Miss Marples Überlegungen darüber, was einen Mord interessant macht. [Es ist wirklich spannend wie sehr der Ton der deutschen Übersetzung vom englischen Original abweicht! Während Miss Marple im Englischen einfach Beobachtungen aufzuzählen scheint, wenn es um ihre „Erfahrungen“ mit Sex geht, gibt es im deutschen Text eine eindeutige Wertung, eine Wortwahl, die auf der einen Seite fast archaisch anmutet und auf der anderen Seite unangemessen arrogant und abwertend – beides passt definitiv nicht zum Charakter von Miss Marple.]

Wie so oft genieße ich vor allem diese kleinen Elemente, die so viel über Miss Marples Charakter aussagen so wie ihr Beschluss, dass sie – wenn sie schon die Steel Bands in ihrem Urlaub ertragen muss – versuchen wird diese Musik zu mögen, weil es ja eh keine Möglichkeit gibt sie zu vermeiden. Was den Krimianteil angeht, so finde ich es immer wieder spannend zu sehen wie früh Agatha Christie schon Hinweise in ihre Geschichten einbaut und wie unschuldig das alles wirkt, wenn noch nicht klar ist, worauf die Handlung hinauslaufen wird. Mit dem Wissen um die Details rund um den Mord (bzw. die Morde) lassen sich dafür so viele Untertöne wahrnehmen – ich vermute, dass das einer der Gründe ist, wieso sich ihre Romane so gut immer wieder lesen lassen.

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Donnerstag (10.11.) – Kapitel 6 bis 10

Ich finde es spannend, dass Miss Marple zwar immer von Agatha Christie überzeugend als alte Frau dargestellt wird, dass aber erst in den späteren Romanen kleine Beobachtungen und Anmerkungen auftauchen, die diese Darstellungen noch etwas mehr „ausfüllen“ (so wie hier die Bemerkung über Miss Marples altersbedingten leichten Schlaf). Für mich ist das ein deutliches Anzeichen, dass die Autorin mit ihrem eigenen altern immer häufiger eigene Erfahrungen einfließen lassen konnte, wenn es um diese Elemente ging. Was ich auch schön finde, ist, wie Miss Marple Major Palgrave als vollkommen uninteressant für ihre Ermittlungen einstuft. Auch wenn er das Opfer des Mordes ist, so ist für sie ganz eindeutig, dass er nur ermordet wurde, weil er so schwatzhaft war und nicht weil es irgendetwas in seinem Leben gab, was jemanden zum Mord getrieben hätte. Ich finde das eine erfrischende Abwechslung zu all den Kriminalfällen, bei denen es erst einmal darum geht mehr über das Opfer herauszufinden.

Überhaupt ist es wie immer ein Vergnügen all die kleinen Beobachtungen zu den verschiedenen Charakteren zu lesen, darüber wie unauffällig eine alte Frau wie Miss Marple ist, darüber, dass jemand wie Mr. Rafiel grundsätzlich Vorschläge, die nicht von ihm kommen, ablehnt, selbst wenn sie in seinem Interesse sind, oder darüber wie Senora de Caspearo über eine andere Frau urteilt, die die Aufmerksamkeit von Männern sucht. Und dann natürlich das Gespräch des Ehepaars mit dem Arzt und wie natürlich es wirkt, dass der Mann die Gesprächsführung übernimmt (weil das nun mal viele Männer tun würden, auch wenn sie keine Ahnung von der Materie haben). 😉 Etwas weniger vergnüglich ist es all die kleinen Bemerkungen über Victoria zu lesen. Auf der einen Seite wird die junge Frau als klug und schön dargestellt, auf der anderen Seite schimmert immer wieder so viel (wie ich vermute unbewusster) Rassismus durch. Ich glaube nicht, dass Agatha Christie bewusst war, wie rassistisch einige ihrer Beschreibungen klingen, und ich würde sogar behaupten, dass sie in vielen Dingen weniger rassistisch war, als andere Frauen ihrer Zeit und dass sich um eine positive Darstellung dieser Figur bemüht hat, aber das ändert nichts daran, dass es diese Elemente in ihren Romanen gibt.

Ansonsten ist es immer wieder schön einen Agatha-Christie-Roman zu lesen und all die kleinen Hinweise aufzusammeln, die erst dann wirklich ins Auge fallen, wenn einem die Hintergründe der Geschichte schon bekannt sind …

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Dienstag (15.11.) – Kapitel 11 bis 14

Ich mag es sehr wie dieser kleine Absatz aus Mollys Sicht zeigt, wie einfach es für jemanden, dem sie vertraut, ist, in ihr Zweifel an sich selbst zu wecken. Und gleich im Anschluss diese ganzen Untertöne bei den Szenen mit Gregory Dyson … so eine gute Mischung aus „ich als Leser*in weiß genau, was für einen Typ Mann Agatha Christie da beschreibt“ und „ganz natürliche Verbreitung von Informationen“. Ich finde es spannend, dass die Szene mit Victoria so aufgebaut ist, dass einem dieser Moment sofort in den Sinn kommt, wenn der nächste Mord passiert, während die folgenden Absätze so alltäglich wirken, dass sie gar nicht erst den Verdacht aufkommen lassen, dass auf diesem Weg der Mörder eventuell an für ihn wichtige Informationen gekommen ist. (Schwierig auszudrücken, wenn ich nicht zu sehr spoilern will – wobei ich niemandem diese Lesezeit-Beiträge empfehlen würde, der die Geschichten nicht schon kennt …)

Fast schon lustig finde ich das in diesen Romanen Dienstboten immer in zwei Kategorien fallen: Die Gierigen, die ihre Arbeit nicht gut machen und immer mehr wollen als sie haben, und die Treuen Seelen, die auch Jahre später noch als verlässliche Stützen zur Verfügung stehen. Nur sehr selten gibt es eine dritte Variante, die dann (in der Regel weiblich) überaus intelligent und effizient ist und genau weiß, welchen Wert ihre Arbeit für andere Personen hat. *g*

Dann noch diese Szenen rund um die Ehe der Hillingdons – fast schon zu plakativ wie Agatha Christie da aufzeigt, dass kein Außenstehender wirklich beurteilen kann wie die Beziehung zweier Menschen wirklich ist. Und der arme sensible Mann, der von seiner Frau aus einer Situation, in die er aus lauter Dummheit geraten ist, gerettet werden muss, gehört auch zu den immer wieder auftauchenden Motiven in ihren Geschichten … spannend finde ich, wie viele Seiten Evelyn in diesen beiden Kapiteln (11-13) zeigen darf und wie fürsorglich/mütterlich sie – neben alle den anderen Facetten – gegenüber einer ihr relativ fremden Frau sein darf.

Und ich frage mich, wie es sein kann, dass Agatha Christie auf der einen Seite eine Figur wie Inspector Weston schaffen und auf der anderen Seite eine Szene schreiben kann, in der Victorias Lebensgefährte mit gerade mal zwei Sätzen so viele rassistischen Vorurteile bestärkt, während er sich beim Verhör dumm stellt. Auf der anderen Seite lässt sie den Inspector relativ klar sagen, dass die Gebräuche auf der Insel vielleicht anders sind als es ein konservativer Brite gewohnt ist, aber das es diesem Briten nicht zusteht dies zu verurteilen. Und gleichzeitig gibt es eine nicht weniger deutliche Aussage dazu, wie es um die Moral vieler Briten steht, die die West Indies besuchen.

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Freitag (18.11.) – Kapitel 15 bis 19

Ärgerlicherweise konnte ich gestern keine Lesezeit einrichten, aber dafür geht es heute weiter mit „A Caribbean Mystery“. Ich mochte es, die diversen ersten Vernehmungen zu verfolgen, weil ich es immer wieder beeindruckend finde, wie Agatha Christie die Figuren klingen lässt. Hier vermittelte sie vor allem den Eindruck, als ob die meisten Personen Molly beschützen wollten, was eine wunderbare Ablenkung von eventuellen eigenen Motiven darstellte. Ich mag es sehr, wie sie es auf der einen Seite schafft, dass ich Charaktere sympathisch finde und auf der anderen Seite jedes Wort anzweifel, das geäußert wird. 😉

Außerdem fand ich diese kleine Szene mit Miss Marple spannend, in der ihr bewusst wird, wie sehr sie sonst doch auf ihr vertrautes Umfeld angewiesen ist. Auf den Chefinspektor, der sie gut genug kennt, um selbst vage Gedanken von ihr ernst zu nehmen, auf den Patensohn, der Informationen beschafft oder Kontakt zu Behörden herstellt … Den Klatsch und Tratsch bekommst sie auch ohne ihre Freunde in Erfahrung und ihre Lebenserfahrung filtert dann die wichtigen Informationen heraus, aber was soll sie mit diesen Informationen anfangen, wenn sie niemanden in der richtigen Position hat, an den sie sich damit wenden kann? Und dann der Moment, in dem Mr. Rafiel ihr eingesteht, dass er sie deutlich unterschätzt hat – ich mag es sehr, wie diese beiden alten Menschen miteinander umgehen. Sie mit sichtbarer Toleranz, die von genügend Selbstbewusstsein zeugt, dass sie mit seinen Marotten umgehen kann, er mit erstaunlich viel Entgegenkommen für einen solch schroffen und egozentrischen Menschen. Ein überraschend gutes Team und wunderbar unterhaltsam, gerade weil die beiden aus so vollkommen unterschieden Welten kommen.

Interessant finde ich es auch, dass die Erzählweise dafür sorgt, dass die Leser*innen eigentlich nicht daran zweifeln, dass die Mördergeschichte des Majors sich um einen Mann drehte, der seine Frauen umbrachte, obwohl Agatha Christie immer wieder betont, dass niemand dem Major aufmerksam zugehört hat und dass er auch einige Geschichten über Mörderinnen hatte. Aber allein die Tatsache, dass Edward Hillingdon seiner Frau schon gestanden hat, dass er – in gewisser Weise – an einem Mord beteiligt war, führt dazu, dass ich all diese falschen Spuren nicht ernst nehmen kann. Als Leserin weiß ich da in diesem Moment mehr als Miss Marple und habe deshalb das Gefühl, dass dieser Teil vernachlässigbar ist. Wobei ich gern wüsste, ob jemand, der die Geschichte (oder überhaupt Agatha Christie Romane) nicht so gut kennt, darauf reinfallen würde oder nicht.

Dienstag (22.11.) – Kapitel 20 bis Ende

Oh, ich liebe es, wie Agatha Christie es ganz natürlich wirken lässt, dass in der Regel über und nicht mit einer bestimmten Person gesprochen wird und wie das die Sicht auf diese Person beeinflusst! Und wie schön in Jacksons Gebrabbel Hinweise eingestreut wurden … 😉 Auf der anderen Seite gibt es Aussagen von Esther Walters, bei denen ich schon fast das Gefühl habe, die Autorin war sich nicht sicher, ob sie genügend/überzeugende Hinweise auf die von ihr geplante Auflösung eingebaut hätte, weshalb sie noch einmal eine Schippe draufgelegt hätte. Ich weiß nicht, ob das nötig gewesen wäre, auch wenn damit natürlich ein weiteres Motiv für den Mörder angedeutet wird …

Alles in allem nicht mein Lieblingskrimi von Agatha Christie, aber es gibt so viele schöne „menschliche“ Elemente, die ich auch dieses Mal wieder genießen konnte, und es ist immer wieder nett Miss Marple außerhalb ihrer Komfortzone anzutreffen – nur um dann doch zu sehen, dass die menschliche Natur für sie überall gleich durchschaubar ist. Was ich, glaube ich, am Liebsten an dieser Geschichte mag, ist die Freundschaft, die zwischen ihr und Mr. Rafiel entstanden ist, wie sie sich gegenseitig wertschätzen, obwohl sie aus so unterschiedlichen Gesellschaften kommen und so wenig zusammenpassen.

Oh, und was mir noch aufgefallen ist: Meine deutsche Übersetzung (erschienen im Jahr 1991, allerdings als 18. Auflage) ist deutlich rassistischer in der Sprache, als es Agatha Christie 1964 in ihrem Originaltext war. Ich muss zugeben, dass ich das nicht 100%ig sicher sagen kann, aber bei Agatha Christie werden Begriffe verwendet, die – soweit ich das sagen kann – in ihrer Zeit als angemessen und „respektvoll“ erachtet wurden, und ja, es lässt sich hier die Frage aufwerfen, ob bei einer aktuellen Ausgabe dieses Romans eine Überarbeitung angebracht gewesen wäre. Bei meiner deutschen Ausgabe aus dem Jahr 1991 hingegen wurden Begriffe verwendet, die nicht nur 1991, sondern auch schon im Jahr 1964 eindeutig rassistisch waren. Selbst wenn also jemand beim Übersetzen in den 1960er Jahren der Meinung gewesen wäre, dass das schon richtig sei, hätte bei einer der vielen folgende Auflagen definitiv jemand einschreiten und dort Änderungen vornehmen müssen.

Auralee Wallace: In the Company of Witches (Evenfall Witches B&B 1)

Ich weiß nicht mehr genau, wo ich über „In the Company of Witches“ gestolpert bin, aber da das Buch als „herbstlich“, „cozy“ und „wohltuend“ beworben wurde, habe ich es mir als Herbstlektüre besorgt. Am vergangenen Montag dachte ich, dass das der passende Titel wäre, um mich von einem ziemlich frustrierenden Tag zu erholen, und ich fürchte, dass ich damit nicht ganz richtig lag. Das lag aber eher an meinen Erwartungen an den Roman als an der Geschichte, die ich vermutlich mehr genossen hätte, wenn ich nicht so sehr im Hinterkopf gehabt hätte, dass sie „heimelig“ und „wohltuend“ sei, um dann über Elemente zu stolpern, die ich persönlich definitiv nicht in diese Kategorien stecken würde.

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Brynn Warren, die gemeinsam mit ihren beiden Tanten Nora und Izzy das Bed & Breadfast „Ivywood Hollow“ führt, in dem auch ihr Onkel Gideon lebt. Brynn ist 31 Jahre alt und seit dem überraschenden Tod ihres Mannes Adam vor über einem Jahr verwitwet. Außerdem ist sie – ebenso wie der Rest der Familie – eine Hexe und sorgt wie schon ihrer Vorfahren dafür, dass es den Anwohnern des kleinen Ortes, in dem sie leben, gut geht, auch wenn natürlich niemand wissen darf, dass die Warrens Hexen sind. Dummerweise wird dann Constance Graves, die wegen einer Renovierung ihres eigenen Hauses im B&B wohnt, ermordet, und bei all den Gerüchten rund um den Mord fällt der Verdacht nicht nur auf Brynns Tante Nora, sondern es gibt natürlich auch die eine oder andere Person, die zu einer Hexenjagd aufruft. Klingt wirklich gemütlich, nicht wahr? 😉

Lustigerweise gibt es wirklich viele schöne und heimelige Elemente in „In the Company of Witches“. Ich mochte es sehr, wie die Magie der Warrens beschrieben wurde, ich habe gern von Brynns Zuneigung zu ihrer Familie und von ihrer Liebe zu ihrem verstorbenen Mann gelesen, und ich habe mich amüsiert über all die Geplänkel zwischen Nora und … ach, eigentlich dem gesamten Rest der Welt. Sehr vieles daran hat mich an den Film „Practical Magic“ erinnert, aber auch bei dem würde ich halt nicht sagen, dass er rundum wohltuend und heimelig ist, denn schließlich gibt es da all die unverarbeitete Trauer von Sally und einen Geist, der ausgetrieben werden muss. So ist es im Prinzip auch bei „In the Company of Witches“, wo Brynns Trauer um ihren Mann der Grund dafür ist, dass sie ihr Leben (und ihre Magie) fast vollständig aufgegeben hat, während die Ermordung von Constance dafür sorgt, dass Brynn nicht nur ihre Beziehung zu ihrer Familie – vor allem zu ihren sich ständig einmischenden Tanten – aufarbeiten, sondern sich auch noch mit Constances vollkommen miteinander verfeindeten Geschwistern beschäftigen muss.

So ist dieser Roman zwar definitiv von einer herbstlichen Atmosphäre geprägt und es gibt viele schöne Momente rund um Brynns Familie und ihre Magie, die ich sehr genossen habe, aber die Geschichte war für mich definitiv nicht „fluffy“ oder „gemütlich“ zu lesen. Dafür gibt es zu viele Szenen, die von Trauer, von Wut oder der kleinlichen Rache von Familienmitgliedern geprägt sind, es gibt zu viele verletzte Gefühle und zu viele Geheimnisse. Natürlich mischen sich darunter auch einige lustige und wohltuende Momente, außerdem habe ich Brynns Familie sehr gemocht, und das, obwohl ihre Tanten in ihrer Zuneigung für Brynn stellenweise wirklich fürchterlich übergriffig handeln. Insgesamt denke ich sogar, dass ich dem zweiten Band der Reihe eine Chance geben werde, nachdem ich nun weiß, dass es weniger „cozy“ sein wird, als ich ursprünglich gedacht hatte. Es waren wirklich vor allem meine Erwartungen an das Buch, die mir den Spaß daran etwas verdorben haben. Wenn ich gewusst hätte, was für Themen in der Geschichte dominieren, hätte ich nicht an einem Tag dazu gegriffen, an dem ich etwas Tröstendes lesen wollte. Wer also kein Problem damit hat, in „In the Company of Witches“ von unverarbeiteter Trauer und von einander hassenden Familienmitgliedern eines Mordopfers zu lesen, wird mit dieser Cozy-Mystery-Variante von „Practical Magic“ bestimmt viel Spaß haben

Jane Harper: The Lost Man

Nachdem Neyasha im vergangenen Dezember so begeistert über „The Lost Man“ von Jane Harper geschrieben hatte, hatte ich mir direkt das eBook besorgt. Da aber die Autorin nicht gerade die heimeligsten Geschichten schreibt, hat es eine Weile gedauert, bis ich Lust auf diese Art von Roman hatte. „The Lost Man“ gehört nicht zu den Veröffentlichungen rund um den Polizisten Aaron Falk („Hitze“ und „Ins Dunkel“), sondern ist ein eigenständige Geschichte, die aus der Perspektive von Nathan Bright erzählt wird. (Allerdings gibt es einen kleinen Verweis auf Aaron Falks Geburtsort Kiewarra, aus dem auch Nathans Mutter stammt.) Die Handlung in „The Lost Man“ beginnt damit, dass Nathan und sein jüngerer Bruder Bub vor einem alten Grabstein am Rande einer australischen Wüste im Südwesten von Queensland stehen – und neben diesem Grabstein liegt die Leiche ihres gemeinsamen Bruders Cameron. Schnell steht fest, dass Cameron der Hitze zum Opfer gefallen ist und dass sein Tod grauenhaft war.

Doch vor allem lässt Nathan die Frage nicht los, wieso Cameron überhaupt sein Auto verlassen hatte und das auch noch, ohne jegliche Wasservorräte mit sich zu führen. Die Rätsel rund um Camerons Tod führen dazu, dass Nathan sich nicht nur mit dem Leben seiner Familienmitglieder – die er seit Monaten nicht mehr gesehen hatte – auseinandersetzen muss, sondern auch mit seiner eigenen Vergangenheit. Jane Harper schreibt Geschichten von Menschen, die in unmenschlichen Umgebungen versuchen, sich ihre Menschlichkeit zu bewahren – und häufig genau daran scheitern. So gab es vor zehn Jahren in Nathans Leben einen Moment, in dem er eines der eisernen Gesetze seiner Gemeinschaft verletzte und dafür von seinen Nachbarn aus eben dieser Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Was genau Nathan damals getan hat, verschweigt Jane Harper ziemlich lange, und ich muss gestehen, dass ich deshalb im Laufe der Zeit mit der Autorin ziemlich ungeduldig wurde. Es ist für mich vollkommen in Ordnung, wenn Elemente verschwiegen werden, weil der Erzähler selbst keine Details weiß. Aber hier wusste so gut wie jeder Charakter, was Nathan damals getan hat, aber trotzdem wird lange drumherumgeredet, um künstlich Spannung aufrecht zu halten. So haben mich in dieser Phase vor allem die ungemein atmosphärischen Beschreibungen des Lebens am Rande einer Wüste bei der Stange gehalten.

Hier fand ich es sehr schön, wie Jane Harper Informationen, die Nathan und sein Bruder dem ortsfremden Polizisten zukommen lassen, als dieser sich den Schausplatz von Camerons Tod anschaut, mit kleinen Gedanken und Nebenbemerkungen des Erzählers mischt. So wird schnell deutlich, dass es bestimmte Dinge gibt, die kein Einheimischer vernachlässigen oder vergessen würde, so wie es zum Beispiel selbstverständlich ist, dass bei solch gefährlichem Gelände niemand nachts mit dem Auto fährt oder dass für eine zweitägige Fahrt ein ganzer Kofferraum voller Wasserflaschen und Nahrungsmittel mitgenommen wird. Immer wieder gibt es diese kleinen Momente, die zeigen, wie selbstverständlich die Gefahren eines solchen Lebens für die Einheimischen sind, während sich mir bei dem Gedanken, dass es im Notfall im optimalsten Fall mindestens drei Stunden dauern würde, bis Hilfe aus der nächsten Stadt eintreffen könnte, der Magen umdreht. All diese Details lassen einen nur zu gut nachvollziehen, wieso ein solches Leben die besten und die schlimmsten Seiten eines Menschen zum Vorschein bringen kann. So ist es auch nicht besonders überraschend, dass Nathan und seine Brüder selbst keine besonders glückliche Kindheit hatten, und auch wenn er selbst nicht die gleichen Fehler wie sein gewalttätiger Vater begangen hat, hat er dafür mit anderen Problemen zu kämpfen.

Ich will beim besten Willen nicht behaupten, dass „The Lost Man“ eine schöne Geschichte ist. Es gibt so viele zutiefst deprimierende und frustrierende Elemente, wenn es um den Schatten geht, den Nathans seit langem verstorbener Vater bis zum aktuellen Tag auf die gesamte Familie wirft. Aber ich fand es schön zu verfolgen, wie Nathan sich im Laufe des Romans weiterentwickelt hat. Je mehr er sich mit dem Tod von Cameron, mit den Problemen seiner Familie und sogar mit seinem Verhältnis zu seiner Ex-Frau Jacqui und seinem Sohn Xander auseinandersetzt, desto eher scheint er in der Lage zu sein, auch mal positive Gedanken und Gefühle zuzulassen. Wirkt Nathan anfangs geradezu lebensmüde, nach all den Jahren, die er isoliert von der Gemeinschaft verbracht hat, so führen all die Ereignisse rund um Camerons Tod dazu, dass er so langsam in der Lage ist, sich (und anderen) zu verzeihen und in die Zukunft zu blicken. So steht für mich in diesem Roman nicht Camerons Tod, sondern Nathans Entwicklung im Mittelpunkt der Geschichte, was dazu führt, dass ich es auch nicht schlimm fand, dass so viele „überraschende“ Wendungen rund um Camerons Ableben für mich deutlich leichter vorhersehbar waren als die Handlungsentwicklungen in den anderen beiden Büchern von Jane Harper. Die Autorin hat wirklich ein Händchen für realistische Charaktere voller Graustufen ebenso wie für wunderbar atmosphärische Beschreibungen des Lebens in den unwirtlicheren Ecken Australiens und hat es damit auch bei „The Lost Man“ geschafft, mich damit so sehr zu packen, dass ich den Roman zügig gelesen habe, obwohl ich ein paar andere Aspekte in dieser Geschichte nicht ganz so gelungen gefunden habe.