„The Raven Scholar“ ist der erste Fantasyroman von Antonia Hodgson, die bislang vor allem historische Kriminalromane geschrieben hat. Ich muss zugeben, dass ich keinen der früheren Titel der Autorin kenne, aber nach dem Lesen von „The Raven Scholar“ bin ich versucht, auch die anderen Bücher auszuprobieren. „The Raven Scholar“ spielt in dem fantastischen Land Orrun, in dem alle 24 Jahre ein Wettbewerb ausgerichtet wird, um einen neuen Kaiser zu finden. Sieben Kandidat*innen für diesen Wettbewerb werden von ihren jeweiligen Klöstern ausgewählt. Jedes Kloster ist einem der Wächtertiere von Orrun unterstellt, wobei der Drache traditionell eine ganz eigene Rolle bei diesem Wettbewerb einnimmt, die ihn von den anderen Kandidat*innen abgrenzt. Die Handlung setzt zu Beginn des Wettbewerbs ein, dessen Sieger zum Nachfolger des aktuell regierenden Kaisers Bersun gekrönt werden soll. Noch bevor die erste Herausforderung starten kann, wird jedoch eine/r der Kandidat*innen ermordet, weshalb High Scholar Neema Kraa von Kaiser Bersun mit der Mordermittlung beauftragt wird.
Neema ist eine Einzelgängerin, die mehr Feinde als Verbündete am Hof hat. Sie hat vor Jahren eine zweifelhafte Entscheidung getroffen, die sie bis heute verfolgt, und sie fühlt sich absolut nicht geeignet als Ermittlerin. Ich muss zugeben, dass Neema als Protagonistin auf den ersten Blick ziemlich klischeehaft wirkt: Das aus armen Verhältnissen stammende Genie, das allein seinen Weg geht, angetrieben von dem Bedürfnis nach Wissen und Gerechtigkeit für die von der Gesellschaft Vernachlässigten. Überhaupt scheinen all die Kandidat*innen für den Wettbewerb auf den ersten Blick klassischen Fantasy-Stereotypen zu entsprechen. Da gibt es den listigen/verspielten Fuchs, den gelehrten Raben, den mächtigen Tiger, den hart arbeitenden und gutmütigen Ochsen, den starken Bären, den kreativen Affen, den treuen Hund und den tödlichen Drachen. Ebenso vorhersehbar wie die Auswahl an Charakteren wirkt der Krimianteil der Geschichte, bei dem ich das Gefühl hatte, dass ich relativ schnell entscheidende Elemente erahnt hatte. Doch sowohl bei den Figuren als auch bei der Handlung gelingt es Antonia Hodgson, so viele überraschende Wendungen und Ebenen einzubauen, dass all diese Stereotype und Vorhersehbarkeiten sich schnell als Täuschung der Autorin herausstellen.
Ich hatte ungemein viel Spaß damit, die verschiedenen Figuren besser kennenzulernen und mehr über Orrun und die verschiedenen Häuser herauszufinden. Ich fand es spannend, wie sich meine Gefühle für die verschiedenen Charaktere im Laufe der Zeit veränderten und es immer wieder neue Facetten bei den unterschiedlichen Persönlichkeiten zu entdecken gab. Und obwohl ich normalerweise mit all den Intrigen am Hof (und in diesem Fall auch innerhalb der Klöster) wenig Freude habe, fand ich es hier wirklich faszinierend, die verschiedenen Verbindungen aufzudecken und mitzubekommen welche Folge sie für den Wettbewerb, für Neema und ihre Ermittlungen sowie für das Volk allgemein mit sich bringen. Auch der Wettbewerb war von Antonia Hodgson vielseitiger gestaltet, als ich es anfangs erwartet hatte, so dass es immer wieder spannend war, mehr über die verschiedenen Herausforderungen zu erfahren und zu sehen, wie die Kandidat*innen damit umgehen.
Es gibt so unfassbar viele Details und kleine Szenen, die ich hier gern erwähnen würde, weil ich sie so fesselnd, amüsant oder ungewöhnlich fand. Aber ich traue mich nicht mal, etwas über den Prolog zu schreiben, weil all diese Dinge so gründlich miteinander verwoben sind, dass es meiner Meinung nach zu viel über die Handlung von „The Raven Scholar“ verraten würde. Im Nachhinein habe ich ein paar negative Rezensionen zu dem Buch gelesen, die sich darüber beschwerten, dass die Erzählperspektive, Neema als Protagonistin und/oder das (zu langsame) Erzähltempo ihnen nicht gefallen hätten. Ich persönlich fand die Erzählperspektive anfangs auch etwas unrund, wobei mich das nicht gestört hat (und ich kann versichern, dass es dafür einen sehr guten Grund gibt). Neema ist eine (vermutlich neurodivergente) Figur mit einigen Grauschattierungen, und um zu prüfen, ob man das beim Lesen als störend empfindet, gibt es Leseproben. Was das Tempo angeht, so gibt es anfangs sehr viele kleine Szenen, in denen die Welt und die Figuren vorgestellt werden, und ich habe mich beim Lesen dieser Passagen sehr gut unterhalten gefühlt. Richtig genossen habe ich es dann, als sich am Ende herausstellte, dass all diese Szenen kleine Puzzlestücke waren, die einen notwendigen Platz im Gesamtbild einnahmen. Ich hatte wirklich enorm viel Spaß mit „The Raven Scholar“ und hoffe sehr, dass bald der Veröffentlichungstermin des zweiten Teils der Trilogie bekanntgegeben wird.
