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Naomi Kuttner: The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening

Ich bin mir nicht mehr sicher, wie ich über „The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening“ gestolpert bin. Aber als ich am Sonntag vor zwei Wochen auf der Suche nach einem „netten“ Roman meine gespeicherten Leseproben durchstöberte, hat mich der „New Zealand Paranormal Cozy Mystery“ so gut unterhalten, dass ich ihn direkt gekauft und innerhalb von 24 Stunden ausgelesen hatte. Das hätte ich definitiv nicht erwartet, da die Grundidee hinter diesem Roman auf eine Art und Weise absurd ist, die normalerweise nicht meinem Geschmack entsprechen würde. Aber Naomi Kuttners Erzählweise und die Perspektive von Dante (eine von drei Hauptfiguren) haben überraschenderweise für mich so gut funktioniert, dass ich „The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening“ wirklich amüsant fand.

Die Handlung beginnt aus der Perspektive von Dante, der gerade seine Karriere als Auftragsmörder für eine Regierungsorganisation beendet hat. Um seinen Ruhestand so fern wie möglich von seinen ehemaligen Auftragsorten zu verbringen, beschließt er, sich in dem kleinen Ort Te Kohe in Neuseeland niederzulassen. Dante selbst möchte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden und so wenig Kontakt wie möglich mit anderen Menschen haben. Aber er hat definitiv nicht mit der Freundlichkeit/Neugier seiner Kleinstadt-Nachbarn gerechnet – außerdem verfügt sein neues Haus über einen beeindruckenden Garten mit seltenen Pflanzen, was dazu führt, dass er den Gärtner der Vorbesitzerin „erbt“. Charlie ist ein wirklich netter junger Mann, dessen offensichtlicher Naivität und Begeisterungsfähigkeit Dante nichts entgegenzusetzen hat. Als es dann noch bei einer Veranstaltung im Hotel des Ortes zu einem Mord kommt, bei dem Dante und Charlie die Hauptverdächtigen sind, fangen die beiden – gemeinsam mit Eleanor, die ebenfalls auf dieser Veranstaltung war – zu ermitteln an.

Was den Krimianteil dieses Romans angeht, so lag eigentlich von Anfang an auf der Hand, wer der Täter ist, so dass die Herausforderung vor allem darin bestand, herauszufinden, wie die Tat vollbracht wurde und wie sie dem Täter nachgewiesen werden kann. Aber der Fall war auch nicht das, was mich bei diesem Roman so gut unterhalten hat, es waren die Charaktere mit all ihren Eigenheiten (und die Tatsache, dass es hier endlich mal einen „cozy mystery“ ohne Liebegeschichte für mich zu lesen gab). Charlie ist ein wirklich netter junger Mann, der bei seiner verwitweten Mutter wohnt, als Gärtner seinen Lebensunterhalt verdient und Geister sehen kann. Das hat ihn sein Leben lang – also gerade mal zwanzig Jahre – in Schwierigkeiten gebracht, da die Leute um ihn herum nicht glauben, dass er wirklich über diese Fähigkeit verfügt. Eleanor ist eine elegante Frau in den 60ern, die sich in den diversen Vereinen von Te Kohe engagiert, über überraschende Verbindungen verfügt und sehr viel Menschenkenntnis hat. Sowohl Charlie als auch Eleanor mochte ich sehr gern, aber so richig genossen habe ich Dantes Perspektive.

Der ehemalige Assassine ist so sehr von seinem früheren Beruf geprägt, dass sein erster Impuls in jeder Situation ist, darüber nachzudenken, wie er sein Gegenüber töten kann. Aber er ist auch stolzes Mitglied der AA (Anonyme Assassinen) und hat seit über 100 Tagen niemanden mehr ermordet – was bedeutet, dass er mit Hilfe seines Therapeuten neue Wege finden muss, um mit Herausforderungen umzugehen, und sich dabei häufig etwas hilflos anstellt. Ich muss zugeben, dass alle drei Figuren sehr unglaubwürdig sind, und bei Dante ist der absurde Anteil besonders extrem, aber ich habe es trotzdem gerade deshalb genossen mitzuverfolgen, wie hilflos er in normalen sozialen Situationen ist und wie schwer es ihm fällt, nicht einfach zur Waffe zu greifen, um seine Probleme zu lösen. „The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening“ ist durch und durch absurd und dabei wirklich sehr unterhaltsam zu lesen. Ich mochte die Protagonisten und ihre unterschiedlichen Erzählstimmen sehr und habe beim Lesen meinem armen Mann immer wieder ganze Passagen vorgetragen, weil ich sie so amüsant fand. Es gab vor dem großen Finale einen kleinen Teil, in dem sich die Handlung für mich etwas hinzog, was auch daran lag, dass Dante da relativ wenig zu Wort kam. Aber alles in allem habe ich die Geschichte wirklich genossen und freue mich jetzt schon auf die im Dezember erscheinende Fortsetzung „The Retired Assassin’s Guide to Orchid Hunting“.

Fleur Beale: Am Ende des Alphabets

Den Roman „Am Ende des Alphabets“ von Fleur Beale hatte mir netterweise Tine geliehen, nachdem sie mir mit ihrer Rezension solche Lust auf das Buch gemacht hatte. Die Geschichte handelt von der vierzehnjährigen Ruby, die die „Dumme“ in ihrer Familie ist und deshalb ständig hinter ihrem intelligenten Bruder Max zurückstecken muss. Dabei ist die Situation in Rubys Familie eigentlich gar nicht so ungewöhnlich: Sie ist die Älteste von insgesamt vier Geschwistern, und da ihr Stiefvater den ganzen Tag als LKW-Fahrer unterwegs ist und ihre Mutter als Putzfrau im Krankenhaus des Nachbarortes arbeitet, muss sie viele Aufgaben im Haushalt übernehmen.

Schlimm wird es, wenn man sieht, dass ihr gerade mal elf Monate jüngerer Bruder Max sich jeglicher Verantwortung entzieht – und damit auch noch durchkommt. Denn während Ruby weder lesen noch schreiben kann, ist Max ein überaus guter Schüler, der regelmäßig Auszeichnungen bekommt. So nimmt die ganze Familie Rücksicht auf die Befindlichkeiten von Max, damit sich der Junge ganz auf das Lernen konzentrieren und hoffentlich in einigen Jahren die Universität besuchen kann. Auf Ruby hingegen wartet gerade mal eine Zukunft als Putzfrau, dessen ist sich vor allem ihre Mutter sehr sicher.

Erst als Rubys beste Freundin Tia droht, dass sie nie wieder mit ihr reden würde, wenn sie weiterhin den Fußabtreter für die gesamte Familie spielt, fängt das Mädchen an, über seine Situation nachzudenken. Nach und nach entwickelt Ruby Rückgrat und findet heraus, was sie eigentlich will und was sie sich für ihre Zukunft vorstellen kann. Ich bin mal so frei und spoilere an dieser Stelle: Putzfrau möchte sie nicht werden. 😉 Und je mehr Ruby sich für die Sachen einsetzt, die ihr wichtig sind, desto mehr entdeckt sie auch, dass sie nicht dumm ist. Sie kann nicht lesen und schreiben und das macht ihr Leben häufig ganz schön schwer, aber sie ist nicht dumm. Doch während sie langsam zu dieser Erkenntnis kommt, scheint ihre Familie nicht zu begreifen, dass auch Ruby einen Wert hat, der über ihre Fähigkeiten als Haushaltshilfe und Babysitterin hinausgeht. Zum Glück hat Ruby gute Freunde, die sie unterstützen, und sie lernt im Laufe der Geschichte noch weitere Personen kennen, die für sie da sind.

Mit gut 200 Seite ist „Am Ende des Alphabets“ nicht gerade umfangreich und hat sich gut an einem Nachmittag lesen lassen. Ich habe Ruby sehr schnell ins Herz geschlossen und mich über ihr wachsendes Selbstbewusstsein und ihr neu entwickeltes Rückgrat sehr gefreut. Häufig steht sie vor der Wahl, den einfacheren Weg zu gehen, einfach wieder in ihre alte Rolle als Stütze ihrer Familie zu verfallen und sich mit einem kleinen Sieg zufriedenzugeben. Aber nachdem sie erst einmal angefangen hat, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen und nachdem sie die Mechanismen in ihrer Familie durchschaut hat, findet sie immer wieder die Kraft, für sich einzustehen – und das nicht nur im privaten Umfeld. Dabei konnte ich auch Rubys Familie verstehen (wenn auch nicht immer ausstehen), und das rechne ich Fleur Beale wirklich an.

Ich fand es auch angenehm, dass Ruby zwar ein wirklich nettes (und häufig viel zu gutmütiges) Mädchen war, aber dabei nicht zu lieb dargestellt wurde. Ruby hat auch ihre boshaften Seiten (die bei mir gerade im Umgang mit dem Ladenbesitzer zum regelmäßigen Schmunzeln geführt haben), und wenn sie wütend ist, dann haut sie auch schon mal Sätze raus, von denen sie genau weiß, dass sie wehtun. Am Ende hat Ruby sehr viel für sich erreicht, und das fand ich wirklich schön und wohltuend, dabei macht es sich Fleur Beale aber nicht zu einfach und zeigt auch immer wieder, dass das Leben auch in Zukunft für Ruby eine Menge Herausforderungen bereithalten wird, die es für Menschen, die keine Lese-Rechtschreibschwäche haben, nicht gibt.