Obwohl ich schon seit einigen Jahren „The Calculating Stars“ von der Autorin auf meinem SuB liegen hatte, war „The Spare Man“ der erste Roman, den ich von Mary Robinette Kowal gelesen habe. Nachdem ich die Inhaltsangabe so reizvoll fand und die Leseprobe mich so sehr an eine Space-Variante der „Der dünne Mann“-Verfilmungen erinnerte, musste ich einfach bei der ersten Gelegenheit danach greifen. Die Handlung von „The Spare Man“ wird aus der Sicht der Erfinderin und Erbin Tesla Crane erzählt, die gerade mit ihrem Ehemann Shal auf dem interplanetaren Spaceliner Lindgren ihre Hochzeitsreise zum Mars angetreten hat. Tesla und ihr Mann reisen unter Pseudonym und verkleidet, da beide – auf sehr unterschiedliche Weise – in den Medien Berühmtheit erlangt haben und nicht erkannt werden wollen. Doch dann geschieht an Bord des Raumschiffs ein Mord, und Shal wird, da er in der Nähe des Tatorts war, von der Bordsicherheit als Verdächtiger eingesperrt, während Tesla (anfangs) versucht, ohne ihre üblichen einflussreichen Verbindungen zu ermitteln.
Ich muss zugeben, dass ich es zwar unterhaltsam fand, dem Krimianteil der Geschichte zu folgen und den einzelnen Hinweisen nachzugehen, aber am Ende des Romans lieber nicht allzu gründlich darüber nachgedacht habe wie schlüssig das Ganze nun war. Auch hätte mich die Besessenheit von Tesla und Shal mit Alkohol (inklusive der Cocktail-Rezepte zu Beginn eines jeden Kapitels) wirklich gestört, wenn mir nicht bewusst gewesen wäre, dass das darauf basiert, dass „The Spare Man“ nun einmal eine „Der dünne Mann“-Hommage ist. Von diesen beiden – wirklich kleinen – Kritikpunkten abgesehen habe ich das Lesen dieses Romans sehr genossen. Ich mochte Tesla als Protagonistin sowie die Tatsache, dass sie chronische physische und psychische Probleme hat, die ihren Alltag sehr prägen und dazu führen, dass sie mit einem Assistenzhund reist. Insgesamt war der Ton – trotz des Mords, einer extra Leiche, deren Identität nicht herausfindbar war, und anderer ernsterer Themen – eigentlich durchgehen locker, und ein Großteil der Ermittlungen wird von Geplänkel zwischen Tesla und anderen Passagieren oder dem Personal des Raumschiffs geprägt.
Mary Robinette Kowal versucht in „The Spare Man“, mit sehr vielen verschiedenen Elementen zu jonglieren, was – wie ich bei einem Blick auf diverse Rezensionen gesehen habe – wohl dazu führt, dass so einige Leser*innen von der Geschichte enttäuscht waren. Ich persönlich habe mich gut unterhalten gefühlt, aber ich habe weder erwartet, dass ich einen herausfordernden und schlüssigen Kriminalroman in den Händen halten werden, noch dass die Dialoge wirklich an die Filme mit Myrna Loy und William Powell herankommen würden. Die Filme profitieren nun einmal sehr von der Zeit, in der sie spielen, von der Qualität der Schauspieler und der Tatsache, dass beim Film nun mal andere Mittel eigensetzt werden können als bei einem Roman. Stattdessen habe ich die vielen verschiedenen Ideen rund um das Reisen auf einem Luxus-Raumschiff genossen, mich an den vielseitigen Charakteren erfreut und mich immer wieder von amüsanten kleinen Wendungen in der Handlung überraschen lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Leser*innen mochte ich auch die Beziehung zwischen Tesla und Shal, denn ich finde einen Mann, der seine Frau unterstützt und ihre Selbstständigkeit respektiert, nicht langweilig, sondern ziemlich attraktiv. „The Spare Man“ ist zwar kein rasanter, spannender Kriminalroman, und da Tesla ab einem bestimmten Punkt die Ermittlungen mit ihrem Namen, ihren Beziehungen und ihrem Geld beeinflusst, darf auch keine korrekte Detektivarbeit erwartet werden. Aber der Roman erzählt eine ungewöhnliche und unterhaltsame Geschichte, die bei mir für so einige entspannte Lesestunden gesorgt und mir Lust auf eine erneute Runde mit den „Der dünne Mann“-Filmen gemacht hat.
