Darcie Wilde: A Useful Woman (Rosalind Thorne Mystery 1)

Über einen Mangel an Cozies, die in den 1920er oder 1930er Jahren spielen, kann ich mich ja nicht beschweren, aber ab und an sehne ich mich nach gemütlichen Kriminalromanen, die zu anderen Zeiten spielen. Bei „A Useful Woman“ muss ich gestehen, dass ich zuerst auf das Cover aufmerksam geworden bin und dann erst feststellte, dass die Reihe um 1817 spielt. Im Prolog bekommt man einen ersten Eindruck vom Familienleben der Protagonistin Rosalind Thorne und muss miterleben, wie ihr Vater sich gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Charlotte aus dem Staub macht, weil er seine Gläubiger fürchtet. Rosalind und ihre Mutter hingegen bleiben zurück und müssen irgendwie mit den Auswirkungen dieser Flucht fertig werden. Fünf Jahre später spielt Rosalind eine ungewöhnliche und sehr diskrete Rolle in der Gesellschaft, indem sie den diversen Ladys zur Seite steht, wenn diese besonders aufwändige Pläne verwirklichen wollen. In der Regel bestehen diese Pläne nur aus der Ausrichtung eines großen Festes oder ähnlich harmloser Ereignisse, aber manchmal gehört zu Rosalinds Aufgabe auch, die öffentliche Meinung zu beeinflussen oder einer Person Ratschläge zu geben, wie diese eine gesellschaftliche Katastrophe abwenden könnte.

Nachdem Rosalind ihre Tätigkeit anfangs aus dem Anwesen ihrer Patentante Lady Blanchard heraus ausgeübt hat, ist sie vor einem Jahr in ein eigenes kleines Haus in London gezogen, was ihre finanzielle Situation etwas angespannt sein lässt. So scheint das überaus großzügige Angebot von Lady Edmund Aimesworth, die nicht nur eine jährliche Apanage, sondern auch lebenslanges Wohnrecht in einem ihrer Häuser in Aussicht stellt, für die junge Frau unwiderstehlich zu sein. Um diese begehrlichen Dinge zu erlangen, muss Rosalind es nur schaffen, Lady Aimesworth zu einer Position als Patronesse bei Almack’s zu verhelfen, Doch dann wird ihr Sohn Jasper Aimesworth ermordet im Ballsall von Almack’s aufgefunden. Für Rosalind stellt sich nun die Frage, welche der Personen, die an diesem Tag unerwarteterweise im Gebäude anwesend waren, für den Tod des jungen Mannes verantwortlich sein könnte, und was im Hause Aimesworth vorgeht, vor dem Jasper sie vor seinem Tod warnen wollte.

Diese Beschreibung klingt jetzt etwas dramatischer, als die Geschichte wirklich ist, aber gerade die ruhige Erzählweise und all die kleinen Details, die Rosalinds Alltag als „diskrete Helferin der Damen der Gesellschaft“ ausmachen, mochte ich an diesem Roman wirklich. Rosalind hat nach der Flucht ihres Vaters dank ihrer Patentante Lady Blanchard ihre Stellung in der Gesellschaft halten können, und all ihr Verhalten ist seitdem davon bestimmt, diese Position nicht zu verlieren. Auf der anderen Seite hat sie durch ihr Engagement für die diversen Ladys in den vergangenen Jahren Einblicke in die Ecken der verschiedenen Adelsfamilien bekommen, über die normalerweise ein Mantel des Schweigens gehüllt wird. Ebenso hat sie – auch dank ihrer Haushälterin Mrs. Kendricks – Kontakte in die Dienstbotenkreise, aus denen sie Informationen erhält, die ihr bei ihrer Arbeit hilfreich sind. So ist es kein Wunder, dass Principal Officer Adam Harkness von Anfang an der Meinung ist, dass Rosalind und ihre Beziehungen nützlich für ihn sind, während er versucht, mehr über das Ableben von Jasper herauszufinden.

Wobei ich anmerken muss, dass sich Adam Harkness auch sonst zu Rosalind hingezogen fühlt, während diese noch immer Gefühle für (ihren ehemaligen Beinah-Verlobten) Lord Casselmaine hegt. Während ich normalerweise Dreiecks-Geschichten nicht so sehr mag, fand ich hier auch diesen Teil der Handlung stimmig gemacht. Erst einmal nimmt der „Beziehungsteil“ nicht so großen Raum ein, und dann ist es für Rosalinds Entwicklung im Laufe von „A Useful Woman“ wichtig, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit (und somit mit ihrem Verhältnis zu Lord Casselmaine) ebenso auseinandersetzt wie mit der Frage, was in Zukunft aus ihr werden soll. Ich mochte es sehr, dass Darcie Wilde es schaffte, dass Rosalind und ihre von Regeln beherrschte Gesellschaft stimmig und mit all den kleinen und größeren Geheimnissen, die hinter den perfekten Fassaden schlummern, dargestellt wurde. Durch Rosalinds Perspektive hingegen konnte man sehr gut verstehen, wieso es ihr so wichtig ist, dass sie diese (häufig unausgesprochenen) Regeln als Halt für ihr Benehmen und ihren Auftritt hat. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Szenen, in denen deutlich wird, dass dieser Halt trügerisch ist und dass gerade die Frauen zu dieser Zeit ohne eigenes Verschulden sehr hohen Risiken ausgesetzt waren.

Was mich zu den großartigen Nebenfiguren führt, die neben Rosalind so viel zur Atmosphäre von „A Useful Woman“ beigetragen haben. So ist Rosalind seit vielen Jahren mit Alice Littlefield befreundet, die nach dem Tod ihrer Eltern zusammen mit ihrem Bruder in einer kleinen Wohnung lebt und als Journalistin ihren Lebensunterhalt bestreitet. Obwohl Alice in derselben Schicht aufgewachsen ist wie Rosalind, hat sie scheinbar mühelos den Schritt in die (finanzielle) Unabhängigkeit gewagt, obwohl das bedeutete, dass sie nie wieder ihren Weg zurück in die Gesellschaft finden kann. Honoria Aimesworth hingegen, die Tochter von Lady Edmund Aimesworth und Jaspers Schwester, gehört zur Gesellschaft, auch wenn sie von den meisten Personen als exzentrisch angesehen wird. Doch trotz ihres Selbstbewusstseins und ihrer direkten Art wird schon früh deutlich, wie wenig sie von ihrer Schicht hält und wie verzweifelt sie eine Möglichkeit sucht, sich ein anderes Leben aufzubauen.

Bei all diesen Elementen wird der Kriminalfall ein wenig in den Hintergrund gerückt, was ich aber nicht schlimm fand, da die Frage nach Jaspers Tod und die Folgen, die dieser für die verschiedenen Personen hatte, trotzdem immer im Raum steht. Außerdem gibt es immer wieder kleine Hinweise auf die Auflösung in all den Szenen, die Rosalind beobachtet, und in den Gesprächen, die sie mit anderen Personen führt. So schrecklich überraschend waren die Motive der beteiligten Personen also am Ende nicht, ebensowenig wie die Identität des Mörders, aber Darcie Wilde ist es trotzdem gelungen, dass ich auf die Auflösung hinfieberte und am Ende aus mehreren Gründen um Rosalind (und ihre Freunde) bangte. Nachdem ich keine großen Erwartungen in „A Useful Woman“ gesetzt hatte und nur nach einer neuen netten Krimireihe suchte, war ich ziemlich überrascht, wie viel Spaß ich mit dem Roman hatte und wie sehr mir die verschiedenen Figuren ans Herz gewachsen waren – nur gut, dass es noch zwei weitere Rosalind-Thorne-Bände gibt, so dass ich noch ein paar Lesestunden mit ihr vor mir habe.

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