Jordan Stratford: The Wollstonecraft Detective Agency 1 – The Case of the Missing Moonstone

Normalerweise bin ich nicht so glücklich, wenn ein Autor sich zu große Freiheiten bei der Verwendung historischer Persönlichkeiten nimmt, aber mit „The Case of the Missing Moonstone“ von Jordan Stratford habe ich mich zu gut amüsiert, um ihm diesen großzügigen (und vollkommen unkorrekten) Einsatz berühmter Figuren übelzunehmen. Dazu muss ich allerdings anfügen, dass Jordan Stratford sich die Mühe gemacht hat, die realen Daten und Fakten im Anhang aufzulisten und zu erklären, wieso er diese für seine Geschichte angepasst hat. Für die Geschichte im ersten Band der „Wollstonecraft Detective Agency“-Reihe muss man als Leser also hinnehmen, dass Lady Ada Byron (Ada Lovelace) und Mary Godwin (Mary Shelley) gerade mal drei Jahren Altersunterschied trennen (statt der realen 18 Jahre), und auch sonst gibt es einige unerwartete Elemente.

Zu Beginn des Romans lässt sich Jordan Stratford Zeit, die beiden Protagonistinnen Ada und Mary vorzustellen. Ada ist zu diesem Zeitpunkt nicht gerade zufrieden mit ihrem Leben, da ihre Gouvernante sie verlässt (unerklärlicherweise, um zu heiraten!) und sie zukünftig – gemeinsam mit einem ihr unbekannten Mädchen – von einem Hauslehrer unterrichtet werden soll. Von den intellektuellen Fähigkeiten dieses Percy Snagsby (von Ada nur Peebs genannt) ist die Elfjährige nicht gerade überzeugt, und sowieso reicht es ihr, wenn man ihr aktuelle Sachbücher zu den Wissensgebieten zur Verfügung stellt, die sie interessieren. Die vierzehnjährige Mary hingegen freut sich sehr über diese einmalige Möglichkeit, durch einen Hauslehrer unterrichtet zu werden, auch wenn es eine Weile dauert, bis sie dahinterkommt, wie man am Besten mit Adas zahlreichen Eigenarten umgehen muss.

Je besser sich die beiden Mädchen kennenlernen, desto mehr stellen sie fest, dass sie sich in ihrer Gegensätzlichkeit gut ergänzen, was darauf hinausläuft, dass sie zusammen die „Wollstonecraft Detective Agency“ gründen. Für Ada ist dies die Möglichkeit, ihren Intellekt unter Beweis zu stellen, während Mary von der Aussicht auf Abenteuer gelockt wird. Beiden ist natürlich bewusst, dass sie als junge Damen der Gesellschaft nicht jeden Fall annehmen können, doch als in einem der benachbarten Herrenhäuser ein Schmuckstück gestohlen wird, scheint der perfekte Zeitpunkt gekommen zu sein, sich an ihren ersten Kriminalfall zu wagen. Passend zur Zielgruppe (ab acht Jahren) ist die Geschichte weder blutig noch besonders aufregend, dafür gibt es sehr viele amüsante Momente, die sich um Adas Eigenheiten drehen oder um all die kleinen Geheimnisse, die viele der Charaktere haben. Was aber vor allem heraussticht, ist eine Liebe zu Wissen und Wissenschaft, die sich nicht nur in Adas Begeisterung für Erfindungen widerspiegelt, sondern auch in all den kleinen Szenen mit „Rechenmaschinen“, seltsamen „unsichtbaren“ Jungen in der Kutsche oder eben auch in den Elementen, die zur Lösung des Falls entscheidend sind.

Jordan Stratford bietet eine verspielte und ungewöhnliche Sicht auf Mathematik, Physik und Chemie, und er fordert den Leser mit Wörtern, die theoretisch zu schwierig für die Altersgruppe sind, aber so beiläufig von Ada und Mary erklärt und verwendet werden, dass es Spaß macht, ihre Freude beim Kennenlernen neuer Wörter zu verfolgen. Ich persönlich mag normalerweise keine „lehrhaften“ Kinderbücher (wenn ich nicht gerade bewusst zu einem Sachbuch greife), aber ich habe mich bei „The Case of the Missing Moonstone“ großartig unterhalten gefühlt, während Ada über Schießpulver für ihre Peebs-Kanone nachdachte, Mary gemeinsam mit Charles Dickens (!) in einem Zeitungsarchiv Nachforschungen anstellte oder die beiden Mädchen eine lebensgefährliche Begegnung mit dem ersten pferdegezogenen britischen Omnibus hatten. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich als Kind nicht nur viel Spaß mit der Handlung gehabt hätte, sondern dass auch die diversen Hinweise auf historische Figuren, Literaturklassiker und Ähnliches dafür gesorgt hätten, dass ich mehr über die verschiedenen Gebiete hätte erfahren wollen. Bei mir hat das Lesen dieses Romans aber vor allem dazu geführt, dass ich große Lust auf weitere Geschichten mit Ada und Mary habe.

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