Kategorie: Rezension

Kyle Robert Shultz: The Beast of Talesend – After Beauty and the Beast (Beaumont and Beasley 1)

Auf die Reihe „Beaumont and Beasley“ bin ich durch Kiya aufmerksam geworden und hab mir dann recht spontan in der vergangenen Woche ein Bundle mit den ersten drei eBooks gekauft. Im ersten Teil, „After Beauty and the Beast“, bekommt man als Leser die Geschichte aus der Sicht des fünfundzwanzigjährigen Nick Beasley erzählt, der als Privatdetektiv in den Afterlands arbeitet und sich darauf spezialisiert hat, zu beweisen, dass Magie nicht existiert. Nick ist wirklich erfolgreich in seinem Beruf und hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur als Detektiv, sondern auch als Sprachkenner eine gewisse Berühmtheit erarbeitet, was dazu führt, dass er von Lord Whitlock und dessen Tochter Cordelia engagiert wird. Dummerweise führt dieser Auftrag dazu, dass Nick durch uralte Magie in ein Monster verwandelt wird, was nicht nur grundsätzlich eine unangenehme Situation ist, sondern auch das Todesurteil für seine Karriere bedeuten kann.

Gemeinsam mit Lady Cordelia macht sich Nick daran, mehr über den Fluch herauszufinden, der ihn in ein Monster verwandelt hat, um ihn zu brechen. Dabei lernt der Detektiv nicht nur mehr über Magie, als er jemals wissen wollte, sondern er muss auch eine Intrige vereiteln, die zum Ende der bestehenden Gesellschaft führen könnte. Ich mochte an der Geschichte sehr den ungewöhnlichen Blick auf vertraute Märchen und all die Hintergründe und „wahren“ Vorfälle, die sich Kyle Robert Shultz für seinen kurzen Roman ausgedacht hat. Der Autor beschränkt sich nicht nur darauf, die eh schon düsteren Seiten von Märchen zu betonen, sondern entwickelt seine eigene – häufig zynisch wirkende – „wahre Geschichte“ hinter den verschiedenen Märchen. Trotz dieser düsteren Märchenelemente ist „The Beast of Talesend“ eine amüsante und fluffige Geschichte, bei der man nicht nur über die diversen absurden Vorfälle schmunzeln kann, sondern auch über das Verhältnis der Charaktere zueinander und die daraus resultierenden Dialoge.

Ich mochte nicht nur Nick, der bei aller Pedanterie und Selbstgefälligkeit überaschend sympathisch war, sondern auch Lady Cordelia mit all ihren impulsiven Einfällen und Nicks kleinen Bruder Crispin, der so liebenswert unvernünftig dargestellt wurde, dass es schon fast zu klischeehaft war. Nicks Gegenspieler blieb im Vergleich dazu ziemlich blass, und dass die Beherrschung der Welt sein einziges Motiv zu sein schien, fand ich auch etwas schwach. Aber grundsätzlich hat mich diese Darstellung nicht so sehr gestört, dass ich mich dadurch weniger amüsiert hätte. Ein bisschen hat mich „The Beast of Talesend“ an die „Castle Charming“-Geschichten von Tansy Rayner Roberts erinnert, wobei Kyle Robert Shultz neben dem Märchenhaften eine deutliche 20er-Jahre-Atmosphäre in seinen Roman eingebaut hat, die der Handlung wirklich gut getan hat. Die Figuren von Tansy Rayner Roberts berühren mich mehr als Nick, Crispin und Cordelia, aber ansonsten mag ich bei beiden Autoren den ungewöhnlichen Blick auf Märchen und die amüsante Erzählweise, bei der man die Geschichte einfach nicht aus der Hand legen mag, weil jederzeit wieder etwas überaus Absurdes und Unterhaltsames passieren wird.

Diana Wynne Jones: Drowned Ammet (The Dalemark Quartet 2)

Der zweite Band des Dalemark-Quartets von Diana Wynne Jones – den ich bis zu diesem Lesen noch nicht kannte – bringt den Leser wieder in den Süden von Dalemark, genau genommen in das Reich des Herzogs Hadd. Dabei wird die Geschichte in „Drowned Ammet“ zu Beginn aus der Sicht von Mitt erzählt, den der Leser von seinen ersten (überraschend sorgenfreien) Lebensjahren an begleitet, nur um mitzuerleben, wie aus dem zufriedenen kleinen Jungen ein Mensch voller Rachefantasien und Hass wird. Denn Herzog Hadd ist ein grausamer und streitsüchtiger Mann, der keine Hemmungen hat, sein Volk mit seinen Steuern um seine Lebensgrundlage zu bringen. Auch Mitts Eltern gehören zu denen, die wenige Jahre nach Mitts Geburt ihr weniges Hab und Gut verlieren und Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Menschen in seinem Land fürchten den Herzog, seine Soldaten und seine Spitzel, und so ist es kein Wunder, dass neben Armut und Angst auch die Wut und der Wille zur Rebellion in seinem Volk wachsen.

Auch Mitts Vater Al (beide heißen mit vollem Namen Alhammit) schließt sich nach dem Verlust seines Hofes in der Hafenstadt Holand einer Gruppe von Freiheitskämpfern an, doch er und seine Gefährten werden vor der Durchführung eines geplanten Anschlags verraten. Nachdem Mitt mit seiner Mutter zurückbleibt, schließt auch er sich den Freiheitskämpfern an, und ich muss zugeben, dass das ein Punkt war, wo mich Diana Wynne Jones ausnahmsweise nicht überzeugen konnte. Ich musste mir beim Lesen dieser Kapitel rund um Mitts Aufwachsen und sein Engagement für die Freiheitskämpfer immer wieder vorrechnen, dass Mitt noch sehr jung ist. Seine Familie kann es sich nicht leisten, ihn zur Schule zu schicken und er hat keine gleichaltrigen Freunde, mit denen er auf den Straßen spielen könnte. Stattdessen fängt er als Achtjähriger an, auf einem Fischerboot zu arbeiten, und alles, was er Tag für Tag hört, sind Klagen über die Ungerechtigkeit des Herzogs. Und wenn meine Rechnung stimmt (die auf so groben Angaben basiert wie „beim nächsten „Holand Sea Festival“, „im folgenden Sommer“ oder „wenige Wochen später“, dann ist er gerade mal elf oder zwölf Jahre alt, als er einen Anschlag auf den Herzog verübt.

Ein Kind, das unter diesen Umständen aufwächst, ist deutlich „erwachsener“ als ein Kind, das eine sorgenfreie Kindheit verbringen kann und sich keine Gedanken darüber machen muss, wo die nächste Mahlzeit herkommt. Auf der anderen Seite ist Mitt nicht erwachsen genug, um wirklich die Konsequenzen seines Tuns überblicken zu können, oder um die Motive und Aussagen anderer Menschen zu hinterfragen und sich seine eigene Meinung bilden zu können. Gerade seine emotionale Abhängigkeit von seiner Mutter erklärt sich für mich sehr dadurch, dass er eigentlich noch ein Kind ist. Dass ich mir aber all diese Dinge immer wieder vor Augen halten musste, hat für mich diese Kapitel etwas schwierig zu lesen gemacht, obwohl ich die Grundsituation spannend fand. Ich weiß nicht, ob ich als Kind/Jugendliche diese Passagen anders wahrgenommen hätte. Aber ich glaube, ich hätte damals auch schon Kleinkind-Mitt, der nicht verstehen kann, wieso seine Nachbarn Angst vor dem Soldaten haben, mit dem er sich gerade angefreundet hat, lieber gemocht, als den achtjährigen Mitt, der anscheinend nur zu seiner Mutter so etwas wie Zuneigung empfinden kann und für den alle anderen Menschen nur Mittel zum Zweck zu sein scheinen.

Auf der anderen Seite bekommt man die Geschichte aus Sicht von Hildy (Hildrida), der Enkeltochter von Herzog Hadd, erzählt. Hildys Temperament ähnelt von klein auf einer Naturgewalt, und nicht einmal ihr Vater traut sich, sich gegen sie zu stellen, wenn sie schlechte Laune hat. Dabei ist Hildy kein verwöhntes Kind oder eine Nervensäge, sie ist nur schrecklich frustriert von ihrer Rolle als Schachfigur bei den politischen Spielen ihres Großvaters, davon, dass ihr Vater seit dem Tod ihrer Mutter so gleichgültig geworden ist, und von all den anderen kleinen und großen Ungerechtigkeiten, die sie so erlebt. Hildy ist nicht gerade ein netter Charakter, aber ich fand sie auf Anhieb sympathisch. So ist es auch kein Wunder, dass die Geschichte für mich deutlich anzog, als Hildy, ihr Bruder Ynen und Mitt nach der Hälfte des Romans aufeinandertrafen und sich von diesem Zeitpunkt an mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihren Illusionen bezüglich der eigenen Person und ihren Vorurteilen gegenüber anderer Gesellschaftsschichten auseinandersetzen mussten. Dazu kamen noch wunderbar atmosphärische Segelszenen und ein Hauch Magie, und schon fühlte ich mich mit „Drowned Ammet“ wieder wohl und war neugierig auf die weitere Entwicklung der Geschichte.

Am Ende kann ich verstehen, wieso Diana Wynne Jones die erste Hälfte des Romans so erzählt hat, aber ich muss zugeben, dass mich dieser Teil trotzdem nicht ganz so überzeugt hat, wie es ihre Bücher normalerweise tun. Erst beim Lesen der zweiten Hälfte kam für mich das Gefühl auf, ich würde eine „richtige“ Diana-Wynne-Jones-Geschichte lesen, mit all ihren Untertönen und ihren bitteren und amüsanten Momenten. Doch während ich bei „Cart and Cwidder“ am Ende zufrieden mit dem Ausgang der Handlung und den Andeutungen über Morils Zukunft war, fühlen sich hier die letzten Seiten an, als ob mir die Autorin bislang nur einen langen Prolog erzählt hätte – und nun muss ich auf den vierten Teil der Reihe („The Crown of Dalemark“) warten, um zu erfahren, wie das Ganze ausgeht. Doch bevor ich zum vierten Band greife, werde ich erst einmal „The Spellcoats“ aus dem SuB fischen und mich mit der Geschichte in die Vergangenheit von Dalemark begeben.

Diana Wynne Jones: Cart and Cwidder (The Dalemark Quartet 1)

Vorweg muss ich zugeben, dass ich bei dieser Rezension von „Cart and Cwidder“ nicht gerade objektiv sein kann, denn ich habe diese Geschichte als Kind Jugendliche geliebt (ich war fest davon überzeugt, dass ich „Die Kraft der Mandola“ schon als Kind gelesen hatte, aber die deutsche Ausgabe erschien anscheinend erst 1985). Außerdem ist die Angabe „Band 1“ beim Dalemark-Quartet etwas schwierig zu machen, da dies zwar der erste Band von Diana Wynne Jones ist, der in der Welt von Dalemark spielt, aber chronologisch gesehen müsste die Geschichte nach „The Spellcoats“ und „Drowned Ammet“ gelesen werden. Zusätzlich kann ich noch mitteilen, dass bei meiner britischen Ausgabe von Harper Collins von den insgesamt 336 Seiten die letzten 80 Seiten aus „A Guide to Dalemark“ bestehen, wo noch einmal die verschiedenen (historischen) Figuren vorgestellt, Redewendungen aufgegriffen und bestimmte Gebräuche vorgestellt werden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des elfjährigen Moril, der gemeinsam mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern als Spielleute in einem bunt bemaltem Wagen durch Dalemark zieht. Sein Vater ist der berühmte Sänger Clennen, doch auch Morils Mutter, sein älterer Bruder Dagner, seine Schwester Brit und natürlich er selbst müssen ihren Anteil zu den regelmäßigen Aufführungen beitragen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei ist es nicht so einfach, in Dalemark sein Auskommen zu finden, denn das Land ist seit langer Zeit gespalten, es gibt keinen König mehr und die Herzöge des Nordens sind mit den Herzögen des Südens verfeindet. Für Moril bedeutet das Reisen durch den Süden, dass nicht alle Lieder gesungen werden dürfen, dass sich alle ständig umdrehen und schauen, dass sie nicht bespitzelt werden, und dass man aufpassen muss, dass man nichts sagt, was der jeweilige Herzog als aufrührerischen Akt auslegen könnte. Der Norden hingegen ist frei und bietet so viele Möglichkeiten auch für die Spielleute, dass Moril froh ist, dass die jährliche Reise nach Norden wieder ansteht.

Einziger Wermutstropfe bei der Reise nach Norden ist die Tatsache, dass Clennen auch in diesem Jahr wieder einen Passagier aufgenommen hat. Weder Brid noch Moril können Kialan besonders gut leiden. Der junge Mann scheint eingebildet zu sein und wenig hilfsbereit, wenn es um die täglichen Pflichten auf der Reise geht. Als die Geschwister im Laufe der Zeit dann aber auf sich allein gestellt sind, finden sie heraus, dass mehr hinter Kialan steckt, als sie anfangs vermutet haben. Mehr will ich über die Geschichte gar nicht erzählen, weil sie meiner Meinung nach – trotz der Bedrohung durch die Herzöge des Südens und die am Ende vorkommende Armee – von all den kleinen Entwicklungen lebt, die während der Reise geschehen. Ich mochte schon immer Morils leicht verträumte Perspektive, und daran hat sich in all den Jahren, seitdem ich die Geschichte das letzte Mal gelesen habe, nichts geändert. Außerdem finde ich es spannend, wie Diana Wynne Jones die Atmosphäre in den südlichen Herzogtümern von Dalemark beschreibt und wie die Angst vor der Willkür der Herzöge das Leben der Menschen beeinflusst. Es ist kein Wunder, dass in einer solchen Welt voller Unterdrückung Figuren wie der „Porter“ auftauchen – ein Spion, der Informationen und Menschen nach Norden schmuggelt und eine große Rolle im Widerstand gegen den Süden spielt.

Die Handlung wird in dieser Geschichte wieder einmal sehr geradlinig erzählt, da man Moril auf dieser Reise von Süden nach Norden begleitet und es nicht viele Umwege oder Abstecher gibt. Aber Moril reift im Laufe der Reise, und ihm fallen viele kleine Dinge auf, die er früher einfach nur hingenommen hat. Die Familiendynamik ändert sich durch einen tragischen Moment entscheidend, und ich fand es spannend mitzuerleben, wie jeder von ihnen nun eine neue Rolle finden muss. Dabei gelingt es der Autorin, auch radikalere Veränderungen nicht zu verurteilen, sondern im Leser – durch Morils Augen – Verständnis für die Handlungen der jeweiligen Figur entstehen zu lassen. Dazu kommt noch, dass die Musik eine große Rolle in der Geschichte spielt – was ja nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Spielleute im Zentrum der Handlung stehen. Moril bewundert seinen Vater sehr für sein Können mit der Cwidder und als Sänger, und er findet es faszinierend, dass sein Bruder Dagner so gut darin ist, eigene Lieder zu schreiben, und trotzdem solche Probleme damit hat, auf der Bühne zu stehen und seine Lieder zu präsentieren. Ich mochte es sehr, wie Moril im Laufe der Geschichte immer mehr über sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten herausfindet, und das nicht nur, wenn es um die Musik geht. Auch nach all den Jahren fand ich das Lesen von „Cart and Cwidder“ immer noch durch und durch befriedigend, und ich freue mich darauf, dass ich noch drei weitere Bände zu lesen habe, die in Dalemark spielen (und die ich zum Teil noch nicht kenne).

Ilona Andrews: Burn for Me (Hidden Legacy 1)

Vor einiger Zeit habe ich in einer Anthologie eine Kurzgeschichte gelesen, in der eine Figur der Hidden-Legacy-Romane die Protagonistin war. Da ich den Ton und die Atmosphäre in der Geschichte sehr mochte, hatte ich die Serie auf die Merkliste gepackt, um sie mal anzutesten. Als ich Ende September dann verreiste und nach eBooks für die Fahrt suchte, blieb ich dann ziemlich schnell bei „Burn for Me“ hängen, obwohl der Roman auf den ersten Blick sehr viele Elemente beinhaltet, die ich eigentlich gar nicht mehr leiden kann. Gerade angesichts all meiner Meckereien über „Trace of Magic“ am vergangenen Donnerstag ist es vermutlich etwas seltsam zu lesen, dass ich mich von „Burn for Me“ so gut unterhalten gefühlt habe, obwohl eine „problematische Beziehung“ und „Leidenschaft auf den ersten Blick“ eine spürbare Rolle in diesem Buch spielen.

Die Protagonistin in dieser Geschichte ist die fünfundzwanzigjährige Nevada Baylor, die als Chefin einer kleinen Privatermittlungsfirma für das finanzielle Überleben ihrer Familie verantwortlich ist. Normalerweise konzentriert sich Nevada auf Eheprobleme und Betrüger, auf die kleineren Fälle, die sie auch ohne den Einsatz von Magie bewältigen kann. Dummerweise ist ihr kleines Familienunternehmen nach dem Tod von Nevadas Vater hochverschuldet, und so sind sie vertraglich an eine größere Firma gebunden, deren Aufträge Nevada nicht ablehnen kann. Der aktuelle Auftrag, besteht darin, einen der begabtesten Magier des Landes lebendig zu seiner Familie zurückzubringen, bevor die Polizei ihn tötet. Nicht, dass die Polizei in dieser Welt grundsätzlich eher töten als verhaften würde, aber Adam Pierce wird nicht nur schon seit Jahren gesucht, sondern hat bei seinem letzten terroristischen Attentat einen Polizisten umgebracht. Für Nevada steht fest, dass dieser Auftrag ein Selbstmord-Job ist, auf der anderen Seite kann sie ihn nicht ablehnen und außerdem hat sie so vorgesorgt, dass ihre Familie, wenn Nevada im Rahmen ihrer Arbeit ums Leben käme, finanziell abgesichert ist.

Neben Nevada und die Polizei ist auch Connor „Mad“ Rogan auf der Suche nach Adam Pierce. Rogan ist nicht nur ein ebenso mächtiger Magier wie Adam, sondern auch weltberühmt für seine fürchterlichen Zerstörungstaten während seiner Zeit bei der Armee. Mit Rogan wären wir dann auch schon bei der „Leidenschaft auf den ersten Blick“, die mich sonst in Romanen so sehr frustriert. Hier hingegen konnte ich gut damit leben, denn 1. fand Nevada Rogan schon vor dem ersten Kennenlernen attraktiv und hat sich vorgestellt, dass sein Blick von innerer Qual zeugt (was ich als Fantasie einer jungen Frau, die davon ausgeht, dass sie niemals die Person, über die sie tagträumt, treffen wird, durchaus hinnehmen kann), 2. ist sich Nevada nicht nur bewusst, dass das eine rein körperliche Anziehung ist und lässt sich davon normalerweise weder in ihrem Urteil beeinflussen noch von ihrer Arbeit ablenken und 3. gibt es außer einem Tagtraum und zwei Küssen eigentlich keine „sexy Szenen“. Stattdessen bekommt man als Leser eine interessante Welt, sympathische Charaktere und Dialoge, die mehr über die Welt und die Figuren verraten. Und neben all der Action und den Gefahren gab es auch noch so einige amüsante Momente.

Während ich Nevada sehr mochte (auch wenn sie unfähig zu sein scheint, ihren Beschützerinstinkt mal etwas runterzufahren und ihrer Familie etwas mehr zuzutrauen), so macht es Rogan einem relativ schwierig, ihn zu mögen. Da er aber das stimmige Produkt einer Welt ist, in der die Stärke der Magie über den Einfluss einer Familie bestimmt und seine Familie schon seit Generationen ihre Nachkommen auf Magie, gutes Aussehen und Intelligenz züchtet, während die emotionale Seite keinerlei Rolle spielt, kann ich mit seinem Verhalten leben. Und da ich schon mal beim Thema Magie bin: Natürlich verfügt auch Nevada über Magie. Sie ist im Prinzip ein lebendiger Lügendetektor (und deutlich mächtiger, als sie selbst weiß) und hält diese Fähigkeit normalerweise geheim, da sie damit zu einem Spielball der großen Familien werden würde. Während ich bei „Trace of Magic“ total sauer darüber war, dass die Protatonistin ihre Fähigkeiten verriet, indem sie sich verplapperte oder zu dumm war, sich Ausreden einfallen zu lassen, finde ich es bei „Burn for Me“ realistisch, dass Nevada unabsichtlich Rogan ihre Fähigkeiten verrät, als dieser sie (bei ihrer ersten Begegnung) in Lebensgefahr bringt. Bei Nevada ist es eine instinktive Reaktion, während sie um ihr Leben fürchtet, und keine lose Zunge oder simple Dummheit. Eine einigermaßen nachvollziehbare Begründung oder eine gut geschriebene Szene macht wirklich einen riesigen Unterschied, wenn es darum geht, bestimmte Handlungsentwicklungen hinzunehmen.

Das Ganze macht „Burn for Me“ nicht zum Höhepunkt der Urban Fantasy, dafür gibt es einfach zu viele Elemente in dem Roman, die man in jeder zweiten Geschichte dieses Genres findet. (Wobei ich ja zugeben muss, dass ich all diese Elemente wirklich mag, sonst würde ich nicht so regelmäßig zur Urban Fantasy zurückkommen. 😉 ) Und der größte Makel an dieser Geschichte war für mich die Motivation des „Oberbösewichts“ im Hintergrund, aber auch damit konnte ich problemlos leben, weil mich der Rest des Romans so gut unterhalten hat. Genau genommen habe ich mir sogar schon den zweiten Band der Reihe als eBook besorgt, damit ich weiterlesen kann, wenn ich das nächste Mal Lust auf Action, Magie und korrupte Parteien habe, gegen die die Protagonistin vorgehen muss. Doch vor allem freue ich mich auf weitere Szenen mit Nevadas ungewöhnlicher Familie, die mir mit all ihren Eigenheiten und ihrem liebevollen Umgang wirklich sympathisch ist. Ich muss am Ende auch noch eingestehen, dass mir im Laufe der Geschichte sogar Rogan ein wenig ans Herz gewachsen ist, da seine Handlungen aus seiner Perspektive heraus immer logisch (und teilweise sogar fast so etwas wie fürsorglich) waren. Aber selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, würde ich „White Hot“ lesen wollen, da ich darauf vertraue, dass mich die Geschichte gut unterhält und der Beziehungskram auch in dem Roman eine deutlich geringere Rolle spielt, als im Klappentext angedeutet wird.

Kazuaki Takano: 13 Stufen

„13 Stufen“ von Kazuaki Takano war eine Leihgabe von Natira, und bevor ich mit dem Buch anfing, wusste ich so gar nichts über die Geschichte und den Autor. Die dreizehn Stufen im Titel beziehen sich darauf, dass man im Japanischen die dreizehn Stufen als Synonym für den Gang zum Galgen verwendet. Mit diesem Wissen im Hinterkopf verwundert es also nicht, dass sich die Geschichte in diesem Kriminalroman vor allem mit den verschiedenen Aspekten der Todesstrafe in Japan beschäftigt, auch wenn die Handlung sich vordergründig um die Ermittlung ein einem vor zehn Jahren geschehenen Mordfall dreht. Protagonisten in dem Roman sind der (ehemalige) Gefängnisaufseher Shōji Nangō und der auf Bewährung entlassene Jun’ichi Mikami. Gemeinsam versuchen die beiden Männer herauszufinden, wer vor zehn Jahren den Bewährungshelfer Kohei Utsugi und dessen Ehefrau Yasuko ermordet hat, um den für diese Tat verurteilten Ryō Kihara vor dem Tod durch den Strang zu bewahren.

Das brisante an dem Todesurteil für Ryō Kihara besteht darin, dass sich der junge Mann aufgrund eines am selben Abend wie die Tat passierten Motorradunfalls an absolut nichts erinnern kann. Ryō Kihara war zu dem Zeitpunkt des Mordes auf Bewährung und musste regelmäßig seinen Bewährungshelfer Kohei Utsugi besuchen, außerdem hatte er, als er nach seinem Unfall gefunden wurde, Blutspuren der Opfer an seiner Kleidung und einen Gegenstand des Ermordeten in seinem Besitz. Trotzdem gibt es anscheinend jemanden, der an der Schuld des Verurteilten zweifelt und deshalb einen Anwalt bezahlt, um erneute Nachforschungen anzustellen. Im Laufe mehrerer Wochen finden Shōji Nangō und Jun’ichi Mikami wirklich Hinweise, dass vielleicht eine weitere Person am Tatort gewesen sein könnte, doch die Zeit läuft den beiden Männern davon.

Ich fand es recht spannend, wie Kazuaki Takano parallel die (ziemlich hoffnungslos scheinenden) Ermittlungen in den alten Fall und den Weg beschreibt, den der Vollstreckungsbefehl des Todesurteils durch die verschiedenen Behörden nimmt. Dabei hat sich der Autor bei den Passagen rund um den Vollstreckungsbefehl nicht nur auf den rechtlichen Vorgang konzentriert, sondern auch die verschiedenen Gedanken und Motive der beteiligten Personen dargestellt.

Auch die Wahl seiner Charaktere – ein Gefängnisaufseher und ein wegen Totschlags verurteilter junger Mann – sorgen für eine Vertiefung des Themas. Denn während Nangō in seinem Berufsleben nicht nur als Zeuge, sondern auch als aktives Element bei der Vollstreckung der Todesstrafe beteiligt war, muss Jun’ichi damit leben, dass er jemanden getötet hat und dass diese Tat nicht nur sein Leben, sondern auch das vieler andere Personen deutlich beeinflusst hat. Diese unterschiedlichen Perspektiven und die verschiedenen Betroffenen, denen die beiden Männer im Laufe ihrer Ermittlungen begegnen, bieten Kazuaki Takano die Möglichkeit, viele Aspekte rund um die Todesstrafe und die Tötung eines Menschen zu beleuchten. Faszinierend fand ich zum Beispiel, wie wichtig im japanischen Rechtsystem es ist, dass ein Mensch eine Tat bereut. Teil der Bewährungsbedingungen ist es etwa, dass sich Jun’ichi den Hinterbliebenden seines Opfers stellt und sie um Verzeihung bittet, während Ryō Kihara vermutlich zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt worden wäre, wenn er sich an die Tat hätte erinnern und sie so hätte bereuen können. Die Tatsache, dass er keinerlei Erinnerungen an den Mord hat, ist eigentlich der Hauptgrund dafür, dass die Todesstrafe verhängt wurde.

All diese Details rund ums japanische Rechtssystem fand ich wirklich faszinierend, ebenso wie die Passagen, in denen sich Nangō und Jun’ichi über verschiedene Dinge ausgetauscht haben, die nicht nur dem jeweils anderen eine neue Perspektive auf etwas scheinbar Vertrautes gewährt haben, sondern dem Leser auch einen Einblick in die japanische Gesellschaft gewähren. Jemand, der sich für all dies nicht interessiert, dürfte „13 Stufen“ relativ langatmig finden, obwohl die Handlung nicht langweilig ist und gerade am Ende einige Wendungen nimmt, die viel Bewegung in die Geschichte bringen. Zwar gibt es einige vorhersehbare Aspekte in diesem Krimi, wie die Hintergründe zu dem Vorfall von vor zehn Jahren, der Jun’ichis Leben geprägt hat, oder zu der Frage, wer der geheimnisvolle Auftraggeber ist, der in letzter Minute noch die Unschuld von Ryō Kihara beweisen will, aber alles in allem fand ich diese Mischung aus Informationen und verzwickter Handlung wirklich spannend zu lesen. Oh, und nachdem ich gesehen habe, dass „13 Stufen“ der Debütroman von Kazuaki Tanako war, habe ich geschaut, ob er noch ähnliche Krimis hat, aber das scheint leider sein einziger Roman in diese Richtung gewesen zu sein.

Joshua Palmatier/Patricia Bray (Hrsg.): Temporally Out of Order (Anthologie)

In der von Joshua Palmatier und Patricia Bray herausgegebenen Anthologie drehen sich alle Geschichten um das Thema „Temporally Out of Order“. Die Idee kam Joshua Palmatier, nachdem er an einem Flughafen eine Telefonzelle mit diesem schönen Tippfehler beschriftet gesehen hatte und sich überlegte, was wäre, wenn dieses Telefon wirklich „temporally“ und nicht „temporary“ out of order wäre.

Seanan McGuire: Reading Lists
Seanan McGuires Geschichte „Reading Lists“ dreht sich um die (anfangs) siebenundvierzigjährige Megan Halprin, die zum ersten Mal in ihrem Leben im Besitz eines Bibliotheksausweises ist. Auf der Suche nach einem Buch kommt sie in einen Raum, an dessen Tür ein Schild mit „Temporally Out of Order“ steht. Die dort arbeitende Bibliothekarin stellt sich bei jedem von Megans Besuchen als überaus hilfreich heraus, obwohl Megan jedes Mal ein Buch ausleihen will, das schon vor Jahren auf ihren Ausweis verbucht wurde und lange überfällig ist. Ich mochte es sehr, wie man im Laufe dieser Kurzgeschichte erfährt, wie sehr die verschiedenen Bibliotheksbücher Megans Leben verändern und in welche (zeitliche) Richtung diese Veränderungen verlaufen. 😉

Elektra Hammond: Salamander Bites
Die Geschichte von Elektra Hammond führt den Leser in die Küche eines kleinen Restaurants, das erst vor einem Jahr eröffnet wurde. Die Geschichte beginnt an einem Abend, als Steve, der Chef des „With Wine“, sich Gedanken darüber macht, dass er wohl nie genug Geld mit dem Restaurant machen wird, um weitere Köche anzustellen. Er ist so sehr in seine Gedanken vertieft, dass er beim Kochen gravierende Fehler macht – trotzdem kommen perfekte Gerichte aus seinem „Salamander“ (ein Ofen mit starker Oberhitze). So hervorragende Speisen, dass Steve den Vergleich mit seinem berühmten ehemaligen Chef nicht zu scheuen braucht, auch wenn er keine Ahnung hat, wieso sein Essen auf einmal so gelobt wird. „Salamander Bites“ ist eine bitterböse Geschichte, die mir beim Lesen gut gefiel. Allerdings muss ich zugeben, dass sie keinen besonders langanhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

David B. Coe: Black and White
Protagonistin von „Black and White“ ist Jessie, die nach dem Tod ihres Großvaters sein Büro aufräumt. Dabei fällt ihr auf, dass in seinem Foto-Archiv einige Bilder fehlen. Beim Versuch, diese Fotos mit Hilfe der alten Kamera ihres Großvaters zu rekonstruieren, stolpert Jessie über ein unschönes Stück Familiengeschichte. Ich habe den Anfang von „Black and White“ geliebt, weil Jessies Erinnerungen an ihren Großvater und an die Zeit, als er ihr beibrachte, wie man fotografiert, so wunderbar beschrieben wurden. Und gerade weil dieser Anfang so schön ist, trifft es einen umso mehr, als man gemeinsam mit Jessie eine Seite an ihren Großeltern entdeckt, die die junge Frau lieber nicht enthüllt hätte. So bleibt am Ende der Geschichte die Frage im Raum stehen, wie man damit umgehen soll, dass die eigene Familie nicht immer auf der richtigen Seite gestanden hat und dass man sie trotzdem liebt. Das war gut geschrieben und ich mochte, dass der Autor eine Kamera als „temporally out of order“-Element genutzt hat.

Chuck Rothman: Dinosaur Stew
Diese Geschichte beginnt mit einer Mutter, die zu ihrer großen Überraschung von ihren Söhnen für ihr Essen gelobt wird und wenig später einen Dinosaurier-Zahn darin findet. Doch natürlich bleibt es nicht bei einem Zahn, und die weiteren Handlungsentwicklungen bringen die eine oder andere Überraschung mit sich. Mir hat die Geschichte großen Spaß gemacht, gerade weil ich mir nach dem Anfang mit dem Essen nicht so viel davon erwarte hatte. Am Ende hatte ich mich aber wunderbar amüsiert – nicht nur über die Slapstick-Szene, die zwei unbeholfene Männer und ein Kind in Dinosaurier-Verkleidung beinhaltete, sondern auch über den Sinneswandel der Protagonistin.

Faith Hunter: Not All Is As It Seems
Ich weiß, dass ich von Faith Hunter schon mehrere Geschichten gelesen habe, aber ich kann mir immer nicht merken, zu welchem „Universum“ die gelesenen Kurzgeschichten gehören. Diese hier ist „A Story from the World of Jane Yellowrock“, die Erzählerin Molly ist Jane Yellowrocks beste Freundin, und sie muss zu Beginn der Handlung herausfinden, was sie mit den beiden Vampiren anstellt, die vor ihrer Türschwelle stehen. Am Ende führen die beiden unerwarteten Besucher zu einer Geschichte voller berührender Momente, Überraschungen, einer ungewöhnlichen Teekanne und einem Wiedersehen zwischen sehr alten Freunden. Mir gefiel es sehr, dass dieses Mal die Autorin bei dem „Zeitreise“-Element einen ganz anderen Ansatz hatte als idie vorangegangenen Kurzgeschichten, und ich habe gerade große Lust, mehr über Molly (bzw. ihre Freundin Jane) zu lesen.

Edmund R. Schubert: Batting Out of Order
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich nicht weiß, was ich von der Geschichte halten soll. Protagonist ist der fünfzehnjährige Jerome, der in einer Zukunft lebt, in der Baseballkarten Hologramme erzeugen. Eines dieser Hologramme zeigt Jerome eine Zukunft, in der er nach seiner ersten Saison als Profispieler so schwer verletzt wird, dass seine Karriere endet. Theoretisch könnte sich der Junge nun dafür entscheiden, nie wieder Baseball zu spielen, doch aufgrund seiner familiären Umstände zieht er trotzdem eine Karriere als Profi in Betracht. Obwohl mich das Ende der Geschichte berührte, macht es mich doch wütend, dass ein Leben mit Behinderung sowohl von dem Protagonisten als auch von seiner Familie als wertlos empfunden wird. Außerdem hat es mich sehr aufgebracht, dass Jeromes Selbstaufopferung so heroisiert wird, obwohl es so viele andere Wege gäbe, um seiner Familie zu helfen. Doch natürlich wird keiner dieser Wege in dieser Geschichte in Betracht gezogen, es gibt nicht mal eine Andeutung, dass Jerome überhaupt mehr als einen Weg haben könnte, obwohl die Ausgangssituation der Handlung in meinen Augen nicht mal ein Problem ist. Je länger ich darüber nachdenke, desto frustrierter bin ich mit „Batting Out of Order“.

Steve Ruskin: Grand Tour
Eine wirklich hübsche Geschichte über einen Maler, dessen verstorbene Frau ihn darum gebeten hatte, dass er nach ihrem Tod 1. ein Medium aufsucht und 2. die gemeinsam geplante Grand Tour nach Italien unternehmen würde. Auch wenn man das Verhältnis der beiden zueinander nur in seinen Erinnungen mitbekam, so fand ich es schön, von ihrer Zuneigung zu lesen. Ebenso schön fand ich die „Unterstützung“, die die Verstorbene ihrem Mann mit auf den Weg gegeben hat und in welcher Form sie sich manifestierte. Außerdem musste ich sehr über „Foxx’s Techniques of Michelangelo“ schmunzeln – das wäre ein Bildband, den ich auch gern einmal studieren würde.

Sofie Bird: „A“ is for Alacrity, Astronauts, and Grief
Eine Geschichte über eine Schwester im Koma, einen liebevollen Vater, eine toxische Mutter und einen Neffen, den die Protagonistin beschützen will. Ich mochte die Idee mit der Schreibmaschine, die kryptische Nachrichten zu schreiben scheint, wenn man auf ihr tippt, und die kleinen Andeutungen über die Zukunft der Familie. Auf der anderen Seite denke ich nicht, dass mir diese Geschichte lange in Erinnerung bleiben wird, obwohl sie bei mir den einen oder anderen Nerv getroffen hat.

Laura Resnick: The Spiel of the Glocken
Der Protagonist erlebt einen aufregenden Morgen, inklusive Büffelherde, Mammut, dem Aufmarsch einer Armee und der Annäherung an eine Barista, die er schon seit Wochen näher kennenlernen will. Eigentlich eine nette Geschichte, aber für mich waren die darin eingestreuten deutschen Brocken etwas irritierend, weil das für mich keine Atmosphäre schafft, sondern eher das Gefühl gibt, dass da jemande seine Vokabeln noch einmal hätte nachschlagen müssen. Ebenso verwirrte mich ein vom Münchner Marienplatz inspiriertes Glockenspiel, das den Rattenfänger von Hameln zeigt, ein Gänseliesel-Brunnen und das jährliche Oktoberfest – ich bin vermutlich einfach zu norddeutsch, um damit leben zu können, dass all das in einen Topf geworfen wird. 😉

Amy Griswold: The Passing Bell
Die Geschichte mochte ich wirklich gern! Dieses Mal sind es Kirchenglocken, die den Tod eines Menschen melden, bevor dieser wirklich gestorben ist – was natürlich dazu führt, dass die Bewohner des Ortes ihre eigenen Mittel finden, um dafür zu sorgen, dass diese Todesankündigung auch die passende Person trifft. In diesem Fall ist die „passende Person“ ein durchreisender Seefahrer, der am Ende eine angemessene Lösung für die verfluchten Glocken findet. Ich mochte die Erzählstimme, die Grundidee und das Ende – für mich eine rundum stimmige Geschichte, bei der ich trotz der unheimlichen Elemente mehr als einmal beim Lesen geschmunzelt habe.

Laura Anne Gilman: Destination Ahead
In Laura Ann Gilmans Geschichte „Destination Ahead“ ist das Gerät, das „temporally out of order“ ist, das GPS von Shan und Jack. So finden sich die beiden gemeinsam mit ihrer achtjährigen Tochter am Ende ihrer Fahrt zwar beim Haus der Schwiegermutter, auch wenn sie nicht am vereinbarten Tag dort ankommen. Ich mochte die Geschichte, obwohl ich die Reaktion der Hausherrin auf ihre Besucher aus der Zukunft nicht ganz stimmig fand, aber ein paartherapierendes GPS ist eine wirklich nette Idee für so eine Anthologie.

Susan Jett: Where There’s Smoke
Ich muss gestehen, dass ich bei dieser Anthologie zum ersten Mal ernsthaft überlege, was die Herausgeber dazu bewogen hat, die Geschichten in genau dieser Anordnung zu veröffentlichen. In dieser Geschichte ist es ein paartherapierender Rauchmelder, dessen Zeitgefühl nicht ganz korrekt zu sein scheint und der damit das Leben (und die Beziehung) von Jack und Neil rettet. Nett und unterhaltsam, aber mir vom Grundthema her etwas zu nah an der vorhergehenden Geschichte, um sie wirklich genießen zu können.

Gini Koch: Alien Time Warp
Diese Geschichte spielt in der Welt der „Alien/Katherine (Kitty) Katt“-Serie der Autorin, was dazu geführt hat, dass ich zu Beginn – weil ich die Romane nicht kenne – Probleme hatte, die Erzählstimme und die Ereignisse zuzuordnen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto selbstständiger fühlte sich das Ganze an, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass man diese Geschichte nur dann so richtig schätzen kann, wenn man mit den dementsprechenden Hintergründe der Serie vertraut ist. Ich finde es ja immer faszinierend, dass manche Autoren es hervorragend hinbekommen, dass mich ihre Kurzgeschichten neugierig auf die Serien machen, in deren Welten sie spielen, und andere scheitern nicht nur daran, meine Neugier zu wecken, sondern scheinen ihre Kurzgeschichten auch nicht so schreiben zu können, dass sie ohne HIntergrundwissen funktionieren …

Chris Barili: Cell Service
In dieser Geschichte ist der Autor auf die ungewöhnliche Idee gekommen, gleich fünf veraltete Handys als „paartherapierende“ Geräte zu nehmen. Ich bin wirklich verwundert, wie viele Autoren in dieser Anthologie dieses Thema aufgreifen (und dass den Herausgebern gleich drei Geschichten mit diesem Aspekt nicht zu viel waren). Immerhin ist es sehr nett zu lesen, wie der Protagonist anhand der alten Geräte die wichtigsten Momente seiner zehnjährigen Ehe noch einmal erlebt und lernt, was er in der Vergangenheit hätte anders machen müssen, um seine Beziehung zu erhalten.

Stephen Leigh: Temporally Full
„Temporally Full“ wird aus der Sicht von Tom erzählt, der zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten wieder in Cinncinati ist, um nach dem Tod seines Vaters dessen Haushalt aufzulösen. Tom hatte sich vor zwanzig Jahren von seinem Vater entfremdet und trotz all der bitteren Erinnerungen an seine Jugend bereut er es nun, dass er in all der Zeit nicht versucht hat, die Unstimmigkeiten mit seinem Vater zu klären. Ich mochte, dass dieses Mal ein Parkhaus „temporally out of order“ war, gerade angesichts der Tatsache, dass eine Corvette der letzte Anlass war, der das eh schon fragile Verhältnis zwischen Tom und seinem Vater zerstörte. Die Geschichte war überraschend berührend und ich habe sie wirklich gemocht.

Juliet E. McKenna: Notes and Queries
Eine nette und kurze Geschichte über eine musizierende Studentin, ungewöhnliche Banknoten und einen Bankautomaten, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Mehr als nett kann ich dazu eigentlich nicht sagen, aber ich habe die Geschichte gern gelesen und am Ende gehofft, dass sich alles so entwickelt, wie die Protagonistin Ellie es sich erträumt.

Jeremy Sim: Temporally Out of Odor – A Fragrant Fable
„Temporally Out of Odor“ ist eine wirklich ungewöhnliche Geschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird. Auf der einen Seite erlebt man aus der Sicht von Philip die Probleme mit einem Kunden, der nach einem Autounfall eine Nasenprothese benötigt, auf der anderen Seite lernt man Walter kennen, der nach einem Unfall ohne seine verstorbene Frau Ana weiterleben muss. Beide Charaktere habe ich nicht auf Anhieb als liebenswert empfunden, aber ich mochte sie am Ende sehr – ebenso wie die Idee, dass dieses Mal eine Nase(nprothese) das Objekt ist, das in einer anderen Zeitebene zu sein scheint. Das war nicht nur schön zu lesen, sondern auch eine angenehm überraschende Handlung zum Abschluss der Anthologie.

Sarah Prineas: Winterling (Summerlands 1)

Obwohl ich die Bücher, die ich bislang von Sarah Prineas gelesen habe, immer sehr mochte, fehlte mir ein bisschen der Überblick über ihre Veröffentlichungen. Das führt dazu, dass ich immer mal wieder über Titel stolpere, von denen ich vorher noch nie gehört hatte. Die Summerlands-Trilogie gehört zu diesen Titeln, und als ich sie vor Kurzem entdeckte, habe ich spontan alle drei Bände gekauft. „Winterling“ ist der erste Band der Trilogie und führt den Leser gemeinsam mit der Protagonistin (Jenni)Fer in das Summerland, das von der Mór regiert wird. Bislang hat Fer gemeinsam mit ihrer Großmutter (Grand-Jane) gelebt, ohne allzu viel über ihre Eltern zu wissen. Erst nachdem sie einen magischen Weg öffnet, als sie in der Nähe ihres Hauses einen Teich berührt, erfährt sie mehr über ihre Herkunft.

Während ihr Vater ein ganz normaler Mensch war, kam ihre Mutter durch den magischen Weg in die Welt der Menschen. Ihre Großmutter redet nicht gern über Fers Eltern, weil diese schon vor langer Zeit in der anderen Welt verschwunden sind, ohne jemals wiederzukommen. Grand-Jane ist sich sicher, dass Fers Eltern gestorben sind, was mit ein Grund dafür ist, dass sie allen Wesen dieser fremden Welt misstraut. So ist sie auch nicht begeistert darüber, dass Fer an dem Teich einen verletzten Puck aufsammelt und ihn versorgen will. Fer hingegen sieht in dem Puck Rook einen neuen Freund, der ihr vielleicht mehr über ihre Eltern und das Summerland erzählen kann. Was Fer anfangs nicht weiß, ist, dass Rook der Mór einen dreifachen Eid geschworen hat und deshalb jedem ihrer Befehle gehorchen muss – und dass die Mór ihre ganz eigenen Pläne mit einem naiven Mädchen wie Fer hat.

Ich mochte die Welt, die Sarah Prineas für „Winterling“ geschafft hat. Die Bewohner dieser fantastischen Welt erinnern nur teilweise an Menschen, und jeder von ihnen hat einen tierischen oder pflanzlichen Ursprung. Dabei hat sich die Autorin eng an diverse (keltische) Mythen gehalten und mit vielen vertrauten Elementen gespielt. Die Zahl Drei spielt eine wichtige Rolle in dieser magischen Welt, ein dreifacher Eid darf niemals gebrochen werden, eine dreimal gestellt Frage muss beantwortet werden und ein gerettetes Leben führt dazu, dass der Gerettete seinem Retter ein Leben schuldet. Auf der anderen Seite müssen alle Fragen auf die richtige Art und Weise gestellt werden, damit man auch die Antwort bekommt, die man sich davon erhofft hat, und Befehle, die nicht gut formuliert wurden, lassen Schlupflöcher, die ausgenutzt werden können. Für Fer ist das alles nicht nur befremdlich, sondern stellenweise auch gefährlich, und doch weigert sie sich immer wieder, sich den Regeln dieser Welt zu beugen. Sie ist freundlich und hilfsbereit, und obwohl Fer sich Anleitung und Hilfe von der Mór verspricht, lässt sie sich von diesem skrupellosen Wesen nicht so einfach einlullen.

So gefährlich und ursprünglich die Welt ist, die Fer in „Winterling“ erkundet, so ist die Geschichte doch für Leser ab acht Jahren geschrieben, was bedeutet, dass ich beim Lesen nie das Gefühl hatte, dass die Protagonistin und ihre Freunde wirklich in Gefahr schwebten. Auch wird die Handlung sehr gradlinie erzählt und man bekommt schon früh angezeigt, welchen Weg Fer gehen muss, um die Mór zu besiegen und so den Winter aus dem Summerland zu vertreiben. Trotzdem habe ich das Lesen von „Winterling“ sehr genossen, ich mochte nicht nur die Protagonistin, sondern auch die vielen anderen Charaktere, die in der Geschichte vorkommen. Sogar die Wolfswächter, die als dumm und gefährlich dargestellt werden, haben fast so etwas wie eine liebenwerte Seite, wenn man sie besser kennenlernt. So wachsen einem beim Lesen beinah sogar die Bösewichte ans Herz, wenn man von der Mór absieht, die sämtliche „menschlichen“ Regungen für ihre Macht aufgegeben hat.

Ich muss zugeben, dass „Winterling“ sich nicht groß von vergleichbaren Veröffentlichungen unterscheidet, weil Sarah Prineas einfach sehr, sehr viele vertraute Elemente zu einer – sich ebenfalls vertraut anfühlenden – Geschichte zusammengesponnen hat. Aber ich habe es trotzdem genossen, gemeinsam mit Fer diese magische Welt, ihre Regeln und ihre Bewohner kennenzulernen, und fand es nett, dass der Roman mir solch entspannte Lesestunden beschert hat. Auch wenn mich andere Bücher der Autorin mehr bewegt haben, so freue ich mich doch darauf, die beiden weiteren Bände der Summerlands-Trilogie zu lesen und herauszufinden, welche weiteren Abenteuer Fer erlebt und wie es ihren Freunden weiter ergehen wird.

P.S.: Und nachdem ich am vergangenen Lese-Sonntag auch noch „Summerkin“ und „Moonkind“ beendet habe, kann ich noch ergänzen, dass die Trilogie in meinen Augen mit jedem Band besser wird und dass ich am Ende sehr froh bin, dass ich mir gleich alle drei Teile auf einmal gekauft habe, weil ich so die ganze Geschichte am Stück genießen konnte.

Kate Williams: The Babysitters Coven

Über „The Babysitters Coven“ von Kate Williams bin ich bei Twitter gestolpert, und da es dort als eine Mischung aus „Adventures in Babysitting“ und „Buffy – The Vampire Slayer“ beschrieben wurde, habe ich den Roman spontan vorbestellt. Und obwohl ich am Ende zugeben muss, dass die Geschichte so einige Schwachpunkte vorzuweisen hat, bin ich sehr froh über diese Bestellung, denn „The Babysitters Coven“ ist das erste Buch seit Wochen, das ich innerhalb von zwei Tagen durchgelesen habe, statt es ständig zur Seite zu legen und irgendwas anderes zu machen.

Die Geschichte wird aus der Sicht der siebzehnjährigen Esme Pearl erzählt, die in den letzten Wochen ungewöhnlich viel Pech hatte und nicht so recht weiß, was sie von all den seltsamen Vorfällen halten soll. Bis vor kurzem drehte sich Esmes Leben vor allem darum, in der Schule nicht groß aufzufallen und ihre Freizeit mit ihrer besten Freundin Janis zu verbringen. Um Geld zu verdienen, verdingt sie sich als Babysitter und hatte sogar früher – gemeinsam mit Janis und zwei anderen Freundinnen – einen Babysitter-Club, der inzwischen aber nur noch dem Namen nach existiert.

Esme hätte kein Problem damit, wenn ihr Leben einfach so weiterlaufen würde, doch bei den letzten beiden Babysitter-Jobs hatte sie das Gefühl, als ob jemand ins Haus eingedrungen wäre, vor dem sie die Kinder beschützen musste. Außerdem passieren immer wieder seltsame Dinge, wenn sich Esme aufregt, und dann ist da noch die neue Mitschülerin Cassandra, die unbedingt Teil des Babysitter-Clubs werden möchte, obwohl sie offensichtlich keinerlei Erfahrung mit der Betreuung von Kindern hat. Es dauert eine Weile, bis Esme herausfindet, dass sie – ebenso wie Cassandra – über besondere Fähigkeiten verfügt und dass ihre Aufgabe als „Sitter“ über ein normales Babysitten hinausgeht.

Ich fand das Prinzip der „Sitter“, ihre Aufgabe in der Welt und die „Synod“ (eine Art „Rat der Wächter“) von der Grundidee ganz lustig, aber die Ausarbeitung durch die Autorin hätte schon überzeugender sein können. Man muss als Leserin in der Hinsicht ein paar Details einfach hinnehmen, wenn man sich den Spaß an der Geschichte nicht verderben lassen möchte. Auch muss man bei „The Babysitters Coven“ damit leben können, dass die Handlung nicht gerade action-geladen ist (auch wenn der Verlag das Buch damit bewirbt), weil sich Kate Williams viel Zeit lässt, um Esme, ihr Leben und später ihre Kräfte einzuführen. Da ich aber all die kleinen Dinge in Esmes Leben gern verfolgt habe und es mochte, von ihrer Freundschaft zu Janis, ihrem Hund Pig und all den anderen Dingen zu lesen, die in ihrem Alltag eine Rolle spielen, konnte ich sowohl mit der relativ langsamen Handlungsentwicklung als auch mit den kleinen Unstimmigkeiten gut umgehen.

Ich fand Esme ebenso wie Janis sympathisch, ich fand es lustig, dass Esme sich jeden Tag ein anderes Thema für ihre Kleidung vornimmt, und es hat mir leidgetan, dass ihre Mutter seit so vielen Jahren nicht für sie da sein kann (vor allem, da von Anfang an klar war, dass diese wohl ebenfalls über besondere Fähigkeiten verfügte). Mit Cassandra hatte ich stellenweise so meine Probleme (ich bin auch mit Faith bei „Buffy“ nie so recht warm geworden), aber sie bildete einen stimmigen Kontrast zu Esme, die sich eher mit Skepsis ihrer Magie nähert statt mit Begeisterung. Es gibt in „The Babysitters Coven“ einen Hauch einer Liebesgeschichte – genauer gesagt schwärmt Esme für Cassandras älteren Bruder Dion, aber die Szenen zwischen der Protatonistin und ihrem Schwarm nutzt die Autorin eher, um die familiären Hintergründe von Cassandra und Dion aufzudecken, als dass wirklich etwas zwischen Esme und ihm passieren würde. Mir persönlich kommt das nur entgegen, weil ich definitiv keine Lust mehr auf Liebesgeschichten in Jugendbüchern habe, aber einige Rezensenten hatten sich in der Beziehung wohl mehr erhofft.

Alles in allem war „The Babysitters Coven“ sehr nett zu lesen und hat mir einige Gelegenheiten zum Schmunzeln geboten. Allerdings denke ich auch, dass eine etwas erfahrenere Autorin (der Roman ist das Debüt von Kate Williams) etwas mehr aus der Grundidee und den Figuren hätte rausholen können. Vor allem hat es mir ein wenig an Spannung gefehlt, denn so gern ich „Wohlfühlromane“ lese, so gehört für mich zu einem solchen Roman doch auch Bösewichte, die ich ernst nehmen kann und die mir das Gefühl geben, dass die Protagonistin und diejenigen, die ihr am Herzen liegen, in Gefahr schweben. Trotz dieser Kritikpunkte gehe ich momentan davon aus, dass ich mir im kommenden Herbst auch die schon angekündigte Fortsetzung des Buches holen werde, einfach weil ich wissen will, wie es mit Esme, ihrer Familie und ihren Freunden weitergehen wird.

Barbara Hambly: Gefährten des Todes (James Asher 2)

Nachdem ich „Jagd der Vampire“ gelesen hatte, bot es sich an, gleich mit dem zweiten James-Asher-Band von Barbara Hambly weiterzumachen – schließlich mochte ich sowohl die Erzählweise als auch die Handlung sehr und war schon mal in der Welt drin. „Gefährten des Todes“ spielt ein Jahr nach „Jagd der Vampire“ und beginnt damit, dass James Asher am Londoner Bahnhof einen ihm bekannten österreichischen Spion im Gespräch mit dem Vampir Lord Ernchester beobachtet. Mit Ignace Karolyi verbindet James eine gemeinsame Geschichte, da der Österreicher ihn bei einem seiner früheren Einsätze wochenlang gejagt hatte, um die Informationen zurückzubekommen, die James für seine Regierung an sich gebracht hatte. Obwohl James nicht mehr als Spion für Großbritannien arbeitet, erschüttert ihn die Vorstellung, dass sich die österreichische Regierung – gerade angesichts der Unruhen in Europa im Jahr 1908 – mit einem (oder gar mehreren) Vampiren verbünden könnte. Kurzentschlossen folgt er dem Österreicher und dem Vampir quer durch Europa, um mehr über die Beziehung zwischen Karolyi und Ernchester herauszufinden.

Ich mochte an „Gefährten des Todes“ nicht nur diese Mischung aus Spionage-Roman und Vampirgeschichte, sondern auch die Tatsache, dass ein Großteil der Handlung aus der Sicht von Lydia Asher erzählt wird. Lydia bekommt von James ein Telegramm, das ihr grob den Grund für seine unerwartete Abwesenheit erklärt, und ist in der Lage, aus den wenigen Wissensbrocken, die ihr zur Verfügung stehen, den Schluss zu ziehen, dass James in Österreich in eine Falle laufen wird. Da sie keine Ahnung hat, wie sie allein ihren Mann gegen Spione und Vampire schützen kann, tritt sie an Don Simon heran und bittet ihn um Hilfe. Doch so ganz unproblematisch ist es für die junge Frau nicht, mit einem Vampir zu reisen – nicht nur, weil er nur bei Nacht reisen kann, sondern auch, weil Don Simon sehr strikte (und in Lydias Augen vollkommen überholte) Anstandsregeln einhält, während er mit einer Dame unterwegs ist. Dazu kommen für Lydia die Angst um ihren Mann James und natürlich das Wissen, dass jede Person, mit der sie redet, jemand sein könnte, der nicht nur für ihren Mann, sondern auch für sie Gefahr bedeutet.

Die Handlung in „Gefährten des Todes“ beginnt in London und zieht sich dann über Paris und Wien bis Konstantinopel, wobei die Autorin selbst die Städte, in denen sich die Protagonisten nicht so lange aufhalten, wunderbar atmosphärisch beschrieben hat. Dabei konzentriert sich Barbara Hambly nicht auf die glamourösen Seiten der Metropolen, sondern vor allem auf das Leben in den Seitengassen, auf die Stimmung, die durch die angespannte politische Situation herrscht, und auf das Machtgefälle zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Eine kleine Fahrt von dem gemieteten Haus, in dem Lydia mit ihrer Reisegruppe untergekommen ist, zur britischen Botschaft reicht der Autorin dabei schon aus, um dem Leser ein eindringliches Bild von der Stadt und ihren Bewohnern zukommen zu lassen. Dazu kommen dann noch die Charaktere, die rund um die britischen Botschaften der verschiedenen Städte eine Rolle spielen, und bei denen deutlich wird, dass es nicht immer so einfach ist, die gegnerischen Seiten beim „Großen Spiel“ zu definieren.

Dadurch, dass viele Passagen in „Gefährten des Todes“ aus Lydias Sicht erzählt werden, lernt man nicht nur diese Figur, sondern auch Don Simon besser kennen. Der Vampir wirkt in dieser Geschichte zwar nicht menschlicher (keiner der Vampire in Barbara Hamblys Roman wirkt menschlich, auch wenn Lord und Lady Ernchester sich ihre gegenseitige Zuneigung bewahrt haben), aber durch die mit Lydia verbrachte Zeit bekommt man eine Vorstellung von seinen Vorlieben und Abneigungen und von den vielfältigen Herausforderungen, die die Existenz als Vampir mit sich bringt. Neben der tieferen und spannenden Ausarbeitung der schon vertrauten Charaktere mochte ich sehr den Spionage-Anteil der Geschichte, der nicht nur mit großartigen Schauplätzen und wunderbar skrupellosen Antagonisten aufwartet, sondern auch mit genau der richtigen Mischung aus unerwarteten Verbündeten und noch überraschenderen Feinden. „Gefährten des Todes“ hat mir wirklich Spaß gemacht (und ich kann zusätzlich noch anmerken, dass man der Handlung auch problemlos folgen kann, wenn man über zwei Wochen hinweg nur hier und da ein paar Minuten an dem Roman liest 😉 ).

Barbara Hambly: Jagd der Vampire (James Asher 1)

Nachdem ich „Jagd der Vampire“ von Barbara Hambly am letzten Lese-Sonntag angelesen hatte, war das Buch erst einmal auf dem „bald lesen“-Stapel gelandet. Da ich aber schon auf den ersten Seiten so viel Spaß mit der Atmosphäre der Geschichte hatte, habe ich den Titel dann doch relativ schnell wieder vom Stapel gezupft. Die Handlung beginnt im Jahr 1907, als der Professor James Asher abends nach Hause kommt und dort unnatürliche Stille vorfindet. Als er sich ins Gebäude schleicht, muss er feststellen, dass seine Dienstboten anscheinend besinnungslos am Küchentisch sitzen, während seine Frau Lydia reglos im Wohnraum liegt und von einem Vampir bewacht wird. Don Simon Xavier Christian Morado de la Cadena-Ysidro bringt James dazu, für ihn als Ermittler tätig zu werden, indem er ihm verspricht, Lydia in Ruhe zu lassen, solange James für ihn arbeitet.

Don Ysidro greift auf diese Erpressung zurück, da jemand in den letzten Wochen angefangen hat, in London Vampire zu töten. Die Körper dieser getöteten Vampire wurden dem Sonnenlicht ausgesetzt, was bedeutet, dass Don Ysidro jemanden benötigt, der tagsüber Nachforschungen anstellen kann. Seine Wahl fiel dabei auf James Asher, da der Vampir aufgrund kleiner Auffälligkeiten in James‘ Lebenslauf – zu Recht – davon überzeugt ist, dass dieser früher als Spion für die britische Krone tätig war. Nur widerwillig beginnt James mit seinen Ermittlungen in London, immer auf der Suche nach einem Weg, um seinerseits die Vampire zu töten und somit jegliche Bedrohung für Lydia und sich selbst aus dem Weg zu räumen.

Ich habe mich beim Lesen von „Jagd der Vampire“ (den englischen Titel „Those who hunt the Night“ finde ich deutlich hübscher) wirklich gut unterhalten gefühlt. Die Vampire in dieser Geschichte entsprechen schon ziemlich dem düsteren Klischee von der unheimlichen Kreatur, die des Nachts jagt. Auf der anderen Seite gibt es auch kleine Momente, in denen durchblitzt, dass zumindest einige Vampire sich einen Hauch von Menschlichkeit bewahrt haben. Außerdem beweist Barbara Hambly ein Händchen für wirklich atmosphärische Beschreibung des London der „Edwardian era“, wobei ich besonders die kleinen Einblicke in eher alltägliche Dinge mochte, die James‘ Leben und Arbeit stimmig wirken ließen. (Das Einzige, was ich wirklich unbefriedigend fand, war, dass er anscheinend seine Stelle als Professor von einem Tag auf den anderen im Stich lassen konnte, ohne dass es Probleme gab.)

Auch gefiel mir das Verhältnis zwischen James und seiner Frau Lydia sehr gut. Trotz des großen Altersunterschieds zwischen den beiden (James hat seine Frau schon gekannt, als sie noch die kleine Tochter eines Kollegen war) begegnen sie sich auf Augenhöhe, respektieren die Meinung und schätzen die Intelligenz des jeweils anderen. James erfüllt es mit Stolz, dass Lydia zu den wenigen Frauen ihrer Zeit gehört, die in Oxford Medizin studiert haben, und unterstützt, dass seine Frau ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin nachgeht. Lydia hingegen ist zwar durch und durch Wissenschaftlerin, aber auch eine Frau ihrer Zeit, die (wenn auch mit Hilfe einiger Dienstboten) ihrem Mann den Haushalt führt und allen anderen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommt, weil das eben von ihr erwartet wird. Vor allem aber mochte ich, dass James seine Frau nicht im Dunklen lässt, ihr die Möglichkeit gibt, eigene Ermittlungen anzustellen, und sie so gemeinsam gegen die Bedrohung für und durch die Vampire angehen.

Die Suche nach demjenigen, der die Vampire tötet, verläuft hingegen wie bei jedem anderen solidem Krimi auch. James und Lydia recherchieren über Zeitungsartikeln, Grundbucheintragungen und ähnlichen Behördenspuren, und James und Don Ysidor befragen gemeinsam eventuelle Zeugen und Bekannte der Opfer. Dabei verbringen James und der Vampir nicht nur sehr viel Zeit miteinander, sie entwickeln auch nach und nach einen gewissen Respekt gegenüber dem anderen. Das bedeutet nicht, dass James kein Problem mit der Existenz der Vampire an sich hat oder damit, dass so ein Vampir im Laufe der Zeit Tausende von Menschen tötet, aber er akzeptiert ein wenig, dass das Vampirsein verschiedene Facetten aufweist. Trotzdem gibt es keinen Moment, in dem James sich in der Gegenwart von Vampiren sicher fühlen kann, was zu einigen spannenden Szenen in der Geschichte führt. Insgesamt war ich ehrlich gesagt angenehm überrascht, wie sehr ich nach all der Zeit diesen 1988 erstveröffentlichten Vampirroman, der sich deutlich mehr an „Dracula“ anlehnt, als an die damals populären Anne-Rice-Titel, beim Wiederlesen genossen habe.