Kategorie: Rezension

Edward Willett (Hrsg.): Shapers of Worlds (Anthologie)

Da ich für die Anthologien, die ich lese, gern einen Beitrag habe, in dem ich meine gesammelten Eindrücke zu den Kurzgeschichten aufschreibe, gibt es natürlich auch zu „Shapers of Worlds“ einen Post. In dieser Anthologie hat der Autor Edward Willett Kurzgeschichten von Autoren gesammelt, die 2018 in seinem Podcast über die Hintergründe des Schreibens mit ihm geredet haben. Dabei reichen die Beiträge von klassisch anmutender Science Fiction über Fantasy bis jinzu eher genreübergreifenden Geschichten, und ich persönlich fand es sehr spannend, so gar nicht zu wissen, was mich bei einem Text erwarten würde. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich beim Lesen dieser Anthologie – obwohl ich vorher relativ wenige Autoren kannte – nur eine Autorin (Shelley Adina) gefunden habe, die mich neugierig auf weitere Geschichten aus ihrer Feder gemacht hat.

1. Edward Willett: Vision Quest
Die erste Geschichte überhaupt, die ich von dem Autor gelesen habe, und sie hat mir sowohl inhaltlich als auch vom Erzählton gut gefallen. Erzählt wird die Handlung aus zwei Perspektiven: Auf der einen Seite aus der Sicht von Jamie, die vor einiger Zeit ihre Mutter verloren hat und sich eines Tages auf unerklärliche Weise von einem Stein inmitten der Prärie angezogen fühlt. Auf der anderen Seite von einem uralten Wesen, das seit vielen Jahrhunderten junge Menschen zu sich lockt. Bringt die Geschichte anfangs einen fast schon unheimlichen Unterton und eine beinah Lovecraftsche Atmosphäre mit sich, so entwickelt sie sich am Ende zu etwas sehr Schönem, das meine Fantasie angeregt und mir gutgetan hat. Doch, das hat mir wirklich gefallen. 🙂

2. Tanya Huff: Call to Arms
Tanya Huff war einer der Namen, die mich dazu gebracht haben, diesen Kickstarter überhaupt zu unterstützen. Die Geschichte spielt in der gleichen Welt wie „The Silvered“, neun Jahre nach den Ereignissen, die im Roman erzählt werden, und dreht sich auf der einen Seite darum, objektiv mit einer Macht wie dem Empire umzugehen, und auf der anderen Seite darum, dass eine funktionierende und menschliche Gesellschaft nicht auf Machtgier aufgebaut werden kann. Viel zum Nachdenken, viel zum Lachen – für mich eine typische Tanya-Huff-Geschichte. Sehr gut! Ich bin mir nicht sicher, ob die Kurzgeschichte so gut funktionieren würde, wenn man den Roman nicht kennt, gehe aber davon aus – für mich persönlich war es die perfekte Ergänzung zu „The Silvered“.

3. John Scalzi: The Tale of the Wicked
Ich finde es immer wieder lustig, dass ich von dem Autoren John Scalzi vor allem seinen Blog und seinen Twitteraccount kenne – und eine Handvoll Kurzgeschichten. Und jedes Mal, wenn ich wieder eine seiner Kurzgeschichten lese, denke ich, dass ich mir endlich einen seiner Romane vornehmen sollte. So auch nach dem Lesen von „The Tale of the Wicked“, in dem die Besatzungen zweier feindlicher Raumschiffe längere Zeit „Katze und Maus“ miteinander gespielt haben und nun feststellen müssen, dass ihre Raumschiffe die Regeln geändert haben. Die Grundidee ist – ebenso wie der Verweis auf „Asimov’s Laws of Robotics“ – nicht neu, aber gut geschrieben, mit amüsant zu lesenden kleinen Details und Wendungen und einem Ende, das deutlich hoffnungsvoller ist, als man es bei einer Geschichte, die mitten in einem Kampf beginnt, erwarten konnte.

4. John C. Wright: The Farships Fall to Nowhere
Diese Geschichte erzählt eine kurze Begegnung zwischen den namenlosen Erzähler und einem alten Mann, die auf dem Planeten Nowhere gemeinsam ein Glas leeren. Anfangs war ich etwas verwirrt, aber das war überaus passend, denn so erging es auch dem Erzähler. Je länger er sich allerdings mit dem alten Mann unterhält, desto mehr erfährt er über das Leben auf diesem Planeten und über das Schicksal der Raumschiffe, die dort nach langen, langen Reisen anlegen. Eine überraschende und gute Geschichte, die mir nicht nur aufgrund der Erzählstimme gefallen hat, sondern auch, weil sie eine Sicht auf Siedlungsraumschiffe wirft, die ich so noch nie gesehen habe. (Wobei ich zugeben muss, dass ich seit meiner Teenagerzeit nur noch sehr sporadisch SF lese. 😉 )

5. L. E. Modesitt, Jr.: Evanescence
Ich weiß nicht, was ich von dieser Geschichte halte. Sie dreht sich um … eine Begegnung im All, um Musik, um Kommunikation, um den Beginn einer Welt? Die Hälfte der Zeit hatte ich das Gefühl, nicht so recht greifen zu können, was der Autor mir sagen will, was irgendwie unbefriedigend war. Auf der anderen Seite fand ich das Ende nett und stimmig, so dass ich nicht unzufrieden aus der Geschichte gegangen bin.

6. Julie E. Czerneda: Peel
Uhhhh, diese Geschichte war gruselig und deprimierend, aber auch faszinierend … Wobei ich das Gefühl habe, ich düarf hier nichts über den Inhalt sagen, weil das zu viel verrät. Es gab zu Beginn auf jeden Fall ein paar Szenen, die mich intensiv an „The Stepford Wives“ erinnerten. Gut erzählt, aber keine Geschichte, zu der ich gern noch einmal zurückkehren würde, auf der anderen Seite aber wohl auch eine Geschichte, die noch längere Zeit in mir nachhallen wird.

7. Shelley Adina: The Knack of Flying
Diese Geschichte habe ich wirklich sehr gemocht, und da ich bislang nichts von der Autorin gelesen hatte, waren ihre Steampunkwelt und ihre Figuren eine angenehme Überraschung für mich! Nachdem ich nun die Pilotin Lady Phil(omena Noakes), den ungewöhnlichen Lewis Protheroe und ihre Freunde kennengelernt habe, habe ich gleich mal die ersten vier Magnificent-Devices-Steampunk-Bände der Autorin auf meine Merkliste gesetzt.

8. Derek Künsken: Ghost Colours
Der Autor erzählt mit „Ghost Colours“ eine Geschichte über ein Paar – Vanessa und Brian – und den Geist Pablo, der Brian seit ein paar Jahren heimsucht. Ich mochte es sehr, dass man in dieser Geschichte Geister erben kann, und ich fand Pablos Fachgebiet sehr interessant, doch vor allem fand ich es fasziniered, wie weit die Menschen in dieser Welt gehen, um einen Geist loszuwerden. Umso schöner war es, Brians Gedanken zu verfolgen und seine Gedanken und Gefühle gegenüber Pablo kennenzulernen. Das war nett, aber ehrlich gesagt auch nicht mehr.

9. Thoraiya Dyer: One Million Lira
Das war eine brutale Geschichte mit einem viel zu wahren Kern. Eine Geschichte über zwei Scharfschützinnen, die auf verschiedenen Seiten stehen und über ihre Motivation, diesen Beruf auszuüben, und über eine Welt, in der Überleben zu einer Herausforderung wird, nachdenken. Ich weiß nicht, ob ich hier von „gefallen“ sprechen kann, aber das war auf jeden Fall eine eindringliche Geschichte.

10. Gareth L. Powell: Pod Dreams of Tuckertown
Das war definitiv keine schöne Geschichte! Erzählt wird die Handlung aus der Sicht des achtzehnjährigen Pod, der von der Zeit träumt, als er gemeinsam mit seinen Freunden Eric und Kai noch Tuckertown unsicher machte. Eine Zeit, bevor Außerirdische die Gesellschaft übernahmen und die Regeln änderten. Im Laufe der Geschichte fällt Pod eine Entscheidung und ich weiß nicht, ob ich seinen Zustand davor oder danach schlimmer finde. Alles in allem war „Pod Dreams of Tuckertown“ ziemlich deprimierend.

11. Seanan McGuire: In Silent Streams, Where Once the Summer Shone
Diese Geschichte ist eine sehr bedrückende, aber auch überraschend verständnisvolle Auseinandersetzung mit den vergangenen Monaten und dem häufig erschreckend ignoranten Umgang der Menschheit als Ganzes mit der Corona-Pandemie. Sehr eindringlich erzählt Seanan McGuire davon, dass eine Apokalypse in der Regeln nicht wie im Film mit großem Lärm einhergeht, sondern leise und schleichend mit dem Sterben der Insekten, dem Verschwinden der Wälder und einem Virus, das sich über die gesamte Welt ausbreitet.

12. Fonda Lee: Welcome to the Legion of Six
Ein alternder Superheld, der während der Bewerbungsgespräche für Neuzugänge für „The Legion of Six“ über all die Veränderungen nachdenkt, die die vergangenen Jahrzehnte mit sich gebracht haben. Ich mag einfach solche „hinter den Kulissen von Superhelden-Organisationen“-Geschichten, außerdem fand ich den Erzähler sympathisch und mochte es, dass man trotz der Kürze einen erstaunlich guten Eindruck von all den Kandidaten für die Anwerbung bekam. Doch das Beste an der Geschichte war das Ende, das dafür gesorgt hat, dass ich jetzt noch lächeln muss, wenn ich daran denke!

13. Christopher Ruocchio: Good Intentions
Ich finde es wirklich spannend, wie unterschiedlich die Geschichten in dieser Anthologie sind. Christopher Ruocchio lässt den Leser mit „Good Intentions“ in eine fremde Welt reisen, in der eine Wissenschaftlerin die örtlichen Gepflogenheiten (zu denen unter anderem Sklaverei gehört) kaum ertragen kann. Doch als sie versucht, etwas zum Besseren zu wenden, scheint alles nur noch schlimmer zu werden. Ich muss zugeben, dass ich die Erzählstimme zwar mochte, aber von einer Wissenschaftlerin ein weniger irrationales Vorgehen und eine intensivere Betrachtung der Fakten erwartet hätte. Die Protagonistin scheint so festgefahren in ihrer Meinung zu sein, dass sie nur eine Perspektive sieht, und das finde ich nicht angemessen. Auf der anderen Seite ist es schon stimmig, dass sie hartnäckig eine Lösung für ein Problem sucht … So recht kann ich mich am Ende nicht entscheiden, ob ich die Geschichte mochte oder nicht.

14. David Brin: „Shhhh …“
David Brins Geschichte erzählt von einer Menschheit, die durch den Kontakt mit Außerirdischen verändert wurde, von einem wahnsinnigen Präsidenten und einer großen Frage, die den Erzähler beschäftigt. Ich mochte „Shhhh …“ sehr, gerade weil der Autor so viele Elemente in der Handlung offen und einem so viel Spielraum für eigene Gedanken lässt. Und mir gefällt die Vorstellung, dass der Erzähler am Ende recht behält und alles richtig beobachtet hat. 😉

15. D.J. Butler: The Greatest of These Is Hope
Das war eine wirklich hübsche Geschichte über einen sterbenden Planeten und dass Hoffnung manchmal aus unerwarteten Ecken kommt. Ich mochte die Erzählstimme der elfjährigen Izzy ebenso wie die anderen Charaktere, die der Autor in die Handlung eingebaut hat. Ein Teil von mir ist zynisch und fürchtet, dass nach dem hoffnungsvollen Ende für die Figuren noch etwas schief laufen könnte, ein anderer Teil möchte glauben, dass Izzys kleiner Bruder Bear und sein neuer Freund ein Zeichen für eine hoffnungsvollere Zukunft sind. Aber gerade die Tatsache, dass so viele Möglichkeiten in dem Ende von „The Greatest of These Is Hope“ mitschwingen, macht es für mich zu einer guten Geschichte.

16. Dr. Charles E. Gannon: A Thing of Beauty
Diese Geschichte von Dr. Charles E. Gannon finde ich schwierig, weil mir auf der einen Seite die Erzählweise und die Figuren gefallen, ich auf der anderen Seite aber ein riesiges Problem mit der Lösung habe, die die Protagonistin am Ende wählt. Der Autor lässt seine Handlung auf einem Mond spielen, der – ebenso wie der Rest des bekannten Universums – von Konzernen beherrscht wird. Und diese Konzerne bzw. die Entscheidungsträger in diesen Konzernen geben nicht viel auf ein Menschenleben, was zu Beginn der Geschichte dazu führt, dass die Protagonistin Elnesse zwei Führungskräfte dabei belauscht, wie sie einen Plan entwerfen, um die „nichtproduktiven“ und somit „zu teuren“ Waisenkinder unter ihrer Obhut loszuwerden. Ich wünschte mir, der Autor, der ausführlich die Kunst der Protagonistin beschreibt, hätte einen kreativeren Weg gefunden, um am Ende der Geschichte die Kinder zu retten. So hingegen bin ich am Ende ziemlich enttäuscht von „A Thing of Beauty“ …

17. David Weber: Home Is Where the Heart Is
Das war eine sehr, sehr nette Geschichte – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Teufel seine Finger bei diesem Text im Spiel hatte 😉 – mit einer überraschenden Wendung am Ende, die ich so nicht erwartet hätte. (Ich war eher davon ausgegangen, dass der Protagonist sich als das Gegenteil dessen herausstellt, was er wirklich war.) Wenn ich sehr ernsthaft nach einem Kritikpunkt suche, dann könnte ich höchstens sagen, dass ich bei der Länge der Geschichte gern noch ein kleines bisschen mehr über den Werdegang des Protagonisten erfahren hätte, aber so wie es war, war es auch gut.

18. Joe Haldeman: Tricentennial
„Tricentennial“ ist eine gut geschriebene Geschichte über eine Gruppe von Wissenschaftlern, die eine Nachricht ins All schicken will, um die benachbarten Aliens wissen zu lassen, dass es sie gibt. Ein bisschen frustierend fand ich die „überraschende“ Wendung am Ende, die ich nicht so überraschend fand und bei der ich das Gefühl hatte, ich hätte sie schon mehrfach so gelesen. Was bei mir mal wieder zu dem Schluss geführt hat, dass ich grundsätzlich lieber (Urban) Fantasy, Science Horror oder Steampunk lese als „klassische“ Science Fiction, weil ich da das Gefühl habe, dass auch schon erzählte Ideen mir mit mehr Variablen präsentiert werden als bei dieser Art von SF-Geschichten.

Jonna Gjevre: Arcanos Unraveled

Wenn ich überlege, dass ich früher nie einen Blick auf die Cover der Bücher geworfen habe, die ich gekauft habe, dann habe ich in letzter Zeit doch erstaunlich viele „Coverkäufe“ unter meinen Neuzugängen. Auch bei „Arcanos Unraveled“ von Jonna Gjevre wurde ich durch das Cover von Kathleen Jennings (deren Designs auch alle Mund-Nasen-Schutzmasken schmücken, die ich besitze) auf den Roman aufmerksam und fand dann den Klappentext reizvoll genug, um mir das Buch recht spontan zu kaufen, obwohl ich von der Autorin vorher noch nichts gehört hatte. Die Geschichte spielt zu heutiger Zeit in Madison (Wisconsin), auch wenn man davon am Anfang kaum etwas merkt, da die Protagonistin Anya Winter in einer magischen Parallelgesellschaft lebt, die jeglichen Kontakt mit magielosen Personen meidet.

Anya ist eine Heckenhexe (und somit eine „minderwertige Magiekundige“) und hat zu Beginn des Jahres mit viel Glück eine Vertretungsstelle als Dozentin für textile Zauberei in der magischen Universität Arcanos Hall bekommen, obwohl sie selbst keinerlei Studienabschlüsse vorweisen kann. Da die magische Gesellschaft durch Kontakt mit nichtmagischen Technologien wie Smartphones, PCs und Ähnlichem ihre Magie verliert, gibt es keinerlei Austausch zwischen den beiden Welten, und so hat sich diese Parallelgesellschaft ein eher mittelalterlich anmutendes System erhalten, inklusive Königen, die gegeneinander um die Herrschaft der (magischen) Welt Krieg führen. So ist es auch kein Wunder, dass sich unter Anyas Studenten vor allem Adelige befinden, wenn man von einigen wenigen Stipendiaten absieht, und dass Anya selbst es nicht einfach hat, sich in der akademischen Welt zu behaupten.

Trotzdem liebt sie Arcanos Halls sehr und hat das Gefühl, endlich ein Zuhause gefunden zu haben, bis ihr innerhalb kürzester Zeit all die Dinge, die sie in den vergangen Monaten erreicht hat, genommen werden. Der magische Schutzschirm der Universität wird zerstört, und irgendwie gelingt es ihrem ehemaligen Liebhaber Professor Ruskin, die Schuld dafür auf Anya zu schieben. Gleichzeitig macht Anya sich (begründete) Sorgen, weil sie gerade erst ihrer Studentin Prinzessin Elena helfen musste, die Leiche eines unbekannten Mannes zu beseitigen. Da Anya nicht nur eine Heckenhexe, sondern ihr Vater auch ein magieloser Physiker ist, scheint sie den perfekten Sündenbock für die Person abzugeben, die hinter all den Vorfällen rund um die Universität steckt, weshalb Anya nichts anderes übrig bleibt, als mit der Hilfe Prinzessin Elenas und eines mysteriösen Computer-Programmierers herauszufinden, wer der wahre Schuldige ist.

Ich habe ein wenig Zeit gebraucht, um mich in der magischen Gesellschaft von „Arcanos Unraveled“ zurechtzufinden, aber als ich mich erst einmal reingefunden hatte, mochte ich die Geschichte sehr gern. Jonna Gjevre hat sympathische und realistische Charaktere geschaffen, und auch wenn der Konflikt zwischen „Zauberern“ und „Heckenhexen“ nicht neu ist, so hat sie diesen Teil nicht nur gut und stimmig in ihre Welt eingebaut, sondern auch für einige wichtige Handlungselemente rund um Anya und ihre Verbündeten genutzt. An Anyas Erzählstimme musste ich mich etwas gewöhnen, denn für sie verwendet die Autorin ein Stilelement, das ich normalerweise nicht so gerne mag, und das ist der bewusste Widerspruch zwischen dem, was die Protagonistin denkt, was das richtige Handeln wäre, und ihrem tatsächlichen Handeln. Aber da Anya nicht mit ihren „Fehlern“ dem Leser gegenüber kokettiert, sondern diesen Widerspruch entweder selbst irritiert beobachtet oder einem eine gute Begründung gibt (häufig in der Form ihres Vaters, dessen Paranoia als „Aluhut-Träger“ ihre Kindheit sehr geprägt hat), konnte ich in diesem Fall gut damit leben.

Statt mich also immer wieder daran aufzuhängen, dass Anya Dinge tut, die auf den ersten Blick etwas irrational erscheinen, habe ich mich über die diversen Schwierigkeiten amüsiert, in denen sich die Protagonistin wiederfand. Außerdem habe ich diverse Charaktere sehr ins Herz geschlossen und würde wirklich gern mehr über sie erfahren – so wie die Stipendiatin Bertha Bratsch oder die alte Textil-Heckenhexe Madame Olann. Überhaupt ist die Textilmagie in diesem Roman wunderbar beschrieben, von der Verarbeitung der Fasern bis hin zum Stricken oder Häkeln komplizierter Muster. Nichts davon ist so ausführlich oder speziell beschrieben, dass man Erfahrung im Handarbeiten haben muss, um das zu lesen, aber jede Seite zeugt davon, dass in dieser Welt so viele Dinge darauf basieren, dass jemand Fasern mit einfachen Werkzeugen so verarbeitet, dass Magie entsteht. Ich mochte es sehr, dass all die fliegenden Teppiche, Unsichtbarkeitsmäntel usw. in dieser Geschichte nicht einfach nur da sind, sondern sich die Autorin viele Gedanken über die Herstellung und die Rolle dieser Objekte in ihrer Welt gemacht hat. Insgesamt hat mir „Arcanons Unraveled“ so viel Spaß beim Lesen bereitet, dass ich auch noch den Debütroman der Autorin („Requiem in La Paz“) auf meinen Merkzettel gesetzt habe.

Michelle Harrison: A Sprinkle of Sorcery

Nach dem Lesen von „A Pinch of Magic“ von Michelle Harrison hatte ich mir vorgenommen, darauf zu achten, dass ich den nächsten Band rund um die Widdershins-Schwestern zur passenden Jahreszeit lese. Aber dann hatte ich so große Lust auf „A Sprinkle of Sorcery“, dass ich das Buch noch im September angefangen habe, obwohl die Handlung im Mai spielt. 😉 Allerdings fand ich es dieses Mal nicht so schlimm, dass ich den Roman nicht zur passenden Jahreszeit las, denn von Frühling spürt man in der Geschichte nicht viel, ist doch die Atmosphäre auf Crowstone (und all den anderen Inseln) düster genug, um in den Herbst zu passen. Und da die Handlung von „A Sprinkle of Sorcery“ ohne Vorkenntnisse aus dem ersten Band gut lesbar ist, gibt es hier auch keine Spoiler zu „A Pinch of Magic“.

Die Geschichte beginnt an einem Abend im Wirtshaus „The Poacher’s Pocket“, während die dreizehnjährige Betty Widdershins und der Rest der Familie darauf warten, dass ein potenzieller Käufer für das Gebäude auftaucht. Doch bevor die Abendfähre an der Insel anlegt, erklingen die Gefängnisglocken von der Nachbarinsel Repent herüber. Schnell macht die Neuigkeit die Runde, dass zwei Gefangene von der Insel Torment geflüchtet sind, und kurz darauf findet die sechsjährige Charlie (Charlotte) ein etwa gleichaltriges und vollkommen durchnässtes Mädchen versteckt im Hinterhof. Schnell sind sie und Betty sich einig, dass sie Willow vor den Wächtern, die jedes Haus der Insel durchsuchen, in Sicherheit bringen müssen. Doch natürlich läuft dann etwas schief, und so müssen Betty und ihre ältere Schwester Fliss (Felicitas) mitansehen, wie die Großmutter Bunny und die kleine Charlie von zwei Wächtern abgeführt werden.

Gemeinsam mit Willow machen sich die beiden Mädchen auf, um ihre Familienmitglieder zu retten, und erleben dabei einige fantastische Abenteuer auf See. Ich liebe es, wie Michelle Harrison dabei eine sehr düstere und realistische Welt rund um die Inselgruppe in den Marschen schafft und auf der anderen Seite immer wieder Märchen und eine kleine Prise Zauberei in die Geschichte einwebt. Während sich der erste Band um einen Fluch drehte, der auf den Frauen der Familie Widdershins lag, so sind hier die Angelpunkte der Geschichte vor allem das Schicksal der entführten Charlie und das von Willow, die alles daran setzt, die Unschuld ihres Vaters zu beweisen, bevor dieser hingerichtet werden kann. Dabei spielen Irrlichter eine große Rolle in Willows Leben. Ich fand es großartig, wie die Autorin diese schon im ersten Band in die Handlung eingebaut und hier – mit einigen ungewöhnlichen Facetten versehen – wieder aufgenommen hat.

Auch in „A Sprinkle of Sorcery“ ist die Atmosphäre durchgehend ziemlich düster, denn Betty und ihre Schwestern machen sich die ganze Zeit über Sorgen, sie hungern und frieren, und sie müssen mit Entführern, Piraten und Hexen fertigwerden. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, man würde beim Lesen in lauter Hoffnungslosigkeit versinken, da die Mädchen einfach wunderbar mutig und einfallsreich sind. Immer wieder gibt es Szenen, die einfach nur amüsant sind (Betty als Piratenkapitän-Geist ist mein absoluter Lieblingsmoment in dem Buch gewesen), oder in denen die Zuneigung zwischen den Schwestern wirklich herzerwärmend zu lesen ist. So gut mir „A Pinch of Magic“ gefallen hat, so denke ich, dass ich „A Sprinkle of Sorcery“ noch besser fand. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich einfach den richtigen Zeitpunkt für den Roman gewählt hatte, oder daran, dass mir all die Seefahrt- und Piratenelemente so viel Freude bereitet haben, aber ich kann diese Geschichte mindestens ebenso sehr empfehlen wie den ersten Band. Und ich freue mich sehr darüber, dass der dritte Band („A Tangle of Spells“) im Original gerade für Anfang Februar 2021 angekündigt wurde.

Tuula Karjalainen: Tove Jansson – Work and Love

Auf die Biografie „Tove Jansson – Work and Love“ von Tuula Karjalainen bin ich aufmerksam geworden, als jemand auf Twitter ein Foto mit der deutsche Ausgabe („Tove Jansson – Die Biografie“) zeigte. Da die deutsche Veröffentlichung mehr als das doppelte der englischen kostet, habe ich mir dann aber lieber die englische Variante zugelegt – übersetzt sind ja eh beide Titel aus dem finnischen Original. Ich muss dabei noch anfügen, dass ich zwar aus diversen Artikeln und Fernsehberichten über Tove Jansson sowie biografisch angehauchten Romanen von der Autorin ein bisschen über ihr Leben, ihre Beziehung zu Tuulikki Pietilä, ihre Familie und die Arbeit, die vor allem ihr jüngerer Bruder Lars zu den Mumins beigetragen hat, wusste, aber das waren bis zum Lesen dieser Biografie wirklich nur Bruchstücke.

Da Tove Jansson sich als Künstlerin auf sehr vielen Gebieten betätigt hat, hat die Autorin Tuula Karjalainen ihre Biografie thematisch geordnet. So beginnt „Tove Jansson – Work and Love“ mit dem Kennenlernen ihrer Eltern Signe Hammarsten-Jansson (Ham) und Viktor Jansson (Faffan), ihrer beider Arbeit als Künstler (sie war Illustratorin, er Bildhauer) und ihrem Verhältnis zueinander. Die Passagen über Tove Janssons Kindheit werden vor allem davon geprägt, wie sehr die Kunst ihrer Eltern Einfluss auf die Entwicklung des jungen Mädchens hatte und wie der tägliche Umgang mit den verschiedenen künstlerischen Aspekten bei Tove für ein gutes Fundament für ein Kunststudium gesorgt hat. In den folgenden Kapiteln geht es dann um Tove Janssons Beziehungen zu Künstlerkollegen, die zum Teil zu lebenslangen Freundschaften (und mehr) führten, um ihre Arbeit als Malerin, als Grafikerin und Illustratorin, als Kinderbuch-, Roman- und Theaterautorin, als Cartoonistin und all die anderen Dinge, die diese faszinierende Frau in ihrem Leben getan hat.

Ich fand es ungemein spannend, den Lebensweg von Tove Jansson zu verfolgen und mehr über ihre Freundschaften und den Einfluss, den die Männer und Frauen in ihrem Leben auf ihr Werk hatten, zu erfahren, aber auch über die Dinge, die sie immer wieder entmutigt haben und dafür sorgten, dass sie an sich und ihren Fähigkeiten zweifelten. Es war spannend zu sehen, wie viele Elemente aus ihren Romanen mit ihrer Biografie in Verbindung gebracht werden können, und ich fand es toll, wenn in dem Buch mal wieder ein Zitat aus einem Brief oder einem anderen Text von Tove Jansson vorkam, so dass ich ein Gefühl für ihre Persönlichkeit bekam. Außerdem gibt es in dieser Veröffentlichung unglaublich viele Bilder von Gemälden und Zeichnungen, die sie angefertigt hat oder die sie zeigen, so dass man einen wirklich guten Eindruck von der Bandbreite ihres Werks bekommt . Dazu gibt es noch Fotos von Tove (und den Menschen um sie herum), so dass man sie auch einmal aus der Perspektive von Menschen, die sie persönlich kannten, betrachten konnte.

Trotz all dieser wirklich interessanten und faszinierenden Elemente war das Lesen dieser Biografie leider kein ungetrübtes Erlebnis. So schön es war, so viele Bilder präsentiert zu bekommen, so gab es im Text leider keinerlei Hinweise darauf, wo man die darin erwähnten Darstellungen finden konnte. So habe ich mich dabei ertappt, wie ich verzweifelt die beschriebenen Elemente eines Zeitungscovers auf dem direkt neben dem Text abgebildeten Bild gesucht habe, weil mir nicht bewusst war, dass das erwähnte Cover erst einige Seiten später im Buch auftauchen würde. Ständig musste ich schauen, ob ich irgendwo später noch die beschriebenen Zeichnungen und Gemälde finde. Dabei wäre es so einfach gewesen, eben einen kleinen Vermerk in den Text (oder als Fußnote) zu setzen mit einem Hinweis darauf, wo die Abbildung zu finden ist (oder eben auch darauf, dass man dafür eben keine Bildrechte bekommen hat und man sich deshalb mit der Beschreibung begnügen muss).

Außerdem hat die thematische Aufteilung, die Tuula Karjalainen für die Biografie vorgenommen hat, dafür gesorgt, dass ich regelmäßig entweder sehr verwirrt war oder Informationen mehrfach präsentiert bekommen habe. Diese Trennung der verschiedenen künstlerischen Bereiche in Tove Janssons Leben funktionierte für mich überhaupt nicht, da Tuula Karjalainen doch immer wieder Verweise auf andere Tätigkeiten oder auf Personen, die darauf Einfluss hatten, einbauen musste. So liest man in einem relativ frühen Kapitel, dass Tove Jansson sich später in ihrem Leben auf die Malerei konzentrieren konnte, weil sie finanziell abgesichert war und ein eigenes Atelier besaß, nur um einige Zeit später in dem Kapitel über ihre Tätigkeit als Cartoonistin zu erfahren, dass sie den Vertrag nur unterschrieben hatte, weil sie aufgrund ihrer Schulden und ihres einbrechenden Einkommens so verzweifelt war. Natürlich kann man sich im Laufe der Zeit zusammenpuzzeln, dass die Cartoonisten-Karriere vor der Phase war, in der sie sich mit abstrakter(er) Kunst beschäftigt hat. Aber ich will mir so etwas nicht zusammenreimen müssen, wenn ich das genauso gut in chronologischer Reihenfolge lesen und somit viel besser erfassen könnte.

Auch innerhalb eines Kapitels gab es oft Wiederholungen und Widersprüche, die mich irritiert haben. Gerade rund um Toves Beziehungen zu den Männern in ihrem Leben fand ich es sehr schwierig, den Überblick zu behalten, da die Abschnitte (zumindest meinem Gefühl nach) willkürlich zwischen „Tove ist frisch verliebt“, „Tove hat nach dem Ende der Beziehung die Freundschaft mit dieser Person aufrecht erhalten können“, „Tove hängt an dieser Beziehung aus diesen und jenen Gründen“ und „Tove beendet die Beziehung“ sprangen. So dachte ich immer wieder, dass eine Beziehung nun beendet sei, nur um als nächstes eine Passage zu lesen, in der sie mit ihrem Partner einen schönen Moment erlebte oder ihrer besten Freundin in einem Brief den aktuellen Stand ihrer Beziehung schilderte. Das ist nun nicht so dramatisch, macht das Lesen dieser Biografie aber überraschend anstrengend und frustrierend, weil ich immer wieder zurückgeblättert habe, um Daten und Details zu überprüfen.

Vor allem aber sind das Probleme gewesen, die Tuula Karjalainen leicht hätte vermeiden können, wenn sie das vorhandene Material über Tove Janssons Leben chronologisch präsentiert hätte. Das hätte dann auch den Vorteil gehabt, dass die Verbindungen zwischen den verschiedenen künstlerischen Gebieten, auf denen Tove Jansson tätig war, deutlich geworden wären, ohne dass die Autorin einem wieder und wieder bestimmte Elemente beschreibt und Zusammenhänge erklären muss. Ich hätte es wirklich so viel stimmiger gefunden, wenn die Kapitel bestimmte Jahre umfasst und eben all die vielen kleinen und großen paralleln Entwicklungen von Tova Jansson aufgezeigt hätten. So kann ich am Ende „Tove Jansson – Work and Love“ von Tuula Karjalainen – obwohl ich grundsätzlich das Lesen dieser Biografie interessant fand – nicht weiterempfehlen und werde für mich nach weiteren Biografien von Tove Jansson schauen, die hoffentlich etwas besser geschrieben sind.

Sophie Anderson: The Girl Who Speaks Bear

„The Girl Who Speaks Bear“ ist Sophie Andersons zweite Veröffentlichung nach „The House with Chicken Legs“, und auch hier greift die Autorin Elemente aus russischen Märchen und Legenden auf und verflicht sie zu einer ganz eigenen Geschichte. Der Roman ist unabhängig von „The House with Chicken Legs“ zu lesen, auch wenn eine Nebenfigur (die dort nur einen sehr, sehr kurzen Auftritt hatte) von der Autorin noch einmal aufgegriffen wird. Erzählt wird „The Girl Who Speaks Bear“ von der zwölfjährigen Yanka, die von den Bewohnern des kleinen Dorfes, in dem sie lebt, nur „Yanka the Bear“ genannt wird. Dabei wissen die meisten ihrer Nachbarn nicht einmal, dass ihre Pflegemutter Mamochka Yanka als zweijähriges Kind ganz allein – neben einer von einer alten Bärin bewohnten Höhle – im Wald gefunden hatte.

So sehr Yanka ihre Pflegemutter liebt und so wohl sie sich mit ihrem besten Freund Sasha fühlt, so hat sie doch das Gefühl, dass sie nicht wirklich zu den Dorfbewohnern gehört. Und natürlich fragt sie sich seit Jahren, wo wohl ihre leiblichen Eltern geblieben sind, wieso sie allein im Wald gefunden wurden und wieso sich der „Snow Forest“ anfühlt, als ob er sie rufen würde. Als Yanka dann beim jährlichen Festival etwas Ungewöhnliches zustößt, beschließt sie, dass es Zeit wird, in den Wald aufzubrechen und mehr über ihrer Vergangenheit herauszufinden. Doch der Snow Forest birgt nicht nur das Geheimnis rund um Yankas Herkunft, sondern auch viele Gefahren und Herausforderungen.

Ich fand es wunderbar zu lesen, wie Yanka trotz aller Ängste, die sie im Laufe der Geschichte durchstehen muss, immer versucht vorwärts zu gehen. Ihr Bedürfnis, mehr über ihre Geburtsfamilie zu erfahren, ist so groß, dass sie sich auch von Hindernissen nicht abschrecken lässt. Während ihrer Reise lernt sie so viel über sich selbst, aber auch darüber, was eine Familie wirklich ausmacht und dass man nicht perfekt sein muss, um seinen Platz in einer Gemeinschaft zu finden. Doch vor allem lernt Yanka so viele neue Geschichten über den Wald und seine Bewohner – und gleichzeitig auch über ihre eigene Vergangenheit.

Während ich bei „The House with Chicken Legs“ nicht immer so glücklich mit der Protagonistin war, habe ich „The Girl Who Speaks Bear“ rundum genossen. Yanka ist eine liebenswerte Person, die man gern bei ihrem Abenteuer begleitet, und auch die Figuren, die sie im Laufe ihrer Reise kennenlernt, habe ich auf Anhieb ins Herz geschlossen. Es gibt so viele berührende, amüsante, absurde und liebenswerte Szenen mit all den verschiedenen Charakteren, dass ich das Buch gar nicht aus der Hand legen wollte. Dazu kommt, dass die Autorin wunderbar atmosphärische Beschreibungen vom Leben im und am Rande des Walds in ihren Roman eingebaut hat. Außerdem durchzieht ein ganzes Geflecht aus Geschichten und Märchen Yankas Leben, das ich rundum genossen habe. Jede Figur hat etwas zu Yankas Leben beizutragen, auch wenn das nicht auf den ersten Blick ersichtlich wird, und so bekommt man nach und nach erzählt, wie es dazu kam, dass das kleine Mädchen allein im Wald gefunden wurde, und welche Rolle es für die Zukunft des Snow Forest spielen wird.

Wer auch nur eine kleine Schwäche für märchenhafte Geschichten, für russische Folklore oder grundsätzlich für Erzählungen hat, in denen liebenswerte Charaktere und wunderbare Tierfiguren vorkommen, sollte sich „The Girl Who Speaks Bear“ auf keinen Fall entgehen lassen. Ich habe den Roman so sehr genossen, dass ich ihn am liebsten direkt nach dem Lesen noch einmal angefangen hätte, und ich bin mir sicher, dass ich spätestens zum Winterende noch einmal zu diesem Buch greifen werde. Für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen mögen, gibt es mit „Das Mädchen und der flüsternde Wald“ im Januar 2021 eine deutsche Veröffentlichung beim Dressler Verlag, während ich jetzt darauf warte, dass mir der dritte Roman („The Castle of Tangled Magic“) der Autorin geliefert wird.

T. Kingfisher: A Wizard’s Guide To Defensive Baking

Mit „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ kommt hier die Rezension einer Geschichte, die ich schon im August gelesen habe und unbedingt noch auf dem Blog vorstellen wollte. Ursula Vernon sagte vor einigen Wochen auf Twitter, dass sie das Pseudonym „T. Kingfisher“ für alle Geschichten verwendet, die sich nicht in Schubladen stecken lassen. So ist ihr „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ schon ein älteres Manuskript, das sie viele Jahre lang nicht bei einem Verlag unterbringen konnte, weil es den Verantwortlichen zu düster für eine Veröffentlichung für Kinder war. Ich persönlich fand den Roman gar nicht so düster, auch wenn die Stadt, in der die Protagonistin lebt, nicht gerade freundlich mit ihren Bewohnern umgeht und die Handlung mit einigen Morden (unter anderem an Kindern) beginnt.

Die Geschichte wird aus der Sicht der vierzehnjährigen Mona erzählt, die seit ein paar Jahren in der Bäckerei ihrer Tante Tabitha arbeitet, wo Monas Magie dafür sorgt, dass die Brote knusprig werden und die Lebkuchenmänner tanzen können. Als Mona eines Morgens in die Bäckerei kommt, um die Öfen anzuheizen und die ersten Brotteige anzusetzen, findet sie im Verkaufsraum die Leiche eines jungen Mädchens. So schlimm sie dies findet (zumal sie auch noch verdächtigt wird, die Mörderin zu sein), so hat Mona doch nicht das Gefühl, dass dies wirklich etwas mit ihr zu tun hat. Auch als sie erfährt, dass in den letzten Wochen mehrere Personen, die über Magie verfügten, verschwunden oder getötet worden sind, glaubt sie noch nicht, dass dies sie persönlich betreffen oder sie gar in Gefahr bringen würde. Schließlich können magiebegabte Personen in dieser Stadt unbehelligt zwischen all den anderen Menschen leben. Und ohne den überaus geachteten Lord Ethan, der als Feuermagier der Armee der Stadt vorsteht, wären die Barbaren schon längst über das kleine Herzogtum hergefallen.

Aber natürlich hilft es nichts, wenn man sich selbst einredet, dass einen all dies nicht berührt, während gleichzeitig schreckliche Dinge geschehen, und so muss auch Mona sich eines Tages eingestehen, dass sie nicht weiter passiv zuschauen kann und handeln muss. Ich mochte es sehr, dass Mona so eine unwillige Heldin ist, und fand es realistisch, dass sie so lange darauf vertraut, dass schon alles gut geht und dass die Regierung alles regeln wird. Erst als sie flüchen muss, um ihr Leben und ihre Freiheit zu retten, wird ihr bewusst, dass sie selbst aktiv werden muss, um sich und die anderen Magiebegabten der Stadt zu retten. Dabei ist sie auf die Hilfe von Spindle, dem zehnjährigen Bruder der in der Bäckerei getöteten Tibbie, angewiesen, um ohne den Schutz ihrer Familie überleben zu können – und Ideen zu entwickeln, die ihr bei der Suche nach dem Mörder helfen. Mit ein Grund, wieso Mona sich die ganze Zeit nicht als „Heldin“ sehen konnte, ist, dass ihre Magie sich nur auf Brot (und anderes Gebäck) auswirkt und sie sich nicht vorstellen kann, dass man mit Brotmagie etwas Großes bewirken oder gar kämpfen könnte. Doch im Laufe der Geschichte lernt Mona, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, ihre Magie im Kampf einzusetzen – und dass es nicht so sehr auf die Stärke der Magie ankommt, sondern darauf, dass man sie kreativ verwendet.

So gibt es gerade in der zweiten Hälfte des Romans so einige amüsante Szenen, in denen Mona ihre Magie auf eine Art und Weise einsetzt, die sie sich früher nie hätte vorstellen können, und in denen sie gemeinsam mit Spindle einige unerwartete Abenteuer erlebt. Ich fand es großartig, welche Ideen die Autorin rund um den Einsatz der Brotmagie hatte. Aber nicht nur diesen Teil der Geschichte mochte ich sehr, sondern auch all die kleinen und großen Szenen rund um die verschiedenen Charaktere. Während der „Spring Green Man“, der der Mörder ist, ebenso wie der Inquisitor Oberon wunderbar hassenswerte Gegenspieler für Mona sind, gibt es auch so viele liebenswerte und warmherzige Charaktere, die dem Mädchen zur Seite stehen. Ich fand Tante Tabitha und Onkel Albert ungemein sympathisch, weil sie alles dafür geben, damit ihre Nichte sicher unter ihrer Obhut leben kann, oder die verrückte „Knackering Molly“, die eine ganz eigene Sicht auf die Welt hat, aber doch alles in ihrer Macht stehende versucht, um Mona und die anderen zu beschützen. Besonders erwähnen muss man auch Bob, der Monas Sauerteigstarter ist und … einen ganz eigenen Charakter hat. Bob ist einfach einzigartig, und was ihn so großartig macht, muss man einfach selbst lesen. *g*

Wenn ich etwas an „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ kritisieren müsste, dann könnte ich höchstens anführen, dass das erste Drittel der Geschichte sich ein bisschen hinzieht und der Weltenbau nicht besonders detailliert ist. Aber da ich auch das erste Drittel mit all den kleinen Szenen, die einem mehr über Mona, ihre Nachbarn und die Stadt, in der sie leben, erzählen, genossen habe, kann ich mich da eigentlich nicht beschweren. Und auch den Weltenbau fand ich eigentlich ausreichend, denn obwohl „die Barbaren“ als großer Feind von außen ein bisschen billig wirken, so reichen sie als beängstigende Gegner für diese Geschichte vollkommen aus. Außerdem würde jemand wie Mona, aus deren Sicht die Handlung ja nun erzählt wird, auch nicht mehr über die Barbaren wissen, als uns die Autorin in diesem Roman erzählt. Alles in allem habe ich „A Wizard’s Guide To Defensive Baking“ also wirklich genossen, über die eine oder andere Aussage ein bisschen sinnieren müssen und über eine Menge Szenen – gerade gegen Ende der Geschichte – schallend gelacht.

Michelle Harrison: A Pinch of Magic

Ich muss gestehen, dass mich das hübsche Cover auf „A Pinch of Magic“ von Michelle Harrison aufmerksam gemacht hat und ich erst im Nachhinein kapiert habe, dass das die Autorin ist, von der ich schon die „Elfenseelen“-Trilogie so sehr mochte. Außerdem sollte ich schon mal darauf hinweisen, dass es nicht die beste Idee von mir war, diese Geschichte im Juli zu lesen, obwohl die gesamte Atmosphäre in „A Pinch of Magic“ nach Herbst und Halloween ruft – bei der Fortsetzung werde ich also erst schauen, wann sie spielt, und sie dann jahreszeitlich passender lesen. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der Betty Widdershins, deren großer Traum es ist, eines Tages die kleine Insel Crowstone zu verlassen und die Welt zu sehen. Doch als sie an ihrem dreizehnten Geburtstag (der auch noch auf Halloween fällt) heimlich mit ihrer sechsjährigen Schwester Charlie (Charlotte) aufs Festland fahren will, werden die beiden von ihrer Großmutter Bunny erwischt.

Um weitere Alleingänge von Betty zu verhindern, klärt Bunny die beiden Mädchen über den Fluch auf, der seit langer Zeit auf der Familie Widdershins liegt. Dieser Fluch sorgt dafür, dass jedes weibliche Mitglied der Familie, das die Insel Crowstone verlässt, im Laufe eines Tages stirbt. Angesichts dieser Mitteilung kann nicht einmal die Tatsache, dass Charlie, Betty und die sechzehnjährige Fliss (Felicity) zusammen mit dem Fluch auch drei magische Gegenstände geerbt haben, Betty aufmuntern. Stattdessen überlegt sie, dass es doch irgendeinen Weg geben muss, um diesen Familienfluch zu brechen und das Schicksal der Widdershins-Frauen zu ändern – und bei der Suche nach solch einem Weg lässt sie sich auch von all den Gefahren, die auf sie lauern, nicht aufhalten.

Ich mochte „A Pinch of Magic“ wirklich sehr! Mir gefiel die Atmosphäre, die Michelle Harrison in der Geschichte aufbaut, die Trostlosigkeit der kleinen Inselgruppe im Sumpfgebiet vor dem Festland, die Armut, die das Leben der Bewohner von Crowstone durchzieht, den Schatten, den die Gefängnisinsel Repent über die anderen Inseln wirft, und wie all dies erträglich wird durch den Zusammenhalt innerhalb der Familie Widdershins. Das Wirtshaus „Poacher’s Pocket“, das Großmutter Bunny gehört, ist kein wirklich heimeliger Ort, aber es ist das Zuhause und die Zuflucht von Fliss, Betty und Charlie. Ich fand es auch wunderbar zu lesen, wie unterschiedlich die Autorin die drei Schwestern dargestellt hat. So ist Fliss diejenige, die am wenigsten kämpferisch ist und die sich – nachdem sie an ihrem sechzehnten Geburtstag von dem Fluch erfahren hatte – damit abgefunden hat, dass sie den Rest ihres Lebens auf der Insel bleiben wird. Betty hingegen will ihre Träume nicht aufgeben und erkennt erst im Laufe der Zeit, dass die Gefahren, die die Suche nach einer Aufhebung des Fluchs mit sich bringen, nicht nur sie, sondern auch diejenigen, die sie liebt, betreffen könnten.

Neben den tollen Charakteren und der wunderbar-trostlosen Atmosphäre brachte „A Pinch of Magic“ auch noch eine Handlung mit sich, die voller amüsanter, gefährlicher und überraschender Szenen steckt. Von Anfang an steht fest, wer den Fluch über die Familie Widdershins gebracht hat, aber erst im Laufe der Zeit erfährt man die Geschichte und die Beweggründe dieser Person und muss so immer wieder überdenken, wer denn wohl der „Bösewicht“ in der Geschichte ist. Und obwohl die drei Schwestern in lebensgefährliche Situationen geraten, bleibt der Ton in der Geschichte in der Regel heiter genug, dass auch jüngere Leser.innen Freude an der Handlung haben werden. Außerdem ist es wunderbar. von dem Verhältnis der drei Schwestern zueinander zu lesen, gerade weil sie nicht immer nur nett miteinander umgehen, aber trotzdem die gesamte Zeit durchscheint, wie sehr die drei einander mögen und wie wichtig ihnen das Wohlergehen der anderen ist. So freue ich mich jetzt schon sehr auf das Lesen der Fortsetzung – vielleicht sogar gerade deshalb, weil ich mir nicht so recht vorstellen kann, worum sich der nächste Band wohl drehen wird.

Oh, und für diejenige, die neugierig auf die Geschichte geworden sind, aber keine Bücher auf Englisch lesen mögen: Der Titel der deutschen Ausgabe von „A Pinch of Magic“ lautet „Eine Prise Magie“ und auch die Fortsetzung („A Sprinkle of Sorcery“) ist schon unter dem Titel „Ein Hauch von Zauberei“ auf Deutsch erschienen.

Jim Hines: Tamora Carter – Goblin Queen

„Tamora Carter – Goblin Queen“ von Jim Hines wird offiziell erst am 15. September veröffentlicht, aber da ich mich an dem Kickstarter beteiligt hatte, mit dem das Buch finanziert wurde, habe ich den Titel schon im August lesen können. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der zwölfjährigen Tamora Soo-jin Carter, deren bester Freund Andre Steward vor einiger Zeit verschwunden ist. Niemand weiß, was Andre zugestoßen ist, es scheint keinen Grund zu geben, wieso er von Zuhause hätte fortlaufen sollen, aber Anzeichen für eine Entführung gibt es eigentlich auch nicht. Tamora leidet sehr darunter, dass sie nicht weiß, was aus Andre geworden ist, und nur ihr Roller-Derby-Training lenkt sie etwas von ihren Sorgen ab – bis sie eines Abends hinter der Sporthalle über ein paar Goblins stolpert. Doch nicht nur Goblins, sondern auch noch weitere fantastische Kreaturen tauchen in den folgenden Tagen in der kleinen Stadt Dearborn in Michigan auf. Je mehr Tamora über diese ungewöhnlichen Wesen lernt, desto mehr wächst in ihr der Verdacht, dass diese Kreaturen etwas mit dem Verschwinden von Andre und zwei weiteren Schülern zu tun haben könnten. Gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Mac und Karina Lord, deren Bruder Kevin zur selben Zeit verschwunden ist wie Andre und die dritte entführte Jugendliche, Elizabeth O’Neil, macht sich Tamora daran, ihren Freund zu suchen.

Es gibt so viele Elemente, die ich an „Tamora Carter – Goblin Queen“ einfach großartig fand. So hat Jim C. Hines für dieses Jugendbuch nicht die Perspektive des Teenagers, der in eine fantastische Welt gerät und dort Abenteuer erlebt, gewählt, sondern die einer Person, die zurückbleibt und sich fragt, was mit ihrem besten Freund passiert ist. Tamora, ihre Familienmitglieder und all die anderen Charaktere, die in dem Roman vorkommen, sind von dem Autor wunderbar realistisch und liebenswert dargestellt worden. Tamora ist tapfer und hilfsbereit, aber definitiv nicht fehlerfrei, ihr vierzehnjähriger Bruder Mac ist ein großteils non-verbaler Autist, und wenn man davon absieht, dass er schnell von all den fantastischen Ereignissen rund um seine Schwester gestresst wird und am liebsten über ein Tablet kommuniziert, hindert ihn dies nicht daran, eine große Rolle bei der Rettung von Andre und den anderen zu spielen. (Jim C. Hines hat dazu angemerkt, dass sein eigener Sohn, der autistisch ist, das Manuskript mehrfach gelesen hat, bevor es veröffentlicht wurde.) Mir gefiel auch das Verhältnis zwischen Tamora und ihrem Vater, denn auch wenn sie beide es manchmal ein wenig damit übertreiben, wenn sie den anderen beschützen wollen, so vertrauen sie sich doch gegenseitig. Dies führt dazu, dass Tamoras Vater im Laufe der Handlung nicht zu einem Hindernis wird, das mit allen Mitteln umgangen werden muss (wie man es sonst so oft bei Kinder- und Jugendbüchenr erlebt), sondern zu einem Verbündeten im Kampf gegen die übernatürlichen Widersacher.

Außerdem schreckt der Autor nicht davor zurück, seine Charaktere in Gefahr zu bringen und sie wirklich schwierige Entscheidungen treffen zu lassen, wobei die heftigeren Szenen aber immer – passend für eine Geschichte für Kinder und Jugendliche – durch humorvolle Elemente und Dialoge aufgelockert werden. Ich mochte es auch sehr, wie Jim C. Hines all die fantastischen Geschöpfe mit den Herausforderungen umgehen ließ, die das moderne Amerika für sie bereithält, und wie sie ihr Kampfverhalten an all die unvertrauten Gegner angepasst haben, mit denen sie sich im Laufe der Geschichte auseinandersetzen müssen. Die eine oder andere Entwicklung in der Handlung ist zwar etwas vorhersehbar (selbst wenn man nicht wissen sollte, dass man es hier mit einer Variante von „Portal Fantasy“ zu tun hat), aber das hat mich nicht gestört, weil ich die ganze Zeit so gespannt war, wie Tamora mit all diesen Entdeckungen und für sie überraschenden Elementen umgehen wird. Eine weitere Sache, über die ich mich sehr beim Lesen gefreut habe, ist die Tatsache, dass Tamora Roller Derby spielt und der Autor so immer wieder stimmige Szenen eingebaut hat, in denen das Mädchen Taktiken und Fertigkeiten, die es für diesen Sport gelernt hat, beim Kampf gegen all die übernatürlichen Wesen einbringt. (Für diejenige, die sich wundern, dass auf dem Cover ein Hockeyschläger zu sehen ist: Auch der kommt in der Geschichte vor, auch wenn er natürlich beim Roller Derby keine Rolle spielt. 😉 )

Mir hat das Lesen von „Tamora Carter – Goblin Queen“ rundum Spaß gemacht, ich habe mit den Charakteren gebangt, ich habe ein wenig um diejenigen, die Opfer des Krieges wurden, getrauert und ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich beim Lesen vor mich hinkicherte. Schon bei den Prinzessinnen-Büchern hatte Jim C. Hines gezeigt, dass er ein Händchen für eine ungewöhnliche Neuinterpretation von Märchenthemen hat, und hier hat mir seine erfrischende Sicht auf klassische Märchen- und Fantasyelemente ganz besonders gut gefallen. Und während ich normalerweise sehr glücklich damit bin, wenn ich ausnahmsweise mal einen Einzelband erwische, so habe ich mir hier nach dem Lesen gewünscht, dass der Autor irgendwann noch einmal zu Tamora und ihren Freunden zurückkehren wird. Ich wüsste gern, was aus all den fantastischen Wesen, die es nach Michigan verschlagen hat, langfristig geworden ist, ich möchte mehr von der Bibliothekarin Miss Pookie lesen, ich will wissen, wie es Andre und den anderen beiden ergeht, nachdem sie den Weg zurück nach Hause gefunden haben, und natürlich bin ich den Entführern gegenüber misstrauisch und glaube nicht, dass sie sich endgültig geschlagen gegeben haben. Es ist selten der Fall, dass ich eine Geschichte so wenig loslassen mag und – trotz eines wirklich befriedigenden Endes – noch so viele Fragen habe, die ich gern vom Autor beantwortet hätte.

Melinda Salisbury: Hold Back the Tide

Eine kleine Warnung vorweg: Wer zu einem Jugendbuch greift, weil er ein garantiertes Happy End für alle Charaktere lesen möchte, der sollte von „Hold Back the Tide“ vielleicht die Finger lassen. Allen anderen Lesern hingegen würde ich diese wirklich sehr gut geschriebene Horror-Geschichte von der Autorin Melinda Salisbury sehr ans Herz legen. Die Handlung wird erzählt aus der Sicht von Alva, die gemeinsam mit ihrem Vater in einem kleinen Ort in den schottischen Bergen lebt. Von Anfang an wird man von Alva darüber informiert, dass ihr Vater vor sieben Jahren ihre Mutter umgebracht hat, als das Mädchen mitten in der Nacht von lauten Stimmen und dem Geräusch von Schüssen und klirrendem Glas aufwachte. Aber da nie eine Leiche gefunden wurde, geht ihr Vater weiterhin unbehelligt seiner Aufgabe als Hüter des örtlichen Lochs nach, während die Dorfbewohner die kleine Familie so weit wie möglich schneiden.

Ebenso steht von Anfang an fest, dass Alva in den vergangenen Jahren alles getan hat, um eine Flucht aus ihren Heimatort vorzubereiten, und nun endlich hat sie Geld und die notwendige Ausrüstung für eine längere Reise beisammen und einen Arbeitsplatz in einer weiter entfernt liegenden Stadt in Aussicht. Alles, was sie noch organisieren muss, ist eine Reisemöglichkeit, die sie schnell genug aus dem Dorf entfernt, damit ihr Vater sie nicht wieder zurückholen kann. Doch bevor Alva ihre Flucht antreten kann, passieren unerwartete und unheimliche Dinge im Ort, und in der jungen Frau keimt der Verdacht auf, dass das radikale Sinken des Pegels des Lochs eine der Ursachen für all die Veränderungen sein könnte. Mehr möchte ich gar nicht zum Inhalt dieser Geschichte sagen, denn ich finde, man sollte sich möglichst unvoreingenommen auf Alva, ihre Erzählweise und ihre Erlebnisse einlassen, um die Handlung rundum genießen zu können.

Einige Entwicklungen kann man in „Hold Back the Tide“ zwar schon recht früh vorhersehen, aber das stört überhaupt nicht, weil die Figuren und die Atmosphäre in dieser Geschichte einen wirklich gefangen nehmen. Dieses abgeschiedene Dorf inmitten der schottischen Berge ist die perfekte Kulisse für einen solchen Horrorroman, und die Monster, die im Laufe der Handlung auftauchen, werden durch ihre Verbindung zum Loch zu einer ganz eigenen und ungewöhnlichen Variante eines bekannten Monstertypus. Ich mochte auch die verschiedenen Charaktere, die man im Laufe der Handlung kennenlernt, sehr gern. Die Protagonistin Alva ist zwar stellenweise fast ein bisschen zu fähig und zu gut (ebenso wie einer der anderen jugendlichen Dorfbewohner), aber sie hat trotzdem genügend Schwächen und Fehler, um eine überzeugende Erzählerin zu sein.

Obwohl das eBook nur 218 Seiten lang ist, hatte ich das Gefühl, dass sich Melinda Salisbury einige Zeit lässt, um ihre Geschichte aufzubauen, und erst nach und nach die verschiedenen Entdeckungen und unheimlichen Vorfälle einbringt. Für mich hat das vor allem dafür gesorgt, dass ich – wann immer ich das Buch aus der Hand legen musste – mit meinen Gedanken immer wieder zu Alva und den Ereignissen in ihrem Heimatort geschweift bin. Ich mag es sehr, wenn mich eine Geschichte nicht so recht loslässt und ich immer wieder dahin zurückkehre. Außerdem fand ich (als jemand, der selten zu Horrorgeschichten greift,) die Darstellung der Kreaturen aus dem Loch ausgewogen genug, dass ich um Alva und all die anderen Charaktere zwar gebangt, aber dieses Unbehagen nicht mit in meinen Alltag genommen habe. Wer also mit dem Wissen leben kann, dass die Geschichte nicht für alle Beteiligten gut ausgeht, und Lust auf einen ruhig erzählten und atmosphärischen Horrorroman hat, der (vermutlich) Ende des 19. Jahrhunderts in der Abgeschiedenheit schottischer Berge spielt und gut geschriebene, stimmige Charaktere aufzuweisen hat, der sollte definitiv einen Versuch mit „Hold Back the Tide“ wagen.

RaShelle Workman: Undercover Reaper (Eerie Valley Supernaturals 1)

„Undercover Reaper“ von RaShelle Workman ist noch ein Titel, über den ich gestolpert bin, als ich eine Liste mit (kostenlosen und 99-Cent-)Urban-Fantasy-Angeboten durchgeschaut hatte. Und ich muss zugeben, dass ich das erste Drittel dieses Romans wirklich nett und unterhaltsam fand, obwohl sich die Autorin nicht besonders viel Mühe gegeben hat, um einen einigermaßen glaubwürdigen Hintergrund für ihre Urban-Fantasy-Geschichte zu schaffen. Die Handlung dreht sich um die Polizistin Faith Ghraves, die seit einigen Monaten in der kleinen Stadt Eerie Valley (in der Nähe von Los Angeles) arbeitet. Aktuell ermittelt sie in einem Serienmörder-Fall, für den sie undercover als Stripperin arbeiten soll, und hilft nebenbei ihrem Partner Steve, den Fall eines verschwundenen Kindes zu lösen. Faith hat von ihren verstorbenen Eltern genügend Geld geerbt, um sich ein Haus in der Stadt zu kaufen, kommt in der Regel ganz gut mit ihren Kollegen aus und hat vor einiger Zeit entdeckt, dass sie übernatürliche Fähigkeiten besitzt. Genau genommen bezeichnet sich Faith als „Reaper“ und beschreibt ihre Aufgabe damit, dass sie die Seelen von Toten auf ihren Weg bringt. Allerdings entdeckt Faith im Laufe der Geschichte schnell weitere Fähigkeiten, so dass sie vergangene Erlebnisse von Personen sehen kann, wenn sie diese berührt, oder von Personen in Not träumt, denen sie dann anscheinend helfen soll.

Außerdem gibt es einen wunderschönen halbnackten Mann, der regelmäßig vor ihrer Haustür auftaucht und ihr Hinweise zur Ermordung ihrer Eltern gibt oder sie auffordert, ihre Fähigkeiten „richtig“ anzuwenden. Und weil es ja zu einfach wäre, wenn er ihr sagen würde, was Sache ist, muss sie Stück für Stück seine (in der Regel unausgesprochenen) Erwartungen erfüllen, um weitere Informationen zu bekommen. Auch scheint Faith nicht die einzige Person in der Stadt zu sein, die übernatürliche Fähigkeiten hat, aber da natürlich niemand über so etwas redet, kann man das als Leser nur anhand der diversen Anspielungen (und Mordfallauflösungen) erahnen. Das alles hätte ich zwar nicht wirklich gut, aber zumindest sehr unterhaltsam gefunden, wenn nicht nach dem ersten Drittel ständig irritierende „technische“ Fehler aufgetaucht wären. Immer häufiger gab es Sätze, in denen statt „ich“ „sie“ verwendet wurde, wobei der Wechsel auch mitten im Satz vorkommen konnte, was immerhin den Vorteil hatte, dass ich mich dann nicht fragen musste, ob die Autorin da beim Perspektivwechsel nur vergessen hatte, etwas zu ändern, oder ob ich mich da auf eine Art gespaltene Persönlichkeit einlassen sollte.

Während die gesamte Handlung (theoretisch) aus der Sicht von Faith erzählt wird, gibt es ab der Hälfte des Romans auf einmal ein Kapitel, das aus der Perspektive von ihrem Partner Steve geschrieben wurden, und ein weiteres am Ende des Romans (das aus dem Blauen heraus auf einmal lauter Hintergründe erklärt) aus der Sicht von FBI-Agent Lucas Mackey. Dieser Wechsel ist nicht nur vollkommen überraschend, sondern bringt bei Steves Kapitel auch keinerlei Mehrwert für den Leser. Es ist verwirrend, weil auf einmal Dinge, die in der ersten Hälfte des Buchs ganz klar gesagt wurden, aus Steves Perspektive um gegensätzliche oder zumindest widersprüchliche Elemente ergänzt werden. Bei Lucas‘ Kapitel hingegen habe ich mich gefragt, wieso die Autorin diese Details nicht schon früher mal eingeflochten oder zumindest angedeutet hat. Auch Faith selbst wirkt in dieser zweiten Hälfte als Charakter deutlich unrunder und unstimmiger (also zusätzlich zu den Sachen, die schon zu Beginn der Geschichte nicht so unglaublich gut ausgearbeitet waren). Das letzte Viertel von „Undercover Reaper“ habe ich dann eigentlich nur noch gelesen, weil ich wissen wollte, wie schlimm das Ganze noch werden könnte (und ich kann versichern, dass es definitiv nicht besser wurde)!

Weil ich mich dann so geärgert habe, dass so etwas veröffentlicht wird, habe ich angefangen, ein bisschen zu recherchieren, und herausgefunden, dass RaShelle Workman vor fünf Jahren einen Roman mit dem Titel „Undercover Empath – Kindred Demon“ veröffentlicht hatte, dessen Protagonistin zwar erst neunzehn Jahre alt ist, Rose Hansen heißt und in Blush Valley lebt, dessen Inhaltsangabe aber ansonsten deckungsgleich mit „Undercover Reaper“ ist. So ermittelt Rose nicht nur als Polizistin in einem Serienmord, wofür sie als Stripperin auftreten muss, sowie in einem Fall mit einem verschwundenen Kind (wobei ihr Partner dieses Mal Jack heißt), sondern auch ihr erscheint ein halbnackter Typ, der ihr Informationen zum Mord an ihren Eltern gibt und sie auffordert, ihre (Empathie-)Fähigkeiten zu nutzen. Selbst wenn „Undercover Empath“ noch zu kaufen gewesen wäre, hätte ich mir die Geschichte nicht angetan, aber ich bin mir sicher, dass RaShelle Workman nur ein älteres Buch umgeschrieben hat, um mit „Undercover Reaper“ eine Neuveröffentlichung vorzuweisen zu haben. Dagegen spricht ja grundsätzlich nichts, wenn es denn auch dementsprechend von der Autorin kommuniziert wird, vor allem, da die überarbeitete Fassung – soweit ich das nach dem mir vorliegenden Roman beurteilen kann – wirklich deutlich besser hätte werden können, wenn die Überarbeitung sich nicht nur auf das erste Drittel des Buchs beschränkt hätte. So hingegen finde ich es geradezu eine Unverschämtheit gegenüber dem Leser, dass sie den Text in diesem Zustand veröffentlicht hat.