Kategorie: Rezension

Megaera C. Lorenz: The Shabti

Über „The Shabti“ von Megaera C. Lorenz habe ich schon beim letzten Lese-Sonntag einiges geschrieben. Die Geschichte spielt 1934 in den USA und wird aus der Sicht von Dashiel Quicke erzählt. Dashiel war bis vor wenigen Jahren als „Medium“ unterwegs und verdient sich nun – mehr schlecht als recht – seinen Lebensunterhalt damit, dass er Vorträge über die Tricks und Methoden seiner ehemaligen Kolleg*innen hält. Während eines seiner Vorträge trifft er auf Hermann Goschalk, der als Professor für Ägyptologie nicht nur für das Unterrichten von Student*innen, sondern auch für das kleine Museum des College verantwortlich ist – und Hermann ist davon überzeugt, dass dieses Museum über ein Artefakt verfügt, das von einem Geist besessen ist.

„The Shabti“ ist ein ungewöhnlicher Roman, und es fällt mir sehr schwer, die Geschichte einem einzelnen Genre zuzuschreiben. Der Anfang, bei dem man mehr über Dashiel und seine Vergangenheit als „Medium“ (und die damit zusammenhängenden Betrugsmaschen) erfährt, fühlt sich sehr nach einem roman noir an. Dann kommen dazu die Elemente rund um den realen Spuk, die der Handlung einen Anstrich von altmodischen Horrorfilmen verleihen, und zuletzt ist da noch die Beziehung, die sich zwischen Dashiel und Hermann entwickelt. Diese Liebesgeschichte zwischen dem (ehemaligen) Schwindler und dem sehr respektablen und unauffälligen Professor ist überraschend süß zu verfolgen und der Grund, wieso Dashiel bei all den Herausforderungen, die er im Roman durchstehen muss, nicht wieder in alte Verhaltensweisen zurückfällt und davonläuft.

Die ersten zwei Drittel von „The Shabti“ habe ich sehr langsam und genussvoll gelesen, während ich mich gleichzeitig immer wieder fragte, wie weit Megaera C. Lorenz wohl den Horror- oder Krimianteil der Geschichte treiben würde. Gleichzeitig fand ich es spannend, von der Autorin, die unter anderem Ägyptologin ist, mehr über Hermanns Tätigkeit als Professor und Museumskurator – und natürlich über die Ausstellungstücke in seiner Obhut, zu denen das verfluchte Shabti gehört – zu erfahren. Überraschenderweise gab es auch so einige amüsante Momente in dieser Geschichte voller (für die Charaktere) gruseliger und aufreibender Ereignisse, und zu meinem eigenen Erstaunen musste ich an einem Punkt sehr laut auflachen, weil ich mich so über eine unerwartete Enthüllung amüsierte. Nach dieser Wendung in der Handlung konnte ich den Roman dann auch nicht mehr aus der Hand legen, bis ich ihn beendet hatte, weil ich wirklich wissen wollte, wie die Figuren damit umgehen würden.

Am Ende war die Lösung für Dashiels und Hermanns Probleme dann doch recht offensichtlich, aber es fühlte sich sehr stimmig an, wie die Autorin die verschiedenen Puzzleteile der Handlung zu einer schlüssigen Auflösung zusammenbrachte. Nach dem Lesen habe ich das Buch rundum befriedigt aus der Hand gelegt, was ich nicht so oft sagen kann. Mit „The Shabti“ hat Megaera C. Lorenz eine wirklich ungewöhnliche und sehr reizvolle Geschichte erzählt, in der verschiedene Genre-Elemente gelungen miteinander verwoben werden. Wer sich für Ägyptologie, roman noir, eine mlm-Liebesgeschichte oder (relativ harmlosen) Horror interessiert, findet hier auf jeden Fall einen interessanten und unterhaltsamen Roman. Ich bin mir sicher, dass ich das Buch nicht zum letzten Mal gelesen habe, und vor allem bin ich neugierig darauf, was die Autorin (hoffentlich) in Zukunft noch veröffentlicht wird.

Martha Wells: The Cloud Roads (Books of the Raksura 1)

Vor einigen Jahren dachte ich, ich sollte endlich mal einen Roman von Martha Wells lesen. Da ich normalerweise Fantasy zugänglicher finde als Science Fiction, habe ich mir also „The Cloud Roads“, den Auftaktband der „Books of the Raksura“-Reihe, gekauft. Und dann habe ich das Buch fast sechs Jahre auf dem SuB liegen lassen (ebenso wie den ersten Murderbot-Band „System Red“, den ich 2019 geschenkt bekommen hatte). Nachdem ich im letzten Jahr endlich die Murderbot-Geschichten gelesen und sehr genossen hatte, wurde es jetzt Zeit, „The Cloud Roads“ vom SuB zu ziehen und zu schauen, ob mich Martha Wells mit dieser Reihe ebenso begeistern kann. Das war dann leider nicht der Fall, obwohl ich die Charaktere mochte und den Weltenbau wirklich faszinierend fand.

Martha Wells hat für diesen Roman eine fantastische Welt erschaffen, in der ganz eigene Regeln gelten und die durchgehend von nicht-menschlichen Rassen bewohnt wird (was mir mal wieder bewusst gemacht hat, wie selten das der Fall ist). Der Protagonist Moon ist ein Gestaltwandler, der seit seiner Kindheit allein ist und keine Ahnung hat, zu welcher Rasse er gehört. Da er keine anderen Wesen kennt, die so wie er sind, versucht er immer wieder von Neuem, bei den verschiedenen Groundling-Rassen ein Zuhause zu finden. Doch jedes Mal passiert etwas, das dafür sorgt, dass er verstoßen wird. So auch zu Beginn des Romans, als die Cordans, bei denen Moon einige Zeit gelebt hat, herausfinden, dass er ein Gestaltwandler ist. Doch dieses Mal hat Moon das Glück, dass er kurz darauf über einen Raksura namens Stone stolpert, der den jungen Mann darüber aufklären kann, dass auch er zu dieser Rasse gehört.

Dieses Zusammentreffen führt dazu, dass Moon sich bereit erklärt, Stone zu begleiten, der auf der Suche nach Raksura-Kämpfern für den Indigo Cloud court ist, da dieser von den Fell bedroht wird. Die Fell sind die eine Rasse in den Three Worlds, die von allen anderen gefürchtet wird, da sie jede Ansiedlung, mit der sie Kontakt haben, vernichten (und ihre Anwohner fressen). Doch natürlich ist es nicht so einfach für Moon, sich in eine bestehende Raksura-Ansiedlung einzufinden – vor allem, da es diverse politische Strömungen im Indigo Cloud court gibt, die Moons Auftauchen für ihre Zwecke nutzen wollen. Und dann gibt es noch all die Personen, die gegenüber einem unbekannten Raksura-Einzelgänger misstrauisch sind …

Wie schon gesagt, ich mochte den Weltenbau sehr und fand es faszinierend, wie Martha Wells spannende Details dazu in kleine Begegnungen zwischen Moon und (für mich) neuen Groundling-Rassen einbaute. Dazu kommt der Indigo Cloud court mit all den verschiedenen Raksura-Varianten, die alle ihre ganz eigenen Aufgaben und Fähigkeiten haben. Ich habe mich beim Lesen über all diese ungewöhnlichen Elemente gefreut und mich neugierig auf jede neue Gesellschaft eingelassen, in die ich beim Lesen einen kleinen Blick werfen konnte. Oft hätte ich gern noch mehr über die verschiedenen Orte und Personen erfahren, aber das hätte nicht zu der Dringlichkeit, mit der Moon den Großteil der Handlung über unterwegs ist, gepasst.

Allerdings muss ich zugeben, dass meine Neugier auf mehr Details rund um die Three Worlds dann doch nicht so groß ist, dass ich zu den Fortsetzungen greifen würde, da die Handlung selbst mich deutlich weniger packen konnte als der Weltenbau. Ich mochte Moon und viele der anderen Figuren, die er im Laufe der Geschichte kennengelernt hat. Aber ich fand die Handlung relativ wenig überraschend, und ich war – stellvertretend für Moon – beim Lesen regelmäßig frustriert über all die Dinge, die er nicht wusste und die das Verhalten der anderen Charaktere gravierend beeinflussten. Auch fühlte sich „The Cloud Road“ beim Lesen häufig überraschend altmodisch an, wenn es zum Beispiel um die verschiedenen klaren Rassenmerkmale und um die Gewichtung zwischen Weltenbau und Handlung ging. Was definitiv nichts Schlechtes ist – aber nicht mehr die Art von Fantasy, die ich heutzutage bevorzuge.

Julie Leong: The Teller of Small Fortunes

„The Teller of Small Fortunes“ von Julie Leong ist ein Roman, dem das Label „cozy fantasy“ meinem Gefühl nach nicht gutgetan hat, weil so viele Leser*innen damit Erwartungen verknüpften, die die Geschichte dann nicht erfüllt hat. Ich habe vor einiger Zeit eine Rezension zu dem Titel gelesen, die besagte, dass dieser Roman insofern cozy sei, dass all die schlimmen Dinge, die geschehen könnten (und von denen die Figuren befürchten, dass sie passieren werden), eben nicht eintreffen – und das trifft es meiner Meinung nach sehr gut. Das bedeutet aber auch, dass die Handlung in „The Teller of Small Fortunes“ ein wenig vor sich hin dümpelt und ein/e Leser*in halt bereit sein muss, sich darauf einzulassen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Tao, die mit ihrem kleinen Wagen durch Eshtera reist und als Wahrsagerin arbeitet. Wobei sie nur kleine Dinge vorhersagt, denn die großen sind – Taos Erfahrung nach – zu gefährlich. Obwohl von Anfang an feststeht, dass Tao sehr einsam ist und sich nach ihrem Geburtsland Shinara sehnt, erfahren wir erst nach und nach, wie es kam, dass sie als kleines Mädchen mit ihrer Mutter nach Eshtera ausgewandert ist. Als Shinn begegnet sie auf den Straßen des Landes viel Misstrauen, genießt als reisende Wahrsagerin aber auch viele Freiheiten – was es ihr ermöglicht, den beiden Reisenden Silt und Mash zur Seite zu stehen, die auf der Suche nach Mashs verschwundener kleiner Tochter sind. Gemeinsam reisen die drei (plus die später dazukommende Bäckerin …) durch das Land und versuchen, mehr über den Verbleib des Kindes herauszufinden.

Es passiert wirklich relativ wenig in der Geschichte, auch wenn die kleine Reisegruppe in den verschiedenen Orten immer wieder anderen Personen begegnet, die – wie Menschen nun mal sind – mal herzlich, mal feindselig oder misstrauisch auf die Fremden reagieren. Dabei befürchtet Tao die ganze Zeit, von der Magiergilde aufgespürt zu werden, falls diese von ihrer Fähigkeit als Wahrsagerin erfahren sollten, während sich Mash natürlich große Gedanken um das Wohlergehen seiner Tochter macht. Doch vor allem bringen diese gemeinsame Reise und die Gespräche, die sie führen, die Reisenden dazu, dass sich diese unterschiedlichen Charaktere mit ihren Hoffnungen und Sorgen auseinandersetzen. Das ermöglicht es Julie Leong, viele verschiedene ernsthaftere Themen aufzugreifen, ohne dass die Lektüre belastend oder bedrückend würde.

So dreht sich ein Teil von Taos Problemen zum Beispiel darum, dass sie aufgrund ihrer Shinn-Abstammung als Fremde in dem Land gesehen wird, in dem sie aufgewachsen ist. Gleichzeitig weiß sie zu wenig über ihr Geburtsland und spricht die Sprache nicht ausreichend gut, um zu versuchen, über das Meer zurück nach Shinara zu gehen. Obwohl das natürlich ein ernsthaftes Problem für die junge Frau ist, fühlt es sich beim Lesen nicht so schlimm an, weil es auf der Hand liegt, dass sie zu Beginn der Geschichte schon auf genau die richtigen Personen für eine wohltuende Wahlfamilie gestoßen ist. Für mich war „The Teller of Small Fortunes“ deshalb trotz der verschiedenen ernsthaften Themen ein überraschend entspannender Roman. Ich habe die Geschichte in vielen kleinen Häppchen gelesen, wenn ich ein bisschen Zeit mit sympathischen Figuren und den kleinen Herausforderungen, die der nächste Handlungsort mit sich bringen würde, verbringen wollte. Doch auch wenn der Roman keine besonders mitreißende Geschichte erzählt hat, so verbinde ich damit doch kleine Szenen und Eindrücke, an die ich gern zurückdenke.

Mary Robinette Kowal: The Calculating Stars (Lady Astronaut 1)

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „The Calculating Stars“ von Mary Robinette Kowal gelesen habe – und normalerweise würde ich mir nach einem halben Jahr nicht noch die Mühe machen, eine Rezension zu schreiben, wenn ich nicht so recht weiß, was genau ich zu einem Buch sagen soll. Denn eigentlich dachte ich, ich hätte nur zwei Sachen zu dem Roman sagen, aber da irrte ich mich wohl … Die eine Sache war, dass mir die Geschichte gut gefallen hat und ich mich darauf freue, dass ich noch ein paar Fortsetzungen vor mir habe. Das andere war, dass die Leseprobe bei mir einen Eindruck hinterlassen hatte, der relativ wenig mit dem eigentlichen Erzählstil der Geschichte gemein hat. Denn die ersten Kapitel erzählen, wie im Jahr 1952 ein Meteorit auf die Erde fällt und die Protagonistin Elma und ihr Mann Nathaniel verzweifelt versuchen, aus einer kleinen Ferienhütte in den Bergen zurück in ein sicheres Gebiet zu kommen. Während die beiden über unwegsames Gelände fliehen, um die kleine Landebahn zu erreichen, wo ihr Flugzeug steht, ist ihnen gleichzeitig bewusst, dass vermutlich ein Großteil ihrer Familien durch den Einschlag des Meteoriten und seine Folgen getötet wurde.

Dieser Teil ist wirklich herzzerreißend, und ich habe beim Lesen mitgefiebert, während Elma und Nathaniel um ihr Überleben ringen, versuchen, irgendwie an Informationen zu kommen und dabei die ganze Zeit Angst um ihre Lieben haben müssen. Was bedeutet, dass ich zu Beginn des Romans einen Haufen Tränen vergossen habe, während danach der Teil der Handlung begann, der erzählt, wie der Alltag nach einer solchen Katastrophe ausschaut. Dieser Teil erstreckt sich über Jahre, während die verschiedenen Parteien an einer Lösung für das Überleben der Menschheit arbeiten – und dabei bewerten sie oft genug die eigenen Interessen höher als das gemeinsame Ziel. Diesen Bruch zwischen der Katastrophe und den folgenden Jahren fand ich wirklich überraschend, aber nachdem ich mich erst einmal darauf eingelassen hatte, dass „The Calculating Stars“ eine weniger emotionale Geschichte als erwartet war, war ich sehr fasziniert von diesem Gedankenspiel rund um die Auswirkungen eines solchen Meteoriten-Einschlags auf eine Gesellschaft, die auf der einen Seite schrecklich konservativ (und rassistisch, mysogyn, ableistisch) ist und auf der anderen Seite kurz vor einem wissenschaftlichen Durchbruch steht, der den Menschen den Aufenthalt im All ermöglicht.

Es war nicht schön zu lesen, mit welchen Widerständen und Vorurteilen Elma zu kämpfen hat – gerade weil sie immer wieder beweist, dass sie sowohl als ehemalige WASP-Pilotin als auch als Computer für das Space-Programm durchaus geeignet ist. Aber gerade weil es eine alternative Realität ist, in der die Geschichte spielt, fand ich all die (leider für Frauen recht alltäglichen) Herausforderungen, mit denen Elma fertigwerden muss, deutlich einfacher zu lesen, als bei realen (historischen oder aktuellen) Ereignissen. Dabei muss Elma nicht nur gegen die Vorurteile angehen, die in einer männerdominierten Arbeitswelt gegenüber Frauen herrschen, sondern auch gegen ihr eigenes (anerzogenes) Verhalten und gegen ihren eigenen verinnerlichten Rassismus. Dabei fand ich es realistisch, dass sie sich mehr als einmal bewusst machen musste, dass sie sich gerade rassistisch gegenüber den Schwarzen Pilotinnen, die sie kennenlernt, verhält, um ihr Benehmen zu ändern. Solche Veränderungen brauchen nun einmal leider Zeit, egal wie sehr wir uns alle wünschten, es würde ein einziger Hinweis auf ein solches Fehlverhalten reichen.

Was ich nach dem Lesen spannend fand, waren die diversen Kritikpunkte, die ich in anderen Rezensionen zu dem Roman gelesen habe. Die hatten dazu geführt, dass ich ursprünglich so viele kleine Punkte in meiner eigenen Rezension aufgreifen wollte, die ich hier nun gar nicht erwähnt habe. Aber ich denke, dass diese Kritikpunkte mehr mit den Personen zu tun hatten, die die Rezensionen geschrieben haben, als mit dem Buch selbst. Wenn jemand es unglaubwürdig findet, dass ein Ehemann liebevoll und unterstützend ist und damit leben kann, dass seine berufstätige Frau keine Kinder möchte, dann tut es mir leid um diese Person. Und wenn jemand kritisiert, dass Elma auf der einen Seite behauptet, dass sie aus einer armen Familie stammt und auf der anderen Seite priviligiert genug war, um zu studieren, dann muss ich daraus schließen, dass die Person all die Passagen rund um Elmas Familie (und die Unterschiede zwischen der armen mütterlichen Verwandtschaft und dem Status ihres Vaters als General) nicht bewusst wahrgenommen hat. Wenn ich etwas kritisieren müsste, dann vor allem den Umstand, dass Elma schon als Kind ein Mathematik-Genie war. Das ist, wie ich zugeben muss, die Grundvoraussetzung für ihren Lebensweg und somit überhaupt für ihre Rolle in der Handlung, aber es gibt mir mal wieder das Gefühl, dass selbst in fiktiven Geschichten eine Frau schon ein Genie sein muss, um nach den Sternen greifen zu dürfen.

Sachbücher 2025

Nachdem mein erster Buchkauf im Januar 2025 ein Sachbuch war, hatte ich gehofft, ich würde in diesem Jahr regelmäßig Sachbücher lesen. Grundsätzlich bin ich auch nicht unzufrieden mit der Menge an gelesenen Sachbüchern, ich wünschte nur, ich hätte nicht immer so schrecklich lange für jedes Buch gebraucht. Aber da ich in diesem Jahr ständig mehrere Titel parallel gelesen habe, sind die Sachbücher oft länger liegen geblieben, als sie es verdient gehabt hätten.

Januar – April 2025

Charlie Jane Anders: Never Say You Can’t Survive – How to Get Through Hard Times by Making Up Stories (Hörbuch)

„Never Say You Cant’s Survive“ ist eigentlich ein Schreibratgeber, in dem die Autorin nicht nur Ratschläge rund ums Schreiben vermittelt, sondern auch darauf eingeht, wie hilfreich das Spinnen von Geschichten in aufreibenden Zeiten sein kann. Ich muss zugeben, dass ich von Charlie Jane Anders noch nie etwas gelesen habe und deshalb auch nicht immer etwas mit den diversen Verweisen auf ihre veröffentlichten Geschichten anfangen konnte. Aber ich fand es ermutigend und wohltuend, ihren Worten zu folgen, und ich habe mir beim Zuhören meine eigenen Gedanken zum Aufbau von (gerade gelesenen) Geschichten gemacht. Außerdem war es angenehm, Charlie Jane Anders, die das Hörbuch selbst eingesprochen hat, zuzuhören. Der einzige Grund, wieso ich das Hörbuch nicht deutlich zügiger beendet habe, lag daran, dass ich zwischen Ende Januar und Anfang April relativ wenig Zeit fürs aufmerksame Hören hatte.

Januar – Mai 2025

Hannah Ritchie: Not the End of the World (abgebrochen)

„Not the End of The World“ war mein erster Sachbuchkauf im Januar 2025. Der Titel war mir als ermutigende Veröffentlichung rund um das Thema „Klimawandel“ empfohlen worden, und ich mochte die Leseprobe, die ich vor dem Bestellen angeschaut hatte. Erst einmal möchte ich betonen, dass Hannah Ritchie in ihrem Buch wirklich viele Informationen gesammelt hat, die Mut machen und darauf hinweisen, dass eine Klimakatastrophe definitiv noch abwendbar ist. Unter anderem zeigt die Autorin all die Erfolge auf, die es in den vergangenen Jahrzehnten schon gab und die beweisen, dass ein Wandel möglich ist. Dummerweise stolperte ich beim Lesen über so viele Kritikpunkte, dass ich das Buch nach nicht einmal der Hälfte für einige Wochen unterbrechen musste, weil ich so frustriert war – was genau das Gegenteil von dem war, was ich mir von dem Titel erhofft hatte! – und im Mai habe ich mir dann eingestanden, dass ich das Buch wirklich nicht weiterlesen möchte.

Ich habe einfach Schwierigkeiten, eine Autorin ernst zu nehmen, die Atomkraft als die große Lösung gegen den Klimawandel sieht, ohne dabei auch nur einmal darauf einzugehen, dass es keine sichere Entsorgung für Atommüll gibt. Außerdem finde ich es nicht ermutigend, wenn all die hoffnungsmachenden Absätze zu den verschiedenen Themengebieten im Prinzip darauf hinauslaufen, dass eine Wende möglich ist, solange der Großteil der Regierungen dementsprechende Gesetze und Regelungen erlässt. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen ist das etwas, wodurch ich mich beim Lesen nur umso hilfloser fühlte (und all das war mir schon bewusst, bevor ich zu diesem Sachbuch gegriffen habe). Dazu kamen dann noch ein Haufen Diagramme und Graphen, die in meinen Augen wirklich schlecht gemacht waren und bei denen ich zwar in den Anhängen Verweise auf die jeweilige Studie, aus der die Daten stammten, finden konnte, aber bei denen ich gern Hinweise zu der Datensammlung gesehen hätte. Ein Beispiel dafür war ein Diagramm, bei dem die Luftverschmutzung in London von 1700 bis 2016 aufgezeigt wurde, und ich hätte gern gewusst, woher die historischen Daten kommen (und wieso da ein komischer Graph über der London-Linie in der Luft hängt, der vermutlich die Luftverschmutzung in Delhi in irgendeinem Zeitraum in den 2000ern anzeigen sollte?). Alles in allem stellte sich dieses Sachbuch, von dem ich mir eine hoffnungsvolle Lektüre versprochen hatte, beim Lesen für mich als ziemlich ärgerlich heraus.

Februar – April 2025

Xinran: Gerettete Worte – Reise zu Chinas verlorener Generation (Rezension)

Oktober 2025

Paulina Bren: The Barbizon – The New York Hotel That Set Women Free

Nach den ersten Seiten, in denen es darum ging, wer und wieso das „Barbizon“ gebaut hat, drehte sich das Buch vor allem um die Frauen, die (eine Zeitlang) in dem Hotel gelebt haben. Das führte zu einem spannenden Überblick über das Leben (in der Regel) intellektueller und/oder wohlhabender Frauen in den USA in der Zeit zwischen 1930 und 1960. So erzählt dieses Sachbuch vor allem einen Haufen faszinierender Anekdoten rund um die Zeitschrift Mademoiselle und ihre Gast-Editorinnen, die Models der Ford Modeling Agency und die Schülerinnen der Katharine Gibbs Secretarial School – was nicht nur viel über die (wenigen) Möglichkeiten von Frauen, selbstständig zu leben, verriet, sondern sich auch wirklich gut lesen ließ.

November – Dezember 2025

Zeinab Badawi: An African History of Africa – From the Dawn of Humanity to Independence

Alle paar Jahre wieder suche ich nach Sachbüchern über afrikanische Geschichte, weil mir durchaus bewusst ist, dass das eine Region ist, über die ich viel zu wenig weiß. Allerdings habe ich bislang nur sehr wenige Bücher gefunden, die ich wirklich informativ und gut lesbar fand. „An African History of Africa“ von Zeinab Badawi hingegen war (soweit das bei einer solchen Informationsdichte möglich ist) wirklich gut lesbar. Auch fand ich den Aufbau des Buchs für mich stimmig und – aufgrund der Tatsache, dass ich mehr über Nordafrika weiß als über die restlichen Regionen – leicht zugänglich. Die Autorin beginnt mit der Geschichte von Nordafrika und arbeitet sich dann über den Osten, die Mitte, den Süden bis in den Westen des Kontinents vor, was für mich die Entwicklung der verschiedenen Regionen nachvollziehbar machte. Spannend fand ich z. B. auch die Verweise auf gegensätzliche Darstellungen von Ereignissen zwischen den mündlichen (regionalen) und schriftlichen (häufig von europäischen Händlern/“Entdeckern“) Überlieferungen oder die Beschreibungen von archäologischen Funden, die durch Zitaten aus Dokumenten von Zeitzeugen (auch hier in der Regel europäische Händler/“Entdecker“/Kolonialherren) ergänzt wurden. Mehr als einen Überblick kann solch ein Buch nicht bieten, aber das macht es deutlich besser als andere Titel, die ich bislang über Afrika angeschaut habe. Am Ende hatte ich nicht nur das Gefühl, ich hätte viel gelernt, sondern auch ausnahmsweise nicht einen Haufen unzusammenhängender Wissensfragmente zu einer Region bekommen, sondern eine Landkarte voller Querverweise und Zusammenhänge, die ein gutes Fundament bilden, um mich mehr (und detaillierter) mit Afrikas Geschichte auseinanderzusetzen.

Lese-Eindrücke November 2025

Während ich mich im Oktober noch fragte, ob das mit mir und dem Lesen im November überhaupt klappen würde, muss ich nun zugeben, dass die Zugfahrten und das ganze Drumherum für sehr, sehr viele gelesene Seiten im vergangenen Monat gesorgt haben. Das bedeutet natürlich auch, dass ich wieder ein paar Lese-Eindrücke festhalten konnte.

Laura Greenwood: Cauldron Coffee Shop Vol. 1 (abgebrochen)

Bei diesem Sammelband, der die ersten drei Bände der Cauldron-Coffee-Shop-Reihe enthält, dachte ich anhand der Inhaltsangabe, dass das doch bestimmt eine nette Lektüre für zwischendurch wäre, mit der ich nicht viel falsch machen kann. Tja, und dann habe ich nicht mal den ersten Band („Pumpkin Spice and All Things Nice“) beendet, weil mir der Schreibstil so auf die Nerven ging. Ich habe ja häufig ein Problem, wenn eine Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt wird, aber hier fand ich es besondern unangenehm. Die Protagonistin begründet ständig in Gedanken ihr Verhalten, und behauptet dabei die ganze Zeit, dass ihre Handlungen gegenüber den diversen Personen zwar unnatürlich vertrauensselig/zu gutgläubig/zu großzügig sind, dass sie aber genau weiß, dass sie damit richtig liegt. Währenddessen macht sie sich gleichzeitig überhaupt keine Gedanken über das Verhalten anderer Personen, die sich definitiv verdächtig gemacht haben. Aber ein zu frühes Hinterfragen dieser Figuren hätte ja auch dazu geführt, dass die Geschichte ein vorzeitiges Ende gefunden und noch weniger Umfang als eh schon gehabt hätte. Dadurch bekam ich den Eindruck, dass die Autorin genau wusste, dass ihre Handlung absolut unausgegoren ist, aber trotzdem von mir erwartete, dass ich die diversen Probleme schon ignorieren werde, weil ja alles soooo cozy ist. Das Frustrierende ist, dass aus der Grundidee so eine nette Geschichte hätte werden können …

Casey Blair: Take Back Magic (Diamond Universe: Sierra Walker 1)

Noch eine Geschichte, bei der es mir lieber gewesen wäre, wenn sie mir nicht von einer Ich-Erzählerin präsentiert worden wäre. Trotzdem habe ich mich mit „Take Back Magic“ von Casey Blair gut unterhalten gefühlt. Der Roman reicht zwar leider nicht an die Tea-Princess-Bücher der Autorin heran, aber ich bin neugierig darauf, mehr über das Diamond Universe zu erfahren, in der unsere Welt über keinerlei Magie verfügt, weil diese von anderen Welten abgezogen und genutzt wird. Die Protagonistin Sierra Walker ist zwar eine dieser Urban-Fantasy-Heldinnen, die viel zu genial sind, um mir wirklich sympathisch zu sein (und ich könnte wirklich darauf verzichten, ihre Gedanken zu verfolgen). Aber ich mochte die Nebenfiguren, finde die Idee mit den verschiedenen Welten faszinierend, habe mich mit den magischen Kämpfen gut amüsiert und möchte wissen, was passiert, wenn Sierra versucht, den weiteren Diebstahl von Magie durch die anderen Welten zu verhindern. Deshalb werde ich mir definitiv auch den nächsten Band der Reihe holen.

Megan Bannen: The Undercutting of Rosie and Adam

Nachdem ich „The Undertaking of Hart and Mercy“ vor drei Jahren so sehr genossen hatte, fand ich den zweiten Roman von Megan Bannen („The Undermining of Twyla and Frank“) im Vergleich eher enttäuschend, weshalb ich nur zögerlich zu „The Undercutting of Rosie and Adam“ gegriffen habe. Am Anfang war ich etwas verwirrt, weil die Geschichte zehn Jahre nach „The Undertaking of Hart and Mercy“ spielte und ich das Gefühl hatte, ich hätte zu viele Veränderungen in der Welt verpasst. Auf der anderen Seite passte das sehr gut zur Perspektive von Rosie, die 175 Jahre alt und unsterblich ist. Wobei unsterblich nicht ganz das richtige Wort ist. Rosie kann sterben, sie bleibt nur nicht tot, sondern wird wieder lebendig, sobald ihr Körper alle Schäden behoben hat, die zu ihrem Tod führten. Was zu einem überraschend einsamen Leben führt … Ich mochte es sehr, zu verfolgen, wie Rosie und Adam sich langsam nähergekommen sind und wie Megan Bannen darüber schreibt, welche Auswirkungen ein unendlich langes Leben auf die Personen hat, die davon betroffen sind. Dazu gibt es unglaublich viele neue Hintergründe zu den Alten Göttern dieser fantastischen Welt und zu den Göttern, deren Kinder als Halbgötter ihr Leben in dieser Welt führen müssen. Am Ende kann ich sagen, dass mir dieser Band mindestens so gut gefallen hat wie „The Undertaking of Hart and Mercy“, und ich bin sehr gespannt, was Megan Bannen als Nächstes schreiben wird.

Casualfarmer: Beware of Chicken – A Xianxia Cultivation Novel

„Beware of Chicken“ gehört zu den Titeln, die immer wieder empfohlen werden, wenn es um isekai-Geschichten geht. Aber so richtig hat mich der Roman nicht gereizt, bis ich Ende November dann doch mal die Leseprobe angeschaut hatte. Was dann dazu führte, dass ich die fünf bisher erschienenen Bücher (insgesamt über 2500 Seiten) hintereinander verschlungen habe, weil ich wissen wollte, wie es all den Figuren so ergeht. Inhaltlich geht es um … „Jin Rou wanted to be a cultivator. A man powerful enough to defy the heavens. A master of martial arts. A lord of spiritual power. Unfortunately for him, he died, and now I’m stuck in his body. Arrogant Masters? Heavenly Tribulations? All that violence and bloodshed? Yeah, no thanks. I’m getting out of here. Farm life sounds pretty great. Tilling a field by hand is fun when you’ve got the strength of ten men …“ Unter dem Decknamen Rou Jin lässt sich der Protagonist in dem entlegensten Gebiet des Kaiserreichs nieder, um ein friedliches Farmleben zu führen. Aber all das Wissen, das er während seiner Ausbildung zum Cultivator gesammelt hat, führt dazu, dass seine Farm übermässig produktiv ist, seine Nutztiere sich zu Spirit Beasts entwickeln und er dann doch deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als ihm lieb ist. Ich muss zugeben, dass mir die Spirit Beasts der Farm besonders ans Herz gewachsen sind und ich wirklich gespannt bin, wie es mit ihnen weitergeht. Außerdem ist es sehr amüsant zu lesen, wenn der Protagonist (der vor seinem Tod ein junger Kanadier war und nun in Jin Rous Körper wiedergeboren wurde) mit all den mächtigen Personen interagiert, die an strenge Protokolle und Hierachien gewöhnt sind. Ich muss zugeben, dass ich am Anfang die Erzählweise nicht so überzeugend fand. Aber die Figuren und die absurden Situationen, in denen sie sich stets aufs Neue wiederfinden, genieße ich sehr. Nicht alles an der Geschichte ist heiter und amüsant, und ich habe schon einige Tränen beim Lesen vergossen, aber insgesamt ist es so eine wohltuende Lektüre, dass ich die Augen nach weiteren Bänden aufhalten werde.

Molly O’Neill: Greenteeth

Um „Greenteeth“ von Molly O’Neill bin ich eine ganze Weile drumherumgeschlichen, weil es nach Erscheinen so viele begeisterte Stimmen zu dem Roman gab, dass ich davon ausging, dass die Geschichte dieser Begeisterung nicht gerecht werden könnte. Im Mai habe ich mir doch mal die Leseprobe angeschaut und kurz danach ist das Buch bei mir eingezogen – auch wenn es dann noch bis November gedauert hat, bis ich es endlich vom SuB zog. Nachdem ich den Roman gelesen habe, kann ich sagen, dass ich die Geschichte sehr gern mochte. Ich kann die überschlagende Begeisterung, die ich teilweise gesehen habe, zwar nicht nachvollziehen, aber ich habe meine Zeit mit dem Roman und die Erzählstimme der Protagonistin wirklich genossen und mich stellenweise überraschen gut amüsiert. In vielen Elementen erinnerte mich „Greenteeth“ angenehmerweise an fantastische Romane, die ich als Jugendliche gelesen habe. Das liegt an der eher gemächlichen Entwicklung der Handlung, an den praktisch veranlagten Figuren und an der Art und Weise, in der Molly O’Neill die verschiedenen englischen, walisischen und schottischen Mythen aufgegriffen hat.

Die Handlung selbst wird von (einer) Jenny Greenteeth erzählt, die seit vielen hundert Jahren in dem See in der Nähe des Orts Chipping Appleby lebt und in der Regel die Menschen in ihrer Nähe ignoriert. Ich mochte es sehr, Jennys Gedanken zu verfolgen, gerade weil sie sich im Klaren darüber ist, dass sie ein Monster ist. Aber sie ist ein recht pragmatisches Monster, und so lockt sie zum Beispiel keine erwachsenen Menschen in ihren See, weil das zu viel Nahrung auf einmal wäre und die Überreste ihr Gewässer verschmutzen würden. Deshalb ist Jenny auch umso irritierter, als die Anwohner von Chipping Appleby eines Tages eine gefesselte Frau in ihren See werfen. Temperance Crump bekam von ihren Nachbarn vorgeworfen, eine Hexe zu sein – was natürlich stimmt, aber ihre Nachbarn nicht gestört hatte, bis der neue Priester im Ort ankam. Seine Predigten und Anklagen sind der Grund, wieso Temperance nicht nur im See gelandet ist, sondern nun auch noch um das Leben ihres Mannes und ihrer beiden kleinen Kinder fürchten muss.

Ich fand es sehr schön mitzuverfolgen, wie Jenny und Temperance sich anfreunden und sich – nachdem sie mehr über den neuen Priester herausgefunden haben – aufmachen, um eine Waffe gegen das aufkommende Böse in Chipping Appleby zu finden. Dabei machen sich die beiden gemeinsam mit dem Goblin-Händler Brackus auf die Suche nach Gwyn ap Nudd und der Wilden Jagd. Diese Suche setzt sie nicht nur den Gefahren der Wild Roads aus, sondern sorgt auch dafür, dass sie so einige Herausforderungen überstehen müssen. Dabei stehen nicht die Abenteuer, die die drei Gefährten bestehen, im Mittelpunkt der Geschichte, sondern die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen Jenny und Temperance (und Brackus). All die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser drei Figuren sorgen für viele Überraschungen in ihrer Beziehung zueinander – und jedes Mal, wenn die drei wieder ein Stückchen entspannter miteinander umgehen, passiert etwas, das sie daran erinnert, dass eine von ihnen ein Mensch, einer ein Kobold und eine ein Monster ist.

Mir hat es gefallen, dass in „Greenteeth“ die Freundschaft zweier Frauen im Mittelpunkt der Geschichte stand (und keine Romanze), und so fand ich es stimmig und unterhaltsam, dass sich die Handlung vor allem um die Interaktion zwischen Jenny, Temperance und Brackus drehte. Dies sorgte – neben dem einen oder anderen Missverständnis – für überraschend wohltuende Szenen, in denen die drei Reisenden sich gegenseitig unterstützen, und selbst kleinere Reibereien unter den Figuren konnten diese für mich angenehme Atmosphäre nicht anhaltend stören. Trotzdem zieht sich durch den gesamten Roman eine leicht bittere Note, die mit all den (von Molly O’Neill wunderbar eingesetzten) britischen Sagen-Elementen zu tun hat. Denn obwohl die drei Figuren sich den Großteil der Handlung über durch den magischen Teil ihrer Welt bewegen und dabei so vielen fantastischen Wesen begegnen, wird schnell deutlich, dass die Zeit der Fae so langsam vorbei ist. Dies sorgte dafür, dass mich beim Lesen die ganze Zeit lang weniger die Frage beschäftigt hat, ob die drei am Ende das Böse in Chipping Appleby besiegen, sondern ob es am Ende überhaupt noch eine Zukunft für Jenny geben kann. Das hat dann, trotz der überraschend wohltuenden und entspannten Atmosphäre, die durch die Freundschaft der Protagonistinnen erzeugt wurde, doch für eine gewisse Spannung gesorgte. Ich bin auf jeden Fall neugierig, was Molly O’Neill nach diesem Debütroman noch so für Geschichten veröffentlichen wird.

Joseph Elliott: The Good Hawk (Shadow Skye 1)

„The Good Hawk“ von Joseph Elliott lag seit fast vier Jahren auf meinem SuB, bis ich den Roman im Oktober endlich gelesen habe. Die Geschichte beginnt auf der Insel Skye und wird abwechselnd aus der Sicht von Agatha und Jaime erzählt. Beide sind vor einigen Monaten 15 geworden, und beide haben ein paar Probleme mit dem Beruf, der ihnen zu diesem Zeitpunkt zugeteilt wurde. Während Agatha als „Hawk“ die Ansiedlung des Clans Clann-a-Tuath bewachen soll und dabei eines Tages einen gravierenden Fehler begeht, bekommt Jaime, wenn er als „Angler“ (Fischer) aufs Meer fährt, Panikattacken. Doch als ihr Clan überfallen und versklavt wird, sind es diese beiden, die sich per Boot auf dem Weg machen, um die gefangen genommenen Clanmitglieder zu retten.

Das Ganze spielt in einer Vergangenheit, in der Schottland und England seit Ewigkeiten miteinander im Krieg lagen – bis Schottlands Bevölkerung durch eine Seuche fast vollständig ausgelöscht wurde. So ist es für Agatha und Jaime eine besondere Herausforderung, dass sie während ihres Abenteuers das Festland betreten müssen. Beide wissen von der Seuche, die vor einigen Jahren in Schottland wütete, und beide haben die Geschichten über die unheimlichen Schatten gehört, die danach in dem Land zurückblieben. Das bedeutet, dass sowohl Jaime als auch Agatha immer wieder nicht nur mit einer unwirtlichen Umgebung fertig werden müssen, sondern auch mit ihren eigenen Ängsten und Herausforderungen. Im Laufe der Zeit stolpern sie dabei nicht nur über überraschende Verbündete, sondern auch über unnatürliche und gefährliche Wesen.

Dazu kommt, dass Agathas Perspektive so geschrieben (und sie aus Jaimes Sicht so beschrieben) wurde, dass sie wohl eine Person mit Down-Syndrom sein soll – und das sorgt für eine ganz andere Wahrnehmung von vielen Situationen. Das fand ich sehr faszinierend, weil das Mädchen viele Begegnungen ganz anders beurteilt, als es Jaime tut – was natürlich auch Agathas Reaktion auf neue Herausforderungen für ihn immer wieder etwas unberechenbar machte. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass Joseph Elliott Agatha stimmig und voller Respekt gegenüber ihrem Charakter geschrieben hat. Aber wie gut er die Perspektive einer Person mit Down-Syndrom getroffen hat, kann wohl nur eine solche Person beurteilen.

All die Erlebnisse, die Agatha und Jaime durchmachen müssen, hätte ich als Zwölfjährige vermutlich total spannend gefunden. Und auch als erwachsene Leserin habe ich den Roman in gerade mal zwei Abenden durchgelesen und mich gut unterhalten gefühlt. Am Ende der Geschichte gibt es so einiges Potenzial für weitere Abenteuer für die beiden Figuren. Aber ich muss zugeben, dass ich dann doch nicht so gefesselt von den Erlebnissen war, die Jaime und Agatha durchmachen mussten, dass ich mir die beiden Fortsetzungen noch besorgen würde. Bei diesem Buch macht es sich für mich am Ende doch bemerkbar, dass ich definitiv deutlich älter bin als die anvisierte Zielgruppe (und nicht mehr so viel Freude wie früher an Romanen habe, die in einer ferneren Vergangenheit spielen).

Mizuki Tsujimura: Lonely Castle in the Mirror

Ich hätte nicht gedacht, dass ich fünfzehn Monate nach dem Lesen von „Lonely Castle in the Mirror“ von Mizuki Tsujimura noch eine Rezension zu dem Roman schreiben würde. Aber dann habe ich im September einen Bericht gesehen über die steigende Anzahl von Hikikomori unter Japans Schüler*innen und das damit verbundene Stigma, das nicht nur die betroffenen Personen, sondern auch ihre Familien betrifft – und musste wieder an dieses Buch denken. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Kokoro Anzai, die in ihrem ersten Jahr an der Yukishina Junior High School ist und seit Wochen nicht am Unterricht teilgenommen hat. Als eines Tages der Spiegel in ihrem Zimmer aufleuchtet, entdeckt Kokoro, dass sie durch den Spiegel in ein geheimnisvolles Schloss gehen kann. Nach und nach treffen weitere Personen, die alle ungefähr in Kokoros Alter sind, in diesem Schloss ein und werden von einem Mädchen mit einer Wolfsmaske (der Wolf Queen) über die dort herrschenden Regeln informiert.

Jede der – inklusive Kokoro – sieben Personen verfügt über ein eigenes Zimmer in dem magischen Schloss, in dem sie sich tagsüber aufhalten dürfen. Allerdings müssen sie das Schloss bis 17 Uhr verlassen, weil sie sonst von einem Wolf gefressen werden. Außerdem gibt es im Schloss Hinweise auf die Lösung eines Rätsels, und die sieben Jugendlichen haben ein Jahr Zeit, um das Rätsel zu lösen – und der Person, die dabei erfolgreich ist, gewährt die Wolf Queen die Erfüllung eines Wunsches. Im Laufe der Wochen lernen sich die sieben Jugendlichen besser kennen, wobei es immer wieder kleinere und größere Auseinandersetzungen zwischen ihnen gibt, die auch schon mal dazu führen, dass jemand längere Zeit das Schloss nicht betritt. Trotzdem freunden sie sich miteinander an, genießen die gemeinsamen Stunden im Schloss und finden heraus, dass sie (fast) alle ähnliche Probleme haben, die dazu führen, dass sie seit längerer Zeit keine Schule besucht haben.

Es gibt zwei größere Enthüllungen in der Geschichte, die ich beide relativ vorhersehbar fand, was aber mein Vergnügen beim Lesen nicht getrübt hat. Denn auch wenn ich nicht alle Charaktere in dem Roman wirklich sympathisch fand, so habe ich doch gern verfolgt, wie Kokoro die anderen Jugendlichen kennenlernte und mehr über sie herausfand. Außerdem gibt es außerhalb des Schlosses noch den Teil der Handlung, in dem Kokoro – sehr langsam und zögerlich – mit Hilfe ihrer Mutter und einer Lehrerin versucht, eine Lösung für ihre Probleme zu finden, was ich sehr berührend fand. Vor allem aber mochte ich die vielen kleinen Szenen, in denen Kokoro es genießt, wieder Freunde zu haben, genauso wie die Momente, in denen ihr bewusst wird, wie viele Vorurteile sie doch verinnerlicht hat und wie wichtig es ist, eine Person erst einmal kennenzulernen, bevor sie über sie urteilt. Dabei gibt es sehr viele Elemente, die – meinem Gefühl nach – eine Menge über die japanische Gesellschaft und den Alltag in Japan erzählen, was ich immer wieder faszinierend finde.

Für mich war „Lonely Castle in the Mirror“ eine Geschichte, die ich in Stückchen genossen und bei der ich immer wieder über kleine zwischenmenschliche Aspekte nachgedacht habe. Obwohl die großen „Überraschungsmomente“ der Handlung vorhersehbar waren, habe ich interessiert verfolgt, wie die verschiedenen Charaktere auf diese Enthüllungen reagierten. Mizuki Tsujimura spricht mit ihrem Roman viele verschiedene Aspekte an, die Schüler*innen dazu bringen können, nicht am Unterricht teilzunehmen, zeigt aber auch die vielen – teils recht hilflosen – Versuche ihrer Umgebung, zu verstehen, was in diesen Personen vorgeht und wie ihnen geholfen werden kann. Das führt zu ein paar wirklich berührenden Momenten, die ich gern gelesen habe.

Mark Oshiro: The Insider

„The Insider“ ist mein erstes Buch von Mark Oshiro, und es hat mir wirklich sehr gut gefallen. Bevor ich mehr zu der Geschichte sage, möchte ich erwähnen, dass ich in dieser Rezension „they/them“ als Pronomen verwenden werde, weil das die Pronomen sind, die Mark Oshiro auf der eigenen Webseite für sich angibt, und weil es im Deutschen keine festen Pronomen für nichtbinäre Personen gibt. „The Insider“ wird aus der Perspektive von Héctor Muñoz erzählt, der aufgrund eines Jobwechsels seiner Mutter von San Francisco in den kleinen Ort Orangevale umziehen muss. Das Schlimmste daran ist für Héctor, dass er seine Schule – die sich auf Kunst und Schauspiel spezialisiert hat – und seine besten Freunde verlassen muss, aber er ist wild entschlossen, das Beste aus diesem Umzug zu machen. Doch trotz all seiner Bemühungen, einen Platz in seiner neuen Schule zu finden, eckt er immer wieder an, wird zur Zielscheibe der Schulbullys und muss zum ersten Mal in seinem Leben erfahren, dass ihn die Tatsache, dass er offen schwul ist, zu einem Außenseiter macht.

Es war wirklich schmerzhaft zu verfolgen, wie Héctor sich mit jedem weiteren Tag an dieser Schule immer kleiner macht, immer mehr versucht, sich anzupassen und den Erwartungen seiner Umgebung zu entsprechen, obwohl er dem Leser vor Schulbeginn als eine wunderbar schillernde und selbstbewusste Persönlichkeit vorgestellt wurde. Dabei ist nicht alles schlimm an seiner neuen Schule in Orangevale, so gibt es zum Beispiel eine wirklich sympathische Kunstlehrerin und eine Gruppe von Mitschüler*innen, die ebenso wie er Außenseiter sind. Aber selbst seine Versuche, unter den anderen „Misfits“ neue Freunde zu finden, scheitern daran, dass diese Angst vor den Schulbullys haben, die in Héctor ihre aktuellste Zielscheibe sehen. Einzig ein magischer Raum, der eines Tages in der Schule auftaucht und anscheinend nur von Héctor betreten werden kann, bietet dem Jungen eine Zuflucht während des Schulalltags.

Dieser Raum hält für Héctor all die Dinge bereit, die dieser gerade am dringensten benötigt, sei es eine Couch, auf der er Schlaf nachholen, oder ein Kühlschrank mit seinem Lieblingsgetränk, wenn er wieder einmal nicht zum Essen in die Cafeteria der Schule gehen kann. Nach einiger Zeit trifft Héctor sogar zwei Personen in diesem Raum, die zwar nicht auf die selbe Schule wie er gehen, mit denen er sich aber anfreunden kann – und sei es nur, weil Juliana und Sal mit ähnlichen Herausforderungen an ihren eigenen Schulen zu kämpfen haben. Die Freundschaft, die sich zwischen Héctor, Juliana und Sal entwickelt, bildet einen dringend notwendigen Gegensatz zu all den aufreibenden Erlebnissen, die Héctor durchstehen muss, und natürlich stehen sich die drei im Laufe der folgenden Wochen bei und schaffen es so sich das Leben gegenseitig etwas zu erleichtern.

Ich muss zugeben, dass ich mich als erwachsene Leserin anfangs gefragt hatte, wieso Héctor nicht offener gegenüber seinen liebevollen und aufmerksamen Eltern ist. Aber er hat immer wieder – in seinen Augen – gute Gründe, wieso er seinen Eltern nichts von den Schikanen in der Schule erzählt, so dass ich sein Verhalten am Ende relativ stimmig und nachvollziehbar fand. Außerdem hat Mark Oshiro natürlich recht damit, wenn they mit Héctors Geschichte zeigt, dass ein liebevolles Elternhause eben nicht vor einem queerfeindlichen und rassistischen Umfeld schützt. Ein weiterer Punkt, den ich bis zum Schluss der Geschichte schwer nachvollziehbar fand, war das Verhalten einer Person, die zur Schule gehört und die in Héctor immer und immer wieder den Übeltäter statt das Opfer sah – unabhängig davon, in was für einer Situation Héctor vorgefunden wurde. Aber auch hier gelang es Mark Oshiro für mich stimmig darzustellen, was das Problem mit dieser Person war und wieso sie sich so verhielt. Das führte dazu, dass ich am Ende das Gefühl hatte, ich hätte nicht nur eine nachvollziehbare Erklärung für etwas gefunden, das mich den gesamten Roman über beschäftigt hat, sondern auch etwas Wichtiges über zwischenmenschliche Interaktion gelernt.

Ich kann nicht behaupten, dass es ein wohltuendes Erlebnis war, „The Insider“ zu lesen, aber es ist ein eindringliches Buch mit einem wirklich wunderbaren Protagonisten. Mark Oshiro erzählt die Geschichte mit einer Mischung aus amüsanten Momente rund um Héctors Freunde, liebevollen Szenen mit seiner Familie und unerträglichen/zermürbenden Schikanen durch die Schulbullys. Was dazu führte, dass ich beim Lesen Tränen in den Augen hatte, während ich im nächsten Moment amüsiert vor mich hingackerte. Ich wusste lange nicht, wie ich meine Gedanken zu diesem Roman in Worte fassen sollte, aber da mich Protagonist Héctor und seine Erlebnisse auch nicht so recht losgelassen haben, wollte ich das Buch auch nicht ins Regal stellen, ohne eine Rezension dazu zu schreiben.