Kategorie: Rezension

Phil Hickes: The Haunting of Aveline Jones

Da ich in den letzten Wochen überraschend große Lust auf Geistergeschichten hatte, hatte ich mir „The Haunting von Aveline Jones“ von Phil Hickes zu Weihnachten gewünscht. Und ich muss sagen, dass es die perfekte Geschichte ist für einen gemütlichen Abend auf dem Sofa, während fette Regentropfen ans Fenster pladdern und es draußen grau und ungemütlich ausschaut. Die Handlung spielt Ende Oktober in dem kleinen Ort Malmouth an der Küste von Cornwall, wo Aveline die Herbstferien bei ihrer Tante Lilian verbringen soll, während ihre Mutter sich um Avelines Großmutter kümmert, die in Schottland im Krankenhaus liegt. Aveline fürchtet, dass diese Ferien schrecklich langweilig werden, da Tante Lilian immer sehr streng wirkt und in Malmouth außerhalb der Touristensaison nur wenig los ist. Doch schon bei ihrem ersten Gang in den kleinen Ortskern findet Aveline in der wunderbaren Secondhand-Buchhandlung von Ernst Lieberman ein vielversprechendes Buch mit Geistergeschichten aus der Region.

Geistergeschichten sind nämlich Avelines Leidenschaft, auch wenn sie bei ihr immer mal wieder für Albträume sorgen. Als Aveline dann noch herausfindet, dass das Buch früher Primrose Penberthy gehört hat und dass diese vor dreißig Jahren spurlos verschwunden ist, ist sie wild entschlossen herauszufinden, was aus Primrose geworden ist – und ob die mysteriöse letzte Geschichte in ihrem neuen Buch damit zu tun hat.

Was ich wirklich an „The Haunting of Aveline Jones“ mochte, ist die Tatsache, dass nicht nur Aveline und ihr neuer Freund Harold, der der Neffe des Buchhändlers ist, in die Ereignisse verwickelt werden, sondern dass auch Ernst Lieberman und Avelines Tante Lilian im Laufe der Geschichte ungewöhnliche und beunruhigende Dinge sehen und erleben. So bekommt man als Leser deutlich zu spüren, dass auch diese Erwachsenen nicht all diese rätselhaften und unheimlichen Ereignisse wegerklären können. Die Unterstützung, die Aveline und Harold durch die Erwachsenen bekommen, sorgt dann auch für diverse sehr gemütliche Szenen voller Geborgenheit, die ich sehr genossen habe und die einen wunderbaren Ausgleich zu all den bedrohlichen Elementen in der Geschichte bieten.

Die Illustrationen von Keith Robinson sind wunderbar düster und tragen sehr zur gruseligen Atmosphäre in dem Buch bei. Vor jedem Kapitel gibt es eine karge Landschaft, in der sich ein Zitat von Primrose finden lässt, die Kapitelüberschriften werden von entlaubten Zweigen und fliegenden Blättern eingefasst und wichtige Elemente der Geschichte werden mit kleinen Zeichnungen noch einmal aufgegriffen. Der gesamte Roman ist durchdrungen von der unangenehmsten Seite, die der Herbst an der Küste zeigen kann. Es regnet und stürmt, es ist kalt und unheimlich, und all das wird immer wieder durch Szenen in der überfüllten Buchhandlung oder vor dem gemütlichen Kaminfeuer unterbrochen. Für eine Geschichte, deren Zielgruppe Neun- bis Elfjährige sein sollen, fand ich die Handlung überraschend düster, aber ich habe all die unheimlichen und gefährlichen Elemente ebenso wie die heimeligen Szenen sehr genossen und ich bin mir sicher, dass ich das Buch irgendwann Ende Oktober noch einmal aus dem Regal ziehen und lesen werde. Außerdem soll es – laut der Rückseite meiner Taschenbuchausgabe – eine Fortsetzung mit dem Titel „The Bewitching of Aveline Jones“ geben, auf die ich mich schon jetzt freue, aber da habe ich bislang keinerlei Informationen über den genauen Veröffentlichungstermin finden können.

C. L. Polk: Witchmark (Kingston Cycle 1)

Es ist lustig, aber obwohl dieser Titel so viel besprochen und mit so viel Begeistung in meiner Timeline aufgenommen wurde, hatte ich gar keine rechte Vorstellung von „Witchmark“ von C. L. Polk, bevor ich den Roman gelesen hatte. Die Geschichte, die in einer fantastischen Welt spielt, die ein wenig an das edwardianische England erinnert, wird aus der Perspektive von Miles Singer erzählt. Dieser arbeitet (nach einem frühren Einsatz als Militär-Chirurg) als Psychiater im Beauregard-Krankenhaus und ist dort vor allem für die Betreuung von Soldaten zuständig, die von der Front im Nachbarland Laneer heimgekehrt sind. Als Miles eines Abends seine Schicht beenden will, wird von einem fremden Mann ein Sterbender eingeliefert, den dieser auf der Straße aufgefunden hatte. Bevor Miles überhaupt die Möglichkeit hat, dem mysteriösen Nick Elliott zu helfen, nimmt dieser ihm das Versprechen ab, in seinem Mordfall zu ermitteln, und verstirbt. Gemeinsam mit dem Fremden, der sich Miles gegenüber als Tristan Hunter vorstellt, versucht der Arzt, mehr über Nick Elliott und die Personen, die für seinen Tod verantwortlich sind, herauszufinden.

Da ich vorher so gar keine Vorstellungen davon hatte, was mich bei „Witchmark“ erwartet (abgesehen von „irgendwas mit Magie“ und „Veteranen“), gab es für mich beim Lesen immer wieder kleine Aha-Momente, wenn ich mal wieder über ein neues Genre-Element gestolpert bin. In dem Roman mischen sich Historisches mit Fantasy, mit Kriminal- und mit Liebesgeschichte zu einem Gesamtwerk, das ich wirklich gern gelesen habe. Ich mochte die verschiedenen Figuren (von den Antagonisten natürlich abgesehen), auch wenn nicht alle Personen, die ich gern besser kennengelernt hätte, wirklich viel Raum in der Handlung bekommen, aber ich habe mich über jede weitere Szene mit einem dieser Charaktere gefreut. Miles selbst kam mir stellenweise etwas naiv vor, aber das war aufgrund seines familiären Hintergrunds und der Art und Weise, wie die Gesellschaft in diesem Roman funktioniert, auch stimmig. Ebenso realistisch fand ich es, dass einige der sympathischen Figuren in der Geschichte nicht immer die beste oder „richtige“ Wahl getroffen habe, wenn sie Entscheidungen treffen mussten. Dabei ist es C. L. Polk gelungen, glaubwürdig darzustellen, welche Gewissenskonflikte hinter den verschiedenen Entscheidungen standen, so dass ich als Leser zwar etwas enttäuscht von dem jeweiligen Charakter war, aber trotzdem Verständnis für ihn haben konnte.

Außerdem gefiel mir der Weltenbau, der auf der einen Seite – dank vieler Elemente, die an das edwardianische England erinnern – so vertraut wirkte, aber auf der anderen Seite durch die unvertraute Geografie und Technik ebenso wie durch die Erwähnung und Anwendung von Magie genügend ungewöhnliche Bestandteile mit sich brachte, um meine Neugier beim Lesen wach zu halten. Ich habe es auf jeden Fall genossen, mehr über diese Welt herauszufinden, obwohl es – wegen der ganzen Passagen, die sich um Miles‘ Kriegserlebnisse und die Ereignisse in Laneer drehten – stellenweise ganz schön heftig wurde. Im Kontrast dazu standen dann die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Tristan und Miles, die einfach nur süß mitzuerleben war – gerade weil Miles sich eigentlich nicht darauf einlassen will und weil beide befürchten müssen, dass sie nur eine kurze Zeit miteinander haben.

Dafür, dass die Handlung nur wenige Tage umspannt, lässt sich die Autorin recht viel Zeit mit dem Erzählen der Geschichte. Es gibt immer wieder kleine Momente, in denen häusliche Szenen oder die Lebens- und Arbeitssituationen der verschiedenen Figuren beschrieben werden, und es gibt einige Passagen, in denen sich Miles und Tristan private Stunden gönnen, um einander kennenzulernen. So liest sich „Witchmark“ trotz des soliden Kriminalanteils der Geschichte und der dadurch hervorgerufenden Spannung überraschend gemütlich. Ich bezeichne den Kriminalanteil als „solide“, weil ich einige der „unerwarteten“ Wendungen relativ vorhersehbar fand. Aber das hat nichts daran geändert, dass ich diese entscheidenden Punkte in der Handlung trotzdem interessiert gelesen habe, weil die Art und Weise, wie Miles diese Elemente herausfindet, für mich unterhaltsam genug war, um mich mit der Vorhersehbarkeit zu versöhnen.

Überhaupt gibt es relativ wenig an „Witchmark“, das ich als neu oder ungewöhnlich bezeichnen würde, aber C. L. Polks Erzählweise hat dafür gesorgt, dass ich das Buch – trotz der dramatischen und schrecklichen Elemente – sehr genossen habe. Oh, und bevor ich es vergesse: Ich habe selten eine Geschichte gelesen, in der so viel mit dem Fahrrad gefahren wird, und ich habe mich ungemein darüber gefreut, weil diese Szenen stellenweise so toll geschrieben waren und weil das Fahrrad – obwohl es doch so eine wichtige Rolle in der Emanzipation der Frauen und überhaupt der Entwicklung der Menschen rund um das Ende des 19. Jahrhunderts spielte – viel zu selten eine prominente Rolle in Romanen spielt. Ich freu mich sehr darüber, dass es noch zwei weitere Bücher in der Welt gibt (der zweite Band mit dem Titel „Stormsong“ ist 2020 erschienen, der dritte Teil mit dem Titel „Soulstar“ erscheint im März 2021), auch wenn dort andere Protagonisten im Zentrum stehen.

Diana Biller: The Widow of Rose House

In „The Widow of Rose House“ von Diana Biller vermischt die Autorin eine im Jahr 1875 spielende Liebesgeschichte mit Geister-Elementen, wobei die Beziehung der beiden Hauptfiguren definitiv deutlich mehr Raum einnimmt als die Geistergeschichte. Protagonistin in „The Widow of Rose House“ ist die verwitwete Alva, die nach einigen Jahren in Paris zurück nach New York kommt, um dort ein Buch über Innendekoration zu schreiben. Aufhänger der geplanten Veröffentlichung ist das verfallene Anwesen Liefdehuis, das Alva gekauft hat und dessen Renovierung sie dokumentieren will. Doch die einzige Handwerkertruppe, die überhaupt bereit war, das Haus zu betreten, kündigt schon bald wegen all der unheimlichen Vorfälle auf der Baustelle. Nach all den rufschädigenden Nachrichten, die über sie aus Europa nach New York gekommen sind, ist diese Buchveröffentlichung für Alva die einzige Hoffnung auf eine Zukunft, in der sie auf eigenen Beinen stehen kann, und so sucht sie verzweifelt jemanden, der den angeblich im Liefdehuis spukenden Geist vertreiben kann.

Der berühmte Erfinder Sam Moore hingegen fragt sich schon seit einigen Monaten, ob Geister real sind und wenn ja, wie man sie wohl nachweisen oder gar mit ihnen in Kontakt treten könnte. So scheint eine intensivere Auseinandersetzung mit den Geistergeschichten rund um das Liefdehuis nicht nur perfekt zu sein, um seine Neugier bezüglich übernatürlicher Erscheinungen zu befriedigen, sondern auch um Alva näher kennenzulernen, die ihn auf den ersten Blick fasziniert hat. Ich muss gestehen, dass mir Sams Faszination für Alva ein bisschen arg schnell ging, denn es hätte vollkommen gereicht, wenn sich diese erst einmal nur auf ihr Haus erstreckt hätte und er Alva erst im Laufe der Zeit schätzen lernt. Aber da in den folgenden Kapiteln ein langsameres Kennenlernen der beiden inklusive viele intensiverer Gespräche beschrieben wird, konnte ich dann doch gut mit Sams schnell aufflackernden Gefühlen leben. Auch war mir Sam ein bisschen zu freundlich, zu geduldig und zu verständnisvoll (neben seiner Genialität und seinem Hang zur Unordnung), wobei dieses „Zu gut“-Sein von Sam auch dazu geführt hat, dass ich ihn als Leserin schnell ins Herz geschlossen und für ihn und Alva gehofft habe, dass sie am Ende doch zusammenkommen können.

Alva selber hingegen ist glaubwürdiger gestaltet. Dabei meine ich weniger ihre Hintergrundgeschichte als die Art und Weise, wie sie mit all den Traumata umgeht, die ihre Vergangenheit ihr beschert haben. Sie wurde als Kind von ihren (reichen, aber gefühlsarmen) Eltern vernachlässigt und mit gerade mal siebzehn Jahren mit einem deutlich älteren Mann verheiratet, der es auf Alvas Geld abgesehen hatte. Alvas verstorbener Mann hatte sie während der gemeinsamen Jahre nicht nur misshandelt, sondern auch ihren Ruf unrettbar geschädigt, als sie sich endlich von ihm trennte. So ist Alva fest entschlossen, einen Weg zu finden, um doch noch ein erfülltes und angstfreies Leben zu führen. Die Renovierung von Liefdehuis scheint perfekt geeignet zu sein, um dieses Ziel zu erreichen. Ich habe Alvas Perspektive wirklich gern verfolgt, weil sie so entschlossen ist, sich von ihrer Vergangenheit nicht daran hindern zu lassen, eine Zukunft aufzubauen, in der sie von der Arbeit leben kann, für die sie Talent hat und die sie befriedigt. Es gibt so einige Situationen, in denen sie Angst hat oder in denen sie in Gefahr schwebt, aber (fast) die ganze Zeit ist sie wild entschlossen, sich nie wieder unterkriegen zu lassen, und sie ist dickköpfig genug, um Wege zu finden, mit diesen Situationen fertig zu werden.

Neben den Charakteren mochte ich es, wie Diana Biller die Atmosphäre der 1870er Jahre durch eine Mischung von Kleidungs- und Einrichtungsbeschreibungen, durch politische Diskussionen und Ereignisse und durch das Aufzeigen von alltäglichen Dingen in ihrem Buch zum Leben erweckte. Dabei scheut die Autorin nicht vor den düsteren Seiten dieser Zeit zurück, aber da es nun einmal in erster Linie eine Liebesgeschichte ist, liegen die schlimmeren Ereignisse entweder in der Vergangenheit oder werden so erzählt, dass man sich eigentlich die ganze Zeit sicher sein kann, dass schon alles gut ausgehen wird. Ich habe mich von dieser Geschichte sehr gut unterhalten gefühlt, gerade weil ich immer wieder über Elemente stolperte, die ich aus nichtfiktiven Veröffentlichungen kannte. Außerdem hatte ich viel Spaß an all den Gesprächen zwischen Alva und Sam oder den verbalen Kabbeleien innerhalb der Moore-Familie und musste beim Lesen regelmäßig kichern. All das führt dazu, dass ich mich sehr darüber freue, dass Diana Biller vor kurzem auf Twitter eine Andeutung gemacht hat, dass es wohl demnächst einen weiteren Roman von ihr gibt und sich dieser dann um Sams Bruder drehen wird.

Amy Wilson: Snowglobe

Nachdem ich im November „Owl and the Lost Boy“ von Amy Wilson gelesen hatte, wollte ich unbedingt noch in diesem Jahr auch „Snowglobe“ vom SuB ziehen, und ich bin sehr froh, dass ich das getan habe. Ich weiß nicht, ob ich zuvor schon einmal eine Geschichte gelesen habe, die sich so sehr nach Diana Wynne Jones anfühlte, ohne von Diana Wynne Jones zu sein. Die Handlung dreht sich um die zwölfjährige Clem(entine) und beginnt damit, dass diese Magie gegen einen Mitschüler einsetzt, der sie seit Monaten in der Schule drangsaliert. Dabei ist es für sie nicht so überraschend, dass sie über Magie verfügt, hat sie doch im vergangenen Jahr alles versucht, um diese zu unterdrücken und sich so zu verhalten, als wäre sie ganz normal. Geerbt hat Clem ihre Magie von ihrer vor zehn Jahren verschwundenen Mutter Callisto, und erst als ihr Vater ihr das alte Tagebuch ihrer Mutter anvertraut, lernt Clem nach und nach mehr über Callistos Familie. Doch schon die ersten Hinweise führen Clem in ein unheimliches Haus voller Schneekugeln, und als sie in einer der Schneekugeln ihren Mitschüler Dylan entdeckt, setzt sie alles daran, ihn zu befreien.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll – ich habe das Buch beim Lesen so genossen und als so wohltuend empfunden. Clem und ihr Vater haben eine zwar etwas sprachlose, aber wunderbar vertrauensvolle Beziehung zueinander, und ich mochte die Szenen mit den beiden sehr. So ist er auch nicht verärgert, als Clem für einige Tage von der Schule suspendiert wird, sondern bittet sie nur darum zu versuchen, dass sie ihre Magie (mit Hilfe des alten Tagebuchs) in den Griff bekommt. Auch als er später in der Geschichte dahinterkommt, dass Clem sich regelmäßig in Gefahr begibt und immer wieder das rätselhafte Haus mit den Schneekugeln aufsucht, gibt es keinen großen Ärger mit ihm, sondern ein Gespräch zwischen den beiden, in dem sie versuchen, ihre Gefühle und Gedanken offenzulegen und eine Lösung zu finden, mit der beide leben können. Mir gefiel dieser respektvolle und fürsorgliche Umgang zwischen Vater und Tochter und ich mochte es sehr, dass das alles so undramatisch vonstatten ging, obwohl sich Clems Vater natürlich große Sorgen um sie machte.

Die Beziehung zwischen Clem und ihrem Mitschüler Dylan ist da deutlich schwieriger. Auf der einen Seite versucht sie alles, um ihn aus seiner Schneekugel zu retten, auf der anderen Seite ist Dylans bester Freund der Junge, der Clem jeden Tag in der Schule terrorisiert – ohne dass Dylan jemals eingegriffen hätte. Überhaupt muss sich Clem in „Snowglobe“ immer wieder widerstreitenden Gefühlen stellen: Sie hat Sehnsucht nach ihrer Mutter und ist doch wütend, dass diese vor so vielen Jahren verschwunden ist, sie hat Verständnis für Dylans Probleme und wünscht sich doch, er würde ihr einmal zur Seite stehen, und dann sind da noch die beiden unheimlichen und mächtigen Frauen, die in dem rätselhaften Haus leben und die anscheinend eine Verbindung zu Clems Mutter haben. Außerdem gibt es so viele andere Personen, die in den Schneekugeln gefangen gehalten werden, und jede einzelne von ihnen hat ihren ganz eigenen Weg gefunden, um mit diesem Gefängnis fertigzuwerden – und das bedeutet auch, dass sich manche dieser Gefangenen auf die Seite ihrer Gefängniswärterinnen geschlagen haben.

Clem (und Dylan) schweben die gesamte Geschichte hindurch immer wieder in (Lebens-)Gefahr, und doch zieht die Handlung ihre Spannung nicht aus diesen Elementen, sondern aus den vielfältigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Charakteren. „Snowglobe“ dreht sich um Freundschaft und Familie, um Verlust und Trauer, aber auch ums Um-Verzeihung-Bitten und ums verzeihen können. Ich mochte die magische Atmosphäre in diesem Roman sehr, genauso wie mir die Grundidee rund um die Schneekugeln sehr gut gefallen hat, und ich habe die verschiedenen Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten ins Herz geschlossen. Dass mir Amy Wilsons Erzählweise gefällt, weiß ich ja schon seit „Shadows of Winterspell“, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie mit einem ihrer Romane für mich so sehr den Ton von Diana Wynne Jones treffen und dass sich das für mich so stimmig anfühlen würde. Spätestens mit diesem Buch ist die Autorin auf meiner „jede Neuerscheinung vorbestellen“-Liste gelandet, und den letzten Roman von ihrer Backlist habe ich mir gleich nach dem Beenden von „Snowglobe“ auch bestellt.

Damaris Young: The Creature Keeper

„The Creature Keeper“ von Damaris Young war ein Zufallsfund, auf den ich wegen des hübschen Covers aufmerksam wurde. Die Geschichte dreht sich um die zwölfjährige Cora Erwood, die am Rande des Moors mit ihren Eltern auf einer kleinen Farm aufwächst. Obwohl es ihren Eltern schwerfällt, mit dem Halten von Hühnern und Kühen genug zu verdienen, um über die Runden zu kommen, ist Cora zufrieden mit ihrem Leben. Sie liebt es, sich um die Tiere zu kümmern oder im Moor die Natur zu beobachten. Mit den Hoftieren kann sie ebenso wie mit den diversen Wildtieren, die sie im Notfall versorgt, selbstbewusst umgehen, während Menschen – vor allem ihre gleichaltrigen, unfreundlichen Mitschüler – ihr Unbehagen bereiten.

Insgesamt gibt es wenig Trubel in Coras Leben, nur all die Gerüchte über Direspire Hall, den Familiensitz von Lady Cavendish, sorgen hier und da an den Markttagen für etwas Aufregung in der ländlichen Gemeinde. Denn Lady Cavendish soll auf ihrem Anwesen, das für alle Personen abgesehen von ihrem Butler Mr. Johnson verschlossen ist, gefährliche und exotische Tiere halten. Es heißt sogar, dass mindestens eines dieser Tiere vor ein paar Jahren für den Tod von Lady Cavendishs Eltern verantwortlich war. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn fürchtet sich Cora nicht vor der Vorstellung, dass in der Nähe ungewöhnliche Raubtiere gehalten werden. Für sie klingt es sehr verlockend, Geschöpfe kennenlernen zu können, die nicht im Moor oder auf einer Farm zuhause sind, und so nutzt sie die Gelegenheit, als Lady Cavendish einen Creature Keeper sucht, und bewirbt sich auf diese Position. Doch neben wirklich unglaublichen Tieren, die einen deutliche Spur von Fantasy in die Geschichte bringen, beinhaltet das Herrenhaus auch so einige Geheimnisse, die Cora in Gefahr bringen können.

Ich mochte Damaris Youngs Erzählweise sehr und wie sie es schafft, von Anfang Spannung aufzubauen, obwohl zu Beginn gar nicht so viel in der Geschichte passiert. Erst einmal lernt man Cora und ihr Leben kennen und erkundet etwas später mit ihr das vernachlässigte Direspire Hall. Das alte Herrenhaus steckt voller Schätze, und dann sind da natürlich noch all die Tiere, um die sich Cora kümmern muss. Ich muss gestehen, dass ich das Gefühl hatte, dass sich die Autorin bei der Grundidee für das eine oder andere Tier etwas von Pokémon hat inspirieren lassen, aber das hat mich nicht weiter gestört. Stattdessen habe ich es genossen, gemeinsam mit Cora die verschiedenen Geschöpfe kennenzulernen und zu lesen, wie sie ihnen näherkommt und wie aufwändig die Versorgung dieser Kreaturen teilweise ist. Dabei hat die Autorin so einiges an Fantasie bewiesen, wenn es um die Beschaffung der Nahrung für einige der magisch anmutenden Tiere geht, was wirklich nett zu lesen war.

Außerdem freundet sich Cora mit dem Gärtner Griff an. Ich fand es schön zu verfolgen, wie sie es auf der einen Seite genießt, jemand Gleichaltrigen zum Freund zu haben, wie sie sich aber auf der anderen Seite auch Sorgen macht, dass sie dieser Freundschaft nicht gerecht wird oder dass Griff langfristig lieber mit jemand anderem befreundet wäre. Ich habe die Protagonistin und auch Griff wirklich schnell ins Herz geschlossen, und auch sonst gibt es einige sympathische oder zumindest interessante Figuren in diesem Roman. Wirklich unheimlich ist die Handlung nicht (zumindest nicht für eine erwachsene Leserin), aber da schon von Anfang deutlich wird, dass etwas in Direspire Hall im Argen liegt und das Haus von unheimlichen Geräuschen durchdrungen ist, liegt die ganze Zeit Spannung in der Luft. So hat es mir viel Spaß gemacht, von Cora und ihren Abenteuern rund um ihre neue Tätigkeit als Creature Keeper zu lesen, und ich bin gespannt, was die Autorin in Zukunft noch für Romane veröffentlichen wird und ob diese uns noch einmal in Coras fantastische Welt führen werden.

Katie O’Neill: The Tea Dragon Society (Comic)

Um „The Tea Dragon Society“ von Katie O’Neill schleiche ich schon sehr lange herum, aber erst als in diesem Jahr die Taschenbuchausgabe des Bandes erschienen ist, habe ich den Comic auch wirklich auf meinen Wunschzettel gesetzt. Denn so sehr ich den Zeichenstil der Autorin in „Princess Princess Ever After“ mochte und so sehr mich Tee-Drachen als fantastische Kreaturen reizten, so fand ich den Hardcoverpreis für einen 72-Seiten-Comic doch etwas heftig. Nach dem Lesen des Comics muss ich gestehen, dass ich sehr hoffe, dass die folgenden beiden Titel der Reihe auch bald als Taschenbücher erscheinen, denn sonst werde ich wohl doch noch das Geld für die HC-Ausgaben zusammenkratzen müssen. 😉 „The Tea Dragon Society“ ist einfach bezaubernd und wohltuend, gerade weil kaum etwas in der Geschichte passiert. Katie O’Neill erzählt in vier Kapiteln (Spring/Summer/Autumn/Winter) und einem Epilog von dem jungen Goblinmädchen Greta, das eines Tages über einen Tea Dragon stolpert und in den folgenden Monaten mehr über diese seltenen Kreaturen lernt.

Die Tea Dragons sind nicht gerade einfach zu haltende Haustiere, doch zum Glück gibt es da noch Hesekiel und Erik, die sich gemeinsam um die Drachen der ehemaligen Tea Dragon Society kümmern. Außerdem freundet sich Greta mit der jungen Minette an, die seit einigen Monaten im Gartenhaus von Hesekiel lebt und ihre ganz eigene Vorgeschichte hat. Ich mochte es, dass all die Charaktere in dieser Geschichte so nett und freundlich sind, dass sie sich um die Drachen kümmern, obwohl die kleinen Wesen ganz schön herausfordernd sein können, und dass sie den Tee (und die damit verbundene Magie) der Drachen so sehr genießen. Obwohl recht wenig passiert und alle so liebevoll miteinander umgehen, gibt es auch den einen oder anderen düsteren Moment in „The Tea Dragon Society“, wenn es um die Vergangenheit von Hesekiel und Erik oder die von Minette geht, aber da diese Szenen eben in der Vergangenheit liegen, trüben sie den harmonischen Gesamteindruck überhaupt nicht.

Neben den Figuren und der sehr entspannten Handlung gefiel mir die Welt, die Katie O’Neil für ihre Geschichte geschaffen hat. Greta und ihre Familie sind Goblins, Erik scheint ein Mensch zu sein, und was Hesekiel und Minette genau sind, wird nicht näher erwähnt, aber alle leben und arbeiten friedlich nebeneinander. Außerdem flicht die Zeichnerin (so wie es sein sollte, aber viel zu selten passiert) ganz selbstverständlich Figuren mit Behinderung oder LGBTQ+-Charaktere in ihre Geschichte ein. Ich finde es schön, dass es überhaupt kein Thema ist, dass Erik im Rollstuhl sitzt oder dass Minette ganz eigene Probleme hat, die ihren Alltag erschweren. Stattdessen stehen die Freundschaft, die sich zwischen all diesen unterschiedlichen Charakteren entwickelt, die liebevolle Aufmerksamkeit, die sie den zauberhaften Drachen schenken, und die Wertschätzung, die traditionelles Handwerk verdient, im Mittelpunkt der Geschichte.

Der relativ einfache, aber ausdrucksstarke Zeichenstil von Katie O’Neill und ihre atmosphärische Kolorierung unterstreichen dabei den heimeligen und wohltuenden Charakter der Geschichte, und die fehlenden Outlines geben den Zeichnungen eine märchenhaft anmutende Weichheit, die ich so bei anderen Künstlerinnen noch nicht gesehen habe. Ergänzt wird der Comic am Ende mit ein paar Auszügen aus dem Tea-Dragon-Handbuch, die einem mehr über die ungewöhnlichen Drachen und ihre Haltung und Pflege erzählen (und in mir den Wunsch nach einem Peppermint Tea Dragon wecken 😉 ). Ich bin mir sicher, dass ich „The Tea Dragon Society“ in Zukunft regelmäßig aus dem Regal ziehen werde, wenn ich eine kleine wohltuende Auszeit benötige, und freue mich darüber, dass ich irgendwann noch zwei weitere Bände lesen kann, die in dieser bezaubernden Welt spielen.

Amy Wilson: Owl and the Lost Boy

Vier Jahre, nachdem die Autorin Amy Wilson die Geschichte „A Girl Called Owl“ veröffentlicht hatte, kehrt sie mit „Owl and the Lost Boy“ in Owls Welt zurück. Für Owl sind zwischen den beiden Romanen gerade mal ein paar Monate vergangen – eine Zeit, in der sie damit fertig werden musste, dass Jack Frost ihr leiblicher Vater ist und dass er den Sommer über keinen Kontakt zu ihr haben kann. Über all diese Gedanken rund um Jack und die Feenwelt kam ihre Freundschaft zu Mallory und Alberic viel zu kurz – und je mehr ihr schlechtes Gewissen sie plagte, desto weniger wusste Owl, wie sie auf ihre Freunde wieder zugehen sollte. Doch als Owl in der Schule fast zusammenbricht, weil die langanhaltende Hitze ihr zu schaffen macht, da Ende Oktober immer noch kein Herbstanfang in Sicht ist, steht Mallory ihr zur Seite. Gemeinsam machen sich die beiden Mädchen auf, um herauszufinden, was in der Feenwelt nicht in Ordnung ist, weshalb ihr Freund Alberic verschwunden ist und wieso Alberics Vater, der Earl of October, nicht rechtzeitig den Herbst in die Menschenwelt gebracht hat.

Zu Beginn von „Owl and the Lost Boy“ ist es erschütternd zu sehen, wie sehr sich Owl und ihre beste Freundin Mallory über den Sommer auseinandergelebt und wie wenig sie sich um Alberic gekümmert haben, obwohl dieser Owl im vergangenen Winter so sehr geholfen hatte. Dabei gelingt es Amy Wilson, nicht nur diese Entfremdung zwischen den drei Jugendlichen, sondern auch ihr erneutes Annähern wunderbar überzeugend und realistisch zu beschreiben. Doch vorher müssen Owl und Mallory erst einmal Alberic finden, der auf der Suche nach seinem Vater in der Zeit verloren ging, und herausbekommen, welche Probleme ihn so sehr beschäftigen und wie sie ihm helfen können. Während sich der erste Band um all die Veränderungen für Owl drehte, als sie erfährt, dass sie Jack Frosts Tochter ist und dass es eine Feenwelt voller furchterregender und mächtiger Wesen gibt, so geht es in „Owl and the Lost Boy“ eher um die Veränderungen, die Owls und Alberics Existenz für die Feen- und für die Menschenwelt mit sich bringen könnte.

Dabei mochte ich es sehr, wie die Autorin eine mitreißende und magische Handlung um die – im ewigen Krieg stehenden – Jahreszeiten spinnt und dabei gleichzeitig eine Geschichte rund um Umweltschutz, Klimaveränderungen und Politik erzählt, ohne zu sehr den mahnenden Finger zu erheben. Stattdessen bringt Amy Wilson ihre Protagonisten dazu, darüber nachzudenken, welche Fähigkeiten sie selbst haben und welche Veränderungen in der Welt sie herbeiführen können. Dieses Nachdenken über die eigenen Fähigkeiten und darüber, was selbst jemand wie Mallory, die über keinerlei Magie verfügt, bewirken kann, ist gerade deshalb beim Lesen so berührend, da Owl die gesamte Geschichte über das Gefühl hat, sie hätte während des Sommers nicht nur all ihre Magie verloren, sondern inzwischen auch keinerlei Energie mehr, um sich noch um irgendetwas zu kümmern. Ich muss gestehen, dass ich regelmäßig Phasen habe, in denen ich diese Gefühl durchaus teile und dass ich gerade zum Ende dieses Jahres genau solch ein Buch gebraucht habe, das mit einer wunderschön erzählten Geschichte auch ein kleines bisschen Hoffnung für positive Veränderungen in der Welt mit sich bringt. Ich empfinde Amy Wilsons märchenhafte Geschichten als überaus wohltuend, und ich bin froh, dass mit „Snowglobe“ noch ein weiterer Titel der Autorin auf meinem SuB auf mich wartet.

Tom Reiss: The Black Count …

… Napoleon’s Rival, and the Real Count of Monte Cristo – General Alexandre Dumas

„The Black Count“ von Tom Reiss gehört zu den Büchern, bei denen ich mal wieder nicht weiß, wie ich darauf gestoßen bin. Aber ich bin sehr, sehr froh, dass ich darauf aufmerksam wurde, denn diese Biografie las sich überaus spannend (auch wenn ich wegen der relativ kleinen Schrift, der Masse an Informationen und diversen Unterbrechungen recht lange dafür gebraucht habe). General Thomas-Alexandre „Alex“ Dumas war der Vater des berühmten Schriftstellers Alexandre Dumas, und er muss eine überaus beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Alex‘ Vater war der französische Adelige Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie, während seine Mutter Marie Cessette (Dumas) nicht nur eine schwarze Frau war, sondern als Sklavin auf der Insel Saint-Domingue lebte, wo Alexandre de la Pailleterie auf der Plantage seines Bruders Charles Zuflucht gesucht hatte. Als Sohn einer versklavten Frau gehörte auch Alex zum Besitz seines Vaters, und obwohl er anscheinend eine relativ privilegierte Kindheit auf Saint-Domingue gehabt hat, wurde er (ebenso wie seine Geschwister, von denen es keinerlei weitere Aufzeichnungen gibt) von seinem Vater verkauft, als dieser für seine Rückkehr nach Frankreich Geld benötigte.

Erst ein Jahr später betrat Alexandre Dumas als Vierzehnjähriger französischen Boden, um in den folgenden Jahren (nachdem sein Vater ihn zurückgekauft und offiziell die Vaterschaft anerkannt hatte) nicht nur die entsprechende Ausbildung zu genießen, sondern auch das Leben eines Sohns aus adeligem Hauses zu führen. Nach dem Tod seines überschuldeten Vaters war Alex gezwungen, sich (erneut) seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, und ging zum Militär, wo er zu Beginn der Französischen Revolution eine unglaubliche Karriere hinlegte. Erst Napoleon Aufstieg (sowohl innerhalb des Militärs als auch später als selbsternannter Konsul) beendete Alex Dumas‘ erfolgreiches Leben als General. Stattdessen durchlebte er eine Kriegsgefangenschaft, die ihn seine Gesundheit kostete und durch die seinen Sohn zu der Handlung vom „Grafen von Monte Christo“ inspiriert wurde, und verstarb wenige Jahre später verarmt in einem Frankreich, das unter Napoleons Führung seinen schwarzen Bürgern all die zu Beginn der Revolution erstrittenden Rechte wieder nahm.

Ich muss gestehen, dass ich am Anfang des Buches etwas überrascht davon war, dass man erst einmal so viel über das Leben von Alexandre de la Pailleterie erfährt und dass es so lange dauert, bis man zu Alex Dumas kommt. Aber ohne all die Höhen und Tiefen, die das Leben seines Vaters genommen hat, wäre Alex Dumas wohl niemals General der französischen Revolutionsarmee geworden. Außerdem baute dieser Teil rund um Pailleterie die Grundlagen auf für die weiteren Entwicklungen – sowohl die persönlichen von Alex Dumas, als auch die politischen rund um Frankreich und all die anderen europäischen Länder, mit denen Frankreich im Krieg lag. Auch haben mich zu Beginn die immer wieder von Tom Reiss gezogenen Vergleiche zwischen den europäischen Kolonialmächten und den Frühphase der USA etwas irritiert, obwohl ich diese grundsätzlich bei einem US-Autor verständlich finde. Im Laufe des Buches wird aber deutlich, wie sehr die Entwicklungen in den USA die Urväter der Französischen Revolution inspiriert hatten.

Beim Lesen fand ich nicht nur das Leben von General Alex Dumas überaus spannend, sondern auch die Quellen, die Tom Reiss für sein Buch herangezogen hat. Denn der Autor hatte nicht nur Unmengen an Materialien in den diversen Archiven gefunden und Zugriff auf noch erhaltene private Briefe der Familie Dumas gehabt, sondern auch einige seiner Darstellungen auf Alexandre Dumas‘ Beschreibungen seines Vaters basieren lassen – wobei er immer in Fußnoten anmerkt, ob er weitere Belege für die geschilderten Szenen gefunden hat oder nicht und aus welcher Quelle Alexandre Dumas selbst wohl diese Anektdote erzählt bekommen hatte, da sein Vater starb, als der Schriftsteller gerade mal vier Jahre alt war. Ich muss gestehen, dass ich immer das Gefühl hatte, dass die Französische Revolution in meiner Schulzeit unangemessen viel Raum eingenommen hatte, aber beim Lesen von „The Black Count“ habe ich so viele Zusammenhänge gelernt und so viele Dinge erfahren, die ich vorher nicht wusste, dass ich diese Biografie nicht nur als spannend, sondern auch als ungemein lehrreich empfunden habe.

Das Leben von Alex Dumas war so sehr mit der Französischen Revolution verwoben, dass es unmöglich ist, seine Biografie zu schreiben, ohne auf die verschiedenen Entwicklungen der Revolution einzugehen, die Einfluss auf das Leben schwarzer Menschen in Frankreich und den französischen Kolonien hatte. Neu war für mich zum Beispiel, dass eine der treibenden Kräfte in der Anfangszeit der Revolution eine Gruppierung war, die für die Abschaffung der Sklaverei war. So fand ich es großartig, davon zu lesen, wie sehr sich das Leben von Schwarzen, People of Color und sogar Juden in den ersten Jahren der Französischen Revolution verbesserte, und umso bedrückender war es dann, zu erfahren, wie sehr Napoleons Rassismus all diese Fortschritte wieder rückgängig gemacht hat. „The Black Count“ hat mir also nicht nur einen faszinierenden Mann nähergebracht, von dem ich vor diesem Buch noch nichts gehört hatte, sondern auch sehr viele neue Einblicke rund um die Französische Revolution präsentiert.

Nachdem Tom Reiss in diesem Buch immer wieder auf die Werke von Alexandre Dumas verwiesen hat – wobei vor allem „Der Graf von Monte Christo“ regelmäßig erwähnt wurde -, habe ich das Gefühl, ich sollte im kommenden Jahr mal einen Reread von Dumas‘ Büchern einlegen. Das letzte Mal, als ich zu Alexandre Dumas‘ Büchern gegriffen habe, war, als ich ein Teenager war, und das ist doch schon eine ganze Weile her, so dass ich mich an keinerlei Details mehr erinnere. Außerdem habe ich von Tom Reiss noch den Titel „The Orientalist: In Search of a Man caught between East and West“ auf meine Merkliste gesetzt, weil der auch überaus interessant klingt und ich nach „The Black Count“ sagen kann, dass der Autor in der Lage ist, mir historische Persönlichkeiten so nahezubringen, dass ich nicht nur die Person, sondern auch all die politischen Umstände, in die sie verwickelt ist, spannend finde.

Sophie Escabasse: Witches of Brooklyn (Comic)

„Witches of Brooklyn“ von Sophie Escabasse habe ich im November zum Geburtstag bekommen und dann recht schnell aus dem Regal gezogen, weil es einfach nach einer süßen und lustigen Geschichte zum Entspannen klang – und genau das war es dann auch. Dabei ist die Situation für die elfjährige Protagonistin Effie zu Beginn alles andere als lustig, als sie mitten in der Nacht von einem Angestellten des Jugendamtes vor der Tür ihrer Tante Selimene abgeladen wird, da ihre Mutter gestorben ist. Selimene ist nicht nur alt genug, um Effies Großmutter zu sein, sondern auch eine sehr energische und nicht ganz einfache Dame. Zum Glück lebt Selimene mit ihrer Freundin Carlota zusammen, die einen deutlich ausgeglicheneren Eindruck macht – trotzdem ist sich Effie anfangs sicher, dass sie es nicht lange mit den beiden exzentrischen Frauen unter einem Dach aushalten wird. Doch im Laufe der Zeit lernt Effie ganz überraschende und liebenswerte Seiten an Selimene und Carlota kennen, und als sich auch noch herausstellt, dass die beiden älteren Damen Hexen sind, kann sich Effie kaum noch vorstellen, jemals wieder woanders zu leben.

Ich muss gestehen, dass in „Witches of Brooklyn“ gar nicht so viel passiert, obwohl der Comic 240 Seiten umfasst, aber es ist sehr, sehr niedlich zu verfolgen, wie Effie sich bei ihrer Tante Selimene und deren Freundin Carlota einlebt, wie sie im Laufe der Zeit Freunde in der Schule findet und wie sie mehr über die Fähigkeiten der beiden Hexen herausfindet. Außerdem trifft Effie im Laufe der Geschichte auf eine Sängerin, die vor ihrem nächsten Konzert dringend etwas übernatürliche Hilfe benötigt. Dabei mochte ich es sehr, dass so viele unterschiedliche Charaktere – von der sehr eigenwilligen Selimene über die Bibliothekar-Ritterrüstung bis zum kochenden Popstar-Assistenten Martin – in der Geschichte vorkommen. Immer wieder gibt es absurde oder amüsante Momente, die einen zum Schmunzeln bringen, oder berührende Szenen, in denen deutlich wird, wie sehr Effie ihre Mutter vermisst und wie schwer es ihr trotz all der tollen Freunde und Familienmitglieder fällt, sich in ihrem neuen Zuhause einzuleben.

Ich habe die Figuren in diesem Comic wirklich ins Herz geschlossen, und das lag natürlich nicht nur an der niedlichen und unterhaltsamen Handlung, sondern auch an den liebenswerten Zeichnungen von Sophie Escabasse. Einige ihrer Charaktere haben etwas überzeichnete Gesichtszüge und Körper, aber die Darstellungen fühlen sich nie negativ an, weil auch Personen, die auf den ersten Blick nicht so hübsch zu sein scheinen, im Laufe der Geschichte Szenen bekommen, in denen sie sich von ihrer besten Seite zeigen können. Ich fand es toll zu sehen, wie ausdrucksstark die Zeichnungen sind und wie schön Körpersprache und Mimik zu den verschiedenen Figuren passen. So gibt es so einige Szenen, in denen Effie oder Selimene mit großen, dramatischen Gesten ihre Worte unterstützen, wie es zu ihrem überschäumenden Temperament passt, während Effies schüchterner Freund Oliver auf fast jedem Panel, in dem er zu sehen ist, seine Arme eng am Körper hält und sich regelmäßig geradezu kleinmacht, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mir hat „Witches of Brooklyn“ wirklich viel Freude bereitet und ich hoffe sehr, dass bald ein weiterer Band rund um Effie. Selimene und Carlota erscheint.

Dean Atta: The Black Flamingo

Wenn man „The Black Flamingo“ von Dean Atta beginnt, fällt sofort die ungewöhnliche Erzählweise ins Auge, die der Autor für seine Geschichte gewählt hat. Denn Dean Atta ist in erster Linie ein Poet und so hat er auch sein Buch als eine „verse novel“ geschrieben, bei der die einzelnen (häufig kurzen) Gedichte von verschiedenen Momenten in dem Leben des Protagonisten Michael erzählen. Dabei begleitet der Leser Michael von seinem sechsten bis zu seinem neunzehnten Lebensjahr und erfährt so viel darüber, welche Wege dieser auf der Suche nach seiner eigenen Identität einschlägt. Denn Michael ist nicht nur ein schwarzer Brite mit jamaikanisch-zypriotischer Abstammung, der sich weder jamaikanisch noch griechisch-zypriotisch genug fühlt, um wirklich zu einer dieser Zuwanderergruppen zu gehören, sondern Michael ist auch schwul und hat von klein auf mit den dementsprechenden Vorurteilen und Anfeindungen zu kämpfen.

I Want to Be a Pink Flamingo

Pink. Definitely pink.
I want my feathers to match
the hue you imagine.
I want to blend in.
Nothing but flamingoness.

David Attenborough would say,
„Here we see the most typical flamingo.“

Though I don’t want to be the most,
just typical. A wrapping-paper pattern.
I don’t want to stand apart.
Nothing different about my parts.
My beak just a beak, my head just a head.
My neck, body, wings. Simply fit for purpose.
Standing on one leg, just like the rest.
Pink. Definitely pink. (Seite 194)

Ich fand Michaels Geschichte sehr berührend zu lesen, gerade weil er im Laufe der Zeit immer wieder darüber nachdenkt, wie andere Menschen ihn eigentlich sehen und was diese Sicht der anderen mit ihm selber macht. Außerdem war es spannend, die vielen unterschiedlichen Gedichtformen zu lesen und zu sehen, wie jedes einzelne dieser Gedichte für sich stehen kann und doch gleichzeitig einen wichtigen Teil des Gesamtbilds darstellt. Dean Attas Spiel mit der englischen Sprache habe ich wirklich genossen, und seine Zeilen haben noch einige Zeit nach dem Lesen in mir nachgeklungen. So gelingt es dem Autoren, Michael nicht nur als Protagonisten, sondern auch als Künstler innerhalb der Geschichte wachsen zu lassen. Dabei muss Michael sich mit seinen eigenen Vorurteilen und Schwächen ebenso auseinandersetzen wie mit seinen Stärken und Wünschen. Das bringt auf diese Weise den Leser fast beiläufig dazu, ebenfalls über sein Verhalten und seinen Umgang mit sich selbst und anderen nachzudenken.

Only one name comes to mind. It’s like
I’ve said it before: „I am The Black Flamingo
and my pronouns are he and him,“ I declare.
I’m sure of this for the first time ever.

They look at each other, then at me,

Then Mzz B asks, „So are you a king,
a queen or …?“

„Neither,“ I say. „I’m just a man and I want
to wear a dress and make-up on stage,
I want to know how it feels to publicly
express a side of me I’ve only felt privately
when playing with my Barbie as a boy.
It was only at home that I’d play with that toy;
I knew my Mum loved me more than
anyone else and with her I could be myself.
I didn’t think boys could do ballet, certainly
not a black boy and definitely not me.
I was already suspicious that people were
nice to me despite me being different.
I never wanted to take my difference too far.“
[…] (Seite 206)

Faszinierend war es auch zu sehen, wie viele unterschiedliche Themen Dean Atta in diesem Buch anspricht und dass sich dies beim Lesen anfühlt, als ob er nur eine helfende Hand reichen will, damit der Leser seinen Horizont etwas erweitert kann. Dabei kann man wohl davon ausgehen, dass Dean Atta sehr viele Elemente seiner eigenen Biografie in Michaels Geschichte verarbeitet hat, denn auch der Autor ist schwarz und schwul und Drag-Künstler. Ich muss gestehen, dass es mir überraschend schwerfällt, über dieses Buch zu schreiben, weil es so viel beinhaltet, dass ich gar nicht auf alle Aspekte eingehen kann. Ich kann nur sagen, dass „The Black Flamingo“ mich sehr berührt hat, und deshalb wünsche ich diesem Titel viele Leser, die gemeinsam mit Michael ein kleines bisschen wachsen und ihre Flügel ausbreiten dürfen.