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Anna-Marie McLemore: Blanca & Roja

In diesem Jahr habe ich mir vorgenommen, jeden Monat zwei Bücher von meinem SuB zu lesen, die sich dort schon seit längerer Zeit befinden. Im Juli war eines dieser Bücher „Blanca & Roja“ von Anna-Marie McLemore. Ich habe keine Ahnung, wo ich über diesen Roman gestolpert war, aber das Buch lag fast sechs Jahre auf meinem SuB, weil mich andere Titel immer mehr gereizt hatten. Nach dem Lesen finde ich es wirklich bedauerlich, dass ich den Roman so lange ignoriert habe, denn ich hatte überraschend viel Freude damit. Die Handlung dreht sich um die Schwestern Blanca und Roja del Cisne sowie um ihre Mitschüler*innen Page und „Yearling“, und sie wird abwechselnd aus der Perspektive aller vier Personen erzählt, was anfangs etwas gewöhnungsbedürftig war, aber eben auch ermöglichte, dass die Leser*innen Blanca und Roja aus der Sicht von außenstehenden Personen kennenlernen konnten.

Blanca und Roja wachsen in einer Familie auf, in der ein Fluch dafür sorgt, dass seit Generationen jedem Ehepaar zwei Töchter geboren werden. Eine dieser Töchter darf erwachsen werden und ein (relativ) normales Leben führen. Die andere Tochter verwandelt sich in einen Schwan und fliegt im Herbst mit den wilden Schwänen davon. Blanca und Roja wachsen mit dem Wissen um diesen Fluch auf und sind fest entschlossen, die ersten de-Cisne-Töchter zu sein, die diesem Schicksal entkommen können. Auch Page und Yearling haben von dem Fluch gehört, der auf den beiden Schwestern liegt, doch vor allem beschäftigen sie ihre ganz eigenen Probleme. Page ist genderfluid, was in der sehr konservativen Umgebung, in der die vier Protagonist*innen aufwachsen, zu Problemen führt, während Pages bester Freund Yearling zu einer Familie gehört, in der Gewalt an der Tagesordnung ist.

Ich fand es wirklich faszinierend, wie es Anna-Marie McLemore gelungen ist, mit diesen vier Figuren, die alle ihre ganz eigenen Herausforderungen bestreiten müssen, eine ungewöhnliche und überraschend poetische Schneeweißchen-und-Rosenrot-Variante zu spinnen. Dabei gibt es so viele Szenen, in denen Themen wie Rassismus, Queerfeindlichkeit, Gewalt in der Familie, Korruption und ähnliches angesprochen werden, und trotzdem ist dieser Roman erstaunlich schön zu lesen. Ich habe es zum Beispiel sehr gemocht, mehr über die Freundschaft zwischen Page und Yearling zu erfahren, gerade weil die beiden Personen so verschieden sind und aus so gegensätzlichen Familien stammen. Bei Blanca und Roja hingegen war es bewundernswert, wie sehr die Schwestern füreinander einstanden, obwohl ihre Umgebung – inklusive ihrer Familie – ihnen von kleinauf beigebracht hatte, dass nur eine von ihnen den Fluch heil überstehen kann und sie deshalb Konkurrentinnen sind.

Ich muss zugeben, dass die Erzählstimmen von Page, Yearling, Blanca und Roja für mich nicht immer einfach auseinanderzuhalten waren, weshalb ich definitiv darauf angewiesen war, dass die Kapitelüberschriften auf die jeweilige Person hinwiesen. Aber es hat mich überraschend wenig gestört, dass alle vier Figuren so ähnlich klangen, weil ich immer wieder über Abschnitte stolperte, die ich so hübsch formuliert fand, dass ich sie mehrfach gelesen habe. Das ist etwas, was mir sehr selten passiert, und das ich hier deshalb umso mehr genossen habe. Diese wunderschönen Formulierungen haben gemeinsam mit der tiefen Zuneigung der Schwestern zueinander und der ebenso tiefen Freundschaft von Yearling und Page dafür gesorgt, dass ich die Geschichte – trotz all der ernsthaften Themen – als erstaunlich wohltuend empfunden habe. „Blanca & Roja“ hat mich neugierig auf weitere Veröffentlichungen von Anna-Marie McLemore gemacht, auch wenn ich bei der Vielfalt der in den Romane abgedeckten Themen wohl noch etwas recherchieren muss, bevor ich mich für einen nächsten Titel entscheiden kann.