Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

L. D. Lapinski: The Forgotten Magic (Artezans 1)

„The Forgotten Magic“ hat seit dem Frühling darauf gewartet, dass ich das Buch vom SuB ziehe. Der erste Band der neuen Reihe von L. D. Lapinski wird aus der Perspektive des elfjährigen Ed(ward) erzählt, der – ebenso wie seine Väter und seine Zwillingsschwester – zu den Artezans gehört, was bedeutet, dass die Familie in der Lage ist, Magie zu wirken. Wobei Ed und seine Schwester Elodie erst in diesen Sommerferien herausfinden werden, ob sie wirklich über Magie verfügen, und wenn ja, was für eine Magie das sein könnte. Im Laufe der Geschichte gibt es so einige Hintergrundinformationen zu der Magie der Artezans und wieso diese Magie in den vergangenen vierhundert Jahren immer seltener und schwächer wurde, aber erst einmal wird von all den größeren und kleineren magischen Dingen erzählt, die das Leben der Artezans bis heute prägen.

L. D. Lapinski nimmt sich dabei viel Zeit, um Ed und sein Umfeld vorzustellen, wobei vor allem Eds etwas zwiespältiges Verhältnis zu seiner Schwester im Mittelpunkt steht. Gerade weil die beiden Zwillinge sind, kann Ed es nicht so recht nachvollziehen, dass er und Elodie solch gegensätzliche Persönlichkeiten haben. So ist Elodie voller Vorfreude auf das sommerliche Artezan-Camp, das neben ihrem Zuhause abgehalten wird, während Ed schon bei der Vorstellung an all die Menschenmassen von Fluchtgedanken beherrscht wird. Nicht selten ist Ed neidisch auf seine Schwester, während sie gleichzeitig seine beste Freundin und engste Vertraute ist. Dies führt dazu, dass sich eben auch ein nicht so geringer Teil der Handlung darum dreht, dass Ed mit seinen negativen Gefühlen und Impulsen fertig werden und einen klügeren und bewussteren Umgang damit finden muss.

Ich verrate jetzt mal so viel, dass Eds größter Wunsch (nämlich über beeindruckende Magie zu verfügen) in Erfüllung geht und dass ihm danach erst bewusst wird, dass solch eine Magie nicht einfach zu beherrschen ist. Was bedeutet, dass Ed mehr über seine (alb)traumhafte Magie (und sich selbst) herausfinden muss, um mit seinen neuen Fähigkeiten keinen Schaden anzurichten. Während ich sonst häufig Probleme habe, Sympathien für solche Protagonisten zu entwickeln, habe ich es hier überraschend gern verfolgt, wie Ed mit sich selbst ringt. Obwohl Ed sich immer (wissentlich!) unverantwortlich verhält, gelang es L. D. Lapinski, ihn so darzustellen, dass ich sein Verhalten selbst dann nachvollziehen konnte, wenn ich dabei zusehen musste, wie er gerade großen Mist baute. Ich finde es übrigens faszinierend, wie sehr ich mich beim Lesen (und Rezensieren) dieses Buchs auf Eds Charakterentwicklung konzentriert habe, obwohl es so viele wunderbare fantastische Elemente in diesem Roman gibt, die ich erwähnen könnte.

L. D. Lapinski hat mit den Artezans eine interessante Mischung aus vertraut wirkender und überraschender magischer Gesellschaft geschaffen. Außerdem begegnen einem während des Sommercamps so viele Figuren mit ungewöhnlichen (und nicht immer nützlichen) magischen Fähigkeiten. Besonders die Person, die die Kinder beim Umgang mit ihrer neuentdeckten Magie unterstützen soll, aber auch die Väter von Ed und Elodie fand ich wirklich sympathisch, und ich hatte Spaß daran, mir vorzustellen, wie sich ihre fantastischen Fähigkeiten wohl einsetzen ließen. Für mich war „The Forgotten Magic“ genau die passende Mischung aus fantastischen Ideen, amüsanten und nachdenklichen Momenten und einer immer intensiver werdenden unheimlichen Atmosphäre. Auch wenn einige Wendung für mich etwas vorhersehbar waren, habe ich es genossen, Eds Weg dahin zu verfolgen. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Band („The Whispering World“), der für März 2025 angekündigt ist, und bin gespannt, wie es mit Ed, Elodie und der Magie der Artezans weitergehen wird.

Lucy Strange: The Secret of the Nightingale Wood

Nachdem ich vor 3 1/2 Jahren (wieso ist das schon wieder so lange her?!) „The Ghost of Gosswater“ von Lucy Strange gelesen hatte, wollte ich unbedingt noch mehr von der Autorin lesen – was dazu geführt hat, dass ich Anfang des Monats „The Secret of the Nightingale Wood“ vom SuB gefischt habe. Das Buch spielt kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Großbritannien und wird aus der Perspektive der elfjährigen Henry (Henrietta) erzählt. Von Anfang an steht fest, dass ein Vorfall rund um ihren älteren Brüder Robert Henrys Familie zutiefst erschüttert hat und dass ihr Vater deshalb mit der gesamte Familie von London in ein kleines Haus an der Küste gezogen ist. Doch der Umzug allein macht natürlich nicht alles wieder gut, und so verbringt Henry einen ziemlich einsamen Sommer, in dem sie keinen Kontakt mit ihrer kranken Mutter hat, ihr Vater beruflich im Ausland ist und sich Nanny Jane vor allem um Henrys Mutter und das Baby (mit dem Spitznamen „Piglet“) kümmert.

Es gibt viele Passagen in „The Secret of the Nightingale Wood“, die sich nach klassischen britischen Kinderbüchern anfühlen, wie zum Beispiel die Momente, in denen Henry das unvertraute Haus oder den angrenzenden Wald hinter dem Grundstück erkundet. Sie lernt so einige neue Menschen kennen, und während manche davon liebenswert skurril oder vertrauenserweckend sind, gibt es doch auch immer wieder Personen, die Henry Angst machen. Das sorgt für viele Momente, die wunderschön und heimelig zu lesen sind, ohne einen vergessen zu lassen, dass die grundsätzliche Stimmung in dieser Geschichte deutlich weniger entspannt ist. Denn neben all den altmodisch-gemütlichen Beschreibungen gibt es noch die Elemente, die auf diese Weise definitiv nicht in Kinderbuchklassikern angesprochen werden. So steht von Anfang an steht fest, dass Henrys Familie um ihren Bruder Robert trauert, auch wenn nicht genau gesagt wird, was mit ihm passiert ist.

Diese Trauer hat Henrys Mutter krank gemacht, auch wenn das Mädchen nicht genau versteht, was mit ihrer Mutter passiert. Was ihr hingegen nur zu bewusst ist, ist, dass der Arzt, der ihre Mutter behandelt, keine Person ist, der das Wohl ihrer Patient*innen am Herz liegt. Stattdessen scheint dieser Arzt davon fasziniert zu sein, dass er endlich eine Möglichkeit hat, „weibliche Hysterie“ zu erforschen. Was ich – als erwachsene Person, die genau weiß, was diese Art von „Forschung“ zu dieser Zeit beinhaltete – beim Lesen mindestens ebenso beängstigend fand wie Henry. Dazu gibt es noch einige Nebenstränge, die sich zum Beispiel um eine rätselhafte Frau im (titelgebenden) Wald drehen oder um ehemalige Soldaten, die im Krieg Verletzungen davon getragen haben. Zu viel will ich hier nicht verraten, denn ich fand es wirklich reizvoll, all diese Dinge aus Henrys Sicht zu erleben.

Henry ist eine wundervolle Protagonistin, die mit viel Fantasie und Mut versucht, ihre zerbrechende Familie zusammenzuhalten und ihre Mutter zu beschützen. Sie hat nicht immer die klügsten Ideen, aber gerade das führt regelmäßig zu unterhaltsamen Szenen, die einen Ausgleich zu den eher düsteren Passagen bilden. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich es herzzerreißend fand, diesen Roman zu lesen, und immer wieder Pausen benötigte, weil ich mit all diesen Charakteren so mitgelitten habe. Für mich als erwachsene Leserin waren einige Elemente in der Geschichte wirklich schwer zu ertragen, was definitiv daran lag, dass ich eben über mehr Wissen verfügte als Henry (oder die 10- bis 12jährige Zielgruppe des Romans). Trotzdem kann ich im Nachhinein sagen, dass ich das Lesen von „The Secret of the Nightingale Wood“ genossen habe und dass so einige Szenen immer noch in mir nachklingen – weshalb ich mir inzwischen den Roman „Sisters of the Lost Marsh“ von Lucy Strange bestellt habe (dessen Inhaltsbeschreibung nach einem wunderbar gruseligem Herbstlesebuch klingt).

Lese-Eindrücke Juli 2024

Meine Lektüre im Juli war eine Mischung aus „ich nutze die kühleren Tage für die Scavenger Hunt TBR Book Challenge und SuB-Abbau“ und „ich müsste mich wirklich mal mit den älteren ungelesenen Titeln auf meinem eReader beschäftigen“. Das hat allerdings auch dazu geführt, dass der Großteil der gelesenen Romane nur „nett“ war und nicht herausragend. Aber ein paar Worte will ich zu den Titeln, die ich nicht noch mit einer einzelnen Rezension bedenken möchte, doch verlieren.

Megan Bannen: The Undermining of Twyla and Frank (Hart and Mercy 2)

„The Undermining of Twyla and Frank“ ist Anfang Juli 2024 veröffentlicht worden und eine Geschichte, die unabhängig von „The Undertaking of Hart and Mercy“ lesbar ist, aber in derselben Stadt (und nach den Ereignissen rund um Hart und Mercy) spielt. Genau genommen sind Twyla und Frank Kollegen von Hart, und nach den Vorkommnissen im ersten Band müssen sie damit zurechtkommen, dass sich ihre Rolle als Tanrian Marshals deutlich verändert hat. Ich mochte, dass es sich dieses Mal um eine „old friends to lovers“-Geschichte handelte, auch wenn ich beide Figuren ab und an gern geschüttelt hätte, weil sie so sehr darauf beharrten, dass sie doch nur Freunde sind.

Außerdem fand ich es spannend, mehr über die Welt, die Megan Bannen für ihre Romane geschaffen hat, zu erfahren – vor allem über den Bereich, in dem vor langer Zeit die Götter eingesperrt waren und in dem es noch so einiges zu entdecken gibt. Auf das Buch hatte ich mich gefreut und es dann auch direkt nach Erscheinen genossen. Den Weltenbau finde ich wirklich faszinierend und die Liebesgeschichte hat mich (trotz der immer mal wieder vorkommenden Begriffsstutzigkeit der Charaktere) gut unterhalten. Den dritten Band („The Undercutting of Rosie and Adam“), der im Juli 2025 erscheinen soll, habe ich dann auch schon mal vorbestellt!

T. Kingfisher: Summer in Orcus

„Summer in Orcus“ lag schon längere Zeit auf meinem eReader, und bei dem Titel dachte ich, dass es ein guter Sommerroman sein könnte. Doch dann habe ich den Roman angefangen und festgestellt, dass Summer der Name der Protagonistin ist. 😉 Genau genommen ist Summer eine Elfjährige, die ihr ganzes Leben lang von ihrer überängstlichen Mutter in Watte eingepackt wurde und an deren Haus eines Tages Baba Yaga in ihrer Hütte vorbeikommt. Ein Handel mit Baba Yaga soll Summer die Erfüllung ihres Herzenswunsches bringen und führt dazu, dass sich das Mädchen in der fantastischen Welt Orcus wiederfindet. Orcus ist voller wunderbarer Kreaturen und magischer Dinge, aber die Bewohner werden von der Königin und ihrem unheimlichen Houndbreaker terrorisiert. In den meisten anderen Jugendfantasy-Romanen wäre Summer nun die langerwartete Heldin, die gegen die Königin und ihren Houndbreaker kämpfen muss, aber Summer ist definitiv keine klassische Heldin.

Ich liebe es, wie T. Kingfisher (Ursula Vernon) in diesem Roman mit den diversen Portal-Fantasy-Elementen spielt und sich dabei weigert, ausgetretene Wege zu beschreiten. Stattdessen entpuppt sich Summer als eine wunderbare Mischung aus kindlicher Neugier/Unerfahrenheit/Gerechtigkeitssinn und einem Pragmatismus, der aus dem Aufwachsen mit einer Mutter entstanden ist, deren Verhalten dafür sorgt, dass Summer regelmäßig in die Rolle der „Erwachsenen“ in ihrer Familie schlüpfen musste. Der Ton in „Summer in Orcus“ richtet sich eher an jüngere Leser*innen als die meisten anderen Bücher der Autorin, aber die Geschichte strotzt trotzdem von unheimlichen und bedrückenden Elementen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie T. Kingfisher es schafft, all diese fürchterlichen Dinge in wunderbar absurde, fantastische Ideen und humorvolle Szenen einzubetten, so dass ich ihre Romane gleichzeitig rundum genießen und trotzdem (oder gerade deshalb) eine Menge ernsthafter Gedankenanstöße mitnehmen kann.

Juliet E. McKenna: The Green Man’s Heir (Green Man 1)/The Green Man’s Foe (Green Man 2)

Die Green-Man-Romane von Juliet E. McKenna werden mir seit Jahren immer wieder in die Timeline gespült – gern auch mit dem Hinweis auf günstige eBook-Ausgaben. Was dazu geführt hat, dass ich 2020 Band 2 und 2023 Band 1 angeschafft habe, um sie jetzt im Juli dann endlich auch zu lesen. Der Protagonist der Urban-Fantasy-Reihe ist Daniel Mackmain, der Sohn eines Menschen und einer Dryade, der vom „Green Man“ zu seinem persönlichen Problemlöser ernannt wurde. Ich mochte Daniel wirklich gern, gerade weil er sich nicht so sehr von anderen Menschen unterscheidet – abgesehen davon, dass seine Verletzungen schneller heilen und er in der Lage ist, übernatürliche Wesen zu sehen. Seine Verbindung zum Green Man hingegen ist für ihn häufig eine Herausforderung, denn sie sorgt dafür, dass er eigentlich nicht sesshaft werden kann.

In „The Green Man’s Heir“ muss Daniel in der ersten Hälfte den Mord an einer jungen Frau lösen, und in der zweiten Hälfte gibt es einen neuen Fall – was mich ehrlich gesagt anfangs etwas irritiert, aber nicht so sehr gestört hat, dass ich nicht hätte weiterlesen wollen. In „The Green Man’s Foe“ hingegen muss sich Daniel um unheimliche Ereignisse rund um ein altes Herrenhaus kümmern. Insgesamt fand ich es wirklich nett, dass ich mit den zwei Romanen drei so unterschiedliche „Fälle“ zu lesen bekam. Juliet E. McKenna bietet eine unterhaltsame und spannende Mischung aus fantastischen Elementen (mit dem Schwerpunkt britische Mythologie) und realistischen (Alltags-)Problemen in unserer heutigen modernen Welt – und das aus der Perspektive eines Mannes, der eine Möglichkeit finden muss, diese beiden gegensätzlichen Seiten seines Lebens auf die Reihe zu bringen. Spätestens nach dem Lesen von „The Green Man’s Foe“ bin ich gespannt darauf, wie es mit Daniel weitergeht und welchen Wesen er sonst noch so begegnen wird.

Jessie Mihalik: Books and Broadswords

„Books and Broadswords“ von Jessie Mihalik wurde im Juni von Stephanie Burgis in ihrem monatlichen „Dragons‘ Book Club“ (auf Patreon) empfohlen. Auf gerade mal 149 Seiten finden sich in dieser Veröffentlichung zwei fantastische, cozy Liebesgeschichten, die ich wirklich entspannend und amüsant fand. In der ersten Geschichte verlieben sich eine Drachin und ein ungewöhnlicher Ritter ineinander, in der zweiten dreht sich die Handlung um einen Drachen und eine Herdhexe, die wild entschlossen ist, sein vernachlässigtes Schloss in Ordnung zu bringen. Ich hätte es lieber gesehen, wenn Jessie Mihalik die Handlung/Welt/Protagonist*innen mehr ausgebaut und sich dafür etwas mehr Zeit genommen hätte. Aber ich mochte, dass die Drachen in dieser Welt ihren Hort nach bestimmten persönlichen Kriterien wählen, ich konnte mit dem InstaLove-Element leben und fand das Ganze so nett, dass ich noch mehr davon lesen würde. Oh, und für diejenigen, die lieber keine Sexszenen lesen: Jessie Mihalik hat in den Geschichten selber darauf verzichtet, während diejenigen, die explizite Sexszenen in ihren Liebesgeschichten bevorzugen, für jede Geschichte einen dementsprechenden Epilog lesen können.

Natalie C. Parker: Seafire

Ich habe keine Ahnung mehr, wo ich über „Seafire“ gestolpert bin, aber der Roman lag fünf Jahre auf meinem SuB – und in der Zeit hatte ich vollkommen vergessen, dass es sich dabei um ein Jugendbuch handelt. Es gab viele Elemente, die ich an der Geschichte mochte: Ein Piratenschiff voller junger Frauen, die versuchen, in einer Welt zu überleben, die von einem mächtigen Warlord und seiner Marine beherrscht wird, die Freundschaft zwischen der Protagonistin und ihrer besten Freundin sowie das Zusammenspiel der verschiedenen Personen auf dem Schiff. Dazu sind da noch die verschiedenen (mehr oder weniger freiwilligen) Verbündeten, die die Piratinnen im Laufe der Geschichte finden.

Womit ich allerdings regelmäßig ein Problem hatte, war das unprofessionelle Verhalten der Protagonistin. Ich konnte es der Autorin einfach nicht abnehmen, dass ihre Hauptfigur in wenigen Jahren eine großartige Crew zusammengestellt hat, dass diese Piratin eine Herausforderung für Marineschiffe darstellte und dass sie eine unglaubliche Strategin sein soll. Was vor allem daran lag, dass sie sich den Großteil der Zeit total kindisch verhielt, ein „Geheimnis“ hütete, das von Anfang an auf der Hand lag, und auf den ersten Typen flog, der sich wie ein einigermaßen anständiger Mensch verhielt (und deshalb ihre gesamte Crew wie Dreck behandelte). Ich bin zu alt für diese Art von Protagonistin …

Julie Abe: Alliana – Girl of Dragons

„Alliana – Girl of Dragons“ spielt in der gleichen Welt wie die „Eva Evergreen“-Bücher von Julie Abe. Genau genommen spielt Allianas Geschichte früher als die beiden Romane rund um Eva. Evas Eltern sind hier noch Teenager, die in diesem Buch als Nebenfiguren auftauchen, so dass sich die Bücher unabhängig voneinander genießen lassen. Wobei „genießen“ bei einer Aschenputtel-Geschichte vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist. Alliana lebt gemeinsam mit ihrer Stiefmutter, ihren beiden Stiefgeschwistern und Großmutter Mari (die die Schwiegermutter ihrer Stiefmutter ist) in einem Gasthaus in dem kleinen Ort Narashino am Rande des Abyss. Dieser Abyss war früher das Grenzgebiet zwischen Rivelle und dem benachbarten Constancia, doch ein Streit zwischen den beiden Ländern hat dazu geführt, dass dort ein unheimlicher Abgrund voller Monster entstanden ist.

Eine magische Barriere sorgt dafür, dass die Einwohner von Narashino sicher leben können, aber fast täglich steigen Abenteurergruppen in den Abyss hinab, um Monster zu jagen oder nach Schätzen zu suchen. Die Aufgabe der Elfjährigen im Gasthaus ist die Versorgung dieser Abenteurergruppen. Alliana fungiert als das einzige Dienstmädchen im Haus – und nur wenn sie ihren Aufgaben zur Zufriedenheit ihrer Stiefmutter nachkommt, kann sie die Schulden (die sie laut ihrer Stiefmutter hat) abarbeiten. Nur die wenigen gestohlenen Momente, die Alliana spät abends gemeinsam mit Großmutter Mari verbringt, sorgen für einen Lichtblick im Leben des Mädchens. An ihren Vater, der vor einigen Jahren im Abgrund verschwand, hat sie kaum noch Erinnerungen, aber Großmutter Mari und ihre Geschichten über die Abenteuer von Königin Natsumi geben ihr ein Gefühl von familiärer Geborgenheit. Als Alliana die junge Hexe Nela kennenlernt, die gemeinsam mit ihren ebenso unerfahrenen Kolleg*innen für die Stabilität der Barriere sorgen soll, kann das Mädchen zum ersten Mal zeigen, dass es über mehr Fähigkeiten als die eines Dienstmädchen verfügt.

Ich muss gestehen, dass ich ein bisschen zwiegespalten auf „Alliana – Girl of Dragons“ zurückblicke, obwohl es an der Erzählweise und der Geschichte eigentlich kaum etwas zu kritisieren gibt. Aber Allianas Aschenputtel-Dasein war so deprimierend zu lesen – und jedes Mal, wenn es einen Hauch Hoffnung für sie gab, kam wieder irgendwas dazwischen und es endete für das Mädchen schlimmer als vorher. Das war nicht schön mitzuverfolgen, auch wenn natürlich von Anfang an klar war, dass es ein glückliches Ende für Alliana geben würde. Dass ich so mit Alliana mitgelitten habe, ist vielleicht auch ein Lob für Julie Abes Schreibstil, der dafür gesorgt hat, dass mich die Situation der Protagonistin so frustiert und wütend gemacht hat. *g*

Aber natürlich ist nicht die gesamte Geschichte durchgehend deprimierend gewesen – wobei es das vermutlich nur noch schlimmer gemacht hat, weil eben der Kontrast zwischen den amüsanten oder wohltuenden Szenen und denen, in denen Alliana von ihrer Stieffamilie ausgenutzt und misshandelt wird, so groß war. Ich mag die fantastische Welt mit all ihren magischen Wesen, die Julie Abe für diese Romane geschaffen hat. Außerdem habe ich die heimeligen oder amüsanten Momente in der Handlung wirklich genossen. Allianas gemeinsame Stunden mit Großmutter Mari, in denen sie stickt und näht, während ihr fantastische und mutmachende Geschichten erzählt werden, sind ebenso schön zu verfolgen wie die Momente, in denen sie sich mit ihrem Freund Isao trifft und sein leckeres Backwerk probieren kann. Dazu kommen noch all die Szenen, in denen Alliana ihren Einfallsreichtum und ihr Wissen einsetzen kann, um Nela und all den anderen zu helfen und in denen ihr bewusst wird, dass eine Person keine große Magie benötigt, um etwas bewirken zu können.

All diese Momente sind wunderschön zu lesen – es sind lauter kleine magische Szene, die von der Autorin mit traditionellen japanischen Elementen durchsetzt wurden und die eine wirklich wunderbare Atmosphäre mit sich bringen. Und dieser deutliche japanische Einfluss sorgt auch dafür, dass sich diese Aschenputtel-Variante für mich deutlich von anderen Geschichten dieser Art unterschied. Aber am Ende frage ich mich ein bisschen, ob ich all diese schönen Szenen nicht mehr hätte genießen können, wenn nicht ein Teil von mir die ganze Zeit darauf gewartet hätte, dass Alliana endlich ihrer Stieffamilie hinter sich lassen kann. Was natürlich bedeutet, dass es vor allem an mir lag, dass ich mit „Alliana – Girl of Dragons“ nicht so glücklich war wie mit den Eva-Evergreen-Büchern. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es mir irgendwann bei einem erneuten Lesen des Romans ergehen wird, wenn ich mich noch mehr auf diese kleinen Momente einlassen kann, weil ich ja dann schon weiß, wie die Geschichte weitergeht.

Carrie Anne Noble: The Mermaid’s Sister

Um „The Mermaid’s Sister“ von Carrie Anne Noble bin ich eine ganze Weile herumgeschlichen. Auf der einen Seite mochte ich die märchenhaften Elemente, die der Klappentext andeutete, auf der anderen Seite befürchtete ich, dass der Teil der Geschichte, der sich um das Erwachsenwerden der Protagonistin Clara dreht, mir nicht gefallen könnte. Ich greife jetzt mal voraus und sage, dass ich definitiv mit weniger Passagen rund um Claras „unglücklicher Liebe“ hätte leben können, aber insgesamt habe ich „The Mermaid’s Sister“ wirklich gemocht. Die Handlung wird erzählt aus der Sicht der 16jährigen Clara, die gemeinsam mit ihrer gleichaltrigen (Zieh-)Schwester Maren bei der Heilerin Verity aufgewachsen ist. Von klein auf sind sich die beiden Schwestern dessen bewusst, dass Maren eine Meerjungfrau ist, während Clara von einem Storch zu Verity gebracht wurde. Zu Beginn der Geschichte ist Clara sich nicht sicher, wer oder was sie sein könnte, vor allem aber fragt sie sich, was sie tun könnte, um Marens beginnende Verwandlung aufzuhalten.

Hilfe erhofft sie sich von O’Neill, der ebenso wie Clara und Maren ein Waisenkind ist und von Veritys Liebsten Scarff aufgezogen wurde. Für Clara und Maren ist O’Neill wie ein Bruder, auch wenn er den Großteil des Jahres mit seinem Pflegevater als reisende Händler unterwegs ist. Doch O’Neill hat versprochen, auf seinen Reisen die Augen nach einem Heilmittel für Maren aufzuhalten. An diese Hoffnung klammert sich Clara, bis deutlich wird, dass es Zeit wird, Maren aus den Bergen zum Meer zu bringen, da sie als Meerjungfrau nun einmal nicht woanders überleben kann. Gemeinsam machen Clara, Maren und O’Neill sich auf den Weg an die Küste, nicht ohne auf ihrer Reise diverse Gefahren bestehen zu müssen. Für Clara kommt dazu noch der Kampf gegen ihre eigenen Gefühle, denn obwohl O’Neill und Maren einander innig zu lieben scheinen, muss sie sich eingestehen, dass auch sie sich in ihren Ziehbruder verliebt hat.

Die Handlung wird von Carrie Anne Noble sehr gemächlich erzählt. Obwohl eigentlich von Anfang an feststeht, dass Maren von ihren Geschwistern ans Meer gebracht werden muss, nimmt sich die Autorin viel Zeit, um erst einmal die Welt und die verschiedenen Figuren darin vorzustellen. Ich muss aber zugeben, dass ich gegen diese fast schon schleppende Erzählweise nichts hatte, weil ich die vielen kleinen, märchenhaften Elemente in der Geschichte sehr mochte. Claras Ziehmutter ist zur Hälfte Fae, was nicht nur für ihr Wissen rund um Heikräuter verantwortlich ist, sondern auch dafür, dass sie nicht in der Lage ist zu lügen. Als Haustier hält die Familie einen noch jungen Wyvern, und O’Neill, der als Baby unter einem blühenden Apfelbaum gefunden wurde, kann mit Tieren sprechen. Während für die Protagonistin und ihre Familie die Welt voller kleiner und größere fantastischer Dinge ist, scheint der Großteil ihrer Nachbarn ein relativ wenig magisches Leben zu führen – was dazu führt, dass z. B. Marens beginnende Verwandlung vor ihnen verheimlicht werden muss.

Durch den gesamten Roman ziehen sich kurze, märchenhafte Geschichten, die sich die Figuren gegenseitig erzählen und die für eine wunderbare Atmosphäre sorgen. Ich mochte auch – zum Großteil – Claras Perspektive, weil sie versucht, die Wünsche ihrer Schwester zu respektieren, egal wie sehr es ihr das Herz bricht, und weil sie versucht, ihre eigenen Gefühle in den Griff zu bekommen, weil es eben wichtigere Dinge in ihrem Leben gibt als eine unerfüllte Liebe. Was für mich etwas schwierig zu lesen war, war die Tatsache, dass ich Claras Überzeugung, dass O’Neill so gar nichts für sie empfindet, nicht ganz teilen konnte, weshalb ich mir wirklich gewünscht hätte, diese drei Charaktere hätten einfach mal offen miteinander geredet – auch wenn es natürlich eine Herausforderung ist, seine Gefühle zu gestehen, wenn dies das Verhältnis zu den beiden wichtigsten Menschen im Leben der Protagonistin verschlechtern könnte.

Ein weiteres Problem war für mich die Verwendung des Begriffs „Gypsy“ (und die dazugehörigen Beschreibungen) für eine Gruppe von Personen, bei denen O’Neill und Scarff eine Zeitlang Unterschlupf fanden. Auch die Tatsache, dass eine andere Gruppe „fahrendes Volk“ sich als die Bösewichte herausstellte, finde ich für eine relativ aktuelle Veröffentlichung (2015) schwierig. Allerdings ist das für eine märchenhafte Geschichte, die – meiner Meinung nach – von „Das letzte Einhorn“ und ähnlichen Romanen/Filmen inspiriert wurde, nicht so ungewöhnlich. Obwohl das Aspekte sind, die ich hier nicht ignorieren möchte und die mir definitiv beim Lesen negativ ins Auge gefallen sind, habe ich „The Mermaid’s Sister“ an sich wirklich gemocht. Claras Erzählstimme bin ich wirklich sehr gern gefolgt (und das ist definitiv ein Lob, wenn ich bedenke, wie wenig Geduld ich sonst mit unglücklich liebenden Teenagern habe), ich mochte die fantastische Welt, die Carrie Anne Noble für ihre Geschichte geschaffen hat, und ich bin mir sicher, dass ich irgendwann eine weitere Veröffentlichung von ihr lesen werde.

Rebecca Burgess: Speak Up! (Comic)

„Speak Up!“ wird aus der Sicht der zwölfjährigen Mia erzählt, die von ihren Klassenkamerad*innen gemobbt wird. Ihre (alleinerziehende) Mutter ist ihr dabei keine Hilfe, denn auf der einen Seite will ihrer Mutter sie vor allem beschützen, und auf der anderen Seite sagt sie Mia immer, dass sie sich nur anders verhalten muss, um nicht mehr gemobbt zu werden. Mia selbst kann nicht verstehen, dass so viele Personen ein Problem mit ihr haben, weil sie autistisch ist. Für sie ist es eben ihre Normalität, dass sie zum Beispiel von zu viel Lärm überwältigt wird und deshalb Kopfhörer trägt, um damit fertigzuwerden, und dass sie bestimmte Verhaltensweisen anwenden muss, um im Alltag zurechtzukommen.

Einzig Charlie hat keinerlei Schwierigkeiten damit, dass Mia autistisch ist. Charlie und Mia sind schon lange Zeit miteinander befreundet und kennen einander sehr gut. Sie unterstützen sich gegenseitig und verbringen den Großteil ihrer Freizeit miteinander. Außerdem haben sie in den letzten Monaten unter dem Pseudonym „Elle-Q“ mit ihren gemeinsamen Youtube-Videos so einige Follower gefunden. Zusammen machen die beiden Musik, wobei Mia verkleidet vor der Kamera steht und singt, während Charlie die Songs komponiert und für das Filmen zuständig ist. Als Charlie aber mit Mia an einem Talentwettbewerb teilnehmen will, kriselt die Freundschaft der beiden, da Mia sich nicht zutraut, auf der Bühne zu stehen, während das für Charlie die Erfüllung eines wirklich großen Traums wäre.

Ich mochte den Comic sehr gern und fand es sehr berührend, von Mias Alltag, ihren Problemen und ihren Träumen zu lesen. Viele Figuren – gerade unter Mias Klassenkameradinnen – waren etwas sehr klischeehaft dargestellt. Aber da es Rebecca Burgess vor allem darum ging, den Alltag einer autistischen Person zu zeigen, fand ich das nicht schlimm. Außerdem vermute ich, dass sich die eigentliche Altersgruppe (Leser*innen zwischen 8 und 12 Jahren) daran deutlich weniger stören wird als ich. Innerhalb der Geschichte lässt Rebecca Burgess von Mia immer wieder bestimmte Aspekte zum Thema Autismus kindgerecht erklären, ohne dass diese Erklärungen von der Handlung ablenken würden. Da diese Dinge zu Mias Leben gehören und sie genau dafür gemobbt wird, ist es umso wichtiger, dass diese kleinen Einschübe in den Comic eingebaut wurden.

Die Handlung selbst fand ich wirklich sehr süß, und ich habe mich über jeden kleinen Fortschritt, den Mia machte, gefreut und gehofft, dass sie irgendwann einen für sie passenden Weg findet, um mit ihren Klassenkamerad*innen umzugehen. Es gibt immer wieder amüsante Szenen, wenn Mia und Charlie zusammen etwas machen, und es war so großartig, in der Geschichte über Szenen mit Charakteren zu stolpern, die sich ernsthaft Mühe geben, auf Mias Bedürfnisse einzugehen und respektvoll mit ihr umzugehen. Der Zeichenstil von Rebecca Burgess ist nett und gefällig, aber auch relativ beliebig. Hier macht es sich bemerkbar, dass der Comic weniger für eine erwachsene Comicleserin wie mich gedacht ist als für jüngere Leser*innen, die auf unterhaltsame Weise mit Informationen rund um Autismus versorgt werden sollen. Was die Zeichnungen nicht schlecht macht – sie haben bei mir nur keinerlei anhaltenden Eindruck hinterlassen. Insgesamt ist „Speak Up!“ ein wirklich süßer und informativer Comic, der mich während des Lesens gut unterhalten hat.

Caroline O’Donoghue: All Our Hidden Gifts (The Gifts 1)

Um „All Our Hidden Gifts“ von Caroline O’Donoghue bin ich eine ganze Weile herumgeschlichen, weil ich zwar sporadisch Lust auf „Fantasy mit Tarot-Karten-Schwerpunkt“ habe (und nur selten darüber stolpere), aber normalerweise lieber Jugendbücher lese, die für ein jüngeres Publikum gedacht sind. Am Ende war ich überrascht, wie sehr ich die Perspektive der Protagonistin Maeve Chambers genossen habe, obwohl sie typische Teenager-Probleme hat und zu unüberlegten Handlungen neigt. Schon zu Beginn des Romans wird deutlich, dass Maeve ein gravierendes Problem damit hat, dass sie sich deutlich weniger intelligent, begabt und interessant findet als alle anderen, vor allem im Vergleich zu ihren Familienmitgliedern. Als kleines Kind hatte sie eine Leseschwäche und auch aktuell sind ihre Noten nicht gut genug, um dieselbe Schule zu besuchen, auf der ihre älteren Geschwister waren.

Erst als Maeve in einem Abstellraum ihrer Schule ein altes Set mit Tarot-Karten findet und sich anhand von Youtube-Videos den Umgang damit beibringt, hat sie das Gefühl, etwas „Besonderes“ zu beherrschen. Als dann auch noch ihre Mitschülerinnen sie bestürmen, ihnen die Karten zu legen, fühlt sich Maeve endlich so beliebt, wie sie es immer schon sein wollte. Doch ein Vorfall beim Kartenlegen für ihre ehemals beste Freundin Lily sorgt dafür, dass Maeve ihr Verhalten und ihre Prioritäten in Frage stellt – vor allem, da Lily zwei Tage später spurlos verschwindet. Voller Schuldgefühle versucht Maeve herauszufinden, was mit Lily geschehen ist, wobei ihr ihre neue Freundin Fiona und Lilys älterer Bruder Roe helfen. Gemeinsam mit diesen beiden findet Maeve nicht nur mehr über ihre Fähigkeiten und die Tarot-Karten heraus, sondern muss sich auch gegen die immer einflussreicher werdende Gruppierung der „Children of Brigid“ stellen.

Ich mochte es sehr, wie Caroline O’Donoghue in „All Our Hidden Gifts“ reale irische Geschichte, aktuelle „konservative Strömungen“ (und die damit einhergehenden verheerenden Folgen – nicht nur – für queere Personen) und einen Hauch von Magie zu einer stimmigen Handlung verband. Dabei war gerade der Teil, der sich rund um die „Children of Bridgid“ drehte, gar nicht so einfach zu lesen, weil diese unheimliche Mischung aus „christlicher Sekte“ und „konservativen politischen Ansichten“ sich (nicht nur mit Blick auf die USA) gerade viel zu real und nah anfühlte. Deshalb fand ich dann die Passagen in der Handlung, die sich um Maeves Suche nach Lily drehten, fast schon erholsam. Denn hier steht weniger die Magie im Mittelpunkt der Geschichte, obwohl die Tarot-Karten (und die damit verbundenen übernatürlichen Fähigkeiten von Maeve) der Auslöser für Lilys Verschwinden sind, als Maeves Zweifel an ihrem eigenen Wert und die Frage, was für ein Mensch sie eigentlich sein will.

Dabei fand ich es spannend, dass Maeve viele Dinge tat, die ich normalerweise wirklich ungern bei jugendlichen Protagonist*innen lese, die ich aber hier erstaunlich wenig störend fand. Das lag daran, dass Maeve oft durchaus bewusst war, dass sie da gerade Mist baute, ihr aber eben die Erfahrung (oder das Selbstbewusstsein) fehlte, um anders mit einer Situation umzugehen. Es gelingt der Autorin auch immer wieder aufzuzeigen, dass Maeve häufig ziemlich ignorant gegenüber der Lebensrealität anderer Personen ist, ohne dass Caroline O’Donoghue dies ihrer Protagonistin zum Vorwurf macht oder die Figur dadurch für den Leser unsympathisch wird. Ich mochte es im Gegenteil sogar sehr, dass ich so miterleben konnte, wie Maeve sich weiterentwickelte und – zumindest teilweise – ihren Tunnelblick ablegte. Überhaupt mochte ich die vielen verschiedenen Charaktere (von dem Antagonisten abgesehen) in dieser Geschichte wirklich sehr, weil sie sich so real anfühlten. Caroline O’Donoghues Figuren haben viele Facetten und kämpfen mit so vielen kleinen und großen Problemen, und doch versuchen sie immer wieder, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes zu geben.

Obwohl dieses Buch der erste Teil einer Trilogie ist, kann „All Our Hidden Gifts“ meiner Meinung nach als Roman durchaus für sich alleine stehen. Es gibt zwar noch ein paar wenige offene Fäden, aber das Ende ist für sich genommen stimmig und befriedigend. Allerdings bin ich wirklich neugierig darauf, wie es mit den Charakteren sowie mit der magischen Seite von Maeve und den anderen weitergeht. Und ich muss zugeben, dass ich die an Tarot-Karten-Designs angelehnten Cover hübsch genug finde, um sie in meinem Regal haben zu wollen … weshalb ich mir direkt nach dem Lesen von „All Hour Hidden Gifts“ auch noch „The Gifts That Bind Us“ und „Every Gift a Curse“ bestellt habe und nun hoffe, dass mir diese beiden Bände ebenso gut gefallen wie der Auftakt der Trilogie.

Jennifer Adam: The Last Windwitch

„The Last Windwitch“ von Jennifer Adam hat ein Jahr auf meinem SuB geruht, bis ich den Titel dann im vergangenen Dezember endlich in die Hand genommen habe, weil ich beim Zusammenstellen meiner „Winter-Leseliste“ darüber gestolpert war. Ich weiß nicht, wieso ich dachte, dass die Geschichte „märchenhaft“ sein würde, aber das war sie nicht. Stattdessen bot sie mir die perfekte Mischung aus vertrauten fantastischen Kinderbuch-Elementen und kleinen Dingen, die dem Ganzen eine individuelle Note verliehen, was mir viel Freude bereitet hat. Außerdem habe ich die Protagonistin Brida und sehr viele der Personen, die sie im Laufe der Handlung kennenlernt, wirklich in mein Herz geschlossen. Und ich habe es genossen, von all den verschiedenen Verwendungen für „Alltagsmagie“ in dieser fantastischen Welt zu lesen.

Die Protagonistin Brida ist schon als Baby zu ihrer Pflegemutter „Mother Magdi“ gekommen und hat von ihr gelernt, mit der Magie einer Hedgewitch umzugehen. Doch obwohl Brida von klein auf den Umgang mit Magie gelernt hat, ist sie so schlecht darin, dass sie nicht hoffen kann, die Prüfung zu bestehen, die – wie es für Zwölfjährige in diesem Land üblich ist – das Ende ihrer Lehrzeit markieren würde. Die Tatsache, dass Brida ein Findelkind ist, und dass sie ständig versagt, wenn sie Hedgewitch-Magie anwenden will, sorgen dafür, dass sie sich in ihrem Leben ziemlich fehl am Platz fühlt. Dabei ist ihr bewusst, dass Mother Magdi sie wirklich liebt, immer für sie da ist und sie unterstützt. Ich persönlich fand es sehr schön, von dem Verhältnis dieser beiden Figuren zu lesen. Denn obwohl Brida nicht glücklich ist und das Gefühl hat, dass Mother Magdi ihre Probleme nicht nachvollziehen kann, so ist da doch die ganze Zeit eine sehr stabile Basis aus Zuneigung zwischen dem Mädchen und seiner Pflegemutter.

Neben diesen schönen Szenen zwischen Brida und Mother Magdi gibt es von Anfang an Anzeichen dafür, dass das Leben im Königinnenreich nicht einfach ist. Die Königin hat die alten Bräuche verboten, wie die Anwendung von großer Magie und das Erzählen der alten Geschichten, und mit jedem Jahr, das sie an der Macht ist, finden immer mehr Flüchtlinge ihren Weg in das kleine Tal, in dem Brida lebt. Das Wetter ist unberechenbar geworden, Hungersnöte gehören inzwischen zum Alltag und jeder Anwohner muss fürchten, dass er von einem Spion der Königin aus irgendeinem Grund in Gefangenschaft genommen wird. Wie schlimm die Situation im Land wirklich ist, erlebt Brida erst, als sie das Tal verlassen muss, weil sie vom Jäger der Königin gejagt wird. Und auch wenn für mich beim Lesen von Anfang an klar war, wieso sie die Aufmerksamkeit des Jägers auf sich gezogen hat, so fand ich es schön mitzuerleben, wie Brida erst nach und nach die Gründe dafür (und damit auch mehr über ihre Herkunft) herausfindet.

Spannend fand ich es auch, dass ich mich beim Lesen von „The Last Windwitch“ dabei ertappt habe, dass ich im ersten Drittel ständig darauf wartete, dass Brida ihr Dorf verlässt – einfach deshalb, weil es in ähnlichen fantastischen Kinderbüchern so üblich ist, dass die Autor*innen ihre Protagonist*innen nach einer kurzen Einführung ins Abenteuer schicken. Jennifer Adam lässt sich hingegen viel Zeit, um Brida und ihr Umfeld vorzustellen und um mit kleinen Ereignissen in Bridas Heimatort die großen Entwicklungen in dem Land anzudeuten. Mir hat das gut gefallen, weil es dafür sorgte, dass ich mir bei all den späteren Gefahren, denen Brida trotzen muss, immer sicher sein konnte, dass Mother Magdi und ihre Freund*innen aus der Ferne alles versuchen, um das Mädchen zu finden und sie zu unterstützen. Außerdem lernt Brida – natürlich – im Laufe ihrer Reise neue Personen kennen, die so für sie da sind wie Brida für sie.

Zusammengenommen ergaben all diese Dinge die – eingangs erwähnte – Mischung aus vertrauten und ungewöhnlichen Elemente in der Handlung, die dafür sorgte, dass ich „The Last Windwitch“ wirklich genossen habe. Es gibt so viele kleine Szenen rund um die Traditionen am „Tag der Erinnerung“ und die alltägliche (und die größere) Magie, die ich wunderbar fand. Dazu kommt noch die Entwicklung, die Brida im Laufe der Zeit durchmacht, und wie sie nicht nur mehr über sich und ihre Fähigkeiten herausfindet, sondern auch mehr über die Personen um sie herum. Brida ist eine wirklich liebenswerte Protagonistin, die von Jennifer Adam so geschrieben wurde, dass sie – in meinen Augen – eine stimmige Zwölfjährige ist und die trotzdem versucht, so „erwachsen“, wie es ihr möglich ist, mit den Herausforderungen umzugehen, die ihr begegnen. Ich werde definitiv die Augen nach weiteren Titeln von Jennifer Adam aufhalten! Der einzige Grund, wieso ich von ihr noch nicht „Lark and the Wild Hunt“ gekauft habe, ist, dass ich Hardcover nicht so gern lese und hoffe, dass es von dem Titel noch eine Taschenbuchausgabe geben wird.

Patricia C. Wrede: The Dark Lord’s Daughter

Patricia C. Wrede gehört schon seit vielen Jahren zu den Autor*innen, deren Bücher ich auf jeden Fall kaufe, wenn sie veröffentlicht werden. So war es auch mit „The Dark Lord’s Daughter“, und erst als ich den Roman im Haus hatte, fiel mir auf, dass ich gar nicht so recht wusste, worum es überhaupt ging. Was vielleicht auch ganz gut war, denn die Grundidee hinter dieser Geschichte gehört zu denen, auf die ich inzwischen keine rechte Lust mehr habe, weil ich von dieser Art von Romanen in den 1990er Jahre so viele gelesen habe. Aber natürlich hat Patricia C. Wrede etwas ganz Eigenes aus dieser Idee gemacht, so dass ich „The Dark Lord’s Daughter“ am Ende sehr genossen habe. Allerdings musste ich mich dafür ein bisschen durch die erste Hälfte kämpfen, wo die Autorin erst einmal eine fantastische Welt einführte, die mir mit ihren Traditionen ziemlich auf die Nerven ging.

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der vierzehnjährigen Kayla Jones. Kayla ist zu Beginn der Geschichte mit ihrer Adoptivmutter Riki(ta) und ihrem jüngeren Bruder Del(mar) auf einem Jahrmarkt unterwegs. Diese Familientradition versuchen die drei weiter aufrecht zu erhalten, obwohl es finanziell in den letzten Jahren eng war, nachdem Kaylas Adoptivvater Michael gestorben war. Ich mochte es sehr zu lesen, wie nahe sich die drei stehen, auch wenn Rikis Besorgnis aus Kaylas Sicht häufig übertrieben und etwas nervig ist. Dieses „aufeinander Aufpassen“ führt dann auch dazu, dass alle drei gemeinsam in das fantastische Land Zaradwin transportiert werden, als ein maskierter Mann in Rüstung Kayla auf dem Jahrmarkt mit einem Zauber belegt. Dort erfährt Kayla, dass sie eigentlich Lady Xavrielina und die Erbin des verstorbenen Dark Lord of Zaradwin ist. Was bedeutet, dass sie nun alles daran setzen muss, um die Position der Dark Lady of Zaradwin einzunehmen – und sei es nur, um zu verhindern, dass sie oder ihre Familie von den diversen Feinden, die eine potenzielle Dark Lady hat, getötet werden.

Ich muss zugeben, dass ich (gemeinsam mit Kayla) zu Beginn der Geschichte wirklich frustriert darüber war, wie wenig Informationen die Protagonistin bekam, um mit ihrer Rolle als zukünftige Dark Lady fertigzuwerden. Es wird von Anfang an deutlich, dass das Land Zaradwin in den zehn Jahren, die seit dem Tod von Kaylas leiblichem Vater vergangen sind, ziemlich verfallen ist. Und während Kayla jemand ist, für den Probleme etwas sind, was gelöst werden muss, besteht ihr Umfeld aus Personen, die sie als Kind behandeln (okay, das ist eigentlich nur Riki) oder die sich auf „Traditionen“ berufen, um nichts tun oder gar Änderungen hinnehmen zu müssen. Umso mehr habe ich es dann genossen, als Kayla endlich die ersten Antworten auf all ihre Fragen herausfand und anfing – entgegen aller Traditionen – vernünftige Entscheidungen zu treffen, um ihre Position als Dark Lady einnehmen zu können. Sehr amüsant war es dabei, die Tipps, die zu Beginn eines jeden Kapitels aus dem „Handbuch für angehende Dark Lords und Ladys“ (natürlich mit dem Titel „The Dark Traditions“) zitiert wurden, dann mit Kaylas eigentlichen Aktionen zu vergleichen.

Aber vor allem habe ich es genossen zu sehen, wie sich Kayla immer wieder mit den unterschiedlichsten Personen austauschte, um dann die beste Lösung für ein Problem zu finden. Dabei hat Patricia C. Wrede wirklich wunderbare Charaktere für ihren Roman geschaffen, die weder zu gut noch zu böse waren, sondern realistisch wirkende Figuren mit Stärken und Schwächen. Das führte dazu, dass es immer wieder amüsante Szenen gab, wenn diese Personen entgegen aller Traditionen handelten und mal eine Facette ihrer wahren Persönlichkeit zeigten. Das Ende – mit all den überraschenden Lösungen, die die Autorin für Kaylas Herausforderungen gefunden hat – habe ich deshalb wirklich genossen. So wenig ich zu Beginn des Romans das fantastische Land Zaradwin mochte, so wenig wollte ich am Ende diese Welt verlassen. Stattdessen habe ich mir gewünscht, ich könnte noch weiter verfolgen, welche Änderungen Kayla und ihre Familie noch so für diese Welt mit sich bringen (und welche unterhaltsamen Situationen das für mich als Leserin bereithalten würde). Normalerweise vergleiche ich nicht so gern ein Buch mit einem anderen Titel, aber „The Dark Lord’s Daughter“ hat mich in so einigen Aspekten sehr an „The Dark Lord of Derkholm“ von Diana Wynne Jones erinnert.

Emily Randall-Jones: The Witchstone Ghosts

Als ich die Inhaltsbeschreibung von „The Witchstone Ghosts“ las, hatte ich das Gefühl, dass diese Geschichte von Emily Randall-Jones perfekt zu einem verregneten, dunklen Herbstabend passen würde, und so habe ich mir das Buch spontan bestellt. Die Handlung wird aus der Perspektive von Autumn Albert erzählt, die in London lebt und die ungewöhnliche und ziemlich lästige Fähigkeit hat, Geister zu sehen. Doch als ihr Vater bei einem Unfall stirbt, gibt es keine Möglichkeit für sie, mit seinem Geist Kontakt aufzunehmen. Stattdessen zieht sie von einem Moment auf den anderen mit ihrer Mutter und ihrem Hund auf eine kleine Insel, auf der ihr Vater ihnen ein Haus vererbt hat. Die Insel Imber liegt vor der Küste Cornwalls, und so herzlich die Bewohner Autumn und ihre kleine Familie auch aufnehmen, so gibt es doch einige seltsame (und sogar etwas unheimliche) Bräuche, über die das Mädchen im Laufe der Zeit stolpert. Doch vor allem ist Autumn damit beschäftigt, die Trauer um ihren Vater zu verarbeiten und eine neue Freundin zu gewinnen, vor der sie auf jeden Fall verbergen will, dass sie Geister sehen kann.

Ich muss zugeben, dass ich am Anfang nicht so ganz nachvollziehen konnte, wieso Autumn solch ein Problem mit ihrer Fähigkeit hat. Dabei macht Emily Randall-Jones deutlich, dass es für ihre Protagonistin eine große Herausforderung ist, ein einigermaßen normales Leben zu führen, wenn sie auf Schritt und Tritt über Geister stolpert, die ihre Aufmerksamkeit einfordern. Auf der anderen Seite ist Autumns bester Freund der Kaminkehrerjunge Jack, der schon vor langer Zeit verstorben ist, so dass ihre besondere Fähigkeit auch ihre guten Seiten hat. Trotzdem ist Autumn wild entschlossen, auf Imber ein ganz „normales“ Leben zu führen. Erleichtert wird ihr das dadurch, dass es auf der ganzen Insel keine Geister zu geben scheint. Stattdessen lernt das Mädchen einige freundliche Einheimische kennen – allen voran Lamorna, die nur wenig älter als Autumn ist und die ihr viel über das Leben auf Imber beibringt. Aber natürlich kann es auf einer Insel nicht mit rechten Dingen zugehen, auf der es so gar keine Geister gibt, und je mehr Autumn darüber rausfindet, desto gefährlicher wird das Leben auf Imber für sie.

Genau wie ich es erhofft hatte, ist „The Witchstone Ghosts“ die perfekte Geschichte für ungemütliche und regnerische Herbstabende gewesen. Es gibt so viele Szenen mit stürmischer See, Kälte, Regen und insgesamt bedrohlicher Natur, die von Emily Randall-Jones wunderbar atmosphärisch geschrieben wurden. Auch das kleine Häuschen, das Autumns Vater hinterlassen hat, wirkt anfangs nicht sehr heimelig, was nur noch mehr betont, welche Herausforderungen das Leben auf einer so kleinen Insel im Meer mit sich bringt. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder schöne und gemütliche Abschnitte, in denen Autumn eine überraschend herzliche Nachbarschaft kennenlernt oder liebevolle Momente mit ihrer Mutter verbringt, die ein passendes Gegengewicht zu den eher düsteren Passagen bilden.

Für eine erwachsene Leserin sind einige Entwicklungen in der Handlung relativ vorhersehbar, was ich aber in keiner Weise schlimm fand. Es gibt in der Geschichte immer noch genügend Überraschungen, wenn es darum geht, wie Autumn selbst diese Dinge herausfindet oder auf welche Weise sie aufkommende Probleme löst, so dass ich im letzten Drittel gespannt dem Ende entgegengefiebert habe. Insgesamt war „The Witchstone Ghosts“ für mich ein wirklich befriedigendes Jugendbuch mit genau der richtigen Mischung aus unheimlichen/bedrohlichen und wohltuenden Momenten, um mein Bedürfnis nach einer gleichzeitig gemütlichen und düsteren Geschichte für die Herbstzeit zu befriedigen.