Schlagwort: L. D. Lapinski

Lese-Eindrücke Juni und Juli 2026

Im Juni und Juli fand ich es überraschend schwierig, mich für ein Buch zu entscheiden, was bedeutete, dass ich mich vor allem auf Reihen(fortsetzungen) konzentriert habe. Außerdem habe ich im Juli so wenig gelesen, dass die paar Lese-Eindrücke hier auch noch reinpassen.

Lois McMaster Bujold: The Sharing Knife – Complete Series

Nach dem aktuellsten „Penric & Desdemona“-Band hatte ich Lust auf mehr Geschichte von Lois McMaster Bujold, wollte aber nicht zu den Vorkosigan-Romanen greifen, weil das definitiv dazu geführt hätte, dass ich die ganze Serie am Stück gelesen hätte. Also startete ich einen Reread der beiden deutschen „Die magischen Messer“-Bände, die sich in meinem Regal befanden – nur um dann die beiden Romane nach den ersten Absätzen auszusortieren und mir den englischen Sammelband als eBook zu besorgen, weil ich die deutsche Übersetzung nicht mehr lesen mochte. Die Komplettausgabe der „Sharing Knife“-Serie beinhaltet die vier Romane „Beguilement“, „Legacy“, „Passage“ und „Horizon“ plus die Novella „Knife Children“ und erzählt die Geschichte von Dag (ein Lakewalker) und Fawn (eine Farmerin – eine Bezeichnung, die für jeden Menschen, der kein Lakewalker ist, verwendet wird). Die beiden verlieben sich ineinander, nachdem sie gemeinsam gegen eine „Malice“ (ein magisches Wesen, dass seiner Umgebung sämtliche Lebensenergie aussaugt) gekämpft haben. Dummerweise gibt es bei den Farmern keinen Platz für Dag und bei den Lakewalkern keine Zuflucht für Fawn, so dass sich das Paar gezwungen sieht, einen ganz eigenen – neuen – Weg einzuschlagen, um sich ein gemeinsames Leben aufbauen zu können. Ich mochte die Geschichte so sehr, dass ich die über 1800 Seiten in gerade mal sechs Tagen gelesen habe. Fawn und Dag bekämpfen im Laufe der Zeit weitere Malices, lernen mehr über die Kultur des jeweils anderen, finden eine Menge neuer Verbündeter und Freunde, und das alles ist durchzogen mit dem für Lois McMaster Bujold typischen Humor. Ich freu mich sehr darüber, dass ich nun alle Bände der Reihe in meinem Besitz habe und bin mir sicher, dass ich sie in Zukunft regelmäßig erneut lesen werde.

Haylock Jobson: Heretical Fishing 1-5 – A Cozy Guide to Annoying the Cults, Outsmarting the Fish, and Alienating Oneself

„Heretical Fishing“ von Haylock Jobson war ein weiterer Versuch von mir, im Juni einen Isekai-Roman zu finden, der mich gut unterhält, und ich muss zugeben, dass ich Band 1 wirklich amüsant und ungewöhnlich fand. Zu Beginn der Geschichte wird der Protagonist „Fischer“ von einem LKW überfahren, nachdem er zum ersten Mal in seinem Leben einen entspannten Nachmittag mit Angeln verbracht hat. Das führt dazu, dass er sich nach seinem Tod in einer fantastischen Welt wiederfindet, in der das „System“ offensichtlich defekt ist (und ihm lauter Fehlermeldungen präsentiert). Er beschließt, dass er nicht im klassischen Isekai-Stil sein zweites Leben verbringen will, sondern sich lieber aufs Angeln konzentrieren möchte. Ich fand es anfangs lustig zu lesen, dass Fischer so besessen vom Angeln ist, dass es ihm auch vollkommen egal ist, dass das in dieser Welt als Häresie gilt, und wie er ständig seine neuen Nachbarn dazu bringen will, seine Fischgerichte zu probieren. Und da ich das Ganze so nett fand, habe ich mir auch noch den zweiten Band besorgt, wo der Humor dann etwas ermüdend wurde, aber am Ende die Handlung so weit anzog, dass ich auch noch die Fortsetzung las – mit der es mir wieder genauso erging, dass ich den Humor ermüdend fand, aber dann am Schluss neugierig genug auf den weiteren Verlauf der Geschichte war … Bei Band 4, den ich im Juli gelesen habe, war ich dann so weit, die Reihe abzubrechen, allerdings hatte ich dummerweise auch Band 5 schon auf dem eReader … Die Grundidee ist nett, die ersten Bände fand ich unterhaltsam, und ich fand es schön, dass Fischers Einfluss dafür sorgte, dass all seine Nachbarn magische Kräfte entwickelten und Zugang zum System bekamen. Aber der eher alberne und sich ständig wiederholende Humor, der sehr viel darauf basierte, dass sich die Figuren gegenseitig Streiche spielten, ging mir doch überraschend schnell auf die Nerven. Keine Reihe, die ich fortsetzen werde, auch wenn der fünfte Band (natürlich) wieder auf eine Art und Weise endete, die eine interessante Weiterführung der Geschichte mit sich bringen könnte.

L. D. Lapinski: The Whispering World (Artezans 2)

Ich sehe gerade, dass es schon zwei Jahre her ist, seitdem ich den ersten Band rund um die Artezans von L. D. Lapinski gelesen habe, und frage mich nun, wieso Fortsetzungen so oft bei mir auf dem SuB liegenbleiben … Immerhin habe ich in diesem Jahr endlich den zweiten Teil „The Whispering World“ gelesen und fand ihn mindestens ebenso nett wie den Auftaktband der Reihe. Da dieses Mal die magische Welt, zu der die Zwillinge Ed und Elodie gehören, nicht vorgestellt werden muss, zieht die Handlung in diesem Roman deutlich schneller an als in „The Forgotten Magic“. Zu Beginn der Geschichte erleiden die beiden Kinder mit ihren Vätern Schiffbruch und landen auf einer kleinen (und zum Glück von Magie-Nutzern bewohnten) Insel. Nachdem die kleine Familie froh ist, dass sie so viel Glück im Unglück hatten, müssen sie schnell feststellen, dass es auf der Insel nicht so ganz mit rechten Dingen zugeht. Ich mochte es, all die verschiedenen Personen auf der Insel kennenzulernen, mitzuverfolgen, wie Ed und Elodie einen neuen Freund finden und wie sich die drei dann gegenseitig unterstützen, als sie gegen eine Gruppe von Personen angehen müssen, die ihre Magie stehlen will. Und ich bin sehr, sehr neugierig darauf, wie die Geschichte zu Ende geht, weshalb ich den dritten Band der Reihe inzwischen auf dem SuB habe und fest davon ausgehe, dass ich ihn in diesem Herbst lesen werde.

Rachel Morgan: Hearts & Honey Light (The Charmed Leaf Legacy 4)

Ich habe die „The Charmed Leaf Legacy“-Serie von Rachel Morgan wirklich ins Herz geschlossen und freue mich schon jetzt auf den nächsten Band, der im November erscheinen soll. „Hearts & Honey Light“ dreht sich mit Kazrian Rowanwood und Lucie Fields um zwei Figuren, die schon in den vorherigen Bänden eine Rolle spielten. Lucie ist eine junge (menschliche) Frau, die eine Ausbildung als Konditorin in dem Teehaus von Kazrians Großmutter gemacht hat, und Kazrian ist ein Fae Lord, der in den vergangenen Jahren fern seiner Familie am Hof der Königin gelebt und dort seine Magie gewirkt hat. Doch nun hat ihn seine Großmutter nach Hause gerufen, weil sie in Bloomhaven ein Café eröffnen will und Kazrian sich um die von Magie hervorgerufenen Fehlfunktionen in dem Gebäude kümmern soll. Was natürlich bedeutet, dass Lucie und Kazrian so einige Zeit miteinander verbringen müssen, obwohl sie ihm vor einigen Jahren das Herz gebrochen hat, als sie ihm mitteilte, dass sie keine Gefühle für ihn hegen würde. Was natürlich nicht stimmte, obwohl sie gute Gründe für diese Lüge hatte … Ich mochte es sehr, mitzuerleben, wie die beiden Figuren sich wieder neu kennenlernen und sich so nach und nach ihren Gefühlen füreinander stellen müssen. Ich muss zugeben, dass ich den Grund für einen Teil der magischen Probleme in dem Café etwas zu auf der Hand liegend fand, und auch die Hintergründe zu Kazrians Gegenspieler war mir etwas zu offensichtlich. Aber da ich den Rest der Handlung so süß fand und bei dieser Reihe sicher sein kann, dass den Figuren nichts Schlimmes passiert, selbst wenn die Geschichte so einiges Potenzial für Drama und Unglück bietet, konnte ich damit leben.

C. A. Moss: How I Became a Therapist in Another World 1-4

Ein weiterer Versuch mit einer Isekai-Serie, dieses Mal im Juli und beworben mit den Worten „A light novel-inspired, LGBT-inclusive four-part novella series about one thing every angsty anime series and fantasy novel could use: Therapy.“ Diese vier Bände (die zusammen gerade mal um die 420 Seiten umfassen) werden alle aus der Sicht von Lavender erzählt, einer Therapeutin, die sich nach ihrem Tod in einer fantastischen Welt wiederfindet, wo die Bewohner von Dämonen geplagt werden. Dabei sind diese Dämonen nichts anderes als ein für alle sichtbarer Ausdruck der psychischen Probleme, die die jeweilige Person (Mensch, Ork oder Elf gleichermaßen) plagen. Weshalb Lavender auch in ihrem zweiten Leben ihr Wissen als Therapeutin nutzt, um ihren Nachbarn zu helfen, ihre Dämonen zu besiegen. Außerdem gibt es da noch die attraktive Köchin in dem Wirtshaus, in dem Lavender aushilfsweise als Bedienung arbeitet, und das Rätsel um die Herkunft der Dämonen (und um den Ursprung dieser fantastischen Welt). C. A. Moss nimmt sich viel Zeit, um Lavenders neues Leben aufzubauen und die verschiedenen Personen, die sie im Laufe der folgenden Monate kennenlernt, vorzustellen. Was dazu führt, dass die Geschichten – trotz ihrer Kürze – etwas vor sich hin dümpeln. Immerhin ließ sich die Handlung so aber auch gut in kleinen Abschnitten lesen, wenn mein Kopf gerade sehr voll war und ich einfach nur ein paar Minuten in der Gesellschaft von ein paar schrecklich netten Charakteren verbringen wollte. Die Fortsetzungen (also Band 5 bis 10) habe ich deshalb im August auch noch gelesen und fand vor allem den zweiten Sammelband („Herbs and Harmonies“) sehr nett – gerade weil ab Band 5 andere Protagonist*innen als Lavender eine Rolle spielen. „The Dark Lord’s Army Wants You!“ hatte hingegen ein paar sehr amüsante Ideen, aber mir waren die unterschiedlichen Geschichten, die sich zwar um verschiedene Personen drehen, die aber alle zu derselben Armee gehören, thematisch fast schon zu ähnlich. Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass ich die Serie zu genau der richtigen Zeit für mich entdeckt hatte, dass ich bei einem erneuten Lesen aber nicht mehr so ganz nachvollziehen können werde, was mich in diesem Sommer daran gereizt hatte.

L. D. Lapinski: The Forgotten Magic (Artezans 1)

„The Forgotten Magic“ hat seit dem Frühling darauf gewartet, dass ich das Buch vom SuB ziehe. Der erste Band der neuen Reihe von L. D. Lapinski wird aus der Perspektive des elfjährigen Ed(ward) erzählt, der – ebenso wie seine Väter und seine Zwillingsschwester – zu den Artezans gehört, was bedeutet, dass die Familie in der Lage ist, Magie zu wirken. Wobei Ed und seine Schwester Elodie erst in diesen Sommerferien herausfinden werden, ob sie wirklich über Magie verfügen, und wenn ja, was für eine Magie das sein könnte. Im Laufe der Geschichte gibt es so einige Hintergrundinformationen zu der Magie der Artezans und wieso diese Magie in den vergangenen vierhundert Jahren immer seltener und schwächer wurde, aber erst einmal wird von all den größeren und kleineren magischen Dingen erzählt, die das Leben der Artezans bis heute prägen.

L. D. Lapinski nimmt sich dabei viel Zeit, um Ed und sein Umfeld vorzustellen, wobei vor allem Eds etwas zwiespältiges Verhältnis zu seiner Schwester im Mittelpunkt steht. Gerade weil die beiden Zwillinge sind, kann Ed es nicht so recht nachvollziehen, dass er und Elodie solch gegensätzliche Persönlichkeiten haben. So ist Elodie voller Vorfreude auf das sommerliche Artezan-Camp, das neben ihrem Zuhause abgehalten wird, während Ed schon bei der Vorstellung an all die Menschenmassen von Fluchtgedanken beherrscht wird. Nicht selten ist Ed neidisch auf seine Schwester, während sie gleichzeitig seine beste Freundin und engste Vertraute ist. Dies führt dazu, dass sich eben auch ein nicht so geringer Teil der Handlung darum dreht, dass Ed mit seinen negativen Gefühlen und Impulsen fertig werden und einen klügeren und bewussteren Umgang damit finden muss.

Ich verrate jetzt mal so viel, dass Eds größter Wunsch (nämlich über beeindruckende Magie zu verfügen) in Erfüllung geht und dass ihm danach erst bewusst wird, dass solch eine Magie nicht einfach zu beherrschen ist. Was bedeutet, dass Ed mehr über seine (alb)traumhafte Magie (und sich selbst) herausfinden muss, um mit seinen neuen Fähigkeiten keinen Schaden anzurichten. Während ich sonst häufig Probleme habe, Sympathien für solche Protagonisten zu entwickeln, habe ich es hier überraschend gern verfolgt, wie Ed mit sich selbst ringt. Obwohl Ed sich immer (wissentlich!) unverantwortlich verhält, gelang es L. D. Lapinski, ihn so darzustellen, dass ich sein Verhalten selbst dann nachvollziehen konnte, wenn ich dabei zusehen musste, wie er gerade großen Mist baute. Ich finde es übrigens faszinierend, wie sehr ich mich beim Lesen (und Rezensieren) dieses Buchs auf Eds Charakterentwicklung konzentriert habe, obwohl es so viele wunderbare fantastische Elemente in diesem Roman gibt, die ich erwähnen könnte.

L. D. Lapinski hat mit den Artezans eine interessante Mischung aus vertraut wirkender und überraschender magischer Gesellschaft geschaffen. Außerdem begegnen einem während des Sommercamps so viele Figuren mit ungewöhnlichen (und nicht immer nützlichen) magischen Fähigkeiten. Besonders die Person, die die Kinder beim Umgang mit ihrer neuentdeckten Magie unterstützen soll, aber auch die Väter von Ed und Elodie fand ich wirklich sympathisch, und ich hatte Spaß daran, mir vorzustellen, wie sich ihre fantastischen Fähigkeiten wohl einsetzen ließen. Für mich war „The Forgotten Magic“ genau die passende Mischung aus fantastischen Ideen, amüsanten und nachdenklichen Momenten und einer immer intensiver werdenden unheimlichen Atmosphäre. Auch wenn einige Wendung für mich etwas vorhersehbar waren, habe ich es genossen, Eds Weg dahin zu verfolgen. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Band („The Whispering World“), der für März 2025 angekündigt ist, und bin gespannt, wie es mit Ed, Elodie und der Magie der Artezans weitergehen wird.

L. D. Lapinski: Jamie

Von L. D. Lapinski mochte ich ja schon die „Strangeworlds Travel Agency“-Bücher, weshalb ich auch neugierig auf diesen Titel war. Im Gegensatz zu der Trilogie rund um die magische Reiseagentur beinhaltet „Jamie“ keine fantastischen Elemente. Die Geschichte wird aus der Perspektive einer nicht-binären Person namens Jamie Rambeau erzählt. Jamie ist elf Jahre alt und hat sich schon vor einiger Zeit als nicht-binär geoutet. Jamie fühlt sich weder als Mädchen, noch als Junge und hat das Glück, dass sowohl die Eltern als auch Lehrer*innen und Mitschüler*innen dies relativ problemlos akzeptiert haben. Doch bei einer Informationsveranstaltung der Schule findet Jamie heraus, dass die weiterführenden Schulen des Ortes eine „Jungenschule“ und eine „Mädchenschule“ sind – und niemand auf der Veranstaltung kommt auf den Gedanken zu fragen, was das für Jamie bedeuten würde.

Ich mochte es sehr, wie L. D. Lapinski beschreibt, wie es sich für Jamie Tag für Tag anfühlt, dass „nicht-binär“ aus Sicht der Gesellschaft in der Regel keine Option ist. Wie anstrengend und aufreibend es für Jamie ist, dass they nicht einfach eine Toilette besuchen kann, ohne vorher zu überlegen, ob die Damen- oder die Herrentoilette die bessere Alternative ist (und ob vielleicht jemand ein Problem damit haben würde, dass Jamie diese Toilette nutzt). Noch schlimmer ist es, als Jamies Eltern, die bislang eigentlich recht unterstützend waren, auf einmal zugeben, dass sie hofften, dass Jamies Nicht-binär-Sein nur eine Phase sei und dass sie der Meinung sind, dass Jamie sich einfach für eine der weiterführenden Schule entscheiden soll. Einzig Daisy und Ash (Jamies beste Freunde) und Olly (Jamies älterer Bruder) stehen Jamie zur Seite  – und alle drei sind der Meinung, dass Jamie dafür kämpfen sollte, dass die weiterführenden Schulen in der Region die Existenz von nicht-binäre Personen anerkennen und bei ihrer Schulpolitik in Betracht ziehen.

Für mich war das Lesen von „Jamie“ eine großartige Mischung aus sehr berührenden und sehr amüsanten Momenten. Ich mochte Jamie als erzählende Person, vor allem dieses Gefühl von „ich will doch nur in Ruhe mein Leben leben und werde stattdessen täglich gezwungen, die Welt um mich herum aufzuklären“, das in jedem Kapitel durchschimmerte. Für mich waren häufig gerade die kleinen Nebensätze ziemlich erhellend, wenn es um die Existenz als nicht-binäre Person in einer binär dominierten Gesellschaft geht, weil da so viele Elemente erwähnt wurden, auf die ich nicht von selbst gekommen wäre. Und das alles kommt zusammen mit einer wirklich lustigen Handlung, bei der ich innerlich immer wieder Jamie und die anderen angefeuert habe, während ich gleichzeitig über all die kleinen unbehaglichen oder peinlichen Situationen, in die sich Jamie, Ash und Daisy da so gebracht haben, kichern musste. Ich habe es wirklich genossen, die Freundschaft zwischen diesen drei so unterschiedlichen Figuren mitzuerleben, und so sehr ich es gehasst habe, dass Jamie für eine nicht-binäre weiterführende Schule kämpfen muss, so schön fand ich es, dass Jamies Umfeld sich dadurch sichtbar weiterentwickelte. Am Ende hat sich „Jamie“ als wirklich unterhaltsames Wohlfühlbuch entpuppt, das hoffentlich noch viele weitere Leser*innen finden wird.

L. D. Lapinski: The Strangeworlds Travel Agency

„The Strangeworlds Travel Agency“ von L. D. Lapinski gehört zu den Büchern, um die ich eine ganze Weile herumgeschlichen bin, weil ich mir nicht sicher war, ob es was für mich sein würde. Grundsätzlich mag ich ja fantastische Middle-Grade-Geschichten, aber die Sache mit den vielen verschiedenen Welten und dem Reisen durch Koffer hatte mich etwas abgeschreckt. Als dann aber Anfang des Jahres so viel Werbung rund um den zweiten Titel („The Edge of the Ocean“) gemacht wurde, bin ich doch schwach geworden und kann inzwischen sagen, dass meine Vorurteile sich nicht bestätigt haben- was wohl daran liegt, wie die Autorin die magischen Elemente ihrer Geschichte vorstellt. Nach einem kleinen Einblick in Jonathan Mercators Alltag als Custodian der fantastischen Strangeworlds Society lernt man durch die Augen der zwölfjährigen Flick (Felicity Hudson) die Strangeworlds Travel Agency kennen und erfährt ein bisschen mehr über die Hintergründe des Multiversums und der Spalten (Schism), die – in Koffern eingeschlossen – das Reisen in andere Welten ermöglichen.

Ich mochte Flicks Perspektive sehr gern und fand es schön mitzuerleben, wie sie durch die Bekanntschaft mit Jonathan einen Weg findet, um ihrem doch recht verantwortungsvollen Alltag zu entfliehen. Flicks Leben ist definitiv nicht schlecht, sie liebt ihre Familie und sie versteht, dass ihre Eltern ihr so viele Pflichten aufbürden, weil sie keine andere Wahl haben. Aber natürlich wäre es ihr deutlich lieber, wenn sie sich nicht täglich um die Wäsche, das Essenkochen und andere Sachen kümmern müsste und stattdessen einfach freie Zeit für sich hätte. Flick träumt schon seit Langem davon, Fernreisen zu unternehmen, und Jonathan lässt diesen Traum für sie wahr werden – dafür muss sie nur ein paar Stunden Zeit freischaufeln, in denen sie dann ein ganz besonderes Abenteuer erleben kann. Doch natürlich ist nicht alles rund um die Strangeworlds Society eitel Sonnenschein. Von Anfang an wird deutlich, dass Jonathan mit seiner ererbten Aufgabe ziemlich überfordert ist und dass das Verschwinden seines Vaters mit seltsamen Vorfällen im Multiversum zusammenhängt. Auch gibt es immer wieder Momente, in denen seine Erklärungen und Erzählungen Lücken aufzuweisen scheinen, von denen einem beim Lesen natürlich bewusst ist, dass diese Auslassungen noch gravierende Folgen für ihn und Flick haben werden.

So schwingt selbst bei den heiteren, magischen Momenten immer eine Spur von Bedrohlichkeit mit, die ich persönlich sehr genossen habe. Mir gefiel diese Mischung aus amüsanten Szenen und Andeutungen von drohender Gefahr, ebenso wie der Kontrast aus Flicks sehr pragmatischem Alltag und all den wundervollen und fantastischen Dingen, die sie beim Reisen erleben darf. Dazu kommt noch, dass L. D. Lapinski mit Flick und Jonathan glaubwürdige Figuren geschaffen hat, die grundsätzlich liebenswert, aber definitiv nicht ohne Fehler und Macken sind. Die wachsende Freundschaft zwischen den beiden ist wirklich schön zu verfolgen, ebenso wie das Kennenlernen all der Bekanntschaften, die Flick (und Jonathan) im Laufe der Zeit in den anderen Welten machen. Ich muss gestehen, dass ich sehr hoffe, dass einige dieser Nebenfiguren in den weiteren Bänden noch eine Rolle spielen werden, denn ich habe viele dieser Charaktere ins Herz geschlossen. Insgesamt habe ich mich von „The Strangeworlds Travel Agency“ wirklich gut unterhalten gefühlt, weshalb ich mich schon sehr auf die kommenden beiden Teile der Trilogie freue und gespannt bin, welche Entdeckungen es noch rund um diese ungewöhnliche Society geben wird.

Oh, und auf Deutsch gibt es den ersten und zweiten Band auch schon mit den Titeln „Strangeworlds – Öffne den Koffer und spring hinein!“ und „Strangeworlds – Reise ans Ende der Welt“. Ich verkneife mir an dieser Stelle erneut eine Anmerkung zu den deutschen Titeln … *seufz*