Carrie Anne Noble: The Mermaid’s Sister

Um „The Mermaid’s Sister“ von Carrie Anne Noble bin ich eine ganze Weile herumgeschlichen. Auf der einen Seite mochte ich die märchenhaften Elemente, die der Klappentext andeutete, auf der anderen Seite befürchtete ich, dass der Teil der Geschichte, der sich um das Erwachsenwerden der Protagonistin Clara dreht, mir nicht gefallen könnte. Ich greife jetzt mal voraus und sage, dass ich definitiv mit weniger Passagen rund um Claras „unglücklicher Liebe“ hätte leben können, aber insgesamt habe ich „The Mermaid’s Sister“ wirklich gemocht. Die Handlung wird erzählt aus der Sicht der 16jährigen Clara, die gemeinsam mit ihrer gleichaltrigen (Zieh-)Schwester Maren bei der Heilerin Verity aufgewachsen ist. Von klein auf sind sich die beiden Schwestern dessen bewusst, dass Maren eine Meerjungfrau ist, während Clara von einem Storch zu Verity gebracht wurde. Zu Beginn der Geschichte ist Clara sich nicht sicher, wer oder was sie sein könnte, vor allem aber fragt sie sich, was sie tun könnte, um Marens beginnende Verwandlung aufzuhalten.

Hilfe erhofft sie sich von O’Neill, der ebenso wie Clara und Maren ein Waisenkind ist und von Veritys Liebsten Scarff aufgezogen wurde. Für Clara und Maren ist O’Neill wie ein Bruder, auch wenn er den Großteil des Jahres mit seinem Pflegevater als reisende Händler unterwegs ist. Doch O’Neill hat versprochen, auf seinen Reisen die Augen nach einem Heilmittel für Maren aufzuhalten. An diese Hoffnung klammert sich Clara, bis deutlich wird, dass es Zeit wird, Maren aus den Bergen zum Meer zu bringen, da sie als Meerjungfrau nun einmal nicht woanders überleben kann. Gemeinsam machen Clara, Maren und O’Neill sich auf den Weg an die Küste, nicht ohne auf ihrer Reise diverse Gefahren bestehen zu müssen. Für Clara kommt dazu noch der Kampf gegen ihre eigenen Gefühle, denn obwohl O’Neill und Maren einander innig zu lieben scheinen, muss sie sich eingestehen, dass auch sie sich in ihren Ziehbruder verliebt hat.

Die Handlung wird von Carrie Anne Noble sehr gemächlich erzählt. Obwohl eigentlich von Anfang an feststeht, dass Maren von ihren Geschwistern ans Meer gebracht werden muss, nimmt sich die Autorin viel Zeit, um erst einmal die Welt und die verschiedenen Figuren darin vorzustellen. Ich muss aber zugeben, dass ich gegen diese fast schon schleppende Erzählweise nichts hatte, weil ich die vielen kleinen, märchenhaften Elemente in der Geschichte sehr mochte. Claras Ziehmutter ist zur Hälfte Fae, was nicht nur für ihr Wissen rund um Heikräuter verantwortlich ist, sondern auch dafür, dass sie nicht in der Lage ist zu lügen. Als Haustier hält die Familie einen noch jungen Wyvern, und O’Neill, der als Baby unter einem blühenden Apfelbaum gefunden wurde, kann mit Tieren sprechen. Während für die Protagonistin und ihre Familie die Welt voller kleiner und größere fantastischer Dinge ist, scheint der Großteil ihrer Nachbarn ein relativ wenig magisches Leben zu führen – was dazu führt, dass z. B. Marens beginnende Verwandlung vor ihnen verheimlicht werden muss.

Durch den gesamten Roman ziehen sich kurze, märchenhafte Geschichten, die sich die Figuren gegenseitig erzählen und die für eine wunderbare Atmosphäre sorgen. Ich mochte auch – zum Großteil – Claras Perspektive, weil sie versucht, die Wünsche ihrer Schwester zu respektieren, egal wie sehr es ihr das Herz bricht, und weil sie versucht, ihre eigenen Gefühle in den Griff zu bekommen, weil es eben wichtigere Dinge in ihrem Leben gibt als eine unerfüllte Liebe. Was für mich etwas schwierig zu lesen war, war die Tatsache, dass ich Claras Überzeugung, dass O’Neill so gar nichts für sie empfindet, nicht ganz teilen konnte, weshalb ich mir wirklich gewünscht hätte, diese drei Charaktere hätten einfach mal offen miteinander geredet – auch wenn es natürlich eine Herausforderung ist, seine Gefühle zu gestehen, wenn dies das Verhältnis zu den beiden wichtigsten Menschen im Leben der Protagonistin verschlechtern könnte.

Ein weiteres Problem war für mich die Verwendung des Begriffs „Gypsy“ (und die dazugehörigen Beschreibungen) für eine Gruppe von Personen, bei denen O’Neill und Scarff eine Zeitlang Unterschlupf fanden. Auch die Tatsache, dass eine andere Gruppe „fahrendes Volk“ sich als die Bösewichte herausstellte, finde ich für eine relativ aktuelle Veröffentlichung (2015) schwierig. Allerdings ist das für eine märchenhafte Geschichte, die – meiner Meinung nach – von „Das letzte Einhorn“ und ähnlichen Romanen/Filmen inspiriert wurde, nicht so ungewöhnlich. Obwohl das Aspekte sind, die ich hier nicht ignorieren möchte und die mir definitiv beim Lesen negativ ins Auge gefallen sind, habe ich „The Mermaid’s Sister“ an sich wirklich gemocht. Claras Erzählstimme bin ich wirklich sehr gern gefolgt (und das ist definitiv ein Lob, wenn ich bedenke, wie wenig Geduld ich sonst mit unglücklich liebenden Teenagern habe), ich mochte die fantastische Welt, die Carrie Anne Noble für ihre Geschichte geschaffen hat, und ich bin mir sicher, dass ich irgendwann eine weitere Veröffentlichung von ihr lesen werde.

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