„Alliana – Girl of Dragons“ spielt in der gleichen Welt wie die „Eva Evergreen“-Bücher von Julie Abe. Genau genommen spielt Allianas Geschichte früher als die beiden Romane rund um Eva. Evas Eltern sind hier noch Teenager, die in diesem Buch als Nebenfiguren auftauchen, so dass sich die Bücher unabhängig voneinander genießen lassen. Wobei „genießen“ bei einer Aschenputtel-Geschichte vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist. Alliana lebt gemeinsam mit ihrer Stiefmutter, ihren beiden Stiefgeschwistern und Großmutter Mari (die die Schwiegermutter ihrer Stiefmutter ist) in einem Gasthaus in dem kleinen Ort Narashino am Rande des Abyss. Dieser Abyss war früher das Grenzgebiet zwischen Rivelle und dem benachbarten Constancia, doch ein Streit zwischen den beiden Ländern hat dazu geführt, dass dort ein unheimlicher Abgrund voller Monster entstanden ist.
Eine magische Barriere sorgt dafür, dass die Einwohner von Narashino sicher leben können, aber fast täglich steigen Abenteurergruppen in den Abyss hinab, um Monster zu jagen oder nach Schätzen zu suchen. Die Aufgabe der Elfjährigen im Gasthaus ist die Versorgung dieser Abenteurergruppen. Alliana fungiert als das einzige Dienstmädchen im Haus – und nur wenn sie ihren Aufgaben zur Zufriedenheit ihrer Stiefmutter nachkommt, kann sie die Schulden (die sie laut ihrer Stiefmutter hat) abarbeiten. Nur die wenigen gestohlenen Momente, die Alliana spät abends gemeinsam mit Großmutter Mari verbringt, sorgen für einen Lichtblick im Leben des Mädchens. An ihren Vater, der vor einigen Jahren im Abgrund verschwand, hat sie kaum noch Erinnerungen, aber Großmutter Mari und ihre Geschichten über die Abenteuer von Königin Natsumi geben ihr ein Gefühl von familiärer Geborgenheit. Als Alliana die junge Hexe Nela kennenlernt, die gemeinsam mit ihren ebenso unerfahrenen Kolleg*innen für die Stabilität der Barriere sorgen soll, kann das Mädchen zum ersten Mal zeigen, dass es über mehr Fähigkeiten als die eines Dienstmädchen verfügt.
Ich muss gestehen, dass ich ein bisschen zwiegespalten auf „Alliana – Girl of Dragons“ zurückblicke, obwohl es an der Erzählweise und der Geschichte eigentlich kaum etwas zu kritisieren gibt. Aber Allianas Aschenputtel-Dasein war so deprimierend zu lesen – und jedes Mal, wenn es einen Hauch Hoffnung für sie gab, kam wieder irgendwas dazwischen und es endete für das Mädchen schlimmer als vorher. Das war nicht schön mitzuverfolgen, auch wenn natürlich von Anfang an klar war, dass es ein glückliches Ende für Alliana geben würde. Dass ich so mit Alliana mitgelitten habe, ist vielleicht auch ein Lob für Julie Abes Schreibstil, der dafür gesorgt hat, dass mich die Situation der Protagonistin so frustiert und wütend gemacht hat. *g*
Aber natürlich ist nicht die gesamte Geschichte durchgehend deprimierend gewesen – wobei es das vermutlich nur noch schlimmer gemacht hat, weil eben der Kontrast zwischen den amüsanten oder wohltuenden Szenen und denen, in denen Alliana von ihrer Stieffamilie ausgenutzt und misshandelt wird, so groß war. Ich mag die fantastische Welt mit all ihren magischen Wesen, die Julie Abe für diese Romane geschaffen hat. Außerdem habe ich die heimeligen oder amüsanten Momente in der Handlung wirklich genossen. Allianas gemeinsame Stunden mit Großmutter Mari, in denen sie stickt und näht, während ihr fantastische und mutmachende Geschichten erzählt werden, sind ebenso schön zu verfolgen wie die Momente, in denen sie sich mit ihrem Freund Isao trifft und sein leckeres Backwerk probieren kann. Dazu kommen noch all die Szenen, in denen Alliana ihren Einfallsreichtum und ihr Wissen einsetzen kann, um Nela und all den anderen zu helfen und in denen ihr bewusst wird, dass eine Person keine große Magie benötigt, um etwas bewirken zu können.
All diese Momente sind wunderschön zu lesen – es sind lauter kleine magische Szene, die von der Autorin mit traditionellen japanischen Elementen durchsetzt wurden und die eine wirklich wunderbare Atmosphäre mit sich bringen. Und dieser deutliche japanische Einfluss sorgt auch dafür, dass sich diese Aschenputtel-Variante für mich deutlich von anderen Geschichten dieser Art unterschied. Aber am Ende frage ich mich ein bisschen, ob ich all diese schönen Szenen nicht mehr hätte genießen können, wenn nicht ein Teil von mir die ganze Zeit darauf gewartet hätte, dass Alliana endlich ihrer Stieffamilie hinter sich lassen kann. Was natürlich bedeutet, dass es vor allem an mir lag, dass ich mit „Alliana – Girl of Dragons“ nicht so glücklich war wie mit den Eva-Evergreen-Büchern. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es mir irgendwann bei einem erneuten Lesen des Romans ergehen wird, wenn ich mich noch mehr auf diese kleinen Momente einlassen kann, weil ich ja dann schon weiß, wie die Geschichte weitergeht.
