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Linda Urban: Almost There and Almost Not

Die Geschichte in „Almost There and Almost Not“ wird von der elfjährigen California Poppy erzählt, die zu Beginn des Romans von ihrer Tante Isabelle bei der ihr bislang unbekannten Tante Monica abgeladen wird. Relativ schnell wird deutlich, dass Californias Vater sie – ohne Vorwarnung – bei Isabelle einquartiert hatte, weil er für unbestimmte Zeit unterwegs sein würde. Ebenso rasch wird deutlich, dass California für Tante Isabelle nur eine lästige Verantwortung war, die sie so schnell wie möglich – und ohne mit California darüber zu reden – an jemand anderen weiterreichen will. Obwohl sie sich sicher ist, dass auch ihr Aufenthalt bei Monica nur eine Zwischenstation sein wird, fängt California gemeinsam mit ihrer Tante an, die Unterlagen, die Monicas verstorbener Ehemann über seine Vorfahrin Eleanor Fontaine gesammelt hatte, zu sichten. Darunter befindet sich auch ein Buch aus dem Jahr 1922 über das richtige Verfassen von Briefen, das California dazu inspiriert, Briefe an diverse Personen zu schreiben, die zusammen mit den Ereignissen, die von den Leser*innen direkt verfolgt werden können, nach und nach ein klares Bild von Californias Vergangenheit heraufbeschwören.

Außerdem sieht California regelmäßig nicht nur den Geist von Eleanor Fontaine, sondern auch einen ungewöhnlichen kleinen Hund im Garten von Tante Monica, der ihr immer wieder Papierschnipsel bringt, die im Zusammenhang mit Eleanors Leben stehen. Diese fantastischen Elemente sorgen immer wieder für wunderbare Momente zum Schmunzeln, was einen schöner Ausgleich zu Californias aktuellem Leben bildet, das sich unsicher und fragil anfühlt. So ganz kann California nicht verstehen, wieso ihr Vater sie einfach bei Tante Isabelle geparkt hat, und sie hat das Gefühl, dass sie Schuld daran ist, weil ihr Verplappern zu dem Official Meeting an ihrer Schule geführt hat. Was genau bei diesem Termin in der Schule besprochen wurde und wieso er überhaupt nötig war, wird erst im Laufe der Geschichte enthüllt (und ist nicht so schlimm, wie ich ursprünglich befürchtet hatte).

Aber es war für mich ziemlich frustrierend zu lesen, wie selten die Erwachsenen in Californias Leben mit ihr reden und wie viel über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Trotzdem habe ich dieses Buch wirklich genossen, weil California so eine berührende – und manchmal wunderbar biestige – Protagonistin ist, die versucht, sich so gut wie möglich in einer für sie ganz schön herausfordernden Welt zurechtzufinden. Parallel zu Californias Vergangenheit erfahren die Leser*innen auch immer mehr über Eleanor und ihre Lebensgeschichte, die wesentlich ungewöhnlicher war, als nach ihrem ersten Auftreten in dem Roman zu erahnen ist. Je häufiger Eleanor in der Geschichte vorkam, desto mehr wuchs sie mir ans Herz, und ich fand es wunderbar zu verfolgen, wie sie und California im Laufe der Zeit so etwas wie Freundinnen wurden (auch wenn das bei einem Geist, der sich nur bruchstückhaft an das vorherige Treffen erinnert, vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist).

Alles in allem war „Almost There and Almost Not“ eine wirklich berührende Geschichte, die ich wirklich gern gelesen habe. Ich habe über die diversen amüsanten Momente gelacht, ich habe mit California um ihre Mutter getrauert, ich habe gespannt auf all die kleinen Enthüllungen rund um Eleanor gewartet und musste immer wieder schlucken, wenn neue Details rund um Californias Vergangenheit zum Vorschein kamen. Als erwachsene Leserin hätte ich mir manchmal gewünscht, dass Linda Urban die erwachsenen Nebenfiguren vielleicht ein bisschen mehr ausgearbeitet hätte. Aber auf der anderen Seite ist das eine Geschichte, die sich um eine Elfjährige dreht und die für ein Publikum geschrieben wurde, das ungefähr Californias Alter hat und für das die Erwachsenen in der Handlung deshalb auch weniger Gewicht haben als für mich. Außerdem hat mich dies definitiv nicht davon abgehalten, diesen Roman zu genießen und am Ende mit Tränen in den Augen aus der Hand zu legen, um direkt zu schauen, was Linda Urban sonst noch für Bücher geschrieben hat.