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Tansy Rayner Roberts: Belladonna-University-Serie

Die Belladonna-University-Serie besteht aus einer Reihe von (ca. 40-110 Seiten langen) Geschichten rund um eine Gruppe von Studenten an einer magischen Universität. Wobei „magische Universität“ nicht ganz korrekt ist, denn die Belladonna University hat einen magischen und einen unmagischen Campus, und die Studenten können für ihr Studium Kurse in beiden Bereichen belegen. Tansy Rayner Roberts hat diese Universität in einer Variante von Australien angesiedelt, in der Magie eine alltägliche Sache ist, auch wenn nicht jeder Mensch über Magie verfügt. Die Handlung dreht sich um die Mitglieder der Band „Fake Geek Girl“ und ihren (erweiterten) Freundeskreis. Sängerin der Band ist Holly, die das Leben ihrer Zwillingsschwester Hebe anscheinend vor allem als Inspiration für ihre Songs sieht, der Drummer von „Fake Geek Girl“ ist Sage, Hebes schwuler Ex-Freund, und ergänzt wird die Gruppe noch von der Cellistin Juniper, deren große Leidenschaft für die Romane von Jane Austen sich auch immer wieder in ihren Tagebucheinträgen widerspiegelt.

Jede Story hat ihr eigenes Grundthema, aber alle Geschichten werden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, so dass der Leser in der Regel mehr weiß als die jeweiligen Erzähler, und immer spielt die Freundschaft zwischen allen Beteiligten (und die Angst, dass diese Freundschaft eines Tages ein Ende nehmen könnte) eine große Rolle. Es ist schwierig, mehr über die Handlung zu schreiben, denn die Geschichten setzten sich eher aus vielen kleinen Dingen zusammen. Selbst in „The Bromancers“, wo die Band bei einem Festival auftritt und gleich zwei Bandmitgliedern etwas Schlimmes zustößt, hatte ich nicht das Gefühl, dass es eine große Handlung gäbe, sondern viele parallel laufende Elemente rund um die verschiedenen Charaktere, die zu einer unterhaltsamen und spannenden Geschichte führten.

Ich mochte die Art und Weise, in der Tansy Rayner Roberts in dieser fantastischen Welt Magie verwendet (und die Tatsache, dass Kaffee als Magie-Dämpfer wirkt), und mindestens ebenso sehr habe ich den Humor genossen, der sich durch alle „Belladonna University“-Titel zieht. Dass ein paar Charaktere ein sehr intensives Sexualleben führen, hätte ich nicht unbedingt in dieser Häufigkeit in den Geschichten haben müssen, aber auch da gab es den einen oder anderen amüsanten Moment, so dass ich auch mit dem relativ wahllosen Sex (gerade bei zwei ansonsten recht sympathischen Figuren) leben konnte. Doch vor allem habe ich es geliebt, von den unterschiedlichen Facetten von Freundschaft zu lesen, die in dieser Gruppe zu finden sind. Sich so gern zu haben, über einen so langen Zeitraum eine Freundschaft aufrechtzuhalten, zusammen zu leben und eine Band zu haben (oder intensiv in die Belange von „Fake Geek Girl“ eingebunden zu sein), ist auch in diesen Geschichten nicht einfach.

Immer wieder gibt es Momente, wo sich jemand verletzt fühlt oder wo eine Eigenart einer Person das Zusammenleben und -arbeiten schwierig macht, aber am Ende sind sie alle immer noch befreundet und verstehen sich wieder ein Stückchen besser als zuvor, und das war wirklich gut zu lesen. Dazu gibt es noch viele Momente rund um Magie, Musik und Geektum, die diese Welt wirklich bereichern und mit denen ich mich – auch ohne einen solchen Bezug zu Magie und Musik zu haben *g* – ein Stückchen identifizieren konnte. Alles in allem waren diese Geschichten eine wunderbar unterhaltsame Lektüre, die ich kaum aus der Hand legen mochte und die ich sehr genossen habe. Ich hoffe nur, dass die Autorin noch mehr Titel veröffentlicht, die mich zur „Belladonna University“ führen, denn die Charaktere sind mir wirklich ans Herz gewachsen, und ich wüsste gern, wie es mit ihnen (und natürlich auch der Band) weitergeht.

Wer jetzt neugierig auf die „Belladonna University“ geworden ist, findet die Geschichten online als eBooks. Die ersten vier Teile gibt es als Bundle, das zur Zeit günstig für den Kindle zu haben ist. Es enthält die Titel „Fake Geek Girl“ (Teil 1), „Unmagical Boy Story“ (Teil 2), „The Bromancers“ (Teil 3) und „The Alchemy of Fine“ (Teil 0,5 – der im Bundle nach Teil 3 kommt und für mich so auch gut funktioniert hat). Die aktuellste Veröffentlichung, „Halloween Is Not A Verb“, ist gerade erst Ende Oktober erschienen und deshalb bislang nur als Einzeltitel zu haben.

Joseph Nassise (Hrsg.): Urban Enemies (Anthologie)

Richtige Anthologie-Rezensionen gibt es bei mir ja eigentlich nicht, dafür einen Post, in dem ich meine Eindrücke zu den Kurzgeschichten einer Veröffentlichung sammle. „Urban Enemies“ hat als Grundthema die Bösewichte der verschiedenen Romane/Romanreihen der jeweiligen Autoren. Dabei gibt es zu Beginnn einer jeden Geschichte eine kurze Einführung, in der man darüber informiert wird, welche Rolle der Protagonist in seiner Welt spielt.

Jim Butcher: Even Hand
Protagonist „Gentleman John Marcone“ gehört von Anfang an zu der Welt von Harry Dresden, und obwohl die beiden eigentlich Feinde sind, haben sie sich im Laufe der Zeit oft genug zwangsweise verbünden müssen, um einen noch größeren gemeinsamen Gegner zu besiegen. In „Even Hand“ wird John Marcone von Justine (die Teil des Hofes der Weißen Vampire ist) um einen Gefallen gebeten, den er – um seine wenigen selbstgesteckten Regeln nicht zu brechen – nicht abschlagen kann. Die Geschichte an sich fand ich unterhaltsam und ich frage mich, ob in einem der nächsten Harry-Dresden-Bände (wenn denn jemals ein weiterer Band erscheint) noch einmal ein Verweis darauf erscheint. Grundsätzlich finde ich es aber sehr bedauerlich, dass Jim Butchers Kurzgeschichten in der Regel nur dann verständlich und nicht spoilernd sind, wenn man bei den Harry-Dresden-Romanen auf dem akutellen Stand ist. Wer also noch nicht den aktuell letzten Band der Reihe gelesen hat, sollte die Finger von dieser Kurzgeschichte lassen, wenn er sich nicht einige Überraschungen verderben möchte.

Kelley Armstrong: Hounded
In „Hounded“ greift Kelley Armstrong mit dem namenlosen Protagonisten eine Figur aus ihrer Cainsville-Serie auf. Der Erzähler ist ein ehemaliges Mitglied der walisischen Form der „Wilden Jagd“, und er befindet sich auf der Suche nach einem neuen Hund. Um den von ihm ausgewählten Hund in seinen Besitz zu bringen, greift der Huntsman zu schrecklichen Mitteln, während man als Leser Stück für Stück mitverfolgen kann, wie er seinem Ziel immer näher kommt. Ich mochte den Erzählton von Kelley Armstrong in dieser Geschichte und ich muss zugeben, dass mich die wenigen Details zu der fantastischen Welt, in der „Hounded“ spielt, neugierig gemacht haben. (Allerdings schrecken mich oft die Andeutungen rund um die Beziehungen in ihren Büchern ab, weshalb ich bislang noch keinen Roman von ihr gelesen habe …)

Jeff Somers: Nigsua Na Tesgu
Jeff Somers‘ wunderbar böse Kurzgeschichte erzählt in groben Zügen die Lebensgeschichte einer ustari, einer Magierin, deren Macht von Blutopfern gespeist wird, von dem Moment an, an dem sie das erste Mal sah, wie Magie gewirkt wurde, bis zu dem Tag, an dem sie alles opfern musste, um im Kampf gegen zwei andere ustari zu überleben. Ich fand diese Kurzgeschichte gut geschrieben, unterhaltsam und sehr böse, muss aber auch zugeben, dass ich keine weiteren Geschichten aus der Welt des „Ustari Circle“ lesen muss.

Craig Schaefer: Sixty-Six Seconds
In „Sixty-Six Seconds“ bringt Craig Schaefer (wenn ich nach der Einleitung gehen kann *g*) Elemente aus gleich zwei seiner Serien („Harmony Black“ und „Daniel Faust“) ein. Da ich bislang keinen Roman des Autors kenne, habe ich beim Lese das Gefühl gehabt, ich könnte viele kleine Dinge nicht richtig einschätzen. Aber die Grundidee (ein Dämon besetzt eine menschliche Leiche, um flüchtige Dämonen zurück in die Hölle zu bringen) fand ich nicht schlecht, der Erzählton gefiel mir auch und die skrupellose neue Assistentin, die der Protagonist Fontaine in diese Geschichte bekam, hat auch Potenzial für einige wunderbar böse Szenen. (Beim nächsten Mal würde ich die Anfangsszene allerdings lieber nicht beim Frühstück lesen …)

Lilith Saintcrow: Kiss
Irgendwie ist es schon spannend, wie viele Autoren ich vor allem aus Anthologien kenne (und häufig auch mag) und bei wie wenigen ich am Ende zu den Romanen greife – wobei ich zugeben muss, dass Lilith Saintcrows Erzählstimme grundsätzlich nicht so mein Ding ist und ich normalerweise nicht mal sagen kann, woran das genau liegt. Hier allerdings konnte ich genau den Finger auf das legen, was mich so sehr störte, dass ich zum Schluss kaum noch Erinnerungen an die Handlung hatte: Die nicht korrekte Verwendung von deutschen Wörtern hat mich beim Lesen von „Kiss“ wirklich kirre gemacht! Die Autorin verwendet für ihre Geschichte (die in Dresden im Februar 1945 spielt) immer wieder deutsche Wörter, die es entweder so nicht gibt (oder jemals gab, soweit ich das beurteilen kann), die nicht in der korrekten grammatischen Form verwendet wurden (und ja, ich weiß, dass das für Leute mit anderen Muttersprachen sehr schwer ist) oder die gar keine deutschen, sondern englische Wörter waren, die (angeblich) deutsche Wurzeln haben. Hätte sie da nur einen Fehler gemacht (und den meinetwegen auch wiederholt), dann hätte ich das niedlich gefunden, aber da sich dieses Problem durch die gesamte Geschichte zog und bei fast jedem „deutschen“ Wort auftauchte, hat es mich beim Lesen zu sehr abgelenkt, um mich wirklich auf die Handlung konzentrieren zu können. Ist es denn wirklich so schwierig, jemanden zu finden, der den Gebrauch von Fremdwörtern in einer Geschichte überprüft?!

Kevin Hearne: The Naughiest Cherub
Diese Kurzgeschichte spielt in der Welt des Eisernen Druiden und wird aus der Sicht von Loki erzählt – ich gebe zu, diese Information bringt mir wenig, da ich den Eisernen Druiden bislang nur aus Kurzgeschichten kenne. Auf jeden Fall besucht in dieser Geschichte Loki Lucifer in der Hölle, und ich muss zugeben, dass mir weder der Erzählton noch die Handlung gefielen. Vermutlich hätte ich beides besser würdigen können, wenn ich die Romane kenne würde, aber so fand ich das Ganze in erster Linie langweilig. Auch wenn es für meinen Geldbeutel gut ist, wenn mich eine Kurzgeschichte nicht neugierig auf weitere Texte eines Autors macht, ist es doch in meinen Augen nicht im Sinne einer Anthologie, wenn man mit einer Geschichte ohne Vorwissen nichts anfangen kann.

Caitlin Kittredge: The Resurrectionist
Auch hier hatte ich keine Ahnung von der Welt, auf der diese Kurzgeschichte basiert, aber obwohl Höllenhunde und Dämonen eigentlich nicht mein Thema sind, mochte ich nicht nur die Handlung, sondern bin ich auch verflixt neugierig auf die „Hellhound Chronicles“ der Autorin geworden. Ich mochte den noir-Erzählton, ich mochte den Protagonisten, der zwar in der Romanreihe ein Gegner der Protagonistin Ava ist, hier einem aber – auch dank seines desillusionierten Blicks auf die Welt – schnell ans Herz wächst. und ich mochte die überraschende und schreckliche Auflösung am Ende der Geschichte. Obwohl ich mir schon vor zwei Jahren vorgenommen hatte, mehr von Caitlin Kittredge zu lesen, hatte ich die Autorin wieder aus den Augen verloren. Umso spannender fand ich es, dass ich Ava, die mir 2016 in einer anderen Anthologie schon mal begegnet war, bei ihrem wirklich winzigen Auftritt in dieser Geschichte auf Anhieb wiedererkannte. Zwei Kurzgeschichten mit kleinen Auftritten, zweimal ein positiver Eindruck – jetzt muss ich wohl wirklich den ersten Band der Reihe auf die Anschaffungsliste setzen. 😉

Joseph Nassise: Down Where the Darkness Dwells
Joseph Nassise bleibt bei mir immer eher als Herausgeber von Anthologien hängen als als Autor, denn obwohl ich weiß, dass ich von ihm schon andere Kurzgeschichten gelesen habe, kann ich nicht mal sagen, welche Figuren oder Welten ich schon von ihm kenne – oder ob es überhaupt mehrere davon gibt. Trotzdem habe ich „Down Where the Darkness Dwells“ gern gelesen. In der Geschichte begleitet man Simon Logan in eine alte Höhle, in der ein Maya-„Schatz“ zu finden sein soll. Da seine Begleiter nicht sehr vertrauenswürdig sind, muss Simon einige unvorhergesehene Herausforderungen bewältigen, die ihn am Ende zum nächtigsten Nekromanten der USA machen werden. Ein Hauch von Indiana Jones, ein Handel, den man sich selbst kurz vor seinem Tod gut überlegen sollte, und ein Ende, bei dem man sich fast darüber freuen kann, wenn ein Bösewicht die Oberhand bekommt – doch, das war nett zu lesen.

Carrie Vaughn: Bellum Romanum
Die Radiomoderatorin Kitty kenne ich schon aus der Geschichte, die Carrie Vaughn zusammen mit Diana Rowland in „Urban Allies“ veröffentlicht hat. Da ich darüber aber nicht viele Hintergründe zu ihrer Urban-Fantasy-Welt bekam, war mir Kittys Gegenspieler, der Vampir Roman, bislang kein Begriff. In „Bellum Romanum“ erfährt der Leser, wieso Roman (bzw. der römische Centurio Gaius Albinus) sich die Vernichtung der Welt zum Ziel gesetzt hat und welche Schritte er schon ganz am Anfang seines untoten Lebens unternahm, um dieses Ziel zu erreichen. Kein sympathischer Protagonist, aber trotzdem ein interessanter Einblick in sein Denken, der mich noch ein bisschen neugieriger auf die Kitty-Norville-Romane gemacht.

Jonathan Maberry: Altar Boy
Auch von Jonanath Maberry habe ich schon einige Geschichten gelesen, aber obwohl sie mir in der Regel zugesagt haben, ist er kein Autor, von dem ich mir Romane besorgen würde. Das liegt in erster Linie daran, dass ich nur militärische Urban Fantasy von ihm kenne und Militärgeschichten lese ich eigentlich nur, wenn ich keine Auswahl habe oder das Thema sehr ungewöhnlich aufgegriffen wird. In „Altar Boy“ erlebt man eine Geschichte rund um „Troys“ – einem Mann, der früher aus den besten Motiven heraus zu einem der Bösen wurde und nun alles versucht, um Buße zu tun, was nicht so einfach ist, wenn einen die Vergangenheit einholt. Die Geschichte hatte was. Obwohl Troys nicht der sympathischste Charakter ist, hatte ich am Ende aufgrund der Entscheidungen, die er treffen musste, Mitleid mit ihm, und das ist mehr, als ich zu Beginn der Geschichte erwartet hatte.

Faith Hunter: Make It Snappy
Gleichförmige Vampirgeschichten gab es in den letzten Jahren ja genug und gerade die Variante, in der es einen supermächtigen Herrscher über ein Gebiet gibt, der Menschen als Blutsklaven hält und dessen Existenz durch uralte Rivalitäten geprägt zu sein scheint, geht mir ziemlich auf die Nerven. Umso überraschender ist es, dass ich diese Kurzgeschichte rund um Leo Pellissier, den „Vampire Master of the City of New Orleans“, trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit in der Handlung mochte. Mir gefiel der Erzählton von Faith Hunter ebenso wie das Verhältnis zwischen Leo und einigen seiner Verbündeten – und gerade weil ich das unter den Voraussetzungen nicht erwartet hatte, habe ich deshalb die Geschichte umso mehr genossen.

Jon F. Merz: Chase the Fire
Von diesem Autor hatte ich vorher noch nichts gelesen und nach dieser Geschichte habe ich auch nicht das Bedürfnis, mehr zu lesen. In der Geschichte gibt es eine nicht-untote Vampirvariante, die sich anscheinend im Geheimen und parallel zur Menschheit entwickelt hat, und die Handlung dreht sich anscheinend um zwei Widersacher des Protagonisten der dazugehörigen Romanreihe, von denen einer versucht, dem anderen ein Artefakt zu stehlen, das ihm große Macht bringen wird. Ohne ausreichende Hintergründe zur Welt und zu den Figuren fühlte ich mich etwas aufgeschmissen als Leser, was dazu führte, dass mir das Schicksal des Erzählers ebenso gleichgültig war wie die Pläne seines potenziellen Opfers. Das Ganze hat mich nicht mal neugierig auf die Romane des Autors gemacht …

Diana Pharaoh Francis: Unexpected Choices
Auch wenn ich mich wiederhole: Ich mag Diana Pharaoh Francis‘ Art, eine Geschichte zu erzählen (obwohl ich immer wieder kritisierenswerte Aspekte in ihren Werken finde). „Unexpected Choices“ gehört zu der „Hornblade Witches“-Reihe, was es mir leicht gemacht hat, in die Handlung zu finden, da ich die Romane (vor einigen Jahren) gelesen habe. In dieser Kurzgeschichte gehen zwei der Nebenfiguren – genauer gesagt eine anscheinend skrupellose Hexe und ein hochmütiger Engel – ein ungewöhnliches Bündnis ein, um ein rätselhaftes Ding zu stehlen. Ich glaube, dass man die Geschichte auch ohne das Hintergrundwissen um die Romane genießen kann, kann das aber natürlich nicht wirklich beurteilen. Mir persönlich hat es gefallen, mehr über diese beiden Figuren zu erfahren und zu sehen, wie sie miteinander umgehen, und ich habe mich sehr über die Gespräche zwischen den beiden amüsiert.

Steven Savile: Reel Life
In gewisser Weise hat ein Autor, der einen „Enemy“ zur Hauptfigur seiner Geschichte macht, alles richtig gemacht, wenn ich den Protagonisten auf den ersten Blick nicht leiden kann. Dummerweise hat es mir diese Tatsache schwer gemacht, mich überhaupt auf die Handlung (und die Welt) einzulassen. Seth ist eine Person, der gewinnen wichtiger ist als alles andere, und so ist es nicht verwunderlich, dass er die Frau, die er „liebt“, in erster Linie besitzen wollte, weil sein Bruder sie begehrte. Als er sie endlich in seiner Gewalt hatte, war Gewalt alles, womit er auf ihre Abneigung gegen sich reagieren konnte. Wie schon bei „Urban Allies“ hatte ich auch hier das Gefühl, dass mir das Wissen aus den Romanen fehlt, um die Figuren und ihr Handeln wirklich einordnen zu können. So hat mir „Reel Life“ ein paar interessante Ideen geboten, aber insgesamt fühlte ich mich beim Lesen etwas verloren (und abgestoßen vom Protagonisten).

Domino Finn: The Difference Between Deceit and Delusion
Das war meine erste Geschichte von Domino Finn und ich muss zugeben, dass ich die Erzählweise ebenso mochte wie den Einsatz verschiedener westafrikanischer Elemente – wobei ich nicht beurteilen kann, wie stimmig diese Dinge aufgegriffen und für diese Urban-Fantasy-Geschichte verwendet wurden. Die Handlung dreht sich um einen nicht-menschlichen „Bodyguard“, seine beiden afrikanischstämmigen Mitarbeiter und eine Gefahr für das Geschäft seines Auftraggebers. Die Geschichte ist nicht schön, sehr blutig und brutal, aber gerade aufgrund der Abgebrühtheit des Protagonisten auch irgendwie sehr cool gewesen.

Seanan McGuire: Balance
Obwohl ich die „Cuckoos“ – „telepathic ambush predators“, die vom Wesen her gern mit Wespen in Menschengestalt verglichen werden –  schon aus der InCryptid-Reihe der Autorin kenne, bin ich mir sicher, dass man „Balance“ auch sehr gut ohne das Vorwissen genießen kann. Die Protagonistin dieser Geschichte erzählt einem ganz genau, wo ihre Rasse herkommt, wie sie überleben und welche Vorlieben sie ganz persönlich hat. Aber man erfährt auch, welche Gefahren es für die „Cuckoos“ mit sich bringt, wenn jemand ihre wahre Natur entdeckt. Sehr böse geschrieben und sehr gut! 🙂

Sam Witt: Everywhere
Sam Witt gehört zu den Autoren, die ich bislang nur von „Urban Allies“ kenne, aber da mochte ich seine Redneck-Urban-Fantasy-Welt und seine Figur, den Night Marshall, sehr gern. In „Everywhere“ bekommt man die Geschichte aus der Perspektive des Long Man geschildert, der vor langer Zeit ausgesand wurde, um die Menschheit vor großem Bösen zu beschützen, sich aber im Laufe dieses ewig währenden Krieges selbst in etwas Böses verwandelte. Die Grundidee ist definitiv nicht neu, aber ich mag Sam Witts Erzählweise und die Hoffnungslosigkeit, die in dieser Geschichte mitschwang.

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Wenn ich überlege, wie gut mir die Geschichten in „Urban Allies“ gefallen hatten, bin ich am Ende etwas überrascht davon, wie gemischt mein Eindruck von „Urban Enemies“ ist. Es gab einige Autoren, deren Geschichten ich wirklich genießen konnte, aber oft hatte ich auch das Gefühl, ich wüsste zu wenig über die Hintergründe der jeweiligen Fantasywelt oder über die Figuren, um etwas mit der Handlung anfangen zu können. Es wäre vermutlich für mich interessanter gewesen, wenn auch bei „Urban Enemies“ jeweils zwei Autoren an einer Geschichte geschrieben hätten. Trotzdem war es mal wieder spannend, eine Anthologie mit so unterschiedlichen Autoren und Geschichten zu lesen! 🙂

Kelly Barnhill: The Witch’s Boy

Nachdem mir vor einem Jahr „The Girl Who Drank the Moon“ so gut gefallen hatte, hatte ich Kelly Barnhills gesamte Backlist (bei gerade mal fünf veröffentlichten Titeln klingt es nach mehr, als es ist *g*) auf meine Merkliste gesetzt. „The Witch’s Boy“ ist nun der zweite Titel der Autorin, den ich gelesen habe, und er gefiel mir auf seine Art genauso gut wie „The Girl Who Drank the Moon“. Die Geschichte in „The Witch’s Boy“ wird vor allem aus der Perspektive von Ned und Áine erzählt, die mir beide von Anfang an sehr ans Herz gewachsen waren. Ned lebt seit seiner Geburt in einem kleinen Dort am Rande des Königreichs, direkt angrenzend an den großen Wald, den jeder einzelne Bewohner des Landes fürchtet. Angeblich leben Monster in dem Wald, die jeden Menschen töten, und überhaupt sind sich alle sicher, dass es keinen Grund gibt, den Wald zu betreten, denn hinter ihm kommt nur noch das Gebirge und nach dem Gebirge endet die Welt.

Ned und sein Zwillingsbruder Tam sind die Söhne der Hexe, die das letzte bisschen Magie auf der Welt hütet. Von Geburt an wurden die beiden Jungen immer miteinander von den Dorfbewohnern verglichen, weil jeder versuchte, einen Unterschied zwischen den beiden festzustellen. Selbst bei eineiigen Zwillingen muss doch einer der klügere, hübschere oder sonst irgendwie etwas Besonderes sein – dessen war sich das ganze Dorf einig. Als es dann zu einem Unfall kam, bei dem Tam verstarb, waren sich alle sicher, dass der falsche Junge überlebt hat, und diese Ansicht schien durch die Tatsache bestätigt zu werden, dass Ned von diesem Tag an schwächlich und klein blieb, nicht mehr lesen und schreiben konnte und kein Wort ohne Stottern von sich gab. Erst als es eine Bedrohung für die Magie gibt, die von seiner Mutter gehütet wird, entdeckt Ned selbst, dass er zu mehr fähig ist, als ihm irgendjemand – ihn selbst eingeschlossen – zugetraut hätte.

Áine hingegen ist auf der anderen Seite des Waldes aufgewachsen, und solange ihre Mutter noch am Leben war, war sie sehr glücklich. Ihre Mutter hat Áine alles beigebracht, was man als erfolgreiche Fischerin wissen muss, ihr Vater war liebevoll und verdiente als Angestellter in einem Geschäft genügend, damit es der Familie gut ging. Doch dann wurde Áines Mutter krank, und nach ihrem Tod veränderte sich auch ihr Vater so sehr, dass das Mädchen ihn kaum wiedererkannte. Egal, wie sehr sich Áine einredete, dass doch alles wieder gut werden würde, so wusste sie doch tief im Inneren, dass ihr Vater kein guter Mensch mehr war und dass er als König der Banditen Pläne schmiedete, die kein gutes Ende nehmen würden.

Kelly Barnhill nimmt sich auch in diesem Roman wieder die Zeit, ausführlich die Vorgeschichte der verschiedenen Personen zu erzählen und zu erklären, wie die Welt inklusive der beiden Königreiche, die nichts voneinander wissen, so geworden ist, wie sie ist. Dabei verwebt sie diese Elemente mit den Ereignissen rund um Ned und Áine, die sich ebenfalls sehr geruhsam zu entwickeln scheinen, während gleichzeitig sehr viel innerhalb der beiden Charaktere passiert. Ich mochte das Märchenhafte an dieser Welt, in der fast jeder Mensch Angst vor dem Wald zu haben scheint, der seit langer, langer Zeit die beiden Königreiche trennt. Genaus gefielen mir wieder einmal die Charaktere, die Kelly Barnhill für ihre Geschichte geschaffen hat, denn keiner von ihnen ist einfach nur gut oder böse. Jede Figur hat gute Gründe für ihr Handeln, jeder muss gegen Versuchungen ankämpfen und einen Weg finden, um das „Richtige“ zu tun (oder um sein Tun vor sich selbst zu rechtfertigen).

Auch ist die Sprache, die Kelly Barnhill für „The Witch’s Boy“ verwendet, auf ihre Art genauso poetisch, wie es bei „The Girl Who Drank the Moon“ der Fall war. „Auf ihre Art“ deshalb, weil die Welt, in der Ned und Áine leben, eine andere und weniger magische Welt ist. Dementsprechend ist die Erzählweise der Autorin an diese Welt angepasst. Trotzdem gab es so einige Passagen, bei denen ich hängenblieb, bei denen ich den gekonnten Umgang der Autorin mit Wörtern genoss und bei denen ich hingerissen war von dem Bild, das Kelly Barnhill mit ihren wenigen Sätzen erschuf. Obwohl es eigentlich sehr viele traurige Momente in diesem Roman gibt, habe ich mich mit „The Witch’s Boy“ sehr wohlgefühlt, denn all diese negativen Elemente werden durch wunderbar warmherzige Szenen und den großartigen Humor (der besonders bei der Königin von Neds Heimatland deutlich wird) so sehr ausgeglichen, dass ich das Lesen einfach nur genießen konnte. Ich muss aber auch zugeben, dass ich für Kelly Barnhills feine Erzählweise Ruhe beim Lesen benötige, damit ich mich auf all die wunderbaren kleinen Details einlassen und nicht nur die Handlung, sondern auch die Sprache richtig würdigen kann.

Seanan McGuire: The Girl in the Green Silk Gown (Ghost Roads 2)

Als im Mai 2014 „Sparrow Hill Road“ von Seanan McGuire veröffentlicht wurde, sah es nicht so aus, als ob es jemals weitere Geschichten zu Rose Marshall zu lesen gäbe, was ich sehr schade fand, denn ich mochte den Hitchhiker Ghost und seine Welt sehr gern. In diesem Jahr ist dann mit „The Girl in the Green Silk Gown“ doch noch eine Fortsetzung erschienen, und im Gegensatz zu „Sparrow Hill Road“ wird hier die Handlung nicht in einzelnen und nur locker zusammenhängenden Episoden erzählt. Während man im ersten Teil Rose und ihre Art des Zwielichts kennengelernt und mehr über die wenigen Fixpunkte in ihrem Leben nach dem Tod herausgefunden hat, dreht sich die Geschichte in „The Girl in the Green Silk Gown“ um eine Auseinandersetzung mit dem Mann, der vor über sechzig Jahren für Rose‘ Tod verantwortlich war.

Bobby Cross (auch Diamond Bobby genannt) hatte Rose an dem Abend in einen tödlichen Unfall verwickelt, an dem sie auf dem Weg zu ihrem Abschlussball war. Statt ihre Seele zu fangen, wie er es eigentlich geplant hatte, konnte Rose ihm entkommen. Seitdem wird sie von ihm gejagt. Doch je länger Rose im Zwielicht unterwegs ist, je mehr Straßen sie als Hitchhiker Ghost bereist und je mehr sie über Bobby Cross und sein Geschäft mit den Crossroads lernt, desto entschlossener ist sie, ihm das Handwerk zu legen. Als Verbündete bei diesem Vorhaben stehen ihr die Routewitches zur Seite – allen voran Apple, die Königin der Routewitches von Nordamerika. Aber selbst so mächtige Verbündete können nicht verhindern, dass Rose zu Beginn von „The Girl in the Green Silk Gown“ in eine Falle tappt, die Bobby Cross ihr gestellt hat.

So dreht sich eigentlich die gesamte Handlung des Romans um das, was Bobby Cross Rose angetan hat, und um ihre Anstrengungen, die Folgen von Bobbys Falle wieder rückgängig zu machen. Dabei hat Rose zwar mächtige Freunde und Verbündete an ihrer Seite, aber Bobby hatte viel Zeit, seine Pläne zu schmieden, sämtliche Schritte von Rose vorherzusehen und ihr dementsprechende Hindernisse in den Weg zu legen. All diese Widernisse haben mir manchmal das Gefühl gegeben, dass gar nicht so viel in diesem Roman passiert, aber das war nicht schlimm, denn wie so oft sind es vor allem die ungewöhnlichen Details, die Beziehungen der Charaktere zueinander und der grandiose Umgang mit vertrauten Legenden und Mythen, die den Unterhaltungswert bei Seanan McGuires Büchern für mich ausmachen. Auch sorgt die Veränderung der Erzählform nicht nur dafür, dass die Autorin in „The Girl in the Green Silk Gown“ mehr Raum hat für die kleinen Alltäglichkeiten in Rose‘ Leben als Hitchhiker, die in „Sparrow Hill Road“ nicht zur Sprache kamen, sondern auch dafür, dass man den Roman wirklich zügig durchlesen kann.

Am Ende ist Rose‘ Auseinandersetzung mit Bobby Cross nicht endgültig besiegelt, was mich hoffen lässt, dass noch mehr Geschichten rund um den Hitchhiker Ghost von Seanan McGuire veröffentlicht werden. Mit jeder Veröffentlichung wird die Welt, in der Rose lebt, größer und detaillierter, und ich mag dieses unerbittliche und doch so viel schöne Momente und faszinierende Charaktere mit sich bringende Zwielicht. Ich mag die Melancholie, die Rose‘ Leben nach dem Tod durchzieht, ebenso wie die unglaublich traurigen Szenen, wenn sie einen Menschen nicht von seinem Weg abbringen und ihn am Ende nur noch ein Stückchen begleiten kann. Und weil eine Geschichte mit Melancholie und Traurigkeit nicht allein funktionieren kann, gibt es noch all die amüsanten Momente rund um Rose und ihr Umfeld und die vielen großen und kleinen überraschenden Wendungen in der Handlung, mit denen Seanan McGuire einen jedes Mal wieder erwischt.

Noch eine kleine Anmerkung zur veränderten Erzählform: Egal, ob Rose‘ Geschichte in einer Sammlung von einzelnen Episoden oder in einer durchgehenden Handlung erzählt wird, ich mag beide Varianten. Ich muss aber zugeben, dass mein Herz ein kleines bisschen mehr an den Kurzgeschichten aus „Sparrow Hill Road“ hängt. Denn dort mochte ich ganz besonders die Abwechslung, die vielen unvertrauten Figuren und das Gefühl, das Buch eine Weile aus der Hand legen zu können und ein Detail oder eine Idee noch etwas zu genießen, ohne mich die ganze Zeit zu fragen, wie es wohl weitergeht.

Leah Moore/John Reppion/Sally Jane Thompson: Conspiracy of Ravens (Comic)

Vor einiger Zeit war ich über eine Ankündigung zu diesem Comic gestolpert, und da der Klappentext gut klang, habe ich den Titel bei unserem Comic-Händler bestellt. Als er dann mit der Oktober-Lieferung bei uns eintraf, habe ich erst einmal nur einen kurzen Blick auf die Zeichnungen von „Conspiracy of Ravens“ werfen wollen und bin prompt bei der Geschichte hängengeblieben. Die Grundidee entstand, nachdem Sally Jane Thompson (die Zeichnerin des Comics) online eine Zeichnung verloste und der Gewinner (John Reppion) sich etwas „Viktorianisches mit Rabenvögeln“ wünschte. Aus der ersten Skizze entstand eine Geschichte rund um Anne, die ein magisches Erbe antritt, und deshalb gemeinsam mit einigen anderen Mädchen ganz ungewöhnliche Fähigkeiten entwickelt.

Es gab eine Menge, was ich an dem Comic mochte. Die Zeichnungen von Sally Jane Thompson sind relativ schlicht und ausschließlich in schwarz, weiß und blau gehalten, aber gerade deshalb passen sie sehr gut zur Geschichte und zur Atmosphäre von „Conspiracy of Ravens“. Auch die Figuren mochte ich gern, von der sympathischen Anne, die vor allem damit zu kämpfen hat, dass ihre geschiedenen Eltern ihr nicht zuhören, über ihre kluge Freundin Binky, das einzigartige Hausmädchen Eve, das schon für Annes verstorbene Großtante gearbeitet hat, bis zur kämpferischen Jenny. Es gibt so viele Elemente in der Geschichte, die ich wirklich mochte. Es war schön mitzuerleben, wie Anne erfährt, dass sie die Erbin ihrer verstorbenen Großtante ist, wie sie das alte Gebäude besichtigt und nach und nach die Geheimnisse, die damit verbunden sind, aufdeckt.

Ich fand es spannend, wie sie – dank der Recherchefähigkeiten von Binky – mehr über die Frauen erfährt, mit denen ihre Großtante zusammengearbeitet hat, und deren Nachfahren aufspürt. Dabei steht von Anfang an fest, dass es mindestens eine Person gibt, die unbedingt verhindern will, dass Anne ihr Erbe antritt, was zu ein paar fantastischen und gruseligen Szenen führt. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto hastiger und unstimmiger wird dieser Part in meinen Augen erzählt, genauso wie spätere Figuren nicht gerade gründlich eingeführt werden. Irgendwann hatte ich einen Punkt erreicht, wo ich zurückblättern und noch einmal nachlesen musste, was es denn mit einem der Charaktere wohl auf sich hat. Ich bin eigentlich sonst ganz gut darin, solche „Erzähllücken“ bei Comics selbst zu füllen, aber hier hat es mich irritiert, weil auf einmal wichtige Elemente so überhastet dargestellt wurden, dass sie sich nicht mehr richtig anfühlten. Da wäre es schöner gewesen, wenn der Comic mehr Seiten – und somit mehr Raum für die Handlung – gehabt hätte, oder wenn auf die eine oder andere zusätzliche Wendung verzichtet worden wäre, um dafür die restliche Geschichte etwas stimmiger zu erzählen.

Trotz dieser Kritikpunkte mochte ich „Conspiracy of Ravens“ sehr. Es ist eine niedliche Geschichte rund um ein paar Mädchen, die gemeinsam eine Aufgabe erfüllen und langfristig gute Freundinnen werden können und deren Leben dank Annes Erbe in Zukunft wohl sehr spannend sein wird. Ich mochte die Grundidee, mir waren die Charaktere sympathisch (weshalb ich wirklich gern noch mehr über sie erfahren hätte) und ich fand die Vorstellung von einem Haus wie Ravenhall inklusive all der damit verbundenen Geheimnisse toll. Ich habe definitiv eine Schwäche für Geschichten, in denen es um starke Frauenfiguren, Magie und Automaten geht. Allerdings wäre der Comic noch besser gewesen, wenn all diese Elemente ihren angemessenen Anteil bekommen hätten und in einem passenderen Tempo aufgegriffen worden wären.

Diane Zahler: Baker’s Magic

Von Diane Zahler habe ich schon mehrere Märchenadaptionen gelesen und immer sehr gemocht. „Baker’s Magic“ hingegen basiert nicht auf einem schon bekannten Märchen, sondern ist eine eigenständige fantastische Geschichte, die in dem Land Aradyn spielt, das ein wenig an die Niederlande erinnert. Protagonistin in diesem Roman ist Bee (Beatrix), die eine Waise ist und vor einiger Zeit von ihrer Pflegefamilie weglief. Zu Beginn der Geschichte erreicht sie Zeewal, die Hauptstadt des Landes, und weil sie so unglaublich hungrig ist, stiehlt sie bei einem Bäcker ein Brötchen – und wird prompt dabei erwischt. Doch statt Bee für den Diebstahl zur Rechenschaft zu ziehen, nimmt der gutmütige Bäcker Master Bout sie als Auszubildende auf. Dabei stellt sich heraus, dass Bee nicht nur ein Händchen fürs Backen hat, sondern auch über Magie verfügt, die dafür sorgt, dass ihre Gefühle beim Fertigen der Backwaren in das Gebäck fließen und von denjenigen gespürt werden, die die Backwaren essen.

Im Laufe der Zeit erfährt Bee nicht nur mehr über die Geschichte des Landes Aradyn, sondern lernt auch die Prinzessin Anika und den Hofmagier Master Joris kennen. Für den Leser steht schnell fest, dass im Land etwas nicht in Ordnung ist. Es gibt keinen einzigen Baum, und Früchte wie Äpfel oder ähnliches kennen die Bewohner nur aus alten Sagen oder uralten Koch- und Backbüchern. Immer wieder wird das flache Land von heftigen Winden gebeutelt und vom Meer, das sich Jahr für Jahr mehr Landmasse einverleibt. Und schon früh beschleicht den Leser der Verdacht, dass der hochgeprisene Magier Joris gar nicht so gut für das Königreich ist und dass es in Bees Händen liegen wird, ob dieser Mann weiterhin über das Schicksal von Aradyn entscheidet. Doch bevor es so weit ist, muss Bee gemeinsam mit ihrem neuen Freund Will und Prinzessin Anika einige Herausforderungen bestehen, die sie auf ein Piratenschiff, zu einer Zuflucht für alternde Magier und auf eine schwimmende Insel bringen.

„Baker’s Magic“ war wirklich eine hübsche Geschichte, voller Elemente und Figuren, die mich normalerweise ansprechen. Der gutmütige Bäcker Bout, der sympathische Schmiedelehrling Will, die dickköpfige Bee und die realitätsferne, aber liebenswürdige Prinzessin Anika waren wirklich sympathisch angelegt. Das Land Aradyn mit all seinen Tulpen, seinen freundlichen Bewohnern und den übers Land peitschenden Winden bot einen atmosphärischen Hintergrund für die Handlung, und der egozentrische Magier Joris bildete einen angemessenen Bösewicht für ein fantastisches Kinderbuch. Auch mochte ich die eine oder andere ungewöhnliche Lösung für ein Problem, die sich aus Bees besonderen Fähigkeiten entwickelte. Trotzdem hatte ich kein Problem, das Buch einfach aus der Hand zu legen und für drei Wochen pausieren zu lassen, obwohl ich mitten im Satz das Lesen unterbrochen hatte, während Master Bout Bee gerade erzählte, wie der Magier vor vielen, vielen Jahren angeblich alle Bäume auf einmal weggezaubert hat. (Falls sich jemand fragt, warum der Magier das tun sollte: Natürlich brauchte er den Platz, um Tulpen zu züchten, die als Exportprodukte sehr viel Geld ins Land bringen.)

Irgendwie fehlte mir bei „Baker’s Magic“ der Funke, der dafür sorgt, dass ich mich in einer Welt verlieren kann, dass ich mit den Figuren mitfiebern, den Bösewicht hassen oder zumindest verachten kann und dass ich die Geschichte nicht mehr aus der Hand legen will. Diesen Abstand zu den Figuren habe ich zum Teil auch schon bei anderen Romanen von Diane Zahler gespürt, aber da hat er mich nicht gestört, da ich das 1. stimmig für ein Märchen empfinde, mich 2. die indiviuellen Elemente, die die Autorin in die vertrauten Märchen gebracht hat, faszinierten, und 3. die Bücher auch deutlich dünner waren, so dass die Handlung wesentlich komprimierter erzählt wurde. Dabei war „Baker’s Magic“ wirklich nicht schlecht, ich mochte so viele Ideen in diesem Buch, und gerade auf dem Piratenschiff gab es wunderbare Momente. Aber egal, ob den Figuren etwas Gutes oder etwas Böses widerfuhr, als Leser wurde ich immer auf Abstand gehalten. Die wirklich dramatischen Elemente der Handlung lagen alle in der Vergangenheit, diejenigen Entwicklungen, die berührend hätten sein können, hat man entweder aus der Perspektive einer dritten Person (also Bee, die das Ganze beobachtet) verfolgt, oder es wurde von Diana Zahler mal eben über die Passagen hinweggehuscht.

Lustigerweise habe ich bei „Baker’s Magic“ einige Ähnlichkeiten zu meinen Lieblingsbüchern von Diana Wynne Jones, Patricia Wrede und Stephanie Burgis gefunden, was aber vor allem dazu geführt hat, dass ich mich fragte, was eine dieser Autorinnen wohl aus der Idee gemacht hätte – auf jeden Fall hätten sie es geschafft, all diese hübschen kleinen, gemütlichen und alltäglichen Szenen mit einer Prise mehr Atmosphäre und deutlich mehr Humor zu erzählen, während ich bei den traurigen Dingen mit den Figuren mitgelitten hätte. Was dann wieder dafür gesorgt hätte, dass ich „Baker’s Magic“ mit einem befriedigteren Gefühl aus der Hand gelegt hätte. So hingegen habe ich eine ganz nette Geschichte gelesen, die aber wohl nicht lange bei mir hängenbleiben wird, obwohl sie theoretisch über all das verfügte, was ich normalerweise so an fantastischen Kinderbüchern mag.

Diana Pharao Francis: Putting the Fun in Funeral (Everyday Disasters 1)

Von Diana Pharao Francis kenne ich bislang die „Hornblade Witches“-Serie und zwei von vier Büchern der „Crosspoint Chronicles“ – beide Reihen fand ich sehr unterhaltsam mit gut geschriebenen Actionszenen, einem großartigen Weltenbau und stimmige und sympathische Charakteren. Als ich also über Twitter mitbekam, dass die Autorin Anfang September den Auftaktband einer neue Reihe (bislang ausschließlich als englisches eBook erhältlich) veröffentlicht hatte, habe ich relativ kurzentschlossen zugeschlagen und den Roman dann überraschend zügig durchgelesen. Doch obwohl ich „Putting the Fun in Funeral“ so intensiv gelesen habe, gibt es eine Menge Dinge an dieser Geschichte, die mir eigentlich nicht zugesagt haben und die ich angesichts der früheren Veröffentlichungen der Autorin recht enttäuschend fand.

Die Protagonistin von „Putting the Fun in Funeral“ ist die 26jährige Beck Wyatt. Beck ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die ihren Lebensunterhalt mit dem Kauf und Verkauf von Waren bestreitet, die sie bei Haushaltsauflösungen ergattert hat. Ihre wichtigsten Bezugspersonen sind ihre Freundinnen Lorraine, Jennifer und Stacey, die mit ihr seit vielen Jahren durch dick und dünn gehen, während das Verhältnis zwischen Beck und ihrer Mutter so schlecht war, dass Beck sehr versucht ist, eine große Party zu schmeißen, als sie erfährt, dass ihre Mutter ermordet wurde. Schon bevor man Details über Becks Kindheit erfährt, wird für den Leser sehr deutlich, dass ihre Mutter eine ausgeprägte sadistische Ader besaß, die sie ihrer Tochter gegenüber hemmungslos ausgelebt hat. Einzig ihre drei Freundinnen – die nur ein wenig von dem erahnen, was Beck daheim durchmachte – sind der Grund, warum die Protagonistin trotz ihre Kindheit zu einer relativ normalen Frau werden konnte. „Relativ normal“, weil Beck zwar grundsätzlich ein hilfsbereiter Mensch, eine aufmerksame Freundin und eine gute und verantwortungsvolle Chefin ist, aber auf der anderen Seite auch sehr aggressiv werden kann, wenn sie das Gefühl hat, dass ihr jemand Vorschriften machen will.

Die Ermordung ihrer Mutter führt nicht nur dazu, dass Beck von der Polizei als Verdächtige behandelt wird (schließlich macht sie keinen Hehl daraus, wie froh sie über diesen Todesfall ist), sondern auch zu einigen merkwürdigen Vorfällen in ihrem Leben. Vor allem die Beinahe-Entführung durch Damon, ein Fluch und weitere gefährliche Ereignisse machen Beck klar, dass mehr hinter der Ermordung ihrer Mutter steckt, als sie ursprünglich gedacht hatte. Bislang ging Beck davon aus, dass sie die Einzige war, die wusste, dass ihre Mutter (ebenso wie Beck selbst) über Magie verfügte und diese auch regelmäßig einsetze, doch nun muss sie nicht nur feststellen, dass es noch mehr Menschen gibt, die Magie benutzen können, sondern auch, dass damit eine Gesellschaft voller machthungriger Personen, Intrigen und zweifelhafter Familienbande verbunden ist.

Den Weltenbau – auch wenn er nicht gerade innovativ gestaltet war – mochte ich sehr gern, ebenso wie die vielen kleinen Elemente rund um Becks Leben, wie etwa ihre Freundschaft zu Lorraine, Jennifer und Stacey, ihr Verhältnis zu ihren Angestellten und ihre Bereitschaft, sich für einen ihr vollkommen unbekannten Hund einzusetzen. Zum Teil mochte ich sogar die langsam wachsende Beziehung zwischen Beck und Damon, aber leider nur zu einem Teil. Mir gefiel es, dass er ihre Unabhängigkeit, ihren Mut und ihre Starrköpfigkeit ebenso anziehend fand wie ihr Äußeres, aber ich verstehe nicht, warum er von der Autorin zu Beginn als machohafter Entführer angelegt wurde, der Beck gegen ihren Willen küsst – was dann zu dieser unglaublichen körperlichen Anziehung zwischen den beiden führt.

Überhaupt muss man mir als Leserin schon einen sehr guten Grund für solch eine extreme körperliche Anziehung bieten, damit ich das einfach hinnehmen kann, und hier war das nicht der Fall. Die beiden sehen sich und denken von diesem Augenblick an nur noch an Sex (wobei ich hier mal spoilere und verrate, dass es keine einzige richtige Sexzene in diesem Roman gibt, denn mehr als Küssen passiert eigentlich nicht). Und weil er nur noch an Sex denken kann, will er sein kleines Frauchen natürlich auch ständig beschützen, obwohl er doch eigentlich ihre Unabhängigkeit so sehr bewundert – irgendwie passt das für mich nicht. Wenn es neben all den „er ist so heiß“- und „sie streiten sich, weil sie sich nicht beschützen lassen will und er das nicht versteht“-Szenen nicht auch noch genügend Momente gegeben hätte, in denen sich die beiden langsam kennenlernen und mehr als nur die körperliche Anziehung miteinander teilen, hätte ich das Buch abgebrochen.

Auch hatte ich häufig ein Problem mit der Ausdrucksweise von Beck (und ihren Freundinnen) und den Themen, die sie beschäftigten. Obwohl Beck nach einem unangenehmen Erlebnis auf dem Autorücksitz einen Mitschülers angeblich vollkommen dem Sex abgeschworen hat, scheinen sie und ihre Freundinnen – solange kein Notfall vorliegt – über nichts anderes als Männer und Sex zu reden. Ihre drei Freundinnen sind selbst in dieser Hinsicht sehr aktiv und allesamt der Meinung, dass auch Beck unbedingt Sex braucht, während Beck selbst jedem gutaussehenden Mann hinterhersabbert, der ihr begegnet, und überlegt, ob er ein potenzieller Bettgefährte wäre oder nicht. Ich frage mich, ob die Rezensentinnen, die all die positiven Meinungen zu „Putting the Fun in Funeral“ veröffentlich haben, diese Szenen auch so lustig fänden, wenn ein Autor so über eine Gruppe von Männern geschrieben hätte, die jeder vorbeikommenden attraktiven Frau hinterherhecheln. Mich persönlich hat es unglaublich geärgert, dass eine Geschichte, die für mich eigentlich sehr viele ansprechende und unterhaltsame Elemente beinhaltete, durch diese Passagen so getrübt wurde. Am Ende weiß ich nicht, ob ich mir die Fortsetzung auch besorgen werden, obwohl ich eigentlich gern mehr über die Magie, die fantastischen Kreaturen (Gargoyles!) und sogar Becks Schicksal erfahren würde.

Elizabeth Bear: Karen Memory (Karen Memory 1)

Erst bin ich lange Zeit um „Karen Memory“ von Elizabeth Bear rumgeschlichen, weil ich mir nicht sicher war, ob die Geschichte was für mich ist, dann lag der Roman noch einige Monate auf dem Sub, während ich auf die richtige Stimmung wartete. Als ich aber endlich mit „Karen Memory“ anfing, mochte ich den Anfang der Geschichte genauso gern wie beim Lesen von „Madam Damnable’s Sewing Circle“ im vergangenen Frühjahr und habe – weil ich das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnte – mal eben die ersten 90 Seiten am Stück verschlungen. Die Ereignisse werden von Karen Memory erzählt, die als „Schneiderin“ im Hôtel Mon Cherie in Rapid City (das zum Teil an das historische Seattle erinnert) arbeitet. Das Etablissement wird von Madame Damnable geleitet, die den Mädchen für gerade mal 60 Prozent ihrer Einnahmen Kost, Logis und Schutz zur Verfügung stellt.

Karen hat sich bewusst für dieses Leben entschieden, nachdem ihr Vater bei einem Unfall umgekommen war und sie einen Weg finden musste, um zu überleben. Viele Alternativen bietet das Leben in dieser letzten Station vor den Goldgräber-Feldern in Alaska nicht, schon gar nicht zu einer Zeit, die dem Ende unseres 19. Jahrhunderts entspricht und in der ein Menschenleben nicht viel wert zu sein scheint. Aus Karens Perspektive gewinnt man den Eindruck, dass es in Rapid City nur wenige ehrliche Menschen gibt. Sie selbst hat großes Glück gehabt, dass sie bei Madame Damnable gelandet ist, andere Prostituierte arbeiten unter weitaus schlimmeren Bedingungen, und dass in einigen Häusern am Hafen versklavte (ausländische) Frauen angeboten werden, ist zumindest innerhalb des Gewerbes eine bekannte Tatsache.

Als eines Nachts Priya, die dank der Aktivistin Merry Lee aus einem dieser Häuser am Hafen fliehen konnte, vor der Tür des Hôtel Mon Cherie landet, stellen sich Karen und ihre Kolleginnen gegen die Verfolger der beiden Frauen und lösen damit einen Zermürbungskrieg gegen ihr Etablissement aus. Doch nicht nur von Priyas ehemaligem „Besitzer“ Peter Bantle droht Gefahr, sondern auch von einem Serienmörder, der seit einiger Zeit sein Unwesen in Rapid City treibt und es auf Prostituierte abgesehen hat. Vor allem fallen ihm Frauen zum Opfer, die allein in den Straßen arbeiten, doch da er ihre Leichen gezielt vor den Türen der Bordelle der Stadt platziert, fühlt sich niemand, der diesem Gewerbe nachgeht, noch sicher. Nach und nach findet Karen gemeinsam mit Marshal Bass Reeves und seinem indianischen Begleiter Tomoatooah mehr über die Identität des Mörders und die Machenschaften von Peter Bantle heraus.

Es gibt so vieles, was ich an diesem Roman wirklich mochte. Mir gefiel es, die Geschichte aus Karens Perspektive zu verfolgen, weil die junge Frau auf der einen Seite dank ihres Jobs schon erschreckend viel vom Leben gesehen hat, auf der anderen Seite aber ständig neue Erfahrungen macht und dabei viel über sich und über die Situation, in der andere Menschen sich befinden, lernt. Ich mochte das Western-Steampunk-Setting der Geschichte und fand es sehr passend, dass der Schauplatz der Handlung so sehr an Seattle rund um 1900 erinnert, als die Straßen der Stadt aufgeschüttet wurden, um zukünftige Überflutungen zu verhindern, und die Menschen zum Teil zehn Meter Differenz zwischen der Straße und dem Erdgeschoss ihres Hauses überwinden mussten. Ich mochte auch, dass sich die Handlung langsam und realistisch entwickelte. Egal, wie angesehen ein Bordelle sein mag, allen Beteiligten ist bewusst, dass sie keinen Einfluss und kein Ansehen in der Stadt haben und deshalb unter schwierigen Bedingungen vorsichtig agieren müssen.

Erst, als es zu einem dramatischen Vorfall kommt und weder Madame Damnable noch ihre „Mädchen“ viel zu verlieren haben, kann Karen einen Teil ihrer Kolleginnen davon überzeugen, dass es eine Chance gibt, Peter Bantles Pläne zu stören und den Serienmörder zu stoppen. Hier spielt dann auch der Steampunk-Anteil des Romans eine entscheidende Rolle, weil Karen und ihre Mitstreiter einen Weg finden müssen, um gegen eine Übermacht von Männern anzukommen. Ich habe es wirklich genossen, Karens Perspektive durch all die Ereignisse zu folgen, ich habe die verschiedenen Personen, die zum Hôtel Mon Cherie gehören, ebenso ins Herz geschlossen wie Marshal Bass Reeves und Tomoatooah, und ich würde wirklich gern wissen, wie das Leben nach all diesen dramatischen Vorfällen für Karen und ihre Freunde weitergeht – nur gut, dass die Fortsetzung „Stone Mad“ schon erschienen ist.

Tansy Rayner Roberts: Let Sleeping Princes Lie (A Castle Charming 3)

Je länger eine Castle-Charming-Geschichte, desto ernsthafter scheint sie zu sein – so ist es kein Wunder, dass „Let Sleeping Princes Lie“ von Tansy Rayner Roberts mit 134 Seiten der bislang dramatischte Band der Castle-Charming-Geschichten ist. Nach der herbstlichen Ballsaison („Glass Slipper Scandal“) und der winterlichen „Sportsaison“ („Dance, Prince, Dance“) ist nun der Frühling im Königreich Charming herangebrochen und damit auch die Spinnrad-Phase. Jedes Jahr um diese Zeit werden alle Spinnräder eingesammelt und verbrannt und trotzdem tauchen rund ums Schloss lauter Spinnräder auf und bedrohen die Prinzen und die Prinzessin. Für den Reporter Kai, der erst seit wenigen Monaten im Königreich lebt, ist das Ganze anfangs nur eine interessante Story – doch dann versucht er, Prinz Chase vor einem plötzlich auftauchenden Spinnrad zu retten und fällt selbst dem Fluch zum Opfer. Während Kais Freund Dennis, seine Kollegen von der Palastwache und Chase, Cyrus und Camilla Charming verzweifelt einen Weg suchen, um Kai aus seinem Zauberschlaf zu retten, findet sich Kai in einem verzauberten Schloss voller tödlicher Monster wieder.

Gemeinsam mit der wehrhaften L und dem Xix-Prinzen Zuo-lin muss der Reporter ununterbrochen kämpfen, um nicht von diesen unheimlichen Wesen getötet zu werden. Ich mochte die Idee sehr, dass die Personen, die dem Fluch der Spinnräder zum Opfer fallen, nicht einfach nur schlafen, sondern in einem albtraumhaften Schloss Tag für Tag um ihr Leben kämpfen müssen. Dies sorgt – ebenso wie die Enthüllungen rund um den Fluch, der für Kais Entführung und das Schicksal von Königin Ella verantwortlich ist – für eine düstere und bedrückende Atmosphäre, ohne dass Tansy Rayner Roberts vollkommen auf die kleinen amüsanten Szenen verzichtet, die von Anfang an den Ton der Castle-Charming-Geschichten ausgemacht haben. Dazu kommen noch die überraschenden Erkenntnisse rund um den Ursprung des Fluchs und um die Identität von Kais Pflegemutter und einige neue und unvorhersehbare Entwiklungen rund um die Palastwächterin Ziggy, die für eine spannende Weiterführung der Handlung sorgen.

Ich mochte es sehr, wie stimmig die Autorin die Handlung weiterentwickelt hat. Obwohl schon von Anfang in den Geschichten mitschwingt, dass die gesamte Königsfamilie (und somit auch das Königshaus) unter dem Fluch leidet, wird erst in „Let Sleeping Princes Lie“ deutlich, wie viele Geheimnisse und unausgesprochene Vorwürfe damit verbunden sind und wie sehr das Ganze die Königsfamilie beeinflusst hat. Am Ende dieser Geschichte müssen sie nicht nur mit der Vernachlässigung durch den König und die Abwesenheit ihrer Mutter fertigwerden, sondern auch mit all den Dingen, die ihr Vater ihnen bislang vorenthalten hat und die fast alles, was sie bislang über ihrer Familiengeschichte zu wissen glaubten, auf den Kopf stellten. So scheint das Brechen des Fluchs für die Zukunft mehr Probleme aufzuwerfen, als das Leben mit dem Fluch eh schon mit sich brachte. Ich bin wirklich neugierig, wie es im Königreich Charming weitergeht und ob es am Ende doch noch so etwas wie ein Happy End für die Königsfamilie (und die Mitglieder der Palastwache) geben wird – dummerweise wird der vierte Teil der Serie erst im kommenden Jahr veröffentlicht, und so muss ich mich noch eine ganze Weile gedulden.

Robin McKinley: Spindle’s End

„Spindle’s End“ von Robin McKinley hatte ich mir ursprünglich für eine Leserunde besorgt, die dann doch nicht zustandekam. Beim Auspacken meiner ganzen Buchkartons fiel mir der Roman dann vor ein paar Wochen wieder in die Hände, und so habe ich ihn nach all den Jahren endlich auch mal gelesen. „Spindle’s End“ ist eine Dornröschen-Variante, und anfangs fand ich die Erzählweise etwas gewöhnungsbedürftig, weil Robin McKinley zu Beginn mehr erklärende Einschübe zum Weltenbau und der Magie einfließen lässt, als ich es von ihren anderen Titeln gewohnt bin. Das ist zwar amüsant zu lesen, sorgt aber auch dafür, dass es ziemlich lange dauert, bis die eigentliche Handlung anfängt.

Die Geschichte spielt in einem Land, in dem so viel Magie präsent ist, dass sie wie eine dicke Staubschicht alles bedeckt und dementsprechend auch viel Einfluss auf alle Lebenwesen und Dinge in diesem Teil der Welt hat. Obwohl die Magie so überpräsent ist, gibt es nur wenige Personen (in der Regel Magier und Feen), die sie bewusst anwenden können. Die Mitglieder des Könighauses gehören nicht zu diesem Personenkreis – denn es ist Gesetz, dass das Land von jemandem regiert wird, der keinerlei Magie besitzt. Bei einem solch magischen Königreich ist es nicht überraschend, dass die Prinzessin und Thronerbin bei ihrer Taufe von einer Fee verflucht wird – ungewöhnlich ist hingegen, dass sie, kurz nachdem der Fluch ausgesprochen wird, von einem Mädchen, das die Gabe hat, mit Tieren zu kommunizieren, in Sicherheit gebracht wird.

Dieses Mädchen ist Katriona, aus deren Sicht die Geschichte zu Beginn auch erzählt wird. Katriona ist eine Waise, die von ihrer Tante aufgezogen wurde, welche wiederum in ihrem abgelegenen Heimatort eine der mächtigsten Feen ist. Gemeinsam mit dieser Tante gelingt es ihr, die Identität der Prinzessin geheimzuhalten und das kleine Mädchen als ihre Cousine Rosie aufzuziehen. Rosie entwickelt sich im Laufe der Jahre zu einer selbstbewussten jungen Frau, die – dank der ungewöhnlichen Ereignisse rund um ihre Taufe – die Gabe hat, mit Tieren zu sprechen. Obwohl die böse Fee, die sie verflucht hat, sie all die Jahre sucht, sorgt Katriona gemeinsam mit ihrer Tante dafür, dass Rosie eine wunderbare (und sehr gewöhnliche) Kindheit erleben kann. Sie steht Rosie auch nicht im Weg, als diese vom Schmied des Ortes zur Pferdeheilerin ausgebildet wird. Doch mit Rosies herannahendem 21. Geburtstag lässt sich ihre Herkunft nicht länger verbergen, und so muss die junge Frau sich – gemeinsam mit einigen ungewöhnlichen Verbündeten – am Ende gegen die böse Fee stellen, um nicht nur ihr eigenes Leben zu retten.

Robin McKinley konzentriert sich in „Spindle’s End“ lange Zeit darauf, von Rosies Heranwachsen zu erzählen und von all den Dingen, die das Mädchen so liebt und die so gar nicht prinzessinnenhaft sind. Ihre Gewöhnlichkeit und die Tatsache, dass sie mit Tieren kommunzieren kann, sind für Rosie der beste Schutz gegen die Suchzauber der bösen Fee, und so gibt es für den Leser viele kleine Szenen mit den wilden und zahmen Tieren der Umgebung, mit den Menschen im Dorf, die natürlich keine Ahnung von Rosies wahrer Herkunft haben, und mit Rosies kleiner „Pflegefamilie“, die das Mädchen liebt, als wäre es ihr Fleisch und Blut. All diese Elemente werden von Robin McKinley so liebevoll erzählt, dass ich sie gern gelesen habe. Gleichzeitig habe ich mich immer wieder gefragt, wie ein solches Mädchen irgendwann einmal in die Rolle einer Prinzessin schlüpfen soll. Doch natürlich hat die Autorin auch dafür am Ende eine stimmige Lösung gefunden.

Ich mochte es sehr, dass es in dieser Dornröschen-Variante zwar die klassischen Elemente wie den Zauberschlaf gab, aber nicht in der vertrauten Märchenversion, sondern als eine Folge des Suchzaubers, den die böse Fee jahrelang einsetzt. Auch gibt es zwar einen Prinzen am Ende der Geschichte, aber nicht für Rosie, die (wenn auch nicht ganz allein) diejenige ist, die selbst gegen die böse Fee kämpft, um sich und ihr Königreich zu retten. Robin McKinleys Dornröschen ist definitiv keine zarte Prinzessin, die in einem von Dornen umringten Schloss auf Rettung wartet, sondern eine mutige junge Frau, die einen ungewöhnlichen und gefährlichen Weg einschlägt, um gegen einen übermächtigen Gegner zu kämpfen und so diejenigen zu retten, die sie liebt.

Ich mochte Rosie ebenso gern wie die vielen Verbündeten, die ihr zur Seite standen. Doch besonders gefallen haben mir all die vielen kleinen, stimmigen Elemente, die sonst in den verschiedenen Dornröschen-Varianten gar keine Beachtung finden. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, welche Folgen ein Fluch hat, der durch eine Spindel ausgelöst werden soll, in einem Land und einer Zeit, in dem die Verarbeitung von Fasern nun einmal zu den überlebensnotwendigen alltäglichen Verrichtungen gehören. Auch wenn ich mich erst auf die ruhigere und ausführliche Erzählweise einlassen musste, habe ich diese Geschichte wirklich genossen – es war schön, mal eine so stimmige Dornröschen-Version zu lesen.