Schlagwort: Fantasy

Diana Wynne Jones: Black Maria

Ich habe immer noch den vierten Teil der Dalemark-Reihe vor mir, aber ich hatte nach dem ersten Anlesen festgestellt, dass ich Abstand zwischen den ersten drei Bänden und dem Abschlussband benötigen würde. Das hat dazu geführt, dass ich erst einmal keine Romane von Diana Wynne Jones gelesen habe, obwohl ich ein großes Bedürfnis danach hatte, und als mir aufging, dass diese ungewollte „Abstinenz“ doch ziemlich bescheuert ist, habe ich mir „Black Maria“ vorgenommen und sehr genossen. Die Geschichte gehört zu denen, von denen ich noch nie gehört hatte, bevor ich mir vorgenommen hatte, dass ich mir alle englischen Ausgaben der Autorin zulegen wollte. Außerdem muss ich zugeben, dass dieser Roman eher weniger für diejenigen geeignet ist, die in aktuellen Zeiten ein Wohlfühlbuch suchen, da die Atmosphäre bis kurz vor dem Ende wirklich unangenehm ist. Die Handlung wird aus der Sicht von Mig (Naomi Margaret Laker) erzählt, die nach dem Tod ihres Vaters gemeinsam mit ihrer Mutter Betty und ihrem Bruder Chris über die Osterferien zu ihrer Tante Maria fährt.

Keiner der drei wollte diesen Besuch eigentlich machen, aber da Tante Maria (von den Kindern nach dem britischen Kartenspiel „Black Maria“ genannt) seit dem Tod von Migs Vater täglich telefonisch Kontakt zu der Familie suchte, hatte Betty anscheinend so viel Mitleid mit ihr, dass sie die Einladung nicht ablehnen konnte. Schnell wird klar, dass in dem Ort Cranbury-on-Sea – ebenso wie mit Tante Maria – etwas nicht stimmt, auch wenn Mig nicht auf Anhieb sagen kann, was da eigentlich so seltsam ist. Vor allem fällt ihr ins Auge, dass alle sämtliche Wünsche von Tante Maria erfüllen, obwohl Mig und ihre Mutter das eigentlich gar nicht wollen und sich immer wieder fest vornehmen, dass sie die alte Frau dazu bringen wollen, etwas selbstständiger zu werden. Auf der anderen Seite kann sich Chris (fast) so unmöglich benehmen, wie er will, und weder Tante Maria noch ihre zwölf besten Freundinnen (von Chris nur die Mrs. Urs genannt) sind bereit, sein Verhalten überhaupt wahrzunehmen. Erst nach und nach finden Mig und Chris heraus, wieso ihre Tante Maria wie eine sanft wirkende, aber grausam handelnde Bienenkönigin über den kleinen Ort an der See herrscht.

Es gibt so einige Dinge, die Mig erst deutlich später auffallen als dem Leser – zum Beispiel, was es mit der grauen Katze auf sich hat, die immer wieder in Tante Marias Garten eindringt. Aber das hat mich beim Lesen so gar nicht gestört, weil Diana Wynne Jones so eine wunderbar unheimliche Atmosphäre in ihrem Buch geschaffen hat. Von dem Moment an, in dem Mig und ihre Familie in Cranbury-on-Sea ankommen, gibt es (gefühlt) keine einzige Sekunde mehr, in der die drei nicht unbeobachtet sind. Tante Maria will bei jedem Gespräch, das in ihrem Haus geführt wird, wissen, worum es geht, und natürlich hat sie genaue Vorstellungen davon, worüber überhaupt geredet werden darf und worüber nicht. Und auch der Gang vor die Tür bietet keine Fluchtmöglichkeit, denn hinter jedem Fenster lauert eine von Tante Marias „Freundinnen“, die ihr genau berichten, was Mig und die anderen draußen unternommen haben, wen sie gesehen haben und wie sie sich verhalten haben. Diese ständige Bespitzelung führt ebenso wie die sanfte, aber unerbittliche Manipulation von Betty und Mig durch Tante Maria und die anderen Frauen zu einem wirklich unheimlichen Gefühl.

Dazu kommen die Beschreibungen rund um den Ort und seine Bewohner, die einem ein wirklich trostloses Bild von einem scheinbar idyllischen Ferienort an der See vermitteln. Es gibt so gar nichts heimeliges in dieser Geschichte und das Auftauchen eines – seltsamen – Geistes scheint fast das Hoffnungsvollste und Schönste in diesem Roman zu sein, weil diese ungewöhnliche Gestalt zumindest einen winzig kleinen Ausweg aus der ganzen Situation zu bieten scheint. Trotz all dieser trostlosen Elemente habe ich das Lesen von „Black Maria“ sehr genossen, weil Diana Wynne Jones‘ Humor all die fürchterlichen Szenen durchzieht. So stößt Chris im Laufe der Handlung etwas Fürchterliches zu, aber trotzdem kann er noch dafür sorgen, dass die nachmittägliche Teerunde im Haus von Tante Maria kräftig aufgemischt wird (inklusive flatternder Unterwäsche, Teeüberschwemmung und kopflos herumrennender Mrs. Urs). Wie so oft am Ende eines Diana-Wynne-Jones-Buch bin ich wieder einmal fasziniert davon, welches klassische Element die Autorin für diese Geschichte aufgegriffen hat und was sie Kreatives daraus gemacht hat. Ich mag ihre ungewöhnliche Perspektive auf Mythologien, auf Magie und natürlich auf all die kleinen Alltäglichkeiten, die erst durch ihre Beschreibungen zu etwas Besonderem werden.

Sarah Beth Durst: Fire and Heist

Auf der Homepage der Autorin wird „Fire and Heist“ als „Ocean’s Eleven… with were-dragons“ beschrieben, und das reichte mir, um neugierig auf den Titel zu werden. „Fire and Heist“ ist für mich der erste Roman von Sarah Beth Durst, und auch wenn ich definitiv älter bin als die jugendliche Zielgruppe, mochte ich die Geschichte und den Erzählton sehr und habe nach dem Lesen gleich noch ein paar weitere Bücher der Autorin auf die Merkliste gesetzt. Die Handlung wird aus der Sicht der sechzehnjährigen Sky Hawkins erzählt, deren Familie in den vergangenen Wochen eine harte Zeit erlebte. Sky lebt in einer Welt, die theoretisch der unseren entspricht, nur dass neben den Menschen auch Wyvern (oder Wer-Drachen) leben. Ihre Existenz ist nicht nur seit Jahrhunderten bekannt, die Wyvern nehmen auch einen Promi-Status ein, der nicht nur darauf basiert, dass jede Wyvern-Familie sehr, sehr reich ist.

Auch Sky gehört zu den Wyvern, doch der Reichtum ihrer Familie hat sich vor einem Monat deutlich reduziert, nachdem sie dafür bestraft wurden, dass Skys Mutter Anabeth in die Schatzkammer einer anderen Wyvern-Familie einbrach. Dass Wyvern einander bestehlen, ist ganz normal, und der erste Diebstahl signalisiert in ihrer – von Gold besessenen – Gesellschaft das Erwachsenwerden eines Wyvern. Anabeths Vergehen bestand also vor allem darin, dass sie sich hatte erwischen lassen – und da sie seit diesem Einbruch spurlos verschwunden ist, kann Sky sie nicht einmal fragen, was ihre Mutter sich bei ihrem Vorhaben überhaupt gedacht hatte. Stattdessen muss Sky gleichzeitig mit dem Verlust ihrer Mutter, der Ächtung innerhalb der Wyvern-Gesellschaft, dem Ende ihrer Beziehung zu ihrem Freund Ryan und dem verschlossenen Verhalten ihrer Familie fertig werden. Doch Sky ist niemand, der solch eine Situation einfach hinnimmt (zumindest nicht, nachdem sie sich einen Monat Trauer- und Erholungszeit gegönnt hat), weshalb sie beschließt, dass sie als ihren ersten Coup einen Einbruch plant, der sie in genau dieselbe Schatzkammer bringt, in der ihre Mutter erwischt wurde.

Ich mochte die Protagonistin Sky sehr, und ich mochte es, dass ihre ganze Erziehung sie nicht nur dafür qualifiziert, einen Einbruch zu begehen, sondern dass das auch ihr erster Gedanke war, um alles wieder „in Ordnung“ zu bringen, was durch das Verhalten ihrer Mutter kaputtgegangen ist. Aber noch mehr mochte ich, dass Sky von Anfang an klar ist, dass sie alleine so einen Einbruch niemals erfolgreich durchziehen kann und dass sie eine Crew benötigt. Das Zusammenspiel zwischen Sky und den anderen Personen, die ihr bei ihrem Vorhaben helfen, ist wirklich wunderbar. Nicht allen von ihnen kann sie wirklich vertrauen, und doch sind die gemeinsamen Szenen von einem Gefühl der Kameradschaft durchzogen, weil alle wissen, dass sie einander und ihre jeweils besonderen Fähigkeiten benötigen, um heil aus der Sache rauszukommen. Auch die Momente, die man mit Sky und ihrer Familie verfolgen kann, sind wunderbar. Obwohl Sky sich von ihrem Vater und ihren Brüdern im Stich gelassen fühlt, wird deutlich, dass sie sich eigentlich sehr nahe stehen und füreinander da sein wollen – auch wenn sie gerade nicht so recht wissen, wie sie mit ihren eigenen Gefühlen umgehen sollen.

„Fire and Heist“ war für mich ein amüsantes Wohlfühlbuch, das ich kaum aus der Hand legen mochte, weil ich mich immer fragte, was wohl als Nächstes passiert oder wie Sky wohl (mehr oder weniger) heil aus einer Situation wieder herauskommt. Mein einziger Kritikpunkt wäre, dass die große und überraschende Entdeckung, die Sky bei ihrem Einbruch macht, recht vorhersehbar war, aber das trübte die Handlung für mich nicht, weil ich beim Lesen erst voller Vorfreude auf diesen Moment war und dann so damit beschäftigt war herauszufinden, welche Folgen dies nun für die Protagonistin und ihre Familie haben wird. Alles in allem hat mir dieses Buch wirklich rundum Spaß gemacht, und ich habe sogar die Momente genossen, die sich um Skys und Ryans Beziehung drehten – und wer mich kennt, weiß, wie selten es ist, dass eine Liebesgeschichte in meinen fantastischen Jugendbüchern vor meinen Augen Gnade findet. 😉

Außerdem habe ich bei der Suche nach anderen Titeln der Autorin gesehen, dass eine Übersetzung von „Fire and Heist“ Ende April auf Deutsch erscheinen wird. Wer also nun Lust bekommen hat, diese Geschichte zu lesen, und sich nicht mit (relativ einfachem) Englisch abmühen will, muss nur noch ein paar Wochen auf „Feuer und Gold“ warten.

Seanan McGuire: Come Tumbling Down (Wayward Children)

„Come Tumbling Down“ ist die fünfte Veröffentlichung der Wayward-Children-Geschichten von Seanan McGuire, und bevor man den Band liest, sollte man am Besten die vier vorhergehenden Bücher (oder zumindest „Every Heart A Doorway“ und „Down Among the Sticks and Bones“) gelesen haben. Außerdem fürchte ich, dass diese Rezension nur für die verständlich ist, die die vorhergehenden Romane kennen. Die Handlung von „Come Tumbling Down“ führt den Leser wieder ins Moor, in die Welt, in die Jack Wolcott den Leichnam ihrer Schwester Jill zurückgebracht hat, nachdem diese aufgrund der Ereignisse in „Every Heart A Doorway“ nicht mehr in Eleanor West’s Home for Wayward Children bleiben konnte. Denn der „Tod“ ist im Moor nicht unbedingt ein endgültiger Zustand, und in einer Welt, die zum Teil von (verrückten) Wissenschaftlern und Vampiren beherrscht wird, gibt es viele Möglichkeiten für ein Leben nach dem (ersten) Tod. Doch die Rückkehr ins Moor brachte für Jack mehr Herausforderungen, als sie erwartet hatte, und so steht sie viele Monate später wieder im Keller der Schule, um für sich und ihre Welt um Hilfe zu bitten.

So kommt es, dass sich Christopher, Cora, Sumi und Kade gemeinsam mit Jack und ihrer Liebsten Alexis aufmachen, um gegen Jill und ihren Vampirmeister zu kämpfen und damit nicht nur Jacks Leben (und Verstand) zu retten, sondern gleich das gesamte Moor. Wie schon beim Lesen der anderen Wayward-Children-Bücher ging mir die ganze Zeit die Frage durch den Kopf, wie eine Autorin so viel Inhalt in so wenig Text packen kann, ohne dass es gezwungen, gedrängt oder unstimmig wirkt. Wobei Seanan McGuire in „Come Tumbling Down“ dem Leser Teile des Moors vorstellt, die in „Down Among the Sticks and Bones“ keinerlei Rolle spielten, und so sehr ich diesen Einblick in die weiteren Gebiete des Moors mochte, so hatte ich dieses Mal ein bisschen das Gefühl, dass dieser Teil (inklusive Coras Erlebnissen, die damit zusammenhingen) fast ein bisschen zu kurz kam. Das ist aber auch der einzige (und wirklich sehr kleine) Kritikpunkt, der mir zu diesem Buch einfällt, und insgesamt habe ich es sehr genossen, wieder ins Moor zurückzukehren.

Diese fantastische Welt, in der Jack und Jill ein Zuhause gefunden haben, wirkt selbst auf den zweiten Blick nicht besonders einladend, und auch für die Schwestern war das Moor nicht schon bei ihren ersten Schritten dort die Zuflucht, die es im Laufe der Zeit für sie geworden ist. Besonders für Jack, die von ihren Eltern wie ein kleines hübsches Püppchen ohne eigene Bedürfnisse behandelt worden war, bot das Moor ganz ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Sie hat dort einen Ort gefunden, an dem sie die Antworten auf ihre vielen Fragen findet, an dem sie die Grenzen zwischen Leben und Tod überschreiten kann, und an dem sie mit Alexis einen Menschen gefunden hat, der sie so liebt, wie sie ist. Hätte Jill sie nicht nach ihrer Rückkehr ins Moor auf die schlimmste Weise hintergangen, hätte Jack bis zu ihrem (vermutlich gewaltvollen und viel zu frühen) Lebensende glücklich im Moor leben können.

Wie sehr Jack diese unbarmherzige Welt, die direkt aus einem alten Horrorfilm stammen könnte, liebt, wird deutlich, als wir das Moor durch die Augen von Christopher, Sumi, Cora und Kade entdecken. Dabei bekommt der Lesern die Ereignisse in „Come Tumbling Down“ vor allem aus Christophers Sicht erzählt und sogar für ihn, dessen Welt von lebenden Skeletten bevölkert wird, ist das Moor zu düster, zu grausam und zu erbarmungslos. Im Kontrast zu all den schrecklichen Geschehnissen und zu den – für den Leser bislang unbekannten – Bedrohungen, die das Moor zu bieten hat, stehen auf der einen Seite die bedingungslose Liebe und das tiefe Verständnis zwischen Jack und Alexis und auf der anderen Seite Sumis Persönlichkeit.

Da Sumi eines der ersten Opfer in „Every Heart A Doorway“ war, hat man als Leser bislang eigentlich nur einige wenige kurze Eindrücke von ihr bekommen, die auch noch durch die Sicht der jeweils erzählenden Person getrübt waren. In „Come Tumbling Down“ hingegen entfaltet sich Sumis Charakter mit jedem weiteren Kapitel mehr. Es gibt keinen bedrückenden oder gefährlichen Moment, der nicht von Sumi kommentiert und genossen wird – wobei sie häufig beweist, dass sie (auch aufgrund ihrer Erfahrungen mit einer Nonsense-World) eigentlich einen besseren Einblick in die Logik der Welt und die Motivationen der verschiedenen Charaktere besitzt als ihre Freunde. Erstaunlich ist dabei allerdings, dass ihre Freunde immer wieder von Sumis Durchblick verblüfft sind, aber so gibt es immerhin immer wieder überraschende und witzige Momente, die diese großartig geschriebene Geschichte voller Verzweiflung, Sehnsucht, drohendem Wahnsinn und Düsternis aufhellen.

Amy Wilson: Shadows of Winterspell

„Shadows of Winterspell“ von Amy Wilson ist mir im Oktober 2019 regelmäßig vor die Nase gekommen, als der Roman veröffentlicht wurde. Irgendwann bin ich dann doch neugierig genug geworden, um das Buch auf meine Wunschliste zu setzen, und passend zum herbstlich-winterlichen Thema habe ich die Geschichte dann an einem trüben und regnerischen Januarnachmittag angefangen. Protagonist ist die zwölfjährige Stella (Estelle) Briggs, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem kleinen Häuschen am Rande des Waldes Winterfell lebt. Lange Zeit war Stella zufrieden mit ihrem Leben, aber so langsam sehnt sie sich nach der Gesellschaft anderer und nach einem „normalen“ Leben mit täglichem Schulbesuch und Freunden, mit denen sie ihre Freizeit verbringen kann.

Dabei ist ihr bewusst, dass sie zu viele Geheimnisse hütet, um unbefangen Freundschaft mit Menschen schließen zu können. So ist Stellas Großmutter ein (wenn auch einigermaßen stofflicher) Geist, ihr Mitbewohner ist ein Imp, und Stella selbst hat von klein auf den Gebrauch von Magie gelernt. Dazu kommt noch, dass Stella die Tochter des Königs der Schatten ist, dessen Fluch auf dem Wald Winterspell liegt und dessen Schatten dafür sorgen, dass die Fae Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Doch Stellas Sehnsucht nach Abwechslung und Freundschaft ist so groß, dass sie sich trotz all der damit verbundenen Risiken (und der Zorn ihrer Großmutter ist darunter nicht das geringste) bei der örtlichen Schule anmeldet. Dort warten allerlei Herausforderungen und Überraschungen auf Stella, die ihr nicht nur die langersehnten Freunde bringen, sondern auch dafür sorgen, dass sie über sich hinauswächst und am Ende den Kampf gegen den König der Schatten aufnimmt.

Ich mochte dieses Buch so sehr, dass ich direkt nach dem Lesen drei weitere Titel der Autorin auf meine Merkliste gesetzt habe, obwohl mir die Klappentexte das Gefühl vermittelten, dass ihre Geschichten sich immer um sehr ähnlich Themen drehen. Aber mir gefiel die Erzählweise von Amy Wilson sehr, die dafür sorgt, dass die Handlung zwar relativ gradlinig und einfach erzählt wird, auf der anderen Seite aber immer Untertöne mitschwingen, die bei eigentlich amüsanten oder gemütlichen Szenen eine gewisse Traurigkeit oder Hilflosigkeit mit sich bringen, während man selbst bei den wirklich traurigen Momenten immer noch schmunzeln muss oder diese Geborgenheit spürt, die Wohlfühlbücher vermitteln. Auch bei ihren Charakteren findet man viele verschiedene Facetten, und selbst die Figuren, die auf den ersten Blick etwas schwierig zu sein scheinen, sind so stimmig beschrieben, dass sie einem im Laufe der Geschichte ans Herz wachsen.

Am Ende fiel es mir schwer, das kleine Häuschen am Waldrand zu verlassen, weil ich Stella, ihre Großmutter und all die anderen Charaktere so mochte und Winterspell selbst mit all seinen fantastischen Kreaturen ein großartiger Ort ist, den ich gern noch besser kennengelernt hätte. Außerdem habe ich einfach eine Schwäche für gut beschriebene gemütliche Häuser mit wohnlichen Küchen, behaglichen Schlafzimmern und einer Bibliothek voll alter Bücher. Ich mochte die verschiedenen fantastischen Wesen, die in Winterspell lebten, ebenso wie die Vorstellung, dass die Nähe zu einem „Feenwald“ eben auch die Bewohner des angrenzendes Ortes beeinflusst. Ein bisschen hat mich „The Shadows of Winterfell“ an „The Darkest Part of the Forest“ von Holly Black erinnert, nur das die Geschichte auf ein jüngeres Publikum zielt und sich deshalb – trotz aller Gefahren – nicht ganz so bedrohlich anfühlt (und die Liebesgeschichten wegfallen).

Ben Guterson: Winterhouse

Über „Winterhouse“ von Ben Guterson bin ich in den letzten Monaten immer wieder gestolpert, und nachdem ich das Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, habe ich es mir gleich gegriffen und gelesen. Die Geschichte wird aus der Sicht der elfjährigen Elizabeth Somers erzählt, die seit ihrem vierten Lebensjahr bei ihrer Tante Purdy und ihrem Onkel Burlap lebt. Besonders glücklich ist sie dort nicht, da ihre Verwandten ihr das Gefühl geben, sie sei nur eine (kostenintensive) Last. Umso überraschender ist es, als die beiden über Weihachten allein in den Urlaub fahren, während für Elizabeth ein dreiwöchiger Aufenthalt in einem anderen Hotel gebucht wird. Obwohl sich Elizabeth von ihrem Hotel, dem Winterhouse, nicht viel verspricht, fühlt sie sich auf Anhieb wohl in dem beeindruckenden großen Gebäude mit den freundlichen Angestellten und dem etwas exentrisch erscheinenden Besitzer Norbridge.

Zu ihrer großen Überraschung freundet sie sich schon an ihrem ersten Tag mit dem gleichaltrigen Freddy an, der nicht nur ebenso große Freude an Anagrammen und (Wort-)Puzzles hat wie Elizabeth, sondern ebenfalls über die Feiertage allein im Winterhouse weilt. So verbringen die beiden einen Großteil ihrer Zeit in dem Hotel gemeinsam, fordern sich gegenseitig mit Rätseln und Wortleitern heraus und genießen die diversen Winteraktivitäten in der verschneiten Landschaft rund um das Winterhouse. Dass es diverse rätselhafte Dinge im Hotel zu entdecken gibt, wie das Geheimnis um das Porträt von Nestor Falls, dem Gründer des Winterhouses, oder die Gründe hinter Norbridges seltsamem Verhalten in der Bibliothek des Hotels, macht den Aufenthalt für Elizabeth nur noch reizvoller. Weniger angenehm ist ihr allerdings das Verhalten des rätselhaften Ehepaars Selena und Marcus Q. Hiems, da ihr die beiden Personen regelrecht unheimlich sind und sie nichts Gutes im Schilde zu führen scheinen.

Ich muss gestehen, dass ich mich ein bisschen zwiespältig fühle, wenn es um „Winterhouse“ geht, denn ich mochte die Geschichte zwar sehr gern, aber das Buch hat mich nicht so mitgerissen wie einige andere, die ich in den letzten Wochen gelesen habe. Das wäre jetzt nicht so schlimm, denn normalerweise reicht es mir, wenn ein Roman einfach nur „nett“ ist und ich stundenlang in Beschreibungen von gemütlich-besonderen Häusern oder Hotels schwelgen kann. Aber beim „Winterhouse“ gab es das eine oder andere Element, das ich unstimmig fand, und so gern ich sonst von Rätseln lese, so konnte ich Elizabeths und Freddys Begeisterung für Wortleitern nicht so ganz nachvollziehen. Auch habe ich sonst kein Problem mit Magie, aber hier hätte es für mich gereicht, wenn sich der magische Anteil auf Elizabeths „vorahnungsähnliche Gefühle“ beschränkt hätte, denn mit all den Rätseln und Puzzles hätte die Geschichte auch ohne dieses zusätzliche Element (und die dramatische Szene in der Bibliothek am Ende) funktioniert.

Insgesamt habe ich mich von „Winterhouse“ aber gut genug unterhalten gefühlt, dass ich die Fortsetzung nach dem Lesen auf meine Merkliste gesetzt habe. Ich mochte das Hotel und mir gefielen Details wie das riesige Puzzle in der Lobby und die beiden Herren, die seit Jahren immer wieder gemeinsam daran arbeiten, oder natürlich die überraschend große Hotelbibliothek mit der liebenswerten Bibliothekarin. Und obwohl die Enthüllungen bezüglich Elizabeths Familie am Ende des Romans nicht so überraschend kamen, bin ich doch neugierig darauf, wie es mit ihr und all den anderen Charakteren weitergeht. Irgendwann werde ich also ins „Winterhouse“ zurückkehren und weitere Abenteuer mit Elizabeth und Freddy erleben, auch wenn mir der nächste Teil nicht so wichtig ist, dass ich sofort die Fortsetzung hätte bestellen müssen.

Jessica Townsend: Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow

Es kommt selten vor, dass ich mich erst in ein Cover verliebe und dann in die Geschichte dahinter, aber bei „Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow“ war das der Fall (wobei ich dazu sagen muss, dass ich die englischsprachige Ausgabe gekauft habe, bei der man Menschen mit bunten Regenschirmen von einem Dach springen sieht). Jessica Townsend lässt ihren Roman recht deprimierend beginnen, denn zuerst lernt man Morrigan Crow kennen, wie sie als verfluchtes Kind für all die großen und kleinen Unglücke verantwortlich gemacht wird, die in den vergangenen Tagen in ihrer Gegend passiert sind. Sie ist eins von vier Kindern, das aufgrund seines Eventide-Geburtstags verflucht ist. Dass diese Flüche regelmäßig vorkommende und ernstzunehmende Ereignisse in den vier Staaten der „Wintersea Republic“ sind, kann man schon daran sehen, dass es ein seperates Ministerium für alle Angelegenheiten rund um diese Kinder gibt und dass Morrigan (und die anderen drei) nicht nur regelmäßig von einer Beamtin betreut werden, sondern es auch eine Regelung für Schadenersatzforderungen gibt, so dass Morrigans Vater für die finanziellen Probleme, die seine Tochter verursacht, einstehen muss.

Schon früh wird deutlich, dass Morrigans Vater kaum noch den Tag erwarten kann, an dem seine Tochter elf Jahre alt wird – und verstirbt. Doch zu Morrigans großer Überraschung bekommt sie von dem ungewöhnlichen Jupiter North das Angebot für eine Aufnahme der „Wundrous Society“ zu kandidieren. Obwohl sie noch nie von dieser Society gehört hat, ergreift sie natürlich diese Chance – bedeutet dies doch auch, dass sie ihrem vermeintlich sicheren Tod entgehen kann. In den folgenden Wochen lernt Morrigan nicht nur Nevermoor, den geheimen fünften Staat der Republik, kennen, sondern auch all die wunderbaren, großartigen und gefährlichen Dinge, die mit einer eventuellen Aufnahme in die Wundrous Society einhergehen. So muss Morrigan im Laufe des folgenden Jahres vier verschiedene Prüfungen bestehen, wobei jedes Versagen bedeuten würde, dass sie des Staates verwiesen und somit sterben würde. Für Morrigan sind all diese Monate in Nevermoor, in denen sie versucht, Teil der Wundrous Society zu werden und das rätselhafte Verhalten ihres Mentors Jupiter North zu verstehen, sehr aufreibend und gefährlich, aber sie bieten auch viele großartige Momente, neue Freunde und so viele kleine Dinge, die ich beim Lesen einfach geliebt habe!

„Nevermoor – The Trials of Morrigan Crow“ gehört zu den wenigen Büchern, die mir so gut gefallen haben, dass ich das Lesen regelrecht hinausgezögert habe, weil ich nicht wollte, dass die Geschichte so schnell endet. Ich mochte Morrigan, die trotz allem, was sie in ihren ersten elf Lebensjahren erlebt hat, versucht, offen und hilfsbereit zu sein, wobei sie alles andere als sanft ist und sich ohne Bedenken in ein (Wort-)Gefecht stürzt, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Es gibt so viele großartige Charaktere in diesem Roman wie die Sängerin mit den sechs Verehrern (am Sonntag benötigt sie dann doch ihre Ruhe vor den Männern), Fen, eine Magnificat und Hausdame in einem der besten Hotels Nevermoors, Hawthorne, der Chaos-verbreitende angehende Drachenreiter, und natürlich Jupiter North, der sehr, sehr viel sieht und sehr wenig verrät. Ich mochte all diese Figuren in ihrer Exzentrik, mit ihren Ecken und Kanten und selbst bei den unsympathischen Charakteren habe ich mich über ein Wiedersehen gefreut, denn in der Regel bedeutete das, dass da gleich ein paar Szenen kommen würden, über die ich mich wunderbar amüsieren konnte.

Meine große Liebe gilt aber dem Hotel Deucalion, weil man mich mit liebevollen Beschreibungen von Häusern, die über ihre eigene Magie verfügen, einfach immer packen kann, sowie der Erzählweise von Jessica Townsend und all den großartigen fantastischen Details, die das Leben in Nevermoor ausmachen. Ich muss zugeben, dass es hier und da kleine Unstimmigkeiten gibt, wenn die Autorin zum Beispiel Elemente einfließen lässt, die es in unserer realen Welt gibt und die mir unpassend für Morrigans Welt zu sein scheinen, aber grundsätzlich habe ich den Roman rundum genießen können. Es kommt selten vor, dass mich eine Geschichte so oft überraschen kann, wobei ich es mochte, dass Morrigan zwar regelmäßig in Gefahr schwebt, man sich beim Lesen aber trotzdem die ganze Zeit so gut aufgehoben gefühlt hat. Aktuell habe ich ein großes Bedürfnis nach Wohlfühlbüchern und ich freu mich schon jetzt darauf, mehr über Morrigan und ihre Abenteuer in Nevermoor zu lesen (weshalb ich den zweiten Band, „Wundersmith – The Calling of Morrigan Crow“ direkt nach dem Lesen dieses Romans bei meinem Buchhändler geordert habe). Nur die Tatsache, dass es bis zum Erscheinen des dritten Bandes noch acht Monate sind, hat mich davon abgehalten, auch noch diesen Teil der Reihe zu bestellen.

Ellen Oh und Elsie Chapman (Hrsg.): A Thousand Beginnings and Endings (Anthologie)

„A Thousand Beginnings and Endings“ ist eine Anthologie, die fünfzehn Neuerzählungen von asiatischen Märchen und Legenden beinhaltet, geschrieben von fünfzehn Autorinnen und Autoren unterschiedlicher asiatischer Herkunft. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen Ellen Oh und Elsie Chapman, dass sie als Kinder Bücher über griechische Mythologie sehr geliebt haben, aber ihnen im Laufe der Zeit auffiel, dass es nichts Vergleichbares für den asiatischen Raum gibt. Wenn asiatische Legenden in Büchern zu finden waren, dann weil sie von nicht-asiatischen Autoren wiedererzählt wurden – und diesen Nacherzählungen fehlte in ihren Augen ein ganz besonderes Element. Jedem einzelnen Beitrag folgt ein Nachwort, in dem die Legende, auf der die Geschichte basiert, vorgestellt wird, und es wird berichtet, welcher Aspekt daraus für die Handlung aufgegriffen wurde.

Roshani Chokshi: Forbitten Fruit
Mit „Forbitten Fruit“ erzählt Roshani Chokshi ihre eigene Version der Geschichte rund um Maria Makiling, die der Schutzgeist des filipinischen Mount Makiling sein soll. Roshani Chokshis Variante der Legenden ist eine bittersüße Liebesgeschichte, in der ein Berg sein Herz an einen Menschen verliert. Ich mochte die Geschichte sehr, – gerade weil ich mir wünschte, dass sie am Ende anders ausgehen würde – allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass sich die Autorin sehr weit vom Original entfernt hätte. Die Handlung ist eigentlich sehr vorhersehbar und der Ton sehr märchenhaft. Letzteres gefällt mir eigentlich, aber es gibt dem Kern der Geschichte keine neuen Impulse.

Alyssa Wong: Olivia’s Table
Die Kurzgeschichte „Olivia’s Table“ von Alyssa Wong hat mir sehr gut gefallen (ich muss mal schauen, was die Autorin noch so geschrieben hat). In der Geschichte wird das chinesische Yu Lan (Hungry Ghost Festival – keine Ahnung, wie das auf Deutsch genannt wird) aufgegriffen, wobei Olivia eine chinesische Amerikanerin ist, die nach dem Tod ihrer Mutter deren Rolle als „Exorzistin“ übernimmt und in einer alten Minenstadt für die Geister ein Festmahl ausrichtet. Während das örtliche Hotel Olivia eher für ein Touristen-Spektakel engagiert hat, geht es ihr darum, die Vorfahren zu ehren und sie auch nach dem Tod noch mit gutem Essen glücklich zu machen. Und wenn das dazu führt, dass sie Ruhe und Frieden finden, dann ist es gut so. Ich mochte die Geschichte sehr, weil es nicht nur schön diese chinesische Tradition beschreibt, sondern auch Olivias eigenen Weg, um mit dem Tod ihrer Mutter fertig zu werden, und ihre Suche nach einen Platz im Leben.

Lori M. Lee: Steel Skin
Lori M. Lee greift in „Steel Skin“ eine Geschichte der Hmong (und zwar „The Woman and the Tiger“) auf und erzählt eine SF-Handlung, in der die fünfzehnjährige Protagonistin Yer vor einem Jahr bei einem Aufstand der Androiden ihre Mutter verloren hat. Ihr Vater ist seitdem nicht mehr derselbe, er ist verschlossen, antriebslos und abweisend, obwohl Yer ihn nun mehr den je benötigt. Richtig unheimlich wird es, als er nach einer Reise zurückkommt und sich noch weniger als zuvor um Yer kümmert, bis in ihr der Verdacht aufkommt, dass die Person, mit der sie zusammenlebt, nicht mehr ihr Vater ist … Ich mochte die Geschichte sehr, sie ist voller Wut und Trauer, Freundschaft und Vertrauen und präsentiert ein wirklich überraschendes und cooles Ende.

Sona Charaipotra: Still Star-Crossed
In „Still Star-Crossed“ hat sich Sona Charaipotra von der Geschichte von „Mirza und Sahiba“ inspirieren lassen und sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn diese beiden legendären Figuren heutzutage aufeinanderträfen. Ich muss zugeben, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob mir die Geschichte gefällt. Auf der einen Seite mag ich die Protagonistin Taara, auf der anderen Seite finde ich Nick, der sich sicher ist, dass er Taara (wiederer)kennt, etwas zu übergriffig, zu selbstsicher, zu stalkend. Dann wieder finde ich die Wendung am Ende hübsch, bei der Taaras Mutter Amrita von ihrer ersten Liebe erzählt und davon, was damals passiert ist …

Aliette de Bodard: The Counting of Vermillion Beads
In „The Counting of Vermillion Beads“ greift Aliette de Bodard das Grundthema des vietnamesischen Märchens „Tấm Cám“ (in dem es um die Beziehung zweier Schwestern zueinander geht) auf. Doch statt eine Geschichte voller Eifersucht, Mord und Wiedergeburt zu erzählen, bekommt der Leser hier mit Tam und Cam zwei Schwestern präsentiert, die einander nicht besonders ähnlich sind, aber aneinander hängen, aneinander denken und sich gegenseitig stützen – auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so zu sein scheint. Ich mochte die Geschichte, auch wenn ich etwas brauchte, um in die Handlung hineinzufinden (aber so geht es mir eigentlich immer bei Texten von Aliette de Bodard).

E.C. Myers: The Land of the Morning Calm
Oh, ich mochte diese Geschichte wirklich! Der Autor erzählt die Handlung aus der Sicht von Sun Moon, deren Mutter vor fünf Jahren starb und deren Großvater fest davon überzeugt ist, er hätte in den letzten Wochen regelmäßig den Geist seiner verstorbenen Tochter gesehen. Mir gefiel diese Mischung aus Geistergeschichte, Online-Rollenspiel (das in einem historischen Korea spielt, in dem sich die Charaktere in Tiere verwandeln können,) und Trauerbewältigung wirklich gut, auch wenn ein paar Wendungen nicht gerade überraschend kamen.

Aisha Saeed: The Smile
Mit „The Smile“ greift Aisha Saeed die Legende von Anarkali auf, der Geliebten eines Prinzen, deren Lächeln dem König verriet, dass sein Sohn ein Verhältnis mit ihr hat. Hier aber wird die Handlung von Naseem erzählt, die offiziell die Konkubine des Prinzen Kareem ist und der erst im Laufe der Zeit bewusst wird, was es bedeutet, dass sie dem Prinzen gehört. Ich mochte nicht nur Naseems Blick auf ihre Position als Konkubine, sondern auch die Nebencharaktere in der Geschichte sehr.

Preeti Chhibber: Girls Who Twirl and Other Dangers
Preeti Chhibber hat das Hinduistische Fest Navrātri in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt und drei Freundinnen, die – wie die Göttin Durgā – für das Gute kämpfen. Nur dass Nirali, Jessica und Jaya bei der Wahl ihres Gegners kein solch gutes Händchen haben wie die Göttin. Ich fand die Geschichte nicht nur sehr unterhaltsam, ich habe es auch genossen von der Freundschaft der drei Mädchen zu lesen und von dem Fest, bei dem eine große indischstämmige Gemeinschaft mit Tanz und Essen zusammen feiert.

Renée Ahdieh: Nothing into All
„Nothing into All“ basiert auf dem koreanischen Märchen „The Goblin Treasure“, das Renée Ahdieh als Kind regelmäßig vorgelesen bekam. So ist es kein Wunder, dass die Geschichte selbst auch sehr märchenhaft von den Geschwistern Charan und Chun erzählt, die sich seit Jahren regelmäßig auf die Suche nach Goblins machen. Dabei dreht sich die Handlung mehr um das Verhältnis zwischen Charan und Chun und darum, wie die Eltern ihre Tochter und ihren Sohn behandeln, als um die Magie der Goblins, was diesem klassischen Märchen von einer Schatzsuche etwas mehr Tiefe verleiht.

Rahul Kanakia: Spear Carrier
Zu „Spear Carrier“ wurde der Autor durch das indische Epos Mahabharata inspiriert, in dem es einen Part gibt, in dem Tausende in einen Kampf ziehen, der zu einem Krieg um die Herrschaft gehört. Von diesen Tausenden überleben nur zwölf die Schlacht, doch statt aus der Sicht der Überlebenden wird diese Kurzgeschichte aus Sicht eines dieser Soldaten erzählt, der von Anfang an weiß, dass er den Kampf nicht überleben wird. Ich muss zugeben, dass ich anfangs mit „Spear Carrier“ nicht so recht warm geworden bin, auch weil ich den Protagonisten nicht gerade sympathisch fand. Erst mit dem angehängten Hinweis des Autors auf das Mahabharata und der Entwicklung, die die Handlung ganz am Ende nimmt, finde ich den Kern der Kurzgeschichte interessant genug, um noch etwas länger darüber nachzudenken.

Melissa de la Cruz: Code of Honor
Für ihre Geschichte greift Melissa de la Cruz die Legenden der philippinischen Aswangs (Vampir-ähnliche Hexen) auf, wobei ihre Protagonistin Aida schon seit langer Zeit nach einem eigenen Ehrenkodex lebt und nun in New York auf der Suche nach Personen ist, mit denen sie sich anfreunden kann. Wirklich einfach ist es nicht, Freundschaften zu schließen, wenn man sich von Blut ernährt und außerordentliche Aggressionsprobleme hat, aber Aida bemüht sich, einen Platz in der Schule zu finden, die sie zu diesem Zweck besucht. Ich fand die Geschichte ganz nett, auch wenn die „überraschende Wende“ am Ende etwas arg vorhersehbar war (selbst dann, wenn man die Blue-Blood-Serie der Autorin nicht kennt, sondern erst nach dem Lesen der Kurzgeschichte beim Recherchieren über die Autorin davon erfährt).

Elsie Chapman: Bullet, Butterfly
„Bullet, Butterfly“ ist eine Neuerzählung der Geschichte „The Butterfly Lovers“, einer chinesischen Romeo-und-Julia-Variante, bei der die beiden Liebenden nicht zueinanderkommen, weil familiäre Verpflichtungen gravierender sind als ihre Gefühle füreinander. Elsie Chapman lässt ihre Geschichte in einer Welt spielen, die von Krieg und Hunger gezeichnet ist und in der das Leben von Teenagern von ihrer Pflicht gegenüber ihrer Familie geprägt ist. Weder der Protagonist Liang noch seine Freundin Zhu haben Einfluss auf ihr Leben, und doch suchen sie nach einem Weg, um beieinander bleiben zu können. Ich muss gestehen, dass ich die Geschichte wirklich gut erzählt und berührend zu lesen fand, aber das (klassische) Ende frustrierte mich.

Shveta Thakrar: Daughter of the Sun
Auch diese Geschichte wurde von dem indische Epos Mahabharata inspiriert, aber statt wie in „Spear Carrier“ von Krieg und Opfern zu handeln, dreht sie sich um zwei Liebende. Dabei war es Shveta Thakrar wichtig aufzugreifen, dass es die Protagonistin ist, die ihren Liebsten rettet und einen Weg finden, damit sie zusammenbleiben können. Ich fand die Geschichte sehr hübsch zu lesen, auch wenn die Mischung aus altmodischen und modernen Elementen in meinen Augen nicht immer ganz rund war.

Cindy Pon: The Crimson Cloak
Mit „The Crimson Cloak“ gibt Cindy Pon einer Figur eine Stimme, die ihrer Meinung nach in keiner der chinesischen Märchenvarianten, die es über „The Cowherd and the Weaver Girl“ gibt, ausreichend zu Wort kommt. In „The Crimson Cloak“ ist es die siebte Tochter der Himmelskönigin, die eines Tages an einem See einen Mann sieht und ihn näher kennenlernen will, während es in den verschiedenen Märchen er ist, der ihr beim Baden ihren Mantel raubt, damit sie ihn heiraten muss. Ich mochte es sehr, dass die Autorin nicht nur eine Figur zu Wort kommen lässt, die (nach Aussage von Cindy Pon) im Märchen weniger zu sagen hat als der magische Ochse des Protagonisten, sondern auch, dass diese Geschichte so glücklich verläuft, wie eine Liebesgeschichte zwischen einer Unsterblichen und einem Menschen nun einmal sein kann.

Julie Kagawa: Eyes like Candlelight
Julie Kagawa erzählt die Geschichte von Takeo, der als Kind einen Fuchs rettete und sich als Mann in eine Kitsune verliebt, und der alles dafür tun würde, um sein Dorf vor der Willkür des Daimyo zu retten. „Eyes like Candlelight“ ist eine bittersüße Geschichte und bildet einen melancholischen Ausklang für die Anthologie, gerade weil die Figuren so liebenswert sind.

 

Insgesamt war ich beim Lesen von „A Thousand Beginnings and Endings“ wirklich fasziniert davon, wie viele verschiedene Ansätze hier gefunden wurden, um klassische asiatische Sagen(elemente) neu oder auch nur erneut zu erzählen. Auch wenn ich häufig die moderneren Varianten bevorzugte, gab es doch so einige märchenhafte Nacherzählungen, die ich sehr genossen habe und die mich sehr berührten.

Caroline Stevermer: A College of Magics

Seit ich die „Cecelia and Kate“-Romane von Patricia C. Wrede und Caroline Stevermer gelesen habe, halte ich die Augen nach weiteren Büchern von Caroline Stevermer auf (Patricia C. Wrede gehört sowieso zu den wenigen Autoren, deren Neuerscheinungen automatisch von mir gekauft werden). „Magic Below Stairs“ von der Autorin hatte mir ebenfalls gut gefallen, aber so richtig wusste ich danach nicht, was ich als nächstes ausprobieren sollte, bis ich vor einigen Tagen über einen Artikel gestolpert bin, in dem die Fortsetzung von „A College of Magic“ empfohlen wurde. Da es mir aber widerstrebt, mit dem zweiten (und angeblich besseren) Teil eine Serie anzufangen, habe ich mir daraufhin „A College of Magic“ als eBook besorgt und gelesen. Der Roman erzählt die Geschichte von Faris Nallaneen, die als Achtzehnjährige in Greenlaw aufgenommen wird. Greenlaw ist mehr als eine normale „Finishing School“, denn dort wird bekannterweise Magie gelehrt, auch wenn in der Welt, in der Faris lebt, eigentlich so gut wie keine Magie vorzukommen scheint.

Caroline Stevermer erzählt in „A College of Magic“ sehr ruhig und unaufgeregt von Faris‘ Entwicklung und den Dingen, die sie in den drei Jahren nach ihrer Ankunft in Greenlaw erlebt. Dabei teilt sich die Handlung in drei Abschnitte, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte (und Handlungsorte) aufweisen. Der erste Teil konzentriert sich darauf, Faris und ihren Hintergrund vorzustellen und eine Basis für die folgenden Ereignisse zu schaffen. Faris ist die Herzogin von Galazon, einem kleinen Herzogtum im Osten eines alternativen Europas, und bis zu ihrem 21. Geburtstag wird das Land von Faris‘ Onkel Brinker regiert. Da Faris ihrem Onkel nicht vertraut und sich sicher ist, dass er Galazon in den Ruin treiben wird, ist sie nicht gerade begeistert von der Aussicht, einige Jahre in Frankreich zur Schule zu gehen und keinerlei Kontakt zu ihrem Herzogtum zu haben. Doch im Laufe der Zeit findet Faris nicht nur einige Freundinnen, sondern lernt auch, das Lernen zu lieben. Spannenderweise wird in Greenlaw aber nicht – wie man bei einem College für Magie eigentlich erwarten sollte – Magie gelehrt, sondern die „Magiestunden“ konzentrieren sich auf Theorien und Philosophien, die es jemanden mit angeborener Magie ermöglichen sollten, die eigenen verborgenen Kräfte zu nutzen.

Der anschließende mittlere Teil der Geschichte erzählt von Faris‘ Reise nach Hause, von all den Entdeckungen und Erlebnissen während des Heimwegs, und zeigt, wie Galazon sich unter der Herrschaft ihres Onkels entwickelt hat. Dieser Abschnitt der Handlung zeigt ein größeres Bild als der vorhergehende Teil, so dass man nicht nur ein Gefühl dafür bekommt, in welcher politischen (und persönlichen) Situation sich Faris befindet, sondern auch dafür, wie weit die Ereignisse in Galazon auch Einfluss auf die Nachbarländer haben, und dafür, dass Faris‘ Stellung in der Welt mehr sein könnte als die eine bloßen Herzogin eines recht unbedeutenden kleinen Landes. Im dritten Abschnitt wiederum muss Faris ihre Ausbildung, die Erfahrungen der letzten Monate und die Fähigkeiten, über die sie potenziell verfügt, nutzen, um sich den Aufgaben zu stellen, die sie (nicht nur in ihrer Rolle als Herzogin) von ihren Vorfahren geerbt hat.

Es gibt vieles, was ich – neben dem wunderschönen Schreibstil von Caroline Stevermer – an „A College of Magic“ mochte. Mir gefiel die Low-Magic-Welt, in der die Geschichte spielt und die an unser Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert, und mir gefiel die Darstellung des Collegelebens in Greenlaw. Ich mochte Faris, ihre Freundinnen (allen voran die großartige Jane) und ihre Vertrauten und (von einer ganz speziellen Gegnerin abgesehen) las ich gern von Faris‘ Gegenspielern, die schön vielschichtig angelegt waren. Außerdem zog sich durch den gesamten Roman ein feiner Humor, der immer wieder zu Sätzen oder Szenen führte, die ich gern jemandem vorgelesen hätte, weil ich dabei schmunzeln musste. Besonders geschätzt habe ich auch all die kleinen Details, die stimmig das Leben in einem kleinen und von Landwirtschaft geprägten Land darstellten, wie zum Beispiel die Erwähnung, dass die Steuern immer nach der letzten Ernte des Jahres erhoben wurden. Überhaupt lag Faris‘ Augenmerk – egal, ob es um Nachrichten von Zuhause oder um die vorbeiziehende Landschaft während einer Reise ging – auf der Landwirtschaft, und der Frage, wie die Ernte ausgefallen ist, lag ihr ebenso nah wie die Beobachtung, welche Produkte in welchem Gebiet angebaut werden, oder die selbstverständliche Rücksicht auf die Felder während einer herbstlichen Fuchsjagd.

Ich muss aber auch zugeben, dass dies keines der Bücher war, bei denen mir die Personen besonders am Herzen gelegen hätten. Ich habe gern von Faris und all den anderen gelesen und ich war neugierig darauf, wie ihre Geschichte weiterging, aber ich hatte trotzdem keinerlei Probleme, das Buch aus der Hand zu legen und mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Zum Teil lag das vermutlich auch daran, dass gerade im ersten Drittel des Romans relativ große Zeitsprünge in der Handlung vorkommen, um die verschiedenen Entwicklungs- und Lernstufen von Faris besser darstellen zu können. „A College of Magic“ war für mich eindeutig ein Buch, das mehr meinen Kopf als meine Emotionen beschäftigt hat (obwohl ich lustigerweise den einen oder anderen Aspekt der Geschichte nachts mit in meine Träume genommen habe, wenn ich vor dem Schlafengehen darin gelesen habe). Insgesamt mochte ich den Roman aber sehr und bin jetzt schon gespannt darauf, was in „A Scholar of Magic“ – das in dem englischen College Greencastle spielt und in dem Faris‘ Freundin Jane wieder vorkommt – für eine Geschichte erzählt wird.

Seanan McGuire: Deadlands 3 – Boneyard

Ich muss zugeben, dass ich das Weird-West-RPG „Deadlands“ nicht kannte, bevor ich diesen Roman in die Finger bekam, aber nach dem Lesen kann ich behaupten, dass man die Hintergründe des Games oder der ersten beiden Bände („Ghostwalkers“ von Jonathan Maberry und „Thunder Moon Rising“ von Jeffrey Mariotte) auch nicht benötigt, um diese Geschichte genießen zu können. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Annie Pearl, die beim Blackstone Familiy Circus – dem sie gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Tochter Adeline angehört – für die Pflege der Kuriositäten zuständig ist. Schon früh lernt man, dass Annie in deutlich wohlhabenderen Umständen aufgewachsen ist und dass sie vor Jahren auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit beim Zirkus landete, als verzweifelte Frau mit einem Kleinkind auf der Hüfte und einem noch nicht ausgewachsenem Luchsweibchen auf den Schultern.

Die Geschichte beginnt im Herbst: Der Zirkus benötigt dringend noch einen guten Halt vor dem Winter, um genügend Geld für die kommenden Monate zu verdienen. Die Situation ist so angespannt, dass Jonathan Blackwood beschließt, mit seinem Zirkus nach „The Clearing“ zu reisen – eine kleine Stadt tief in der Wildnis von Oregon, wo die Menschen freundlich und der Profit groß sein sollen. Ihm ist, ebenso wie allen anderen Mitgliedern seines Zirkus, durchaus bewusst, dass eine Gelegenheit, die sich so gut anhört, einen Haken haben muss. Doch um all seine Angestellten (inklusive der diversen Waisenkinder, die ihren Weg zum Zirkus gefunden haben) über den Winter bringen zu können, muss er dieses Riskio eingehen.

Seanan McGuire lässt in „Boneyard“ die Handlung sehr langsam anlaufen, man lernt als Leser den Zirkus und die diversen Personen, die mit ihm verbunden sind, kennen, man erfährt ein wenig über Annies Alltag mit ihren Kuriositäten und welche Gefahren der Umgang mit diesen Wesen mit sich bringt. Mir hat es gut gefallen, wie die Autorin die diversen Charaktere vorstellt und wie sie die aktuelle Situation (und Vergangenheit) der verschiedenen Figuren durch kleine Beschreibungen und Szenen andeutet. Allerdings muss ich zugeben, dass dieses langsame Herantasten an die Geschichte auch dazu geführt hat, dass ich den Roman anfangs auch gut aus der Hand legen und mich mit etwas Anderem beschäftigen konnte. Dabei mochte ich grundsätzlich das Setting mit seinen Western-Steampunk-Horror-Elementen und fühlte mich von der Erzählweise stellenweise an die Jonathan-Healey-und-Frances-Brown-Kurzgeschichten aus Seanan McGuires InCryptid-Serie erinnert.

Als der Zirkus dann in „The Clearing“ ankommt, zieht die Handlung endlich an. Schnell wird klar, dass mit dem Ort wirklich etwas nicht in Ordung ist, und so findet sich Annie bald in einem Kampf um das Überleben ihrer Tochter und all der anderen Personen, die dem Zirkus angehören, wieder. Auch hier zieht das Tempo nicht besonders stark an, aber diese eher gemächliche Erzählweise passt zu dem Grauen, das in den Wäldern rund um „The Clearing“ heimisch ist. Das Warten darauf, dass man endlich die bedrohlichen Kreaturen zu Gesicht bekommt, die zwischen den Bäumen lauern, die Stunden, die sich Annie im Dunkeln durch den Wald bewegt, ohne zu wissen, ob sie Adeline jemals wieder zu Gesicht bekommen wird, die grauenhafte Geschichte, die der allein in einer Hütte in den Wäldern hausende Hal zu erzählen hat – all das sorgt für wunderbar atmosphärische Lesestunden, bei denen man die ganze Zeit darauf wartet, dass die Protagonisten endlich aktiv gegen die Bedrohung angehen können.

Allerdings gab es in „Boneyard“ auch Elemente, die ich nicht ganz so überzeugend fand und bei denen ich vermute, dass es zum Teil daran lag, dass ich mit „Deadlands“ nicht vertraut bin. So fand ich zwar die Beschreibungen von Annies Ehemann und seinem gottlosen Tun angemessen abstoßend, hatte aber das Gefühl, ich könnte seine Rolle in der Welt und die Position, die sein Mentor Dr. Hellstromme einnimmt, nicht richtig einschätzen. Auch hätte ich normalerwiese bei Seanan McGuire eine besser ausgebaute Hintergrundgeschichte zu „The Clearing“ erwartet, denn auch wenn sie durch die Einführung von Hal und seinen Erfahrungsbericht mit dem Ort und seinem Bürgermeister da noch einige Details nachgeliefert hat, so konnte mich das doch nicht ganz überzeugen. Alles in Allem hat mir das Lesen von „Boneyard“ aber sehr viel Spaß gemacht, und wenn ich wieder auf der Suche nach einer relativ ruhig erzählten Horrorgeschichte für einen dunklen und unheimlichen Herbsttag bin, dann werde ich „Boneyard“ gewiss noch einmal aus dem Regal ziehen.

Diana Wynne Jones: The Spellcoats (The Dalemark Quartet 3)

Der dritte Band der Dalemark-Reihe von Diana Wynne Jones führt den Leser in eine Vergangenheit von Dalemark zurück, in der es noch Könige gab. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Tanaqui, die die vierte von fünf Geschwistern und eine hervorragende Weberin ist. So ist es auch kein Wunder, dass sie ihre Geschichte in zwei Mäntel (Spellcoats) einwebt, so dass nur diejenigen, die die Webmuster zu lesen wissen, davon erfahren. Dabei erzählt der erste Mantel, wie alles in dem kleinen Dorf am Fluss begann, in dem Tanaqui gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrem Vater aufgewachsen ist, und wo die übliche Ruhe von einem Tag auf den anderen durch eine Gruppe Flüchtlinge gestört wurde. Diese Flüchtlinge berichteten von Krieg, und kurz nachdem diese Menschen über den Fluss gesetzt hatten und weitergezogen waren, kamen auch schon die ersten Soldaten, um Männer (und Jungen) anzuwerben, die für den König in den Kampf ziehen sollten.

Nachdem Tanaquis Vater im Krieg getötet wird und ihr ältester Bruder fast seelenlos zurückkommt, werden die Geschwister aus dem Dorf vertrieben und reisen den Fluss entlang bis zum Meer. Für Tanaqui und die anderen ist das eine beschwerliche Reise voller Gefahren in einem Gebiet, das von Hochwasser und Krieg zerstört wurde. Im Laufe ihrer Reise lernen sie, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügen und dass die Unsterblichen (the Undying), die schon in „Drowned Ammet“ eine große Rolle spielten, sie vor der Magie der „Heiden“ aus dem Norden schützen können – wenn Tanaqui und ihre Geschwister denn auf die Zeichen und Hinweise der (beinahe) göttlichen Wesen hören. Doch es ist nicht so einfach, mit den Unsterblichen zu kommunizieren und herauszufinden, welcher Weg für Tanaqui und die anderen der richtige ist.

Ich mochte sehr, dass man dadurch, dass Tanaquis Spellcoats die wahre Geschichte erzählen müssen, um ihre Magie zu wirken, das Gefühl bekommt, man könne der Erzählerin vertrauen – auch wenn es ihr oft genug nicht leicht gefallen ist, von all ihren Irrtümern und kleinlichen Gedanken zu erzählen. „The Spellcoats“ erzählt von der Entstehung Dalemarks, von den alten Mächten, die in dem Land aktiv sind/waren, und von der Herkunft der einen oder anderen Figur, die man bislang nur als Sagengestalt kennengelernt hat. Mir gefiel an Tanaquis Erzählstimme nicht nur, dass ich ihr als Erzählerin vertrauen konnte, sondern ich mochte auch, dass sie – trotz all der besonderen Fähigkeiten, über die sie verfügt, – eine ganz normale und sympathische Figur war. Sie liebt ihre Geschwister und ist doch oft ungeduldig mit ihnen oder ärgert sich über ihr Verhalten, sie vermisst ihre Eltern und wünscht sich regelmäßig, es gäbe jemanden, der sich um sie kümmern würde. Doch da es niemanden gibt, der ihr die Arbeit aus der Hand nimmt, und ihre Geschwister immer wieder jemanden brauchen, der sich um sie kümmert, nimmt sie die Angelegenheiten regelmäßig selber in die Hand. Nicht immer sind ihre Entschlüsse die klügsten, aber gerade das sorgt ja auch dafür, dass man ihrer Geschichte so gerne folgt und sich voller Spannung fragt, ob sie wohl am Ende ihre Aufgabe erledigt bekommt oder nicht.

Ich finde es immer schwierig, eine Reihe so zu lesen, dass die Ereignisse nicht chronologisch stattfinden, weil das oft genug dazu führt, dass man als Leser Dinge erzählt bekommt, die man schon kennt. Hier hingegen muss ich zugeben, dass es sich für mich richtig anfühlt, die Romane in der Veröffentlichungsreihenfolge zu lesen. Die Handlung von „Cart und Cwidder“ lässt sich ohne weitere Hintergründe (meinem Gefühl nach sogar besser) genießen, während ich vermutlich mit dem Wissen um die Vergangenheit Dalemarks, um die Unsterblichen und vielleicht sogar um die Herkunft des Barden Osfameron eine ganz andere Sicht auf die Geschichte gehabt hätte. So hingegen habe ich das Gefühl, dass ich als Leser gemeinsam mit der Welt von Dalemark wachse und im Laufe der Romane immer mehr Details und Hintergründe entdecken kann. All das macht mich auf jeden Fall sehr neugierig auf den Band „The Crown of Dalemark“, mit dem die Serie ihren Abschluss findet.