Schlagwort: Fantasy

Martha Wells: The Cloud Roads (Books of the Raksura 1)

Vor einigen Jahren dachte ich, ich sollte endlich mal einen Roman von Martha Wells lesen. Da ich normalerweise Fantasy zugänglicher finde als Science Fiction, habe ich mir also „The Cloud Roads“, den Auftaktband der „Books of the Raksura“-Reihe, gekauft. Und dann habe ich das Buch fast sechs Jahre auf dem SuB liegen lassen (ebenso wie den ersten Murderbot-Band „System Red“, den ich 2019 geschenkt bekommen hatte). Nachdem ich im letzten Jahr endlich die Murderbot-Geschichten gelesen und sehr genossen hatte, wurde es jetzt Zeit, „The Cloud Roads“ vom SuB zu ziehen und zu schauen, ob mich Martha Wells mit dieser Reihe ebenso begeistern kann. Das war dann leider nicht der Fall, obwohl ich die Charaktere mochte und den Weltenbau wirklich faszinierend fand.

Martha Wells hat für diesen Roman eine fantastische Welt erschaffen, in der ganz eigene Regeln gelten und die durchgehend von nicht-menschlichen Rassen bewohnt wird (was mir mal wieder bewusst gemacht hat, wie selten das der Fall ist). Der Protagonist Moon ist ein Gestaltwandler, der seit seiner Kindheit allein ist und keine Ahnung hat, zu welcher Rasse er gehört. Da er keine anderen Wesen kennt, die so wie er sind, versucht er immer wieder von Neuem, bei den verschiedenen Groundling-Rassen ein Zuhause zu finden. Doch jedes Mal passiert etwas, das dafür sorgt, dass er verstoßen wird. So auch zu Beginn des Romans, als die Cordans, bei denen Moon einige Zeit gelebt hat, herausfinden, dass er ein Gestaltwandler ist. Doch dieses Mal hat Moon das Glück, dass er kurz darauf über einen Raksura namens Stone stolpert, der den jungen Mann darüber aufklären kann, dass auch er zu dieser Rasse gehört.

Dieses Zusammentreffen führt dazu, dass Moon sich bereit erklärt, Stone zu begleiten, der auf der Suche nach Raksura-Kämpfern für den Indigo Cloud court ist, da dieser von den Fell bedroht wird. Die Fell sind die eine Rasse in den Three Worlds, die von allen anderen gefürchtet wird, da sie jede Ansiedlung, mit der sie Kontakt haben, vernichten (und ihre Anwohner fressen). Doch natürlich ist es nicht so einfach für Moon, sich in eine bestehende Raksura-Ansiedlung einzufinden – vor allem, da es diverse politische Strömungen im Indigo Cloud court gibt, die Moons Auftauchen für ihre Zwecke nutzen wollen. Und dann gibt es noch all die Personen, die gegenüber einem unbekannten Raksura-Einzelgänger misstrauisch sind …

Wie schon gesagt, ich mochte den Weltenbau sehr und fand es faszinierend, wie Martha Wells spannende Details dazu in kleine Begegnungen zwischen Moon und (für mich) neuen Groundling-Rassen einbaute. Dazu kommt der Indigo Cloud court mit all den verschiedenen Raksura-Varianten, die alle ihre ganz eigenen Aufgaben und Fähigkeiten haben. Ich habe mich beim Lesen über all diese ungewöhnlichen Elemente gefreut und mich neugierig auf jede neue Gesellschaft eingelassen, in die ich beim Lesen einen kleinen Blick werfen konnte. Oft hätte ich gern noch mehr über die verschiedenen Orte und Personen erfahren, aber das hätte nicht zu der Dringlichkeit, mit der Moon den Großteil der Handlung über unterwegs ist, gepasst.

Allerdings muss ich zugeben, dass meine Neugier auf mehr Details rund um die Three Worlds dann doch nicht so groß ist, dass ich zu den Fortsetzungen greifen würde, da die Handlung selbst mich deutlich weniger packen konnte als der Weltenbau. Ich mochte Moon und viele der anderen Figuren, die er im Laufe der Geschichte kennengelernt hat. Aber ich fand die Handlung relativ wenig überraschend, und ich war – stellvertretend für Moon – beim Lesen regelmäßig frustriert über all die Dinge, die er nicht wusste und die das Verhalten der anderen Charaktere gravierend beeinflussten. Auch fühlte sich „The Cloud Road“ beim Lesen häufig überraschend altmodisch an, wenn es zum Beispiel um die verschiedenen klaren Rassenmerkmale und um die Gewichtung zwischen Weltenbau und Handlung ging. Was definitiv nichts Schlechtes ist – aber nicht mehr die Art von Fantasy, die ich heutzutage bevorzuge.

Julie Leong: The Teller of Small Fortunes

„The Teller of Small Fortunes“ von Julie Leong ist ein Roman, dem das Label „cozy fantasy“ meinem Gefühl nach nicht gutgetan hat, weil so viele Leser*innen damit Erwartungen verknüpften, die die Geschichte dann nicht erfüllt hat. Ich habe vor einiger Zeit eine Rezension zu dem Titel gelesen, die besagte, dass dieser Roman insofern cozy sei, dass all die schlimmen Dinge, die geschehen könnten (und von denen die Figuren befürchten, dass sie passieren werden), eben nicht eintreffen – und das trifft es meiner Meinung nach sehr gut. Das bedeutet aber auch, dass die Handlung in „The Teller of Small Fortunes“ ein wenig vor sich hin dümpelt und ein/e Leser*in halt bereit sein muss, sich darauf einzulassen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Tao, die mit ihrem kleinen Wagen durch Eshtera reist und als Wahrsagerin arbeitet. Wobei sie nur kleine Dinge vorhersagt, denn die großen sind – Taos Erfahrung nach – zu gefährlich. Obwohl von Anfang an feststeht, dass Tao sehr einsam ist und sich nach ihrem Geburtsland Shinara sehnt, erfahren wir erst nach und nach, wie es kam, dass sie als kleines Mädchen mit ihrer Mutter nach Eshtera ausgewandert ist. Als Shinn begegnet sie auf den Straßen des Landes viel Misstrauen, genießt als reisende Wahrsagerin aber auch viele Freiheiten – was es ihr ermöglicht, den beiden Reisenden Silt und Mash zur Seite zu stehen, die auf der Suche nach Mashs verschwundener kleiner Tochter sind. Gemeinsam reisen die drei (plus die später dazukommende Bäckerin …) durch das Land und versuchen, mehr über den Verbleib des Kindes herauszufinden.

Es passiert wirklich relativ wenig in der Geschichte, auch wenn die kleine Reisegruppe in den verschiedenen Orten immer wieder anderen Personen begegnet, die – wie Menschen nun mal sind – mal herzlich, mal feindselig oder misstrauisch auf die Fremden reagieren. Dabei befürchtet Tao die ganze Zeit, von der Magiergilde aufgespürt zu werden, falls diese von ihrer Fähigkeit als Wahrsagerin erfahren sollten, während sich Mash natürlich große Gedanken um das Wohlergehen seiner Tochter macht. Doch vor allem bringen diese gemeinsame Reise und die Gespräche, die sie führen, die Reisenden dazu, dass sich diese unterschiedlichen Charaktere mit ihren Hoffnungen und Sorgen auseinandersetzen. Das ermöglicht es Julie Leong, viele verschiedene ernsthaftere Themen aufzugreifen, ohne dass die Lektüre belastend oder bedrückend würde.

So dreht sich ein Teil von Taos Problemen zum Beispiel darum, dass sie aufgrund ihrer Shinn-Abstammung als Fremde in dem Land gesehen wird, in dem sie aufgewachsen ist. Gleichzeitig weiß sie zu wenig über ihr Geburtsland und spricht die Sprache nicht ausreichend gut, um zu versuchen, über das Meer zurück nach Shinara zu gehen. Obwohl das natürlich ein ernsthaftes Problem für die junge Frau ist, fühlt es sich beim Lesen nicht so schlimm an, weil es auf der Hand liegt, dass sie zu Beginn der Geschichte schon auf genau die richtigen Personen für eine wohltuende Wahlfamilie gestoßen ist. Für mich war „The Teller of Small Fortunes“ deshalb trotz der verschiedenen ernsthaften Themen ein überraschend entspannender Roman. Ich habe die Geschichte in vielen kleinen Häppchen gelesen, wenn ich ein bisschen Zeit mit sympathischen Figuren und den kleinen Herausforderungen, die der nächste Handlungsort mit sich bringen würde, verbringen wollte. Doch auch wenn der Roman keine besonders mitreißende Geschichte erzählt hat, so verbinde ich damit doch kleine Szenen und Eindrücke, an die ich gern zurückdenke.

Lese-Eindrücke November 2025

Während ich mich im Oktober noch fragte, ob das mit mir und dem Lesen im November überhaupt klappen würde, muss ich nun zugeben, dass die Zugfahrten und das ganze Drumherum für sehr, sehr viele gelesene Seiten im vergangenen Monat gesorgt haben. Das bedeutet natürlich auch, dass ich wieder ein paar Lese-Eindrücke festhalten konnte.

Laura Greenwood: Cauldron Coffee Shop Vol. 1 (abgebrochen)

Bei diesem Sammelband, der die ersten drei Bände der Cauldron-Coffee-Shop-Reihe enthält, dachte ich anhand der Inhaltsangabe, dass das doch bestimmt eine nette Lektüre für zwischendurch wäre, mit der ich nicht viel falsch machen kann. Tja, und dann habe ich nicht mal den ersten Band („Pumpkin Spice and All Things Nice“) beendet, weil mir der Schreibstil so auf die Nerven ging. Ich habe ja häufig ein Problem, wenn eine Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt wird, aber hier fand ich es besondern unangenehm. Die Protagonistin begründet ständig in Gedanken ihr Verhalten, und behauptet dabei die ganze Zeit, dass ihre Handlungen gegenüber den diversen Personen zwar unnatürlich vertrauensselig/zu gutgläubig/zu großzügig sind, dass sie aber genau weiß, dass sie damit richtig liegt. Währenddessen macht sie sich gleichzeitig überhaupt keine Gedanken über das Verhalten anderer Personen, die sich definitiv verdächtig gemacht haben. Aber ein zu frühes Hinterfragen dieser Figuren hätte ja auch dazu geführt, dass die Geschichte ein vorzeitiges Ende gefunden und noch weniger Umfang als eh schon gehabt hätte. Dadurch bekam ich den Eindruck, dass die Autorin genau wusste, dass ihre Handlung absolut unausgegoren ist, aber trotzdem von mir erwartete, dass ich die diversen Probleme schon ignorieren werde, weil ja alles soooo cozy ist. Das Frustrierende ist, dass aus der Grundidee so eine nette Geschichte hätte werden können …

Casey Blair: Take Back Magic (Diamond Universe: Sierra Walker 1)

Noch eine Geschichte, bei der es mir lieber gewesen wäre, wenn sie mir nicht von einer Ich-Erzählerin präsentiert worden wäre. Trotzdem habe ich mich mit „Take Back Magic“ von Casey Blair gut unterhalten gefühlt. Der Roman reicht zwar leider nicht an die Tea-Princess-Bücher der Autorin heran, aber ich bin neugierig darauf, mehr über das Diamond Universe zu erfahren, in der unsere Welt über keinerlei Magie verfügt, weil diese von anderen Welten abgezogen und genutzt wird. Die Protagonistin Sierra Walker ist zwar eine dieser Urban-Fantasy-Heldinnen, die viel zu genial sind, um mir wirklich sympathisch zu sein (und ich könnte wirklich darauf verzichten, ihre Gedanken zu verfolgen). Aber ich mochte die Nebenfiguren, finde die Idee mit den verschiedenen Welten faszinierend, habe mich mit den magischen Kämpfen gut amüsiert und möchte wissen, was passiert, wenn Sierra versucht, den weiteren Diebstahl von Magie durch die anderen Welten zu verhindern. Deshalb werde ich mir definitiv auch den nächsten Band der Reihe holen.

Megan Bannen: The Undercutting of Rosie and Adam

Nachdem ich „The Undertaking of Hart and Mercy“ vor drei Jahren so sehr genossen hatte, fand ich den zweiten Roman von Megan Bannen („The Undermining of Twyla and Frank“) im Vergleich eher enttäuschend, weshalb ich nur zögerlich zu „The Undercutting of Rosie and Adam“ gegriffen habe. Am Anfang war ich etwas verwirrt, weil die Geschichte zehn Jahre nach „The Undertaking of Hart and Mercy“ spielte und ich das Gefühl hatte, ich hätte zu viele Veränderungen in der Welt verpasst. Auf der anderen Seite passte das sehr gut zur Perspektive von Rosie, die 175 Jahre alt und unsterblich ist. Wobei unsterblich nicht ganz das richtige Wort ist. Rosie kann sterben, sie bleibt nur nicht tot, sondern wird wieder lebendig, sobald ihr Körper alle Schäden behoben hat, die zu ihrem Tod führten. Was zu einem überraschend einsamen Leben führt … Ich mochte es sehr, zu verfolgen, wie Rosie und Adam sich langsam nähergekommen sind und wie Megan Bannen darüber schreibt, welche Auswirkungen ein unendlich langes Leben auf die Personen hat, die davon betroffen sind. Dazu gibt es unglaublich viele neue Hintergründe zu den Alten Göttern dieser fantastischen Welt und zu den Göttern, deren Kinder als Halbgötter ihr Leben in dieser Welt führen müssen. Am Ende kann ich sagen, dass mir dieser Band mindestens so gut gefallen hat wie „The Undertaking of Hart and Mercy“, und ich bin sehr gespannt, was Megan Bannen als Nächstes schreiben wird.

Casualfarmer: Beware of Chicken – A Xianxia Cultivation Novel

„Beware of Chicken“ gehört zu den Titeln, die immer wieder empfohlen werden, wenn es um isekai-Geschichten geht. Aber so richtig hat mich der Roman nicht gereizt, bis ich Ende November dann doch mal die Leseprobe angeschaut hatte. Was dann dazu führte, dass ich die fünf bisher erschienenen Bücher (insgesamt über 2500 Seiten) hintereinander verschlungen habe, weil ich wissen wollte, wie es all den Figuren so ergeht. Inhaltlich geht es um … „Jin Rou wanted to be a cultivator. A man powerful enough to defy the heavens. A master of martial arts. A lord of spiritual power. Unfortunately for him, he died, and now I’m stuck in his body. Arrogant Masters? Heavenly Tribulations? All that violence and bloodshed? Yeah, no thanks. I’m getting out of here. Farm life sounds pretty great. Tilling a field by hand is fun when you’ve got the strength of ten men …“ Unter dem Decknamen Rou Jin lässt sich der Protagonist in dem entlegensten Gebiet des Kaiserreichs nieder, um ein friedliches Farmleben zu führen. Aber all das Wissen, das er während seiner Ausbildung zum Cultivator gesammelt hat, führt dazu, dass seine Farm übermässig produktiv ist, seine Nutztiere sich zu Spirit Beasts entwickeln und er dann doch deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als ihm lieb ist. Ich muss zugeben, dass mir die Spirit Beasts der Farm besonders ans Herz gewachsen sind und ich wirklich gespannt bin, wie es mit ihnen weitergeht. Außerdem ist es sehr amüsant zu lesen, wenn der Protagonist (der vor seinem Tod ein junger Kanadier war und nun in Jin Rous Körper wiedergeboren wurde) mit all den mächtigen Personen interagiert, die an strenge Protokolle und Hierachien gewöhnt sind. Ich muss zugeben, dass ich am Anfang die Erzählweise nicht so überzeugend fand. Aber die Figuren und die absurden Situationen, in denen sie sich stets aufs Neue wiederfinden, genieße ich sehr. Nicht alles an der Geschichte ist heiter und amüsant, und ich habe schon einige Tränen beim Lesen vergossen, aber insgesamt ist es so eine wohltuende Lektüre, dass ich die Augen nach weiteren Bänden aufhalten werde.

Molly O’Neill: Greenteeth

Um „Greenteeth“ von Molly O’Neill bin ich eine ganze Weile drumherumgeschlichen, weil es nach Erscheinen so viele begeisterte Stimmen zu dem Roman gab, dass ich davon ausging, dass die Geschichte dieser Begeisterung nicht gerecht werden könnte. Im Mai habe ich mir doch mal die Leseprobe angeschaut und kurz danach ist das Buch bei mir eingezogen – auch wenn es dann noch bis November gedauert hat, bis ich es endlich vom SuB zog. Nachdem ich den Roman gelesen habe, kann ich sagen, dass ich die Geschichte sehr gern mochte. Ich kann die überschlagende Begeisterung, die ich teilweise gesehen habe, zwar nicht nachvollziehen, aber ich habe meine Zeit mit dem Roman und die Erzählstimme der Protagonistin wirklich genossen und mich stellenweise überraschen gut amüsiert. In vielen Elementen erinnerte mich „Greenteeth“ angenehmerweise an fantastische Romane, die ich als Jugendliche gelesen habe. Das liegt an der eher gemächlichen Entwicklung der Handlung, an den praktisch veranlagten Figuren und an der Art und Weise, in der Molly O’Neill die verschiedenen englischen, walisischen und schottischen Mythen aufgegriffen hat.

Die Handlung selbst wird von (einer) Jenny Greenteeth erzählt, die seit vielen hundert Jahren in dem See in der Nähe des Orts Chipping Appleby lebt und in der Regel die Menschen in ihrer Nähe ignoriert. Ich mochte es sehr, Jennys Gedanken zu verfolgen, gerade weil sie sich im Klaren darüber ist, dass sie ein Monster ist. Aber sie ist ein recht pragmatisches Monster, und so lockt sie zum Beispiel keine erwachsenen Menschen in ihren See, weil das zu viel Nahrung auf einmal wäre und die Überreste ihr Gewässer verschmutzen würden. Deshalb ist Jenny auch umso irritierter, als die Anwohner von Chipping Appleby eines Tages eine gefesselte Frau in ihren See werfen. Temperance Crump bekam von ihren Nachbarn vorgeworfen, eine Hexe zu sein – was natürlich stimmt, aber ihre Nachbarn nicht gestört hatte, bis der neue Priester im Ort ankam. Seine Predigten und Anklagen sind der Grund, wieso Temperance nicht nur im See gelandet ist, sondern nun auch noch um das Leben ihres Mannes und ihrer beiden kleinen Kinder fürchten muss.

Ich fand es sehr schön mitzuverfolgen, wie Jenny und Temperance sich anfreunden und sich – nachdem sie mehr über den neuen Priester herausgefunden haben – aufmachen, um eine Waffe gegen das aufkommende Böse in Chipping Appleby zu finden. Dabei machen sich die beiden gemeinsam mit dem Goblin-Händler Brackus auf die Suche nach Gwyn ap Nudd und der Wilden Jagd. Diese Suche setzt sie nicht nur den Gefahren der Wild Roads aus, sondern sorgt auch dafür, dass sie so einige Herausforderungen überstehen müssen. Dabei stehen nicht die Abenteuer, die die drei Gefährten bestehen, im Mittelpunkt der Geschichte, sondern die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen Jenny und Temperance (und Brackus). All die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser drei Figuren sorgen für viele Überraschungen in ihrer Beziehung zueinander – und jedes Mal, wenn die drei wieder ein Stückchen entspannter miteinander umgehen, passiert etwas, das sie daran erinnert, dass eine von ihnen ein Mensch, einer ein Kobold und eine ein Monster ist.

Mir hat es gefallen, dass in „Greenteeth“ die Freundschaft zweier Frauen im Mittelpunkt der Geschichte stand (und keine Romanze), und so fand ich es stimmig und unterhaltsam, dass sich die Handlung vor allem um die Interaktion zwischen Jenny, Temperance und Brackus drehte. Dies sorgte – neben dem einen oder anderen Missverständnis – für überraschend wohltuende Szenen, in denen die drei Reisenden sich gegenseitig unterstützen, und selbst kleinere Reibereien unter den Figuren konnten diese für mich angenehme Atmosphäre nicht anhaltend stören. Trotzdem zieht sich durch den gesamten Roman eine leicht bittere Note, die mit all den (von Molly O’Neill wunderbar eingesetzten) britischen Sagen-Elementen zu tun hat. Denn obwohl die drei Figuren sich den Großteil der Handlung über durch den magischen Teil ihrer Welt bewegen und dabei so vielen fantastischen Wesen begegnen, wird schnell deutlich, dass die Zeit der Fae so langsam vorbei ist. Dies sorgte dafür, dass mich beim Lesen die ganze Zeit lang weniger die Frage beschäftigt hat, ob die drei am Ende das Böse in Chipping Appleby besiegen, sondern ob es am Ende überhaupt noch eine Zukunft für Jenny geben kann. Das hat dann, trotz der überraschend wohltuenden und entspannten Atmosphäre, die durch die Freundschaft der Protagonistinnen erzeugt wurde, doch für eine gewisse Spannung gesorgte. Ich bin auf jeden Fall neugierig, was Molly O’Neill nach diesem Debütroman noch so für Geschichten veröffentlichen wird.

Joseph Elliott: The Good Hawk (Shadow Skye 1)

„The Good Hawk“ von Joseph Elliott lag seit fast vier Jahren auf meinem SuB, bis ich den Roman im Oktober endlich gelesen habe. Die Geschichte beginnt auf der Insel Skye und wird abwechselnd aus der Sicht von Agatha und Jaime erzählt. Beide sind vor einigen Monaten 15 geworden, und beide haben ein paar Probleme mit dem Beruf, der ihnen zu diesem Zeitpunkt zugeteilt wurde. Während Agatha als „Hawk“ die Ansiedlung des Clans Clann-a-Tuath bewachen soll und dabei eines Tages einen gravierenden Fehler begeht, bekommt Jaime, wenn er als „Angler“ (Fischer) aufs Meer fährt, Panikattacken. Doch als ihr Clan überfallen und versklavt wird, sind es diese beiden, die sich per Boot auf dem Weg machen, um die gefangen genommenen Clanmitglieder zu retten.

Das Ganze spielt in einer Vergangenheit, in der Schottland und England seit Ewigkeiten miteinander im Krieg lagen – bis Schottlands Bevölkerung durch eine Seuche fast vollständig ausgelöscht wurde. So ist es für Agatha und Jaime eine besondere Herausforderung, dass sie während ihres Abenteuers das Festland betreten müssen. Beide wissen von der Seuche, die vor einigen Jahren in Schottland wütete, und beide haben die Geschichten über die unheimlichen Schatten gehört, die danach in dem Land zurückblieben. Das bedeutet, dass sowohl Jaime als auch Agatha immer wieder nicht nur mit einer unwirtlichen Umgebung fertig werden müssen, sondern auch mit ihren eigenen Ängsten und Herausforderungen. Im Laufe der Zeit stolpern sie dabei nicht nur über überraschende Verbündete, sondern auch über unnatürliche und gefährliche Wesen.

Dazu kommt, dass Agathas Perspektive so geschrieben (und sie aus Jaimes Sicht so beschrieben) wurde, dass sie wohl eine Person mit Down-Syndrom sein soll – und das sorgt für eine ganz andere Wahrnehmung von vielen Situationen. Das fand ich sehr faszinierend, weil das Mädchen viele Begegnungen ganz anders beurteilt, als es Jaime tut – was natürlich auch Agathas Reaktion auf neue Herausforderungen für ihn immer wieder etwas unberechenbar machte. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass Joseph Elliott Agatha stimmig und voller Respekt gegenüber ihrem Charakter geschrieben hat. Aber wie gut er die Perspektive einer Person mit Down-Syndrom getroffen hat, kann wohl nur eine solche Person beurteilen.

All die Erlebnisse, die Agatha und Jaime durchmachen müssen, hätte ich als Zwölfjährige vermutlich total spannend gefunden. Und auch als erwachsene Leserin habe ich den Roman in gerade mal zwei Abenden durchgelesen und mich gut unterhalten gefühlt. Am Ende der Geschichte gibt es so einiges Potenzial für weitere Abenteuer für die beiden Figuren. Aber ich muss zugeben, dass ich dann doch nicht so gefesselt von den Erlebnissen war, die Jaime und Agatha durchmachen mussten, dass ich mir die beiden Fortsetzungen noch besorgen würde. Bei diesem Buch macht es sich für mich am Ende doch bemerkbar, dass ich definitiv deutlich älter bin als die anvisierte Zielgruppe (und nicht mehr so viel Freude wie früher an Romanen habe, die in einer ferneren Vergangenheit spielen).

Mizuki Tsujimura: Lonely Castle in the Mirror

Ich hätte nicht gedacht, dass ich fünfzehn Monate nach dem Lesen von „Lonely Castle in the Mirror“ von Mizuki Tsujimura noch eine Rezension zu dem Roman schreiben würde. Aber dann habe ich im September einen Bericht gesehen über die steigende Anzahl von Hikikomori unter Japans Schüler*innen und das damit verbundene Stigma, das nicht nur die betroffenen Personen, sondern auch ihre Familien betrifft – und musste wieder an dieses Buch denken. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Kokoro Anzai, die in ihrem ersten Jahr an der Yukishina Junior High School ist und seit Wochen nicht am Unterricht teilgenommen hat. Als eines Tages der Spiegel in ihrem Zimmer aufleuchtet, entdeckt Kokoro, dass sie durch den Spiegel in ein geheimnisvolles Schloss gehen kann. Nach und nach treffen weitere Personen, die alle ungefähr in Kokoros Alter sind, in diesem Schloss ein und werden von einem Mädchen mit einer Wolfsmaske (der Wolf Queen) über die dort herrschenden Regeln informiert.

Jede der – inklusive Kokoro – sieben Personen verfügt über ein eigenes Zimmer in dem magischen Schloss, in dem sie sich tagsüber aufhalten dürfen. Allerdings müssen sie das Schloss bis 17 Uhr verlassen, weil sie sonst von einem Wolf gefressen werden. Außerdem gibt es im Schloss Hinweise auf die Lösung eines Rätsels, und die sieben Jugendlichen haben ein Jahr Zeit, um das Rätsel zu lösen – und der Person, die dabei erfolgreich ist, gewährt die Wolf Queen die Erfüllung eines Wunsches. Im Laufe der Wochen lernen sich die sieben Jugendlichen besser kennen, wobei es immer wieder kleinere und größere Auseinandersetzungen zwischen ihnen gibt, die auch schon mal dazu führen, dass jemand längere Zeit das Schloss nicht betritt. Trotzdem freunden sie sich miteinander an, genießen die gemeinsamen Stunden im Schloss und finden heraus, dass sie (fast) alle ähnliche Probleme haben, die dazu führen, dass sie seit längerer Zeit keine Schule besucht haben.

Es gibt zwei größere Enthüllungen in der Geschichte, die ich beide relativ vorhersehbar fand, was aber mein Vergnügen beim Lesen nicht getrübt hat. Denn auch wenn ich nicht alle Charaktere in dem Roman wirklich sympathisch fand, so habe ich doch gern verfolgt, wie Kokoro die anderen Jugendlichen kennenlernte und mehr über sie herausfand. Außerdem gibt es außerhalb des Schlosses noch den Teil der Handlung, in dem Kokoro – sehr langsam und zögerlich – mit Hilfe ihrer Mutter und einer Lehrerin versucht, eine Lösung für ihre Probleme zu finden, was ich sehr berührend fand. Vor allem aber mochte ich die vielen kleinen Szenen, in denen Kokoro es genießt, wieder Freunde zu haben, genauso wie die Momente, in denen ihr bewusst wird, wie viele Vorurteile sie doch verinnerlicht hat und wie wichtig es ist, eine Person erst einmal kennenzulernen, bevor sie über sie urteilt. Dabei gibt es sehr viele Elemente, die – meinem Gefühl nach – eine Menge über die japanische Gesellschaft und den Alltag in Japan erzählen, was ich immer wieder faszinierend finde.

Für mich war „Lonely Castle in the Mirror“ eine Geschichte, die ich in Stückchen genossen und bei der ich immer wieder über kleine zwischenmenschliche Aspekte nachgedacht habe. Obwohl die großen „Überraschungsmomente“ der Handlung vorhersehbar waren, habe ich interessiert verfolgt, wie die verschiedenen Charaktere auf diese Enthüllungen reagierten. Mizuki Tsujimura spricht mit ihrem Roman viele verschiedene Aspekte an, die Schüler*innen dazu bringen können, nicht am Unterricht teilzunehmen, zeigt aber auch die vielen – teils recht hilflosen – Versuche ihrer Umgebung, zu verstehen, was in diesen Personen vorgeht und wie ihnen geholfen werden kann. Das führt zu ein paar wirklich berührenden Momenten, die ich gern gelesen habe.

Mark Oshiro: The Insider

„The Insider“ ist mein erstes Buch von Mark Oshiro, und es hat mir wirklich sehr gut gefallen. Bevor ich mehr zu der Geschichte sage, möchte ich erwähnen, dass ich in dieser Rezension „they/them“ als Pronomen verwenden werde, weil das die Pronomen sind, die Mark Oshiro auf der eigenen Webseite für sich angibt, und weil es im Deutschen keine festen Pronomen für nichtbinäre Personen gibt. „The Insider“ wird aus der Perspektive von Héctor Muñoz erzählt, der aufgrund eines Jobwechsels seiner Mutter von San Francisco in den kleinen Ort Orangevale umziehen muss. Das Schlimmste daran ist für Héctor, dass er seine Schule – die sich auf Kunst und Schauspiel spezialisiert hat – und seine besten Freunde verlassen muss, aber er ist wild entschlossen, das Beste aus diesem Umzug zu machen. Doch trotz all seiner Bemühungen, einen Platz in seiner neuen Schule zu finden, eckt er immer wieder an, wird zur Zielscheibe der Schulbullys und muss zum ersten Mal in seinem Leben erfahren, dass ihn die Tatsache, dass er offen schwul ist, zu einem Außenseiter macht.

Es war wirklich schmerzhaft zu verfolgen, wie Héctor sich mit jedem weiteren Tag an dieser Schule immer kleiner macht, immer mehr versucht, sich anzupassen und den Erwartungen seiner Umgebung zu entsprechen, obwohl er dem Leser vor Schulbeginn als eine wunderbar schillernde und selbstbewusste Persönlichkeit vorgestellt wurde. Dabei ist nicht alles schlimm an seiner neuen Schule in Orangevale, so gibt es zum Beispiel eine wirklich sympathische Kunstlehrerin und eine Gruppe von Mitschüler*innen, die ebenso wie er Außenseiter sind. Aber selbst seine Versuche, unter den anderen „Misfits“ neue Freunde zu finden, scheitern daran, dass diese Angst vor den Schulbullys haben, die in Héctor ihre aktuellste Zielscheibe sehen. Einzig ein magischer Raum, der eines Tages in der Schule auftaucht und anscheinend nur von Héctor betreten werden kann, bietet dem Jungen eine Zuflucht während des Schulalltags.

Dieser Raum hält für Héctor all die Dinge bereit, die dieser gerade am dringensten benötigt, sei es eine Couch, auf der er Schlaf nachholen, oder ein Kühlschrank mit seinem Lieblingsgetränk, wenn er wieder einmal nicht zum Essen in die Cafeteria der Schule gehen kann. Nach einiger Zeit trifft Héctor sogar zwei Personen in diesem Raum, die zwar nicht auf die selbe Schule wie er gehen, mit denen er sich aber anfreunden kann – und sei es nur, weil Juliana und Sal mit ähnlichen Herausforderungen an ihren eigenen Schulen zu kämpfen haben. Die Freundschaft, die sich zwischen Héctor, Juliana und Sal entwickelt, bildet einen dringend notwendigen Gegensatz zu all den aufreibenden Erlebnissen, die Héctor durchstehen muss, und natürlich stehen sich die drei im Laufe der folgenden Wochen bei und schaffen es so sich das Leben gegenseitig etwas zu erleichtern.

Ich muss zugeben, dass ich mich als erwachsene Leserin anfangs gefragt hatte, wieso Héctor nicht offener gegenüber seinen liebevollen und aufmerksamen Eltern ist. Aber er hat immer wieder – in seinen Augen – gute Gründe, wieso er seinen Eltern nichts von den Schikanen in der Schule erzählt, so dass ich sein Verhalten am Ende relativ stimmig und nachvollziehbar fand. Außerdem hat Mark Oshiro natürlich recht damit, wenn they mit Héctors Geschichte zeigt, dass ein liebevolles Elternhause eben nicht vor einem queerfeindlichen und rassistischen Umfeld schützt. Ein weiterer Punkt, den ich bis zum Schluss der Geschichte schwer nachvollziehbar fand, war das Verhalten einer Person, die zur Schule gehört und die in Héctor immer und immer wieder den Übeltäter statt das Opfer sah – unabhängig davon, in was für einer Situation Héctor vorgefunden wurde. Aber auch hier gelang es Mark Oshiro für mich stimmig darzustellen, was das Problem mit dieser Person war und wieso sie sich so verhielt. Das führte dazu, dass ich am Ende das Gefühl hatte, ich hätte nicht nur eine nachvollziehbare Erklärung für etwas gefunden, das mich den gesamten Roman über beschäftigt hat, sondern auch etwas Wichtiges über zwischenmenschliche Interaktion gelernt.

Ich kann nicht behaupten, dass es ein wohltuendes Erlebnis war, „The Insider“ zu lesen, aber es ist ein eindringliches Buch mit einem wirklich wunderbaren Protagonisten. Mark Oshiro erzählt die Geschichte mit einer Mischung aus amüsanten Momente rund um Héctors Freunde, liebevollen Szenen mit seiner Familie und unerträglichen/zermürbenden Schikanen durch die Schulbullys. Was dazu führte, dass ich beim Lesen Tränen in den Augen hatte, während ich im nächsten Moment amüsiert vor mich hingackerte. Ich wusste lange nicht, wie ich meine Gedanken zu diesem Roman in Worte fassen sollte, aber da mich Protagonist Héctor und seine Erlebnisse auch nicht so recht losgelassen haben, wollte ich das Buch auch nicht ins Regal stellen, ohne eine Rezension dazu zu schreiben.

Anna-Marie McLemore: Blanca & Roja

In diesem Jahr habe ich mir vorgenommen, jeden Monat zwei Bücher von meinem SuB zu lesen, die sich dort schon seit längerer Zeit befinden. Im Juli war eines dieser Bücher „Blanca & Roja“ von Anna-Marie McLemore. Ich habe keine Ahnung, wo ich über diesen Roman gestolpert war, aber das Buch lag fast sechs Jahre auf meinem SuB, weil mich andere Titel immer mehr gereizt hatten. Nach dem Lesen finde ich es wirklich bedauerlich, dass ich den Roman so lange ignoriert habe, denn ich hatte überraschend viel Freude damit. Die Handlung dreht sich um die Schwestern Blanca und Roja del Cisne sowie um ihre Mitschüler*innen Page und „Yearling“, und sie wird abwechselnd aus der Perspektive aller vier Personen erzählt, was anfangs etwas gewöhnungsbedürftig war, aber eben auch ermöglichte, dass die Leser*innen Blanca und Roja aus der Sicht von außenstehenden Personen kennenlernen konnten.

Blanca und Roja wachsen in einer Familie auf, in der ein Fluch dafür sorgt, dass seit Generationen jedem Ehepaar zwei Töchter geboren werden. Eine dieser Töchter darf erwachsen werden und ein (relativ) normales Leben führen. Die andere Tochter verwandelt sich in einen Schwan und fliegt im Herbst mit den wilden Schwänen davon. Blanca und Roja wachsen mit dem Wissen um diesen Fluch auf und sind fest entschlossen, die ersten de-Cisne-Töchter zu sein, die diesem Schicksal entkommen können. Auch Page und Yearling haben von dem Fluch gehört, der auf den beiden Schwestern liegt, doch vor allem beschäftigen sie ihre ganz eigenen Probleme. Page ist genderfluid, was in der sehr konservativen Umgebung, in der die vier Protagonist*innen aufwachsen, zu Problemen führt, während Pages bester Freund Yearling zu einer Familie gehört, in der Gewalt an der Tagesordnung ist.

Ich fand es wirklich faszinierend, wie es Anna-Marie McLemore gelungen ist, mit diesen vier Figuren, die alle ihre ganz eigenen Herausforderungen bestreiten müssen, eine ungewöhnliche und überraschend poetische Schneeweißchen-und-Rosenrot-Variante zu spinnen. Dabei gibt es so viele Szenen, in denen Themen wie Rassismus, Queerfeindlichkeit, Gewalt in der Familie, Korruption und ähnliches angesprochen werden, und trotzdem ist dieser Roman erstaunlich schön zu lesen. Ich habe es zum Beispiel sehr gemocht, mehr über die Freundschaft zwischen Page und Yearling zu erfahren, gerade weil die beiden Personen so verschieden sind und aus so gegensätzlichen Familien stammen. Bei Blanca und Roja hingegen war es bewundernswert, wie sehr die Schwestern füreinander einstanden, obwohl ihre Umgebung – inklusive ihrer Familie – ihnen von kleinauf beigebracht hatte, dass nur eine von ihnen den Fluch heil überstehen kann und sie deshalb Konkurrentinnen sind.

Ich muss zugeben, dass die Erzählstimmen von Page, Yearling, Blanca und Roja für mich nicht immer einfach auseinanderzuhalten waren, weshalb ich definitiv darauf angewiesen war, dass die Kapitelüberschriften auf die jeweilige Person hinwiesen. Aber es hat mich überraschend wenig gestört, dass alle vier Figuren so ähnlich klangen, weil ich immer wieder über Abschnitte stolperte, die ich so hübsch formuliert fand, dass ich sie mehrfach gelesen habe. Das ist etwas, was mir sehr selten passiert, und das ich hier deshalb umso mehr genossen habe. Diese wunderschönen Formulierungen haben gemeinsam mit der tiefen Zuneigung der Schwestern zueinander und der ebenso tiefen Freundschaft von Yearling und Page dafür gesorgt, dass ich die Geschichte – trotz all der ernsthaften Themen – als erstaunlich wohltuend empfunden habe. „Blanca & Roja“ hat mich neugierig auf weitere Veröffentlichungen von Anna-Marie McLemore gemacht, auch wenn ich bei der Vielfalt der in den Romane abgedeckten Themen wohl noch etwas recherchieren muss, bevor ich mich für einen nächsten Titel entscheiden kann.

Lese-Eindrücke Oktober 2025

Dank der Herbstlesen-Wochenenden habe ich im Oktober trotz einiger stressiger Wochen nicht gerade wenig Bücher gelesen. Nicht alle davon geben genug Stoff für eine ausführliche Rezension, aber einen Lese-Eindruck möchte ich hier trotzdem noch festhalten.

You Yeong-Gwang: The Rainfall Market

„The Rainfall Market“ habe ich am zweiten Herbstlesen-Sonntag gelesen und konnte schon da nicht viel mehr zu dem Roman sagen, als dass ich ihn genossen habe. Die Handlung dreht sich um die ca. 16jährige (ich schätze das Alter anhand der Schuljahre in Südkorea) Serin, deren Leben in den letzten Jahren ziemlich hart war. Ihr Vater ist früh verstorben und ihre Mutter schafft es kaum, mit ihrem Einkommen die Familie über Wasser zu halten. Vor einem Jahr ist auch noch Yerin weggelaufen, die nicht nur Serins kleine Schwester, sondern auch ihre beste Freundin war. Der Zugang zum magischen Rainfall Market soll Serins Leben eine ganz neue Wendung geben, was dafür sorgt, dass sie dort so einige Abenteuer erlebt. Das Ganze war wirklich sehr nett zu lesen, vor allem, da die Dokkaebi (Bewohner des Rainfall Markets) alle ihre ganz besonderen Eigenarten haben. Erwartbarerweise bringt jede Begegnung mit den koboldartigen Wesen Serin eine neue Erkenntnis, auch wenn ihr erst am Ende aufgeht, was sie alles während ihrer Zeit im Rainfall Market gelernt hat. Das ist sehr vorhersehbar, aber eben auch sehr süß zu lesen, wobei es mich überrascht hat, dass sich die Geschichte anfühlte, als wäre sie eher für ein Middle-Grade-Publikum geschrieben worden. Obwohl ich das nicht erwartet hatte, habe ich meinen Tag mit diesem Buch sehr genossen – es war genau das Richtige für einen entspannten Sonntag.

Claire Trella Hill: Black and Deep Desires – A Gothic Vampire Romance (Bonds of Blood 1)

Ich muss zugeben, dass ich den Titel „Black and Deep Desires“ eher abschreckend finde. Da die Autorin Claire Trella Hill aber schon seit einiger Zeit immer wieder von unterschiedlichen Autorinnen empfohlen wird, habe ich mir im Oktober mal die Leseprobe dieses Romans angeschaut – nur um dann direkt das Buch zu kaufen und zu lesen. Die Geschichte hat eine wunderbare „Gothic“-Atmosphäre mit einer neunzehnjährigen Protagonistin, die – seit einer Krankheit in ihrer Kindheit – behindert ist, von ihrem Vater und ihren Brüdern vernachlässigt wird und trotzdem versucht, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Doch dann entdeckt sie, dass ihr wissenschaftlich interessierter Vater und ihre Brüder (von denen einer ein sadistisches Arschloch ist) eine Person für Experimente im Keller gefangen halten. Da unsere Heldin Claire nicht nur weichherzig, sondern auch mutig ist, führt das zu einer überraschend süßen Liebesgeschichte mit einem Vampir – ohne dass der Gothic-Anteil, die Kämpfe gegen die Bösewichte und all die anderen unterhaltsamen Elemente zu kurz kommen. Ich habe mich wirklich sehr gut mit der Geschichte unterhalten gefühlt, ich mochte die Charaktere und ich habe nun definitiv Lust, mehr von Claire Trella Hill zu lesen. (Was bedeutet, dass ich inzwischen nicht nur eine Kurzgeschichte rund um zwei Nebenfiguren, die ich in „Black and Deep Desires“ schon mochte, gelesen habe, sondern auch die Fortsetzung „Every Longing Heart“ vorbestellt hatte. Die hebe ich mir dann aber für Dezember auf, um das Weihnachtsthema richtig zu genießen. *g*)

Becky Chambers: A Closed and Common Orbit (Wayfarers 2)

Nachdem ich „The Long Way to a Small, Angry Planet“ gelesen hatte, war ich ein bisschen enttäuscht, als ich feststellte, dass mir „A Closed and Common Orbit“ nicht mehr über die Crew der Wayfarer erzählen würde. Deshalb bin ich froh, dass ich das Buch erst einmal zur Seite gelegt und abgewartet habe, bis ich grundsätzlich in der richtigen Stimmung für diesen Roman war. Das war am dritten Herbstlesen-Sonntag im Oktober der Fall, und gerade mal drei Tage später hatte ich die Geschichte beendet. Es gibt in dem Roman zwei Handlungsstränge. Der eine begleitet Sidras aktuelle Erlebnisse, der andere erzählt die Geschichte von Jane 23, die mit zehn Jahren aus einer Fabrik flüchtete, in der sie arbeitete, um von da an auf einem riesigen Schrottplatz zu leben. Faszinierenderweise fand ich beide Handlungsstränge gleich fesselnd, obwohl ich bei Jane 23 schon wusste, dass sie irgendwann dem Schrottplatz entkommen wird. Aber ich wusste nicht genau, wie es dazu kommen würde und welche Herausforderungen Jane 23 in der Zwischenzeit bewältigen musste … Ich will eigentlich gar nicht mehr zu dem Roman schreiben, weil ich das Gefühl habe, dass es besser ist, ohne großes Vorwissen in die Geschichte zu gehen. Aber Becky Chambers‘ Erzählweise hat mich wieder gut unterhalten, und ich finde es großartig, wie sie mich beim Lesen dazu gebracht hat, darüber nachzudenken, was eine Person ausmacht, und mitzufühlen, was Sidra und Jane 23 jeweils durchmachen. Schön, dass ich noch drei weitere Titel der Autorin auf meinem SuB habe.

Jane Glatt: Lost and Found (Wrap-It-Up Magic 1)

„Lost and Found“ von Jane Glatt war mir als ungewöhnlicher Cozy-Mystery empfohlen worden, und da ich mir nach dem Klappentext so gar nicht vorstellen konnte, worum es genau in dem Roman geht, habe ich (mal wieder) zur Leseprobe gegriffen, was dann zum Kauf führte. Die Geschichte dreht sich um die 62jährige Barbara, die vor einigen Monaten feststellen musste, dass ihr Mann ein Betrüger im ganz großen Stil ist. Während er vor Beginn der Ermittlungen flüchten konnte, wurde Barbara verdächtigt, seine Komplizin zu sein. Auch wenn sie nicht verurteilt wurde, hat sie den Großteil ihres Besitzes, ihr Haus und die Beziehung zu ihren beiden Söhnen verloren. Die einzige Person, die noch an Barbaras Seite steht, ist ihre Freundin Kat, bei der sie zu Beginn des Romans auch einzieht. Kurz darauf stellt Barbara fest, dass sie unter ganz bestimmten (magischen) Umständen verlorene Dinge/Personen/Tiere finden kann – was ein wirklich seltsames, aber unterhaltsames Element in einem ansonsten durchgehend realistischen Roman ist. Ich mochte Barbara, die wild entschlossen ist, diesen Schicksalsschlag als Chance zu sehen, sehr gern, ebenso wie ihre Freundin Kat und deren Tochter, die beide Barbara unterstützen. Ich fand die Art und Weise, in der Barbara ihr übernatürliches Talent entdeckt, unterhaltsam, und es war erfrischend ungewöhnlich, dass sich die Handlung weniger um ein aktuelles Verbrechen und große Dramen dreht als darum, dass Barbara mehr über ihr Talent herausfindet – und dann versucht, diese Gabe dazu zu nutzen ihren Mann der Justiz zu übergeben. Das war auf genau die richtige Weise eine wirklich „nette“ Geschichte.

Elizabeth Lim: Six Crimson Cranes

„Six Crimson Cranes“ von Elizabeth Lim hatte ich vor über einem Jahr gleich zweimal angefangen und jedes Mal nach den ersten 50 Seiten pausiert, weil ich die Protagonistin Shiori nicht besonders mochte. Prinzessin Shiori ist in diesen ersten Kapiteln so ein typisches „armes reiches Mädchen“, das auf der einen Seite sehr einsam ist und immer wieder Wege sucht, um die Aufmerksamkeit seiner älteren Brüder zu erlangen. Aber Shiori wächst auf der anderen Seite eben auch sehr priviligiert auf und verhält sich häufig deutlich jünger und unverantwortlicher, als ihr Alter (und ihre Herkunft) es mich erwarten ließen. Das hat mich immer wieder dazu gebracht, dass ich das Buch zur Seite legte. Bei meinem letzten Versuch mit dem Roman hatte ich mir im August vorgenommen, dass ich zwei Stunden lang durchlesen würde, um zu schauen, ob ich nicht endlich über den Teil hinwegkomme, bei dem ich immer pausiert hatte. Was natürlich dazu führte, dass mich die Geschichte gerade mal vier (kurze) Kapitel später gepackt hatte.

Die Handlung in „Six Crimson Cranes“ wirkt wie eine asiatische Variante der „Sechs Schwäne“. Prinzessin Shiori’anma lebt zu Beginn der Geschichte mit ihren sechs älteren Brüdern im Haushalt ihres königlichen Vaters und ihrer wunderschönen Stiefmutter Raikama. Während ihre Brüder sich auf ihre zukünftigen Posten innerhalb des Reichs vorbereiten, sieht Shiori mit Abscheu auf ihre baldige Verlobung – nicht, weil ihr Zukünftiger so unangenehm ist, sondern weil diese Hochzeit sie von ihrer Familie und ihrem Zuhause wegführen und sie all der Freiheiten berauben wird, die sie als verwöhnte einzige Tochter des Königs genießt. Doch nachdem ihre Stiefmutter Raikama herausfindet, dass Shiori über verbotene Magie verfügt, belegt sie das Mädchen mit einem Fluch, verwandelt seine sechs Brüder in Kraniche und vertreibt die sieben Königskinder aus dem Palast. So muss Shiori nicht nur auf sich allein gestellt einen Weg finden, um den Fluch der auf ihr und ihren Brüdern liegt, zu brechen, sondern auch für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen. Letzteres wird davon erschwert, dass sie keinen Laut von sich geben darf, wenn sie nicht das Leben ihrer Brüder aufs Spiel setzen will.

Nachdem Shiori verflucht wurde, hatte ich sie überraschend schnell ins Herz geschlossen. Und so habe ich beim Lesen regelrecht mitgefiebert, wenn sie der Aufhebung des Fluchs ein Stückchen näher kam, und gelitten, wenn sie mal wieder einen Rückschlag erlebte. Kaum findet die Prinzessin sich außerhalb des Palasts wieder, entwickelt sie ein bewunderswertes Durchhaltevermögen und lernt sogar, erst einmal nachzudenken, bevor sie handelt. Diese Shiori mochte ich wirklich gern, ebenso wie einige der Nebenfiguren, denen sie im Laufe der Geschichte begegnet. Mir ging beim Lesen immer wieder durch den Kopf, dass für mich persönlich der Einstieg in den Roman deutlich einfacher und angenehmer gewesen wäre, wenn die Handlung mit Shioris Aufwachen nach ihrer Verfluchung begonnen hätte, während in Rückblenden dann der Weg dahin hätte erzählt werden können. Aber ich muss auch zugeben, dass ich älter bin als die „Young Adult“-Zielgruppe des Romans, und relativ wenig Geduld mit bestimmten Verhaltensweisen von Teenager-Protagonist*innen habe.

Von den ersten ungefähr 60 Seiten abgesehen, hat mich Elizabeth Lim mit ihrer Erzählweise wirklich überzeugen können. Ich mochte die Art und Weise, in der sie die vertrauten Elemente eines Märchens nimmt und daraus etwas sehr Eigenes macht, wobei die verschiedenen Figuren – vor allem Shiori und ihre Brüder – sich im Laufe der Zeit weiterentwickelten und selbst Charaktere, die anfangs in eine vertraute Schublade zu passen scheinen, einen immer wieder überraschende Facetten entdecken ließen. Außerdem ist die Autorin wirklich sehr gut darin, den verschiedenen Regionen, durch die Shiori reist, sehr individuelle Atmosphären zu verleihen. Am Ende von „Six Crimson Cranes“ würde ich zwar nicht behaupten, dass ich in Zukunft alle Veröffentlichungen von Elizabeth Lim lesen werde, aber ich werde definitiv noch zu der Fortsetzung „The Dragon’s Promise“ und der Vorgeschichte „Her Radiant Curse“ greifen, weil ich nicht nur wissen will, wie es mit Shiori weitergeht, sondern auch neugierig auf die Hintergrundgeschichte ihrer Stiefmutter bin.