Schlagwort: Fantasy

Tansy Rayner Roberts: Let Sleeping Princes Lie (A Castle Charming 3)

Je länger eine Castle-Charming-Geschichte, desto ernsthafter scheint sie zu sein – so ist es kein Wunder, dass „Let Sleeping Princes Lie“ von Tansy Rayner Roberts mit 134 Seiten der bislang dramatischte Band der Castle-Charming-Geschichten ist. Nach der herbstlichen Ballsaison („Glass Slipper Scandal“) und der winterlichen „Sportsaison“ („Dance, Prince, Dance“) ist nun der Frühling im Königreich Charming herangebrochen und damit auch die Spinnrad-Phase. Jedes Jahr um diese Zeit werden alle Spinnräder eingesammelt und verbrannt und trotzdem tauchen rund ums Schloss lauter Spinnräder auf und bedrohen die Prinzen und die Prinzessin. Für den Reporter Kai, der erst seit wenigen Monaten im Königreich lebt, ist das Ganze anfangs nur eine interessante Story – doch dann versucht er, Prinz Chase vor einem plötzlich auftauchenden Spinnrad zu retten und fällt selbst dem Fluch zum Opfer. Während Kais Freund Dennis, seine Kollegen von der Palastwache und Chase, Cyrus und Camilla Charming verzweifelt einen Weg suchen, um Kai aus seinem Zauberschlaf zu retten, findet sich Kai in einem verzauberten Schloss voller tödlicher Monster wieder.

Gemeinsam mit der wehrhaften L und dem Xix-Prinzen Zuo-lin muss der Reporter ununterbrochen kämpfen, um nicht von diesen unheimlichen Wesen getötet zu werden. Ich mochte die Idee sehr, dass die Personen, die dem Fluch der Spinnräder zum Opfer fallen, nicht einfach nur schlafen, sondern in einem albtraumhaften Schloss Tag für Tag um ihr Leben kämpfen müssen. Dies sorgt – ebenso wie die Enthüllungen rund um den Fluch, der für Kais Entführung und das Schicksal von Königin Ella verantwortlich ist – für eine düstere und bedrückende Atmosphäre, ohne dass Tansy Rayner Roberts vollkommen auf die kleinen amüsanten Szenen verzichtet, die von Anfang an den Ton der Castle-Charming-Geschichten ausgemacht haben. Dazu kommen noch die überraschenden Erkenntnisse rund um den Ursprung des Fluchs und um die Identität von Kais Pflegemutter und einige neue und unvorhersehbare Entwiklungen rund um die Palastwächterin Ziggy, die für eine spannende Weiterführung der Handlung sorgen.

Ich mochte es sehr, wie stimmig die Autorin die Handlung weiterentwickelt hat. Obwohl schon von Anfang in den Geschichten mitschwingt, dass die gesamte Königsfamilie (und somit auch das Königshaus) unter dem Fluch leidet, wird erst in „Let Sleeping Princes Lie“ deutlich, wie viele Geheimnisse und unausgesprochene Vorwürfe damit verbunden sind und wie sehr das Ganze die Königsfamilie beeinflusst hat. Am Ende dieser Geschichte müssen sie nicht nur mit der Vernachlässigung durch den König und die Abwesenheit ihrer Mutter fertigwerden, sondern auch mit all den Dingen, die ihr Vater ihnen bislang vorenthalten hat und die fast alles, was sie bislang über ihrer Familiengeschichte zu wissen glaubten, auf den Kopf stellten. So scheint das Brechen des Fluchs für die Zukunft mehr Probleme aufzuwerfen, als das Leben mit dem Fluch eh schon mit sich brachte. Ich bin wirklich neugierig, wie es im Königreich Charming weitergeht und ob es am Ende doch noch so etwas wie ein Happy End für die Königsfamilie (und die Mitglieder der Palastwache) geben wird – dummerweise wird der vierte Teil der Serie erst im kommenden Jahr veröffentlicht, und so muss ich mich noch eine ganze Weile gedulden.

Robin McKinley: Spindle’s End

„Spindle’s End“ von Robin McKinley hatte ich mir ursprünglich für eine Leserunde besorgt, die dann doch nicht zustandekam. Beim Auspacken meiner ganzen Buchkartons fiel mir der Roman dann vor ein paar Wochen wieder in die Hände, und so habe ich ihn nach all den Jahren endlich auch mal gelesen. „Spindle’s End“ ist eine Dornröschen-Variante, und anfangs fand ich die Erzählweise etwas gewöhnungsbedürftig, weil Robin McKinley zu Beginn mehr erklärende Einschübe zum Weltenbau und der Magie einfließen lässt, als ich es von ihren anderen Titeln gewohnt bin. Das ist zwar amüsant zu lesen, sorgt aber auch dafür, dass es ziemlich lange dauert, bis die eigentliche Handlung anfängt.

Die Geschichte spielt in einem Land, in dem so viel Magie präsent ist, dass sie wie eine dicke Staubschicht alles bedeckt und dementsprechend auch viel Einfluss auf alle Lebenwesen und Dinge in diesem Teil der Welt hat. Obwohl die Magie so überpräsent ist, gibt es nur wenige Personen (in der Regel Magier und Feen), die sie bewusst anwenden können. Die Mitglieder des Könighauses gehören nicht zu diesem Personenkreis – denn es ist Gesetz, dass das Land von jemandem regiert wird, der keinerlei Magie besitzt. Bei einem solch magischen Königreich ist es nicht überraschend, dass die Prinzessin und Thronerbin bei ihrer Taufe von einer Fee verflucht wird – ungewöhnlich ist hingegen, dass sie, kurz nachdem der Fluch ausgesprochen wird, von einem Mädchen, das die Gabe hat, mit Tieren zu kommunizieren, in Sicherheit gebracht wird.

Dieses Mädchen ist Katriona, aus deren Sicht die Geschichte zu Beginn auch erzählt wird. Katriona ist eine Waise, die von ihrer Tante aufgezogen wurde, welche wiederum in ihrem abgelegenen Heimatort eine der mächtigsten Feen ist. Gemeinsam mit dieser Tante gelingt es ihr, die Identität der Prinzessin geheimzuhalten und das kleine Mädchen als ihre Cousine Rosie aufzuziehen. Rosie entwickelt sich im Laufe der Jahre zu einer selbstbewussten jungen Frau, die – dank der ungewöhnlichen Ereignisse rund um ihre Taufe – die Gabe hat, mit Tieren zu sprechen. Obwohl die böse Fee, die sie verflucht hat, sie all die Jahre sucht, sorgt Katriona gemeinsam mit ihrer Tante dafür, dass Rosie eine wunderbare (und sehr gewöhnliche) Kindheit erleben kann. Sie steht Rosie auch nicht im Weg, als diese vom Schmied des Ortes zur Pferdeheilerin ausgebildet wird. Doch mit Rosies herannahendem 21. Geburtstag lässt sich ihre Herkunft nicht länger verbergen, und so muss die junge Frau sich – gemeinsam mit einigen ungewöhnlichen Verbündeten – am Ende gegen die böse Fee stellen, um nicht nur ihr eigenes Leben zu retten.

Robin McKinley konzentriert sich in „Spindle’s End“ lange Zeit darauf, von Rosies Heranwachsen zu erzählen und von all den Dingen, die das Mädchen so liebt und die so gar nicht prinzessinnenhaft sind. Ihre Gewöhnlichkeit und die Tatsache, dass sie mit Tieren kommunzieren kann, sind für Rosie der beste Schutz gegen die Suchzauber der bösen Fee, und so gibt es für den Leser viele kleine Szenen mit den wilden und zahmen Tieren der Umgebung, mit den Menschen im Dorf, die natürlich keine Ahnung von Rosies wahrer Herkunft haben, und mit Rosies kleiner „Pflegefamilie“, die das Mädchen liebt, als wäre es ihr Fleisch und Blut. All diese Elemente werden von Robin McKinley so liebevoll erzählt, dass ich sie gern gelesen habe. Gleichzeitig habe ich mich immer wieder gefragt, wie ein solches Mädchen irgendwann einmal in die Rolle einer Prinzessin schlüpfen soll. Doch natürlich hat die Autorin auch dafür am Ende eine stimmige Lösung gefunden.

Ich mochte es sehr, dass es in dieser Dornröschen-Variante zwar die klassischen Elemente wie den Zauberschlaf gab, aber nicht in der vertrauten Märchenversion, sondern als eine Folge des Suchzaubers, den die böse Fee jahrelang einsetzt. Auch gibt es zwar einen Prinzen am Ende der Geschichte, aber nicht für Rosie, die (wenn auch nicht ganz allein) diejenige ist, die selbst gegen die böse Fee kämpft, um sich und ihr Königreich zu retten. Robin McKinleys Dornröschen ist definitiv keine zarte Prinzessin, die in einem von Dornen umringten Schloss auf Rettung wartet, sondern eine mutige junge Frau, die einen ungewöhnlichen und gefährlichen Weg einschlägt, um gegen einen übermächtigen Gegner zu kämpfen und so diejenigen zu retten, die sie liebt.

Ich mochte Rosie ebenso gern wie die vielen Verbündeten, die ihr zur Seite standen. Doch besonders gefallen haben mir all die vielen kleinen, stimmigen Elemente, die sonst in den verschiedenen Dornröschen-Varianten gar keine Beachtung finden. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, welche Folgen ein Fluch hat, der durch eine Spindel ausgelöst werden soll, in einem Land und einer Zeit, in dem die Verarbeitung von Fasern nun einmal zu den überlebensnotwendigen alltäglichen Verrichtungen gehören. Auch wenn ich mich erst auf die ruhigere und ausführliche Erzählweise einlassen musste, habe ich diese Geschichte wirklich genossen – es war schön, mal eine so stimmige Dornröschen-Version zu lesen.

Tansy Rayner Roberts: Dance, Prince, Dance (A Castle Charming 2)

„Dance, Prince, Dance“, der zweite Teil der Castle-Charming-Geschichten von Tansy Rayner Roberts, ist mit 73 Seiten etwas länger als „Glass Slipper Scandal“ – was dem Ganzen meiner Meinung nach guttut. Dieses Mal wird der Leser direkt in die Handlung geworfen – es wird eindeutig vorausgesetzt, dass man die Figuren schon aus der ersten Geschichte kennt -, während man als Erstes den jährlichen winterlichen Wettstreit zwischen den Prinzen und ihren „Hunden“ (der Palastwache) auf dem Spielfeld kennenlernt. So amüsant die Geschichte mit einer Runde „Rookery“ anfängt, bei der zwei gut gerüstete Parteien um drei mit Eisenstacheln besetzte Bälle spielen, so wird schnell deutlich, dass „Dance, Prince, Dance“ insgesamt einen deutlich düstereren Unterton hat als „Glass Slipper Scandal“.

Dieses Mal bekommt man als Leser auch die Perspektive von Prinz Chase Charming mit, der Nacht für Nacht von einem ungewöhnlichen Ball träumt, an dem er und sein Bruder Prinz Cyrus teilnehmen. Während sich der Rest des Landes noch fragt, was es mit der mysteriösen Bestellung von Tanzschuhen auf sich hat, ermitteln der Palastwächter Dennis, seine neue Kollegin Ziggy und der Reporter Kai auf eigene Faust. So stolpern diese drei nicht nur über den Hersteller der Schuhe, sondern auch über einen Soldaten, der schon früher mit massenhaft zertanzten Schuhen zu tun hatte und mehr über die Hintergründe dieses speziellen Rätsels zu wissen scheint. Obwohl Tansy Rayner Roberts diese Geschichte immer noch mit vielen amüsanten kleinen Momenten spickt, ist der Grundton deutlich melancholischer als bei dem ersten Castle-Charming-Teil, was mir gut gefallen hat.

Zwar mag ich den Humor der Autorin sehr, und die Tatsache, dass dieses magische Königreich so viele Elemente für skurrile Szenen bietet, aber die Perspektive von Prinze Chase fügt dem Ganzen mehr Realismus zu und lässt einen hinter die Fassade des leichtlebigen jungen Mannes blicken. So verleiht Tansy Rayner Roberts nicht nur allen Prinzen deutlich mehr Tiefgang, sondern bietet dem Leser auch einen Einblick in die Vergangenheit des Kommandanten der Palastwache und seiner Beziehung zu der Feen-Patin, die für den Glass-Slipper-Skandal verantwortlich war. Ein wenig ausgeglichen werden diese düsteren Elemente durch die sich weiter entwickelnde Beziehung von Dennis und Kai, die sich – trotz der Probleme, die sich durch ihre Berufe ergeben – endlich ein bisschen näher kommen. Dabei bleibt ein großes Geheimnis am Ende der Geschichte immer noch ungelüftet, so dass genügend Fragen offen bleiben, um einen neugierig auf „Let Sleeping Princes Lie“, den dritten Castle-Charming-Band, zu machen.

Tansy Rayner Roberts: Glass Slipper Scandal (A Castle Charming 1)

Vor einiger Zeit hatte ich eine Kickstarter-Kampagne entdeckt, bei der die Autorin Tansy Rayner Roberts Geld sammelte, um ihre Creature-Court-Serie noch einmal auf den Markt bringen zu können. Als Belohnung gab es nicht nur die Creature-Court-Titel, sondern auch noch weitere Veröffentlichungen der Autorin, die in den letzten Tagen bei mir (als eBooks) eingetroffen sind. „Glass Slipper Scandal“ ist eine 40seitige Geschichte rund um die aktuelle Saison in Castle Charming. Aus mehreren Perspektiven erlebt man eine Geschichte rund um diese ganz besonders verrückte Zeit im Jahr, in der lauter ausländische Prinzessinnen auf dem Schloss eintreffen, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit eines der beiden Prinzen auf sich zu ziehen. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht einer der Prinzessinnen (Ziyi), eines der neuen Palastwächter (Dennis) und eines – ebenfalls neu in seinem Job seienden – Reporters (Kai).

Obwohl die Geschichte so kurz ist, habe ich die verschiedenen Erzähler ebenso wie die diversen Nebenfiguren schnell ins Herz geschlossen. Ziyi zum Beispiel ist es vollkommen egal, ob sie einen Prinzen heiratet, sie will nur, dass diese demütigende Reise von Saison zu Saison und von Königreich zu Königreich endlich ein Ende hat. Kai hingegen entdeckt, dass man als Reporter eine ganze Menge Dinge erfährt, die man nie schreiben kann, weil es nicht nur darum geht, die Wahrheit zu erzählen, sondern auch darum, den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden. Und Dennis stellt fest, dass man als Leibwächter des Prinzen weniger Angst vor Attentätern als vor dem Benehmen seines Schützlings haben muss. Dazu kommt, dass das gesamte Königreich traumatisiert ist durch die Liebesgeschichte des aktuellen Königs und seiner Frau. Die beiden haben eine klassische „Glass Slipper“-Romanze gehabt, doch wie es nun einmal bei Liebesgeschichten der Fall ist, die durch die Hilfe von Feen zustandekamen, war das Ende recht tragisch. Niemand im gesamten Königreich will so etwas noch einmal miterleben – weshalb es umso alarmierender ist, als am ersten Ballabend eine geheimnisvolle Prinzessin mit gläsernen Schuhen auftaucht und mit dem ältesten Prinzen tanzt.

Auch wenn „Glass Slipper Scandal“ kaum mehr als der Prolog der Geschichte rund um Castle Charming ist, habe ich mich wunderbar über all die märchenhaften Elemente, die überraschenden Hintergründe zu den diversen Personen und die unterhaltsamen kleinen Wendungen in der Handlung amüsiert. Ich fand die Anziehung zwischen Dennis und Kai wunderschön beschrieben, ich mochte Prinzessin Ziyis wilde Entschlossenheit, alles dafür zu tun, damit sie nicht zurück in ihre Heimat muss, und ich musste über den armen Kai schmunzeln, der über die Story seines Lebens stolpert, nur um festzustellen, dass er das so niemals veröffentlichen können wird. Es gibt so viele Nebenfiguren in dieser kurzen Geschichte, über deren Leben ich gern mehr erfahren würde, ebenso wie ich gern mehr über all die kleinen fantastischen Dinge wissen würde, wie zum Beispiel die magische Tinte, die für das Schreiben des „Charming Heralds“ verwendet wird. Alles in allem war „Glass Slipper Scandal“ ein wunderbarer kleiner Blick in ein ungewöhnliches märchenhaftes Königreich und ich freue mich sehr, dass ich mit „Dance, Prince, Dance“ und „Let Sleeping Princes Lie“ zwei weitere (wenn auch wieder recht kurze) Geschichten rund um Castle Charming vor mir habe.

Janine Beacham: Rose Raventhorpe Investigates 1 – Black Cats and Butlers

„Black Cats und Butlers“ von Janine Beacham war eine ziemlich spontane Anschaffung, weil mir erst das hübsche Cover ins Auge fiel und mich dann der Klappentext so ansprach – und nun werde ich mir wohl die beiden bislang veröffentlichen Fortsetzungen auch noch kaufen müssen. 😉 Protagonistin der Geschichte ist Lady Rose Raventhorpe, die zu Beginn des Romans gerade ihren zwölften Geburtstag feiert. Während des Frühstücks liest sie davon, dass in den vergangenen Tagen zwei Butler ermordet wurden. Was dazu führt, dass sie sich nicht nur darüber aufregt, dass niemand den Tod der beiden Dienstboten bislang für erwähnenswert gehalten hätte, sondern auch große Angst um ihren eigenen Butler Argyle bekommt. Argyle ist Rose’s engste Bezugsperson und derjenige, der sie seit ihrer Geburt erzogen hat, da ihr Vater in wichtige politische Geschäfte involviert ist, während ihre Mutter den ganzen Tag damit beschäftigt ist, schön zu sein. Noch bevor der Tag zu Ende geht, wird auch Argyle ermordet, und Rose beschließt, alles dafür zu tun, um den Mörder ihres Butlers zu stellen.

Trotz dieser traurigen Ausgangssituation ist „Black Cats and Butlers“ ein wundervolles Wohlfühlbuch, das ich gar nicht aus der Hand legen wollte, als ich es erst einmal angefangen hatte. Rose ist eine stimmige Protagonistin, die auch keine Hemmungen hat, den Namen ihrer Familie oder ihren Reichtum zu nutzen, wenn sie an Informationen gelangen will. Erst nach Argyles Tod entdeckt sie all die Geheimnisse, die ihr Butler hatte, und schämt sich sehr dafür, dass sie ihn ihr Leben lang als so selbstverständlich angesehen hat. Trotzdem drängt sie nicht diese Scham zu ihren Ermittlungen, sondern die feste Überzeugung, dass ein Mörder gefasst werden muss, dass es zu keinen weiteren Attentaten auf Butler kommen darf und dass eine Raventhorpe alles tun muss, um ihre Stadt zu retten. Denn nicht nur die Morde an den Butlern beunruhigen Rose, sondern auch das allmähliche Verschwinden der Katzenstatuen, die der Legende nach über die Stadt wachen sollen.

Ich mochte nicht nur Rose, sondern auch all die anderen Figuren in dieser Geschichte. Rose‘ (etwas ältere) Freundin Emily, ihr Kleidungsstil und ihre Begeisterung für alles, was unheimlich, düster und schwarz ist, ist großartig. Die ganzen Butler, die Rose während ihrer Ermittlungen kennenlernt – inklusive der dazugehörigen Geheimgesellschaft, die Duelle und die aufbrausenden Temperamente (selbstverständlich nie im Dienst!) – sind nicht nur wundervoll induviduelle Figuren, sondern auch eine großartige Idee. Ich werde nie wieder in Romanen oder Filmen einem Butler begegnen können, ohne mich zu fragen, wie gut er wohl mit dem Schwert ist. 😉 Überhaupt ist die Welt, die Janine Beacham da erschaffen hat, sehr atmosphärisch geworden. Ihre Stadt Yorke verfügt über eine wunderbar viktorianische Atmosphäre und es gibt sehr schöne Beschreibungen der verschiedenen Viertel und Geschäfte, der Katzenstatuen und all der anderen Dinge, die einem Ort Leben verleihen.

Die Prophezeiung rund um das Schicksal von Yorke, wenn die Katzen verschwinden und die Wächter versagen sollten, ist eigentlich das einzige „fantastische“ in der Geschichte. Aber sie zieht sich durch den gesamten Roman und ist ungemein wichtig für die (teilweise sehr düstere) Atmosphäre und dient als Vorausetzung für so viele Elemente. Als Ausgleich dazu gibt es sehr viele amüsante Szene – schließlich ist „Black Cats and Butlers“ immer noch ein Kinderbuch – rund um die verschiedenen Figuren und die Enthüllungen, die Rose während ihrer Ermittlungen macht. Ich mochte es sehr, wie Janine Beacham es geschafft hat, gleichzeitig dafür zu sorgen, dass ich mir Sorgen um Rose, mögliche weitere Opfer und die Stadt machte, während ich mich auf der anderen Seite wunderbar amüsierte und das Buch gar nicht aus der Hand legen wollte, weil ich mich damit so wohlfühlte und ich wissen wollte, was als Nächstes passiert. Sehr schön war es auch, dass ich – während ich sonst häufig bei „Kriminalromanen“ für Kinder die Auflösung schon lange vor Ende der Geschichte weiß – hier mehr als eine überraschende Wendung bezüglich der möglichen Täter und ihrer Motive erleben durfte. Ich freu mich sehr auf die zwei weiteren Romane mit Rose und den Butlern von Yorke und bin gespannt, wie viele Abenteuer diese ungewöhnliche Detektivin wohl noch erleben wird.

Laura Powell: The Lost Island (Silver Service Mystery 2)

Nachdem mir „The Last Duchess“ von Laura Powell im Januar so gut gefallen hatte, habe ich mir zeitnah zum Erscheinungsdatum die Fortsetzung „The Lost Island“ besorgt und gelesen. Obwohl die Protagonistin Pattern nach ihren Abenteuern im ersten Band der Serie finanziell gut abgesichert ist und sich keine Gedanken mehr über ihren Platz in der Gesellschaft machen müsste, hat sie sich dem „Silver Service“ verpflichtet. Der Silver Service ist eine Ermittlungsagentur, die sich darauf spezialisiert hat, ihre Mitarbeiter als Bedienstete einzuschleusen, um verdächtige Vorfälle mit vermutlich magischem Hintergrund zu lösen. Ihr erster Auftrag führt Pattern als drittes Hausmädchen in den Haushalt von Lady Cecily Hawk, wo sie herausfinden soll, was im vergangenen Jahr auf dem Besitz der Lady mit dem Mündel von Sir Whitby passiert ist und warum sich keiner der damals anwesenden Gäste an Details zu ihrem Aufenthalt erinnern kann.

Ich hatte Pattern ja schon in „The Last Duchess“ ins Herz geschlossen, aber in „The Lost Island“ gefiel sie mir noch besser. Hier ist sie nicht nur selbstbewusst bezüglich ihrer Fähigkeiten als Dienstmädchen, sondern sie wird auch gut ausgerüstet und bewaffnet mit vielen wertvollen Informationen auf ihren ersten Fall im Auftrag des Silver Service angesetzt. Nach all den Abenteuern in Elffinheim ist Pattern bereit für weitere magische Auseinandersetzungen, denn egal, wie anstrengend ihre Tage als drittes Hausmädchen bei Lady Hawk sind, sie freut sich über die neue Herausforderung und all die ungewöhnlichen Dinge, denen sie auf der verlorenen Insel begegnen wird. Dabei ist es Pattern durchaus bewusst, dass ihre Tätigkeit gefährlich ist und dass auf ihren Schultern die Verantwortung für die Sicherheit der gesamten Gesellschaft liegt. Am Ende dauert es dann doch eine ganze Weile, bis Pattern dahinterkommt, was auf der Insel schiefläuft und auf welche Weise die Magie der Lady Hawk funktioniert. Schließlich wäre es nicht so unterhaltsam zu lesen, wenn Pattern problemlos mit all den Herausforderungen umgehen könnte. Doch glücklicherweise steht ihr einer ihrer neuen Kollege zur Seite, der sich ebensowenig von der Magie der Insel einwickeln lässt wie sie.

Neben Patterns Entwicklung, den üblichen Beschreibungen des Dienstbotenalltags in einem solch herrschaftlichen Haus und all den kleinen zwischenmenschlichen Elementen, die nun einmal dazugehören, wenn so viele Personen auf so begrenztem Raum zusammenarbeiten müssen, hat mich vor allem die Insel fasziniert. Von Anfang an steht fest, dass Cull Island keine normale felsige Insel vor der walisischen Küste sein kann. Nicht nur gibt es ungewöhnlich viele südländische Fruchtbäume auf der Insel, sondern auch die Jahreszeiten scheinen ein wenig durcheinander zu sein, so dass man auf der einen Seite blühende Schneeglöckchen und auf der anderen Seite reife Zitrusfrüchte pflücken kann. Auch nimmt sich Laura Powell viel Zeit, um die Landschaft und die Gartengestaltung – inklusive all der ungewöhnlichen Statuen – zu beschreiben, was einen nur noch neugieriger darauf macht, hinter das Geheimnis der Insel und ihrer Besitzerin zu kommen.

Obwohl ich schon früh einen Verdacht hatte, wohin der eine oder andere vermisste Verehrer von Lady Hawks Tochter verschwunden war, hat mich der Einfallsreichtum der Autorin am Ende doch überrascht. Nach dem eher dezenten Einsatz von Magie im ersten Band greift Laura Powell in „The Lost Island“ tief in die Mythologie-Kiste und erschafft eine Geschichte voller Verzauberungen und klassischer Herausforderungen, die ich einfach nur wundervoll, amüsant und spannend zu lesen fand. Ich hoffe sehr, dass Pattern noch so einige Aufträge für den Silver Service annimmt und dabei ebenso unterhaltsame Abenteuer erlebt wie in diesem Teil der Reihe.

Alethea Kontis: Woodcutter Sisters 1/Books of Arilland 1 – Enchanted (Hörbuch)

„Enchanted“ ist der erste Band der Woodcutter-Sisters-Serie bzw. Books-of-Arilland-Serie der Autorin Alethea Kontis. Wer nun wegen der beiden Serien-Titel verwirrt ist: Die hängen damit zusammen, dass die ersten drei Veröffentlichungen („Woodcutter Sisters“) über einen Verlag passiert sind, der nicht nur die ersten Manuskripte radikaler bearbeitete, als es der Autorin lieb war, sondern auch nach dem dritten Band keine weiteren Teile mehr herausbringen wollte. Die „Books of Arilland“ hat hingegen die Autorin (soweit sie es finanzieren konnte) im Eigenverlag veröffentlicht – ohne die ersten drei Bänden, deren Rechte noch dem Verlag gehören, und in der Hoffnung, dass sie diese Rechte irgendwann einmal zurückkaufen und dann die Serie erfolgreicher bewerben kann, als dies aktuell der Fall ist. (Was man doch alles bei einem kurzen Besuch auf der Autorinnen-Homepage lernen kann. 😉 )

Die Geschichte in „Enchanted“ steht für sich und es gibt am Ende auch keinen Cliffhanger, so dass man nichts verpasst, wenn man sich auf diesen Titel beschränkt. Wobei mir das Hören des Hörbuchs (auch dank der guten Sprecherin) so viel Spaß gemacht hat und ich so neugierig auf all die anderen fantastischen Abenteuer der Familie Woodcutter geworden bin, dass ich mir wohl nach und nach die weiteren verfügbaren Hörbücher besorgen werde. Die fantastische Welt, die Alethea Kontis in dieser Geschichte beschreibt, beinhaltet all die klassischen Märchenelemente wie Feen-Patentanten, verwunschene Prinzen und einen armen Holzfäller (bzw. seine Familie), aber viele dieser Aspekte werden von der Autorin auf ungewöhnliche Weise kombiniert.

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Sunday, der jüngsten Tochter der Familie Woodcutter, und aus der Sicht des Froschs Grumble, der in einem Wunschbrunnen im Wald lebt. Sunday und Grumble, der natürlich ein verfluchter Prinz ist, freunden sich schnell miteinander an und empfinden bald tiefere Gefühle füreinander. Doch diese Gefühle scheinen nicht tief genug, um den Fluch zu brechen, und als Grumble dann doch wieder zurückverwandelt wird, ist Sunday nicht vor Ort, um dieses Wunder mitzuerleben. Da die Familie Woodcutter gute Gründe hat, um Prinz Rumbold von Arilland zu hassen, muss dieser nun einen Weg finden, um auch in menschlicher Gestalt die Zuneigung seiner geliebten Sunday zu gewinnen.

Ich mochte es sehr, dass bei Alethea Kontis die Verwandlung in ein Tier oder die Rückwandlung in einen Menschen schmerzhafte Folgen hat. Es dauert, bis der Körper und der Geist sich umgestellt haben und sich wieder mit Vertrautheit und ohne Irritation oder Schmerzen bewegen lassen. Ebenso gefiel es mir, dass es Dinge gibt, die – mehr oder weniger – allgemein bekannt sind und die jemand, der frisch zurückverwandelt ist, beachten sollte. Zauber, Feen, Flüche und Magie sind in dieser Welt weit verbreitet und doch schon allein aufgrund ihrer „Nebenwirkungen“ keine alltäglichen Dinge. Jedem ist bewusst, dass mit Magie Schreckliches bewirkt werden kann, selbst wenn eine magische Gabe noch so „harmlos“ zu sein scheint. Dazu kommt die Sichtweise, die Alethea Kontis in dieser Geschichte auf klassische Märchen wirft. Außerdem baut sie unglaublich viele Elemente ein, ohne dass es erzwungen oder überfrachtet wirkt – wie die Schneewittchen-Gegenstände (Kamm, Apfel, Schnürriemen, der hier ein Halsband ist) bei einem harmlosen Marktbesuch, die kleinen Informationen rund um den großen Bruder Jack oder die Art und Weise, in der die verzauberte Bohnenstange Beginn und Ende der Handlung verbindet.

Die Charaktere waren mir zum Großteil sehr sympathisch – von den Bösewichten natürlich abgesehen. Jeder von ihnen hat Stärken und Schwächen, und auch wenn manche von ihnen aus Sundays oder Grumbles Perspektive vielleicht etwas zu perfekt wirken, so gibt mir die Autorin doch das Gefühl, dass auch diese Figuren ihre Probleme und Eigenheiten haben. Stellenweise war mir Sundays Reaktion ein wenig zu emotional, aber auf der anderen Seite passte das ebenso zu ihrem Charakter wie zu ihrem Alter, und am Ende hat sie sich immer so weit wieder berappelt, dass ich ihrer Perspektive weiter folgen mochte. Besonders schön fand ich ihre (und später Rumbolds) Ansichten über ihre Familie, die bei allen Auseinandersetzungen und Problemen doch sehr liebevoll miteinander umging.

Ein weiteres Lob gilt der (leider in diesem Januar verstorbenen) Sprecherin Katherine Kellgren, die nicht nur die märchenhafte Sprache von Alethea Kontis wunderbar zu Geltung brachte, sondern auch den vielen verschiedenen Charakteren durch ihre Betonung einen hohen Wiedererkennungswert verlieh. Katherine Kellgren hat mit ihrem Vortrag von „Enchanted“ nicht nur zu Beginn der Geschichte all die wunderbar amüsanten Momente und rätselhaften Andeutungen in der Handlung passend vorgetragen, sondern auch den rasanten Entkampf so fesselnd gestaltet, dass ich mich dabei ertappte, wie ich beim Zuhören mit offenem Mund und mit Putzlappen und Eimer in der Hand mitten im Zimmer stand und mich minutenlang nicht gerührt hatte.

Joan Aiken: The Serial Garden – The Complete Armitage Family Stories

„The Serial Garden“ von Joan Aiken beinhaltet die vollständige Sammlung ihrer Geschichten rund um die Familie Armitage. Laut dem Vorwort ihrer Tochter Lizza entstanden die ersten Ideen zu den Abenteuern der Armitages, als Joan Aiken als Mädchen auf langen Spaziergängen ihren kleinen Bruder unterhalten wollte. Als Teenager hat sie dann die erste Geschichte („Yes, but Today is Tuesday“) an die BBC verkaufen können und sechzig Jahre später – nachdem sie schon viele weitere Episoden aus dem Leben der Familie Armitage erzählt hatte – hat Joan Aiken den Prolog und die letzten Geschichten rund um die Armitages geschrieben, um die Abenteuer der Familie abzurunden und die gesammelten Kurzgeschichten in einem Band mit dem Titel „The Serial Garden“ veröffentlichen zu können. Bevor ich diese Sammlung las, kannte ich nur eine der vielen Kurzgeschichten, und mir war nicht bewusst, dass sie zu einer ganzen Reihe von Anekdoten über diese Familie gehörte.

Ich muss zugeben, dass ich absolut hingerissen von diesen amüsanten und skurrilen Geschichten rund um die Familie Armitage bin und all die fantastischen und ungewöhnlichen Elemente liebe, die Joan Aiken da eingebaut hat. Das Ganze beginnt während der Flitterwochen von Mr. und Mrs. Armitage, als Mrs. Armitage darüber nachdenkt, wie das Leben wohl aussehen müsste, damit es wirklich zu einem „living happily ever after“ kommt. Als sie dann noch am Strand einen Wunschstein findet, wünscht sie sich ein Haus (mit mindestens einem Geist), zwei Kinder (inklusive Feen-Patentante) und ein Leben voller magischer Elemente – nur an Montagen, aber nicht an jedem Montag und nicht nur am Montag, weil es sonst zu vorhersehbar und damit wieder langweilig würde. Ich muss gestehen, dass der Prolog, in dem diese Ereignisse geschildert werden, schon deutlich macht, dass Mr. Armitage mit einem ganz normalen, unmagischen Leben mindestens ebenso zufrieden (vermutlich sogar zufriedener) gewesen wäre, aber irgendwie gehört es ja auch zu solchen Geschichten dazu, dass einer nicht so ganz glücklich über all die unvorhersehbaren und fantastischen Elemente im Leben ist.

In den folgenden Episoden gibt es Personen, die immer wieder auftauchen, wie bestimmte Nachbarn oder Angestellte, aber auch ein Haufen Charaktere, die nur für ein bestimmtes Ereignisse eingeführt werden. Da es Joan Aiken gelingt, jede vorkommende Figur mit ein paar Worten oder Dialogzeilen so klar zu charakterisieren, dass man sich sofort ein Bild von ihr machen kann, ist es überhaupt kein Problem, dass das Personal in den Geschichten so häufig wechselt. Angesichts all der Vorfälle, die im Umkreis der Familie Armitage passieren, ist es eher ein Wunder, dass es überhaupt Personen gibt, die all das über Jahre hinweg mitmachen und kein Problem damit haben, dass sie regelmäßig in Tiere verwandelt werden oder Zeuge aufsehenerregender magischer Vorfälle werden. Wobei die kleinen und fast alltäglichen Elemente in Joan Aikens Geschichten eigentlich überwiegen und das Lesen gerade deshalb so viel Spaß macht, weil die Autorin es schafft, dass man es als ganz selbstverständlich empfindet, dass die Nachbarin eine „Old Fairy Lady“ ist oder dass ein Einhorn im Garten grast.

Ich habe all die vielen kleinen und größeren Abenteuer, die sich in der Regel um die Kinder Mark und Harriet Armitage drehen, sehr genossen. Ich weiß nicht, ob ich selbst so gelassen damit umgehen würde, wenn auf einmal Einhörner meinen Garten überfluten, Furien in meinem Kohlenkeller überwintern wollen oder das Gebäck der Nachbarin dafür sorgt, dass das Schiff kentert, in dem ich mich gerade befinde, aber gerade die Tatsache, dass die Armitages so pragmatisch mit all diesen Vorfällen umgehen, sorgt immer wieder für wunderbare, amüsante und überraschende Wendungen in der Geschichte. Am Ende des Buchs war ich nicht nur sehr glücklich mit all den gelesenen Geschichten (obwohl nicht alle gleich großartig geschrieben sind, machen sie doch alle viel Spaß beim Lesen), sondern wünschte mir sogar, es gäbe ein bisschen mehr Alltagsmagie in meinem Leben. Vielleicht nicht gerade eine temperamentvolle Hexe alte Feendame als Nachbarin oder duellierende Druiden im Garten … aber ein höflicher Geist im Dachgeschoss klingt gut oder ein Einhorn zum Reiten – solche Elemente stelle ich mir schon sehr nett vor.

Tamora Pierce u.a.: Tortall – A Spy’s Guide

Ich weiß nicht, wie alt ich war, als ich das erste Mal einen Alanna-Roman von Tamora Pierce las, aber da der Auftaktband 1984 auf Deutsch erschienen ist, wird es Mitte der 80er gewesen sein. Ich weiß hingegen noch genau, wie entsetzt meine Eltern waren, als ich mir zu meinem 18. Geburtstag alle vier Alanna-Bände gewünscht habe und nichts „Vernünftiges“. Tamora Pierce‘ fantastisches Land Tortall begleitet mich also schon sehr viele Jahre, und ich liebe die unterschiedlichen Charaktere. Ich bin fasziniert davon, wie sich diese Welt im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, und egal wie oft ich die Geschichten lese, ich entdecke immer wieder neue Aspekte (was vermutlich eher daran liegt, dass ich sie mit zunehmendem Alter anders bewerte, als daran, dass sie mir vorher nicht aufgefallen wären) und ich genieße die Geschehnisse ebenso wie beim ersten Entdecken der Handlung.

So ist es nicht überraschend, dass mir der Titel „Tortall – A Spy’s Guide“ mit seiner Ansammlung von Wissen über Tortall und die dort lebenden Figuren beim Lesen sehr viel Spaß gemacht hat. Zusammengestellt wurden die Texte von Tamora Pierce in Zusammenarbeit mit Timothy Liebe, Julie Holderman und Megan Messinger, während die wirklich schönen (und zum Teil farbigen) Illustrationen von Eva Widermann stammen. Das Buch ist sehr liebevoll aufgemacht mit Seiten, die ausschauen, als ob sie alt und gebraucht wären (inklusive Faltstellen und Flecken), mit unterschiedlichen Schriftfarben für verschiedene Texte und passenden Siegeln und Zeichnungen. Der Großteil des Textes besteht aus Briefen, die vor allem zwischen George Cooper und anderen Spionen (oder Familienmitgliedern) ausgetauscht wurden, aber auch aus Berichten, Ratschlägen, wie man ein guter Spion wird, einer ausführlichen Zeitleiste zur Geschichte des Landes und vielen anderen Elementen rund um Tortall und den Rest dieser großartigen fantastischen Welt.

Besonders schön fand ich es, wenn mehrere Briefe zusammen eine kleine Geschichte erzählten, die – mit dem Wissen aus den Romanen – eine ganz andere Sicht auf eine Ausgangssituation oder einen Charakter werfen. Ein besonderes Highlight waren für mich die Tagebuchauszüge des königlichen Kochs, der über längere Zeit hinweg seine Gedanken zu den zu veranstaltenden Festen inklusive der Rezeptideen, zu der Lebensmittelsituation im Land und zu seinen Angestellten festgehalten hat. Einige der Ereignisse kann ich mit Vorkommnissen aus den Romanen in Verbindung bringen, aber da für diesen Koch die Hintergründe zu einer Veranstaltung nicht so wichtig sind, konzentrieren sich seine Gedanken eben vor allem auf seine Arbeit und seine Planung – und das war wunderbar amüsant zu lesen. Ich glaube, dass man all diese Elemente auch genießen kann, wenn man die Tortall-Romane von Tamora Pierce nicht gelesen hat, aber natürlich macht es deutlich mehr Spaß, wenn man die erwähnten Figuren schon kennt und die verschiedenen Anspielungen Szenen zuordnen kann, die man in den früher veröffentlichten Büchern gelesen hat.

Es ist toll zu sehen, wie weit gefächert die Themen in diesem Buch sind. Von der Ausbildung und der Arbeit eines Spions über die persönlichen Tagebuchauszüge des Kochs bis hin zu Informationen zu den Unsterblichen und über das Verhalten als Diplomat hat „Tortall – A Spy’s Guide“ alles zu bieten. Dazu gibt es noch all die vielen kleinen persönlichen Anmerkungen in den Briefen und Berichten, die das Ganze in erster Linie amüsant, aber manchmal eben auch berührend oder traurig machen. Wer also wie ich eine Schwäche für die Tortall-Romane von Tamora Pierce hat, sollte unbedingt einen Blick in dieses Buch werfen. (Und wer die Geschichten von der Autorin noch nicht kennt, sollte ganz schnell schauen, dass er eine der vielen gebrauchten Ausgaben der deutschen Alanna-Veröffentlichungen in die Finger bekommt oder sich mal die englischsprachigen Titel anschauen – da die Bücher für Jugendliche geschrieben sind, sind sie auch für nicht ganz so geübte Englisch-Leser gut geeignet).

Christopher Golden (Hrsg.): Dark Cities (Anthologie)

Da ich in den letzten Jahren festgestellt habe, dass ich es mag, wenn ich auf dem Blog einen Beitrag habe, in dem ich kurze Bemerkungen zu den verschiedenen Kurzgeschichten einer Anthologie gesammelt habe, gibt es auch einen zu „Dark Cities“. In dieser Anthologie sind so einige Autoren versammelt, die ich mag, aber es gibt natürlich auch wieder welche, die ich noch gar nicht kenne oder bei denen ich das Gefühl habe, ich kann sie immer noch nicht so recht einschätzen. Aber genau das ist ja auch das Spannende an Kurzgeschichtensammlungen. 😉

Scott Smith: The Dogs

Die Handlung wird aus der Sicht von Rose erzählt, die regelmäßg in New York Männer trifft und die Nacht mit ihnen verbringt. Sie mag es, wenn diese Männer sie in Restaurants ausführen, die sie sich selbst nie leisten könnte, und es ist ihr egal, dass diese Begegnungen immer nur für eine Nacht sind. Eine Nacht verbringt Rose mit einem Typen, dessen Hund sie (indem er in ihrem Kopf mit ihr redet) davor warnt, dass der Mann sie ermorden will – womit der Hund nicht ganz unrecht hat, aber natürlich steht so einiges mehr hinter den Mordabsichten des Herrn. Die Grundidee der Geschichte mochte ich eigentlich, auch wenn die Handlung an sich spätestens ab dem Punkt vorhersehbar wurde, an dem Rose mit dem Hund ins Gespräch kommt.

Aber die Erzählweise hat mich recht unberührt gelassen (was ich bei einer Horrorgeschichte wirklich bedenklich finde) und es gab eine Szene in der Geschichte, die ich absolut wiederwärtig fand und die so – meiner Meinung nach – nur von einem Mann geschrieben werden konnte. Diese eine Szene trägt nichts zur Handlung bei, was nicht auf anderem Wege hätte erreicht werden können, und „erzwungener Sex als Mittel, um eine Frau gefügig zu machen“ gehört zu den Dingen, die ich nicht lesen will. Was dazu führt, dass ich am Ende der Geschichte ziemlich sauer war, dass dieser Aspekt überhaupt in „The Dogs“ vorkam und dass gerade diese Geschichte aus Auftakt der Anthologie gewählt wurde. (Mein Mann hat dazu angemerkt, dass Ekel als Horrorelement nicht unüblich ist und der Autor ja mit meiner Reaktion auf die Szene sein Ziel erreicht hätte – ich will so etwas trotzdem nicht lesen!)

Tim Lebbon: In Stone

Nachdem ich so unzufrieden mit der Auftaktgeschichte war, hat es einige Wochen gedauert, bis ich „Dark Cities“ wieder in die Hand nahm. Aber mit „In Stone“ wartete eine ganz andere Art von Geschichte auf mich, und das fand ich sehr angenehm. Die Handlung wird von einem Mann erzählt, dessen bester Freund Nigel vor einiger Zeit gestorben ist. Seit Nigels Tod kann der Erzähler nicht mehr schlafen und streift deshalb nachts allein durch London. Bei diesen nächtlichen Spaziergängen begegnet ihm eines Tages eine merkwürdige Frau, deren Verhalten ihn in den folgenden Tagen intensiv beschäftigt. Richtig gruselig ist die Geschichte nicht, aber sie spielt auf interessante Weise mit der Idee der menschenfeindlichen Stadt – bei mir hat das zu einigen absurden Gedankenspielen geführt und sowas mag ich ja.

Helen Marshall: The Way She is with Strangers

Eine Geschichte über eine Stadt voller Menschen, die ihren Weg verloren haben, und über eine Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Menschen den Weg zu weisen. Ich bin mir auch eine ganze Weile nach dem Lesen noch nicht sicher, was ich von dem Ganzen halte, aber ich mochte die melancholische Atmosphäre der Geschichte und die Art und Weise, in der sie erzählt wurde.

M. R. Carey: We’ll always have Paris

„We’ll always have Paris“ wird erzählt von Inspector Philemon, der – kurz nach dem erfolgreich geschlagenen Krieg gegen Zombies – gegen einen Serienmörder ermittelt. Die Opfer wurden an verschiedenen Orten der Stadt gefunden, und jedes einzelne starb an einer ungewöhnlichen Kopfverletzung, doch es scheint – von der Todesart abgesehen – keine Verbindung zwischen den Toten zu geben, so dass der Inspector auch nach dem vierzehnten Opfer noch keine Spur zum Täter hat. Was eine normale Kriminalgeschichte sein könnte, bekommt hier durch den Schauplatz und den vor einiger Zeit geführten Krieg gegen Zombies in einen besonders düsteren Touch, den ich wirklich mochte. Auch gefiel mir die Wendung am Ende, die zwar nicht total überraschend kam, aber zu einer stimmigen Entwicklung bei Insector Philemon führte.

Cherie Priest: Good Night, Prison Kings

Eine überraschend coole Geistergeschichte rund um „seven pretty kittens and two prison kings“ oder auch um eine verstorbene Frau, ihr Leben und ihre Familie. Doch, die Geschichte gefiel mir.


Scott Sigler: Dear Diary

Irgendwie erinnert mich „Dear Diary“ an „In Stone“ (die zweite Geschichte in der Anthologie). Aber während „In Stone“ atmosphärisch war und meine Fantasie befeuert hat, fand ich „Dear Diary“ deutlich weniger reizvoll, was an der Vorhersehbarkeit der Handlung und dem Charakter des Protagonisten lag. Insgesamt war die Geschichte vor allem deprimierend und wenig gruselig.

Amber Benson: What I’ve always done

Gut erzählte, coole Geschichte über einen „Fixer“ und warum Monster sich nicht verlieben sollten. (Ich weiß nicht, ob Amber Benson im Laufe der Zeit einfach besser wurde als Autorin, oder ob mir ihre Kurzgeschichten einfach nur mehr liegen als ihre Romane, aber je kürzer die bislang gelesenen Geschichten, desto mehr habe ich sie genossen.)

Jonathan Maberry: Grit

Da ich von Jonathan Maberry nur Kurzgeschichten aus verschiedenen Anthologien kenne, fällt es mir immer schwer, seine Figuren einzuordnen. Diese Kurzgeschichte gehört zu den Monk-Addison-Geschichten, von denen ich bislang keine andere gelesen habe, und es gelingt dem Autor, eine schöne noir-Note in die Erzählung zu bringen. Die Hauptfigur ist ein Privatdetektiv, der zwar hauptsächlich Kautionsflüchtlinge jagt, dessen „Nebenjob“ sich aber mit deutlich düstereren Aspekten des Lebens beschäftigt. Ich mochte die Idee mit den Tätowierungen (auch wenn ich die eine oder andere Frage zum Thema Hygiene hätte 😉 ) und den Geistern, aber obwohl ich seine Figuren und Ideen mag, fällt mir immer wieder auf, dass Johnathan Maberry doch eher für eine männliche Zielgruppe schreibt.

Kasey Lansdale und Joe R. Lansdale: Dark Hill Run

Die Grundidee mochte ich eigentlich. Der Protagonist Johnny möchte sich das Rauchen abgewöhnen (unter anderem deshalb, weil er Läufer ist,) und geht deshalb zu einem Hypnotiseur. Doch obwohl durch die Hypnose die Nikotinsucht verschwindet, findet dadurch auch etwas vor langer Zeit Verdrängtes wieder einen Weg in Johnnys Leben. Die Vorgeschichte war nett erzählt und die Bedrohung, die in Laufe der Handlung auftaucht, war auch ganz gut beschrieben. Aber die Lösung für Johnnys Problem lag so sehr auf der Hand, dass ich beim „spannenden Showdown“ nur darauf wartete, dass der entscheidende Punkt endlich kommt – was definitiv zu Lasten der Spannung ging.

Simon R. Green: Happy Forever

Eine wunderbar bitter-böse Geschichte um einen professionellen Dieb und die Dinge im Leben, die man nicht stehlen sollte. Mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen, um nicht zu spoilern. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mit dem Einstieg in die Geschichte leichte Probleme hatte …

Paul Tremblay: The Society of the Monsterhood

Die Handlung spielt in einer rauen Gegend und wird ausgelöst durch vier Kinder, die dank eines Stipendiums jeden Morgen abgeholt werden, um in einer Privatschule unterrichtet zu werden. Diese „Bevorzugung“ der Kinder löst eine Entwicklung aus, die einen darüber nachdenken lässt, wer in so einer Nachbarschaft das größte Monster ist und wie solche Monster entstehen. Sehr gute Geschichte mit überraschender Wendung und einem nachdenklich machenden Ende.

Nathan Ballingrud: The Maw

Atmosphärische und verstörende Geschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird und bei der ich mir auch einige Tage nach dem Lesen nicht sicher bin, was ich davon halte (und wie der Autor begründen will, dass der Hund dem „Ruf“ gefolgt ist).

Tananarive Due: Field Trip

Eine eigentlich ganz normale Szene in der U-Bahn mit wunderbar unheimlichen Untertönen und ebenso beängstigenden Gedanken der Erzählerin. Sehr cool.

Christopher Golden: The Revelers

Eine Kurzgeschichte über Freundschaft und wie sie sich verändern kann. Ich muss gestehen, dass ich ein Problem mit den Figuren hatte, weil diese Feierabend-/Wochenend-Party-Besäufnis-Drogen-Welt auf mich noch nie einen Reiz ausgeübt hat. Ich mochte aber die Bilder, die die Geschichte heraufbeschworen hat und die mich an viele (alte) Filme erinnerten, die ich gern mag. Das Ende der Geschichte hingegen war eher deprimierend und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.

Ramsey Campbell: Stillness

Diese Geschichte hat mir wieder mal gezeigt, dass ein Autor dafür sorgen muss, dass mich seine Figuren interessieren, damit die Handlung mich packen kann. Dummerweise war mir der Protagonist Donald ziemlich egal, weil ich ihn vor allem langweilig fand. Er arbeitet in einem Charity-Laden, verbringt seine Abende mit Essen und Musikhören und gehört einem Buchclub an, der sich einmal im Monat trifft. Erst als er sich eines Tages über eine „lebendige Statue“ vor dem Laden aufregt, ändert sich sein Leben und er fühlt sich regelrecht von dieser gruseligen „Statue“ verfolgt. So unheimlich ich die Grundidee finde, so wenig hat mich Donalds Schicksal interessiert, und so hat mich die Geschichte auch nicht packen können.

Kealan Patrick Burke: Sanctuary

Erzählt wird die Geschichte von einem zehnjährigen Jungen, dessen größtes Hobby das Zeichnen und Schreiben ist. Die Handlung spielt an einem Sonntag, an dem der Junge seinen Vater (der nach der Kirche immer in der Kneipe versackt) zum Essen holen soll, und die Umgebung, die der Junge beschreibt, ist wirklich gruselig. Ein verlassener Stadtteil voller Schimmel und Moos, abgestorbener Bäume und Menschen ohne Hoffnung, die jeden Sonntag in die Kirche gehen und doch verloren sind … Am Ende kann man sich nicht ganz sicher sein, welcher Teil der fantastischen und gruseligen Geschichte „real“ ist und welcher nicht, oder welcher Teil in welcher Zeitebene spielt, aber gerade das macht den Reiz von „Sanctuary“ aus.

Sherrilyn Kenyon: Matter of Life and Death

Überraschend lustige Geschichte, wenn man bedenkt, dass „Dark Cities“ eine Horror- bzw. Dark-Fantasy-Anthologie ist. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der Lektorin Elliott, die zu Beginn von „Matter of Life and Death“ froh darüber ist, dass ihre Star-Autorin verstorben ist, auch wenn sie nicht weiß, welche Auswirkungen das finanziell auf den Verlag haben wird. Aber die Aussicht, nie wieder etwas mit dieser anstrengenden und gehässigen Frau zu tun haben zu müssen, hellt Elliotts Laune sehr auf – bis auf einmal Nachrichten von der verstorbenen Autorin eintreffen. Ein bisschen hatte ich am Ende das Gefühl, dass da eine Autorin ihre unterdrückten Gefühle gegenüber Lektoren sehr genussvoll in allen Facetten ausgelebt hat. 😀

Seanan McGuire: Graffiti of the Lost and Dying Playces

Sehr atmosphärischer und bedrückender Text über Gentrifizierung und das Sterben einer Stadt – aus der Sicht einer Protagonistin, die ihr Viertel früher so sehr geliebt hat und nun ausharren will, bis die letzten Spuren des früheren Lebens erloschen sind …


Nick Cutter: The Crack

Uhhh … Die Geschichte fand ich heftig, allein deshalb schon, weil das Thema Gewalt gegen Kinder für sich genommen schlimm genug ist und es gar nicht mal den Horroraspekt in der Handlung benötigte, damit einem das Ganze unter die Haut geht.

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Mit Anthologien verlasse ich eher mal meine Komfortzone und in der Regel finde ich darin – unabhängig vom Thema – spannende und faszinierende Geschichten. Auch „Dark Cities“ hatte einige wunderbar atmosphärische Texte zu bieten und Autoren, deren Erzählweise, Charaktere und Ideen mich auf unterschiedliche Weise gut unterhalten haben. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich am Ende von „Dark Cities“ vor allem mal wieder zu dem Schluss gekommen bin, dass Horror und Dark Fantasy eher weniger meine Genres sind. Denn je besser solch eine Geschichte ist, desto länger hält das unangenehme Gefühl beim Lesen an, desto länger drehen sich meine Gedanken um Elemente der Handlung – und das sind in der Regel keine Dinge, die ich in meinen Alltag mitnehmen möchte.