Schlagwort: Fantasy

Sophie Anderson: The House with Chicken Legs

Nur selten ist es mir wichtig, welches Cover ich bei einem Buch in den Händen halte, aber bei „The House with Chicken Legs“ von Sophie Anderson wollte ich unbedingt die türkise Hardcover-Ausgabe, weil ich die Holzhütte mit den Hühnerbeinen, den Zaun mit den Totenköpfen und die Protagonistin auf der Veranda so ansprechend fand. Der Roman erzählt die Geschichte der dreizehnjährigen Marinka, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem Haus mit Hühnerbeinen lebt. Ich habe mich schon auf den ersten Seiten in das Haus verliebt, das früher mit Marinka Fangen oder Verstecken gespielt hat, das alles tat, damit es seinen Bewohnerinnen gut geht, und dessen Füße nach einem langen Weg auch mal eine Abkühlung benötigten oder das in schlimmen Momenten Trost und Aufmunterung gebrauchen konnte.

Auch Marinkas Baba fand ich wunderbar, weil sie so liebevoll und fürsorglich war, obwohl das Mädchen es ihr oft nicht leicht gemacht hat. Mit Marinka hingegen hatte ich im Laufe der Handlung so einige Probleme und das nicht nur, weil ich definitiv kein Teenager mehr bin, sondern auch, weil Marinka regelmäßig Entscheidungen getroffen hat, von denen sie selbst wusste, dass sie falsch waren. Von Anfang an wird klar, dass Marinka mit dem einsamen Leben bei ihrer Großmutter nicht zufrieden ist. Sie will rausgehen, sie will andere Kinder kennenlernen, die Schule besuchen und nicht jede Nacht die Toten durch das magische Tor zu den Sternen geleiten. Das alles sind nachvollziehbare Bedürfnisse, doch statt mit ihrer Großmutter, die immer für sie da war, zu reden, beginnt sie sich in Lügen zu verstricken, gegen Regeln zu verstoßen, die nicht nur für das Überleben der Baba Yagas wichtig sind, und macht es mit jeder Entscheidung nur noch schlimmer.

Zum Glück entwickelt sich Marinka im Laufe der Geschichte weiter, und bis es endlich dazu kam, habe ich einfach diese wunderbare Variante einer Baba-Yaga-Geschichte genossen. Sophie Andersons Baba Yagas sind liebevolle Personen, die Nacht für Nacht die Seelen der Toten in ihr Haus einladen und ihr gelebtes Leben mit ihnen feiern, um sie am Ende der Nacht zu einem Tor zu geleiten, das die Seelen zu den Sternen bringt. So sind die Baba Yagas ein wichtiger Teil des Kreislaufs von Leben und Tod, wobei ihre Nähe zu den Geistern, die Magie ihres Hauses und all die Geheimnisse, die sie durch ihre Aufgabe hüten, dafür sorgen, das sie die Lebenden nicht zu nah an sich heranlassen dürfen. Und während Marinka sehr darunter leidet, dass ihre Großmutter die einzige Person ist, zu der sie eine Beziehung haben kann, scheint ihre Baba zufrieden damit zu sein, den Toten einen letzten schönen Moment zu bereiten, bevor ihre Reise weitergeht.

Es wird deutlich, dass jede Baba Yaga ihren eigenen Weg finden muss, wie sie mit ihrer Aufgabe und dem damit verbundenen einsamen Leben zurechtkommt, und ich muss zugeben, dass ich darüber gern noch mehr erfahren hätte. So hingegen habe ich vor allem Marinka dabei beobachtet, wie sie – mit vielen Umwegen und Problemen – herausfindet, wie sie das Leben in ihrem Haus mit Hühnerbeinen und all die Dinge, die sie gern tun würde, miteinander verbinden kann. Und auch wenn ich es nicht immer einfach fand, Marinka dabei zu begleiten, und regelmäßig das Bedürfnis hatte, sie zu schütteln, so mochte ich das Ende von „The House with Chicken Legs“ ebenso sehr wie all die Details zu den Baba Yagas und ihren Häusern, die Sophie Anderson sich für ihren Roman ausgedacht hat. Aber ich bin ja eh schnell für Geschichten zu begeistern, in denen solch großartige Häuser vorkommen, vor allem, wenn die Autorin drumherum auch noch eine so wunderbar ungewöhnliche Handlung rund Themen wie Verlust, Trauer, Familie, Freundschaft und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt gewoben hat.

Aliette de Bodard: In the Vanishers‘ Palace

Von Aliette de Bodard hatte ich vor „In the Vanishers‘ Palace“ nur Kurzgeschichten gelesen; da ich diese aber sehr mochte, wollte ich von der Autorin gern auch mal einen Roman lesen. „In the Vanishers‘ Palace“ spielt in einer postapokalyptischen vietnamesischen Welt, die von den „Vanishers“ ausgebeutet und zerstört wurde, bevor diese die Welt wieder verließen und es den Menschen überließen, mit all den Folgen fertig zu werden. Für die Menschen bedeutet dies ein Leben voller Hunger, Armut und Angst vor den diversen Krankheiten, die durch die Vanishers verursacht wurden. Einzige Hoffnung gegen all dies bietet die traditionelle Magie, doch das magische Wissen der Menschen ist kaum noch vorhanden, und nur wenige sind überhaupt in der Lage, Magie zu wirken. Strenge Hirachien haben sich in den verbliebenen Ortschaften ausgebildet, und wer für die Gemeinschaft nicht mehr von Nutzen ist oder an einer ansteckenden Krankheit leidet, wird aus den Dörfern vertrieben oder zeremionell getötet.

Erzählt wird die Handlung in „In the Vanishers‘ Palace“ vor allem aus der Sicht von Yên, die als Lehrerin in einem kleinen Dorf lebt und (so gut es geht) ihre Mutter unterstützt, die wiederum die Heilerin des Ortes ist. Als die Tochter einer der einflussreichsten Personen an einer tödlichen Krankheit leidet, sieht sich Yêns Mutter zu drastischen Maßnahmen gezwungen und ruft einen Drachen herbei – wohl wissend, dass ein Drache seine Magie niemals wirkt, ohne einen gerechten Preis dafür zu verlangen. Aus dieser Ausgangssituation erschafft Aliette de Bodard eine fantastische Geschichte, die die vertrauten Elemente aus „Beauty and the Beast“ als Basis hat und durch vietnamesische Sagen, zwei starke Protagonistinnen sowie eine ungewöhnliche und wunderschöne Liebesgeschichte bereichert wird.

Es gelingt der Autorin, so viele Dinge in ihre Geschichte zu packen, dass ich gar nicht so recht weiß, wo ich anfangen soll und was ich überhaupt erwähnen kann, ohne zu viel über die Handlung zu verraten. Vor allem haben mich Aliette de Bodards Figuren beeindruckt, denn sie sind – unabhängig davon, wie viel Macht oder Wissen sie haben – glaubwürdig gestaltet mit Stärken und Schwächen, die im Leser nachklingen. Selbst Vu Côn, die als Drache über mehr Magie, Lebenserfahrung und Wissen verfügt als alle anderen Charaktere in diesem Roman, muss sich im Laufe der Geschichte ihren Schwächen und Fehlentscheidungen stellen und sich weiterentwickeln, und wie es dazu kommt, ist wirklich berührend zu verfolgen. Am Schluss des Romans steht vor allem die Erkenntnis, dass es eigentlich egal ist, ob jemand ein Mensch, ein Drache oder gar ein Vanisher ist, denn nicht die Herkunft und die Fähigkeiten, sondern die Entscheidungen, die eine Person trifft, machen einen aus. So ist es nur stimmig, dass „In the Vanishers‘ Palace“ kein rosiges Happy End aufweist, sondern ein Ende, das viele Wege für die Zukunft der beteiligten Figuren ermöglicht und ihnen zeigt, dass es in ihren Hände liegt, daraus das Beste zu machen.

Zen Cho: Sorcerer to the Crown

Bevor ich „Sorcerer to the Crown“ von Zen Cho überhaupt angefangen hatte, hatte ich schon von einigen Leuten gehört, dass sie von der Geschichte wirklich begeistert gewesen seien. Ich hingegen muss zugeben, dass ich den Roman zwar sehr gern gelesen habe und auch weitere Bücher von Zen Cho lesen möchte, aber die überschwengliche Begeisterung für die Geschichte nicht teilen kann. Zen Cho erzählt ihre Handlung aus zwei Perspektiven: Zacharias ist der erste schwarze Zauberer Großbritanniens und Erbe seines Adoptivvaters Sir Stephen Wythe, während Prunella ihr bisheriges Leben an einer Schule verbracht hat, an der junge Damen der Gesellschaft lernen sollen, ihre Zauberkräfte zu unterdrücken. Beide Protagonisten haben einen schweren Stand in einer Gesellschaft, in der Herkunft mehr zählt als Talent und in der weder farbige Personen noch (magiebegabte) Frauen besonders wohlgelitten sind.

Ich kann nicht behaupten, dass ich die Welt mochte, die Zen Cho für ihren Roman geschaffen hat (zumindest nicht den Teil, der von alten weißen Männern dominiert wurde 😉 ), aber mir gefiel die Art und Weise, wie die Autorin diese Welt dargestellt hat. Zacharias und Prunella leben in einem alternativen historischen Großbritannien, in dem die britischen Ressourcen im Krieg gegen Frankreich aufgerieben wurden und in dem die Regierung verzweifelt neue Wege sucht, um siegreich aus all den Kämpfen hervorzugehen. Auch die Zauberer, die sich aus rechtlichen Gründen aus dem Kriegstreiben herausgehalten haben, müssen einen eklatanten Mangel an Magie verzeichnen und deshalb um ihre Position in der Gesellschaft bangen. So muss Zacharias, der nach dem Tod seines Mentors Sir Stephen Wythe die Postion des Zauberers der Krone übernommen hat, nicht nur dieses Problem lösen, sondern auch mit dem Rassismus innerhalb der Zaubergesellschaft fertigwerden. In dieser Situation ist es nicht gerade hilfreich, dass er über eine besonders magiebegabte junge Dame stolpert und es als seine Pflicht ansieht, sie auszubilden, obwohl Frauen in dieser Welt die hohe Kunst der Zauberei eigentlich nicht erlaubt ist.

Prunella hingegen ist aus mehreren Gründen nicht gerade entzückt von der Aussicht auf ein Magiestudium. Doch da sie nicht länger in Mrs. Daubeneys Schule bleiben kann und Zacharias Prunella nach London mitnehmen will, wo sie größere Chancen hätte, einen potenziellen Ehemann zu treffen, lässt sie sich auf dieses unerwartete Ausbildungsverhältnis ein. Ich muss gestehen, dass ich Prunella als Charakter oft schwierig fand. Ich kann verstehen, dass es ihr schwerfällt, ihren Mitmenschen zu vertrauen, und dass sie relativ „egozentrisch“ handelt, weil es nun einmal schwierig für eine mittellose Frau ohne Familie oder Vermögen ist, zu überleben. Ich fand es aber auch frustrierend mitzuverfolgen, dass sie nicht ein einziges Mal ihre Pläne hinterfragte, dass sie ständig impulsiv irgendwelchen Mist baute und nie die Folgen ihres Tuns auf ihr Umfeld in Betracht zu ziehen schien. Gerade angesichts der Zeit, die sie als Mischung aus „Tochter des Hauses“, Ersatzlehrkraft und Dienstmädchen an der Schule von Mrs. Daubeney verbracht hat, hätte ich mehr Vernunft und Reife bei ihr erwartet und ein besseres Gespür für die Konsequenzen, die ihr Handeln mit sich bringt.

Zacharias hingegen ist mir schnell sympathisch gewesen mit seiner Mischung aus Pflichtbewusstsein, Dankbarkeit und verstecktem Groll. Er gibt sein Bestes, auch wenn die Bedingungen nicht einfach sind, und er ist eindeutig jemand, der die Freunde, die ihm im Laufe der Geschichte zur Seite stehen, verdient hat. Ich mochte seine Gespräche mit seinem verstorbenen Mentor Sir Stephen Wythe und die Lösung, die er am Ende für all die Probleme fand, die ihn, Prunella und die Zauberer von Großbritannien auf Trab hielten. Aber so gern ich „Sorcerer to the Crown“ gelesen habe, so gern ich die Welt kennengelernt und mich an vielen Details und Figuren erfreut habe, so hat mich der Roman emotional doch nicht gepackt. Ich kann nicht sagen, warum das der Fall ist, denn theoretisch verfügt die Geschichte über all die Elemente, die ich an fantastischen, historischen Büchern mag.

„Sorcerer to the Crown“ spielt zu einer Zeit, die ich mag, hat zwei Protagonisten, die sich im Laufe der Handlung gut ergänzen, verfügt über wunderbare fantastische Elemente und theoretisch gibt es auch einige humorvolle Szenen. Aber diese Szenen haben mich (ebenso wie die melancholischeren Momente) nicht wirklich gepackt. Ich habe die betreffenden Passagen gelesen, für nett befunden und bin weitergegangen, während ich bei anderen Autorinnen überrascht aufgelacht, gekichert oder mir eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt hätte. Viele Entwicklungen, die Zen Cho in ihre Handlung eingebaut hatte, fand ich relativ vorhersehbar, was nicht bedeutet, dass ich sie nicht gern verfolgt hätte, aber so habe ich beim Lesen die Spannung und Überraschung vermisst, die eine gute und solide Geschichte für mich zu einem mitreißenden Roman macht. Wie schon eingangs erwähnt, habe ich mich trotzdem gut genug unterhalten gefühlt, dass ich auch weitere Bücher der Autorin lesen mag („The True Queen“ sitzt schon auf dem Wunschzettel), aber ich hoffe trotzdem, dass Zen Cho mich mit dem nächsten Roman beim Lesen auch emotional anspricht.

Diana Wynne Jones: The Game

Bei „The Game“ von Diana Wynne Jones bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich das Buch vorher schon mal gelesen hatte oder nicht. Es weckt auf jeden Fall starke Erinnerungen an andere britische Kinderbuchklassiker (die ich als Kind gelesen habe) in mir, und gerade gegen Ende gab es ein paar Szenen, die mir sehr vertraut vorkamen. Wenn ich es jemals gelesen habe, dann war es auf jeden Fall eine deutsche Ausgabe und ist schon sehr, sehr lange her. In „The Game“ erzählt Diana Wynne Jones die Geschichte der jungen Hayley, die bei ihren Großeltern aufwächst, bis sie – aus ihr unbekannten Gründen – bei ihrer Großmutter in Ungnade fällt und innerhalb weniger Stunden zur Verwandtschaft nach Irland geschickt wird. Von Anfang an wird deutlich, dass Hayley bei ihren Großeltern nicht gerade ein glückliches Leben hatte, da ihre Großmutter sehr strikte Vorstellungen davon hatte, wie Hayley sich zu benehmen hat und mit wem sie Kontakt haben darf. Das führte dazu, dass Hayley nicht nur daheim von der Großmutter unterrichtet wurde, sondern auch dazu, dass ihr einziger sozialer Umgang in den Großeltern, den ständig wechselnden Dienstmädchen und den seltenen Besuchen ihres Onkels Jolyon bestand.

Umso überwältigter ist Hayley, als sie entdeckt, dass sie in Irland Unmengen an Verwandtschaft hat, die sie vorher noch nicht kannte. Ihre diversen Tanten nehmen sie herzlich in Empfang, und auch all die Cousins und Cousinen sind zum Großteil sehr nett zu ihr und bringen ihr unter anderem die Regeln ihres ganz privaten, besonderen Spiels bei. Dieses Spiel führt Hayley in die Mythosphäre, von der ihr Großvater ihr schon erzählt hat und deren verschiedene Stränge durch all die vielen unterschiedlichen Geschichten und Legenden auf der Welt entstehen. Hayley und die anderen sind sich dabei durchaus bewusst, dass die Mythosphäre für sie verboten ist, aber die Abenteuer, die es dort zu erleben gibt, sind zu verlockend, um diesem Verbot zu folgen. Die Mythosphäre bietet dabei wunderschöne, aber auch sehr grausame Elemente, und vermutlich ist es gerade der Kitzel, der durch das Bewusstsein entsteht, wie gefährlich diese Ausflüge sind, der das Spiel so verlockend für Hayley und ihre Verwandtschaft macht. Erst im Laufe der Zeit erfährt Hayley, dass ihre Großeltern ihr in der Vergangenheit nicht nur den Zugang zur Mythosphäre, sondern auch noch viele andere Geheimnisse vorenthalten haben.

Ich mochte Hayley, ihre Familie und die diversen anderen Charaktere ebenso sehr, wie die Szenen, die in der Mythosphäre spielen. Als Leser muss man bei „The Game“ erst einmal einige Dinge hinnehmen und auch am Ende der Geschichte damit leben, dass Diana Wynne Jones nicht für jeden Vorfall und jede Figur eine Erklärung bietet. Ich habe einige Rezensionen gesehen, die dies als Kritikpunkt hervorgehoben haben und den Mangel an „Weltenbau“ beklagten, aber für mich ist das einfach ein stimmiges Mittel für diese Art von Geschichten. Zum einen bietet die Handlung so Raum für die Fantasie des Lesers, und zum anderen müssen viele Dinge nicht erklärt werden, wenn man sich mit klassischen (griechischen) Sagen auskennt. Dabei kann man „The Game“ meiner Meinung nach auch genießen, wenn man nicht all die Verweise und Anspielungen auf die griechische Götter- und Sagenwelt zuordnen kann. Außerdem gibt es zumindest in meiner Ausgabe des Buches (ISBN 9780007267132) Anhänge, die mehr über die verschiedenen Sagengestalten, über Planeten, Sternzeichen und ähnliches erzählen, um das notwendige Hintergrundwissen nachschlagen zu können, wenn man das möchte.

Grundsätzlich mag ich diese Anspielungen auf die klassische Sagenwelt und den recht respektlosen Umgang mit den diversen Göttern und ihren Geschichten. Ich glaube nicht, dass ich etwas Vergleichbares jemals in deutschen Kinderbüchern gefunden habe, während ich wirklich viele britische Kinderbücher kenne, bei denen ganz selbstverständlich und ohne jede weitere Erklärung Götter, Jahreszeiten, Planeten usw. in die Handlung eingeflochten wurde, um der Geschichte so einen fantastischen Touch zu verleihen. Wer also ebenfalls solche Elemente mag und keine detaillierten Erklärungen rund um die beschriebene fantastische Welt benötigt, der wird mit „The Game“ vermutlich viel Spaß haben. Ich persönlich mochte Hayley und den Großteil ihrer Familie ebenso wie das russische Kindermädchen, die Straßenmusiker und all die amüsanten und seltsamen Begebenheiten, die sie mit ihnen erlebte.

Katie O’Neill: Princess Princess Ever After (Comic)

„Princess Princess Ever After“ von Katie O’Neill ist ein zuckersüßer Comic über zwei Prinzessinnen, die sich gegenseitig „retten“, und mein größter Kritikpunkt an der Geschichte ist, dass sie mit gut fünfzig Seiten einfach viel zu kurz ist. 😉 Entstanden ist „Princess Princess Ever After“ aus einem Online-Comic und ich vermute, dass das der Grund ist, warum die einzelnen Episoden, die die beiden Prinzessinnen erleben, relativ kurz sind. Diese Kürze ändert aber nichts daran, dass Katie O’Neill eine süße und amüsante Geschichte über zwei junge Frauen erzählt, die auf ihre ganz eigene Weise einen Weg in der Welt finden müssen und sich gegenseitig dabei unterstützen.

Zu Beginn des Comics lebte Sadie – wie es sich für eine Prinzessin in Nöten gehört – eingesperrt in einen Turm, wo sie von einem (ziemlich süßen) Drachen bewacht wird. Die blonde Prinzessin scheint anfangs nicht allzu entzückt davon zu sein, dass schon wieder jemand gekommen ist, um sie zu retten. Doch dem Enthusiasmus von Prinzessin Amira und ihrem Plätzchen-liebenden Einhorn kann auch Sadie nicht widerstehen, und so machen sich die beiden jungen Frauen wenig später gemeinsam auf den Weg, um Amiras Mission fortzuführen und Personen zu finden, die Hilfe benötigen könnten. Auf ihrer Reise stolpern die beiden über einen Oger, der ein Dorf zerstört, einen Prinzen in Schwierigkeiten und eine böse Zaubererin und werden in der Regel auf ganz eigene Art mit all diesen Herausforderungen fertig.

Ich fand es lustig zu verfolgen, wie Amira, die wild entschlossen ist zu beweisen, dass eine Prinzessin ebenso gut (wenn nicht besser) wie ein Prinz heroische Taten vollbringen kann, auf traditionelle Weise an ein Problem heranging. Sadie hingegen ist nicht nur sehr freundlich, sondern denkt auch außerhalb der gewohnten Bahnen und zeigt Amira so immer wieder, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, um auf eine Herausforderung zu reagieren. Auf der anderen Seite hat Sadie keine besonders hohe Meinung von sich selbst, während Amira keinerlei Fehler an Sadie finden kann (wenn man von ihrer fehlenden Musikalität absieht). Auch Prinz Vladric findet durch die Bekanntschaft mit den beiden Prinzessinnen den Mut, sein Leben so zu führen, wie er es möchte, statt den Erwartungen der Gesellschaft (und seines Vaters) nachzugeben.

Im Laufe des Comics erfährt man auch ein wenig über die Gründe, die dazu geführt haben, dass Sadie so wenig Selbstvertrauen hat und dass Amira so wild entschlossen ist, ihren Weg in der Welt zu finden, ohne dass ein Prinz sie beschützt. Da ich diese beiden Charaktere so toll finde, ist es umso bedauerlicher, dass Prinz Vladric die ganze Zeit von Amira nur „Butthead“ genannt wird. Amira ist eindeutig der bessere „Prinz“ von den beiden, aber das ist für mich keine ausreichende Entschuldigung, um jemanden zu verspotten, der den gesellschaftlichen Erwartungen genauso wenig entspricht wie sie selber. Von diesem Punkt abgesehen beweist Katie O’Neill bei den verschiedensten Themen ein wunderbares Fingerspitzengefühl, zum Beispiel wenn es um die Beziehung zwischen Sadie und Amira geht, um die Erwartungen der Gesellschaft an Prinzessinnen und Prinzen oder um die systematische Untergrabung von Sadies Selbstbewusstsein durch ein Familienmitglied.

Auch die Zeichnungen (inklusive Kolorierung) haben mir gut gefallen. Katie O’Neills Stil ist einfach, aber ausdrucksstark, und die Atmosphäre der verschiedenen Szenen wird durch die – mal heitere, mal düstere – Farbgebung sehr schön betont. Ich mochte auch den Humor in der Geschichte und die unerwarteten Wendungen, die die Handlung immer wieder nahm. Am Ende finde ich es einerseits schade, dass es so lange gedauert hat, bis ich den Comic endlich gelesen habe, und freue mich anderseits darüber, dass die Künstlerin schon ein paar weitere Veröffentlichungen auf den Markt gebracht hat, die natürlich prompt auf den Wunschzettel gewandert sind. Ich denke, als nächstes werde ich mir „The Tea Dragon Society“ gönnen – und sei es nur, weil ich den Titel so nett finde.

Kelly McCullough: Magic, Madness, and Mischief

Nachdem ich in diesem Jahr endlich die Reihe rund um die „zerborstene Klinge“ beendet hatte, wurde es Zeit, zu einer anderen Art von Buch von Kelly McCullough zu greifen. „Magic, Madness, and Mischief“ ist eines der wenigen Jugendbücher des Autors und – wenn man nach seinen Tweets zu dem Roman gehen kann – in vielen Elementen (rund um das Thema psychische Probleme) sein persönlichstes Buch. Die Handlung dreht sich um den (fast) dreizehnjährigen Kalvan, dessen Träume zu Beginn der Geschichte seit einiger Zeit von Feuer bestimmt werden. Doch er träumt nicht nur von Feuer, sondern wacht auch mit Ruß- und Aschespuren an seinen Füßen auf, ohne dass er weiß, woher diese Spuren stammen könnten. Da seine Mutter psychisch nicht ganz stabil ist, ist Kalvan sich eine Zeit lang nicht sicher, ob er nicht einfach nur dieselben Symptome zeigt wie sie, denn eine andere Erklärung für all die Erlebnisse – inklusive eines zufällig beschworenen Hasen aus Feuer – wäre zu fantastisch, um real sein zu können.

Doch als Kalvan sich damit abfindet, dass er über Feuermagie verfügt, muss er lernen, diese Magie in den Griff zu bekommen. Feuer kann ein nützliches Werkzeug sein, wenn man es kontrolliert einsetzt, aber eben auch ein verherrendes Element, wenn es unkontrolliert freigelassen wird. Die Herausforderungen beim Umgang mit Magie, die alltäglichen Probleme, die Kalvan mit seinem Stiefvater hat, die Sorgen, die sich der Junge um seine Mutter macht, und die Entdeckung, dass der hiesige Winterkönig versucht, die Region rund um die Stadt St. Paul für immer unter seine Regentschaft zu bringen, sorgen für eine spannende Geschichte. Zu meiner eigenen Überraschung hat „Magic, Madness, and Mischief“ bei mir an einigen Stellen sogar ein „Diana-Wynne-Jones-Gefühl“ hervorgerufen, weil das Buch einen vergleichbaren Mix aus Humor, Alltäglichkeiten und Magie mit sich bringt wie die Romane der Autorin. Wobei der Stil von Kelly McCullough natürlich deutlich moderner ist, aber das ändert nichts daran, dass für mich auch diese Geschichte eine eindeutige Wohlfühllektüre war.

Ich mochte Kalvan sehr, weil dieser auf der einen Seite seit Jahren versucht, auf seine Mutter aufzupassen, und Angst davor hat, dass er dieselben psychischen Probleme wie sie entwickeln könnte, und auf der anderen Seite ein ganz normaler Junge ist, der auch mal eine Schulstunde schwänzt, um mit seinem besten Freund abzuhängen. Seine Freundschaft zu Dave, seine Leidenschaft fürs Theaterspielen und seine langsam wachsende Beziehung zu Sparx, dem Feuerhasen, machen Kalvan – auch wegen der Momente, in denen er Mist baut, Angst zeigt oder einfach nur ein frustrierter Jugendlicher ist – zu einem stimmigen und glaubwürdigen Charakter.

Die Geschichte umspannt mehrere Monate, was sich ebenfalls richtig anfühlt, weil Kalvan erst nach und nach über all die magischen Elemente in der Welt erfährt und Zeit benötigt, um mit seinem eigenen magischen Erbe umzugehen. Die Handlung über so einen langen Zeitraum zu erzählen, baut zwar kein Gefühl von Dringlichkeit auf, bietet Kelly McCullough aber einige Gelegenheiten für amüsante oder berührende Momente, die ich wirklich genossen habe, ebenso wie die bunte Mischung aus mythischen Figuren und eigenen Elementen, die die Magie in dieser Geschichte ausmacht. Am Ende bedauere ich nur eine Sache: Es dauert noch ein paar Monate, bis die Fortsetzung „Spirits, Spells, and Snarks“ als Taschenbuch erscheint. 😉

Diana Wynne Jones: The Time of the Ghost

Nachdem ich vor ein paar Tagen mit „Eight Days of Luke“ so viel Spaß hatte, dachte ich, dass es an der Zeit wäre, eine ganz andere Art von Roman von Diana Wynne Jones auszuprobieren. „The Time of the Ghost“ ist eine ziemlich unheimliche Geschichte, wenn man sie mit anderen Veröffentlichungen der Autorin vergleicht. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des Geists eines Mädchens, der sich eines Tages auf einer Straße wiederfindet und nicht weiß, wie er dort hingekommen ist. So nach und nach erinnert sich dieser Geist daran, dass er eine von vier Schwestern ist, dass er in einer Schule lebt, die von seinem Vater geleitet wird, und dass irgendwas vollkommen verkehrt gelaufen ist. Doch was genau passiert ist, weiß dieser Geist nicht und macht sich deshalb daran, mehr über die Familie, die Schwestern und seine Lebensumstände herauszufinden. (Findet ihr es auch so verwirrend, dass Geister grammatisch immer männlich sind, obwohl dieser Geist ein Mädchen ist?)

Diana Wynne Jones nimmt sich viel Zeit, um den Geist und die Schwestern Charlotte (Cart), Selina (Sally), Imogen und Fenella Melford und ihre Lebenssituation vorzustellen. Dabei wird schnell deutlich, dass die vier Schwestern von ihren Eltern in jeder Hinsicht vernachlässigt werden und auf sich allein gestellt sind, was zu viel Reibung zwischen den vier Mädchen führt. Laut eigener Aussage hatte die Autorin bei der Darstellung der Lebensumstände der Schwestern auf ihre eigenen Kindheitserfahrungen zurückgegriffen, nur dass sie diese deutlich gemildert dargestellt hat, weil sie davon ausging, dass die von ihr beschriebene Familie den Lesern sonst zu unglaubwürdig vorkäme.

Auch ohne den Gedanken im Hinterkopf, dass die Situation der Melford-Schwestern auf Diana Wynne Jones‘ eigene Erlebnisse zurückgeht, sind diese Passagen nur schwer zu lesen. Auf der einen Seite ist es natürlich lustig zu sehen, was die Schwestern mit all ihrer Freiheit anstellen – hier und da gab es sogar Momente, die bei mir ein Pippi-Langstrumpf-Gefühl hervorriefen. Auf der anderen Seite lässt sich nicht übersehen, wie verzweifelt die vier Mädchen versuchen, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu wecken, und wie ungesund dieses Leben (in physischer und psychischer Hinsicht) für die Schwestern ist. Dazu kommt noch die Existenz des Geistes, die eindeutig auf ein fürchterliches Ereignis hindeutet, auch wenn man als Leser in der ersten Hälfte der Geschichte absolut keine Vorstellung davon hat, was passiert sein könnte.

Gerade diese Ungewissheit lässt einen den Roman gespannt und voller Aufmerksamkeit lesen, weil man sich immer wieder fragt, welche der Figuren für den Zustand des Geistes verantwortlich sein könnte und welche der auf den ersten Blick relativ harmlos wirkenden Situationen zum Tod einer der vier Schwestern geführt haben könnte (oder führen wird). Denn auch wenn alle vier Schwestern zu Beginn der Geschichte vorkommen, so ist sich der Geist sicher, dass er eine von ihnen ist, und es gibt für den Leser keinen Grund, an dieser Gewissheit zu zweifeln. Trotz all der düsteren Elemente in „The Time of the Ghost“ gibt es natürlich auch so einige amüsante Szenen, wenn es um die Interaktion der vier Schwestern mit anderen Personen geht oder um ihre Bemühungen, mit dem Geist zu kommunizieren – ganz ohne Humor kommen Diana-Wynne-Jones-Romane einfach nicht aus..

Am Ende ist es der Zusammenhalt der vier Schwestern, der trotz aller Rivalität, Eifersucht und Einmischungen einer unheimlichen Macht dazu führt, dass man den Roman nach einem spannenden Ende (inklusive einem Blick in die Zukunft) mit einem hoffnungsvollen Gefühl aus den Händen legt. „The Time of the Ghost“ ist bislang wohl der Titel von Diana Wynne Jones, den ich am wenigsten als „Wohlfühlbuch“ bezeichnen würde, aber ich habe die unheimliche Atmosphäre der Geschichte sehr genossen, fand die Grundidee faszinierend und war so gespannt auf die Auflösung des Ganzen, dass ich den Roman nicht aus der Hand legen wollte.

Diana Wynne Jones: Eight Days of Luke

„Eight Days of Luke“ gehört zu den Büchern von Diana Wynne Jones, die ich noch nie zuvor gelesen hatte. Da es aber ein schmaler Band ist und mir in den letzten Tagen nach klassischer britischer Fantasykost war, schien die Geschichte genau die richtige Wahl für einen entspannten Urlaubstag zu sein. Die Handlung wird aus der Sicht von David erzählt, dessen Sommerferien zu Beginn des Romans gerade erst begonnen haben. Doch im Gegensatz zu seinen Mitschülern freut sich David nicht besonders auf die kommenden Wochen, da die Verwandten, bei denen er seit dem Tod seiner Eltern die Ferienzeit verbringt, nicht gerade begeistert von seiner Anwesenheit sind. Doch in diesen Sommerferien läuft es nicht wie gewohnt, und statt wochenlang Matheunterricht im Feriencamp von Mr. Scrum zu bekommen, löst David einige ungewöhnliche Ereignisse aus, als er seinen neuen Freund Luke kennenlernt.

Ich muss gestehen, dass ich eine Schwäche für diese Art von fantastischen Geschichten (für Kinder) habe. Diana Wynne Jones hat auch für „Eight Days of Luke“ wieder einen Protagonisten gewählt, dessen Ausgangssituation nicht gerade optimal ist, der aber versucht, das Beste aus einer Lage zu machen und sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Als nun Luke in Davids Leben tritt, passieren lauter Dinge, die sein gewohntes Leben auf den Kopf stellen, die ihn in Gefahr bringen oder in denen er Aufgaben übernehmen muss, die ihm vorher nie in den Sinn gekommen sind. Dabei erklärt die Autorin keine Hintergründe, sondern man muss als Leser die verschiedenen Situationen hinnehmen oder sich seine eigenen Gedanken zu den Charakteren machen – was mich in diesem Fall an einigen Stellen fast ein bisschen überfordert hat, weil mein Wissen über nordische Götter nicht so leicht abrufbar ist, wie ich es gern gehabt hätte. 😉

Davids Erlebnisse mit Luke haben mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht, ebenso die Einmischung der diversen Götter in Davids Leben. Auch wenn ich so manche „Lektion“, die David aus den verschiedenen Ereignissen mitgenommen hat, etwas sehr offensichtlich fand, hat mich das beim Lesen nicht gestört, weil Diana Wynne Jones die Geschichte so liebevoll und kurzweilig erzählt hat. Ich habe „Eight Days of Luke“ allerdings als altmodischer empfunden als einige andere Romane der Autorin und würde die Geschichte deshalb nicht zu ihren besten Werken zählen. Aber wer amüsante britische Fantasybücher für Kinder mag und sich nicht an der etwas belehrenden und episodenhaften Erzählweise stört, wird mit dem Buch gewiss einige unterhaltsame Lesestunden verbringen können (und zwischendurch vielleicht sogar dazu animiert, sein Wissen über nordische Götter aufzufrischen, um die verschiedenen Figuren zuordnen zu können).

S. A. Patrick: A Darkness of Dragons (Songs of Magic 1)

„A Darkness of Dragons“ von S. A. Patrick hatte ich relativ spontan Ende letzten Jahres auf meinen Wunschzettel gesetzt, weil ich die Mischung aus „Drachen“ und „Rattenfänger von Hameln“, die der Klappentext versprach, sehr reizvoll fand. Große Erwartungen hatte ich an das Buch nicht, weshalb ich beim Lesen umso erfreuter war, weil ich die Geschichte rundum genossen und nur ungern eine Pause eingelegt habe. Die Handlung beginnt in einem kleinen, verschneiten Dorf in den Bergen, in dem die Bewohner aufgrund einer Rattenplage überaus verzweifelt sind, da die Tiere die Vorräte bedrohen, die die Menschen zum Überleben der Wintermonate benötigen. Als dann ein junger (und halb erfrorener) „Piper“ das Dorf erreicht, scheinen die Vorräte gerettet. Doch der dreizehnjährige Patch ist kein ausgebildeter Piper, sondern nur ein ehemaliger Piper-Lehrling auf der Flucht, und natürlich geht bei seinem Rettungsversuch einiges schief. Wenig später landet Patch für seine aktuellen und früheren Vergehen in dem Gefängnis, in dem auch der berühmte und gefürchtete Rattenfänger von Hameln seit zehn Jahren festgehalten wird, doch natürlich bleibt er da nicht für immer – schließlich ist das gerade mal der Anfang der Geschichte.

Es gibt sehr viele Elemente, die ich an „A Darkness of Dragons“ mochte, wie zum Beispiel die Welt, die sich der Autor dafür ausgedacht hat. Diese ist zwar nicht besonders komplex oder durchdacht, aber mir gefiel die Mischung aus vertrauten „märchenhaft-mitteralterlichen“ Aspekten und der Rolle, die die Piper in dieser Gesellschaft spielen. Sie unterstehen keinem König und können theoretisch von jedem angeheuert werden, um mit ihrer Magie das Leben der Menschen zu verbessern (zum Beispiel bei der Bekämpfung einer Plage oder beim Heilen von Krankheiten) oder zu zerstören (zum Beispiel in Kriegszeiten, wenn die Piper Soldaten mit ihrer Magie stärker und ausdauernder machen oder gar direkt feindliche Truppen mit ihrer Magie töten). Auf der anderen Seite gibt es innerhalb der Piper einen Orden, der unentgeldlich für Recht und Ordnung sorgt, der Gesetze durchsetzt und den Missbrauch von (Piper-)Magie verhindert. Dieser Orden war es auch, der vor gut zehn Jahren dafür gesorgt hatte, dass der Rattenfänger von Hameln für seine Verbrechen an den Menschen und Drachen inhaftiert wurde und nie wieder Magie ausüben konnte. Im Laufe der Geschichte muss Patch erkennen, dass die Gefahr durch den Rattenfänger von Hameln noch lange nicht vorbei ist und dass dieser Verbrecher – nachdem er damals über hundert Kinder und mehr als hundert junge Drachen getötet hatte – die vergangenen Jahre genutzt hat, um weitere Pläne zu schmieden.

So düster viele Elemente – gerade rund um den Rattenfänger – sind, so humorvoll wird die Geschichte vom Autor erzählt. Dabei hatte ich nie das Gefühl, S. A. Patrick würde die geschilderten Schrecken auf die leichte Schulter nehmen, aber es gelingt ihm, von Krieg, Tod, Seuchen und Verrat zu erzählen, ohne dass der Leser den Eindruck bekommt, es gäbe keinerlei Hoffnung mehr – was „A Darkness of Dragons“ trotz dieser Themen zu einer wunderbaren Lektüre für jüngere Leser macht. Gerade die Freundschaft zwischen Patch und den beiden Gefährten, die er auf seinen Reisen findet, ist sehr schön geschildert. Weder Wren (ein Mädchen, das von einem Zauberer in eine Ratte verwandelt wurde,) noch Barver (einem Dracogriff) sind immer die einfachsten Reisegefährten, aber trotz aller Probleme halten die drei zusammen und unterstützen sich gegenseitig, so gut sie können. Keine dieser Figuren ist besonders komplex oder ungewöhnlich, aber es sind liebenswerte Charaktere, deren Erlebnisse ich gern verfolgt habe. So sorgen die Figuren und die Erzählweise dafür, dass „A Darkness of Dragons“ trotz aller dramatischen Ereignisse zu einem wirklichen Wohlfühlbuch für mich wurden.

Erwähnen sollte ich vielleicht noch, dass die Handlung recht geradlinig verläuft und Patch und seine Gefährten den Großteil des Buches über ganz klassisch von einem Ort zum nächsten reisen und dort eine wichtige Begegnung oder ein kleines Abenteuer erleben, was für mich vollkommen in Ordnung war, aber eben nicht gerade eine raffinierte Art ist, eine Geschichte zu erzählen. Mein persönlicher Kritikpunkt ist hingegen, dass die Handlung mit diesem einen Roman noch nicht abgeschlossen ist. Patch, Wren und Barver haben nicht nur ganz persönliche Probleme, sondern müssen auch verhindern, dass der Rattenfänger von Hameln seine aktuellen Pläne verwirklicht, und „A Darkness of Dragons“ erzählt eigentlich nur den Anfang der gemeinsamen Abenteuer der drei. Am Ende des Buches haben Patch und seine Freunde gerade mal eine gute Vorstellung davon bekommen, was wirklich vor sich geht, und ein erstes Scharmützel gegen die Anhänger des Rattenfängers überstanden. Die Geschichte endet damit, dass die drei überlegen, welche Schritte sie als nächstes in Angriff nehmen müssen und es gibt weder vom Verlag noch vom Autor eine genauere Information dazu, wann der nächste Band erscheint und wie viele Teile die Reihe insgesamt bekommen soll. Gerade weil ich das Buch so genossen habe und so viel Spaß mit den Figuren und ihren Abenteuern hatte, würde ich schon gern wissen, wie und wann es mit Patch und seinen Freunden weitergeht und welche düsteren Pläne der Rattenfänger als nächstes verwirklichen will.

Seanan McGuire: In an Absent Dream (Wayward Children)

Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass ich das Buch dank einer Vormerkung relativ zeitnah zum Veröffentlichungstermin Anfang Januar bekommen würde, aber am Ende hat es bis zur zweiten Februar-Woche gedauert, bis ich den neusten Band der Wayward-Children-Bücher von Seanan McGuire in den Händen hielt. „In an Absent Dream“ erzählt die Geschichte von Katherine Lundy, bevor sie ihren Platz in „Eleanor West’s School for Wayward Children“ fand. Für diejenigen, die „Every Heart a Doorway“ gelesen haben, ist Lundy eine alte Bekannte, aber man benötigt definitiv kein Vorwissen, um „In an Absent Dream“ genießen zu können.

Zu Beginn erzählt Seanan McGuire von Katherines Elternhaus und den Problemen, die sie mit den anderen Kindern bekam, weil ihr Vater der Leiter der örtlichen Grundschule war. Statt sich nach Freunden zu sehnen, die mit der Position ihres strengen Vaters leben konnten, hat Katherine sich in Bücher vergraben und davon geträumt, dass sie eines Tages als Bibliothekarin ihren Lebensunterhalt verdient. So langweilig und ruhig ihre Grundschulzeit anfangs verlief, so radikal änderte sich ihr Leben, als sie mit acht Jahren in den Sommerferien über eine Tür zum Goblin Market stolpert. Der Goblin Market ist eine Welt, in der die Bewohner vom Handel miteinander leben und in der das Leben einigen wenigen festen Regeln folgt. Jeder Besucher lernt noch vor Betreten dieser Welt diese Regeln, da der Weg zum Goblin Market damit geschmückt ist. Diese Regeln lauten:

  1. Ask for nothing
  2. Names have power
  3. Always give fair value
  4. Take what is offered and be grateful
  5. Remember the curfew

Und natürlich gibt es da noch die wichtigste Regel von allen, auch wenn sie nicht offziell als solche benannt wurde: Be sure!

Für Lundy bedeuten diese Regeln Sicherheit. Sie lernt schnell, was auf dem Goblin Market von ihr erwartet wird, wie sie für ihre täglichen Bedürfnisse aufkommen kann, und sie findet – im Gegensatz zu der Welt, in die sie geboren wurde – mit Moon schnell eine gute Freundin. Doch der Goblin Market erwartet, dass die Personen, die sich ihm anschließen, sich ihres Entschlusses wirklich sicher sind und bietet so den Kindern, die sich in ihn „verirren“, die Möglichkeit, ihn bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag zu besuchen. Nach jeder Rückkehr zu ihrer leiblichen Familie ist sich Lundy sicherer, dass der Goblin Market die Welt ist, in der sie für den Rest ihres Lebens sein möchte. Doch bevor sie sich endgültig dafür entscheiden kann, muss sie sich sicher sein, dass sie in ihrer alten Welt keine Schulden und Verpflichtungen zurücklässt.

Seanan McGuire spannt die Handlung in „In an Absent Dream“ über zehn Jahre, was für gerade mal gut zweihundert Seiten sehr viel Zeit ist. So bekommt man als Leser auch nur die Momente erzählt, die wichtig für Lundys Charakterentwicklung und für ihre Entscheidungsfindung sind. Stellenweise fand ich es schade, dass man so wenig von den Abenteuern erfuhr, die Lundy im Goblin Market erlebte. Ich hätte diese Welt gern noch besser kennengelernt inklusive all der Gefahren, die dort existieren, und den Personen, mit denen sich die Protagonistin dort anfreundet. Aber die Geschichte dreht sich nun einmal nicht um all die verschiedenen Abenteuer, sondern um Lundys Entwicklung, um die Entscheidungen und Wendungen, die dazu geführt haben, dass sie am Ende in der Schule für Wayward Children landete.

Diese Entscheidungen zu verfolgen, führen – wie so oft in den Wayward-Children-Titeln – zu bittersüßen Lesemomenten. Ich habe die Passagen über die Eigenheiten und Händler des Goblin Markets gemocht und fand es wunderbar zu verfolgen, wie Lundys Verständnis dieser Welt von Besuch zu Besuch wuchs. Auf der anderen Seite war von Anfang an klar, dass am Ende irgendetwas passieren wird, das dafür sorgt, dass Lundy in der Schule für „Wayward Children“ landet und dass ihre Liebe zum Goblin Market und ihre Freundschaft zu Moon sie nicht davor bewahren würden, einen entscheidenden Fehler zu machen. Spannend fand ich es auch, dass in dieser Geschichte Lundy nicht die erste Person aus ihrer Familie ist, die den Weg in den Goblin Market findet, so dass ihr Wechsel zwischen den Welten in gewisser Weise reibungsloser verläuft, als dies bei einer anderen Vorgeschichte der Fall gewesen wäre.

Auch fand ich es faszinierend, dass man durch die zweite Perspektive auf den Goblin Market (so kurz die auch angerissen wird) eine kleine Vorstellung davon bekommt, wieso jemand dieser scheinbar so gerechten Welt den Rücken kehren würde, während Lundy den Markt nur als einen Ort wahrnimmt, in dem Fairness das oberste Gebot ist und stattdessen darunter leidet, dass es in unserer Welt alles andere als fair zugeht. Ich finde es traurig, dass ich diese negative Sicht auf den Goblin Market ein klein wenig nachvollziehen kann, bewundere es aber auch wieder, dass Seanan McGuire mit gerade mal ein paar Zeilen solch eine Reaktion bei mir auslösen kann. So oder so klingen die Geschichten und Figuren aus den Wayward-Children-Romanen immer noch eine Weile in mir nach und ich freu mich jetzt schon auf den nächsten Januar und die Veröffentlichung von „Come Tumbling Down“.