Schlagwort: Fantasy

Lese-Eindrücke September 2025

Im September habe ich (wie so oft) deutlich weniger gelesen, als mir lieb gewesen wäre. Aber da unter den gelesenen Titeln einige Bücher waren, zu denen mir „nur“ ein paar Zeilen eingefallen sind, gibt es hier dann doch wieder einige Lese-Eindrücke:

Francesca Gibbons: A Clock of Stars 1 – The Shadow Moth

„The Shadow Moth“ lag seit November oder Dezember 2021 auf meinem SuB, und so wurde es in diesem September wirklich mal Zeit, das Buch zu lesen. Die Geschichte wird aus der Perspektive der elfjährigen Imogen erzählt, die – gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Marie – der titelgebenden Motte in ein fantastisches Land folgt. Dort freunden sich die beiden Schwestern mit dem etwa gleichaltrigen Prinzen des Reichs an und erleben auf der Suche nach einem Heimweg so einige Abenteuer. Es gibt hin und wieder Geplänkel zwischen den drei Kindern, sie müssen eine Menge Gefahren überstehen und treffen auf sehr viele fantastische Wesen. Alles in allem weist „The Shadow Moth“ alle Elemente auf, die zu einer erfolgreichen Portal-Fantasy-Geschichte gehören. Das Ganze wird noch ergänzt von den charmanten Illustrationen von Chris Riddell, die die verschiedenen Charaktere und wichtigsten Situationen liebevoll einfangen. Trotzdem konnte mich die Geschichte nicht in ihren Bann ziehen. Ich kann gar nicht genau sagen, woran es lag, aber bei mir sprang der Funke einfach nicht über. Francesca Gibbons hat so einige hübsche kleine Ideen in ihrem Buch untergebracht, die mir beim Lesen auch aufgefallen sind, aber berührt hat mich nichts von dem, was ich gelesen habe. Wenn der Roman nicht so zügig zu lesen gewesen wäre, hätte ich vermutlich nach 230 von 480 Seiten abgebrochen, weil es mich so wenig interessierte, wie die Handlung weiterging. Immerhin weiß ich nun, dass diese Trilogie nichts für mich ist, und ich habe ein weiteres „älteres“ Buch vom SuB entfernt.

Yukito Ayatsuji: The Mill House Murders

Nachdem ich „The Decagon House Murders“ von Yukito Ayatsuji schon sehr genossen hatte, habe ich natürlich noch einen weiteren Kriminalroman von dem Autor lesen wollen. Die Geschichte in „The Mill House Murders“ teilt sich auf in einen aktuellen Handlungsstrang (28./29. September 1986) und einen früheren Handlungsstrang (28./29. September 1985), wobei Teile des aktuellen Parts aus der Sicht des Hausherrn des Mill House erzählt werden. Es gibt einige Elemente, in denen sich dieser Roman und „The Decagon House Murders“ ähneln. So spielen beide Geschichten in Häusern, die von demselben Architekten gebaut wurden, ihre Besitzer sind eher reich und exentrisch, und die Morde passieren in einer isolierten Umgebung. Dabei fand ich es dieses Mal einfacher, den verschiedenen Hinweisen zu folgen und meine Schlüsse zu ziehen, wobei das nichts daran änderte, dass die Geschichte faszinierend und der Fall knifflig zu lösen war. Genau genommen hatte ich zwar früh einen Verdacht, wer der Mörder sein könnte, aber den genauen Ablauf der Taten und den letzten Kniff hinter all den Vorfällen habe ich dann doch erst relativ kurz vor der Auflösung erraten. Es gibt ein paar Elemente in den Romanen, die ich bei einem aktuellen Titel etwas ärgerlich fände und bei denen man den Geschichten ihr Alter und die Tatsache, dass sie von einem Mann geschrieben wurden, anmerkt – vor allem, wenn es um die eher eindimensionalen Frauenfiguren geht. Aber ich mag die Herausforderungen, die diese Kriminalfälle für mich mit sich bringen, und fühle mich insgesamt sehr gut davon unterhalten.

T. Kingfisher: Hemlock & Silver

„Hemlock & Silver“ ist das aktuellste „märchenhafte“ Buch von T. Kingfisher (Ursula Vernon), wobei die Autorin dieses Mal Schneewittchen-Elemente für ihre Geschichte aufgegriffen hat. Genau genommen wird die Handlung aus der Perspektive von Anja erzählt, die sich von klein auf für Gifte interessiert hat. Als der König nun befürchtet, dass seine einzige noch lebende Tochter vergiftet wurde, bittet er Anja um ihre Expertise. Wie auch sonst bei Ursula Vernons Büchern gibt es viele wunderbare (ältere) Charaktere in dem Roman und noch mehr absurde/gruselige Elemente, was bedeutet, dass ich mich beim Lesen von „Hemlock & Silver“ wirklich amüsiert habe. Aber ich muss auch zugeben, dass mir dieses Mal ein bisschen die Passagen fehlten, die mich sonst beim Lesen innehalten lassen. Die, die ein bisschen tiefer treffen, gerade weil der Großteil der Geschichte faszinierend absurd und amüsant und trotz aller fantastischen Elemente so bodenständig ist. Anja selbst ist ein großartiger bodenständiger Charakter, unbeholfen im Umgang mit Menschen und sehr begeisterungsfähig, wenn es um ihr Spezialgebiet geht, und ich habe ihre Perspektive wirklich gern verfolgt. Aber all die Details rund um Gifte und das Rätsel der Spiegel im königlichen Landsitz haben mir das Gefühl gegeben, dass es weniger Raum gab für anderes. Was nicht bedeutet, dass der Roman schlecht oder enttäuschend war – wie gesagt, ich habe mich beim Lesen sehr gut unterhalten gefühlt! – nur etwas anders, als ich es erwartet hatte. (Mit ein bisschen Abstand frage ich mich, ob mein „Problem“ mit der Geschichte war, dass die Handlung – im Gegensatz zu allen anderen märchenhaften Romane von T. Kingfisher, an deren Erzählperspektive ich mich erinnern kann – aus der Ich-Perspektive erzählt wurde.)

Virginia McClain: Dungeons and Dragon Dating

„Dungeons and Dragon Dating“ von Virginia McClain war der perfekte Roman für die Zeit, die ich Ende September im Zahnarzt-Wartezimmer verbracht habe. Die Geschichte dreht sich um die Feuermagierin Kiara und die Herdhexe Lyra, die – dank eines „Dragon Dating Service“ – gemeinsam auf ein ungewöhnliches Date gehen. Beide Frauen haben in der Vergangenheit Beziehungen gehabt, die sie mit dem Eindruck zurückgelassen haben, dass sie für eine langfristige Partnerschaft nicht geeignet sind, weshalb beide nicht ganz freiwillig an diesem Date teilnehmen. Zu ihrer Überraschung finden Kiara und Lyra sich bei ihrer Verabredung in einem verfluchten Wald mit allerlei Gefahren wieder, die sie nur mit Kiaras Feuermagie und Erfahrung als Abenteurerin und Lyras Einfallsreichtum (und den turnerischen Fähigkeiten, die sie als Burlesque-Tänzerin gewonnen hat) bewältigen können. Die gerade mal knapp 200 Seiten Handlung waren sehr vorhersehbar und brauchten wenig Aufmerksamkeit, aber ich habe mich damit gut unterhalten gefühlt. Kiara und Lyra sind sympathische Charaktere, die Gefahren in dem verfluchten Wald sorgten für ein paar amüsante Szenen, und ich mochte, dass die beiden Frauen miteinander geredet und sich – soweit in dieser Situation möglich – Zeit zum Kennenlernen genommen haben. Ich weiß allerdings nicht, ob ich auf die im kommenden Jahr erscheinende Fortsetzung zurückgreifen würde, wenn ich wieder eine ablenkende Lektüre für eine ähnliche Situation suche. Schließlich wurden für „Hatchets and Heartache“ von Virginia McClain einige „spicy“ Szenen angekündigt – was ich dann doch nicht so gern in der Öffentlichkeit lesen, während ich auf einen unangenehmen Termin warte. 😉

A. J. Lancaster: How to Find a Nameless Fae

Von A. J. Lancaster mochte ich schon die „Stariel“-Romane (soweit ich sie bislang gelesen habe), und so war ich neugierig genug, als „How to Find a Nameless Fae“ angekündigt wurde, um den Titel direkt vorzubestellen. Die ungewöhnliche Rumpelstilzchen-Variante wird aus der Perspektive von Prinzessin Gisele erzählt. Diese hat an ihrem vierzigsten Geburtstag die Nase voll davon, darauf zu warten, dass der Fae, mit dem ihre Mutter vor ihrer Geburt einen Handel abgeschlossen hatte, sie abholt. Gisele ist sich sicher, dass ihre einzige Chance, in Zukunft ein einigermaßen normales Leben zu führen, darin besteht, dass sie den unbekannten Fae tötet, um endlich von ihrem Fluch befreit zu werden. Doch als sie im Feenreich ankommt und auf den Fae – von ihr Malediction genannt – trifft, stellt sich heraus, dass er nicht der skrupellose Bösewicht ist, als der er immer dargestellt wurde. Stattdessen ist Malediction ein etwas planloser Gelehrter, der von Giseles Fluch ebenso betroffen ist wie sie. So scheint es nur logisch zu sein, dass Gisele bei Malediction bleibt und ihm dabei hilft, den Zauber zu lösen.

„How to Find a Nameless Fae“ beinhaltete so viele Elemente, die ich wirklich mochte. Erst einmal war es schön, mit Gisele eine schon etwas ältere Prinzessin als Protagonistin zu haben. Ihr Leben war ziemlich herausfordernd, da ihr Fluch dafür sorgte, dass kaum jemand ihre Gesellschaft für längere Zeit aushalten konnte. Aber sie hat versucht, das Beste aus der Situation zu machen, und im Laufe der Jahre allerlei hilfreiches Wissen gesammelt. Es ist nicht einfach für Gisele herauszufinden, dass nicht alles, was ihre Mutter ihr erzählt hat, wahr ist. Aber sie geht mit einem liebenswerten Pragmatismus an die Herausforderungen heran, die durch all die unbekannten Elemente im Feenland auf sie warten. Malediction hingegen war sich nicht bewusst, dass Gisele ebenso durch den Fluch litt wie er, weshalb er ein schrecklich schlechtes Gewissen ihr gegenüber hat. Der Fae ist ein wirklich liebenswerter Charakter, auch wenn er anfangs etwas gedankenlos und oberflächlich wirkt. Aber es ist wirklich wunderbar zu sehen, wie er sich um sein (über eine großartige Persönlichkeit verfügendes) Haus kümmert und wie er versucht, aufmerksam mit Gisele umzugehen.

Die sich im Laufe der Zeit entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Malediction und Gisele ist sehr süß und voller kleiner Missverständnisse, die ich überraschenderweise nachvollziehbar und deshalb eher berührend fand. Da das Aufeinanderzugehen der beiden Charaktere eher langsam vonstatten ging, muss ich zugeben, dass ich die – relativ frühe – Sexszene in der Geschichte etwas irritierend fand. Wobei „Sexszene“ auch nicht der richtige Begriff ist, da es sich um einen Traum handelt. Das war für mich ein überraschender Bruch in einer ansonsten eher zurückhaltenden (und beinahe jugendfreien) Liebesgeschichte, aber immerhin hat diese Szene einige wichtige Informationen übermittelt, mit denen am Ende die Handlung ein paar Schritte vorwärts machen konnte. Ansonsten konnte „How to Find a Nameless Fae“ nicht nur mit den beiden liebenswerten Protagonisten und einem wunderbaren Haus aufwarten, sondern auch noch mit einem ganzen Haufen ungewöhnlicher – und häufig sehr sympathischer – Nebencharaktere. Ich hoffe sehr, dass A. J. Lancaster noch mehr Geschichten in dieser Welt schreiben wird, in denen wir dann noch mehr über die verschiedenen Nebenfiguren erfahren, und dass diese Romane dann ebenso amüsant und wohltuend sein werden wie „How to Find a Nameless Fae“.

Naomi Kuttner: The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening

Ich bin mir nicht mehr sicher, wie ich über „The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening“ gestolpert bin. Aber als ich am Sonntag vor zwei Wochen auf der Suche nach einem „netten“ Roman meine gespeicherten Leseproben durchstöberte, hat mich der „New Zealand Paranormal Cozy Mystery“ so gut unterhalten, dass ich ihn direkt gekauft und innerhalb von 24 Stunden ausgelesen hatte. Das hätte ich definitiv nicht erwartet, da die Grundidee hinter diesem Roman auf eine Art und Weise absurd ist, die normalerweise nicht meinem Geschmack entsprechen würde. Aber Naomi Kuttners Erzählweise und die Perspektive von Dante (eine von drei Hauptfiguren) haben überraschenderweise für mich so gut funktioniert, dass ich „The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening“ wirklich amüsant fand.

Die Handlung beginnt aus der Perspektive von Dante, der gerade seine Karriere als Auftragsmörder für eine Regierungsorganisation beendet hat. Um seinen Ruhestand so fern wie möglich von seinen ehemaligen Auftragsorten zu verbringen, beschließt er, sich in dem kleinen Ort Te Kohe in Neuseeland niederzulassen. Dante selbst möchte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden und so wenig Kontakt wie möglich mit anderen Menschen haben. Aber er hat definitiv nicht mit der Freundlichkeit/Neugier seiner Kleinstadt-Nachbarn gerechnet – außerdem verfügt sein neues Haus über einen beeindruckenden Garten mit seltenen Pflanzen, was dazu führt, dass er den Gärtner der Vorbesitzerin „erbt“. Charlie ist ein wirklich netter junger Mann, dessen offensichtlicher Naivität und Begeisterungsfähigkeit Dante nichts entgegenzusetzen hat. Als es dann noch bei einer Veranstaltung im Hotel des Ortes zu einem Mord kommt, bei dem Dante und Charlie die Hauptverdächtigen sind, fangen die beiden – gemeinsam mit Eleanor, die ebenfalls auf dieser Veranstaltung war – zu ermitteln an.

Was den Krimianteil dieses Romans angeht, so lag eigentlich von Anfang an auf der Hand, wer der Täter ist, so dass die Herausforderung vor allem darin bestand, herauszufinden, wie die Tat vollbracht wurde und wie sie dem Täter nachgewiesen werden kann. Aber der Fall war auch nicht das, was mich bei diesem Roman so gut unterhalten hat, es waren die Charaktere mit all ihren Eigenheiten (und die Tatsache, dass es hier endlich mal einen „cozy mystery“ ohne Liebegeschichte für mich zu lesen gab). Charlie ist ein wirklich netter junger Mann, der bei seiner verwitweten Mutter wohnt, als Gärtner seinen Lebensunterhalt verdient und Geister sehen kann. Das hat ihn sein Leben lang – also gerade mal zwanzig Jahre – in Schwierigkeiten gebracht, da die Leute um ihn herum nicht glauben, dass er wirklich über diese Fähigkeit verfügt. Eleanor ist eine elegante Frau in den 60ern, die sich in den diversen Vereinen von Te Kohe engagiert, über überraschende Verbindungen verfügt und sehr viel Menschenkenntnis hat. Sowohl Charlie als auch Eleanor mochte ich sehr gern, aber so richig genossen habe ich Dantes Perspektive.

Der ehemalige Assassine ist so sehr von seinem früheren Beruf geprägt, dass sein erster Impuls in jeder Situation ist, darüber nachzudenken, wie er sein Gegenüber töten kann. Aber er ist auch stolzes Mitglied der AA (Anonyme Assassinen) und hat seit über 100 Tagen niemanden mehr ermordet – was bedeutet, dass er mit Hilfe seines Therapeuten neue Wege finden muss, um mit Herausforderungen umzugehen, und sich dabei häufig etwas hilflos anstellt. Ich muss zugeben, dass alle drei Figuren sehr unglaubwürdig sind, und bei Dante ist der absurde Anteil besonders extrem, aber ich habe es trotzdem gerade deshalb genossen mitzuverfolgen, wie hilflos er in normalen sozialen Situationen ist und wie schwer es ihm fällt, nicht einfach zur Waffe zu greifen, um seine Probleme zu lösen. „The Retired Assassin’s Guide to Country Gardening“ ist durch und durch absurd und dabei wirklich sehr unterhaltsam zu lesen. Ich mochte die Protagonisten und ihre unterschiedlichen Erzählstimmen sehr und habe beim Lesen meinem armen Mann immer wieder ganze Passagen vorgetragen, weil ich sie so amüsant fand. Es gab vor dem großen Finale einen kleinen Teil, in dem sich die Handlung für mich etwas hinzog, was auch daran lag, dass Dante da relativ wenig zu Wort kam. Aber alles in allem habe ich die Geschichte wirklich genossen und freue mich jetzt schon auf die im Dezember erscheinende Fortsetzung „The Retired Assassin’s Guide to Orchid Hunting“.

Khenal: Dungeon Life – An Isekai LitRPG

„Dungeon Life“ von Khenal war mein erstes Buch im August – und direkt im Anschluss habe ich dann Band 2 und 3 der Reihe gelesen und Band 4 vorbestellt. Da ich weiterhin auf der Suche nach Isekai-Geschichten bin, die mir gefallen könnten, hatte ich mir in den letzten Monaten ein paar Leseproben besorgt, die ich so nach und nach anteste. Während die meisten bisher gelesenen Proben meinem Gefühl nach vor allem mit bemühtem Humor und eher schablonenhaften Geschichten aufwarteten, hat mich „Dungeon Life“ direkt gut unterhalten. Vor allem fand ich es faszinierend, dass die gesamte Handlung aus der Sicht eines Dungeons erzählt wird. Genau genommen beginnt die Geschichte damit, dass der namenlose Protagonist bei einem Unfall stirbt und nach seinem Tod vor die Wahl gestellt wird, ob er weitergehen oder ein neues Leben anfangen möchte. Die verschiedenen Optionen für ein neues Leben reizen ihn nicht so sehr, bis er – zu seiner eigenen Überraschung – zustimmt, eine Existenz als Dungeon zu beginnen.

Wenig später findet sich der Protagonist als Teil eines verlassenen Herrenhauses wieder – genau genommen umspannt sein Bewusstsein einen staubigen Kellerraum – und er muss feststellen, dass er Bewohner (Ratten und Spinnen) und Eindringlinge (Kakerlaken und Fliegen) hat und über einen winzigen Core verfügt, der von seinen Bewohnern gegen die Eindringlinge verteidigt wird. Nach einigen Tests bekommt er eine Vorstellung davon, welchen Einfluss er auf seine Bewohner hat und wie seine eigene Entwicklung davon abhängt. Ich muss zugeben, ich fand es überraschend faszinierend, gemeinsam mit dem Protagonisten zu sehen, was genau es mit seiner Existenz als Dungeon auf sich hat und welche Wege es für ihn gibt, sich zu verändern. So geht es anfangs relativ viel um das Aufleveln und die verschiedenen Ausbauten des Dungeons, ohne dass es je langweilig wird, weil die Art und Weise, wie das Dungeon seine Veränderungen angeht, wirklich amüsant zu lesen ist.

Ich fand es spannend zu sehen, mit welchen Mitteln es dem Autor gelungen ist, meine Aufmerksamkeit zu fesseln, und ich habe es genossen, eine fantastische Geschichte aus dieser ungewöhnliche Perspektive zu verfolgen. Der Protagonist entwickelt sich im Laufe des ersten Romans von einem heruntergekommenen Haus voller Ratten und Spinnen zu sowas wie einem ernstzunehmenden, aber nicht tödlichen Dungeon. Dabei gibt es immer wiederkehrende Figuren, deren Weg ich gern verfolgt habe, weil sie (fast) alle so sympathisch waren. Da sind zum Beispiel die beiden Kinder, die mit Hilfe der Materialien, die sie im Keller des Dungeons finden, einen Ausbildungsplatz ergattern können, und die im Laufe der nächsten Monate zu so etwas wie Experten für unser (für diese Fantasywelt sehr ungewöhnliches) Dungeon werden. Außerdem taucht immer wieder der Dungeon-Inspektor auf, der für die örtliche Gilde den Gefahrengrad des Dungeons einschätzt und für Abenteurer in einem Infoblatt zusammenfasst, welche Schätze gefunden werden könne und welche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden müssen. Und natürlich finden sich im Laufe der Zeit immer neue Bewohner im Dungeon ein, deren Entwicklung (und später in den Büchern auch deren Perspektive) unterhaltsam zu verfolgen sind.

Ich fand es überraschend, wie erholsam diese Romane zu lesen waren. Natürlich gibt es immer wieder Gefahren, aber da das Dungeon in der Regel sehr wissenschaftlich (er war vor seinem Ableben Ingenieur) mit all diesen Herausforderungen umgeht und jederzeit bereit ist jemandem zu helfen, sind selbst diese Aspekte der Geschichte vor allem fesselnd zu lesen, ohne dass ich das Gefühl hatte, eine Situation würde am Ende nicht gut ausgehen. Der Ingenieurs-Hintergrund des Protagonisten sorgt dafür, dass er bzw. seine Bewohner sehr ungewöhnliche Ansätze für die Anwendung von Magie haben, und das führt zu überraschend vielen physikalischen Erklärungen in der Geschichte. Ich muss zugeben, ich wüsste gern, wie dieser Teil bei Leser*innen ankommt, die deutlich mehr mit Physik anfangen können als ich. Für mich war diese Mischung aus Naturwissenschaft und Magie in der Regel unterhaltsam (und wenn ich dann doch mal mit einer Anspielung nichts anfangen konnte, habe ich sie problemlos ignorieren können). Nachdem ich anfangs dachte, dass „Dungeon Life“ einfach nur ein „netter“ Roman sein würde, war es umso erfreulicher festzustellen, dass ich diese drei Bände kaum aus der Hand legen konnte, weil ich mich so gut damit amüsiert habe. Dummerweise muss ich jetzt noch bis Dezember warten, bis ich weiterlesen kann. Aber vielleicht nutze ich die Zeit einfach und lese die ersten drei Teile noch einmal …

Lese-Eindrücke August 2025

Nachdem ich im Juni und Juli schon fast alle für den Sommer gekauften Celia-Lake-eBooks gelesen hatte, habe ich im August meine Abende mit einer etwas bunteren Mischung an Romanen verbracht. Was bedeutet, dass ich auch wieder so einige Lese-Eindrücke sammeln konnte …

Kara Buchanan: Magica Riot (Maidensong Magica 1)

„Magica Riot“ ist eine „magical girl“-Geschichte, die mich wirklich gut unterhalten hat. Die Handlung wird aus der Sicht von Claire Ryland erzählt, die nach einem aufregenden Abend – inklusive einer Schlägerei in einer Seitengasse – in die Band „Magica Riot“ aufgenommen wird. Doch „Magica Riot“ ist nicht nur eine Band, sondern auch Teil der „Starlight Alliance“, deren Kämpferinnen die Welt (oder – wie im Fall von „Magica Riot“ – die Stadt Portland) vor Monstern beschützen. Ich habe Claire gern dabei begleitet, wie sie sich mit den anderen Bandmitglieder angefreundet und mehr über ihre Aufgabe als magical girl gelernt hat. Die trans Keytar-Spielerin ist natürlich anfangs ziemlich überwältigt von all den Veränderungen in ihrem Leben, aber ich habe es wirklich genossen mitzuverfolgen wie Claire immer mehr zu sich selbst und ihren Platz zwischen den anderen vier magical girls findet. Der Roman ist mit etwas über 200 Seiten relativ kurz, verfügt aber über all die Elemente, die zu einer „magical girl“-Geschichte gehören. Das führte dazu, dass ich mich beim Lesen nicht nur gut unterhalten gefühlt habe, sondern auch auf angenehme Weise an die diversen Manga und Anime erinnert wurde, die ich eigentlich mal wieder lesen/sehen könnte.

Becky Chambers: The Long Way to A Small Angry Planet (Wayfarers 1)

Nachdem ich „Monk & Robot“ von Becky Chambers so mochte, dachte ich, es wäre Zeit, auch die Wayfarers-Romane auszuprobieren. Auch diese Reihe gehört zu den Büchern, über die so viel gesprochen wurde, dass ich erst einmal Abstand vom Hype brauchte, um überhaupt Lust auf ein erstes Antesten zu haben. Als ich dann also endlich damit anfing, habe ich die Handlung rund um das Raumschiff Wayfarer und seine Crew sehr genossen. Beginnend mit der Ankunft des neusten Crewmitglieds Rosemary Harper, begleitet die Geschichte die Wayfarer auf ihrem Weg in eine erst kürzlich befriedete Zone – und auf der langen Reise gibt es viele Details rund um die verschiedenen Personen, ihre Vergangenheit und ihre Planeten zu entdecken. Das war – trotz der diversen Gefahren – wunderbar wohltuend zu lesen, und ich freue mich, dass ich noch vier weitere Bücher von Becky Chambers auf dem SuB habe. Allerdings habe ich auch festgestellt, dass ich – aufgrund des Perspektiv- und Schauplatzwechsels – etwas Zeit zwischen den einzelnen Romanen benötige und deshalb „A Closed and Common Orbit“ nach einem ersten Anlesen erst einmal zur Seite gelegt habe. Mal schauen, ob ich im September damit weitermache …

Sharna Jackson: The Good Turn

Nachdem ich die „High Rise„-Mysteries von Sharna Jackson so mochte, hatte ich mir „The Good Turn“ direkt mit der Veröffentlichung im Mai 2022 gekauft. Bei einem ersten Anlesen bin ich dann aber nicht mit der Protagonistin Josie warm geworden, und so lag der Roman erst einmal eine Zeitlang auf meinem SuB. Nachdem ich „The Good Turn“ nun endlich zu Ende gelesen habe, muss ich zugeben, dass ich die Geschichte zwar mochte, aber Josies Perspektive weiterhin ungern verfolgt habe. Sie entwickelt sich (natürlich) im Laufe des Buchs weiter, und grundsätzlich würde ich sagen, dass Josies Verhalten realistisch und nachvollziehbar für eine Elfjährige ist, aber ich habe sie – im Gegensatz zu den Figuren aus „High Rise“ – nicht so sehr ins Herz geschlossen. Von Josie abgesehen gab es aber so einiges, was ich an der Handlung genossen habe. So ist es zum Beispiel immer wieder beeindruckend, wie es Sharna Jackson gelingt, die liebenswerten Seiten einer heruntergekommenen Gegend zu beschreiben, ohne dabei jemals unrealistisch zu werden. Auch Josies – nicht immer einfache – Freundschaft zu Wallace und Margot, die beide in Josies Nachbarschaft leben, fand ich stimmig. Außerdem sind die Herausforderungen für die Kinder (wie Rassismus, Einwanderungspolitik, Armut, Überforderung eines alleinerziehenden Elternteils), die Sharna Jackson in „The Good Turn“ aufgreift, leider ziemlich aktuell und somit Dinge, die wohl so einige (nicht nur) jugendliche Leser*innen beschäftigen. Grundsätzlich bin ich also immer noch überzeugt von Sharna Jacksons Erzählweise, aber ich weiß nicht, ob ich noch weitere Romane aus Josies Perspektive lesen möchte.

M. J. May: Perfectly Imperfect Pixie (Perfect Pixie 1)

Von „Perfectly Imperfect Pixie“ hatte ich vor einiger Zeit eine Leseprobe gelesen, die ich wirklich nett fand. Und da ich während der heißesten Tage im August kaum etwas auf die Reihe bekommen habe, das anstrengender war, als meinen eReader zu halten, hatte ich auch Bedarf an neuen Romanen, die wenig Konzentrationsfähigkeit erforderten. „Perfectly Imperfect Pixie“ (der Titel ist schon etwas lästig zu tippen) ist eine süße Geschichte, deren beiden Protagonisten dringende Probleme in ihrem Leben haben. Phil(odendron) ist ein Pixie, dessen ungewöhnliche Größe dafür sorgt, dass er nicht für die traditionellen Jobs eines Haus-und-Herd-Pixies engagiert wird, während der Werwolf Sed(rick) sich nach dem Tod seines Bruders und dessen Frau um seine Nichte Ruthie und seinen Neffen Dillon kümmern muss. Außerdem steckt Sed mitten in einem Sorgerechtsstreit, da der skrupellose Großvater der beiden Kinder das Testament der verstorbenen Eltern angefochten hat. Um zu beweisen, dass er sich gut um Dillon und Ruthie kümmert, empfielt Seds Anwalt ihm, einen Haus-und-Herd-Pixie zu engagieren. So dreht sich die Handlung in „Perfectly Imperfect Pixie“ vor allem darum, wie sich Phil und Sed um Dillon und Ruthie kümmern, Phil mit den diversen Herausforderungen rund um Seds Haushalt fertig wird und Sed sich mit all den Intrigen, die der Großvater der Kinder spinnt, auseinandersetzen muss. Ich mochte die verschiedenen Figuren, und das Ganze ist überraschend amüsant und wohltuend zu lesen. Natürlich gibt es immer wieder gefährliche Situationen, die durchgestanden werden müssen, aber da es recht schnell abzusehen ist, dass es für Sed und Phil (die sich am Ende endlich eingegestehen müssen, dass sie Gefühle füreinander entwickelt haben) gut ausgeht, haben diese Gefahren vor allem dafür gesorgt, dass die Geschichte nicht zu zuckersüß wurde.

Alice Coldbreath: The Unlovely Bride (Brides of Karadok 2)

Über „The Unlovely Bride“ von Alice Coldbreath bin ich in einem YT-Video gestolpert. Nach dem Lesen der Leseprobe war ich mir ziemlich sicher, dass ich die Warnung der Autorin („Please do not purchase if you are offended by strong language and or sex scenes.“) ignorieren konnte und stattdessen viel Spaß mit der Liebesgeschichte haben würde. Die Handlung dreht sich um Lenora, deren gefeierte Schönheit nach einer Pocken-Erkrankung verschwunden ist, und um Garman, der bei jedem Turnier den Preis des unbeliebtesten Ritters gewinnen könnte. Da selbst Lenoras Eltern der Meinung sind, dass sie ohne ihre ehemalige Makellosigkeit besser an ihrer Krankheit verstorben wäre, bietet Lenora Garman an, dass er über ihre großzügige Mitgift verfügen kann, wenn er mit ihr durchbrennt. Von Anfang an ist klar, dass Garman eigentlich ein netter – wenn auch etwas ungehobelter – Kerl ist, und ich fand es sehr schön zu verfolgen, wie er und Lenora sich besser kennenlernen. Ich muss zugeben, dass ich eine etwas weniger derbe Ausdrucksweise von seiner Seite bevorzugt hätte, aber nichts davon war so irritierend, dass es mich beim Lesen wirklich gestört hätte. Stattdessen habe ich mit Vergnügen verfolgt, wie Lenora nach dem Verlust ihrer Schönheit entdeckt, dass sie eine ziemlich willenstarke und einfallsreiche Person ist, der es Freude bereitet, sich für andere einzusetzen. Garman hingegen muss ziemlich schnell mit der Erkenntnis fertigwerden, dass er sich Hals über Kopf in seine Frau verliebt hat, obwohl das doch so gar nicht in seine Pläne passt. Das war sehr süß und amüsant zu lesen, und ich bin mir sicher, dass ich in Zukunft noch weitere Titel der „Brides of Karadok“-Reihe ausprobieren werde.

C. L. Polk: Soulstar (Kingston Cycle 3)

Im August habe ich mit „Soulstar“ endlich auch den dritten Band des Kingston-Cycle gelesen. Dieser Teil gefiel mir deutlich besser als „Stormsong“, weil trotz aller bedrückenden Ereignisse so viele Personen vorkamen, die sich für eine gerechtere Gesellschaft engagierten. Außerdem mochte ich die Perspektive von Robin, die in den vorhergehenden Büchern zwar als sympathische Nebenfigur vorkam, von deren Leben aber bislang nicht sehr viel erzählt worden war. Insgesamt war dieser Roman ein wirklich befriedigender Abschluss für die Trilogie – und trotzdem überlege ich, ob ich die drei Bücher aussortieren soll. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, dass ich die Romane noch einmal lesen möchte, weil der zweite Teil für mich so unfassbar frustrierend beim Lesen war. Für die Trilogie-übergreifende Handlung waren all diese frustrierenden Elemente gut und richtig (wenn ich von dieser einen offensichtlichen und ärgerlichen Auflösung eines bestimmten Aspekts absehe). Aber obwohl ich die Figuren und die Welt sehr mochte und definitiv der Meinung bin, dass C. L. Polk sehr gut darin ist, ihren Geschichten Leben einzuhauchen, schrecke ich momentan bei der Vorstellung zurück, „Stormsong“ noch einmal zu lesen. Wenn ich den zweiten Band des Kingston Cycle aber nicht noch einmal lesen möchte, dann muss ich „Witchmark“ und „Soulstar“ eigentlich auch nicht im Regal stehen lassen, obwohl sie mir wirklich gut gefallen haben.

Lese-Eindrücke Juni/Juli 2025

Sommer bedeutet für mich, dass ich vor allem zu eBooks greife, auch wenn in diesem Jahr vor allem der Juli angenehmerweise kühl genug war, um immer wieder einen gedruckten Roman in die Hand nehmen zu können. Die meisten gelesenen eBooks stammten aus der Feder von Celia Lake (12 Romane! *uff*), und zu der Autorin habe ich eigentlich auf dem Blog schon genug geschrieben. Aber zwischendurch habe ich mich natürlich auch mit anderen Autor*innen beschäftigt, und für die Titel, zu denen ich bestimmt keine Rezension schreiben werde, gibt es hier wieder ein paar Lese-Eindrücke:

Tam May: The Case of the Washed-Up Corpse (Grave Sisters Mysteries Book 1)

„The Case of the Washed-Up Corpse“ hatte mich gereizt, weil es mir als 20er-Jahre-Mystery mit drei Schwestern als Protagonistinnen ans Herz gelegt wurde. Die Graves-Schwestern führen in einer kleinen Stadt im Norden von Kalifornien ein Bestattungsinstitut, das sie von ihrem Vater geerbt haben. In die Ermittlungen in einem Mordfall werden die beiden älteren Schwestern verwickelt, als der Staatsanwalt Oliver Clarke sie bittet, sich eine Leiche anzuschauen, die gerade aus dem Fluss gefischt wurde. All die kleinen Dinge, die den beiden auffallen, führen dazu, dass vor allem Eve (die älteste der Schwestern) im Laufe der nächsten Tage immer wieder von Oliver um Hilfe gebeten wird, wenn es um die Befragung von Zeugen geht. Es gab einige Elemente, die ich an der Geschichte mochte, aber leider auch nicht wenige, die mich beim Lesen eher gestört haben. Mir gefielen sowohl der Schauplatz als auch die Tatsache, dass die Handlung in den 1920er Jahren spielt. Ebenso mochte ich die Beziehung der drei Schwestern zueinander sehr, ebenso wie ihr Verhältnis zu ihrer Haushälterin, die die drei mitaufgezogen hat.

Ich weiß, dass es schwierig ist, bei Kriminalromanen die richtige Mischung aus Hinweisen und Verschleierung hinzubekommen, so dass die Leser*innen neugierig auf die Handlung bleiben und am Ende trotzdem nicht das Gefühl haben, dass die Auflösung aus dem Nichts kommt. Aber wenn ich mir beim ersten Auftreten des Mörders/der Mörderin sicher bin, dass diese Person verantwortlich für den Tod des Opfers ist, dann verliere ich die Geduld mit der Geschichte – vor allem, wenn ich mich dann auch noch über das Verhalten einer der Protagonistinnen ärgere. Die mittlere Schwester Helena ist sehr gebildet, hat Medizin studiert (auch wenn sie als Frau nicht praktizieren darf) und ist vor allem hinter den Kulissen des Bestattungsinstituts tätig, weil sie besser mit Toten als mit Lebenden zurechtkommt. Trotzdem hätte ich erwartet, dass sie nicht bei jeder Gelegenheit jede Person, die offiziell an den Ermittlungen beteiligt ist, provoziert und verärgert. Dieses Verhalten sollte vermutlich zeigen, wie intelligent und feministisch diese Figur ist. Aber es hat bei mir vor allem das Gefühl hervorgerufen, dass es Helena nicht darum geht, den Mörder zu finden, sondern sie nur zu zeigen will, wie viel klüger als alle anderen sie ist. Dazu kam dann noch, dass der Handlungsbogen (ebenso wie viele der Nebenfiguren) sehr schablonenhaft konstruiert wurde, so dass ich erschreckend froh war, als ich den Roman endlich beendet hatte.

Tansy Rayner Roberts: Crown Tourney – Ten tales of deadly damsels, cursed castles and edged weapons

Zu „Crown Tourney“ hatte ich am Lese-Sonntag im Juni schon etwas geschrieben. Der Band ist eine Sammlung von zehn märchenhaften Geschichten, die Tansy Rayner Roberts im Laufe ihrer Karriere geschrieben hat. Ich mochte eigentlich alle Geschichte in dem Band, gerade weil sie ziemlich unterschiedlich waren, und ich fand es spannend, die Anmerkungen der Autorin dazu zu lesen. Dort schreibt sie darüber, was sie inspiriert hat, wie sie heute über die älteren ihrer Geschichten denkt (und was sie so nicht mehr schreiben würde) und gibt zusätzlich einen Haufen Lese-Empfehlungen, für Personen, die märchenhafte Geschichten oder Neuinterpretationen von Märchen mögen. Perfekt für Leute, die mal schauen möchten, was die Autorin so schreibt und wie unterschiedlich ihre Veröffentlichungen sein können, auch wenn es bei ihr einige Elemente gibt, die immer wieder vorkommen.

C. L. Polk: Witchmark und Stormsong (Kingston Cycle 1+2)

Im Juni hatte ich mir als Teil meines „lies ältere Sachen vom SuB“-Vorhabens „Stormsong“ ins Auge gefasst, weshalb ich erst einmal erneut zu „Witchmark“ griff, um meine Erinnerung an die Geschichte aufzufrischen. Mir hat das Lesen von „Witchmark“ auch dieses Mal viel Spaß gemacht, und während ich nach dem ersten Lesen nicht bereit für den Wechsel zum zweiten Band war, war ich dieses Mal wirklich neugierig darauf, wie die Handlung mit Miles‘ Schwester Grace als Protagonistin weitergeht. Grundsätzlich mochte ich auch den zweiten Band dieser Reihe, aber ich muss zugeben, dass mich Romane, in denen gefühlt 99% aller Personen aus Eigeninteresse handeln, deutlich weniger erfreuen, als Bücher, in denen die Figuren weniger egozentrisch sind. Das trifft vor allem dann zu, wenn es sich bei den handelnden Personen zum Großteil um Politiker handelt. Das fühlt sich doch ein bisschen zu nah an der aktuellen Realität an, um erträglich zu sein. Außerdem gab es etwas, das die Protagonistin Grace auf der Suche nach einer Erklärung für ein bestimmtes Phänomen nicht als relevant erachtete, das für mich aber bei der allerersten Erwähnung bereits als entscheidendes Element auf der Hand lag – weshalb ich bis kurz vorm Ende des Romans ungeduldig darauf wartete, dass sie auch endlich darauf kommt. Danach brauchte ich wieder eine kleine Pause von der Reihe, aber ich bin wild entschlossen, im August endlich den dritten Band des Kingston-Cycles zu lesen.

Mira Grant: Final Girls (Hörbuch)

„Final Girls“ ist eine der vielen kurzen Veröffentlichungen von Mira Grant (Seanan McGuire), die bei Subterranean Press erschienen sind und die ich deshalb aus Kostengründen lieber als Hörbuch konsumiert habe. Diese Novella dreht sich um ein Virtual-Reality-Programm, mit dem die Wissenschaftlerin Dr. Jennifer Web in ihrem Institut psychische Verletzungen ihrer Klient*innen heilen will – und dem die Journalistin Esther Hoffman sehr skeptisch gegenübersteht. Während Esther selbst eine solche VR-Sitzung für einen kritischen Artikel über Dr. Webs Methoden testet, kommt es zu einem Vorfall, der dazu führt, dass die beiden Frauen eng zusammenarbeiten müssen, um zu überleben. Es gibt so einige Elemente in der Geschichte, die für jemanden, der schon mehrere Veröffentlichungen von Mira Grant gelesen hat, sehr vertraut waren. Das war für mich aber vollkommen in Ordnung, weil ich die Erzählweise der Autorin mag und es faszinierend finde, wie sie diese Elemente in die jeweilige Handlung einbettet. Es ist nicht Mira Grants beste Geschichte, aber ich habe mich gut unterhalten gefühlt und ich mochte das Ende sehr. Dazu kam, dass die Sprecherin Jennifer Pickens den verschiedenen Figuren genügend Individualität und Glaubwürdigkeit verliehen hat, dass ich selbst nach einer längeren Hörpause (verursacht durch ein paar Wochen Hitze zwischen zwei Puzzle-Runden) kein Problem hatte, die unterschiedlichen Charaktere einzuordnen.

Lilith Saintcrow: Rose & Thunder

Eine Urban-Fantasy-Variante von „Die Schöne und das Biest“, die begeistert von einer Autorin empfohlen wurde, deren Bücher ich gern mag. Ich muss zugeben, dass ich von „Rose & Thunder“ nicht so angetan war, obwohl ich den Roman ausgelesen habe. Grob zusammengefasst dreht sich die Handlung um einen Mann, auf dem ein Fluch lastet und der einen Ley-Linien-Knotenpunkt bewachen muss, und um eine Hexe, die dahin reist, wohin der Wind sie ruft, um Probleme zu lösen (oder vor ihren eigenen Problemen wegzulaufen). Ich mochte die Grundidee, fand aber die Protagonistin und ihre Erzählstimme unerträglich. Dass ich die Geschichte beendet habe, lag vor allem daran, dass ich herausfinden wollte, wieso jemand das Buch so begeistert empfehlen würde. Ich glaube, dass die Grundidee und all die eher ruhigen Szenen zwischen den beiden Hauptpersonen in der Bibliothek einen großartigen „cozy Fantasy“-Roman hergegeben hätten. Aber den dann bitte mit einer Protagonistin, die sich nicht durchgehend verzweifelt selbst beweisen muss, was für eine hartgesottene, coole Person sie ist, während sie einem die ganze Zeit erzählt, dass sie ja in ihrem Leben schon so viele gefährliche Situationen mit Bravour gemeistert hat. Immerhin weiß ich jetzt wieder, wieso ich Lilith Saintcrow als „keine Autorin für mich“ im Hinterkopf hatte, obwohl ich bislang nicht viel (und vor allem Kurzgeschichten in Anthologien) von ihr gelesen habe.

Amélie Wen Zhao: Song of Silver, Flame Like Night (Song of the Last Kingdom 1)

und „Dark Star Burning, Ash Falls White“ (Song of the Last Kingdom 2)

„Song of Silver, Flame Like Night“ hatte ich im Januar gelesen, und der Band hatte mir so gut gefallen, dass ich schon beim Lesen den zweiten (und abschließenden) Teil „Dark Star Burning, Ash Falls White“ bestellt habe. Amélie Wen Zhao hat mit diesen beiden Romanen chinesisch inspirierte Fantasy geschrieben, die – wie die Autorin selbst betont – von den Wuxia-/Xianxia-Geschichten beeinflusst wurde, mit denen sie aufgewachsen ist. Die Handlung dreht sich auf der einen Seite um Lan, die seit zwölf Jahren – seitdem ihr Land von den Elantian erobert wurde – als songgirl in einem Teehaus in Haak’gong lebt. Vor dieser Zeit hatte Lan einen anderen Namen, sie hatte eine liebevolle Mutter und wuchs behütet auf. Das einzige, was noch von ihrer Vergangenheit zeugt, ist ein Symbol auf ihrem Arm, dessen Bedeutung Lan bis zum heutigen Tag nicht herausgefunden hat.

Der zweite Protagonist der Geschichte ist Zen, der seit Jahren in der im verborgenen existierenden School of White Pines in den alten (magieähnlichen) Künsten ausgebildet wird. Als Zen Lan vor einem Elantian-Offizier rettet und das Symbol auf ihrem Arm sieht, ist er davon überzeugt, dass sie ein entscheidender Schlüssel im Kampf gegen die Elantian ist. Gemeinsam reisen die beiden zur School of White Pines, wo Lan hofft, mehr über das geheimnisvolle Symbol herauszufinden. „Song of Silver, Flame Like Night“ dreht sich vor allem um die Reise der beiden Figuren, um ihre Ankunft an der Schule und um all die Geheimnisse, die Lan und Zen hüten. Ich mochte diesen Teil unheimlich gern, weil er mich mit all den magischen Elementen, mit den Unterrichtsszenen und den Legenden rund um Dämonen, Götter und Magie an einige meiner (asiatischen) Lieblingsfilme erinnerte. (Und es passte überraschend gut, dass mein Mann zu der Zeit, als ich den Roman las, sehr viele Shaw-Brothers-Filme schaute. *g*)

Lan und Zen sind wirklich sympathische Figuren, und beide haben mit den traumatischen Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, zu kämpfen. Ich mochte es sehr, den beiden dabei zuzuschauen, wie sie einander besser kennenlernen (und ja, wie es sich anscheinend für eine YA-Geschichte gehört, verlieben sie sich im Laufe des Romans ineinander), aber bei all den persönlichen (und romantischen) Elementen dreht sich die Handlung doch vor allem um schwerwiegendere Themen. Amélie Wen Zhao beschäftigt sich in ihrer Duologie damit, was Kolonialismus den Völkern antut, deren Länder erobert werden. Dabei werden nicht nur die Folgen durch den Einmarsch der fremden Elantian, sondern auch die Herrschaft des durch die Elantian gestürzten Kaisers thematisiert. In so vielen Szenen wird deutlich, wie viel Wissen und wie viele Fähigkeiten verloren gehen, wenn ein Volk in eine von außen aufgedrückte Form gepresst wird, statt weiter seinen eigenen Traditionen nachgehen zu können. Immer wieder zeigt die Autorin, wie schwer der Verlust der eigenen Sprache und der eigenen Wurzeln für die verschiedenen Personen wiegt.

Natürlich kommt dadurch auch die Frage auf, wie weit ein unterdrücktes Volk gehen darf, um sich gegen die Unterdrücker zu Wehr zu setzen. Lan und Zen sind da sehr unterschiedlicher Meinung, was zu so einigen Diskussionen (und herzzerreißenden Szenen) führt – wobei ich es mochte, dass die beiden Figuren nicht immer die vernünftigsten Entscheidungen trafen, weil sie sich dadurch wie reale Personen anfühlten, die eben in Ausnahmesituationen nicht immer einen klaren Kopf behalten können. Allerdings hat dieses Element dann auch dafür gesorgt, dass ich die erste Hälfte des zweiten Bandes („Dark Star Burning, Ash Falls White“) nur mit sehr großen Unterbrechungen gelesen habe. Immer wieder gab es Szenen, die ich – gerade weil mir die Figuren so ans Herz gewachsen waren – ungern gelesen habe und nach denen ich erst einmal wieder eine Pause benötigte. Aber ich muss zugeben, dass Amélie Wen Zhao jede dieser Szenen auf eine Art und Weise auflöste, die ich befriedigend fand. Ich bin beim Lesen durch die gesamte Palette an Emotionen gewandert, ich habe all die wunderbar bildhaften Beschreibungen der magischen Momente genossen, ich mochte die chinesisch inspirierte fantastische Welt so sehr und ich habe so viele Figuren ins Herz geschlossen. Ich weiß nicht, ob eine russisch-inspirierte Geschichte mich ebenso überzeugen kann, aber nachdem mir diese beiden Titel so gut gefallen haben, werde ich vielleicht noch einen Blick auf die Debüt-Trilogie der Autorin werfen.

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Anmerkung: Nach dem Lesen dieser beiden Romane und dem Schreiben dieser Rezension habe ich ein paar vereinzelte Aussagen gefunden, die Amélie Wen Zhao vorwerfen, dass sie mit diesen Büchern die Verfolgung der Uiguren durch die chinesische Regierung befürworten würde. Dazu kann ich nur sagen, dass ich auf der einen Seite viel zu wenig Ahnung von diesem Teil der Weltgeschichte habe, und auf der anderen Seite beim Lesen (besonders von „Dark Star Burning, Ash Falls White“) den Eindruck hatte, dass die Autorin aufzeigen will, wie wichtig es ist, all die Traditionen und Kulturen der verschiedenen Völker zu bewahren, und wie verdammenswert es ist, Volksgruppen in die Assimilation zu zwingen oder gar zu verfolgen.

Lese-Eindrücke Mai 2025

Anscheinend hatte ich in diesem Mai das Gefühl, ich müsste so viel wie möglich lesen, bevor das Wetter (noch) heißer wird – was dazu geführt hat, dass ich auch wieder ein paar Lese-Eindrücke sammeln konnte …

T. Kingfisher: The Seventh Bride

Ich habe mir vor einiger Zeit alle (märchenhaften) Backlist-Titel von T. Kingfisher (Ursula Vernon) als eBook zugelegt, damit ich darauf zurückgreifen kann, wenn ich Lust auf diese besondere Art von Geschichten habe. „The Seventh Bride“ ist eine Blaubart-Variante und wird aus der Perspektive der fünfzehnjährigen Rhea erzählt. Rhea ist eine Müllerstochter und ziemlich überrascht, als Lord Crevan um ihre Hand anhält. Noch schockierter ist sie, als sie beim Eintreffen auf seinem Anwesen feststellt, dass sie die siebte Braut von Lord Crevan ist – und nicht alle seine vorherigen Ehefrauen sind schon verstorben. Wie bei den vorher schon von mir gelesenen Märchenvarianten von T. Kingfisher habe ich hier wieder den Pragmatismus der Protagonistin, die überbordende (und häufig Horrorelemente aufgreifende) Fantasie der Autorin und ihren ungewöhnlichen Humor genossen. Ich mag es sehr, dass ich – bei aller Vertrautheit mit Märchen – bei T. Kingfisher nie vorhersagen kann, in welche Richtung sich eine Geschichte entwickelt und was für seltsame Dinge sie als Nächstes aufgreifen wird.

Seishi Yokomizo: Death on Gokumon Island

Nach „The Honjin Murders“ ist „Death on Gokumon Island“ der zweite Kriminalroman von Seishi Yokomizo rund um den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. Im Gegensatz zu dem Vorgängerroman spielt dieser hier nach dem Zweiten Weltkrieg, und so ist es auch ein Versprechen, dass Kosuke seinem verstorbenen Kameraden Chimata gegeben hatte, das ihn auf die Insel Gokumon bringt. Kurz nach Kosukes Eintreffen werden die drei jüngeren Schwestern von Chimata eine nach der anderen auf außergewöhnliche Weise ermordet, und natürlich versucht der Detektiv herauszufinden, wer der Mörder ist. Wie schon bei „The Honjin Murders“ sind die Figuren in der Geschichte nicht besonders detailiert ausgearbeitet, was mich aber wirklich nicht stört.

Es geht mir bei diesen Romanen vor allem darum, all die kleinen Hinweise in der Handlung zu sammeln und mitzuermitteln. Dabei finde ich es spannend, dass mir auch bei dieser Geschichte viele Elemente vor der Auflösung aufgefallen waren – und dass es trotzdem immer wieder Dinge gab, die mich überraschten. Das ist etwas, was ich bei dieser Art von Kriminalroman sehr mag. Weniger nett fand ich ein (zum Glück nur sehr kurzes) Gespräch zwischen einer Handvoll junger Männer (die keine nennenswerte Rolle in der Geschichte hatten), in der sie sich auf eine Art und Weise über Frauen und Sex unterhielten, die ich abstoßend fand. Da machte es sich leider bemerkbar, dass der Roman nicht nur Anfang der 1970er Jahre, sondern auch von einem männlichen Autor geschrieben wurde. Trotzdem wird mich dieser Punkt nicht davon abhalten, auch noch den nächsten Kosuke-Kindaichi-Roman zu lesen, denn ich mag die Herausforderung, die mir diese Geschichten beim Lesen bieten, ebenso wie den Einblick in ein vergangenens Japan.

Annie Bellet: The Gryphonpike Chronicles (Complete series)

Die kompletten „Gryphonpike Chronicles“ von Annie Bellet umfassen insgesamt 224 Seiten, so dass es sich hier eher um eine Reihe von aufeinanderfolgenden Kurzgeschichten handelt als um eine Romanserie. Die Geschichten werden aus der Perspektive von „Killer“ erzählt – einer Elfe, die von ihrem eigenen Volk verflucht wurde und deshalb mit niemandem (verbal oder per Gestik/Mimik) kommunizieren kann. Der Fluch wird erst aufgehoben, wenn sie 1001 gute Tat vollbracht hat, weshalb sie sich einer Gruppe von Abenteurern angeschlossen hat. Der Weltenbau und ähnliches gehen nicht sehr tief, aber ich habe mich mit dieser Sammlung von D&D-artigen Geschichten sehr gut unterhalten gefühlt und hätte gern auch noch mehr von Killer und den anderen Abenteurern gelesen.

Becky Chambers: Monk and Robot

Mit den „Monk and Robot“-Romanen von Becky Chambers ging es mir wie mit den Murderbot-Geschichten von Martha Wells: Solange gefühlt jeder begeistert darüber redete, hatte ich keine Lust, diese Titel zu lesen, obwohl ich mir sicher war, dass sie auch mir gefallen würde. Da jetzt aber „A Psalm for the Wild-Built“ und „A Prayer for the Crown-Shy“ in einem Taschenbuch zusammen veröffentlicht wurden, habe ich die Gelegenheit genutzt und das Buch dann auch direkt nach Erhalt gelesen. Wie erwartet habe ich die Geschichte rund um Sibling Dex und Roboter Mosscap sehr genossen. Es gab in der Handlung einige berührende Momente, Denkanstöße zu den verschiedensten Themen und nicht wenige amüsante Szenen. Jetzt werde ich wohl doch mal schauen müssen, ob mir auch die Wayfarers-Serie gefallen könnte …

Antonia Hodgson: The Raven Scholar (The Eternal Path 1)

„The Raven Scholar“ ist der erste Fantasyroman von Antonia Hodgson, die bislang vor allem historische Kriminalromane geschrieben hat. Ich muss zugeben, dass ich keinen der früheren Titel der Autorin kenne, aber nach dem Lesen von „The Raven Scholar“ bin ich versucht, auch die anderen Bücher auszuprobieren. „The Raven Scholar“ spielt in dem fantastischen Land Orrun, in dem alle 24 Jahre ein Wettbewerb ausgerichtet wird, um einen neuen Kaiser zu finden. Sieben Kandidat*innen für diesen Wettbewerb werden von ihren jeweiligen Klöstern ausgewählt. Jedes Kloster ist einem der Wächtertiere von Orrun unterstellt, wobei der Drache traditionell eine ganz eigene Rolle bei diesem Wettbewerb einnimmt, die ihn von den anderen Kandidat*innen abgrenzt. Die Handlung setzt zu Beginn des Wettbewerbs ein, dessen Sieger zum Nachfolger des aktuell regierenden Kaisers Bersun gekrönt werden soll. Noch bevor die erste Herausforderung starten kann, wird jedoch eine/r der Kandidat*innen ermordet, weshalb High Scholar Neema Kraa von Kaiser Bersun mit der Mordermittlung beauftragt wird.

Neema ist eine Einzelgängerin, die mehr Feinde als Verbündete am Hof hat. Sie hat vor Jahren eine zweifelhafte Entscheidung getroffen, die sie bis heute verfolgt, und sie fühlt sich absolut nicht geeignet als Ermittlerin. Ich muss zugeben, dass Neema als Protagonistin auf den ersten Blick ziemlich klischeehaft wirkt: Das aus armen Verhältnissen stammende Genie, das allein seinen Weg geht, angetrieben von dem Bedürfnis nach Wissen und Gerechtigkeit für die von der Gesellschaft Vernachlässigten. Überhaupt scheinen all die Kandidat*innen für den Wettbewerb auf den ersten Blick klassischen Fantasy-Stereotypen zu entsprechen. Da gibt es den listigen/verspielten Fuchs, den gelehrten Raben, den mächtigen Tiger, den hart arbeitenden und gutmütigen Ochsen, den starken Bären, den kreativen Affen, den treuen Hund und den tödlichen Drachen. Ebenso vorhersehbar wie die Auswahl an Charakteren wirkt der Krimianteil der Geschichte, bei dem ich das Gefühl hatte, dass ich relativ schnell entscheidende Elemente erahnt hatte. Doch sowohl bei den Figuren als auch bei der Handlung gelingt es Antonia Hodgson, so viele überraschende Wendungen und Ebenen einzubauen, dass all diese Stereotype und Vorhersehbarkeiten sich schnell als Täuschung der Autorin herausstellen.

Ich hatte ungemein viel Spaß damit, die verschiedenen Figuren besser kennenzulernen und mehr über Orrun und die verschiedenen Häuser herauszufinden. Ich fand es spannend, wie sich meine Gefühle für die verschiedenen Charaktere im Laufe der Zeit veränderten und es immer wieder neue Facetten bei den unterschiedlichen Persönlichkeiten zu entdecken gab. Und obwohl ich normalerweise mit all den Intrigen am Hof (und in diesem Fall auch innerhalb der Klöster) wenig Freude habe, fand ich es hier wirklich faszinierend, die verschiedenen Verbindungen aufzudecken und mitzubekommen welche Folge sie für den Wettbewerb, für Neema und ihre Ermittlungen sowie für das Volk allgemein mit sich bringen. Auch der Wettbewerb war von Antonia Hodgson vielseitiger gestaltet, als ich es anfangs erwartet hatte, so dass es immer wieder spannend war, mehr über die verschiedenen Herausforderungen zu erfahren und zu sehen, wie die Kandidat*innen damit umgehen.

Es gibt so unfassbar viele Details und kleine Szenen, die ich hier gern erwähnen würde, weil ich sie so fesselnd, amüsant oder ungewöhnlich fand. Aber ich traue mich nicht mal, etwas über den Prolog zu schreiben, weil all diese Dinge so gründlich miteinander verwoben sind, dass es meiner Meinung nach zu viel über die Handlung von „The Raven Scholar“ verraten würde. Im Nachhinein habe ich ein paar negative Rezensionen zu dem Buch gelesen, die sich darüber beschwerten, dass die Erzählperspektive, Neema als Protagonistin und/oder das (zu langsame) Erzähltempo ihnen nicht gefallen hätten. Ich persönlich fand die Erzählperspektive anfangs auch etwas unrund, wobei mich das nicht gestört hat (und ich kann versichern, dass es dafür einen sehr guten Grund gibt). Neema ist eine (vermutlich neurodivergente) Figur mit einigen Grauschattierungen, und um zu prüfen, ob man das beim Lesen als störend empfindet, gibt es Leseproben. Was das Tempo angeht, so gibt es anfangs sehr viele kleine Szenen, in denen die Welt und die Figuren vorgestellt werden, und ich habe mich beim Lesen dieser Passagen sehr gut unterhalten gefühlt. Richtig genossen habe ich es dann, als sich am Ende herausstellte, dass all diese Szenen kleine Puzzlestücke waren, die einen notwendigen Platz im Gesamtbild einnahmen. Ich hatte wirklich enorm viel Spaß mit „The Raven Scholar“ und hoffe sehr, dass bald der Veröffentlichungstermin des zweiten Teils der Trilogie bekanntgegeben wird.

Danie Stirling: Crumbs (Comic)

Den Comic „Crumbs“ von Danie Stirling habe ich schon im Januar gelesen, es aber bislang nicht auf die Reihe bekommen, den Titel zu rezensieren. Was ein bisschen daran liegt, dass die Geschichte (ebenso wie die Zeichnungen) einfach nur „nett“ sind. Auf der anderen Seite freue ich mich immer, wenn mein Blick auf den Band fällt, eben weil er so nett zu lesen war, weshalb ich hier doch noch etwas dazu sagen möchte. Die Handlung dreht sich um Ray und Laurie, die sich kennenlernen, da Ray eine Stammkundin in der Bäckerei von Lauries Tante Marigold ist. Die Welt, in der die beiden Charaktere leben, ist voller Magie, und ich mochte all die kleinen und größeren Details rund um diese fantastischen Alltagselemente. So bietet Marigold in ihrer Bäckerei Gebäck an, das einem hilft, wenn es um Selbstsicherheit, Liebe oder ähnliches geht, jedes Smartphone hat seine ganz eigene kleine Persönlichkeit, die – solange sie nicht zu alt ist – neue Zauber lernen kann, und sobald eine Person alt genug ist, kann sie ihre Lizenz zum Fliegen mit einem Besen erwerben.

Ebenso gefiel mir, dass Ray und Laurie schon zu Beginn der Geschichte eine Beziehung eingingen und die Handlung sich eher um die Frage dreht, ob die unterschiedlichen Träume, die die beiden für ihre jeweilige Zukunft haben, verhindern könnten, dass daraus eine langfristige Sache wird. Ray bereitet sich schon seit ihrer Grundschulzeit auf eine Ausbildung für das „Grand Council of Sorcerers“ vor, doch wenn sie dafür angenommen wird, würde das bedeuten, dass sie alle Verbindungen zu ihrer Familie und Freunden abbrechen müsste. Laurie hingegen träumt von einer Karriere als Musiker, auch wenn er Schwierigkeiten damit hat, sich einigen Herausforderungen, die damit einhergehen, zu stellen. Ich mochte sowohl Ray als auch Laurie als Charaktere – und gerade rund um Laurie gibt es mit seinen Tanten und seinem Freundeskreis sehr viele sympathische Nebencharaktere.

Das führte dazu, dass die Herausforderungen, die Ray und Laurie bewältigen müssen, weniger aus ihrer eigenen Taten (auch wenn Laurie ein bisschen an sich zu arbeiten hat) entstanden als aus der allgemeinen Umstände. Beiden Figuren ist es wichtig, dass die jeweils andere Person ihre Träume verwirklichen kann, auch wenn das vielleicht bedeutet, dass sie keinen Weg finde, um ihre Beziehung fortzusetzen. Diese gegenseitige Unterstützung las sich wirklich angenehm, und auch wenn es zwischendurch ein paar bittersüße Momente gab, hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte wunderbar optimistisch endete. Keines dieser Kapitel war so bewegend, dass ich mich noch Wochen später daran im Detail erinnere, aber wann immer ich den Comic sehe, denke ich daran, wie nett diese Geschichte rund um das Erwachsenwerden der beiden Figuren und die schwierige Balance zwischen den eigenen Träumen und den Kompromissen, die eine Beziehung erfordert, zu lesen war.

Auch die Zeichnungen passen zu dieser rundum „netten und wohltuenden“ Atmosphäre, die die Handlung von „Crumbs“ vermittelt. Die matte Farbpalette und das eher weiche Charakterdesign sorgen für ansprechende, aber nicht sehr einprägsame Darstellungen. Es ist immer schwierig, eine angemessene Rezension zu schreiben, wenn eine Geschichte nur „nett“ ist. Aber ich kann sagen, dass ich das Lesen genossen habe, dass ich die Zeichnungen gern betrachtet habe und dass ich das wohltuende Gefühl, das beides in mir hervorgerufen hat, sofort wieder präsent habe, wenn ich nur das Cover des Comics sehe. Ich freue mich darüber, dass ich den Titel in meiner Sammlung habe und dass ich jederzeit darauf zurückgreifen kann, wenn ich Lust auf genau diese Art von Geschichte verspüre.