Natania Barron: Netherford Hall (Love in Netherford 1)

Der Klappentext für „Netherford Hall“ beginnt mit dem Satz „Pride and Prejudice and Witches“, und während ich Geschichten mit Hexen grundsätzlich mag, so habe ich doch inzwischen festgestellt, dass Jane-Austen-Neuerzählungen normalerweise nicht mein Ding sind. Deshalb habe ich mir von diesem Roman von Natania Barron erst einmal die Leseprobe angeschaut – nur um dann innerhalb von nicht einmal 24 Stunden die gesamten 350 Seiten zu verschlingen. „Netherford Hall“ ist eine überraschende Mischung aus gemütlichen und unheimlichen Elementen. Die ersten 2/3 der Geschichte verlaufen relativ gemächlich, während die verschiedenen Personen und ihre Hintergründe vorgestellt werden. Aber obwohl in diesem Teil relativ wenig zu passieren scheint, gibt es so viele kleine zwischenmenschliche Szenen und so viele Andeutungen von Bedrohungen, dass es definitiv nie langweilig wird.

Erzählt wird die Geschichte vor allem aus der Perspektive der beiden Protagonistinnen Poppy Brightwell und Edith Rookwood (wobei einige Kapitel auch aus der Sicht von Ediths Onkel erzählt werden). Poppy hat den Großteil ihres Lebens mit ihrer Familie in Netherford verbracht, nachdem ihre Eltern vor fünfzehn Jahren Harrow House von den Rookwoods gemietet haben. In all diesen Jahren stand der Herrensitz, zu dem Harrow House gehört, leer, da die Rookwood-Hexen lieber in London als auf ihrem angestammten Familiensitz lebten. Doch nach einem tragischen Brand im Stadthaus der Rookwoods, bei dem der Großteil der Familie (ebenso wie alle Bediensteten) ums Leben kam, kehrt Edith Rookwood gemeinsam mit ihrem Onkel Auden Garcliffe und ihrem Cousin Henry nach Netherford Hall zurück.

It is a truth universally acknowledged that a young gentlewitch, in possesion of great magical acumen and significant landholdings, ist rarely in want of a wife. Yet that was not so for Edith Rookwood, Gentlewitch of Netherford Hall. (Seite 7)

So vertraut wie dieses Zitat fühlt sich auch der restliche Anfang von „Netherford Hall“ an. Es gibt eine verarmte Familie von Stand, deren älteste Tochter (Viola) hübsch und beliebt ist, während die jüngere Tochter (Poppy) eher eigenwillig ist. Dazu kommt eine Gentlewitch (Edith), die neu in der Gegend ist und erst einmal all die üblichen Einladungen und ähnlichen gesellschaftlichen Herausforderungen hinter sich bringen muss. Und ja, Edith und Poppy fühlen sich relativ schnell zueinander hingezogen, aber natürlich ist es nicht so einfach, wenn beider Leben voller Herausforderungen, Geheimnisse, Magie und Flüche steckt. Edith ist so gar nicht auf die Rolle vorbereitet, die sie als neues Oberhaupt der Familie und Verantwortliche für Netherford Hall und den dazugehörigen Ort Netherford erwartet. Außerdem beschäftigt sie immer noch die Frage nach der Ursache des Feuers, bei dem ihre Familie ums Leben kam, und dann ist da noch der erschütternde Zustand des Herrenhauses, in dem Edith von jetzt an wohnen wird.

Ich mochte es sehr mitzuverfolgen, wie Edith mehr über sich, ihre Familie und die (magischen) Eigenheiten von Netherford (und Netherford Hall) herausfindet. Ebenso wie Edith muss auch Poppy – die anfangs den Eindruck vermittelt, sie wüsste genau, wo sie im Leben steht – im Laufe der Geschichte immer wieder feststellen, wie wenig sie doch über ihre eigene Vergangenheit und ihre Familie weiß. So spielt die Liebesgeschichte zwischen diesen beiden Figuren zwar eine relevante Rolle in der Handlung, für mich bleiben aber nach dem Lesen vor allem all die fantastischen Elemente, die Natania Barron in ihren Roman eigenflochten hat, präsent. Ich musste mich erst einmal auf eine Gesellschaft einlassen, in der es neben dem „üblichen“ britischen Adel auch noch die Coven der Gentlewitches gibt, nur um dann wieder davon überrascht zu werden, dass es in dieser Welt auch noch Vampire, Werwölfe und (theoretisch) Feen gibt. Aber ich fand es faszinierend, mehr darüberherauszufinden und zu sehen, wie die verschiedenen Figuren in dieser Welt (und in der Handlung) ihren Platz finden.

Es ist wirklich überraschend herausfordernd, in Worte zu fassen, was mich an „Netherford Hall“ so gut unterhalten hat. Ich mochte die vielen verschiedenen Figuren und ihre vielen Facetten, ich mochte die magischen Elemente, die Interaktionen der vielen Charaktere miteinander und diese Mischung aus gemütlich und unheimlich. Außerdem gab es so viele unvorhersehbare Wendungen, dass ich selbst bei den Punkten, bei denen ich die Auflösung eines „Rätsels“ vorhersehen konnte, dann von den damit einhergehenden Konsequenzen immer wieder überrascht wurde. Ich freue mich auf jeden Fall darauf, noch mehr von Natania Barron und zukünftigen Ereignissen rund um Netherford zu lesen. Außerdem überlege ich – trotz meiner Abneigung gegenüber „Arthurian Fantasy Romance“ – einen Blick in die „The Queen of Fate“-Trilogie der Autorin zu werfen, die sich um König Arthurs Schwester Anna dreht.

2 Kommentare

  1. Das ist ja sehr erfreulich, dass dich der Roman unerwartet so gefesselt hat! Ich habe leider schon lange kein Buch mehr so richtig verschlungen. Dieses klingt auch nicht so ganz nach meinem Beuteschema – wobei du das ja von dir auch gedacht hättest. Also vielleicht sollte ich es doch mal probieren.

    • Vielleicht schaust du dir einfach die Leseprobe mal an. Die Geschichte wird im Laufe der Zeit noch deutlich fantastischer, aber die Leseprobe gibt einen guten ersten Eindruck von den Figuren und dem Stil der Autorin.

      Ich lese gerade zwar sehr viel, aber so sehr versinke ich zu Zeit selten in einem Buch, weshalb ich das auch besonders genossen habe.

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