Um „Greenteeth“ von Molly O’Neill bin ich eine ganze Weile drumherumgeschlichen, weil es nach Erscheinen so viele begeisterte Stimmen zu dem Roman gab, dass ich davon ausging, dass die Geschichte dieser Begeisterung nicht gerecht werden könnte. Im Mai habe ich mir doch mal die Leseprobe angeschaut und kurz danach ist das Buch bei mir eingezogen – auch wenn es dann noch bis November gedauert hat, bis ich es endlich vom SuB zog. Nachdem ich den Roman gelesen habe, kann ich sagen, dass ich die Geschichte sehr gern mochte. Ich kann die überschlagende Begeisterung, die ich teilweise gesehen habe, zwar nicht nachvollziehen, aber ich habe meine Zeit mit dem Roman und die Erzählstimme der Protagonistin wirklich genossen und mich stellenweise überraschen gut amüsiert. In vielen Elementen erinnerte mich „Greenteeth“ angenehmerweise an fantastische Romane, die ich als Jugendliche gelesen habe. Das liegt an der eher gemächlichen Entwicklung der Handlung, an den praktisch veranlagten Figuren und an der Art und Weise, in der Molly O’Neill die verschiedenen englischen, walisischen und schottischen Mythen aufgegriffen hat.
Die Handlung selbst wird von (einer) Jenny Greenteeth erzählt, die seit vielen hundert Jahren in dem See in der Nähe des Orts Chipping Appleby lebt und in der Regel die Menschen in ihrer Nähe ignoriert. Ich mochte es sehr, Jennys Gedanken zu verfolgen, gerade weil sie sich im Klaren darüber ist, dass sie ein Monster ist. Aber sie ist ein recht pragmatisches Monster, und so lockt sie zum Beispiel keine erwachsenen Menschen in ihren See, weil das zu viel Nahrung auf einmal wäre und die Überreste ihr Gewässer verschmutzen würden. Deshalb ist Jenny auch umso irritierter, als die Anwohner von Chipping Appleby eines Tages eine gefesselte Frau in ihren See werfen. Temperance Crump bekam von ihren Nachbarn vorgeworfen, eine Hexe zu sein – was natürlich stimmt, aber ihre Nachbarn nicht gestört hatte, bis der neue Priester im Ort ankam. Seine Predigten und Anklagen sind der Grund, wieso Temperance nicht nur im See gelandet ist, sondern nun auch noch um das Leben ihres Mannes und ihrer beiden kleinen Kinder fürchten muss.
Ich fand es sehr schön mitzuverfolgen, wie Jenny und Temperance sich anfreunden und sich – nachdem sie mehr über den neuen Priester herausgefunden haben – aufmachen, um eine Waffe gegen das aufkommende Böse in Chipping Appleby zu finden. Dabei machen sich die beiden gemeinsam mit dem Goblin-Händler Brackus auf die Suche nach Gwyn ap Nudd und der Wilden Jagd. Diese Suche setzt sie nicht nur den Gefahren der Wild Roads aus, sondern sorgt auch dafür, dass sie so einige Herausforderungen überstehen müssen. Dabei stehen nicht die Abenteuer, die die drei Gefährten bestehen, im Mittelpunkt der Geschichte, sondern die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen Jenny und Temperance (und Brackus). All die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser drei Figuren sorgen für viele Überraschungen in ihrer Beziehung zueinander – und jedes Mal, wenn die drei wieder ein Stückchen entspannter miteinander umgehen, passiert etwas, das sie daran erinnert, dass eine von ihnen ein Mensch, einer ein Kobold und eine ein Monster ist.
Mir hat es gefallen, dass in „Greenteeth“ die Freundschaft zweier Frauen im Mittelpunkt der Geschichte stand (und keine Romanze), und so fand ich es stimmig und unterhaltsam, dass sich die Handlung vor allem um die Interaktion zwischen Jenny, Temperance und Brackus drehte. Dies sorgte – neben dem einen oder anderen Missverständnis – für überraschend wohltuende Szenen, in denen die drei Reisenden sich gegenseitig unterstützen, und selbst kleinere Reibereien unter den Figuren konnten diese für mich angenehme Atmosphäre nicht anhaltend stören. Trotzdem zieht sich durch den gesamten Roman eine leicht bittere Note, die mit all den (von Molly O’Neill wunderbar eingesetzten) britischen Sagen-Elementen zu tun hat. Denn obwohl die drei Figuren sich den Großteil der Handlung über durch den magischen Teil ihrer Welt bewegen und dabei so vielen fantastischen Wesen begegnen, wird schnell deutlich, dass die Zeit der Fae so langsam vorbei ist. Dies sorgte dafür, dass mich beim Lesen die ganze Zeit lang weniger die Frage beschäftigt hat, ob die drei am Ende das Böse in Chipping Appleby besiegen, sondern ob es am Ende überhaupt noch eine Zukunft für Jenny geben kann. Das hat dann, trotz der überraschend wohltuenden und entspannten Atmosphäre, die durch die Freundschaft der Protagonistinnen erzeugt wurde, doch für eine gewisse Spannung gesorgte. Ich bin auf jeden Fall neugierig, was Molly O’Neill nach diesem Debütroman noch so für Geschichten veröffentlichen wird.
