Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo: Poor Economics – Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut

Ich muss gestehen, dass ich auf „Poor Economics“ aufmerksam wurde, als bekannt wurde, dass der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis an Abhijit V. Banerjee „und seine Frau“ verliehen wird, wie ein englischsprachiges Wirtschaftsmagazin so schön formulierte. Weil es mich wütend gemacht hat, dass Esther Duflo in dieser Schlagzeile nur als Anhängsel erwähnt wurde, habe ich versucht, etwas mehr über die beiden Wissenschaftler und ihre Arbeit herauszufinden. Dabei bin ich über „Poor Economics“ gestolpert, fand, dass das Buch sehr interessant klingt, und habe es deshalb spontan in der Bibliothek ausgeliehen. Dabei muss ich betonen, dass der Titel im Original schon 2011 veröffentlicht wurde, was ich mir beim Lesen immer wieder ins Bewusstsein rufen musste, weil die meisten zitierten Studien vor 2010 stattfanden. Ein bisschen frage ich mich daher schon, welche der dort dargestellten Informationen sich schon wieder als veraltet herausgestellt haben und welche nicht.

Außerdem muss ich zugeben, dass Wirtschaftswissenschaften so gar kein Thema sind, das mich bislang interessiert hat. Ich habe keinerlei Vorbildung in dem Gebiet, was bedeutet, dass das, was die beiden Autoren in ihrem Buch geschrieben haben, für mich vollkommen neue Wissensfelder betrifft. Umso spannender fand ich, dass ich den verschiedenen Kapiteln in „Poor Economics“ problemlos folgen konnte und die verschiedenen Schlüsse, die Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo aus den diversen Studien zogen, nachvollziehbar und stimmig fand. Wobei mich der rein „wirtschaftliche Blick“ der Autoren auf ein Thema beim Lesen regelmäßig irritierte, weil es mir nun einmal fernliegt, eine Gesundheitsmaßnahme, ein Bildungsangebot oder Ähnliches ausschließlich aufgrund von wirtschaftlichen Erfolgen oder bezüglich der effektivsten Nutzung von Ressourcen zu betrachten. Oder weil ich es unstimmig finde auszurechnen, dass ein Mensch pro Jahr, das er mehr in der Schule verbringt, theoretisch x Prozent mehr Lohn in seinem Leben verdienen wird und sich deshalb dieses „Investment“ in Bildung rentiert. Aber ich gebe zu, dass meine Ansicht, dass Bildung sich immer rentiert, auch wenn am Ende kein „finanzieller Mehrwert“ dabei rausspringt, einer sehr priviligierten Sicht auf die Welt entspringt.

In zehn Kapiteln beschäftigen sich Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo mit der Ursache für Armut, mit den Themen Ernährung und Hunger, Gesundheit und Bildung, Familienplanung und Absicherungen/Versicherungen, sowie mit den Möglichkeiten zu sparen und Unternehmensgründung. All diese Kapitel fand ich so gut und verständlich geschrieben, dass auch jemand wie ich, die sich noch nie mit Wirtschaftsthemen beschäftigt hat, die verschiedenen Probeme, ihre Ursachen und ihre (möglichen) Lösungen gut verstand. Viele Punkte werden mit Beispielen belegt, denen die beiden Autoren im Laufe ihrer Forschung begegnet sind, was sie für mich greifbarer machten.

Was mich besonders fasziniert hat, waren die Dinge, die ich so nicht erwartet hätte. Zum Beispiel wird ganz zu Beginn von „Poor Economics“ erwähnt, dass zwar seit Jahrzehnten sehr viel Geld in die Entwicklungshilfe gesteckt wird, es aber keine gut belegte Forschung dazu gab, welche Maßnahmen wirklich spürbaren Einfluss auf das Leben der Menschen hatten. So ist es unumstritten, dass zum Beispiel Menschen in Krisengebieten kurzfristig mit Nahrung und Wasser beliefert werden müssen, aber lange Zeit hat sich niemand die Mühe gemacht herauszufinden, ob die langfristige Ausgabe von Lebensmittelspenden die sinnvollste Art der Unterstützung wäre. (Ich spoilere mal und verrate, dass es spätestens dann unsinnig ist, wenn ein Teil der Lebensmittelspenden in korrupten Regierungskanälen versickert oder aufgrund schlechter Lagerungsmöglichkeiten von Schädlingen vernichtet wird.)

„Die mangelnde Rentabilität der Unternehmungen von Armen erklärt auch, weshalb Mikrokredite offenbar keine radikalen Veränderungen im Leben der Kunden herbeiführen. (…) Wenn die von Armen betriebenen Geschäfte generell unrentabel sind, wird plausibel, warum Kredite, die ihnen die Geschäftsgründung ermöglichen sollen, keine deutliche Verbesserung ihrer Gesamtsituation nach sich ziehen.“ (S. 227)

Erst Mitte der 1990er Jahre wurden (unter anderem von Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo) überhaupt Vergleichsstudien entwickelt, mit denen die Wirksamkeit der verschiedenen Maßnahmen überprüft werden konnten und nicht alle Organisationen und Regierungen waren glücklich mit den Ergebnissen, die bei diesen Studien herauskamen. So ergaben diese Vergleichstudien, dass die beliebten und weit verbreiteten Mikrokredite zwar das Leben derjenigen häufig verbesserten, die sie aufnahmen, dass diese Verbesserung aber relativ gering war, dass nur wenige weitere Menschen davon profitierten und dass selbst bei großzügigen Kreditangeboten in der Regel große Hemmungen bestanden, so einen Mikrokredit aufzunehmen. Zum Teil zeigten diese Vergleichstudien auch auf, dass man gar nicht die Maßnahmen zur Entwicklungshilfe ändern musste, um erfolgreicher zu sein, sondern bestimmte Bedingungen vor Ort. So ist zum Beispiel vielen Landwirten in afrikanischen oder asiatischen Ländern durchaus bewusst, dass sie mit Dünger und besserem Saatgut bessere Ernten einfahren können, aber sie haben kurz vor der Aussaat kein Geld für Dünger und Saatgut.

Dieses Problem könnte theoretisch umschifft werden, wenn sie direkt nach dem Verkauf ihrer Ernte Saatgut und Dünger kaufen würden, aber da zu diesem Zeitpunkt die örtlichen Geschäfte in der Regel diese beiden Produkte nicht anbieten, bleibt den Landwirten nur der Vorsatz, Geld dafür zur Seite zu legen. Doch dieses gesparte Geld wird am Ende nur selten bis zur Saatzeit unangerührt bleiben, weil in armen Haushalten nun einmal regelmäßig (mehr oder weniger ernsthafte) Notfälle auftreten, die Extrakosten verursachen. Wenn aber direkt nach der Ernte diesen Landwirten von Hilfsorganisationen Gutscheine über die gewünschten Produkte (in erster Linie Dünger) angeboten wurden, um ihr Kapital zielbezogen festzulegen, fanden sie in der Regel alternative Möglichkeiten, um mit den Notfällen zwischen Ernte und Saatzeit umzugehen, und so stand ihnen dann zur passenden Zeit der notwendige Dünger zur Verfügung.

Ich muss zugeben, dass dieser „menschliche“ Faktor für mich der faszinierendste Aspekt an den in „Poor Economics“ geschilderten Studienergebnissen war. Am Ende bleibt trotz all der in dem Buch beschriebenen Vergleichsstudien und gewonnenen Erkenntnisse eigentlich auf der einen Seite das Fazit, dass man mit kleinen Maßnahmen schon überraschend viel erreichen kann. Aber auf der anderen Seite steht eben auch die Einsicht, dass man noch immer viel zu wenig über die vielen Faktoren weiß, die Entwicklungshilfe und das Leben der Menschen, die davon eigentlich profitieren sollten, betreffen. Und für mich persönlich steht ein bisschen die Frage im Raum, was sich wohl in den zehn Jahren, die seit der Erstveröffentlichung von „Poor Economics“ verstrichen sind, in diesem Bereich der Forschung noch so getan hat.

2 Kommentare

  1. Klingt interessant. Das könnte vielleicht sogar ich Wirtschaftsmuffel lesen (wobei ich Wirtschaft an der Uni als Nebenfach hatte, aber…). Das ist das erste Mal, dass ich Kritik an dem Mikrokreditsystem sehe. Werd ich mir mal auf die Wunschliste setzen.

    • Ich hatte auch Bauphysik an der Uni und würde heutzutage niemals freiwillig ein Buch zu dem Thema lesen. 😉 „Poor Economics“ hingegen fand ich wirklich gut zu lesen und sehr interessant.

      Was die Mikrokredite angeht, so sagen die Autoren nicht, dass diese schlecht sind, sie sind nur nicht so erfolgreich wie viele Jahre behauptet wurde. Da das Geld unter recht strikten Bedingungen vergeben wird (schließlich sind die Kreditnehmer große Risiken für Geldinstitute), können die Kreditnehmer keine Risiken damit eingehen, was bedeutet, dass sie auch relativ wenig Chancen auf größere Gewinne haben. Am Ende hatte ich das Gefühl, dass weniger der finanzielle Nutzen, als die Veränderungen im kleinen alltäglichen Leben der Kreditnehmer der wirkliche Gewinn aus den Krediten wäre.

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