Dorothy Cannell: Die dünne Frau (Ellie Haskell 1)

Anfang der 1990er erschien „Die dünne Frau“, der erste Ellie-Haskell-Roman von Dorothy Cannell, auf Deutsch und wenig später hatte ich damals die Reihe für mich in der Bibliothek entdeckt. Dass mich diese amüsanten Krimis schon damals nicht vollkommen überzeugt haben, kann ich schon allein daran festmachen, dass ich mir den ersten Teil irgendwann einmal gebraucht gekauft habe. Hätte ich den Titel unbedingt haben wollen, hätte ich mir das Buch direkt bei meinem Buchhändler bestellt. Allerdings finde ich die Handlung auch heute noch unterhaltsam genug, dass ich mit den Eigenheiten der Protagonistin Ellie leben und mich beim Lesen gut amüsieren kann. Ellie ist siebenundzwanzig Jahre alt, Innenarchitektin und dick – letzteres beherrscht ihr Leben so sehr, dass sie seit zwei Jahren zu keinem Familientreffen gegangen ist, weil sie sich neben ihrer dünnen und schönen Cousine Vanessa wie eine hässliche Versagerin fühlt.

Als nun eine schriftliche Einladung von ihrem Großonkel Merlin eintrifft, beschließt Ellie, dass sie sich für diesen Termin einen attraktiven Mann bei „Kultivierte Herrenbegleitung“ mieten muss, um genügend Selbstbewusstsein für das Zusammentreffen mit dem Rest der Familie zusammenkratzen zu können. So richtig gut läuft es dann trotz des angemieteten (angehenden) Autors Bentley „Ben“ Haskell nicht, aber trotzdem hat dieses Familientreffen zur Folge, dass Ellie und Ben im Testament des wenige Wochen später verstorbenen Großonkel Merlins bedacht werden. Genau genommen sieht das Testament vor, dass die beiden sechs Monate lang in dem alten und vernachlässigten Herrenhaus von Großonkel Merlin leben. Während dieser Zeit muss Ben ein (nichtpornografisches!) Manuskript beenden, während Ellie testamentarisch dazu gezwungen wird, 30 Kilo abzunehmen – außerdem müssen die beiden gemeinsam ein Geheimnis lüften, das ihnen Großonkel Merlin hinterlassen hat.

Ich muss gestehen, dass ich immer wieder amüsiert darüber bin, dass sich diese Art von „Kriminalroman“ im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert hat. Abgesehen von den beschriebenen Frisuren, Einrichtungsgegenständen und Kleidern scheint sich im Bereich der „unterhaltsamen und gewaltfreien Frauenkrimis“ nicht viel zu bewegen. Dabei wäre ich so froh, wenn nicht so viele Autorinnen eine Protagonistin wählen würden, deren Gedanken sich ständig um ihre Figur drehen. Ellie (und ein Großteil ihrer Umgebung) denkt nur über ihr Übergewicht nach und darüber, wie sie an die nächste Mahlzeit kommt. Ich bin mir relativ sicher, dass die Menschen in ihrem Umfeld gar kein so großes Problem mit ihren Pfunden hätten, wenn sie nicht ständig selbst darauf aufmerksam machen würde. Die Masse an „ich bin hässlich und wenig liebenswert, weil ich so dick bin“-Bemerkungen wäre unerträglich, wenn nicht zwischendurch immer wieder sympathische Nebenfiguren, skurrile Momente mit anderen Personen oder – zumindest bei der Protagonistin – doch so etwas wie Interesse für andere Menschen oder Ellies Arbeit auftauchen würden.

Diese Aspekte sind es dann auch, die dafür gesorgt haben, dass ich nicht nur „Die dünne Frau“ unterhaltsam fand, sondern mir damals auch noch weitere Bände der Reihe besorgt habe. Solange ich mich auf die Handlung und weniger auf Ellies Selbstsicht konzentriere, fühle ich mich sehr wohl mit der gemischten Gemeinschaft, die sich im Laufe der Zeit in dem alten Herrenhaus sammelt. Neben Ellie und Ben (die theoretisch von Anfang an ein Paar hätten sein können, wenn sie nur einmal über ihre Gefühle geredet hätten) gehören noch Dorcas (eine energische ehemalige Sportlehrerin) und Jonas (der ca. 70jährige Gärtner des Anwesens) zum Haus. Dazu kommen die diversen Verwandten, die immer wieder in der Nähe des Anwesens auftauchen und die zwar nicht sympathisch sind, aber für die eine oder andere amüsante Szene sorgen, der gutaussehende Pfarrer, der doch nur hilfreich sein will, und diverse Bewohner des naheligenden Städtchens, die alle ihre ganz eigene Meinung über das Herrenhaus und dessen aktuelle und frühere Bewohner haben.

Außerdem gibt es natürlich noch das zu lösende Geheimnis, mit dem sich Ellie und Ben in den sechs Monaten mehr oder weniger intensiv beschäftigen. Diesen Teil mag ich an der Geschichte besonders gern, denn hier beweist die Autorin ein Händchen für alltägliche, kleine Dinge, die sehr viel über einen Menschen aussagen. Auch wenn Ellie und Ben nicht genau wissen, worum es bei diesem Geheimnis geht, konzentrieren sich viele ihrer Fragen auf Merlins Mutter. So studieren sie intensiv die wenigen erhaltenen Briefe, das Haushaltsbuch und die Rezeptsammlung dieser längst verstorbenen Frau und lernen erstaunlich viel über ihr Leben und ihre unglückliche Ehe. Ein paar der „überraschenden“ Elemente in der Geschichte sind zwar für den aufmerksamen Leser sehr vorhersehbar, aber das macht sie nicht weniger unterhaltsam. „Die dünne Frau“ ist also kein Meisterwerk der Krimiliteratur, aber ein netter und unterhaltsamer Roman, der für ein paar kurzweilige Lesestunden sorgt. (Und im Gegensatz zu den meisten anderen meiner immer noch als unterhaltsam empfundenen „älteren“ Krimis, gibt es bei diesem Roman sogar eine aktuelle deutsche Ausgabe.)

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