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Shelly Jay Shore: Rules for Ghosting

„Rules for Ghosting“ war eins der ersten eBooks, die ich mir in diesem Jahr gekauft habe, und dann habe ich das Lesen immer wieder vor mir her geschoben – und kann gar nicht mal sagen, woran das lag. Vielleicht daran, dass ich wusste, dass es in dem Roman zu einem nicht unerheblichen Teil um Trauer geht, während ich gerade vor allem fluffige Geschichten bevorzuge, die nicht besonders viel Aufmerksamkeit von mir fordern. Aber nachdem Susanne im Juni den Roman gelesen und gemocht hatte, habe ich ihn etwas höher auf die Leseliste gesetzt und im August dann auch wirklich während einer Bahnfahrt angefangen zu lesen. Das war nicht die beste Idee, die ich je hatte. Denn die erste Hälfte des Romans hat regelmäßig dafür gesorgt, dass ich aufpassen musste, dass ich nicht das gesamte Ruheabteil mit meinem ständigen Auflachen störte. Bei der zweiten Hälfte war ich dann allerdings froh, dass ich die zu Hause auf dem Sofa las, weil mir Tränen übers Gesicht strömten. Die Geschichte hat bei mir wirklich für ein emotionales Auf und Ab gesorgt, was ich allerdings auch sehr genossen habe.

Die Handlung wird aus der Sicht von Ezra Friedman erzählt, einem jüdischen trans Mann, der nach dem Tod seines Großvaters entdeckt, dass er Geister sehen kann, was für einer überraschend herausfordernde Kindheit sorgt, denn das Leben seiner Familie dreht sich zu einem Großteil um das Bestattungsinstitut, das Ezras Großvater nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet hatte. So ist es kein Wunder, dass Ezra als Erwachsener so wenig wie möglich mit dem Familiengeschäft zu tun haben will und seinen Lebensunterhalt lieber als Yoga-Lehrer und Doula (eine nicht-medizinische Geburtsbegleitung – in Ezras Fall für queere Personen) verdient. Doch als er seinen Job also Yoga-Lehrer verliert und kurz darauf seine Mutter verkündet, dass sie ihren Mann verlässt, um mit ihrer heimlichen Geliebten zusammenzuziehen, übernimmt Ezra vorübergehend die Aufgaben seiner Mutter als Buchhalter im Bestattungsinstitut. Was nicht nur dazu führt, dass er sich mit den Geistern im Institut und seinem komplizierten Verhältnis zu seiner Familie auseinandersetzen muss, sondern auch immer wieder Jonathan über den Weg läuft, der dort ehrenamtlich tätig ist. Dabei weiß Ezra nicht so recht, wie er mit den Gefühlen, die er für Jonathan entwickelt, umgehen soll, da dieser vor gerade mal zwei Jahren seinen Ehemann bei einem Autounfall verloren hat und immer noch sichtbar trauert.

Während Ezra sich mit seiner Fähigkeit, Geister zu sehen, seiner Familie und seiner frischen Verliebtheit auseinandersetzen muss, steht ihm sein wirklich wunderbarer (queerer) Freundeskreis zur Seite. Dieser Freundeskreis – zu denen auch Ezras Ex-Freund Ollie gehört – bietet mit einer perfekten Mischung aus Unterstützung, offenen Ohren und regelmäßigen Anstupsern, damit Ezra endlich aktiv wird, einen wunderbaren und amüsanten Ausgleich zu Ezras Gefühlschaos. Ich kann nicht beurteilen, wie angemessen Ezra und die anderen queeren Charaktere in dieser Geschichte dargestellt werden, aber für mich fühlte es sich an, als ob Shelly Jay Shore mit sehr viel Feingefühl diese Figuren und die Herausforderungen ihres Lebens beschrieben hat. So gibt es zum Beispiel Momente, in denen Ezra sich damit auseinandersetzen muss, dass sein Körper nicht seinem Selbstbild entspricht, oder in denen er mit einer Person intimer wird und dabei mit seinem Gegenüber klären muss, was für ihn als trans Mann beim Sex okay ist und was nicht. Dabei macht Shelly Jay Shore immer wieder deutlich, dass dieses ständige Abwägen, welche Informationen er wem geben muss, um angemessen behandelt zu werden, sehr belastend für ihn ist – eine Belastung, die zu den ganzen weiteren Problemen rund um Beruf und Familie dazukommt und so Ezras Alltag noch ein bisschen komplizierter macht, als es nötig wäre.

Das klingt jetzt, als wäre „Rules For Ghosting“ voller großer und wichtiger Szenen rund um Ezras Queerness, statt eine flüssig lesbare und überraschend amüsante Geschichte rund um einen Mann, der sich mit seiner anstrengenden, aber doch irgendwie liebenswerten Familie auseinandersetzen muss, während er gleichzeitig mit seinen aufkeimenden Gefühlen für Jonathan jongliert. Ach, und um die Tatsache, dass er Geister sehen kann … Aber das ist wirklich nicht der Fall, da es Shelly Jay Shore gelingt, all diese Elemente ganz selbstverständlich in Ezras Alltag einzuflechten, so dass sie mir häufig erst nach dem Lesen wirklich aufgefallen sind (wenn nicht gerade Ezras Perspektive dafür sorgte, dass mir ein Aspekt bewusst vor die Nase geführt wurde). Stattdessen habe ich beim Lesen regelmäßig an Filme wie „Familienfest und andere Schwierigkeiten“ oder „The Family Stone“ denken müssen, weil eben Ezras Familie so sehr im Mittelpunkt der Handlung steht. Diese Mischung aus Verzweiflung und Zuneigung gegenüber seinen Lieben ist wirklich nachvollziehbar geschrieben und sorgte dafür, dass ich ständig zwischen Lachen und schwerem Schlucken wechseln musste. Ich habe die Figuren in dieser Geschichte – selbst die, die auf den ersten Blick über einen eher herausfordernden Charakter verfügten – wirklich ins Herz geschlossen und meine Zeit mit diesem Roman sehr genossen.

Shelly Jay Shore gelingt es, überraschend viele Themen in eine wirklich amüsante und flüssig zu lesende, aber definitiv nicht oberflächliche Geschichte zu packen. Und während ich anfangs das Gefühl hatte, dass Ezras Fähigkeit, Geister zu sehen, ein ungewöhnliches, aber eher überflüssiges Element ist, war ich am Ende überrascht davon, wie wichtig diese Geister und Ezras späte Auseinandersetzung mit seiner Fähigkeit für die Handlung waren. „Rules for Ghosting“ ist ein überraschend vielseitiger Roman voller Höhen und Tiefen für den Protagonisten Ezra und gelungenen, fließenden Übergänge zwischen diesen emotionalen Extremen. Nach dem Lesen dieses Romans bin ich sehr neugierig auf die nächste Veröffentlichung von Shelly Jay Shore, obwohl ich den Klappentext von „Love Me Like a Rock Song“ ursprünglich eher verwirrend als ansprechend fand. Außerdem überlege ich, ob ich mir noch die Taschenbuchausgabe von „Rules for Ghosting“ zulege, weil ich den Roman gern nicht nur auf dem eReader, sondern auch greifbar (und verleihbar!) im Regal stehen hätte.