2024 war kein gutes Sachbuch-Jahr für mich. Was vor allem daran lag, dass ich so dickköpfig war und ein bestimmtes Buch durchlesen wollte – und dann lieber gar keine Sachbücher gelesen habe, um nicht zu diesem einen Titel greifen zu müssen. Die Bücher, die ich dann tatsächlich gelesen habe, haben mir in der Regel aber sehr gut gefallen und mein Leben ein Stückchen bereichert.
Januar 2024
Beate Sirota Gordon: The Only Woman in the Room – A Memoir of Japan, Human Rights, and the Arts
Sehr spannend zu lesende Erinnerungen von Beate Sirota Gordon, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu dem amerikanischen Team gehörte, das innerhalb einer Woche einen Entwurf für die neue japanische Verfassung aufgestellt hat. So viele faszinierende Details über das Leben ihrer (jüdischen) Musiker-Eltern in Europa, ihre Kindheit in Japan und ihren weiteren Werdegang nach ihrer Heirat, zusammengefasst in einem überraschend schmalen Buch. Besonders beeindruckt haben mich die Passagen, in denen Beate Sirota Gordon darüber schrieb, warum sie welche Elemente z. B. zum Thema Frauenrecht oder Schulbildung in die japanische Verfassung eingefügt hat. Da gab es nicht nur viele Hinweise auf andere Verfassungen (u. a. die der Weimarer Republik), sondern auch auf persönliche Erlebnisse in ihrer Kindheit in Japan. Aber auch ihre spätere Arbeit rund um den kulturellen Austausch zwischen verschiedenen asiatischen Ländern und den USA fand ich faszinierend zu lesen. Ergänzt werden all diese Erinnerungen durch sehr, sehr viele Schwarzweiß-Fotos, die zwar häufig von nicht gerade guter Qualität sind, aber so viele interessante Personen zeigen.
April 2024
Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History – 101 Things that Never Happened
Genau genommen habe ich von Januar bis April 2024 (fast) täglich einen Eintrag in diesem Buch gelesen und so regelmäßig eine kleine Portion „Geschichtswissen“ genossen. Ich folge Jo Hedwig Teeuwisse („The Fake History Hunter“) schon seit einigen Jahren online, weil ich es immer wieder spannend finde, wenn von ihr Posts überprüft/wiederlegt werden, die „interessante“ oder „aufsehenerregende“ Behauptungen über alle möglichen Dinge aus der Vergangenheit aufstellen. Viele dieser Posts basieren auf Gerüchten (die z. B. von der Autorin auf Briefwechsel oder ähnliches zurückgeführt werden konnten) oder Veröffentlichungen aus der viktorianischen Zeit, in denen die „historisch interessierten“ Verfasser sich eher ihrer Fantasie statt handfester Recherche bedienten und so dafür sorgten, dass ihre Vorstellung von der Vergangenheit zum „Allgemeinwissen“ wurde.
Dabei fand ich es besonders faszinierend, anhand der kleinen Nebenbemerkungen in den Texten und der Anhänge ein bisschen mehr über die Recherchearbeit von Jo Hedwig Teeuwisse mitzubekommen, die oft genug damit startet, dass erst einmal überhaupt ein konkreter Rahmen oder eine Definition als Ausgangspunkt geschaffen werden muss. Wenn zum Beispiel behauptet wird, dass der Kuss zwischen Uhura und Kirk der „erste interracial Kuss der Fernsehgeschichte“ sei (was nicht stimmt, egal, welche Definition angewendet wird), muss erst einmal bestimmt werden, ob es sich dabei um den ersten Kuss auf die Wange, Kuss auf den Mund oder Zungenkuss handelt, um einen Kuss, der bewusst ausgeführt wurde, der zufällig passierte, der gegen den Willen einer oder beider beteiligten Personen erfolgte, oder um einen Kuss, der mit romantischer oder komischer Intention gefilmt wurde. Erst wenn diese Definition gesetzt wurde, ist es überhaupt möglich, die Recherche dementsprechend zu gestalten und Antworten auf die Frage zu finden, welcher Kuss nun der erste seiner jeweiligen Art war. Das war – wie gesagt – spannend zu lesen und sorgt auf jeden Fall dafür, dass ich „faszinierenden Fakten“, über die ich online stolpere, noch ein bisschen skeptischer gegenüberstehe.
Juni 2024
Clare Hunter: Threads of Life – A History of the World Through the Eye of a Needle
Clare Hunter erzäht in sechzehn Kapiteln von verschiedenen Momenten oder Bewegungen in der Geschichte der Welt, in denen Handarbeitskunst – vor allem mit dem Schwerpunkt Sticken – eine häufig übersehene, aber wichtige Rolle einnahm. Wie bei Molly Peacocks Buch (siehe Dezember) gibt es auch hier enge Bezüge zwischen dem Leben der Autorin und den Dingen, die sie erzählt, aber während ich mit Molly Peacock so gar nicht zurechtkam, fand ich Clare Hunters sehr persönliche Einleitungen zu den verschiedenen Kapiteln interessant zu lesen. Es ist für mich schwierig, mehr über dieses Buch zu erzählen, denn Clare Hunter stellt jedes Kapitel unter einen Oberbegriff und manchmal bedeutet das, dass sie sich auf ein Thema konzentriert, aber deutlich häufiger gibt es mehrere Beispiele, die über mehrere Zeiten und Länder verteilt stattfanden. Auf jeden Fall gibt jedes dieser Kapitel Einblick in Bereiche der Weltgeschichte – seien es Kriegsgefangene in den verschiedensten Kriegen, Sufragetten-Proteste oder so etwas „Begrenztes“ wie Community-Projekte -, die mir so noch nicht untergekommen waren und die ich faszinierend und berührend fand. Handarbeit als politisches Element wird häufig übersehen, gerade weil es eine vermeintlich „weibliche und häusliche“ Tätigkeit ist, dabei lässt sich (aus den wenigen noch vorhandenen Stücken) so viel über die Situation der Personen lernen, die diese Arbeiten ausgeführt haben.
November 2024
Djamila Knopf: Luminescence – Shedding light on the creative process with Djamila Knopf
Ein Artbook mit Bildern der deutschen Künstlerin Djamila Knopf, das neben sehr vielen (japanisch inspirierten) Werken auch einige Texte enthält. Diese Texte drehen sich um den Denkprozess, der von der Idee zum fertigen Bild führt, aber auch um konkrete Aspekte, die Einfluss auf die Wirkung eines Bildes haben. Ich fand die Texte faszinierend zu lesen und habe es genossen, mir Zeit beim Betrachten der Bilder lassen zu können – so ein Artbook ist doch etwas anderes, als wenn man beim Social-Media-Scrollen über ein ansprechendes Bild stolpert. 😉
Dezember 2024
Molly Peacock: The Paper Garden – An Artist Begins Her Life’s Work at 72 (abgebrochen)
Auch dieses Buch habe ich über mehrere Monate (genau genommen fast das ganze Jahr) gelesen, was aber nicht daran lang, dass ich es in kleine Portionen aufgeteilt habe, sondern daran, dass ich immer lieber zu anderen Titeln gegriffen habe. Irgendwie hatte ich beim Klappentext den Teil mit „As she tracks the extraordinary life of Delany – friend of George Frideric Handel and Jonathan Swift – internationally acclaimed poet Molly Peacock weaves in delicate parallels in her own life …“ überlesen, und so faszinierend ich Mary Delany und ihre Kunstwerke fand, so wenig interessierte mich Molly Peacock und ihre Art, Mary Delanys Geschichte zu erzählen. Im Dezember habe ich mir dann endlich eingestanden, dass Molly Peacock mich mit ihrer Schreibweise vom Lesen abhält und dieses Buch ein Fehlgriff für mich war. Das Buch wird aussortiert – vielleicht stolpere ich irgendwann mal über eine anderen Biografie über Mary Delany, und dann kann ich schauen, ob ich mehr über diese interessante Person herausfinde.
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Kein Sachbuch, aber trotzdem eine Erwähnung wert:
Nikita Gill: These are the Words – Fearless Verse to Find Your Voice
Im Februar bin ich über ein Gedicht aus „These are the Words – Fearless Verse to Find Your Voice“ von Nikita Gill gestolpert, und das hat dazu geführt, dass ich mir das Buch angeschafft habe. Die Gedichtsammlung ist für Teenager gedacht, die erste Erfahrungen mit einer Welt machen, die nicht gerade freundlich mit Personen umgeht, die ihren Weg noch finden müssen. Aufgeteilt sind die Gedichte in vier Jahreszeiten, und so habe ich sie auch gelesen (auch wenn das bedeutete, dass ich zu Frühlingsbeginn erst einmal einige Seiten überblätterte, um die restlichen „Winter-Texte“ aufs Jahresende zu schieben).
Die Gedichte sind in der Regel sehr einfach und klar geschrieben, nicht immer besonders poetisch, aber gerade deshalb gaben sie häufig genau die Ratschläge, die ich persönlich als Teenagerin nötig gehabt hätte. Es fühlt sich beim Lesen an, als ob eine ältere Freundin oder große Schwester Denkanstöße oder Ermutigung geben würde, was ich sehr nett fand. Ich muss aber auch zugeben, dass ich ein bisschen darüber stolperte, dass die Gedichte auf der einen Seite so feministisch sind und den lesenden Personen helfen sollen, eine eigene Stimme zu finden, und auf der anderen Seite sind sie (wenn Personalpronomen verwendet werden) durchgehend binär. Das ist meiner Meinung nach ein Widerspruch.

Dass dir die gelesenen Bücher gefallen und dich bereichert haben, ist ja das wichtigste! Und vielleicht werden es 2025 wieder mehr Sachbücher.
Bei mir war es auch kein gutes Sachbuch-Jahr. Ich habe zwar 8 Sachbücher gelesen, was mich im Nachhinein überrascht, aber davon waren das meiste Erfahrungsberichte, die sich gemütlich dahinlesen ließen. Mein Sachbuch-Highlight war „Mann von Meer. Thomas Mann und die Liebe seines Lebens“ von Volker Weidermann, das ich als unterhaltsam und informativ empfunden habe.
Vielleicht nehme ich mir dieses Jahr mal wieder eine bestimmte Anzahl an Sachbüchern vor.
Es wäre schön, wenn 2025 wieder mehr Sachbuch-Zeit mit sich brächte – und sei es nur, weil das erste gekaufte Buch des Jahres ein Sachbuch war. *g*
Du hattest in diesem Jahr so viel um die Ohren (nicht nur so viele Hobbys plus Fernbeziehung, sondern auch so einiges bei der Arbeit), da ist es doch ein Wunder, dass du dich eher auf die „gemütlichen“ Sachbücher konzentriert hast. So gesehen ist es doch großartig, wie viele Sachbücher du gelesen hast! 🙂
Das ist ja schon mal ein guter Start mit dem ersten Sachbuchkauf. *g*
Ja, mein Jahr war ausreichend voll und für anspruchsvollere Lektüre hatte ich da kaum mehr Kapazitäten.