Über „The Only Purple House in Town“ von Ann Aguirre bin ich vor ein paar Tagen zufällig gestolpert, und ich fand die Inhaltsangabe nett genug, um die Leseprobe zu lesen. Danach habe ich mir dann das eBook gekauft und ein paar nette Abende mit der Geschichte verbracht. Erzählt wird die Handlung aus den Perspektiven von Iris Collins und Eli Reese, die sich vor fünfzehn Jahre (Eli war zehn und Iris war zwölf Jahre alt) kurz begegneten, als Iris Eli vor einem Mitschüler beschützte. Seitdem hat sich das Leben der beiden Figuren sehr unterschiedlich entwickelt: Iris ist hoch verschuldet, steht kurz vor der Obdachlosigkeit und hat das Gefühl, dass alles, was sie in die Hand nimmt, schief läuft. Eli hat hingegen als App-Entwickler so viel Erfolg, dass er sich problemlos ein paar Wochen Urlaub gönnen kann, um seiner Großmutter bei einem Start in ein neues Leben zu helfen.
Erst als Iris das Haus „Violet Gables“ in dem kleinen Ort St. Claire (und etwas Bargeld) von ihrer Großtante Gertie erbt, scheint sich ihr Glück zu wenden. Nach und nach vermietet sie immer mehr Zimmer in ihrem Haus an die unterschiedlichsten Personen, und so versammelt sich unter Iris‘ Dach im Laufe der Zeit eine ungewöhnliche found family. Auch Eli gehört zu den Personen, die von Iris ein Zimmer mieten – was ihm nicht nur die Möglichkeit bietet, mehr Zeit mit der Frau zu verbringen, an die er fünfzehn Jahre lang immer wieder gedacht hat, sondern ihn auch zum ersten Mal in seinem Leben engere Freundschaften knüpfen lässt. Ich fand es sehr wohltuend, von all den Personen zu lesen, die sich in „Violet Gables“ zusammengefunden haben, und zu sehen, wie sie alle in einem Umfeld aufblühen, in dem rücksicht- und respektvoll mit ihnen umgegangen wird. Dabei ist das Leben für Iris und ihre Mitbewohner nicht ohne Probleme, aber egal ob es sich dabei um die fürchterliche Nachbarin, Reparaturen am Haus oder Dramen mit den Familienmitgliedern der jeweiligen Personen handelt, als Leserin hatte ich nie das Gefühl, dass irgendwas davon nicht gut ausgehen würde.
Was mich zu dem größten Kritikpunkt an der Geschichte bringt: „Elis Geheimnis“! Eli zieht aufgrund eines Missverständnisses in Iris‘ Haus ein (sie denkt, er spricht sie an, weil er sich für ein Zimmer bewerben will, und er ist zu schüchtern und zu glücklich über das Wiedersehen, um das aufzuklären). Statt das Ganze nach den ersten Tagen, als sich alle besser kennenlernen, anzusprechen, macht Eli daraus ein großes Geheimnis – ebenso wie aus der Tatsache, dass er mehr Geld hat als alle anderen zusammen. Was natürlich dazu führt, dass es gegen Ende des Romans erst einmal ein großes Drama geben muss, als Iris herausfindet, was Eli alles verschwiegen hatte. Das war vollkommen unnötig (es gibt noch andere Punkte, die zum dramatischen Höhepunkt der Handlung beitragen und die vollkommen ausgereicht hätten), es war von Anfang an abzusehen und es passte nicht zu dem Charakter, den Ann Aguirre mit Eli geschaffen hatte.
Außerdem finde ich es lustig, dass ich bislang die fantastischen Elemente in „The Only Purple House in Town“ gar nicht erwähnt habe, obwohl ich sie wirklich nett fand. Aber wenn ich genau bin, dann spielen sie eigentlich keine wichtige Rolle in der Handlung. Es ist egal, dass Iris‘ Eltern Vampire sind und sich von negativen Gefühlen ernähren, denn das ist nicht der Grund, wieso Iris in der Gesellschaft ihrer Mutter und ihrer Schwestern unglücklich ist. Es hilft bei der Renovierung, dass später eine Person ins Haus zieht, die mit Magie Materialien auffrischen kann, aber einer der anderen Mitbewohner hatte vorher schon mit seinen handwerklichen Kenntnissen alles Wichtige repariert. Vor allem sind die fantastischen Elemente in dem Roman also vorhanden, um Gespräche anzustoßen, Probleme mit der konservativen Nachbarin zu verursachen oder für amüsante Momente zu sorgen – all das wäre auch ohne Gestaltwandler*innen, Vampir*innen oder Hexen möglich, aber vermutlich nicht ebenso unterhaltsam gewesen.
Alles in allem habe ich mich mit der Geschichte wirklich wohlgefühlt, auch wenn das Ende von „The Only Purple House in Town“ etwas arg kitschig war und ich eine weniger magische Lösung für das größte Problem der Hausgemeinschaft schöner gefunden hätte. Es gibt in dem Roman so viele zauberhafte Momente, in denen Iris und all die anderen Charaktere aufmerksam miteinander umgehen, in denen deutlich wird, dass sie auf die Eigenheiten der anderen Rücksicht nehmen, damit alle gut und sicher zusammen leben können. Ich mochte die verschiedenen Figuren mit all ihren Eigenarten wirklich gern, ich habe über diverse Szenen geschmunzelt und regelmäßig „nur noch ein weiteres Kapitel“ gelesen. Überhaupt hätte ich nichts dagegen, weitere solche Geschichten von der Autorin zu lesen. Es gibt von ihr auch noch die Fix-It-Witches-Trilogie, die in dem gleichen Ort spielt wie dieser Roman, aber die Tatsache, dass das eBook des ersten Bands („Witch Please“) aktuell über 13 Euro kostet, hält mich davon ab, ein paar weitere entspannte Stunden in St. Claire zu verbringen.

Ich mag „found family“ Geschichten sehr gern, unnötiges Drama hingegen gar nicht. Bin mir also nicht ganz sicher, ob das Buch auf meine Leseliste wandern soll.
Ich fand es auch sehr schade, dass die Autorin auf diesen Aspekt nicht verzichtet hat. Die ganze Geschichte hätte genauso gut funktioniert, wenn Eli einfach nach ein paar Tagen alles aufgekärt hätte. Auf der anderen Seite fand ich den Rest des Romans – gerade rund um das Einziehen und besser Kennenlernen der diversen Nebenfiguren – so nett, dass ich mehr von der Autorin lesen würde. Wenn also irgendwann mal deine Lust auf das „found family“-Thema größer sein sollte, als deine Frustration über dieses eine unglückliche Handlungselement, dann weißt du ja, welche Leseprobe du dir anschauen kannst.
Ich werde es mir auf jeden Fall mal merken.
Keine Ahnung, weshalb in Büchern immer so ein Hang zu unnötigem Drama und Missverständnissen herrscht. Für mich hat das noch nie die Spannung erhöht, sondern mich immer nur genervt.
Lustigerweise haben sich vor kurzem einige Autor*innen darüber auf Bluesky unterhalten und kamen dabei zu dem Schluss, dass das unnötige (und für Leser*innen) unnötige Drama vor allem deshalb zustande kommt, wenn die „Spannung“ in einem Buch weniger durch Charakterentwicklung als durch Handlung erzeugt wird. Und da es ja traditionell einen „Höhepunkt“ im letzten Drittel benötigt, ist das eine einfache Lösung für dafür. Lustigerweise war keine der Personen, die an der Diskussion beteiligt war, jemand, in dessen Büchern ich so etwas schon mal vorgefunden hätte. Stattdessen sind es vor allem Autorinnen gewesen, die ich für mich persönlich mit Romanen in Verbindunge bringe, die ich oft rezensiere mit „Geschichten, in denen wenig passiert, bei denen ich aber die Figuren, die Dialoge und die kleinen alltäglichen Dinge genieße“.