Ovidia Yu: The Frangipani Tree Mystery

„The Frangipani Tree Mystery“ von Ovidia Yu habe ich bei Natira entdeckt, die den Cozy Mystery im vergangenen Oktober beim Herbstlesen gelesen hatte. Nach ihren Anmerkungen zum Buch musste ich den Roman einfach habe und bekam ihn zum Glück zu Weihnachten geschenkt. Schon auf den ersten Seiten habe ich die Erzählerin Chen Su Lin ins Herz geschlossen, deren Sicht auf die Welt mich häufig zum Schmunzeln gebracht hat. Su Lin gilt aufgrund eines Hinkens, das von einer Polioerkrankung übriggeblieben ist, als Unglücksbringerin. Trotzdem sucht sie zu Beginn von „The Fragipani Mystery“ einen Weg, um im Jahr 1936 in Singapur einen Job zu finden, bei dem sie die Fähigkeiten einsetzen kann, die sie an der Missionsschule gelernt hat.

Ich fand den Einstieg in die Geschichte einfach nur wunderbar, bei dem Su Lins Onkel und ihre Lehrerin über ihre Zukunft streiten, während Su Lin dazwischensteht und übersetzen soll und sich sehr gut überlegt, welche Passagen sie wie interpretiert, bevor sie sie in die jeweils andere Sprache überträgt. Diese Zurückhaltung und dieses „diplomatische“ Verhalten prägen Su Lins Erzählstimme, doch zum Glück bekommt man als Leser auch all die Gedanken mit, die sie niemals öffentlich äußern würde. Insgesamt ist Su Lin einfach ein netter Mensch, ohne dabei rückgratlos zu sein. Sie will nicht einfach von ihrer Familie verheiratet werden, auch wenn ihr bewusst ist, dass ihr Onkel Chen nur das Beste für sie im Sinn hat, und sie will nicht den Rest ihres Lebens als Helferin für ihre Großmutter verbringen. Stattdessen versucht sie ihre Beziehungen zu den Lehrerinnen der Missionsschule zu nutzen, um eine richtige Anstellung zu finden. So rutscht sie mehr zufällig in die Rolle der Aufpasserin für die geistig behinderte Tochter des britischen Gouverneurs und ist so in der besten Position, um die Augen nach Hinweisen aufzuhalten, die verraten könnten, wer die schottische Gouvernante der jungen Frau ermordet hat.

Der Krimianteil in „The Frangipani Tree Mystery“ hatte viel von einem klassischen britischen Cozy. Es gibt nur einen Handvoll Menschen, die in den Fall verwickelt sind, und der größte Teil davon gehört der britischen „Oberschicht“ in Singapur an. Was den Roman deutlich von den britischen Cozys unterscheidet, sind sowohl die Perspektive von Su Lin – die als chinesisches Dienstmädchen definitiv nicht in derselben Position ist, wie es eine weiße Ermittlerin (von Stand) wäre, als auch der Schauplatz Singapur. Natürlich gibt es so einige britische Cozys, die nicht auf der britischen Insel spielen, aber normalerweise bekommt man als Leser dieser Romane nicht die Sicht einer einheimischen Erzählerin präsentiert. Durch Su Lins Hintergrundinformationen zum Leben in Singapur gewinnt die Geschichte auf sehr vielen Ebenen, weil sie sich immer wieder Gedanken über das Verhalten der Menschen macht, denen sie begegnet, und wie die verschiedenen Personen mit all den Dingen umgehen, die in der Regel nur jemand verstehen kann, der im selben Kulturkreis und mit derselben Sprache aufgewachsen ist.

So bekommt man als Leser nicht nur sehr viel über das Leben in Singapur zu dieser Zeit mit, sondern kann all die Unterströmungen im Haushalt des Gouverneurs viel besser verstehen. Es geht nicht nur darum, dass die Dienstboten grundsätzlich gegenüber Fragen ihrer Herrschaft oder der Polizei misstrauisch sind, sondern auch darum, dass in solch einem Haushalt aufgrund der unterschiedlichen Herkunft und Aufgabenverteilung auch auf Dienstbotenebene Hierachien herrschen, die Su Lin nicht nur wahrnimmt, sondern auch versteht. Von den Briten, die Su Lin im Laufe des Romans kennenlernt, scheint einzig Chief Inspector Le Froy sich dieser vielen verschiedenen Facetten Singapurs, die sich durch die unterschiedliche Herkunft der Bewohner ergeben, bewusst zu sein. Der Polizist hat sich nicht nur – im Gegensatz zum Großteil seiner Landsleute – bemüht, verschiedene Sprachen zu lernen, um mit den Einheimischen auf Augenhöhe kommunizieren zu können, sondern er scheint auch ein überraschend gutes Verständnis für die verschiedenen Kulturen zu haben, die das Leben in Singapur prägen. Das alles macht Chief Inspector LeFroy zu einer sehr interessanten Figur, was dazu führte, dass ich die Begegnungen zwischen ihm und Su Lin sehr genossen habe, weil beide auf ihre Weise ungewöhnlich sind.

Was den Kriminalfall selbst angeht, so fand ich viele Elementen relativ offensichtlich. Auf der anderen Seite konnte ich sehr gut damit leben, dass Su Lin nicht ebenso schnell zu den gleichen Schlüssen kam wie ich, weil sie die beteiligten Personen mit einem ganz anderen Blick sah als ein erfahrener Krimileser. 😉 Ich habe die Atmosphäre in „The Fangipani Tree Mystery“ sehr genossen und all die kleinen Einblick in ein Singapur der 1930er Jahre, die ich nur durch die Augen einer einheimischen Erzählerin gewinnen konnte. Ich habe es geliebt, wenn Ovidia Yus Schreibweise mal wieder dafür gesorgt hat, dass ich beim Lesen von Su Lins Gedanken vor mich hinkicherte oder meinem Mann einfach eine Passage vorlesen musste, weil ich die Beschreibung einer Person oder Situation so wunderbar fand. Da es noch zwei weitere Romane mit Su Lin als Protagonistin gibt (und einige andere Kriminalromane aus der Feder der Autorin), freue ich mich jetzt schon darauf, demnächst noch einmal nach Singapur zurückzukehren, um eine weitere Ermittlung von Su Lin und Chief Inspector Le Froy zu verfolgen.

3 Kommentare

  1. Ich freue mich, dass Dir dieser „Krimi“ auch so gut gefallen hat. Derzeit liebäugel ich mit dem Kauf des zweiten Buches um Su Lin, da die kindle-Ausgabe aktuell für 3,99 EUR zu bekommen ist. Aber ich habe so viele andere Bücher (incl. Krimis) derzeit, dass ich vernünftig bin und erst einmal warte. 🙂

    • Konstanze

      Er hat mir sehr gut gefallen und ich habe die Fortsetzungen schon auf meiner „Reihenvervollständigungsliste“. Wobei ich mir die Bücher vermutlich eher zum Geburtstag schenken lasse, wenn ich nicht irgendwo ein Angebot finde. 😉

      Mein Blog hat übrigens wieder beschlossen, dass du Spam bist – was lästig ist, aber auch ein bisschen gerecht, weil dein Blog das auch von mir zu denken scheint. *g*

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