Ich war mir eigentlich sicher, dass ich zu diesem Titel schon etwas auf dem Blog geschrieben hatte. Aber da ich weder eine Rezension noch einen Kommentar noch eine Anmerkung bei einem Lese-Sonntag gefunden habe, habe ich mir das wohl eingebildet. Was kein Wunder wäre, denn ich habe während und nach dem Lesen von „The Cautious Traveller’s Guide to The Wastelands“ sehr viel Zeit damit verbracht, Sätze in meinem Kopf zu formulieren, um meine Meinung zu diesem Roman auszudrücken. Außerdem durfte sich mein armer Ehemann sehr viele Ausführungen zu dem Buch und seinen verschiedenen Elementen anhören, während ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren. Bevor ich mehr zu diesem Titel schreibe, kann ich schon mal sagen, dass mir Sarah Brooks‘ Erzählweise eigentlich sehr gut gefallen hatte, ihre Geschichte aber letztendlich nicht meinen Geschmack getroffen hat, obwohl es anfangs so aussah, als ob es der richtige Roman für mich sein könnte.
Schauplatz von „The Cautious Traveller’s Guide to The Wastelands“ ist der Great Trans-Siberian Express, ein Zug, der Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen Peking und Moskau durch die gefährlichen Wastelands verkehrt. Die Wastelands sind in dieser Variante unserer Welt ein gefährliches Gebiet voller Magie, das jede Person, die es betritt, so sehr verändert, dass sie nicht mehr in der normalen modernen Welt existieren kann. Deshalb gelten für die Reise mit dem Great Trans-Siberian Express besondere Regeln. Regeln, zu denen sich jeder Passagier vor der Abreise vertraglich verpflichtet – und dessen Brechen die Trans-Siberia Company von jeglicher Verantwortung für die (normalerweise tödlichen) Folgen befreit. Die Handlung wird aus mehreren Perspektiven erzählt, wobei besonders die von Weiwei (einem Waisenmädchen, das an Bord des Zugs geboren worden war und sein ganzes bisheriges Leben dort verbracht hat) und die von Marya (die nach dem Tod ihres Vaters unter falschen Namen den Zug betritt) hervorstechen. Außerdem steht schon vor der Abreise fest, dass bei der letzten Fahrt des Great Trans-Siberian Express etwas Ungewöhnliches passiert ist, etwas, an dass sich Weiwei nicht mehr richtig erinnert und von dem Marya glaubt, dass es zum Tod ihres Vaters geführt hat.
So fühlte sich der Anfang des Romans ein bisschen wie „Murder on the Orient Express“ von Agatha Christie an, wo nach und nach die verschiedenen Figuren eingeführt werden, während die Handlung auf einen Zug begrenzt ist. Doch in „The Cautious Traveller’s Guide to The Wastelands“ bestimmen neben der Frage, was während der letzten Reise des Great Trans-Siberian Express passiert sein könnte (und welche Verbrechen mit der Vertuschung der Geschehnisse verbunden sind), noch die Wastelands die Handlung. Sarah Brooks spielt mit den Gegensätzen zwischen der überbordenden, fantastischen Landschaft vor dem Zugfenster und dem von Technik beherrschten Leben im Zug und lässt dabei lange Zeit offen, ob die Magie der Wastelands wirklich real ist. Dazu kommt noch der Blick hinter die Kulissen der Reise, der durch Weiweis Kenntnisse der Hierachien innerhalb des Zugpersonals und der diversen technischen Elemente und Notwendigkeiten gewährt wird. Ich muss gestehen, dass ich die Zeichnung von der Aufteilung der Waggons zu Beginn des Romans nicht wirklich stimmig fand und mich die Ausmaße des beschriebenen Zugs immer wieder beim Lesen aus dem Tritt brachten, weil er für mich als Fahrzeug nicht funktioniert. Wenn ich mir vorstellen soll, dass der Zug 22 Waggons hat und mehrere Tage ohne Wasser- oder Kohlezuladung unterwegs sein soll, aber nur einen Waggon für Treibstoff dabei hat, dann reißt mich diese Unstimmigkeit schnell aus der Handlung …
Wenn es mir aber gelang, das Treibstoff- und Platz-Problem zu ignorieren, habe ich mich den Großteil des Romans wirklich gut unterhalten gefühlt. Es gab einige sympathische (oder zumindest interessante) Figuren in der Geschichte, deren Perspektive ich gern gefolgt bin, und die Frage, was bei der letzten Reise des Great Trans-Siberian Express passiert ist und wieso Maryas Vater von der Trans-Siberia Company zum Sündenbock erklärt wurde, hat mich so einige Zeit beschäftigt. Auch mochte ich Sarah Brooks‘ etwas ausschweifenden und bildhaften Erzählstil, obwohl ich damit bei anderen Autor*innen schon mal schnell die Geduld verlieren kann. Allerdings beschlich mich im Laufe der Zeit das Gefühl, dass ich genau wusste, worauf die Handlung hinauslaufen sollte, und dass die Auflösung rund um die Ereignisse während der letzten Zugfahrt durch die Wastelands so viel simpler sein würde, als mir lieb sein konnte. Das hat mir in der zweiten Hälfte des Romans leider das Vergnügen an der Geschichte etwas verdorben – und als meine Befürchtungen am Ende des Buchs wahr geworden waren und mich dazu noch das weitere Schicksal des Great Trans-Siberian Express wirklich enttäuschte, habe ich mich unglaublich geärgert. Für mich fühlte es sich an, als ob jemand mir eine ungewöhnliche und reizvolle Idee in wunderschöner Sprache erzählt hätte, nur um dann mit großen schwarzen Blockbuchstaben eine banale Botschaft über das Ganze zu pinseln. Es wäre für mich einfacher gewesen, wenn mir der Anfang von „The Cautious Traveller’s Guide to The Wastelands“ nicht so gut gefallen hätte, dann hätte mich das Ende der Geschichte nicht so sehr enttäuscht. So hingegen habe ich das Buch sehr frustriert beendet und bereue es ein bisschen, dass ich drei Tage lang meine Lesezeit damit verbracht habe.
