„A Sorceress Comes to Call“ von T. Kingfisher (Ursula Vernon) habe ich im August gelesen und ertappe mich bis heute immer wieder dabei, dass ich an die Geschichte zurückdenke. Der Roman ist grob an das Märchen „Die Gänsemagd“ angelehnt, doch statt von einer Prinzessin zu erzählen, die auf dem Weg zu ihrer Hochzeit von ihrer Zofe betrogen wird, dreht sich die Geschichte um die 14jährige Cordelia. Cordelia lebt zusammen mit ihrer Mutter, der Zauberin Evangeline, und schon von der ersten Seite an wird deutlich, dass Cordelia in keinem normalen oder gar gesunden Umfeld aufwächst. Seit vielen Jahren gehört zum Beispiel „obedient“ sein zu ihrem Leben – was in diesem Fall bedeutet, dass Evangeline die Kontrolle über Cordelias Körper übernimmt, während das Mädchen nur hilflos zuschauen kann. Nur während ihrer Ausritte mit Evangelines Pferd Falada fühlt sich Cordelia, als wäre sie der steten Beobachtung ihrer Mutter entkommen, und so sind diese Stunden – ebenso wie die dabei stattfindenden seltenen Treffen mit ihrer ehemaligen Schulfreudin Ellen – die einzigen Höhepunkte in ihrem Leben. Nach einem Vorfall in Cordelias Heimatort beschließt Evangeline, dass es Zeit wird, sich einen vermögenden Ehemann zu suchen, und so lädt sie sich (gemeinsam mit Cordelia) in das Haus des älteren Squire Samuel Chatham und seiner Schwester Hester ein.
Erzählt wird die Geschichte sowohl aus Cordelias als auch aus Hesters Sicht, und während Cordelias Perspektive fast schon schmerzhaft zu verfolgen ist, habe ich mich bei Hesters Kapiteln großartig amüsiert. Hester ist eine selbstbewusste ältere Frau mit so einigen Wehwechen und einem scharfen Verstand. Von Anfang an steht für sie fest, dass Evangeline (die von ihr in Gedanken nur als „Doom“ bezeichnet wird) eine Bedrohung für ihren Bruder Samuel darstellt. Dabei geht es ihr nicht darum, ihre Position im Haushalt ihres Bruders zu sichern, sondern sein Vermögen (und sein Leben) vor einer offensichtlich gierigen und gefährlichen Person zu beschützen. Außerdem sieht Hester ziemlich schnell all die kleinen Anzeichen, die davon zeugen, dass Cordelia von ihrer Mutter misshandelt wird. Beides führt dazu, dass sich – wie es sich für einen T.-Kingfisher-Roman gehört – eine ungewöhnliche Gruppe voller sehr individueller Persönlichkeiten rund um Hester (und Cordelia) sammelt, die alles in ihrer Macht stehende tun, um gegen Evangeline und ihre Zauberkräfte anzugehen.
Ich liebe all die vielen verschiedenen älteren und sehr pragmatischen Frauen in T. Kingfishers Romanen, und mit Hester und ihrer besten Freundin Imogene hat die Autorin ein ganz besonders wunderbares Duo davon geschaffen. All die gemeinsamen Teestunden mit diesen beiden Frauen, in denen sie Informationen sammeln, Strategien planen und ihren Verbündeten Anweisungen geben, stehen im starken Kontrast zu den eher gruseligen und zum Teil ziemlich dramatischen Szenen rund um Evangelines Magie. Ich muss zugeben, dass diese Teestunden der Teil des Romans ist, der den stärksten Eindruck bei mir persönlich hinterlassen hat, weil ich den Austausch zwischen all den verschiedenen Figuren so mochte – obwohl es auch schön zu lesen war, wie Cordelia mit der Hilfe von Hester und dem Dienstmädchen Alice immer mehr das Verhalten ihrer Mutter hinterfragt und im Laufe der Zeit anfängt, eigenständig zu denken und zu handeln. Aber Geschichten, in denen misshandelte junge Frauen lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sind halt deutlich weniger ungewöhnlich, als Geschichten rund um ältere, selbstbewusste Frauen, die ihre Freundschaften, ihren Pragmatismus und ihre Lebenserfahrung nutzen, um die Personen in ihrem Umfeld zu beschützen.
„A Sorceress Comes to Call“ ist in vielen Bereichen düsterer als die anderen Märchen-Neuerzählungen, die ich bislang von T. Kingfisher gelesen habe. Aber trotz der unheimlichen Elemente bietet dieser Roman wieder eine großartige Mischung aus realistischen und sehr sympathischen Charakteren, skurrilen Situationen und ungewöhnlichen fantastischen Elementen. Außerdem gibt es in dieser Geschichte wieder so viele Sätze und Aussagen, die auch noch Wochen nach dem Lesen in mir nachklingen und die mich nachdenklich gemacht haben. Ich mag es sehr, dass die Autorin es immer wieder schafft, dass ich mich beim Lesen wunderbar amüsiere, während sie mir gleichzeitig so viele Denkanstöße zu den verschiedensten unerwarteten Themen präsentiert. Unter diesen Umständen bin ich auch immer wieder gern bereit, mich auf die eher düsteren Geschichten (oder gar Horror-Veröffentlichungen) von T. Kingfisher einzulassen.
