Barbara Achermann: Frauenwunderland – Die Erfolgsgeschichte von Ruanda

Auf den Titel „Frauenwunderland – Die Erfolgsgeschichte von Ruanda“ von Barbara Achermann bin ich bei Neyasha gestoßen, die das Buch während des Herbstlesens erwähnt hatte. In diesem Sachbuch konzentriert sich die Autorin vor allem darauf, Frauen aus Ruanda vorzustellen, wie die über hundertjährige Zula, die nicht nur die Kolonialzeiten miterlebt hat, sondern auch während des Völkermords unzählige Menschen in ihrem Haus versteckt und so deren Leben gerettet hat. Oder die junge Musikerin Teta, die früh beide Eltern verlor und nun neben der Musik verschiedene Geschäftsideen ausprobiert, um über die Runden zu kommen und für Notfälle ein zweites Standbein parat zu haben. Einige der vorgestellten Frauen haben einflussreiche Positionen wie Espérance Nyirasafari, die zum Zeitpunkt des Interviews als Ministerin für „Gender and Family Promotion“ verantwortlich war (und inzwischen Sport- und Kulturministerin ist), doch fast alle von ihnen haben gemeinsam, dass sie nach dem Völkermord ohne Ehemänner oder Väter dastanden, die ihr Leben bestimmten, und deshalb aus eigener Kraft (und im besten Fall mit anderen Frauen zusammen) einen Weg finden musste, um zu (über)leben.

Mithilfe dieser vielen verschiedenen Frauen beschreibt Barbara Achermann ein Land, das in den vergangenen 20 Jahren unglaubliche Fortschritte erzielt hat, auch wenn man nicht verschweigen darf, dass die autoritäre Regierung in Ruanda alles andere als vorbildlich ist, wenn es um das Thema Menschenrechte, um eine eventuelle Opposition und Ähnliches geht. Was natürlich die Frage aufwirft, wie sehr man die Entwicklung Ruandas loben darf, wenn ihre Schattenseiten in der Unterdrückung (und Ermordung) von Oppositionspolitikern und kritischen Journalisten besteht oder wenn all die schönen sauberen Straßen vermutlich nur deshalb so vorbildlich ausschauen, weil jeder Mensch, der dort Anstoß erregen könnte, inhaftiert wurde. Spannend fand ich auch die Passagen, in denen über die Folgen der unübersehbaren Emanzipierung der Frauen auf die Männer geschrieben wurde und wie schwer es für einen Teil von ihnen ist, dass ihre Frauen nun auch Raum in der Berufswelt einnehmen und über mehr Bildung und Selbstbewusstsein verfügen.

Doch vor allem interessierten mich die verschiedenen Personen, die im Rahmen dieses Buches vorgestellt werden, ebenso wie die Folgen, die dieser (kommerzielle) Erfolg der Frauen auf die gesellschaftliche und politische Situation von Ruanda hatte und bis heute hat. Allerdings liegt mir der Stil, in dem Barbara Achermann die verschiedenen Personen vorstellt, nicht, was natürlich mein ganz eigenes Problem ist. Dieser ganz spezielle journalistische Stil soll dafür sorgen, dass der Journalist den Leser auf seine Reise mitnimmt und ihm so das Recherchierte und Erlebte näherbringt. Doch bei mir führt diese Schreibweise immer nur dazu, dass ich das Gefühl habe, ich würde mindestens ebenso viel über die Befindlichkeiten und Abneigungen des Autors/der Autorin erfahren wie über das eigentliche Thema. Am Ende werde ich dann nur ungeduldig mit dem Buch und mit Barbara Achermann, mit ihrer Sicht auf Afrika, mit den Untertönen, die bei ihren Beschreibungen oft mitschwingen, und wünschte mir, dass das Thema, um das es sich doch eigentlich dreht, mehr Raum in der Veröffentlichung bekommen hätte.

Obwohl ich viele der vorgestellten Frauen vorher nicht kannte, hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, ich hätte so viel Neues über Ruanda erfahren. Dabei muss ich erwähnen, dass ich in den vergangenen Jahren regelmäßig Artikel (zum Großteil aus dem englischsprachigen Raum) gelesen habe, in denen von Unternehmerinnen in Ruanda erzählt wurde und davon, welche Auswirkungen ihr geschäftlicher Erfolg auf das Land hat. Wer aber keinerlei Vorwissen hat, wenn es um dieses Land geht, um die Folgen der Kolonialisierung (durch Deutschland und Belgien), um den Völkermord, der 1994 an den Tutsi begangen wurde, darüber, wie die Rolle der Frau vor gerade mal zwei Jahrzehnten in Ruanda noch ausschaute und wie sehr sich die Frauen in den vergangenen 25 Jahren emanzipiert haben, der ist mit „Frauenwunderland – Die Erfolgsgeschichte Ruandas“ sehr gut bedient. Das Buch bietet einen leicht zu lesenden Einstieg in die Geschichte des Landes, konzentriert sich dann auf all die Frauen, die in den vergangenen Jahren – mithilfe einer autoritären Regierung – zum Motor eines tiefgehenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fortschritts von Ruanda wurden, und lässt auch die Schattenseiten dieser an sich großartigen Entwicklung nicht aus.

2 Kommentare

  1. Hui, jetzt hast du mich quasi überholt – wobei bei mir auch „nur“ noch die Rezension fehlt.
    Tatsächlich habe ich mich an den von dir genannten Kritikpunkten nicht gestört. Ich wusste vorher ziemlich wenig über die Geschichte von Ruanda und habe dementsprechend noch viel Neues beim Lesen erfahren. Und ich mochte auch Achermanns Stil, der meiner Ansicht nach nicht für jedes Thema geeignet ist, hier aber gut gepasst hat.

    • Da mir die Onleihe direkt im Anschluss zwei weitere Bücher zur Verfügung stellt, die ich schon vor längerem vorgemerkt hatte, musste ich mich ein bisschen ranhalten. *g*

      Dass ich vorher schon einiges wusste, ist ja mein Problem. Als Einstieg in das Thema und für die Porträts lohnt sich das Buch auf jeden Fall. Was den Stil angeht, so habe ich schon vor längerem festgestellt, dass ich den grundsätzlich nicht mag. Bei kürzeren Artikeln komme ich besser damit zurecht, beim Büchern werde ich schnell grumpig, weil ich das Gefühl habe, dass die erzählende Person zu viel Raum einnimmt. Schließlich lese ich da keine Autobiografie, da fände ich das angemessener. 😉

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