Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen

„Der Sonnenschirm des Terroristen“ von Iori Fujiwara ist einer dieser Romane, bei denen ich nicht mehr weiß, wo genau er mir untergekommen ist. Irgendwann hatte ich ihn spontan in der Bibliothek vorgemerkt, und da es so lange dauerte, bis mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt werden konnte, hatte ich ihn schon wieder vergessen, als die Bereitstellungs-Mail bei mir ankam. Dabei ist „Der Sonnenschirm des Terroristen“ ein solider und unterhaltsamer Krimi, bei dem ich froh bin, ihn gelesen zu haben. Geschrieben hat Iori Fujiwara das Buch schon 1995 (angeblich, um von dem Gewinn durch die Veröffentlichung des Manuskripts seine Spielschulden bezahlen zu können), was man der Geschichte stellenweise auch anmerkt, wenn es um die Lebensumstände des Protagonisten Keisuke Shimamura, die Beschreibungen des Lebens in Japan und die alltäglichen (politischen) Vorgänge geht.

Der Roman beginnt mit einem ganz normalen Vormittag für Keisuke Shimamura und endet mit einer Bombe in einem öffentlichen Park, der mehrere Menschen zum Opfer fallen. Solch ein Ereignis wäre für jede Person traumatisierend, aber Shimamura muss nun befürchten, dass die Polizei (dank einer im Park liegengelassenen Whiskeyflasche) anhand seiner Fingerabdrücke feststellt, dass er eigentlich Shunsuke Kikuchi ist, der viele Jahre als Terrorist gesucht wurde. Während der ’69er Studentenproteste gehörte er zu einer Gruppe von Studenten, die an den Unruhen rund um die Tokyoter Universität beteiligt waren, und im Jahr 1971 wurde er in einen Vorfall verwickelt, bei dem ein Polizist durch eine Autobombe getötet wurde – seit diesem Jahr versteckt sich Shimamura vor den Behörden.

So ist es nicht verwunderlich, dass Shimamura beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln, wer für die Bombe im Park verantwortlich ist. Damit würde er nicht nur seine eigene Unschuld beweisen können, bevor die Polizei ihn in die Finger bekommen kann, sondern vielleicht auch den Grund herausfinden, warum einige Yakuza auf einmal Interesse an seiner Person haben. Da Iori Fujiwara seinen Protagonisten in den Tagen nach dem Bombenattentat durch die verschiedensten Stadtteile Tokyos schickt und mit den unterschiedlichsten Personen Kontakt haben lässt, ergibt sich für den Leser ein spannendes und interessantes Bild von Tokyo zu Beginn der 90er Jahre. Auch ist Shimamura ein faszinierender und trotz seines Alkoholismus ein sympathischer Protagonist, dessen Ermittlungen man gerne folgt. Seine bewegte Vergangenheit, sein unstetes Leben und die verschiedenen Personen, denen Shimamura im Laufe seiner Ermittlungen so begegnet, sorgen für ein atmosphärisches und facettenreiches Bild der japanischen Gesellschaft.

Insgesamt bekommt „Der Sonnenschirm des Terroristen“ so eine gewisse „noir“-Note, die mir wirklich gut gefallen hat und dafür sorgte, dass ich den Roman in einem Zug ausgelesen habe. Ich mochte Shimamura wirklich gern, auch weil er – trotz der Tatsache, dass er mitverantwortlich für den Tod eines Polizisten ist – eine nette Person ist und sich Gedanken um seine Mitmenschen macht. Ich muss allerdings auch zugeben, dass die Auflösung der Geschichte nicht nur sehr offensichtlich war, sondern auch einige Verknüpfungen zu viel beinhaltete. Wenn gefühlt jede vorhandene Person in irgendeiner Beziehung zur Tat, zu den Opfern und den Ermittlern steht, dann wird die Handlung halt doch etwas unglaubwürdig. Das ändert aber nichts daran, dass ich mich sehr gut unterhalten gefühlt habe und es etwas bedauere, dass diese Geschichte der einzige Roman des Autors war, denn ich hätte gern noch mehr von Iori Fujimara gelesen.

2 Kommentare

  1. „…ist einer dieser Romane, bei denen ich nicht mehr weiß, wo genau er mir untergekommen ist.“

    Bei mir? Ich habe das Buch zumindest vor ein paar Monaten bei mir vorgestellt. 😉
    Im großen und ganzen ist es mir wie dir gegangen – nicht grandios, aber solide, gute Unterhaltung. 😉

    • Konstanze

      Jupp, du warst es! (Seltsam, als ich vor kurzem im Feedreader nach dem Titel schaute, wurde mir kein Beitrag dazu angezeigt – jetzt hingegen bekomme ich sofort deinen Text präsentiert).

      Auf jeden Fall war das ein solider Krimi und ich fand die Darstellung der Zeit (sowohl die wenigen Passagen aus den 69ern, als auch die Haupthandlung in den 90ern) spannend.

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