Es ist lustig, dass „Ravenfall“ von Kalyn Josephson fast ein Jahr auf meinem SuB lag, weil ich im vergangenen Herbst einfach nicht in der Stimmung für das Buch war, nur damit ich es dann in diesem Jahr am letzten Herbstlesen-Samstag verschlingen konnte. Ich finde es immer wieder spannend, wie groß der Einfluss ist, den die richtige Stimmung auf mein Leseverhalten hat. Die Handlung in diesem Roman wird abwechselnd von Anna und Colin erzählt und spielt in dem Inn „Ravenfall“, das von Annas Familie betrieben wird. Dabei verfügen so gut wie alle Personen in Annas Familie über magische Fähigkeiten, aber während die anderen „nützliche“ Fähigkeiten haben, kann die dreizehnjährige Anna – wenn sie eine Person berührt – nur sehen, wie jemand stirbt (vorausgesetzt, dass die berührte Person schon einmal Zeuge eines Todesfalls war).
Der vierzehnjährige Colin hingegen kommt auf der Suche nach seinem älteren Bruder Liam nach Ravenfall. Vor wenigen Tagen erst mussten Colin und Liam miterleben, wie ihre Eltern in einem Motel ermordet wurden. Liam ist nach der Tat den Mördern hinterhergejagt, während Colin allein entscheiden musste, wie es für ihn weitergeht. Da er seit diesem Tag von Liam nichts mehr gehört hat und ihre Eltern ihnen von Kindesbeinen an eingetrichtert haben, dass sie sich in Ravenfall treffen würden, wenn irgendwann einmal etwas passieren würde, hat sich Colin auf den Weg zum Inn gemacht. In Ravenfall angekommen, muss Colin so einige Dinge über seine Eltern (und sich selbst) lernen, die ihn überraschen, aber nichts davon hilft ihm, Liam zu finden. Zeitgleich wird deutlich, dass an Samhain – das nur noch wenige Tage entfernt ist – etwas Großes passieren wird, das nicht nur Colin, sondern alle Bewohner des Inns in Lebensgefahr bringen wird.
Trotz all der unheimlichen Details rund um den Tod von Colins Eltern, seine Angst um seinen Bruder Liam und die Bedrohung, der Colin, Anna und ihre Familie gegenüberstehen, habe ich die Geschichte rundum genossen. Es gibt so viele amüsante und heimelige Elemente, die die unheimlichen Szenen ausgleichen, und diese Mischung sorgt dafür, dass der Roman nie langweilig wird. Das Inn Ravenfall hat eine ganz eigene Persönlichkeit, die sich durch jede einzelne Szene, die in dem Gebäude spielt, zieht. So hilft das Haus seinen Bewohnern an allen Ecken und Enden, benötigt aber auch Aufmerksamkeit und Anerkennung und ist dabei in der Lage, über lange Zeit einen Groll gegen eine Person zu hegen. Annas Familie mit all ihren Fähigkeiten ist rundum magisch, und ich fand es spannend, mehr über all die Details, die damit verbunden waren, herauszufinden.
Überhaupt mochte ich die Figuren in dieser Geschichte wirklich gern. Anna und Colin sind wunderbare, facettenreiche Charaktere, und es war schön, ihre aufkeimende Freundschaft mitzuverfolgen. Annas eigentlich sehr liebevolle Familienmitglieder sind großartig, auch wenn sie nicht sehr gut darin sind, Anna das Gefühl zu geben, dass weder sie als Person noch ihre Fähigkeiten unwichtig sind. Dazu kommen noch die vielen kleinen fantastischen (keltischen) Elemente, die den magischen Teil von Annas (und Colins) Welt ausmachen und die ich sehr genossen habe. Viele dieser Figuren und Fähigkeiten kenne ich schon aus anderen fantastischen Romanen, aber Kalyn Josephson hat immer wieder einen Weg gefunden, um diese übernatürlichen Wesen auf eine ungewöhnliche Art in ihre Geschichte einzubauen, was ich wirklich zu schätzen wusste.
All diese vielen verschiedenen Elemente haben aus „Ravenfall“ einen Roman gemacht, bei dem ich mich die ganze Zeit gefragt habe, wie es wohl weitergeht – und ich muss zugeben, dass das mit dem Ende des ersten Bandes nicht vorbei war. Ich bin wirklich gespannt, was für ungewöhnliche Ideen Kalyn Josephson noch für das Inn und seine Bewohner hat, ich bin neugierig was für Abenteuer Anna und Colin noch erleben werden, und ich bin gespannt, ob die Autorin noch mehr über Annas verschiedene (bislang nur wenig erwähnte) Familienmitglieder zu erzählen hat und was für Überraschungen (und Fähigkeiten) die dann zur Handlung beizutragen haben. Nur gut, dass es schon zwei weitere Bände („Hollowthorn“ und „Witchwood“) gibt, auch wenn der dritte Teil gerade erst als Hardcover erschienen ist und noch keine Taschenbuchausgabe angekündigt wurde.

Bei mir spielt die richtige Stimmung auch immer eine große Rolle. Schön, dass du dieses Jahr die richtige für dieses Buch hattest! Es scheint ja tatsächlich ein passendes Buch für den Herbst zu sein.
Das Buch war wirklich perfekt für gemütliche Lesestunden in den Wochen vor Halloween/Samhain und ich bin froh, dass es mich in diesem Jahr in genau der richtigen Stimmung angetroffen hat.