Kalynn Bayron: Cinderella is Dead

Ich muss gestehen, dass „Cinderella is Dead“ von Kalynn Bayron eines der Bücher ist, die ich auf die Merkliste gesetzt habe, weil ich das Cover der Taschenbuch-Ausgabe so toll fand (und grundsätzlich Märchen-Neuerzählungen mag). Die Handlung wird aus Sicht von Sophia erzählt, die – wie jedes Mädchen in ihrem Alter – zum jährlichen Ball des Königs eingeladen wurde. Doch da dieser Ball seine ganz eigene Historie hat, ist dies für Sophia kein Anlass zu Freude, sondern sie ist wütend und sorgt sich um sich und ihre Freundinnen. Denn in dem Königreich, in dem die Geschichte spielt, wird in jedem Jahr von neuem Cinderellas Ballnacht neu aufgeführt, nur dass es nicht darum geht, dass sich ein Mädchen aus dem Volk und ein Prinz ineinander verliebe und miteinander glücklich bis in alle Ewigkeit leben. Hier geht es darum, dass die Mädchen zum Ball gezwungen werden, damit die Männer des Landes sich eine Frau auswählen können. Die Mädchen haben keinerlei Mitspracherecht, und wenn sie bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr keinen Mann gefunden haben, landen sie im Arbeitshaus.

Kalynn Bayron stellt von Anfang an für den Leser klar, dass es nichts Märchenhaftes in diesem Königreich gibt. Die Männer sind es gewohnt, ihre Frauen als Besitz anzusehen, und selbst die Familien, die ihren Töchtern gern den Ball mit all seinen Folgen ersparen würden, werden gezwungen, sich der „Tradition“ anzuschließen, wenn sie nicht das Leben aller Familienmitglieder aufs Spiel setzen wollen. Es gibt kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen durch Hinrichtung verloren hat, und es gibt erschreckend viele Männer, deren Frauen kurz vor dem Ball „Unfälle“ erleiden, damit sie sich an der frischen „Ware“ bedienen können. Für Sophia kommt noch dazu, dass sie sich Sorgen um ihre Freundin Liv macht, die zum dritten und letzten Mal den Ball besuchen muss, obwohl ihre Familie keinerlei Geld mehr hat, um den üblichen Auftritt (Ballkleid, Schmuck usw.) bezahlen zu können. Und dann ist da noch Erin, das Mädchen, das Sophia seit Jahren liebt, und das ebenfalls in diesem Jahr zum ersten Mal am königlichen Ball teilnimmt.

Ich habe in einigen Rezensionen gelesen, dass es Leute gab, für die die Charaktere nicht gründlich genug ausgearbeitet waren, aber für mich hat die Autorin die richtige Balance zwischen Märchenatmosphäre und Charaktergestaltung gefunden. Ich hatte nicht das Gefühl, ich würde etwas vermissen, und mir reichte es, die Protagonistinnen in diesen wenigen Tagen, in denen der Roman spielt, begleiten zu können. Ich glaube sogar, dass ich die leichte Distanz, die mir die märchenhafte Erzählweise erlaubt hat, gebraucht habe, um das Buch so intensiv lesen zu können und mich dabei trotzdem noch gut zu unterhalten. Denn das Königreich, in dem Sophia lebt, ist unglaublich bedrückend. Vor allem sind es die Frauen, die tagtäglich damit leben müssen, dass sie keinerlei Rechte haben, dass für sie ebenso wie für die Kinder eine abendliche Ausgangssperre gilt, dass sie jederzeit – ohne Folgen für den Täter – misshandelt werden können und dass sie keinen Besitz haben, sondern Besitz sind. Aber auch unter den Männern gibt es genügend, denen bewusst ist, dass die Willkür des Königs sie jederzeit treffen kann und dass jeder, der nicht der vom König festgelegten Norm entspricht, seine wahre Natur entweder verbergen muss oder hingerichtet wird.

So ist es kein Wunder, dass Sophia die ganze Zeit hindurch zwischen Angst und Wut schwankt und ihre Reaktionen auf die verschiedenen Bedrohungen vielleicht nicht immer klug und durchdacht sind. Was bei jeder Szene deutlich wird, ist ihre Verzweiflung über den aktuellen Status und ihr ungebrochener Wille, etwas gegen die Tyrannei des Königs zu unternehmen. Besonders schön fand ich dabei, dass Sophia zwar gegen den König und seine „Traditionen“ kämpfen will und in keiner Weise bereit ist, sich zu verstecken oder anzupassen, aber eben auch immer wieder feststellen muss, wie sehr sie durch die Regeln des Königs geprägt ist und wie schwer es ihr fällt, neue Informationen, die der von Klein auf gelernten Cinderella-Geschichte widersprechen, zu verarbeiten. Hübsch fand ich auch Sophias Liebesgeschichte, denn obwohl sie schon als kleines Mädchen wusste, dass sie Mädchen liebt, und das von ihren Eltern toleriert wurde, solange die Öffentlichkeit nichts davon erfuhr, so wird im Laufe des Romans deutlich, wie wichtig es ist, dass man auch öffentlich zu seiner Liebe stehen darf und dass man von jemandem zurückgeliebt wird, der einen so akzeptiert, wie man ist.

Ich habe den gesamten Roman sehr genossen, obwohl die „überraschende Enthüllung“ am Ende der Geschichte für mich sehr vorhersehbar war. Die Autorin hat es mit ihrer Schreibweise nämlich geschafft, dass ich trotzdem bis zum Schluss mit den Figuren gebangt habe, dass ich mir Gedanken um die verschiedenen Personen gemacht habe, die in den letzten Kampf gegen den König involviert waren, und dass ich mit Sophia zusammen um das Leben der schon längst verstorbenen Cinderella getrauert habe. Insgesamt hatte ich viel Spaß beim Lesen von „Cinderella is Dead“ und fand die – wirklich düstere – Interpretation, die Kalynn Bayron für das klassische Aschenputtel-Märchen gefunden hat, ungemein faszinierend. Außerdem war es spannend, all die Details zu entdecken, die zeigen, was alles aus einem Land werden kann, wenn man die verklärten Elemente eines Märchens instrumentalisiert, um Frauen zu unterdrücken. Auch wenn das keine neuen Erkenntnisse sind, so wirkt es doch ganz anders, wenn es innerhalb einer solchen Geschichte noch einmal erzählt wird. Nach „Cinderella is Dead“ bin ich sehr gespannt auf andere Bücher von Kalynn Bayron und schleiche aktuell um ihre Neuinterpretation der Peter-Pan-Geschichte („Hook’s Origin“ und „The Lost Son“) herum.

2 Kommentare

  1. Puh, das Setting klingt aber wirklich sehr bedrückend. Ich hab mir das Buch mal gemerkt, aber ich glaube, das heb ich mir für optimistischere Zeiten auf. Derzeit ist mir sehr nach Wohlfühllektüre.

    • Das war auch bedrückend, aber ich fand es nicht so schlimm, weil ich so fasziniert davon war, welche Details die Autorin im „Vorbeigehen“ eingebaut und beachtet hat. Dafür, dass die Geschichte gar nicht so ausführlich auf alles eingeht, gab es überraschend viele Momente für mich, um über bestimmte Aspekte nachzudenken.

      Das Bedürfnis nach Wohlfühllektüre kann ich ansonsten sehr gut nachvollziehen – ich habe parallel im Moment immer etwas „Fluffigeres“, auf das ich im Zweifelsfall zurückgreifen kann.

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