Lila Bowen: Wake of Vultures (The Shadow 1)

„Wake of Vultures“ von Lila Bowen (Delilah S. Dawson) ist der erste Teil der Shadows-Serie und spielt in einem Western-Setting. Die sechzehnjährige Protagonistin Nettie Lonesome ist ein Halbblut, und da sie bei einem Paar Alkoholiker aufgewachsen ist, die sie wie eine Sklavin behandeln, weiß sie nicht viel über ihre Herkunft. Der einzige Mensch, der sie in all den Jahren freundlich behandelt hat, ist Monty, einer der Cowboys der Nachbarfarm. Monty hat kein Problem damit, dass Nettie lieber kein Mädchen wäre, und so behandelt er sie wie einen Jungen, nennt sie Nat und bringt ihr alles über das Zähmen von Mustangs bei, das er weiß.

Eines Nachts trifft Nettie auf der Farm einen fremden Mann, der sie bedroht, und um sich selbst zu schützen, ersticht sie ihn mit einem Stück Holz. Doch statt einer Leiche bleiben von dem Fremden nur seine Habseligkeiten, vier Zähne und ein Haufen schwarzer Sand zurück. Für Nettie ist das der entscheidende Anstoß, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie schneidet sich die Zöpfe ab und heuert als Ranch-Hand an. Doch obwohl sie jetzt das selbstbestimmte Leben führt, von dem sie immer geträumt hat, muss sie nun fürchten, dass sie als entlaufene Sklavin gesucht wird. Und dann ist da auch noch die Aztecan-Frau, die verletzt in der Prärie gefunden wird und von Pia Mupitsi erzählt, einem legendären Ungeheuer, das ihr Kind geholt hat. Auf einmal scheint Netties ganze Welt voller Monster zu sein, die es zu bekämpfen gilt. Doch so, wie nicht jeder Mensch automatisch gut ist, ist auch nicht jedes Monster automatisch böse.

Nettie ist kein einfacher Charakter, sie ist dickköpfig, häufig undankbar und kommt mit Pferden deutlich besser zurecht als mit Menschen. Ihr Leben lang hat man ihr gesagt, was sie nicht ist. Sie ist nicht weiß, sie ist kein Mann und sie ist nichts wert. Umso schöner war es, Nettie zu begleiten, während sie herausfindet, was sie ist und was sie vom Leben erwartet. Je länger sie auf eigenen Beinen steht, je mehr sie über die Welt und die Menschen und Monster, die sie bevölkern, erfährt, desto mehr findet sie über ihre Fähigkeiten und Stärken heraus. Die Autorin selbst bezeichnet Nettie als Trans-Charakter, wobei ich es dann unstimmig finde, dass Nettie sich bin zum Ende des Buches selbst als „sie“ bezeichnet. Auf der anderen Seite wäre es für eine Figur, die in einem 1870er Western-Setting lebt, vermutlich schwierig, eine Bezeichnung für sich zu finden, die „ich fühle mich weder als Junge noch als Mädchen“-beinhaltet, vor allem, da Nettie unter Weißen aufwuchs und nicht in einem der Stämme der Native Americans, die mehr als zwei Geschlechtsbezeichnungen in ihrer Sprache haben.

Mir gefiel an „Wake of Vultures“ nicht nur die Protagonistin und wie sie sich im Laufe der Geschichte ihren ganz eigenen Raum erobert, sondern auch die unbarmherzige Welt, in der Wasser knapp und ein Leben nicht viel wert ist. In dieses Setting passen Harpyien, Werwölfe und Zwerge ebenso gut wie die diversen anderen Monster, die Nettie im Laufe des Romans kennenlernt. Delilah S. Dawson mischt für ihre fantastische Western-Welt die verschiedensten Mythen und lässt die unterschiedlichsten Gestalten eine Nische in diesem trockenem und heißen Landstrich finden, obwohl man sich beim Lesen ständig fragt, wie überhaupt irgendein Lebewesen dort überleben kann. „Wake of Vultures“ erzählt keine schöne Geschichte, es gibt viele ekelhafte Elemente durch die Lebensbedingungen ebenso wie durch die Kämpfe, die Nettie bestreiten muss, aber der Roman bietet auch eine wunderbar selbstbewusste Protagonistin, ungewöhnliche Freundschaften und immer humorvolle Szenen, die eine kleine Erholung von all den düsteren Dingen in dieser Welt bieten.

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