Rachel Caine: Ink and Bone (The Great Library 1)

Rachel Caines „The Great Library“-Serie basiert auf der Grundidee, dass die Große Bibliothek von Alexandria nie zerstört wurde, sondern im Laufe der Zeit immer mehr Wissen und Macht an sich gerissen hat. Die daraus resultierende Alternativ-Welt, die der Leser in „Ink and Bone“ kennenlernt, ist eine harte Welt für die Menschen, die darin leben. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Jess Brightwell, dessen Familie als Buchschmuggler ein gefährliches und lukratives Geschäft betreibt. Denn der Besitz von Original-Bücher ist von der Bibliothek verboten worden, und wer mit diesen Kostbarkeiten handelt, dem droht die Todesstrafe – unabhängig vom Alter desjenigen, der mit einem solchen illegalen Buch erwischt wird. Jess liebt es zwar, alte Bücher in den Händen zu halten, aber er hasst die Skrupellosigkeit, mit der sein Vater seinem Geschäft nachgeht. So sieht er in dem Plan seines Vaters, dass Jess sich auf eine der seltenen Trainingsstellen der Bibliothek bewerben soll, eine Möglichkeit, dem Geschäft seiner Familie zu entkommen – auch wenn sein Vater damit nur eine neue Quelle für illegale Bücher auftun will.

Doch schnell muss Jess erkennen, dass das Leben innerhalb der Großen Bibliothek nicht weniger gefährlich ist als seine Tätigkeit als „Runner“ für seinen Vater. Nur sechs Anwärter können auf eine der begehrten Stellen in der Bibliothek hoffen, so dass die Rivalität zwischen den – anfangs dreißig – Bewerbern hoch ist. Einige von ihnen haben daher keine Hemmungen, drastische Mittel einzusetzen, um die Konkurrenten auszuschalten. Außerdem entdeckt Jess im Laufe der Zeit, wie skrupellos die Obersten der Bibliothek sind, wie wenig ein Menschenleben in ihren Augen zählt und welche Mittel sie einsetzen, um ihre Macht zu erhalten. Während Jess relativ wenig Probleme damit hat, wenn er sein Leben geben soll, um einzigartige Bücher zu beschützen, so erschüttern ihn doch die (bibliothekspolitischen) Intrigen und Machtspiele, die er während seiner Trainingszeit erleben muss.

Obwohl Rachel Caine „Ink and Bone“ mit einer actionreichen und sehr spannenden Szene beginnt, bei der man Jess als Zehnjährigen begleitet, während er als Runner für seinen Vater unterwegs ist, entwickelt sich die Handlung in dem Roman recht langsam. Es dauert einige Zeit, bis die Autorin einem die Alternativ-Welt, in der ihre Handlung spielt, vorgestellt hat und die verschiedenen Parteien, sowohl die, die gegen die Großen Bibliothek vorgehen, als auch die, die innerhalb dieser Institution agieren, eingeführt hat. Trotzdem sind diese Kapitel in keiner Weise langweilig, weil den gesamten Roman – selbst bei den amüsanten Szenen – so eine bedrohliche Atmosphäre durchzieht. Außerdem muss sich Jess immer wieder in Situationen bewähren, die im besten Fall seine Hoffnung auf eine Anstellung in der Bibliothek oder im schlimmsten Fall sogar sein Leben bedrohen.

Ich fand die Welt, die Rachel Caine für diesen Roman geschaffen hat, mit all ihren Details rund um die Bibliothek, um Politik und Krieg wirklich faszinierend, doch noch mehr haben mich ihre Charaktere überzeugt. Egal, ob mir eine Figur sympathisch war oder nicht, ich hatte das Gefühl, ich könnte ihr Motive verstehen und trotz aller Fehler auch ihre guten Seiten anerkennen (wenn sie denn gute Seiten hatten). Dabei geht die Autorin alles andere als gnädig mit ihren Charakteren um, und die Sterberate in „Ink and Bone“ ist nicht gering. Aber da die Welt, die rund um die Große Bibliothek entstanden ist, so unbarmherzig ist, sind diese Todesfälle innerhalb der Handlung stimmig. Außerdem erwartet einen am Ende dieses Buchs kein wie auch immer geartetes Happy End, allerdings auch kein Cliffhanger – nur die Frage, wie die Zukunft für diejenigen, die nach all den schrecklichen Erlebnissen nun einen Job in der Bibliothek ergattert haben, aussehen wird. Was bedeutet, dass ich den nächsten Band („Paper and Fire“) direkt ganz oben auf den Wunschzettel gepackt habe, weil ich unbedingt herausfinden muss, wie es Jess und seinen Mitstreitern ergehen wird.

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