Den ersten Band der „Matrony Misadventures“ hatte ich vorbestellt, weil ich die Inhaltsangabe so nett fand und so gern historical fantasy mit schon etwas älteren Protagonistinnen lese. Dabei habe ich von Rosalie Oaks noch „The Lady Jewel Diviner“ ungelesen auf dem eReader (und erst nach dem Lesen von „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“ habe ich festgestellt, dass das der erste Band der Vorgängerreihe war, die sich um Lady Avelys Tochter drehte). In Rosalie Oaks‘ Roman wird die Handlung von Lady Judith Avely erzählt. Judith ist seit neun Jahren Witwe und hat gerade erst eine Londoner Saison hinter sich gebracht, die dazu führte, dass ihre Tochter sich verlobt hat. Nachdem ihre beiden Kinder erwachsen genug sind, um sie nicht mehr zu brauchen, und sie – aufgrund einer nachträglichen Ehrung ihres verstorbenen Ehemanns Nicholas – Besitzerin eines vernachslässigten Schlosses in Cornwall geworden ist, beschließt Judith, von London nach Cornwall zu reisen. Auf dem Weg macht sie einen Abstecher in ihren Geburtsort, um sich um eine Angelegenheit zu kümmern, die sie seit Längerem vor sich hergeschoben hat.
Genau genommen will sie Robert, der der illegitime Sohn ihres verstorbenen Mannes ist, einen Platz in ihrer Familie anbieten. Von Roberts Existenz hat Judith erst vor einigen Monaten erfahren, und sie brauchte etwas Zeit, um mit diesem Wissen umzugehen. Zusätzlich erschwert wird ihr Vorhaben dadurch, dass Robert als Diener auf dem Anwesen des Duke of Sargen arbeitet und Judith und der Duke eine gemeinsame Vergangenheit haben, die ihr einen höflichen Umgang mit ihm erschwert. Doch als Judith vor Ort eintrifft, muss sie feststellen, dass es einen Mord im Herrenhaus gegeben hat, bei dem ein Diener von einem Buch erschlagen wurde. Es gehen Gerüchte um, dass eine geisterhafte Erscheinung für den Tod verantwortlich sein soll – und der Duke benötigt Judiths magische Fähigkeit zu hören, wenn eine Person lügt, um herauszufinden, wer für die Tat verantwortlich ist.
Jedes Kapitel in „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“ wird eingeleitet mit einer Lektion rund um Judiths besondere Fähigkeit, außerdem gibt es immer wieder Passagen, die erzählen, wie sich Judith und der Duke kennengelernt haben und welche Verbindung es sowohl zwischen den beiden als auch zwischen dem Duke und Judiths verstorbenen Ehemann Nicholas gab. Mir persönlich hätten diese Elemente vollkommen gereicht, um das Verhältnis zwischen den beiden Figuren zu erklären. Aber Rosalie Oaks wendet zusätzlich noch einige Zeit dafür auf, um Judith darüber nachsinnen zu lassen, wie sehr der Duke sie vor alle den Jahren gekränkt hat und wie wenig vertrauenswürdig ein Mann seines Rufes sei – und das war mir dann doch etwas zu viel. Wenn es nicht immer und immer wieder diese Gedankenspiralen von Judith gegeben hätte (die angeblich so eine gute Beobachterin ist, aber trotzdem nicht über das hinwegkommt, was der Duke ihr vor über zwanzig Jahres gesagt hat, statt aus ihren eigenen Beobachtungen Schlüsse zu ziehen), hätte ich den Roman so amüsant gefunden, dass ich den zweiten Band gleich vorbestellt hätte.
Denn es gibt wirklich viele nette Elemente in „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“. Da wäre einmal die Magie, über die einige Familien verfügen und die sich in sehr spezialisierten Begabungen wie Illusion, Stärke oder eben die Fähigkeit zu hören, ob jemand lügt, zeigen. Das fand ich überraschend interessant gemacht, vor allem, da der Einsatz dieser Magie ziemlich anstrengend für die Personen ist und einen ähnlich ermüdenden und enthemmenden Effekt wie Alkohol haben kann. Dann gab es da noch die vampiric, die diesen Effekt mildern und die magiewirkenden Personen unterstützen können – und sowohl der Duke als auch Judith haben da zwei sehr individuelle Unterstützer an ihrer Seite, die ich unterhaltsam fand. Auch die Suche nach dem Mörder und den Hintergründen der Tat habe ich gern verfolgt, und ich fand es spannend, mehr über die Geheimnisse all der Anwesenden im Herrenhaus zu erfahren.
Mein Hauptkritikpunkt an „Lady Avely’s Guide to Truth and Magic“ ist also dieses endlose Festhalten von Judith an früheren Erlebnissen, während ich alles andere wirklich unterhaltsam fand und mich immer wieder über kleine Szenen zwischen den verschiedenen Charakteren amüsieren konnte. Aber da es am Ende des Romans eine Aussprache zwischen ihr und dem Duke gibt, hoffe ich darauf, dass das in weiteren Bänden kein Problem sein sollte. Trotzdem werde ich wohl erst einmal „The Lady Jewel Diviner“ lesen, um zu schauen, ob ich auch da über etwas stolpere, was mich stört. Außerdem kann es nicht schaden, die Vorgeschichte zu kennen, wenn ich mich doch noch dazu durchringen sollte, den nächsten Band der „Matronly Misadventures“ vorzubestellen, bevor er im Dezember erscheint.
