Tetsuya Honda: Blutroter Tod (Reiko Himekawa 1)

„Blutroter Tod“ von Tesuya Honda habe ich in der Bibliothek bei den Krimiempfehlungen gefunden und – da ich den Autor nicht kannte und grundsätzlich neugierig auf japanische Krimis bin – zusammen mit dem zweiten Band rund um die Hauptkommissarin Reiko Himekawa zum Ausprobieren mitgenommen. In „Blutroter Tod“ wird die Geschichte in erster Linie aus der Perspektive der 29jährigen Reiko erzählt – ab und an gibt es aber auch Passagen, die mehr über die Hindergründe der Morde enthüllen oder die aus der Sicht eines Kollegen von Reiko geschrieben wurden. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem Reiko zum Fundort einer Leiche gerufen wird. Der unbekannte Tote wurde in eine Plastikplane gewickelt an einem Fischteich in Tokio gefunden und seine Verletzungen deuten darauf hin, dass er vor seinem Tod gefoltert wurde. Noch bevor Reiko und ihr Team einen Grund finden können, warum der Ermordete einer solchen Gewalttat zum Opfer fiel, wird eine weitere Leiche gefunden, die anscheinend einen Monat zuvor in dem Fischteich versenkt worden war.

Die Geschichte in „Blutroter Tod“ wird relativ ruhig und ausführlich erzählt, wobei ein großer Schwerpunkt bei der Arbeit der Polizei liegt. Ich muss gestehen, dass ich diesen Teil sehr spannend fand, weil die Details rund um die Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen, die Hirachien innerhalb der Polizei und ihre Arbeitsweise an sich sehr interessant war. Aber so hat man halt auch das Gefühl, man wäre bei jeder einzelnen Befragung, bei jeder Teambesprechung und bei jedem Geplänkel zwischen den Kollegen dabei gewesen, während die Ermittlungen in dieser Zeit nur langsam vorangehen. Der Fall selbst war für mich in Ordung, es gab Elemente, die dem Leser bekannt waren, von denen die Polizei aber nichts wusste, so dass bestimmte Wendungen vorhersehbar waren. Andere Details rund um die Morde hat man als Leser hingegen fast zeitgleich mit den Ermittlern herausgefunden, so dass es noch die eine oder andere nicht so vorhersehbare Wendung in der Handlung gab, die mich gut unterhalten hat.

Auch die meisten Charaktere fand ich interessant und zum großen Teil sogar sympathisch. Reiko hat ihre ganz eigene Vergangenheit, die vor gut zehn Jahren dafür gesorgt hat, dass sie sich für die Arbeit bei der Polizei entschieden hat. Ihre Kollegen kommen in der Regel gut mit ihr aus und gerade im engen Kollegenkreis herrscht eine gute Arbeitsatmosphäre. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie der Umgang zwischen japanischen Arbeitskollegen in japanischen Romanen (oder anderen Medien) dargestellt wird. Diese Mischung aus Distanz und (aufgezwungener) Nähe – inklusive dem gemeinsamen Besäufnis nach Feierabend – ist eben etwas ganz anderes, als ich es in meinem normalem Arbeitsumfeld erlebt habe.

Schwierig fand ich hingegen zwei Punkte bzw. Charaktere, und ich muss zugeben, dass die mich mehrmals darüber nachdenken ließen, ob ich den Roman nicht lieber abbrechen sollte. Zum einen gibt es einen externen Kollegen, der eng mit Reiko zusammenarbeiten soll und der „verliebt“ in die Hauptkommissarin ist. Seine Verliebtheit äußert sich darin, dass er ihr ständig unpassende Komplimente macht und versucht, sie zum Essengehen oder mehr zu überreden. Reikos Reaktion darauf besteht in der Regel darin, ihn zu ignorieren, ihn auszuschimpfen (was überhaupt nicht bei ihm ankommt) oder ihm eine Ohrfeige zu verpassen – was ebenfalls keinerlei Auswirkungen auf sein Verhalten hat. Auch ihre anderen Kollegen sind genervt von dem Verhalten des „Externen“, aber ihre Reaktion beschränkt sich zum Großteil darauf, belustigt zu sein oder die Augen zu verdrehen, und der einzige Typ, der wirklich aktiv wird, greift auf körperliche Gewalt zurück – was wieder dazu führt, dass Reiko oder die anderen Kollegen ihn zurückhalten müssen.

Noch schlimmer war es mit den zweiten Charakter, der mich so gestört hat. Dieser Polizist gehört zu denjenigen, deren Perspektive man in einigen Abschnitten miterlebt, und die Art und Weise, wie er über andere Menschen denkt, hat mich regelrecht abgestoßen. Ebenso fand ich die Mittel, die er einsetzte, um an seine Informationen zu kommen oder anderen Kollegen Steine in den Weg zu legen, überaus unangenehm zu verfolgen. Sein Verhalten wird damit begründet, dass er einige Jahre für den Geheimdienst gearbeitet hatte und ihn diese Tätigkeit sehr veränderte, aber das macht es für mich als Leser nicht einfacher zu ertragen. Ich wünschte mir wirklich, dass Tetsuya Honda auf diese beiden Figuren verzichtet hätte, dann hätte mir die Geschichte mehr Vergnügen (soweit man das bei einer Handlung rund um gefolterte und ermordete Menschen sagen kann) bereitet.

Außerdem haben diese ganzen Szenen rund um Reiko und den „verliebten“ Kollegen dazu geführt, dass ich mich gefragt habe, wie wohl in Japan mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz umgegangen wird. Bei „Stahlblaue Nacht“, dem zweiten Reiko-Himekawa-Krimi, kommt das Thema übrigens auch wieder vor. Zum einen, weil der externe Kollege wieder mit dabei ist (und wieder hatte ich nicht das Gefühl, dass er irgendeinen Gewinn für die Geschichte mit sich bringt, aber wer weiß, vielleicht spricht er den japanischen Humor an), und zum anderen, weil die weiblichen Angestellten einer Firma, die im Rahmen der Ermittlungen mehrfach aufgesucht wird, regelmäßig von einem Kollegen begrabscht und bedrängt wurden. Hier wird aber auch betont, dass der Chef und die anderen Kollegen deshalb ein Auge auf die Frauen haben und rettend einspringen, bevor etwas wirklich Schlimmes passieren konnte. Reiko hingegen muss sich auch im zweiten Band weiterhin selbst verbal und handgreiflich gegen den aufdringlichen Kollegen wehren.

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