Von Hexen, Sex und Logik-Lücken!

Ich gebe zu, dass ich nicht soooo viel Logik erwarte, wenn ich einen Urban-Fantasy-Roman lese, der anscheinend nichts anderes sein soll als eine seichte Liebesgeschichte mit einem fantastisch angehauchten Setting. Und etwas in der Art hatte ich nach dem Lesen der Inhaltsangabe von „Wicked Good Witches (Supernatural Protectors – A Legacy of Magic Books 1-3)“ von Ruby Raine erwartet – auch wenn zu Beginn des Sammelbands darauf hingewiesen wurde, dass die Handlung „strong language and adult content“ enthält und das Buch deshalb nur von Personen, die älter als 18 Jahre sind, gelesen werden sollte. *g* Das eBook gehört zu einem ganzen Haufen von Titeln, die ich vor Kurzem auf einer Liste mit kostenlosen (bzw. 99 Cent kostenden) Fantasybüchern rund um Hexen gefunden und deshalb auf meinen eReader geladen habe. Dieser Sammelband beinhaltet die drei Geschichten „Magic, Blood, and Bone“, „The Fallen Shifter“ und „Mermaid Sisters Screaming“m und alle drei Titel zusammen kommen gerade mal auf 357 Seiten. Außerdem sind die Geschichten so geschrieben, dass sie sich theoretisch schnell und flüssig lesen lassen, wenn ich nicht immer wieder innegehalten hätte, weil ich so genervt von der Handlung und den Charakteren war.

Um mehr auf Details eingehen zu können, sollte ich vermutlich erst einmal etwas zur Grundidee dieser Reihe erzählen. Die Handlung spielt auf einer Insel, deren Bewohner ebenso wie die örtliche magische Kraftquelle von der Familie Howard beschützt werden. Dabei besteht die Familie aktuell nur noch aus Charlie, Michael und Melinda sowie dem über 400 Jahre alten Vampir William Wakefield. Die Eltern der drei Geschwister sind vor vier Jahren spurlos auf der Insel verschwunden – vermutlich waren sie zu dem Zeitpunkt auf der Suche nach der Magiequelle. Ein Großteil der Inselbewohner hat – ebenso wie fast alle Touristen – angeblich keine Ahnung, dass Magie überhaupt existiert, auch wenn die Kraftquelle der Insel Magie-beherrschende und/oder übernatürliche Bewohner und Besucher … äh … magisch anzuziehen scheint. Die Howards haben nun den ererbten Job, dafür zu sorgen, dass keine Menschen durch übernatürliche Wesen zu Schaden kommen, niemand die Kraftquelle für böse Zwecke nutzt und außerdem helfen sie dem örtlichen weiblichen Sheriff bei den Ermittlungen.

Fangen wir an mit den Charakteren: Charlie ist nicht nur – wie jeder Howard – von Geburt an eine Hexe, sondern auch ein Werwolf, da er vor zehn Jahren von einem weißen Alpha-Wolf gebissen wurde. Seltsam an diesem weißen Werwolf war, dass er 1. nur zu diesem einen Zeitpunkt auf der Insel auftauchte, 2. es eigentlich auf Charlies Vater abgesehen hatte und 3. sich in einen Wolf verwandeln und jemand anderen mit dem Werwolftum anstecken konnte, obwohl kein Vollmond war. Charlie ist pflichtbewusst, sorgt sich um seine jüngeren Geschwister und kämpft jeden Tag darum, den Wolf in sich nicht Überhand nehmen zu lassen. Der Wolf ist auch der Grund dafür, weshalb Charlie keine Beziehung haben kann, denn er könnte ja aus Versehen jemanden beim Sex beißen und den Fluch so weitergeben, oder sein Wolf könnte jemanden in einem hemmungslosen Moment umbringen …

Michael ist ebenfalls eine Hexe – seine Magie besteht darin, dass er nicht nur die Gefühle (fast) aller Personen um sich herum wahrnehmen kann, er kann auch die letzten Momente eines Verstorbenen sehen/nacherleben und weiß dadurch Dinge über Tote, die … äh … die Handlung weiterbringen oder auch nicht – je nachdem, wie es der Autorin passt. Seine Empathie kann anscheinend nur durch Bösewichte und Vampire geblockt werden, was sie zu einem überraschend unzuverlässigen Werkzeug für Michael und einem sehr nützlichen Instrument für die Autorin macht … Die 21jährige Melinda hingegen ist als Hexe auf prophetische Träume spezialisiert, und weil sie sich Vorwürfe macht, dass sie das Verschwinden ihrer Eltern nicht vorhergesehen hatte (bzw. damals ihren Albtraum nicht als Prophezeiung erkannte), hat sie in den vergangenen vier Jahren das Haus angeblich nicht verlassen. Trotzdem hat sie es irgendwie fertiggebracht (definitiv außerhalb des Hauses!), ein paar Dates mit unsympathischen Männern zu haben, aber dazu kommen wir später … Zuletzt gehört noch der sexy Vampir William zur Familie, da er sich vor einigen Generationen als Hüter der Howards verpflichtet hat, um Buße für seine (nicht näher benannten) Taten zu tun. Abgesehen davon, dass er und Melinda sich in Gedanken gegenseitig ansabbern, scheint seine Aufgabe darin zu bestehen, als Wachhund zu fungieren … Manchmal darf er auch sein extrascharfes Gehör oder seine jahrhundertealten Erinnerungen einsetzen, aber zu viel sollte man davon nicht erwarten.

Und dann gibt es noch Nebencharaktere – genau genommen Sheriff Mack, die Buchhändlerin Emily und die Cafébesitzerin Grace. Weitere Bewohner der Insel gibt es, da die Straßen ständig überfüllt sind, und das nicht nur mit Touristen – aber sie haben anscheinend alle keinen Namen oder zumindest kennen die drei Geschwister die Namen der Personen nicht, mit denen sie gemeinsam auf der Insel aufgewachsen sind. Sie wissen auch nicht, ob jemand über Magie und die Rolle, die die Howards auf der Insel spielen, Bescheid weiß oder nicht, weshalb sie jedes Mal total überrascht sind, wenn jemand sie darauf anspricht oder gar erzählt, dass die Eltern der drei ihnen mal bei einem magischen Problem geholfen haben. Es gibt auch keine Freunde in ihrem Leben, wenn man von Emily absieht, die gleichzeitig Melindas beste Freundin und Michaels große Liebe ist. Als Nebenfigur sorgt nicht einmal die Tatsache, dass die Figur einen Satz oder eine Szene in der Geschichte bekommt, dafür, dass sie einen Namen (oder gar so etwas wie Charakter) bekommt. Was es für den Leser umso einfacher macht, eventuelle „überraschende“ Enthüllungen in der Handlung vorherzusagen, sobald dann doch mal eine Figur mit einem eigenen Namen auftaucht. (Spoiler: Wir haben es dann mit dem Bösewicht oder mit dem nächsten Opfer der Geschichte zu tun – letztere dürfen zwischendurch auch mal als Liebhaber/in herhalten!)

Was mich zum Sex bringt: In „Magic, Blood, and Bone“ hatte ich das Gefühl, dass alle nur an Sex denken konnten. Egal, ob es sich um die vor einigen Wochen von einem überaus unsympathischen Typen frisch entjungferte Melinda handelt, deren heiße Träumen vom sexy Vampir William handeln, oder um Werwolf-Charlie, der natürlich grundsätzlich seinen Gelüsten nicht nachgeben kann, um William, der keine Ahnung hat, was er da überhaupt fühlt, oder um Michael, der einfach grundsätzlich kein Kostverächter ist und der seiner einzigen wahren Liebe aus ziemlich bescheuerten Gründen nicht seine Gefühle gestehen kann: Sie alle denken ständig an Sex (oder fragen sich, warum sie sich so seltsam fühlen, was bei dieser Autorin auch irgendwie auf Sex hinausläuft). Aber so viel auch alle an Sex denken, keiner hat in diesem ersten Band welchen!

In „The Fallen Shifter“ hingegen fühlt es sich an, als ob alle hemmungslos Sex mit ihnen so gut wie unbekannten Personen hätten. Und natürlich ist dieser Sex immer perfekt, was besonders für Melinda überraschend ist, da ihr erstes Mal so unangenehm war, weil sie ihre Jungfräulichkeit endlich loswerden wollte und deshalb mit dem ersten Typen ins Bett gegangen ist, der dazu bereit war. Die „ich bin 21 und muss endlich entjungfert werden“-Haltung hat mich gelinde gesagt geärgert – darf man als Jungfrau keine heißen Träume oder gar Sex mit einem Unbekannten haben? Oder brauchte die Autorin einen Grund für all die nervigen „ich wusste gar nicht, dass Sex sich so gut anfühlen kann/dass Männer so nett sein können“-Gedanken von Melinda? Die einzigen, die keinen Sex haben, sind die beiden Personen, die in „Magic, Blood, and Bone“ gerade zueinander gefunden haben. Dieses Pärchen muss sich leider auf Händchenhalten und keusche Küsse beschränken, und wenn dann doch mal ein Moment kommt, in dem deutlich wird, dass sie gern Sex hätten, dann kommt irgendein magischer Notfall dazwischen …

Verhütung, Krankheiten oder ähnliches spielen in der Geschichte selbstverständlich keine Rolle – ich bin mir sicher, dass die Magie das schon automatisch regelt … oder so … Allerdings fragt sich Melinda am Ende des dritten Bandes kurz, ob der hemmungslose Sex, den sie mit einem Typen hatte, den sie gerade mal eine halbe Stunde kannte, wohl Folgen gehabt haben könnte. Charlies Wolf scheint außerdem Sex mit Zerfleischen gleichzusetzen, weshalb er nicht nur ausführliche Szenen spendiert bekommt, als Charlie dann doch mal mit einer (durch einen magischen Ring geschützten) Person Sex haben kann, sondern Charlie sich auch sonst den ganzen Tag Sorgen um die mörderischen Triebe seines Wolfes machen muss, wenn es um Frauen geht, die er anziehend findet. Ich würde Ruby Raine gern mal eine Wolfsdoku vor die Nase halten oder zumindest fragen, welche Hintergründe sie sich eigentlich für ihre seltsamen Werwölfe vorgestellt hat, denn diese Mischung aus „alle Werwölfe in der Geschichte haben ihren Wolf voll unter Kontrolle“ und „der Wolf im Werwolf ist unglaublich aggressiv und will nichts anderes als andere Lebewesen zerfleischen“ funktionierte für mich definitiv nicht.

Die Magie scheint auch keinen genauer definierten Gesetzen zu gehorchen – oder um es direkt zu sagen: Ruby Raine passt ihre Magie den Bedürfnissen ihrer Handlung an. Magie ist einfach da und kann irgendwie durch Tränke genutzt werden oder zeigt sich in bestimmten Spezialfähigkeiten, die aber nicht jeder hat – wie sich an Charlie zeigt, der halt nur ein Tränke brauender Werwolf ist. Tränke sind anscheinden grundsätzlich für alle Personen gefährlich/tödlich, die kein Hexenblut haben. Auf der anderen Seite sorgt einer dieser Tränke dafür, dass die anderen Inselbewohner irgendwie nicht mitkriegen, dass William seit Generationen auf der Insel lebt und sich nicht verändert. Wobei es doch einige Leute gibt, die wissen, dass William ein Vampir ist und auf die demnach – so kann ich nur vermuten – dieser Trank nicht wirkt. Und die berühmte Magiequelle der Insel ist so bekannt, dass alle möglichen Magie-interessierten Personen auf die Insel kommen (also neben dem üblichen Tourismus), aber niemand weiß, wo diese Kraftquelle ist, nicht einmal die Familie Howard, die doch diese verflixte Quelle eigentlich beschützen soll. Oh, und dann gibt es noch die Szenen, in denen Michael Energiebälle abschießt, ohne dass der Leser erklärt bekommt, ob das eine weitere seiner Sonderfähigkeiten ist oder ob das jeder Magienutzer kann – und wenn Letzteres der Fall sein sollte, wieso nutzen Charlie und Melinda dann keine Energiebälle?

Wenn ich allerdings bedenke, wie wenig die in den Schutz der Insel involvierten Personen zu denken scheinen, dann ist es vielleicht kein Wunder, dass die magische Kraftquelle noch nie gefunden wurde. Sheriff Mack (die ich an sich nicht unsympathisch finde) ruft anscheinend lieber Michael zu Hilfe, statt normale Ermittlungsmethoden anzuwenden, um eine Leiche zu identifizieren. Rätselhafte Substanzen, die für einen Magieboost bei gefährlichen Kreaturen sorgen, werden zwar zur Untersuchung mitgenommen, aber dann nicht näher angeschaut. Die Leiche eines übernatürlichen Wesens wird mal eben einem vollkommen unbekannten Mann überlassen, nur weil dieser ein Buch über Magie veröffentlicht hat. Und es kommt niemandem in den Sinn, dass das Wiederauftauchen des weißen Alpha-Wolfes und die weißhaarige Touristin, die ständig in gefährlichen Situationen landet und auf die Charlies Wolf aggressiv/leidenschaftlich reagiert, irgendwie in Verbindung stehen könnten. Und obwohl angeblich kaum einer der Insebewohner von der Aufgabe der Howards weiß, wissen alle über die in „Mermaid Sisters Screaming“ eingeführte „unsere Familien waren vor 70 Jahren verfeindet, wir können euch nicht trauen“-Fehde zwischen den Howards und einer anderen magiewirkenden Familie Bescheid. Das Ganze hat dann – neben der Tatsache, dass ich solche Familien-Streitigkeiten als großes Hindernis zwischen „Liebenden“ wirklich ätzend finde – dafür gesorgt hat, dass ich am Liebsten den eReader aus dem Fenster geworfen hätte.

Lustigerweise hätte ich über so einige Dinge einfach hinweggehen können, wie zum Beispiel die Frage, wie die Howards und William eigentlich ihren Lebensunterhalt verdienen, wie groß diese Insel eigentlich ist, wenn der Sheriff gleich mehrere Deputies benötigt oder man längere Strecken mit dem Motorrad fahren kann, aber auf der anderen Seite in kürzester Zeit zu Fuß jede Stelle am Strand erreichen kann, an der gerade ein Notfall ist. Aber je häufiger ich über einen Widerspruch stolperte oder etwas unlogisch fand, desto häufiger habe ich mich dann auch im Rückblick über etwas geärgert, das ich sonst so hingenommen hätte. Und ich kann nicht mal sagen, dass das Ganze besser geworden wäre, wenn Ruby Raine pro Band mehr als 120 Seiten für die Handlung verwendet hätte. Denn all diese ärgerlichen Elemente liegen nicht an der Kürze der Geschichten, sondern daran, dass sich die Autorin anscheinend keinerlei Mühe mit ihrem Weltenbau, der Ausarbeitung ihrer Figuren oder gar mit der Einarbeitung überraschender oder spannender Wendungen in ihre Handlung gegeben hat. Und während ich anfangs noch die Hoffnung hatte, es würde besser werden, wenn die Autorin erst einmal in die Geschichte reinfindet und dann vielleicht etwas mehr aus ihrer an sich netten Grundidee macht, so war ich am Ende einfach nur noch genervt von der Vorhersagbarkeit, der Ideenlosigkeit und all den Logiklücken in der Handlung.

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