W. R. Gingell: „The City Between“-Serie

Die „The City Between“-Serie von W. R. Gingell besteht aus zehn relativ kurzen Romanen (194 bis 284 Seiten) und einem elften Band, in dem die zur Serie gehörenden Kurzgeschichten gesammelt wurden. Auf den ersten Blick unterscheidet sich diese Reihe gar nicht so sehr von anderen Urban-Fantasy-Reihen mit Kick-ass-Heldinnen. Aber es gibt so einige Details in der Geschichte, die ich auf diese Weise selten oder noch gar nicht in anderen Veröffentlichungen gefunden habe und die mir sehr gefallen haben. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von „Pet“, die eines Morgens aufwacht und die Leiche eines ihrer Nachbarn vor ihrem Fenster hängen sieht. Nachdem sie (anonym) die Polizei verständigt hat, fallen ihr drei Männer auf, die mit der Polizei am Tatort auftauchen, die aber definitiv nicht zu den offiziellen Gesetzteshütern gehören.

Relativ schnell findet Pet heraus, dass diese drei Männer keine Menschen sind, sondern zur Welt „Behind“ gehören und zwei davon Fae („Zero“ und Athelas) sind und einer ein Vampir (JinYeong) ist. Und als die drei sich in ihrem – offiziell leerstehenden – Haus einnisten, bleibt der Siebzehnjährigen nichts anderes übrig, als einen Vertrag als „Pet“ mit ihnen einzugehen, um nicht obdachlos zu werden. Was dazu führt, dass sie von Zero, Athelas und JinYeong als eine Mischung aus Haushälterin und … ähm … Haustier behandelt wird und deutlich mehr über die Schichten der Welt, die parallel zum „normalen“ menschlichen Teil existieren, lernt, als gut für einen Menschen ist.

When you get up in the morning, the last thing you expect to see is a murdered bloke hanging outside your window. Things like that tend to draw the attention of the local police, and when you’re squatting in your parents’ old house until you can afford to buy it, another thing you can’t afford is the attention of the cops.

Oh yeah. Hi. My name is Pet. It’s not my real name, but it’s the only one you’re getting. Things like names are important these days.

And it’s not so much that I’m Pet. I am a pet. A human pet: I belong to the two Behindkind fae and the pouty vampire who just moved into my house. It’s not weird, I promise—well, it is weird, yeah. But it’s not weird weird, you know?

Klappentext von „Between Jobs“ (The City Between 1)

In vielen Aspekten ist diese Reihe wie jede andere Urban-Fantasy-Reihe auch. Es gibt eine fantastische und ziemlich grausame Parallelwelt, in der die Protagonistin sich zurechtfinden muss, es gibt einen Mörder, der von Zero, Athelas und JinYeong gesucht wird, und Pets ständige Weigerungen, die „traditonellen Regeln“ der Welt „Behind“ mitzuspielen, sorgt immer wieder für Wendungen, die die deutlich mächtigeren Personen in ihrem Leben so nicht vorhergesehen haben. Letzteres hat mir wirklich viel Spaß gemacht, war aber nicht der Hauptgrund, wieso mich diese Reihe im März so sehr gepackt hat, dass ich alle Bände davon (plus die Kurzgeschichten-Sammlung … plus die bisher noch gar nicht von mir erwähnte, fünfteilige Spin-off-Reihe) hintereinander verschlungen habe. Was die Geschichte definitiv von vergleichbaren Veröffentlichungen unterschied, waren auf der einen Seite der Schauplatz (Hobart in Tasmanien), der neben einer unverbrauchten Kulisse auch dafür sorgte, dass immer wieder ungewöhnliche übernatürliche Wesen auftauchten, und auf der anderen Seite die Charaktere, die W. R. Gingell für diese Reihe geschaffen hat.

Während in anderen Urban-Fantasy-Reihen irgendwann ein jugendlicher Sidekick auftaucht, der von der Hauptfigur (oft genug vor den eigenen impulsiven Aktionen) beschützt werden muss, wird in dieser Reihe die Handlung aus der Sicht dieses „jugendlichen Sidekicks“ erzählt. Ich mochte Pet als Person wirklich gern, weil sie glaubwürdige Ecken und Kanten hatte und weil ihr häufig bewusst war, dass sie Dinge tat, die unklug waren, die sie aber nicht anders machen konnte, weil das gegen ihre Grundsätze verstoßen hätte. Mir gefiel es sehr, dass die Autorin es schafft, dass sich zum Beispiel eine Figur wie JinYeong im Laufe der Zeit so sehr weiterentwickelt, wenn es um Respekt und Beziehungen geht, ohne dass er dabei seinen grundlegenden Charakter verliert. Es gibt so viele Szenen in diesen Büchern, die sich um die found family der Protagonistin drehen, die bitter(süß) und durch und durch glaubwürdig sind. W. R. Gingell beweist immer wieder ein unglaublich gutes Händchen für Charaktere und die Beziehungen, die sie zueinander haben, und es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, das zu lesen.

Auch mochte ich es, dass eine Figur wie Pet zum Beispiel verhältnismäßig schwach ist, aber trotzdem Tag für Tag im Schwertkampf trainiert wird, damit sie in einem Kampf lange genug überleben kann, bis einer ihrer Verbündeten ihr zur Hilfe kommt. Die Autorin erzählt mir das nicht nur, sondern ich kann das beim Lesen immer wieder miterleben. Obwohl sich das dann stellenweise etwas wiederholt, gefällt mir das deutlich besser, als wenn ich in einem Roman lese, dass die Hauptfigur großartig kämpfen kann, ich aber nie gezeigt bekomme, dass diese Figur auch dafür trainieren muss. Ebenso gibt es immer wieder alltägliche häusliche Szenen, die sich um Pets Haushaltstätigkeiten und um das Zusammenleben von so unterschiedlichen Personen drehen, und auch das fand ich unterhaltsam und habe mich gefreut, dass das nicht zugunsten „actionreicherer“ Momente gestrichen wurde. Das Negativste, was ich über diese Romane sagen kann, ist, dass die Identität des Mörders, der so viele Bände hindurch gesucht wurde, relativ offensichtlich war. Aber da es am Ende der Geschichte weniger darum ging, den Mörder zu entlarven, als darum, wie alle Beteiligten mit dieser Enthüllung und den daraus folgenden Ereignissen umgehen, konnte ich damit eigentlich gut leben.

Noch eine Anmerkung zur Hörbuchversion der Reihe: Da es die City-Between-Bücher nur bei Amazon gibt und es bei der deutschen Seite einen Fehler bei Band 9 gibt, der dazu führt, dass ich das eBook nicht kaufen konnte, habe ich den Teil als Hörbuch gehört. Und ich muss zugeben, dass ich wirklich hingerissen von der Sprecherin Zehra Jane Naqvi bin, die ganz großartig als siebzehnjährige Pet ist, auch wenn ich ihren australischen Akzent nicht immer so ganz einfach zu verstehen fand. Aber das liegt daran, dass ich relativ selten australischen Akzent höre – ihre Stimme und ihre Interpretation von Pet fand ich wirklich hinreißend.

Eine weitere Anmerkung zur Spin-off-Reihe: Die Worlds-Behind-Reihe besteht aus fünf Büchern, die aus der Sicht von zwei verschiedenen Personen (Athelas und YeoWoo) erzählt werden. Da ich die direkt im Anschluss an die City-Between-Bücher gelesen habe, war der Wechsel zu diesen Protagonisten überraschend schwierig für mich. Aber auch hier fand ich es toll, mal eine Urban-Fantasy-Geschichte zu lesen, die mit Seoul an einem – für mich – ungewohnten Schauplatz stattfand, in der immer wieder ungewöhnliche fantastische Wesen auftauchten und in der sich ein Großteil der Handlung um die Beziehung zwischen sehr unterschiedlichen Charakteren drehte. Wenn jetzt jemand von euch neugierig auf diese Reihen geworden sein sollte: Ich kann beide empfehlen, wenn ihr auf der Suche nach etwas anderer Urban Fantasy seid, würde aber auch anraten, zwischen den beiden Serien etwas Zeit verstreichen zu lassen, damit der Wechsel zwischen den Schausplätzen und Protagonisten beim Lesen von „A Whisker Behind“ sich etwas weniger irritierend anfühlt.

2 Kommentare

  1. Das klingt ja auch sehr nett – aber eine Reihe will ich erst recht nicht anfangen … Aber schön, wie sehr sie dich gepackt hat in letzter Zeit!

    • Konstanze

      Reihen sind wirklich immer sehr gefährlich – gerade wenn noch so viele ungelesene Titel auf einen warten. Aber ich habe es sehr genossen, dass ich mich mal wieder so intensiv auf etwas einlassen konnte. 🙂

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