Diana Wynne Jones: The Time of the Ghost

Nachdem ich vor ein paar Tagen mit „Eight Days of Luke“ so viel Spaß hatte, dachte ich, dass es an der Zeit wäre, eine ganz andere Art von Roman von Diana Wynne Jones auszuprobieren. „The Time of the Ghost“ ist eine ziemlich unheimliche Geschichte, wenn man sie mit anderen Veröffentlichungen der Autorin vergleicht. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des Geists eines Mädchens, der sich eines Tages auf einer Straße wiederfindet und nicht weiß, wie er dort hingekommen ist. So nach und nach erinnert sich dieser Geist daran, dass er eine von vier Schwestern ist, dass er in einer Schule lebt, die von seinem Vater geleitet wird, und dass irgendwas vollkommen verkehrt gelaufen ist. Doch was genau passiert ist, weiß dieser Geist nicht und macht sich deshalb daran, mehr über die Familie, die Schwestern und seine Lebensumstände herauszufinden. (Findet ihr es auch so verwirrend, dass Geister grammatisch immer männlich sind, obwohl dieser Geist ein Mädchen ist?)

Diana Wynne Jones nimmt sich viel Zeit, um den Geist und die Schwestern Charlotte (Cart), Selina (Sally), Imogen und Fenella Melford und ihre Lebenssituation vorzustellen. Dabei wird schnell deutlich, dass die vier Schwestern von ihren Eltern in jeder Hinsicht vernachlässigt werden und auf sich allein gestellt sind, was zu viel Reibung zwischen den vier Mädchen führt. Laut eigener Aussage hatte die Autorin bei der Darstellung der Lebensumstände der Schwestern auf ihre eigenen Kindheitserfahrungen zurückgegriffen, nur dass sie diese deutlich gemildert dargestellt hat, weil sie davon ausging, dass die von ihr beschriebene Familie den Lesern sonst zu unglaubwürdig vorkäme.

Auch ohne den Gedanken im Hinterkopf, dass die Situation der Melford-Schwestern auf Diana Wynne Jones‘ eigene Erlebnisse zurückgeht, sind diese Passagen nur schwer zu lesen. Auf der einen Seite ist es natürlich lustig zu sehen, was die Schwestern mit all ihrer Freiheit anstellen – hier und da gab es sogar Momente, die bei mir ein Pippi-Langstrumpf-Gefühl hervorriefen. Auf der anderen Seite lässt sich nicht übersehen, wie verzweifelt die vier Mädchen versuchen, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu wecken, und wie ungesund dieses Leben (in physischer und psychischer Hinsicht) für die Schwestern ist. Dazu kommt noch die Existenz des Geistes, die eindeutig auf ein fürchterliches Ereignis hindeutet, auch wenn man als Leser in der ersten Hälfte der Geschichte absolut keine Vorstellung davon hat, was passiert sein könnte.

Gerade diese Ungewissheit lässt einen den Roman gespannt und voller Aufmerksamkeit lesen, weil man sich immer wieder fragt, welche der Figuren für den Zustand des Geistes verantwortlich sein könnte und welche der auf den ersten Blick relativ harmlos wirkenden Situationen zum Tod einer der vier Schwestern geführt haben könnte (oder führen wird). Denn auch wenn alle vier Schwestern zu Beginn der Geschichte vorkommen, so ist sich der Geist sicher, dass er eine von ihnen ist, und es gibt für den Leser keinen Grund, an dieser Gewissheit zu zweifeln. Trotz all der düsteren Elemente in „The Time of the Ghost“ gibt es natürlich auch so einige amüsante Szenen, wenn es um die Interaktion der vier Schwestern mit anderen Personen geht oder um ihre Bemühungen, mit dem Geist zu kommunizieren – ganz ohne Humor kommen Diana-Wynne-Jones-Romane einfach nicht aus..

Am Ende ist es der Zusammenhalt der vier Schwestern, der trotz aller Rivalität, Eifersucht und Einmischungen einer unheimlichen Macht dazu führt, dass man den Roman nach einem spannenden Ende (inklusive einem Blick in die Zukunft) mit einem hoffnungsvollen Gefühl aus den Händen legt. „The Time of the Ghost“ ist bislang wohl der Titel von Diana Wynne Jones, den ich am wenigsten als „Wohlfühlbuch“ bezeichnen würde, aber ich habe die unheimliche Atmosphäre der Geschichte sehr genossen, fand die Grundidee faszinierend und war so gespannt auf die Auflösung des Ganzen, dass ich den Roman nicht aus der Hand legen wollte.

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