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Diana Wynne Jones: The Game

Bei „The Game“ von Diana Wynne Jones bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich das Buch vorher schon mal gelesen hatte oder nicht. Es weckt auf jeden Fall starke Erinnerungen an andere britische Kinderbuchklassiker (die ich als Kind gelesen habe) in mir, und gerade gegen Ende gab es ein paar Szenen, die mir sehr vertraut vorkamen. Wenn ich es jemals gelesen habe, dann war es auf jeden Fall eine deutsche Ausgabe und ist schon sehr, sehr lange her. In „The Game“ erzählt Diana Wynne Jones die Geschichte der jungen Hayley, die bei ihren Großeltern aufwächst, bis sie – aus ihr unbekannten Gründen – bei ihrer Großmutter in Ungnade fällt und innerhalb weniger Stunden zur Verwandtschaft nach Irland geschickt wird. Von Anfang an wird deutlich, dass Hayley bei ihren Großeltern nicht gerade ein glückliches Leben hatte, da ihre Großmutter sehr strikte Vorstellungen davon hatte, wie Hayley sich zu benehmen hat und mit wem sie Kontakt haben darf. Das führte dazu, dass Hayley nicht nur daheim von der Großmutter unterrichtet wurde, sondern auch dazu, dass ihr einziger sozialer Umgang in den Großeltern, den ständig wechselnden Dienstmädchen und den seltenen Besuchen ihres Onkels Jolyon bestand.

Umso überwältigter ist Hayley, als sie entdeckt, dass sie in Irland Unmengen an Verwandtschaft hat, die sie vorher noch nicht kannte. Ihre diversen Tanten nehmen sie herzlich in Empfang, und auch all die Cousins und Cousinen sind zum Großteil sehr nett zu ihr und bringen ihr unter anderem die Regeln ihres ganz privaten, besonderen Spiels bei. Dieses Spiel führt Hayley in die Mythosphäre, von der ihr Großvater ihr schon erzählt hat und deren verschiedene Stränge durch all die vielen unterschiedlichen Geschichten und Legenden auf der Welt entstehen. Hayley und die anderen sind sich dabei durchaus bewusst, dass die Mythosphäre für sie verboten ist, aber die Abenteuer, die es dort zu erleben gibt, sind zu verlockend, um diesem Verbot zu folgen. Die Mythosphäre bietet dabei wunderschöne, aber auch sehr grausame Elemente, und vermutlich ist es gerade der Kitzel, der durch das Bewusstsein entsteht, wie gefährlich diese Ausflüge sind, der das Spiel so verlockend für Hayley und ihre Verwandtschaft macht. Erst im Laufe der Zeit erfährt Hayley, dass ihre Großeltern ihr in der Vergangenheit nicht nur den Zugang zur Mythosphäre, sondern auch noch viele andere Geheimnisse vorenthalten haben.

Ich mochte Hayley, ihre Familie und die diversen anderen Charaktere ebenso sehr, wie die Szenen, die in der Mythosphäre spielen. Als Leser muss man bei „The Game“ erst einmal einige Dinge hinnehmen und auch am Ende der Geschichte damit leben, dass Diana Wynne Jones nicht für jeden Vorfall und jede Figur eine Erklärung bietet. Ich habe einige Rezensionen gesehen, die dies als Kritikpunkt hervorgehoben haben und den Mangel an „Weltenbau“ beklagten, aber für mich ist das einfach ein stimmiges Mittel für diese Art von Geschichten. Zum einen bietet die Handlung so Raum für die Fantasie des Lesers, und zum anderen müssen viele Dinge nicht erklärt werden, wenn man sich mit klassischen (griechischen) Sagen auskennt. Dabei kann man „The Game“ meiner Meinung nach auch genießen, wenn man nicht all die Verweise und Anspielungen auf die griechische Götter- und Sagenwelt zuordnen kann. Außerdem gibt es zumindest in meiner Ausgabe des Buches (ISBN 9780007267132) Anhänge, die mehr über die verschiedenen Sagengestalten, über Planeten, Sternzeichen und ähnliches erzählen, um das notwendige Hintergrundwissen nachschlagen zu können, wenn man das möchte.

Grundsätzlich mag ich diese Anspielungen auf die klassische Sagenwelt und den recht respektlosen Umgang mit den diversen Göttern und ihren Geschichten. Ich glaube nicht, dass ich etwas Vergleichbares jemals in deutschen Kinderbüchern gefunden habe, während ich wirklich viele britische Kinderbücher kenne, bei denen ganz selbstverständlich und ohne jede weitere Erklärung Götter, Jahreszeiten, Planeten usw. in die Handlung eingeflochten wurde, um der Geschichte so einen fantastischen Touch zu verleihen. Wer also ebenfalls solche Elemente mag und keine detaillierten Erklärungen rund um die beschriebene fantastische Welt benötigt, der wird mit „The Game“ vermutlich viel Spaß haben. Ich persönlich mochte Hayley und den Großteil ihrer Familie ebenso wie das russische Kindermädchen, die Straßenmusiker und all die amüsanten und seltsamen Begebenheiten, die sie mit ihnen erlebte.

Diana Wynne Jones: The Time of the Ghost

Nachdem ich vor ein paar Tagen mit „Eight Days of Luke“ so viel Spaß hatte, dachte ich, dass es an der Zeit wäre, eine ganz andere Art von Roman von Diana Wynne Jones auszuprobieren. „The Time of the Ghost“ ist eine ziemlich unheimliche Geschichte, wenn man sie mit anderen Veröffentlichungen der Autorin vergleicht. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des Geists eines Mädchens, der sich eines Tages auf einer Straße wiederfindet und nicht weiß, wie er dort hingekommen ist. So nach und nach erinnert sich dieser Geist daran, dass er eine von vier Schwestern ist, dass er in einer Schule lebt, die von seinem Vater geleitet wird, und dass irgendwas vollkommen verkehrt gelaufen ist. Doch was genau passiert ist, weiß dieser Geist nicht und macht sich deshalb daran, mehr über die Familie, die Schwestern und seine Lebensumstände herauszufinden. (Findet ihr es auch so verwirrend, dass Geister grammatisch immer männlich sind, obwohl dieser Geist ein Mädchen ist?)

Diana Wynne Jones nimmt sich viel Zeit, um den Geist und die Schwestern Charlotte (Cart), Selina (Sally), Imogen und Fenella Melford und ihre Lebenssituation vorzustellen. Dabei wird schnell deutlich, dass die vier Schwestern von ihren Eltern in jeder Hinsicht vernachlässigt werden und auf sich allein gestellt sind, was zu viel Reibung zwischen den vier Mädchen führt. Laut eigener Aussage hatte die Autorin bei der Darstellung der Lebensumstände der Schwestern auf ihre eigenen Kindheitserfahrungen zurückgegriffen, nur dass sie diese deutlich gemildert dargestellt hat, weil sie davon ausging, dass die von ihr beschriebene Familie den Lesern sonst zu unglaubwürdig vorkäme.

Auch ohne den Gedanken im Hinterkopf, dass die Situation der Melford-Schwestern auf Diana Wynne Jones‘ eigene Erlebnisse zurückgeht, sind diese Passagen nur schwer zu lesen. Auf der einen Seite ist es natürlich lustig zu sehen, was die Schwestern mit all ihrer Freiheit anstellen – hier und da gab es sogar Momente, die bei mir ein Pippi-Langstrumpf-Gefühl hervorriefen. Auf der anderen Seite lässt sich nicht übersehen, wie verzweifelt die vier Mädchen versuchen, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu wecken, und wie ungesund dieses Leben (in physischer und psychischer Hinsicht) für die Schwestern ist. Dazu kommt noch die Existenz des Geistes, die eindeutig auf ein fürchterliches Ereignis hindeutet, auch wenn man als Leser in der ersten Hälfte der Geschichte absolut keine Vorstellung davon hat, was passiert sein könnte.

Gerade diese Ungewissheit lässt einen den Roman gespannt und voller Aufmerksamkeit lesen, weil man sich immer wieder fragt, welche der Figuren für den Zustand des Geistes verantwortlich sein könnte und welche der auf den ersten Blick relativ harmlos wirkenden Situationen zum Tod einer der vier Schwestern geführt haben könnte (oder führen wird). Denn auch wenn alle vier Schwestern zu Beginn der Geschichte vorkommen, so ist sich der Geist sicher, dass er eine von ihnen ist, und es gibt für den Leser keinen Grund, an dieser Gewissheit zu zweifeln. Trotz all der düsteren Elemente in „The Time of the Ghost“ gibt es natürlich auch so einige amüsante Szenen, wenn es um die Interaktion der vier Schwestern mit anderen Personen geht oder um ihre Bemühungen, mit dem Geist zu kommunizieren – ganz ohne Humor kommen Diana-Wynne-Jones-Romane einfach nicht aus..

Am Ende ist es der Zusammenhalt der vier Schwestern, der trotz aller Rivalität, Eifersucht und Einmischungen einer unheimlichen Macht dazu führt, dass man den Roman nach einem spannenden Ende (inklusive einem Blick in die Zukunft) mit einem hoffnungsvollen Gefühl aus den Händen legt. „The Time of the Ghost“ ist bislang wohl der Titel von Diana Wynne Jones, den ich am wenigsten als „Wohlfühlbuch“ bezeichnen würde, aber ich habe die unheimliche Atmosphäre der Geschichte sehr genossen, fand die Grundidee faszinierend und war so gespannt auf die Auflösung des Ganzen, dass ich den Roman nicht aus der Hand legen wollte.

Diana Wynne Jones: Eight Days of Luke

„Eight Days of Luke“ gehört zu den Büchern von Diana Wynne Jones, die ich noch nie zuvor gelesen hatte. Da es aber ein schmaler Band ist und mir in den letzten Tagen nach klassischer britischer Fantasykost war, schien die Geschichte genau die richtige Wahl für einen entspannten Urlaubstag zu sein. Die Handlung wird aus der Sicht von David erzählt, dessen Sommerferien zu Beginn des Romans gerade erst begonnen haben. Doch im Gegensatz zu seinen Mitschülern freut sich David nicht besonders auf die kommenden Wochen, da die Verwandten, bei denen er seit dem Tod seiner Eltern die Ferienzeit verbringt, nicht gerade begeistert von seiner Anwesenheit sind. Doch in diesen Sommerferien läuft es nicht wie gewohnt, und statt wochenlang Matheunterricht im Feriencamp von Mr. Scrum zu bekommen, löst David einige ungewöhnliche Ereignisse aus, als er seinen neuen Freund Luke kennenlernt.

Ich muss gestehen, dass ich eine Schwäche für diese Art von fantastischen Geschichten (für Kinder) habe. Diana Wynne Jones hat auch für „Eight Days of Luke“ wieder einen Protagonisten gewählt, dessen Ausgangssituation nicht gerade optimal ist, der aber versucht, das Beste aus einer Lage zu machen und sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Als nun Luke in Davids Leben tritt, passieren lauter Dinge, die sein gewohntes Leben auf den Kopf stellen, die ihn in Gefahr bringen oder in denen er Aufgaben übernehmen muss, die ihm vorher nie in den Sinn gekommen sind. Dabei erklärt die Autorin keine Hintergründe, sondern man muss als Leser die verschiedenen Situationen hinnehmen oder sich seine eigenen Gedanken zu den Charakteren machen – was mich in diesem Fall an einigen Stellen fast ein bisschen überfordert hat, weil mein Wissen über nordische Götter nicht so leicht abrufbar ist, wie ich es gern gehabt hätte. 😉

Davids Erlebnisse mit Luke haben mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht, ebenso die Einmischung der diversen Götter in Davids Leben. Auch wenn ich so manche „Lektion“, die David aus den verschiedenen Ereignissen mitgenommen hat, etwas sehr offensichtlich fand, hat mich das beim Lesen nicht gestört, weil Diana Wynne Jones die Geschichte so liebevoll und kurzweilig erzählt hat. Ich habe „Eight Days of Luke“ allerdings als altmodischer empfunden als einige andere Romane der Autorin und würde die Geschichte deshalb nicht zu ihren besten Werken zählen. Aber wer amüsante britische Fantasybücher für Kinder mag und sich nicht an der etwas belehrenden und episodenhaften Erzählweise stört, wird mit dem Buch gewiss einige unterhaltsame Lesestunden verbringen können (und zwischendurch vielleicht sogar dazu animiert, sein Wissen über nordische Götter aufzufrischen, um die verschiedenen Figuren zuordnen zu können).

Diana Wynne Jones: The Homeward Bounders

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich die Romane von Diana Wynne Jones vom Thema und der Atmosphäre her sind. „The Homeward Bounders“ wird aus der Perspektive von Jamie Hamilton erzählt, der als Zwölfjähriger beim Herumstreunern nach der Schule eine geheimnissvolle Festung in seiner Heimatstadt entdeckt. Als er heimlich durch die Fenster des Gebäudes späht, beobachtet er zwei Kapuzen-tragende Gestalten bei ihrem rätselhaften Tun. Von diesem Moment an lässt ihn die Festung ebensowenig los wie die Frage, was die beiden Personen da wohl getan haben. Doch als er die Antwort auf diese Frage findet, wünscht er sich bald, er hätte seiner Neugier nicht nachgegeben. Denn an diesem Tag findet Jamie heraus, dass die beiden Personen Spieler eines allumfassenden großen Spiels sind, welches auch Auswirkungen auf seine Welt und somit sein Leben hat.

Als jemand, der über das Spiel Bescheid weiß, wird er als „Homeward Bounder“ an die Grenzen des Spielfelds verband, wo er von einer Welt zur nächsten versetzt wird, wann immer ein Spielzug seinen aktuellen Aufenthaltsort beeinflussen könnte. Theoretisch – so wurde er vor seiner Verbannung informiert – gibt es die Möglichkeit, einen Weg nach Hause zu finden, doch dafür muss er erst einmal all die Regeln verstehen, die in diesem unheimlichen Spiel zur Anwendung kommen, und Verbündete finden, die ihm gegen die allmächtigen Spieler zur Seite stehen. Letzteres wird vor allem dadurch erschwert, dass sich unter den Homeward Bounders hartnäckig das Gerücht hält, dass keiner von ihnen mit den anderen über die seltsamen Gestalten reden darf und dass es ihnen nicht erlaubt ist, zusammen zu reisen. So benötigt auch Jamie sehr lange, um genügend Informationen über die unheimlichen Spieler zu sammeln, um überhaupt einen Eindruck vom Gesamtbild zu bekommen, und noch länger, um die ersten Schicksalsgenossen etwas besser kennenzulernen.

Es ist wirklich spannend zu sehen, wie Diana Wynne Jones an eine Geschichte herangeht. Bei „Homeward Bounders“ könnte man grob sagen, dass sie die Handlung aus der Perspektive einer Spielfigur in einem Tabletop-Game erzählt, aber das würde die abstrakten Theorien, die dafür sorgen, dass all die parallelen Welten funktionieren und Teil eines großen Spiels sein können, nicht genügend würdigen. Doch so faszinierend ich die Idee hinter „The Homeward Bounders“ finde und so sehr mich die Geschichte spätestens ab der Hälfte des Romans gepackt hatte, so muss ich zugeben, dass ich es lieber mag, wenn die Autorin weniger den Kopf als vielmehr Herz und Bauch des Lesers anspricht. So hatte ich lange Zeit mit Jamie Probleme, weil er nun einmal ein recht egoistischer Junge ist, der auch aus den Fehlern, die er macht, nicht so schnell zu lernen scheint. Außerdem mochte ich es nicht so gern, dass mir die Geschichte aus der Rückschau und stellenweise sehr gerafft erzählt wurde.

Natürlich kann Jamie nicht von jedem Erlebnis berichten, das er in den vielen hundert Welten hatte, die er besuchte, aber dadurch, dass beim Lesen klar war, dass diese Ereignisse in der Vergangenheit lagen, war ich lange Zeit Jamies Schicksal gegenüber deutlich gleichgültiger, als mir lieb war. Erst nach gut der Hälfte der Geschichte, als Jamie andere Personen kennenlernt und sich – entgegen aller Regeln, die er bis zu diesem Zeitpunkt gelernt hatte – mit ihnen über ihr Schicksal austauscht, wurde ich neugieriger auf die weitere Handlung. Durch die Interaktion mit anderen Homeward Bounders kommt es zu amüsanten kleinen Szenen, und durch die extrem unterschiedlichen Charaktere wurde die Geschichte weniger vorhersehbar. Am Ende hatte mich der Roman dann richtig gepackt – so sehr, dass ich die Handlung und die Figuren sogar mit in meine Träume genommen habe -, was vermutlich auch daran lag, dass der Schluss auf eine Art und Weise bitter(süß) ist, die perfekt für diese Art von Geschichte ist.

Diana Wynne Jones: The Ogre Downstairs

„The Ogre Downstairs“ von Diana Wynne Jones gehört zu den Büchern dieser Autorin, die ich bislang noch nicht kannte. Umso mehr habe ich das Lesen dieser Geschichte genossen. Die Handlung dreht sich um Casper, Johnny und Gwinny, deren Mutter (zu Beginn des Romans) seit einem Monat mit einem neuen Mann verheiratet ist. Für ihre Kinder ist der neue Stiefvater nur The Ogre und sie hassen die Veränderungen, die auf seinen Einzug folgten. Nicht nur, dass er seine beiden Söhne Douglas und Malcolm – die bis zu diesem Zeitpunkt in einem Internat untergebracht waren – mit ins Haus brachte, sondern The Ogre mag auch eindeutig keine Kinder. Er verbietet ihnen, rumzulaufen, Lärm zu machen, Musik zu hören und andere Dinge, die normalerweise zu ihrem Alltag gehören, und wenn sie doch mal gegen seine Regeln verstoßen, dann brüllt und droht er.

Da ist es kein Wunder, dass Johnny und Malcolm ziemlich verwundert sind, als The Ogre ihnen eines Tages Chemiebaukästen schenkt – ich muss vermutlich nicht erwähnen, dass die anderen Kinder sich hingegen gekränkt fühlen, weil sie keine Geschenke bekommen haben. So richtig angetan ist Johnny von dem Geschenk nicht, obwohl man damit wunderbar stinkende Sachen zusammenmixen kann. Doch dann entdecken Johnny, Caspar und Gwinny, dass eine der Zutaten sie fliegen lässt und auch in den anderen Pulvern steckt überraschendes Potenzial für abenteuerliche (und gefährliche) Erlebnisse. Ich gebe zu, dass man meinem Gefühl nach der Geschichte anmerkt, dass sie 1974 erstveröffentlicht wurde. Dabei beziehe ich mich weniger auf das Umfeld, in dem die Kinder leben, als auf die episodenhafte Erzählweise, die ich als sehr typisch für ältere (fantastische) Kinderbücher empfinde. Wobei sich bei der Grundvoraussetzung mit den verschiedenen Mittelchen, die die Kinder ausprobieren, natürlich auch solch eine Erzählweise anbietet, da schließlich jedes ein für sich stehendes Abenteuer birgt.

„The Ogre Downstairs“ bietet nicht nur viele fantastische Ideen rund um den Chemiebaukasten und die Abenteuer, die die Kinder damit erleben, sondern auch eine wunderbare Geschichte über Freundschaft und Familie. Ich mochte es nicht nur, dass ich die Sichtweise der verschiedenen Kinder im Laufe der Geschichte kennenlernte, sondern mir gefielen auch die vielen Szenen, in denen sie sich – wenn auch manchmal eher wiederwillig – gegenseitig halfen. Durch den gemeinsamen „Feind“ und die Notwendigkeit, die Ergebnisse ihrer Experimente geheimhalten zu müssen, ergeben sich tolle Momente, in denen sich unerwartete Verbündete finden, wenn eines der Kinder in Schwierigkeiten steckt. So lernen Caspar, Johnny und Gwinny ihre beiden neuen Brüder Douglas und Malcolm nach und nach besser kennen. Aber da Diana Wynne Jones ein Händchen für realistische Charaktere hat, reicht dies natürlich nicht, um ein harmonisches Zusammenleben zwischen den Kindern zu garantieren, so dass ich einen Teil meiner Zeit nach dem Lesen damit verbracht habe, mir zu überlegen, welches Chaos-Potenzial Johnny und die anderen wohl noch so für die Zukunft mit sich bringen würden.

Allerdings habe ich mich stellenweise beim Lesen auch gefragt, wie ich The Ogre wohl als Kind wahrgenommen hätte. Als erwachsene Leserin sehe ich einen nicht gerade einfach zu nehmenden Mann, der sich aber (zumindest zeitweise) Mühe mit den fünf Kindern gibt und dessen unangenehmere Reaktionen vermutlich vor allem der Überforderung und der Unerfahrenheit im Umgang mit Kindern geschuldet ist. Als Kind hätte ich vermutlich – genauso wie die Protagonisten – nur die beängstigenden Seiten an dem Stiefvater wahrgenommen. Ebenso hätte ich vermutlich die Erschöpfung der Mutter weniger auf die allgemeinen Schwierigkeiten geschoben, die durch den Versuch entstehen, dass die Eltern aus zwei sehr unterschiedlichen Familien eine gemeinsame machen wollen, als auf das Verhalten des neuen Ehemannes. Ich bin mir aber sicher, dass es egal ist, ob man beim Lesen ein gewisses Verständnis für alle Beteiligten aufbringen kann oder nur für die Kinder, aus deren Sicht die Handlung erzählt wird, denn „The Ogre Downstairs“ ist eine wunderschöne und amüsante Geschichte voller fantastischer Elemente, die mich während des Lesens ständig zum Schmunzeln gebracht hat.

Diana Wynne Jones und Ursula Jones: The Islands of Chaldea

„The Islands of Chaldea“ ist das Buch, an dem Diana Wynne Jones arbeitete, als sie an Krebs erkrankte. Nach dem Tod der Autorin hat ihre jüngere Schwester Ursula Jones den Roman beendet, wobei sie im Nachwort anmerkt, dass sie keine Ahnung hatte, in welche Richtung ihre Schwester die Geschichte weitergedacht hätte. Sie hat nur versucht, die Hinweise zu finden, die Diana Wynne Jones für ihre Leser in den schon geschriebenen Kapiteln versteckt hatte, und sich überlegt, welche Elemente ihren schon geschriebenen Romanen gerecht würden. Ich muss zugeben, dass ich beim Lesen keine großen Brüche in der Geschichte bemerkt habe, aber es ab einer bestimmten Stelle Szenen gibt, bei denen ich mich frage, ob die noch von Diana Wynne Jones stammen oder nicht. Doch obwohl es wiederkehrend Elemente in Diana Wynne Jones‘ Romanen gibt, lassen sich ihre Handlungsentwicklungen einfach nicht vorhersagen, weil sie den Leser immer wieder zu überraschen wusste. Wenn also nicht irgendwann einmal Ursula Jones verrät, welche Teile von ihr und welche von ihrer Schwester sind, werde ich wohl nie wissen, ob ich mit meinem Verdacht richtig liege oder nicht – und das ist vollkommen in Ordnung so. 😉

Die Handlung in „The Islands of Chaldea“ wird aus der Perspektive der zwölfjährigen Aileen erzählt, die seit ihrem fünften Lebensjahr bei ihrer Tante Beck lebt, die die Weise Frau von Skarr ist. Auch von Aileen wird erwartet, dass sie einmal diese Position übernimmt, wie es die Frauen ihrer Familie seit Jahrhunderten tun. Doch in der Nacht, in der ihre Initiation zur „Weisen Frau“ passieren soll, ist etwas schiefgelaufen, und so ist Aileen sich sicher, dass sie niemals gut genug für eine solch verantwortungsvolle Position sein wird. Noch bevor sie sich von ihrer Enttäuschung erholen kann, muss sie sich mit ihrer Tante und einigen weiteren Personen auf eine Reise begeben, um eine Prophezeiung zu erfüllen. Seit Jahren werden die drei Inseln Skarr. Bernica und Gallis durch eine unsichtbaren Barriere von der Insel Logra getrennt. Die Wirtschaft leidet sehr darunter, dass dadurch der Austausch zwischen den Inseln eingeschränkt wurde. Außerdem wurde der Sohn des Hochkönigs der Inseln – gemeinsam mit seinem Gefolge, zu dem auch Aileens Vater gehörte – vor dem Errichten der Barriere von den Logra geraubt. Seitdem wird er auf der isolierten Insel gefangen gehalten.

Für den Leser gibt es in „The Islands of Chaldea“ eine klassische Quest zu verfolgen. Gemeinsam mit Aileen und ihrer Tante reisen noch ein paar weitere Personen, die sie – gemäß einer alten Prophezeiung – zum Teil erst auf den anderen Inseln aufsammeln müssen. So lernt man die verschiedenen Inseln, ihre Bewohner und ihre Eigenheiten kennen, während Aileen sich im Laufe der Zeit weiter entwickelt und mehr über sich und ihre Fähigkeiten lernt. Das Ganze macht die grobe Handlungsentwicklung natürlich sehr vorhersehbar, aber das stört mich nicht, wenn die Geschichte so wie hier voller ungewöhnlicher Ideen, skurriler Charaktere und amüsanter Szenen erzählt wird. Allerdings fand ich den Schluss des Romans etwas überhastet und habe mich schon ein bisschen gefragt, was Diana Wynne Jones vielleicht anders gemacht hätte – oder ob sie überhaupt etwas anders gemacht hätte. Insgesamt war „The Islands of Chaldea“ eine wunderbar unterhaltsame und entspannende Lektüre, die ich dank all der skurrilen Ideen sehr genossen habe, während ich regelmäßig beim Lesen vor mich hinkicherte. Und obwohl die vier Inseln von Chaldea nicht so ungewöhnlich für eine Fantasywelt sind, fand ich sie vielversprechend genug, dass ich mir noch ein paar mehr Geschichten von den unterschiedlichen Inseln gewünscht hätte.

Diana Wynne Jones: The Merlin Conspiracy (Magids 2)

Während „Deep Secrets“ in der Regel als Fantasy für erwachsene Leser eingestuft wird, zählt der zweite Magids-Band anscheinend wieder zu den Jugendbüchern von Diana Wynne Jones. Auf die Idee zu dem Roman ist die Autorin gekommen, als ein Leser sie fragte, was denn aus Nick Mallory (der eine Nebenfigur in „Deep Secrets“ war) geworden sei. Trotzdem kann man die beiden Bücher eigentlich vollkommen unabhängig voneinander lesen kann, obwohl man hier etwas über Nicks Familie erfährt, dass erst am Ende des ersten Romans enthüllt wird. In „The Merlin Conspiracy“ wird die eine Hälfte der Geschichte von Nick Mallory erzählt, während die zweite Hauptfigur Roddy (genauer gesagt Arianrhod) Hyde ist, die in einer Welt lebt, die unserer in vielen Dingen sehr ähnlich ist, die aber über eine Menge Magie verfügt und in der England von einem König regiert wird, der das ganze Jahr über durch sein Land reist (unter anderem um dafür zu sorgen, dass die Magie im Gleichgewicht bleibt).

Mir hat „The Merlin Conspiracy“ deutlich besser gefallen als „Deep Secret“, unter anderem weil ich mit Roddys Heimatwelt deutlich besser zurecht kam als mit dem Koryfonic-Imperium. Roddy gehört zu dem Tross des Königs und reist seit ihrer Geburt mit der Bus-Karawane durchs Land. Als Tochter des königlichen Wettermagiers gehört sie zum Hofstaat, auch wenn das in ihrem Alter nicht mehr bedeutet als auf Wunsch anwesend zu sein und sich gut zu benehmen und ansonsten nicht im Weg rumzustehen. Ihr bester Freund ist Grundo, ein etwas jüngerer Junge, der von seiner Mutter und seiner Schwester regelmäßig gemobbt wird. So hat es sich Roddy zur Aufgabe gemacht Grundo vor seiner Familie zu beschützen – was zu Beginn der Geschichte dazu führt, dass die beiden Jugendlichen hinter einen Komplott kommen, bei dem eine mächtige Magierin und ihre Verbündeten das sensible Gleichgewicht der Magie für ihre eigenen dunklen Zwecke ausnutzen wollen.

Auf der Suche nach Hilfe stolpert Roddy über Nick, der aufgrund unglücklicher Umstände dem Schattenpfad zwischen den Welten folgt und somit verpflichtet ist, drei Personen zur Seite zu stehen, bevor er den Pfad wieder verlassen kann. Nick hat sich seit den Ereignissen in „Deep Secret“ nicht viel verändert. Noch immer ist er fasziniert von der Magie und träumt davon selber eines Tages ein Magid zu werden, während er auf der anderen Seite alles dafür tut, um bloß keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Doch im Laufe seiner Reise muss er feststellen, dass all seine Handlungen Konsequenzen (vor allem für andere) haben, selbst wenn er das Gefühl hat, er würde doch nichts tun und sich weiterhin geschickt durch alle Herausforderungen mogeln.

Für mich beinhaltet „The Merlin Conspiracy“ wieder ganz viel dieser ganz speziellen Diana-Wynne-Jones-Atmosphäre. Es gibt ganz viele skurrile und witzige Szenen, die für den Außenstehenden unfassbar erscheinen, während sie für die Beteiligten eigentlich vollkommen alltäglich sind, Außerdem finden sich fantastische Orte und Menschen in der Geschichte, die man sofort ins Herz schließt, während man bei all den amüsanten Momenten trotzdem immer wieder schlucken muss, weil die Autorin mit erschreckender Leichtigkeit gravierende Probleme streift, die ohne großes Umdenken auf unseren Alltag und unsere Welt übertragen werden können. Ich mochte es auch sehr, wie sie keltische Elemente in ihre Geschichte einbaut, ohne diese dabei groß zu erklären oder sich starr an eine bestimmte Vorstellung zu halten. Insgesamt war „The Merlin Conspiracy“ (trotz aller gesellschaftskritischer Ideen) wieder einmal eine wunderbare Wohlfühllektüre, die meine Lust auf Diana-Wynne-Jones-Romane nur weiter angefacht hat.

Diana Wynne Jones: Deep Secret (Magids 1)

„Deep Secrets“ von Diana Wynne Jones gehört zu den Bücher, die ich im Oktober während des Herbstlesens gelesen habe. Nachdem ich den ganzen Monat über immer wieder in „Reflections“ gestöbert hatte, hatte ich solche Lust mehr Diana-Wynne-Jones-Bücher zu lesen, dass ich mir diesen Band (und „The Merlin Conspiracy“, den weiteren Magids-Roman,) besorgt habe. Ich muss gestehen, dass ich „Deep Secret“ nicht ganz so bezaubernd finde, wie viele andere Romane (vor allem die Kinderbücher) der Autorin, obwohl die Geschichte wieder voller fantastischer Einfälle und Details strotzt und ich den Humor darin sehr genossen habe.

Die Handlung dreht sich auf der einen Seite um Rupert Venables, der als Magid für mehrere Welten verantwortlich ist. So muss er sich auch um die Probleme des Koryfonic-Imperium kümmern, das gleich aus mehreren Welten besteht, als ein Attentat dazu führt, dass der Herrscher inklusive all seiner hochrangigen Berater, Militärbefehlshabern und Adeligen getötet wird. Dabei ist es vor allem wichtig, herauszufinden, wo die inkognito aufgezogenen Erben des verstorbenen Herrschers verblieben sein könnten, um dann einen von ihnen auf den Thron zu setzen (auf dass dieser sich dann mit dem ganzen Ärger rumschlagen darf). Auf der anderen Seite muss Rupert nach dem Tod seines Meisters einen Ersatz-Magid finden, den er ausbilden kann, damit die vorgegebene Anzahl an Magids erhalten bleibt. Doch es ist nicht so einfach auf der Erde eine Person aufzustöbern, die in der Lage ist Magie zu wirken und die die nötigen moralischen Voraussetzungen für diesen Job mitbringt. Die aussichtsreichste Kandidatin scheint Maree Mallory zu sein, doch ein erstes Aufeinandertreffen der beiden überzeugt Rupert davon, dass seine Suche noch lange nicht am Ende ist. Die zweite Perspektive, aus der die Geschichte erzählt wird, ist die von Maree, deren Leben gerade schon kompliziert genug ist und die es gar nicht gebrauchen kann, dass ein seltsamer Unbekannter sie verfolgt …

Obwohl mir beide Protagonisten eigentlich sympathisch waren, gab es gerade am Anfang einige Momente, in denen sie mir etwas auf die Nerven gingen, weil sie so sehr auf ihre eigene kleine Weltsicht konzentriert waren, dass sie sich ständig selber im Weg standen. Meinem Gefühl nach hätten sich eine Menge Schwierigkeiten vermeiden lassen, wenn diese beiden Figuren ihren Gesprächspartnern mal richtig zugehört hätten oder ohne vorgefasste Meinungen an eine Herausforderung herangegangen wären. Außerdem fand ich es nicht so schön, dass viele Hintergründe schon sehr, sehr früh offensichtlich war, während Rupert immer noch im Dunklen irrte. Ich lasse mich lieber von der gesamten Handlung überraschen und nicht nur von den kleinen Momenten. 😉 Aber ich muss auch zugeben, dass es wirklich viele nette kleine Szenen gab, die überraschend und amüsant waren. Vor allem während der SFF-Convention merkt man genau, dass Diana Wynne Jones vermutlich viele Ereignisse, die sie selber bei Conventions erlebt hat, aufgegriffen hat. Auf jeden Fall kommen einem das Chaos und bestimmte Figurentypen sehr vertraut vor, wenn man schon mal bei einer Con war.

Dazu kommt noch eine faszinierende Idee zum Thema Parallelwelten, die zum Teil „Neyward“ und zum Teil „Ayeward“ ausgerichtet sind (d.h. weniger oder mehr Magie besitzen), und ein sehr spöttischer Unterton, wenn es um „klassische“ Fantasyelemente geht. Ich denke, es ist kein Zufall, dass Diana Wynne Jones einen so ironischen Fantasyroman kurz nach der Veröffentlichung von „The Tough Guide to Fantasyland“ geschrieben hat und ich kann ihre Motivation wirklich nachvollziehen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es ihr an vielen Stellen wichtiger war mit klassischen Storyelementen zu spielen und die Absurdität dieser Standardzutaten für High-Fantasy-Romane zu betonen, als wirklich eine Geschichte zu erzählen oder gar eine Atmosphäre zu schaffen, die den Leser an ihren Roman fesselt. Dabei kann man viele Aspekten in „Deep Secret“ wiederfinden, die ich sonst so an ihren Geschichten so sehr mag. So gibt es zum Beispiel diese Mischung aus Alltagsszenen und Magie, die ich als so typisch für die Autorin empfinde und die ich sonst so sehr genieße, auch in diesem Roman. Aber hier fangen mich diese Szenen nicht so auf wie sonst.

Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass die Handlung großteils in unserer modernen Welt (naja, modern, wenn man den Entwicklungsstand von 1996 in Betracht zieht) spielt, denn das war bei „Enchanted Glass“ auch der Fall und trotzdem habe ich die Geschichte als deutlich atmosphärischer empfunden. Genau genommen fand ich sogar die Ereignisse auf unserer Welt fesselnder als die, die in Koryfonic spielten – obwohl das natürlich alles miteinander verbunden war. Ich glaube, Diana Wynne Jones hat sich bei „Deep Secret“ davon hinreißen lassen, dass sie einen amüsanten Weg gefunden hat, über all die Dinge zu spötteln, die sie gerade so sehr an Fantasyromanen stören, dass sie sich ein bisschen zu sehr darauf konzentriert hat. Und obwohl ich das auch witzig finde und ähnliche Geschichten auch schon bei anderen Autoren genossen habe, vermisse ich hier einfach diesen ganz besonderen Diana-Wynne-Jones-Touch, der sonst dafür sorgt, dass ihre Romane mir so ans Herz wachsen.

Diana Wynne Jones: Reflections (On the Magic of Writing)

Die Schriftstellerin Diana Wynne Jones sollte inzwischen allen ein Begriff sein, die regelmäßig meinen Blog lesen, nachdem ich in letzter Zeit wieder regelmäßig über ihre Bücher geredet habe. Leider ist die Autorin 2011 an Krebs gestorben, aber sie hatte vor ihrem Tod noch genügend Zeit, um über ihr literarisches Erbe nachzudenken. Ein Ergebnis dieser Überlegungen ist die Veröffentlichung von „Reflections (On the Magic of Writing)“ gewesen. In dem Buch hat Diana Wynne Jones diejenigen ihrer Aufsätze, Artikel und Reden gesammelt, die sich rund um Bücher und das Schreiben (speziell um das Schreiben von fantastischen Kinderbüchern) drehen und von denen sie glaubte, dass sie für eventuelle Leser interessant sein könnten.

In der Inhaltsangabe meiner Ausgabe ist von „über 25 Texten“ die Rede und ich muss gestehen, dass ich es auch schwierig finde eine genaue Anzahl zu nennen, weil zum Beispiel ein Text aus 3 Teilen einer Rede besteht und weil es zusätzlich noch Texte gibt, die über Diana Wynne Jones geschrieben wurden. So ist das Vorwort (in meiner Ausgabe) zum Beispiel von Neil Gaiman, der über die Autorin als Person und über die Qualität ihrer Arbeit schreibt, dazu gibt es noch einen weiteren Text über Diana Wynne Jones und ihre Bücher von Charles Butler als Einleitung und natürlich eine kurze Einleitung von der Autorin selber. Außerdem wird diese Sammlung noch durch ein Interview mit ihr (zu dieser Veröffentlichung) und zwei Texte von ihren Söhnen, die nach ihrem Tod geschrieben wurden, ergänzt. Bei so vielen kürzeren und längeren Texten fällt es mir schwer eine allgemeine Meinung abzugeben, denn natürlich schwanken die Qualität und der Nutzen dieser Texte für mich ganz persönlich. Auch gibt es bestimmte Elemente, die in dieser Sammlung immer wieder vorkommen – gerade wenn Diana Wynne Jones auf ihre Kindheit eingeht -, weil die Autorin natürlich nicht davon ausgehen konnte, dass jemand, der eine Rede von ihr hört oder einen Artikel liest, schon einmal Hintergrundinformationen über ihre Arbeit bekommen hat.

Aber selbst bei den Passagen, die mich weniger interessierten oder die für mich zu sehr in die Theorie abdrifteten, um mich wirklich packen zu können, fand ich es spannend, welche Aspekte Diana Wynne Jones in ihrer Arbeit beachtet hat und auf welche Elemente sie bei anderen Autoren Wert legte. Doch vor allem wird in all diesen Texten ihre Liebe zum Schreiben und ihre Lust am Erschaffen magischer Welten deutlich und die Sorgsamkeit, mit der sie Geschichten für Kinder kreiert. Überhaupt ruft sie in ihren Texten immer wieder dazu auf, dass man Kinder nicht unterschätzen soll – in dem Zusammenhang fand ich es spannend, dass Diana Wynne Jones der Meinung war, dass man bei Romane für Erwachsene viel mehr wiederholen muss, weil diese nicht so aufmerksam lesen wie Kinder – und dass man beim Schreiben von Kinderbüchern eine hohe Verantwortung hat, weil Kinder auch durch das Lesen so viel lernen und es zum Beispiel schrecklich ist, wenn man sie durch bestimmte Wendungen in Geschichten entmutigt ihre Fantasie zu benutzen. Interessant fand ich dabei, dass sie der Meinung war, dass zu ihren Anfängerzeiten in Fantasybüchern für Kinder ganz oft betont wurde, dass nur Kinder solch fantastische Abenteuer erleben könnten, während Erwachsenen der Zugang (z.B. nach Narnia) verboten ist – bei mir hat das die Frage aufgeworfen, ob es deshalb für viele Leute vollkommen akzeptabel ist, dass Kinderbücher fantastische und magische Elemente enthalten, während Fantasyromane für Erwachsene von den selben Personen gern als Schund abgetan werden.

Selbst ohne die immer wieder auftauchenden Erwähnungen ihrer eigenen Romane (als Beispiele für bestimmte Erzähl-Elemente oder wenn sie über eine Grundidee spricht), habe ich jetzt nach dem Lesen von „Reflections“ unglaublich große Lust mich noch einmal mit den Geschichten von Diana Wynne Jones auseinanderzusetzen, weil ich es so fesselnd finde, wie viele Gedanken sich die Autorin über die verschiedenen Elemente und Figuren gemacht hat und weil ich mir sicher bin, dass das, was beim Lesen so nett und leicht aussieht, nur durch sehr viel Arbeit (und Freude) entstehen konnte. Lustig finde ich auch, dass sie viele Aspekte in ihren Geschichten erwähnt, die ich ganz anders wahrgenommen habe, die aber trotzdem für mich genau richtig funktionieren. In Zukunft werde ich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit nach dem Lesen eines Diana-Wynne-Jones-Roman diesen Titel zücken und all die Textstellen nachschlagen, in denen die gerade gelesene Geschichte erwähnt wird, und schauen, was die Autorin selber zu dem Buch zu sagen hatte und welche Ebenen in ihrer Erzählung mir vielleicht durchgegangen sind.

(Und nachdem ich dies geschrieben hatte, griff ich zu einem Diana-Wynne-Jones-Roman – „Deep Secret“ -, zu dem ich dann nach dem Lesen so gut wie keine Erwähnung in „Reflections“ finden konnte … *g*)

Diana Wynne Jones: Enchanted Glass

Mein erstes Diana-Wynne-Jones-Buch habe ich schon in der Grundschule gelesen und heiß und innig geliebt. Allerdings habe ich damals vor allem auf Bibliotheksbücher zurückgegriffen und nur wenige Titel für meinen eigenen Bestand nachgekauft. Nachdem ich inzwischen wieder mehr auf Englisch lese, habe ich das Bedürfnis, mir nach und nach all die Romane der Autorin zu besorgen, die ich noch nicht kenne. So brachte mir der Buchhandlungsfahrradkurier Ende der Woche „Enchanted Glass“ – ein Roman rund um einen Universitätsdozenten, der von seinem Großvater ein magisches Haus und eine ebensolche Berufung erbt.

Eigentlich hatte Jocelyn Brandon geplant, vor seinem Tod seinen Enkel, den Wissenschaftler Andrew Hope in all die wichtigen Geheimnisse einzuweihen, die er benötigt, um Melstone House zu übernehmen. Doch dann läuft dem alten Zauberer die Zeit davon und Andrew zieht vollkommen unvorbereitet nach Melstone. Natürlich weiß er, dass sein Großvater über Magie verfügte und dass Melstone House etwas ganz besonderes ist. Doch Andrew hat keine Ahnung davon, was das Besondere an dem Haus ist und dass er mit dem Haus auch die Aufgaben seines Großvaters (das so genannte „field-of-care“) geerbt hat – und worin diese Aufgaben überhaupt bestehen. So scheinen seine einzigen Herausforderungen anfangs darin zu bestehen, sich mit der Haushälterin Mrs. Stock und dem Gärtner Mr. Stock (weder verwandt noch verschwägert mit Mrs. Stock) zu arrangieren.

Komplizierter wird es für Andrew an dem Tag, als der zwölfjährige Aiden Cain vor seiner Türschwelle steht und um Hilfe bittet. Aidens Großmutter war kurz zuvor gestorben und hatte ihm vor ihrem Tod gesagt, dass er, wenn er jemals Hilfe benötigen würde, sich an Joycelyn Brandon in Melstone House wenden solle. Da Aiden nach dem Tod seiner Großmutter nicht nur ganz allein auf der Welt ist, sondern auch bei seinen Pflegeeltern von mysteriösen Kreaturen gejagt wurde, die ihm eindeutig nichts Gutes wollen, ist er von seiner Pflegestelle fortgelaufen, um in Melstone House einen sicheren Unterschlupf zu finden.

Ich muss gestehen, ich fände es großartig, wenn ich einen Unterschlupf wie Melstone House kennen würde. Diana Wynne Jones gelingt es wieder einmal ganz wunderbar, einen Ort zu schaffen, der gemütlich, magisch, skurril und rundum bezaubernd ist. Ein bisschen erinnert Melstone House an Chrestomancis Heim in „Wir sind aufs Hexen ganz versessen“ – inklusive der spezialisierten Angestellten. Natürlich gibt es auch den obligatorischen Gegenspieler an den Grenzen von Melstone House, aber wenn ich ehrlich bin. so benötigt es diese Figuren doch genau deshalb, damit sich der Schauplatz der Geschichte umso behaglicher anfühlt. Ich mochte das Gebäude ebenso wie das Dorf Melstone, zu dem es gehört, aber natürlich würde keines von beidem sich so heimelig anfühlen, wenn es da nicht die ganzen liebenswerten und skurrilen Charaktere gäbe.

Dabei sind nicht alle Figuren so gestaltet, dass ich mit ihnen ein Haus teilen möchte. Gerade Mr. und Mrs. Stock haben so einige Eigenarten, die mich persönlich an den Rand des Wahnsinns bringen würden. Da Andrew aber recht gelassen und geduldig mit ihren Marotten umgeht, waren diese Passagen für mich als Leser amüsant und unterhaltsam. Außerdem gibt es noch einige weitere Charaktere, die Andrew langfristig bei seiner neuen Aufgabe helfen – und denen er mit ihren Problemen hilft -, so dass die Geschichte dank der vielen kleinen wunderbaren Szenen trotz einer eher gemächlichen Erzählweise nie langweilig wird.

Ich habe ein paar Rezensionen gefunden, die kritisieren, dass in „Enchanted Glass“ nichts passiert. Und ja, es ist keine actiongeladene Geschichte. Aber ich finde es umso anerkennenswerter, dass Diana Wynne Jones es immer wieder schafft so viele interessante, amüsante und berührende Details in eine großteils relativ alltägliche Handlung zu packen. Ich mochte es zu lesen, wie Andrew und Aiden langsam in Melstone House ankommen, wie sie immer mehr über die Hintergründe des Hauses, Andrews Aufgabe und ihren Gegenspieler herausfinden, und ich fand es toll, wie all die vielen Nebenfiguren im Laufe der Zeit immer mehr Profil bekamen, ohne dass die Autorin besonders viele Seiten dafür aufwenden musste. Die allerletzte Wendung der Geschichte hätte ich nicht unbedingt haben müssen, aber schlimm finde ich sie auch nicht. Insgesamt habe ich das Lesen von „Enchanted Glass“ sehr genossen. Für mich sind Diana-Wynne-Jones-Bücher ebenso erholsam wie die Momente, in denen ich mich mit einer Decke, einer heißen Schokolade und einer Katze einrollen und die Außenwelt für eine Weile vergessen kann.