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Diana Wynne Jones: Archer’s Goon

So langsam arbeite ich mich durch meine Sammlung von Diana-Wynne-Jones-Titeln, die ich noch nicht kenne. In den vergangenen Tagen war das Buch „Archer’s Goon“ an der Reihe, das folgendes verspricht:

This book will prove the following ten facts:

1. A Goon is a being who melts into the foreground and sticks there.
2. Pigs have wings, making them hard to catch.
3. All power corrupts, but we need electricity.
4. When an irresistible force meets an immovable object, the result is a family fight.
5. Music does not always soothe the troubled breast.
6. An Englishman’s home is his castle.
7. The female of the species is more deadly than the male.
8. One black eye deserves another.
9. Space is the final frontier, and so is the sewage farm.
10. It pays to increase your word power.

Die Geschichte beginnt damit, dass der dreizehnjährige Howard Sykes eines Tages von der Schule kommt und Archer’s Goon in seiner Küche vorfindet, der behauptet, dass Howards Vater seinem Boss noch 2000 Wörter schuldet. Weder Howards kleine Schwester Awful noch die Studentin Fifi, die mit im Haus wohnt und nachmittags dafür sorgt, dass die beiden Kinder ihren Tee serviert bekommen, wissen, wer Archer ist oder was er mit den 2000 Wörtern tut, die ihm Mr. Sykes schulden. Doch so richtig seltsam wird die ganze Angelegenheit für Howard, nachdem sein Vater seine Schulden bezahlt hat und der Goon trotzdem bei Howards Schule auftaucht und darauf besteht, dass er und Howard nun Freunde seien, während gleichzeit diverse andere Personen auf einmal Interesse an Mr. Sykes‘ Wörtern entwickeln. Doch je mehr Personen von ihm einen Text geschrieben haben wollen, desto störrischer wird der Autor und verweigert jegliche Mitarbeit – was zu einigen dramatischen Entwicklungen für seine Familie (und sehr amüsanten Momenten für den Leser) führt.

Ich liebe die Charaktere in diesem Buch. Besonders Howards kleine Schwester Awful (eigentlich Anthea) ist so schrecklich, wie ihr Name andeutet, und dabei so großartig, dass ich jede einzelne Szene mit ihr genossen habe. Nicht alle Figuren sind detailliert ausgearbeitet, aber das macht überhaupt nichts, weil man schon bei einem kleinen Auftritt in der Regel ein genaues Gefühl für den Charakter bekommt. Dazu kommt ein kompliziertes Geflecht von Beziehungen zwischen den verschiedenen Figuren, das so nach und nach enthüllt wird, und ich war wieder einmal hingerissen von der Fähigkeit der Autorin, all diese kleinen zwischenmenschlichen Momente zu erfassen, die das Agieren verschiedener Menschen miteinander so sehr bestimmen. Dazu kommt, dass Howard, je intensiver er die Personen in seiner Umgebung und ihre Reaktion auf andere Menschen beobachtet, eine ganze Menge über sich selbst und seine Familie lernt.

Wie es sich für ein richtig gutes Diana-Wynne-Jones-Buch gehört, ist auch „Archer’s Goon“ voller skurriler und amüsanter Entwicklungen, die einem innerhalb dieser Romanwelt überraschend stimmig vorkommen. Dabei greift die Autorin wieder einmal auf Figuren zurück, die über Magie verfügen und dank ihrer Fähigkeiten gleich eine ganze Stadt unter ihrer Herrschaft haben. Da es sich jedes Mal neu und ungewöhnlich anfühlt, wenn Diana Wynne Jones mit dieser Idee spielt, kann ich sehr gut damit leben, dass sie immer wieder dieselbe Grundvoraussetzung in ihre Geschichten einbaut. In „Archer’s Goon“ gab es so viele überraschende und bizarre Momente, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, mir würde die perfekte Mischung aus vertrauten und geliebten Elementen und unverbrauchten Ideen präsentiert. So sehr ich die Romane der Autorin wie „Howl’s Moving Castle“ mag, die durchgehend in einer Fantasywelt angesiedelt sind: Ich genieße die Geschichten, die „britischen Alltag“ mit einer Spur von Magie versehen, doch noch ein bisschen mehr.

Diana Wynne Jones: Wilkins‘ Tooth

Am Wochenende hatte ich mal wieder Lust auf etwas „fluffigere“, kürzere Lektüre und landete beim Blick über meinen SuB bei „Wilkins‘ Tooth“ von Diana Wynne Jones. Dieses Buch der Autorin kannte ich noch nicht, aber es ist mir in den vergangenen Monaten regelmäßig untergekommen, weil in meiner englischsprachigen Timeline immer mal wieder darauf verwiesen wurde. Ein bisschen hatte ich vor dem Lesen den Verdacht, dass man diesen Roman als Kind gelesen haben muss, um ihn so lang anhaltend in Erinnerung zu behalten wie all die Personen, die den Titel erwähnten, und ich fürchte, dass sich dieser Verdacht beim Lesen bestätigt hat, aber das ändert nichts daran, dass „Wilkins‘ Tooth“ eine sehr amüsante Geschichte ist.

Die Handlung wird erzählt aus der Sicht der Geschwister Frank und Jess Pirie, die vor kurzem einen neuen Stuhl ihrer Eltern zerbrochen haben und nun für vier lange Monate kein Taschengeld bekommen werden. Da ihr Vater ihnen auch die Suche nach richtigen Nebenjobs verbietet, gründen die beiden eine  „Vergeltungsgesellschaft“ („Own Back Inc.“). Doch was anfangs nach einer guten Idee klingt, entwickelt sich schnell zu einer deutlich anstrengenderen und komplizierteren Angelegenheit, als die beiden gedacht hätten. So möchten sie eigentlich schon nach dem ersten Auftrag ihre Gesellschaft wieder auflösen, kommen aber nicht so einfach aus der Sache wieder raus. Jeder einzelne Job zieht wieder neue Entwicklungen nach sich, die dafür sorgen, dass Frank und Jess nur noch eine Sache erledigen müssen oder noch ein kleines bisschen mehr verschuldet sind, als sie es zu Beginn der Geschichte schon waren. Dabei hilft es auch nicht, dass sie sich mit ihren Tätigkeiten unabsichtlich in die Geschäfte der örtlichen Hexe gemischt haben und nun auch noch mit dem Unmut dieser Person fertigwerden müssen.

Ich habe Franks und Jess‘ kleine und größere Herausforderungen gern begleitet und mich wunderbar amüsiert, wenn die beiden mal wieder mit den besten Absichten das größte Chaos anstellten. Dabei lernen sie im Laufe der Zeit weitere Kinder kennen, deren Aufträge sie erfüllen sollen und mit denen sie sich dann nach und nach anfreunden, was dazu führt, dass am Ende mehr als ein Dutzend Personen versuchen, gemeinsam gegen die Hexe Biddy Iremonger vorzugehen. Denn die örtliche Hexe, von der Jess‘ und Franks Eltern glauben, dass sie nur eine etwas wunderliche arme Frau sei, wird von Diana Wynne Jones als wirklich schrecklich boshafte, rachsüchtige und machthungrige Person dargestellt, deren Magie deutlich stärker ist, als die beiden Kinder (und der Leser) anfangs ahnen können. Allerdings muss ich zugeben, dass es sich die Autorin hier an manchen Stellen in meinen Augen etwas zu einfach gemacht hat, denn natürlich ist die seltsame ältere Frau, die in einer schäbigen Hütte am Fluss lebt, die Böse, und auch ihr Motiv für ihre Rache an der Familie Adams – mit deren Töchtern sich Jess und Frank anfreunden – ist ziemlich einfallslos.

Auf der anderen Seite ist die Geschichte voller amüsanter Szenen, bei denen man nur zwischen leichter Fassungslosigkeit und hämischer Vorfreude die Pläne der Kinder verfolgt. Bei einer meiner Lieblingsstellen bekommt man als Leser nicht einmal direkt die Vorgänge beschrieben, sondern man bekommt das Ganze nur aus der Perspektive von Jess und Frank erzählt, die anhand der Geräusche und Gesprächsfetzen, die sie hören, erraten, was gerade in den angrenzenden Räumen (und dem Garten und auf dem Dach) alles los ist. Wenn ich so etwas lese und mich dabei so gut unterhalten fühle (und dann noch bedenke, dass „Wilkins‘ Tooth“ wohl das erste Buch war, das sie für Kinder geschrieben hat), dann kann ich Diana Wynne Jones auch die kleinen Dinge verzeihen, die mich beim Lesen gestört haben. Alles in allem war diese Geschichte inklusive dieser wunderbaren Slapstick-haften Pasagen perfekt für ein paar entspannte und unterhaltsame Lesestunden.

Diana Wynne Jones: Black Maria

Ich habe immer noch den vierten Teil der Dalemark-Reihe vor mir, aber ich hatte nach dem ersten Anlesen festgestellt, dass ich Abstand zwischen den ersten drei Bänden und dem Abschlussband benötigen würde. Das hat dazu geführt, dass ich erst einmal keine Romane von Diana Wynne Jones gelesen habe, obwohl ich ein großes Bedürfnis danach hatte, und als mir aufging, dass diese ungewollte „Abstinenz“ doch ziemlich bescheuert ist, habe ich mir „Black Maria“ vorgenommen und sehr genossen. Die Geschichte gehört zu denen, von denen ich noch nie gehört hatte, bevor ich mir vorgenommen hatte, dass ich mir alle englischen Ausgaben der Autorin zulegen wollte. Außerdem muss ich zugeben, dass dieser Roman eher weniger für diejenigen geeignet ist, die in aktuellen Zeiten ein Wohlfühlbuch suchen, da die Atmosphäre bis kurz vor dem Ende wirklich unangenehm ist. Die Handlung wird aus der Sicht von Mig (Naomi Margaret Laker) erzählt, die nach dem Tod ihres Vaters gemeinsam mit ihrer Mutter Betty und ihrem Bruder Chris über die Osterferien zu ihrer Tante Maria fährt.

Keiner der drei wollte diesen Besuch eigentlich machen, aber da Tante Maria (von den Kindern nach dem britischen Kartenspiel „Black Maria“ genannt) seit dem Tod von Migs Vater täglich telefonisch Kontakt zu der Familie suchte, hatte Betty anscheinend so viel Mitleid mit ihr, dass sie die Einladung nicht ablehnen konnte. Schnell wird klar, dass in dem Ort Cranbury-on-Sea – ebenso wie mit Tante Maria – etwas nicht stimmt, auch wenn Mig nicht auf Anhieb sagen kann, was da eigentlich so seltsam ist. Vor allem fällt ihr ins Auge, dass alle sämtliche Wünsche von Tante Maria erfüllen, obwohl Mig und ihre Mutter das eigentlich gar nicht wollen und sich immer wieder fest vornehmen, dass sie die alte Frau dazu bringen wollen, etwas selbstständiger zu werden. Auf der anderen Seite kann sich Chris (fast) so unmöglich benehmen, wie er will, und weder Tante Maria noch ihre zwölf besten Freundinnen (von Chris nur die Mrs. Urs genannt) sind bereit, sein Verhalten überhaupt wahrzunehmen. Erst nach und nach finden Mig und Chris heraus, wieso ihre Tante Maria wie eine sanft wirkende, aber grausam handelnde Bienenkönigin über den kleinen Ort an der See herrscht.

Es gibt so einige Dinge, die Mig erst deutlich später auffallen als dem Leser – zum Beispiel, was es mit der grauen Katze auf sich hat, die immer wieder in Tante Marias Garten eindringt. Aber das hat mich beim Lesen so gar nicht gestört, weil Diana Wynne Jones so eine wunderbar unheimliche Atmosphäre in ihrem Buch geschaffen hat. Von dem Moment an, in dem Mig und ihre Familie in Cranbury-on-Sea ankommen, gibt es (gefühlt) keine einzige Sekunde mehr, in der die drei nicht unbeobachtet sind. Tante Maria will bei jedem Gespräch, das in ihrem Haus geführt wird, wissen, worum es geht, und natürlich hat sie genaue Vorstellungen davon, worüber überhaupt geredet werden darf und worüber nicht. Und auch der Gang vor die Tür bietet keine Fluchtmöglichkeit, denn hinter jedem Fenster lauert eine von Tante Marias „Freundinnen“, die ihr genau berichten, was Mig und die anderen draußen unternommen haben, wen sie gesehen haben und wie sie sich verhalten haben. Diese ständige Bespitzelung führt ebenso wie die sanfte, aber unerbittliche Manipulation von Betty und Mig durch Tante Maria und die anderen Frauen zu einem wirklich unheimlichen Gefühl.

Dazu kommen die Beschreibungen rund um den Ort und seine Bewohner, die einem ein wirklich trostloses Bild von einem scheinbar idyllischen Ferienort an der See vermitteln. Es gibt so gar nichts heimeliges in dieser Geschichte und das Auftauchen eines – seltsamen – Geistes scheint fast das Hoffnungsvollste und Schönste in diesem Roman zu sein, weil diese ungewöhnliche Gestalt zumindest einen winzig kleinen Ausweg aus der ganzen Situation zu bieten scheint. Trotz all dieser trostlosen Elemente habe ich das Lesen von „Black Maria“ sehr genossen, weil Diana Wynne Jones‘ Humor all die fürchterlichen Szenen durchzieht. So stößt Chris im Laufe der Handlung etwas Fürchterliches zu, aber trotzdem kann er noch dafür sorgen, dass die nachmittägliche Teerunde im Haus von Tante Maria kräftig aufgemischt wird (inklusive flatternder Unterwäsche, Teeüberschwemmung und kopflos herumrennender Mrs. Urs). Wie so oft am Ende eines Diana-Wynne-Jones-Buch bin ich wieder einmal fasziniert davon, welches klassische Element die Autorin für diese Geschichte aufgegriffen hat und was sie Kreatives daraus gemacht hat. Ich mag ihre ungewöhnliche Perspektive auf Mythologien, auf Magie und natürlich auf all die kleinen Alltäglichkeiten, die erst durch ihre Beschreibungen zu etwas Besonderem werden.

Diana Wynne Jones: The Spellcoats (The Dalemark Quartet 3)

Der dritte Band der Dalemark-Reihe von Diana Wynne Jones führt den Leser in eine Vergangenheit von Dalemark zurück, in der es noch Könige gab. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Tanaqui, die die vierte von fünf Geschwistern und eine hervorragende Weberin ist. So ist es auch kein Wunder, dass sie ihre Geschichte in zwei Mäntel (Spellcoats) einwebt, so dass nur diejenigen, die die Webmuster zu lesen wissen, davon erfahren. Dabei erzählt der erste Mantel, wie alles in dem kleinen Dorf am Fluss begann, in dem Tanaqui gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrem Vater aufgewachsen ist, und wo die übliche Ruhe von einem Tag auf den anderen durch eine Gruppe Flüchtlinge gestört wurde. Diese Flüchtlinge berichteten von Krieg, und kurz nachdem diese Menschen über den Fluss gesetzt hatten und weitergezogen waren, kamen auch schon die ersten Soldaten, um Männer (und Jungen) anzuwerben, die für den König in den Kampf ziehen sollten.

Nachdem Tanaquis Vater im Krieg getötet wird und ihr ältester Bruder fast seelenlos zurückkommt, werden die Geschwister aus dem Dorf vertrieben und reisen den Fluss entlang bis zum Meer. Für Tanaqui und die anderen ist das eine beschwerliche Reise voller Gefahren in einem Gebiet, das von Hochwasser und Krieg zerstört wurde. Im Laufe ihrer Reise lernen sie, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügen und dass die Unsterblichen (the Undying), die schon in „Drowned Ammet“ eine große Rolle spielten, sie vor der Magie der „Heiden“ aus dem Norden schützen können – wenn Tanaqui und ihre Geschwister denn auf die Zeichen und Hinweise der (beinahe) göttlichen Wesen hören. Doch es ist nicht so einfach, mit den Unsterblichen zu kommunizieren und herauszufinden, welcher Weg für Tanaqui und die anderen der richtige ist.

Ich mochte sehr, dass man dadurch, dass Tanaquis Spellcoats die wahre Geschichte erzählen müssen, um ihre Magie zu wirken, das Gefühl bekommt, man könne der Erzählerin vertrauen – auch wenn es ihr oft genug nicht leicht gefallen ist, von all ihren Irrtümern und kleinlichen Gedanken zu erzählen. „The Spellcoats“ erzählt von der Entstehung Dalemarks, von den alten Mächten, die in dem Land aktiv sind/waren, und von der Herkunft der einen oder anderen Figur, die man bislang nur als Sagengestalt kennengelernt hat. Mir gefiel an Tanaquis Erzählstimme nicht nur, dass ich ihr als Erzählerin vertrauen konnte, sondern ich mochte auch, dass sie – trotz all der besonderen Fähigkeiten, über die sie verfügt, – eine ganz normale und sympathische Figur war. Sie liebt ihre Geschwister und ist doch oft ungeduldig mit ihnen oder ärgert sich über ihr Verhalten, sie vermisst ihre Eltern und wünscht sich regelmäßig, es gäbe jemanden, der sich um sie kümmern würde. Doch da es niemanden gibt, der ihr die Arbeit aus der Hand nimmt, und ihre Geschwister immer wieder jemanden brauchen, der sich um sie kümmert, nimmt sie die Angelegenheiten regelmäßig selber in die Hand. Nicht immer sind ihre Entschlüsse die klügsten, aber gerade das sorgt ja auch dafür, dass man ihrer Geschichte so gerne folgt und sich voller Spannung fragt, ob sie wohl am Ende ihre Aufgabe erledigt bekommt oder nicht.

Ich finde es immer schwierig, eine Reihe so zu lesen, dass die Ereignisse nicht chronologisch stattfinden, weil das oft genug dazu führt, dass man als Leser Dinge erzählt bekommt, die man schon kennt. Hier hingegen muss ich zugeben, dass es sich für mich richtig anfühlt, die Romane in der Veröffentlichungsreihenfolge zu lesen. Die Handlung von „Cart und Cwidder“ lässt sich ohne weitere Hintergründe (meinem Gefühl nach sogar besser) genießen, während ich vermutlich mit dem Wissen um die Vergangenheit Dalemarks, um die Unsterblichen und vielleicht sogar um die Herkunft des Barden Osfameron eine ganz andere Sicht auf die Geschichte gehabt hätte. So hingegen habe ich das Gefühl, dass ich als Leser gemeinsam mit der Welt von Dalemark wachse und im Laufe der Romane immer mehr Details und Hintergründe entdecken kann. All das macht mich auf jeden Fall sehr neugierig auf den Band „The Crown of Dalemark“, mit dem die Serie ihren Abschluss findet.

Diana Wynne Jones: Drowned Ammet (The Dalemark Quartet 2)

Der zweite Band des Dalemark-Quartets von Diana Wynne Jones – den ich bis zu diesem Lesen noch nicht kannte – bringt den Leser wieder in den Süden von Dalemark, genau genommen in das Reich des Herzogs Hadd. Dabei wird die Geschichte in „Drowned Ammet“ zu Beginn aus der Sicht von Mitt erzählt, den der Leser von seinen ersten (überraschend sorgenfreien) Lebensjahren an begleitet, nur um mitzuerleben, wie aus dem zufriedenen kleinen Jungen ein Mensch voller Rachefantasien und Hass wird. Denn Herzog Hadd ist ein grausamer und streitsüchtiger Mann, der keine Hemmungen hat, sein Volk mit seinen Steuern um seine Lebensgrundlage zu bringen. Auch Mitts Eltern gehören zu denen, die wenige Jahre nach Mitts Geburt ihr weniges Hab und Gut verlieren und Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Menschen in seinem Land fürchten den Herzog, seine Soldaten und seine Spitzel, und so ist es kein Wunder, dass neben Armut und Angst auch die Wut und der Wille zur Rebellion in seinem Volk wachsen.

Auch Mitts Vater Al (beide heißen mit vollem Namen Alhammit) schließt sich nach dem Verlust seines Hofes in der Hafenstadt Holand einer Gruppe von Freiheitskämpfern an, doch er und seine Gefährten werden vor der Durchführung eines geplanten Anschlags verraten. Nachdem Mitt mit seiner Mutter zurückbleibt, schließt auch er sich den Freiheitskämpfern an, und ich muss zugeben, dass das ein Punkt war, wo mich Diana Wynne Jones ausnahmsweise nicht überzeugen konnte. Ich musste mir beim Lesen dieser Kapitel rund um Mitts Aufwachsen und sein Engagement für die Freiheitskämpfer immer wieder vorrechnen, dass Mitt noch sehr jung ist. Seine Familie kann es sich nicht leisten, ihn zur Schule zu schicken und er hat keine gleichaltrigen Freunde, mit denen er auf den Straßen spielen könnte. Stattdessen fängt er als Achtjähriger an, auf einem Fischerboot zu arbeiten, und alles, was er Tag für Tag hört, sind Klagen über die Ungerechtigkeit des Herzogs. Und wenn meine Rechnung stimmt (die auf so groben Angaben basiert wie „beim nächsten „Holand Sea Festival“, „im folgenden Sommer“ oder „wenige Wochen später“, dann ist er gerade mal elf oder zwölf Jahre alt, als er einen Anschlag auf den Herzog verübt.

Ein Kind, das unter diesen Umständen aufwächst, ist deutlich „erwachsener“ als ein Kind, das eine sorgenfreie Kindheit verbringen kann und sich keine Gedanken darüber machen muss, wo die nächste Mahlzeit herkommt. Auf der anderen Seite ist Mitt nicht erwachsen genug, um wirklich die Konsequenzen seines Tuns überblicken zu können, oder um die Motive und Aussagen anderer Menschen zu hinterfragen und sich seine eigene Meinung bilden zu können. Gerade seine emotionale Abhängigkeit von seiner Mutter erklärt sich für mich sehr dadurch, dass er eigentlich noch ein Kind ist. Dass ich mir aber all diese Dinge immer wieder vor Augen halten musste, hat für mich diese Kapitel etwas schwierig zu lesen gemacht, obwohl ich die Grundsituation spannend fand. Ich weiß nicht, ob ich als Kind/Jugendliche diese Passagen anders wahrgenommen hätte. Aber ich glaube, ich hätte damals auch schon Kleinkind-Mitt, der nicht verstehen kann, wieso seine Nachbarn Angst vor dem Soldaten haben, mit dem er sich gerade angefreundet hat, lieber gemocht, als den achtjährigen Mitt, der anscheinend nur zu seiner Mutter so etwas wie Zuneigung empfinden kann und für den alle anderen Menschen nur Mittel zum Zweck zu sein scheinen.

Auf der anderen Seite bekommt man die Geschichte aus Sicht von Hildy (Hildrida), der Enkeltochter von Herzog Hadd, erzählt. Hildys Temperament ähnelt von klein auf einer Naturgewalt, und nicht einmal ihr Vater traut sich, sich gegen sie zu stellen, wenn sie schlechte Laune hat. Dabei ist Hildy kein verwöhntes Kind oder eine Nervensäge, sie ist nur schrecklich frustriert von ihrer Rolle als Schachfigur bei den politischen Spielen ihres Großvaters, davon, dass ihr Vater seit dem Tod ihrer Mutter so gleichgültig geworden ist, und von all den anderen kleinen und großen Ungerechtigkeiten, die sie so erlebt. Hildy ist nicht gerade ein netter Charakter, aber ich fand sie auf Anhieb sympathisch. So ist es auch kein Wunder, dass die Geschichte für mich deutlich anzog, als Hildy, ihr Bruder Ynen und Mitt nach der Hälfte des Romans aufeinandertrafen und sich von diesem Zeitpunkt an mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihren Illusionen bezüglich der eigenen Person und ihren Vorurteilen gegenüber anderer Gesellschaftsschichten auseinandersetzen mussten. Dazu kamen noch wunderbar atmosphärische Segelszenen und ein Hauch Magie, und schon fühlte ich mich mit „Drowned Ammet“ wieder wohl und war neugierig auf die weitere Entwicklung der Geschichte.

Am Ende kann ich verstehen, wieso Diana Wynne Jones die erste Hälfte des Romans so erzählt hat, aber ich muss zugeben, dass mich dieser Teil trotzdem nicht ganz so überzeugt hat, wie es ihre Bücher normalerweise tun. Erst beim Lesen der zweiten Hälfte kam für mich das Gefühl auf, ich würde eine „richtige“ Diana-Wynne-Jones-Geschichte lesen, mit all ihren Untertönen und ihren bitteren und amüsanten Momenten. Doch während ich bei „Cart and Cwidder“ am Ende zufrieden mit dem Ausgang der Handlung und den Andeutungen über Morils Zukunft war, fühlen sich hier die letzten Seiten an, als ob mir die Autorin bislang nur einen langen Prolog erzählt hätte – und nun muss ich auf den vierten Teil der Reihe („The Crown of Dalemark“) warten, um zu erfahren, wie das Ganze ausgeht. Doch bevor ich zum vierten Band greife, werde ich erst einmal „The Spellcoats“ aus dem SuB fischen und mich mit der Geschichte in die Vergangenheit von Dalemark begeben.

Diana Wynne Jones: Cart and Cwidder (The Dalemark Quartet 1)

Vorweg muss ich zugeben, dass ich bei dieser Rezension von „Cart and Cwidder“ nicht gerade objektiv sein kann, denn ich habe diese Geschichte als Kind Jugendliche geliebt (ich war fest davon überzeugt, dass ich „Die Kraft der Mandola“ schon als Kind gelesen hatte, aber die deutsche Ausgabe erschien anscheinend erst 1985). Außerdem ist die Angabe „Band 1“ beim Dalemark-Quartet etwas schwierig zu machen, da dies zwar der erste Band von Diana Wynne Jones ist, der in der Welt von Dalemark spielt, aber chronologisch gesehen müsste die Geschichte nach „The Spellcoats“ und „Drowned Ammet“ gelesen werden. Zusätzlich kann ich noch mitteilen, dass bei meiner britischen Ausgabe von Harper Collins von den insgesamt 336 Seiten die letzten 80 Seiten aus „A Guide to Dalemark“ bestehen, wo noch einmal die verschiedenen (historischen) Figuren vorgestellt, Redewendungen aufgegriffen und bestimmte Gebräuche vorgestellt werden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des elfjährigen Moril, der gemeinsam mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern als Spielleute in einem bunt bemaltem Wagen durch Dalemark zieht. Sein Vater ist der berühmte Sänger Clennen, doch auch Morils Mutter, sein älterer Bruder Dagner, seine Schwester Brit und natürlich er selbst müssen ihren Anteil zu den regelmäßigen Aufführungen beitragen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei ist es nicht so einfach, in Dalemark sein Auskommen zu finden, denn das Land ist seit langer Zeit gespalten, es gibt keinen König mehr und die Herzöge des Nordens sind mit den Herzögen des Südens verfeindet. Für Moril bedeutet das Reisen durch den Süden, dass nicht alle Lieder gesungen werden dürfen, dass sich alle ständig umdrehen und schauen, dass sie nicht bespitzelt werden, und dass man aufpassen muss, dass man nichts sagt, was der jeweilige Herzog als aufrührerischen Akt auslegen könnte. Der Norden hingegen ist frei und bietet so viele Möglichkeiten auch für die Spielleute, dass Moril froh ist, dass die jährliche Reise nach Norden wieder ansteht.

Einziger Wermutstropfe bei der Reise nach Norden ist die Tatsache, dass Clennen auch in diesem Jahr wieder einen Passagier aufgenommen hat. Weder Brid noch Moril können Kialan besonders gut leiden. Der junge Mann scheint eingebildet zu sein und wenig hilfsbereit, wenn es um die täglichen Pflichten auf der Reise geht. Als die Geschwister im Laufe der Zeit dann aber auf sich allein gestellt sind, finden sie heraus, dass mehr hinter Kialan steckt, als sie anfangs vermutet haben. Mehr will ich über die Geschichte gar nicht erzählen, weil sie meiner Meinung nach – trotz der Bedrohung durch die Herzöge des Südens und die am Ende vorkommende Armee – von all den kleinen Entwicklungen lebt, die während der Reise geschehen. Ich mochte schon immer Morils leicht verträumte Perspektive, und daran hat sich in all den Jahren, seitdem ich die Geschichte das letzte Mal gelesen habe, nichts geändert. Außerdem finde ich es spannend, wie Diana Wynne Jones die Atmosphäre in den südlichen Herzogtümern von Dalemark beschreibt und wie die Angst vor der Willkür der Herzöge das Leben der Menschen beeinflusst. Es ist kein Wunder, dass in einer solchen Welt voller Unterdrückung Figuren wie der „Porter“ auftauchen – ein Spion, der Informationen und Menschen nach Norden schmuggelt und eine große Rolle im Widerstand gegen den Süden spielt.

Die Handlung wird in dieser Geschichte wieder einmal sehr geradlinig erzählt, da man Moril auf dieser Reise von Süden nach Norden begleitet und es nicht viele Umwege oder Abstecher gibt. Aber Moril reift im Laufe der Reise, und ihm fallen viele kleine Dinge auf, die er früher einfach nur hingenommen hat. Die Familiendynamik ändert sich durch einen tragischen Moment entscheidend, und ich fand es spannend mitzuerleben, wie jeder von ihnen nun eine neue Rolle finden muss. Dabei gelingt es der Autorin, auch radikalere Veränderungen nicht zu verurteilen, sondern im Leser – durch Morils Augen – Verständnis für die Handlungen der jeweiligen Figur entstehen zu lassen. Dazu kommt noch, dass die Musik eine große Rolle in der Geschichte spielt – was ja nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Spielleute im Zentrum der Handlung stehen. Moril bewundert seinen Vater sehr für sein Können mit der Cwidder und als Sänger, und er findet es faszinierend, dass sein Bruder Dagner so gut darin ist, eigene Lieder zu schreiben, und trotzdem solche Probleme damit hat, auf der Bühne zu stehen und seine Lieder zu präsentieren. Ich mochte es sehr, wie Moril im Laufe der Geschichte immer mehr über sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten herausfindet, und das nicht nur, wenn es um die Musik geht. Auch nach all den Jahren fand ich das Lesen von „Cart and Cwidder“ immer noch durch und durch befriedigend, und ich freue mich darauf, dass ich noch drei weitere Bände zu lesen habe, die in Dalemark spielen (und die ich zum Teil noch nicht kenne).

Diana Wynne Jones: Earwig and the Witch

Auch wenn es für euch vermutlich langsam langweilig wird, so habe ich gerade ein großes Bedürfnis nach Diana-Wynne-Jones-Bücher und vergleichbaren Geschichten. „Earwig and the Witch“ ist von der Autorin eindeutig für sehr junge Leser geschrieben worden und dementsprechend geradlinig verläuft die Handlung auch. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Earwig, die sich – im Gegensatz zu den anderen Kindern in St Morwald’s Home for Children – nicht danach sehnt, adoptiert zu werden. Earwig lebt, seitdem sie ein Baby war, in dem Kinderheim, und da dort alle ihre Wünsche erfüllt werden, ist sie dort auch sehr glücklich. Eine Erklärung dafür, dass Earwigs Leben im Kinderheim für sie so befriedigend ist, könnte in der Nachricht zu finden sein, die bei ihr lag, als sie vor der Tür des Heims ausgesetzt wurde:

„Got the other twelve Witches all chasing me. I’ll be back for her when I shook them off. May take years. Her name is Earwig.“

Trotz ihrer besonderen Fähigkeiten kann Earwig nicht verhindern, dass sie eines Tages von einem sehr dubiosem Paar aus dem Kinderheim abgeholt wird. Da ihre üblichen Überredungskünste bei ihrer neuen Pflegemutter Bella Yaga nichts bewirken, muss Earwig einen Weg finden, um sich mit ihren neuen Lebensumständen abzufinden.

Die Geschichte rund um Earwig ist wirklich sehr kurz, so dass ich keine halbe Stunde zum Lesen dieses Buchs gebraucht habe. Aber diese kleine Pause mit „Earwig and the Witch“ habe ich sehr genossen, weil die Protagonistin mit viel Glück, etwas Hilfe von unerwarteter Seite und einer großen Portion Unerschrockenheit das Beste aus ihrer Situation macht. Für mich persönlich wäre es natürlich schöner gewesen, wenn die Geschichte und die Figuren etwas mehr Tiefe gehabt hätten, auf der anderen Seite mag ich es auch, wenn kleine Bemerkungen in solchen Büchern meine Fantasie anheizen.

Beim Lesen habe ich mir deshalb fast mehr Gedanken um die kleine Notiz gemacht, die ich oben zitiert habe, als um Earwigs Schicksal – vor allem, da von Anfang an klar war, dass ein so gewitzes Mädchen am Ende doch wieder auf die Füße fallen wird. Ich bin definitiv nicht die richtige Zielgruppe für eine Geschichte, die eindeutig zum Vorlesen für jüngere Kinder geschrieben wurde, aber ich habe mich trotzdem – wie eigentlich bei allen Diana-Wynne-Jones-Büchern – gut unterhalten gefühlt und es hat mir Spaß gemacht, mir vorzustellen, was es eigentlich mit den dreizehn Hexen auf sich hat und ob Bella Yaga vielleicht sogar dazugehört.

Diana Wynne Jones: The Game

Bei „The Game“ von Diana Wynne Jones bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich das Buch vorher schon mal gelesen hatte oder nicht. Es weckt auf jeden Fall starke Erinnerungen an andere britische Kinderbuchklassiker (die ich als Kind gelesen habe) in mir, und gerade gegen Ende gab es ein paar Szenen, die mir sehr vertraut vorkamen. Wenn ich es jemals gelesen habe, dann war es auf jeden Fall eine deutsche Ausgabe und ist schon sehr, sehr lange her. In „The Game“ erzählt Diana Wynne Jones die Geschichte der jungen Hayley, die bei ihren Großeltern aufwächst, bis sie – aus ihr unbekannten Gründen – bei ihrer Großmutter in Ungnade fällt und innerhalb weniger Stunden zur Verwandtschaft nach Irland geschickt wird. Von Anfang an wird deutlich, dass Hayley bei ihren Großeltern nicht gerade ein glückliches Leben hatte, da ihre Großmutter sehr strikte Vorstellungen davon hatte, wie Hayley sich zu benehmen hat und mit wem sie Kontakt haben darf. Das führte dazu, dass Hayley nicht nur daheim von der Großmutter unterrichtet wurde, sondern auch dazu, dass ihr einziger sozialer Umgang in den Großeltern, den ständig wechselnden Dienstmädchen und den seltenen Besuchen ihres Onkels Jolyon bestand.

Umso überwältigter ist Hayley, als sie entdeckt, dass sie in Irland Unmengen an Verwandtschaft hat, die sie vorher noch nicht kannte. Ihre diversen Tanten nehmen sie herzlich in Empfang, und auch all die Cousins und Cousinen sind zum Großteil sehr nett zu ihr und bringen ihr unter anderem die Regeln ihres ganz privaten, besonderen Spiels bei. Dieses Spiel führt Hayley in die Mythosphäre, von der ihr Großvater ihr schon erzählt hat und deren verschiedene Stränge durch all die vielen unterschiedlichen Geschichten und Legenden auf der Welt entstehen. Hayley und die anderen sind sich dabei durchaus bewusst, dass die Mythosphäre für sie verboten ist, aber die Abenteuer, die es dort zu erleben gibt, sind zu verlockend, um diesem Verbot zu folgen. Die Mythosphäre bietet dabei wunderschöne, aber auch sehr grausame Elemente, und vermutlich ist es gerade der Kitzel, der durch das Bewusstsein entsteht, wie gefährlich diese Ausflüge sind, der das Spiel so verlockend für Hayley und ihre Verwandtschaft macht. Erst im Laufe der Zeit erfährt Hayley, dass ihre Großeltern ihr in der Vergangenheit nicht nur den Zugang zur Mythosphäre, sondern auch noch viele andere Geheimnisse vorenthalten haben.

Ich mochte Hayley, ihre Familie und die diversen anderen Charaktere ebenso sehr, wie die Szenen, die in der Mythosphäre spielen. Als Leser muss man bei „The Game“ erst einmal einige Dinge hinnehmen und auch am Ende der Geschichte damit leben, dass Diana Wynne Jones nicht für jeden Vorfall und jede Figur eine Erklärung bietet. Ich habe einige Rezensionen gesehen, die dies als Kritikpunkt hervorgehoben haben und den Mangel an „Weltenbau“ beklagten, aber für mich ist das einfach ein stimmiges Mittel für diese Art von Geschichten. Zum einen bietet die Handlung so Raum für die Fantasie des Lesers, und zum anderen müssen viele Dinge nicht erklärt werden, wenn man sich mit klassischen (griechischen) Sagen auskennt. Dabei kann man „The Game“ meiner Meinung nach auch genießen, wenn man nicht all die Verweise und Anspielungen auf die griechische Götter- und Sagenwelt zuordnen kann. Außerdem gibt es zumindest in meiner Ausgabe des Buches (ISBN 9780007267132) Anhänge, die mehr über die verschiedenen Sagengestalten, über Planeten, Sternzeichen und ähnliches erzählen, um das notwendige Hintergrundwissen nachschlagen zu können, wenn man das möchte.

Grundsätzlich mag ich diese Anspielungen auf die klassische Sagenwelt und den recht respektlosen Umgang mit den diversen Göttern und ihren Geschichten. Ich glaube nicht, dass ich etwas Vergleichbares jemals in deutschen Kinderbüchern gefunden habe, während ich wirklich viele britische Kinderbücher kenne, bei denen ganz selbstverständlich und ohne jede weitere Erklärung Götter, Jahreszeiten, Planeten usw. in die Handlung eingeflochten wurde, um der Geschichte so einen fantastischen Touch zu verleihen. Wer also ebenfalls solche Elemente mag und keine detaillierten Erklärungen rund um die beschriebene fantastische Welt benötigt, der wird mit „The Game“ vermutlich viel Spaß haben. Ich persönlich mochte Hayley und den Großteil ihrer Familie ebenso wie das russische Kindermädchen, die Straßenmusiker und all die amüsanten und seltsamen Begebenheiten, die sie mit ihnen erlebte.

Diana Wynne Jones: The Time of the Ghost

Nachdem ich vor ein paar Tagen mit „Eight Days of Luke“ so viel Spaß hatte, dachte ich, dass es an der Zeit wäre, eine ganz andere Art von Roman von Diana Wynne Jones auszuprobieren. „The Time of the Ghost“ ist eine ziemlich unheimliche Geschichte, wenn man sie mit anderen Veröffentlichungen der Autorin vergleicht. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des Geists eines Mädchens, der sich eines Tages auf einer Straße wiederfindet und nicht weiß, wie er dort hingekommen ist. So nach und nach erinnert sich dieser Geist daran, dass er eine von vier Schwestern ist, dass er in einer Schule lebt, die von seinem Vater geleitet wird, und dass irgendwas vollkommen verkehrt gelaufen ist. Doch was genau passiert ist, weiß dieser Geist nicht und macht sich deshalb daran, mehr über die Familie, die Schwestern und seine Lebensumstände herauszufinden. (Findet ihr es auch so verwirrend, dass Geister grammatisch immer männlich sind, obwohl dieser Geist ein Mädchen ist?)

Diana Wynne Jones nimmt sich viel Zeit, um den Geist und die Schwestern Charlotte (Cart), Selina (Sally), Imogen und Fenella Melford und ihre Lebenssituation vorzustellen. Dabei wird schnell deutlich, dass die vier Schwestern von ihren Eltern in jeder Hinsicht vernachlässigt werden und auf sich allein gestellt sind, was zu viel Reibung zwischen den vier Mädchen führt. Laut eigener Aussage hatte die Autorin bei der Darstellung der Lebensumstände der Schwestern auf ihre eigenen Kindheitserfahrungen zurückgegriffen, nur dass sie diese deutlich gemildert dargestellt hat, weil sie davon ausging, dass die von ihr beschriebene Familie den Lesern sonst zu unglaubwürdig vorkäme.

Auch ohne den Gedanken im Hinterkopf, dass die Situation der Melford-Schwestern auf Diana Wynne Jones‘ eigene Erlebnisse zurückgeht, sind diese Passagen nur schwer zu lesen. Auf der einen Seite ist es natürlich lustig zu sehen, was die Schwestern mit all ihrer Freiheit anstellen – hier und da gab es sogar Momente, die bei mir ein Pippi-Langstrumpf-Gefühl hervorriefen. Auf der anderen Seite lässt sich nicht übersehen, wie verzweifelt die vier Mädchen versuchen, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu wecken, und wie ungesund dieses Leben (in physischer und psychischer Hinsicht) für die Schwestern ist. Dazu kommt noch die Existenz des Geistes, die eindeutig auf ein fürchterliches Ereignis hindeutet, auch wenn man als Leser in der ersten Hälfte der Geschichte absolut keine Vorstellung davon hat, was passiert sein könnte.

Gerade diese Ungewissheit lässt einen den Roman gespannt und voller Aufmerksamkeit lesen, weil man sich immer wieder fragt, welche der Figuren für den Zustand des Geistes verantwortlich sein könnte und welche der auf den ersten Blick relativ harmlos wirkenden Situationen zum Tod einer der vier Schwestern geführt haben könnte (oder führen wird). Denn auch wenn alle vier Schwestern zu Beginn der Geschichte vorkommen, so ist sich der Geist sicher, dass er eine von ihnen ist, und es gibt für den Leser keinen Grund, an dieser Gewissheit zu zweifeln. Trotz all der düsteren Elemente in „The Time of the Ghost“ gibt es natürlich auch so einige amüsante Szenen, wenn es um die Interaktion der vier Schwestern mit anderen Personen geht oder um ihre Bemühungen, mit dem Geist zu kommunizieren – ganz ohne Humor kommen Diana-Wynne-Jones-Romane einfach nicht aus..

Am Ende ist es der Zusammenhalt der vier Schwestern, der trotz aller Rivalität, Eifersucht und Einmischungen einer unheimlichen Macht dazu führt, dass man den Roman nach einem spannenden Ende (inklusive einem Blick in die Zukunft) mit einem hoffnungsvollen Gefühl aus den Händen legt. „The Time of the Ghost“ ist bislang wohl der Titel von Diana Wynne Jones, den ich am wenigsten als „Wohlfühlbuch“ bezeichnen würde, aber ich habe die unheimliche Atmosphäre der Geschichte sehr genossen, fand die Grundidee faszinierend und war so gespannt auf die Auflösung des Ganzen, dass ich den Roman nicht aus der Hand legen wollte.

Diana Wynne Jones: Eight Days of Luke

„Eight Days of Luke“ gehört zu den Büchern von Diana Wynne Jones, die ich noch nie zuvor gelesen hatte. Da es aber ein schmaler Band ist und mir in den letzten Tagen nach klassischer britischer Fantasykost war, schien die Geschichte genau die richtige Wahl für einen entspannten Urlaubstag zu sein. Die Handlung wird aus der Sicht von David erzählt, dessen Sommerferien zu Beginn des Romans gerade erst begonnen haben. Doch im Gegensatz zu seinen Mitschülern freut sich David nicht besonders auf die kommenden Wochen, da die Verwandten, bei denen er seit dem Tod seiner Eltern die Ferienzeit verbringt, nicht gerade begeistert von seiner Anwesenheit sind. Doch in diesen Sommerferien läuft es nicht wie gewohnt, und statt wochenlang Matheunterricht im Feriencamp von Mr. Scrum zu bekommen, löst David einige ungewöhnliche Ereignisse aus, als er seinen neuen Freund Luke kennenlernt.

Ich muss gestehen, dass ich eine Schwäche für diese Art von fantastischen Geschichten (für Kinder) habe. Diana Wynne Jones hat auch für „Eight Days of Luke“ wieder einen Protagonisten gewählt, dessen Ausgangssituation nicht gerade optimal ist, der aber versucht, das Beste aus einer Lage zu machen und sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Als nun Luke in Davids Leben tritt, passieren lauter Dinge, die sein gewohntes Leben auf den Kopf stellen, die ihn in Gefahr bringen oder in denen er Aufgaben übernehmen muss, die ihm vorher nie in den Sinn gekommen sind. Dabei erklärt die Autorin keine Hintergründe, sondern man muss als Leser die verschiedenen Situationen hinnehmen oder sich seine eigenen Gedanken zu den Charakteren machen – was mich in diesem Fall an einigen Stellen fast ein bisschen überfordert hat, weil mein Wissen über nordische Götter nicht so leicht abrufbar ist, wie ich es gern gehabt hätte. 😉

Davids Erlebnisse mit Luke haben mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht, ebenso die Einmischung der diversen Götter in Davids Leben. Auch wenn ich so manche „Lektion“, die David aus den verschiedenen Ereignissen mitgenommen hat, etwas sehr offensichtlich fand, hat mich das beim Lesen nicht gestört, weil Diana Wynne Jones die Geschichte so liebevoll und kurzweilig erzählt hat. Ich habe „Eight Days of Luke“ allerdings als altmodischer empfunden als einige andere Romane der Autorin und würde die Geschichte deshalb nicht zu ihren besten Werken zählen. Aber wer amüsante britische Fantasybücher für Kinder mag und sich nicht an der etwas belehrenden und episodenhaften Erzählweise stört, wird mit dem Buch gewiss einige unterhaltsame Lesestunden verbringen können (und zwischendurch vielleicht sogar dazu animiert, sein Wissen über nordische Götter aufzufrischen, um die verschiedenen Figuren zuordnen zu können).