Elizabeth Bear: Karen Memory (Karen Memory 1)

Erst bin ich lange Zeit um „Karen Memory“ von Elizabeth Bear rumgeschlichen, weil ich mir nicht sicher war, ob die Geschichte was für mich ist, dann lag der Roman noch einige Monate auf dem Sub, während ich auf die richtige Stimmung wartete. Als ich aber endlich mit „Karen Memory“ anfing, mochte ich den Anfang der Geschichte genauso gern wie beim Lesen von „Madam Damnable’s Sewing Circle“ im vergangenen Frühjahr und habe – weil ich das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnte – mal eben die ersten 90 Seiten am Stück verschlungen. Die Ereignisse werden von Karen Memory erzählt, die als „Schneiderin“ im Hôtel Mon Cherie in Rapid City (das zum Teil an das historische Seattle erinnert) arbeitet. Das Etablissement wird von Madame Damnable geleitet, die den Mädchen für gerade mal 60 Prozent ihrer Einnahmen Kost, Logis und Schutz zur Verfügung stellt.

Karen hat sich bewusst für dieses Leben entschieden, nachdem ihr Vater bei einem Unfall umgekommen war und sie einen Weg finden musste, um zu überleben. Viele Alternativen bietet das Leben in dieser letzten Station vor den Goldgräber-Feldern in Alaska nicht, schon gar nicht zu einer Zeit, die dem Ende unseres 19. Jahrhunderts entspricht und in der ein Menschenleben nicht viel wert zu sein scheint. Aus Karens Perspektive gewinnt man den Eindruck, dass es in Rapid City nur wenige ehrliche Menschen gibt. Sie selbst hat großes Glück gehabt, dass sie bei Madame Damnable gelandet ist, andere Prostituierte arbeiten unter weitaus schlimmeren Bedingungen, und dass in einigen Häusern am Hafen versklavte (ausländische) Frauen angeboten werden, ist zumindest innerhalb des Gewerbes eine bekannte Tatsache.

Als eines Nachts Priya, die dank der Aktivistin Merry Lee aus einem dieser Häuser am Hafen fliehen konnte, vor der Tür des Hôtel Mon Cherie landet, stellen sich Karen und ihre Kolleginnen gegen die Verfolger der beiden Frauen und lösen damit einen Zermürbungskrieg gegen ihr Etablissement aus. Doch nicht nur von Priyas ehemaligem „Besitzer“ Peter Bantle droht Gefahr, sondern auch von einem Serienmörder, der seit einiger Zeit sein Unwesen in Rapid City treibt und es auf Prostituierte abgesehen hat. Vor allem fallen ihm Frauen zum Opfer, die allein in den Straßen arbeiten, doch da er ihre Leichen gezielt vor den Türen der Bordelle der Stadt platziert, fühlt sich niemand, der diesem Gewerbe nachgeht, noch sicher. Nach und nach findet Karen gemeinsam mit Marshal Bass Reeves und seinem indianischen Begleiter Tomoatooah mehr über die Identität des Mörders und die Machenschaften von Peter Bantle heraus.

Es gibt so vieles, was ich an diesem Roman wirklich mochte. Mir gefiel es, die Geschichte aus Karens Perspektive zu verfolgen, weil die junge Frau auf der einen Seite dank ihres Jobs schon erschreckend viel vom Leben gesehen hat, auf der anderen Seite aber ständig neue Erfahrungen macht und dabei viel über sich und über die Situation, in der andere Menschen sich befinden, lernt. Ich mochte das Western-Steampunk-Setting der Geschichte und fand es sehr passend, dass der Schauplatz der Handlung so sehr an Seattle rund um 1900 erinnert, als die Straßen der Stadt aufgeschüttet wurden, um zukünftige Überflutungen zu verhindern, und die Menschen zum Teil zehn Meter Differenz zwischen der Straße und dem Erdgeschoss ihres Hauses überwinden mussten. Ich mochte auch, dass sich die Handlung langsam und realistisch entwickelte. Egal, wie angesehen ein Bordelle sein mag, allen Beteiligten ist bewusst, dass sie keinen Einfluss und kein Ansehen in der Stadt haben und deshalb unter schwierigen Bedingungen vorsichtig agieren müssen.

Erst, als es zu einem dramatischen Vorfall kommt und weder Madame Damnable noch ihre „Mädchen“ viel zu verlieren haben, kann Karen einen Teil ihrer Kolleginnen davon überzeugen, dass es eine Chance gibt, Peter Bantles Pläne zu stören und den Serienmörder zu stoppen. Hier spielt dann auch der Steampunk-Anteil des Romans eine entscheidende Rolle, weil Karen und ihre Mitstreiter einen Weg finden müssen, um gegen eine Übermacht von Männern anzukommen. Ich habe es wirklich genossen, Karens Perspektive durch all die Ereignisse zu folgen, ich habe die verschiedenen Personen, die zum Hôtel Mon Cherie gehören, ebenso ins Herz geschlossen wie Marshal Bass Reeves und Tomoatooah, und ich würde wirklich gern wissen, wie das Leben nach all diesen dramatischen Vorfällen für Karen und ihre Freunde weitergeht – nur gut, dass die Fortsetzung „Stone Mad“ schon erschienen ist.

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