Lesezeit (1) – Das Elfenbeintor

In letzter Zeit denke ich ständig beim Blick ins Regal, dass ich dieses oder jenes Buch gern mal wieder lesen würde, greife dann aber doch erst einmal zu einem anderen Roman. Um mir in Zukunft regelmäßig Zeit für ältere Titel zu nehmen, die ich seit (mindestens) zehn Jahren nicht mehr gelesen habe, gibt es also in den nächsten Wochen die „Lesezeit“-Beiträge auf dem Blog. Ich fand es so nett, als ich mit Sayuri zusammen die Deborah-Crombie-Romane gelesen und dabei immer wieder meine Gedanken festgehalten habe, dass ich das gern auch für andere ältere Bücher machen mag. Gerade bei Geschichten, die ich früher häufiger gelesen habe, wird es spannend zu sehen, ob sie mir immer noch so gut gefallen oder ob ich mit einigen Jahren Abstand eine ganz andere Sicht auf die Handlung und die Charaktere haben werde.

Heute geht es los mit „Das Elfenbeintor“, dem ersten Band des Ivory-Zyklus (genauer gesagt Trilogie) von Doris Egan. Ich habe schon vor einiger Zeit zu der Autorin recherchiert und dabei festgestellt, dass sie nach dieser Trilogie nur noch ein weiteres Buch veröffentlicht – und danach wohl die Finger von den Romanen gelassen hatte. Stattdessen hat sie Karriere als Autorin und Produzentin von TV-Serien gemacht und überraschend viele Serien an denen sie mitgewirkt hat, habe ich sogar gesehen, was ich lustig finde. „The Gate of Ivory“, wie „Das Elfenbeintor“ im Original heißt, wurde 1989 bei DAW Books veröffentlicht, 1994 kam dann die deutsche Ausgabe bei Heyne heraus – das war auch das Jahr, in dem ich die Geschichte zum ersten Mal gelesen habe.

Links ein Buch mit altmodischem SF-Cover und dem Titel "Das Elfenbeintor", rechts kann man eine große Tasse mit Milchkaffee erahnen und dazwischen steht eine kleine Schale mit vier Schokowaffeln.

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Sehr weit bin ich in den 45 Minuten, die ich mir heute Nachmittag zum Lesen freigehalten habe, nicht gekommen, aber ich habe die ersten drei Kapitel von „Das Elfenbeintor“ geschafft. Es ist seltsam die Geschichte ungefähr 15 Jahre, nachdem ich das Buch das letzte Mal gelesen habe, wieder neu zu entdecken. Es gibt so viele Elemente, an die ich mich erinnern kann, und trotzdem fühlt es sich fast so an, als ob ich den Roman noch nicht kennen würde. Ich mag diese Mischung aus Vertrautheit und Neuentdecken beim Lesen eines älteren Buches. 🙂 An die Ausgangssituation und den Hintergrund der Protagonistin Theodora konnte ich mich noch gut erinnern. Sie ist auf dem Planeten Pyrene aufgewachsen, auf dem das Leben sehr organisiert ist und wo Kinder nicht von ihren Familien, sondern in Erziehungsstätten aufgezogen werden. Mit zwölf Jahren bekam sie ein Stipendium für ein Studium auf Athena, was Theodora als willkommende Gelegenheit sah, um all ihre Verbindungen zu Pyrene vollständig zu kappen. Zwei Jahre vor Beginn der Geschichte strandete sie (während einer Reise, die sie mit anderen Studenten unternahm,) auf dem Planeten Ivory. Seitdem versucht Theodora irgendwie genügend Geld zu verdienen, um ein Rückflugticket nach Athena zu bezahlen, doch ohne Geld, Ausweis oder gar die passenden Verbindungen stehen ihr nur begrenzte Möglichkeiten zur Verfügung. Weshalb das Arbeitsangebot des Zauberers Ran Cormallon wie ein Geschenk des Himmels wirkt, bis Theodora miterleben muss, wie ein – vermutlich durch einen Zauber verursachtes – Feuer ihr Herbergszimmer (und noch schlimmer ihr Erspartes vernichtet).

Das ist ungefähr der Punkt, an dem ich gerade in der Handlung bin, und ich mag Theodora mit ihrer Mischung aus Pragmatismus und Unsicherheit gegenüber den Gepflogenheiten von Ivory, während ich Ran schwierig finde. Er ist nicht unsympathisch, aber er ist nicht nur ein Zauberer, sondern gehört auch zu den (einfluss-)reichsten Familien des Planeten, obwohl er kein Adeliger ist. Und er ist natürlich von den gesellschaftlichen Regeln Ivorys geprägt und das bedeutet, dass er skrupellos mordet, dass Rache für ihn eine selbstverständliche Handlung ist und das einzig relevante Element beim beiden ist, dass es „kunstvoll“ ausgeführt wird. Ivory selber ist eine seltsame Mischung aus (importierten) Technologien, (für die Reichen alltäglicher) Magie und einer asiatisch anmutenden historischen Gesellschaft. Wobei Doris Egan darauf verzichtet hat, sich an einem bestimmten Land zu orientieren, was dazu führt, dass die Atmosphäre vage an „historisch und asiatisch“ erinnert, ohne dass ich beim Lesen die ganze Zeit ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Epoche im Hinterkopf habe. Bislang finde ich es auf jeden Fall nett die Geschichte wiederzuentdecken. Lustigerweise frage ich mich die ganze Zeit, ob eine bestimmte Szene mit einem … Heilkundigen eigentlich in diesem Band oder erst in einem der nächsten beiden Teile vorkommen wird. Ich werde nicht vorblättern, um das rauszufinden, aber diese Frage lenkt mich doch ein bisschen ab. *g*

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Mittwoch (18.08.) – Kapitel 4 bis 6

In den letzten Tagen habe ich mir keine Zeit für „Das Elfenbeintor“ genommen – was okay ist, denn bei diesem Reread habe ich nicht das Bedürfnis schnell die Handlung zu erleben, sondern hänge lieber mit meinen Gedanken bei den kleinen Elementen der Geschichte. So habe ich mich gefragt, ob die Autorin sich eigentlich mehr Hintergründe zum Leben auf Pyrene gemacht hatte, als die wenigen Details, die die Protagonistin mit dem Leser teilt. Es gibt so viele verschiedene Romane, in denen Gesellschaften vorkommen, in denen die Kinder nicht von den Eltern aufgezogen werden, aber normalerweise gibt es zumindest eine Andeutung für den Leser, die erklärt wie es überhaupt zu diesen Kindern kommt. Weshalb ich mich also gefragt habe, ob es überhaupt so etwas wie „Ehe“ auf Pyrene gibt, ob Kinder von Menschen ausgetragen oder in künstlicher Umgebung gezeugt werden und heranwachsen. Es frustriert mich ein bisschen, dass Doris Egan mich mit so vielen Fragen zurücklässt, vielleicht, weil ich vermute, dass die Autorin sich dazu keine Gedanken gemacht hatte, sondern einfach nur eine grobe Erklärung dafür haben wollte, dass Theodora so wenig Ahnung vom Leben auf Ivory und stattdessen einen anderen Bildungshintergrund als die Einheimischen hat.

Oh, und ich musste immer wieder daran denken, dass Theodora überhaupt nur den Job als Kartenleserin von Ran bekommen hat, weil Ran als Zehnjähriger seine Großmutter verärgert hatte, indem er behauptete, er würde niemals heiraten. Da sie der Ansicht war, dass selbst ein Zehnjähriger seine Pflicht gegenüber der Familie kennen sollte, hat sie dafür gesorgt, dass er für den Rest seines Lebens von einer Frau abhängig sein wird, um seine Magie zu wirken. Ich mag diese kleine Geschichte, weil sie – wie ich finde – amüsant ist, sehr viel über Rans Charakter und über die Gesellschaft, in der er lebt, aussagt.

Es ist schon lustig, welche Elemente mich beim Lesen stören. Ich kann mit dieser seltsamen Mischung aus (importierter) Technik, altmodischen Gebräuchen und Magie leben, aber ich ärgere mich darüber, dass Theodora beim ersten Aufeinandertreffen mit einem Pferd vollkommen verwirrt ist, weil sie es sich ganz anders vorgestellt hatte. Erst einmal frage ich mich wie es sein kann, dass all die Bücher, die sie während des Studiums gelesen hat, unbebildert waren, und dann wie es sein kann, dass sie so viele Geschichten mit Pferden gelesen hat, aber in keiner dieser Geschichten Beschreibungen der Tiere vorkamen … *grummel*

Alles in allem beinhalteten die heutigen drei Kapitel vor allem Vorstellung von Rans Familie, eine etwas quengelige Protagonistin, eine Entführung und eine Runde mit unpersönlichem Sex, um dann mit einem Brandanschlag zu enden. Alles ganz unterhaltsam, wenn ich nicht zu kritisch lese, aber so langsam wird es Zeit, dass sich in der Handlung was bewegt. 😉

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Mittwoch (25.08.) – Kapitel 7 bis 9

Wenn es so weitergeht, dass ich gerade mal drei Kapitel pro Woche lese, habe ich noch ein bisschen Zeit mit diesem Buch vor mir. *g* Aber das ist okay, ich teile meine Aufmerksamkeit gerade eh lieber auf mehrere Bücher auf.

Das siebte Kapitel beginnt mit einer Szene, die ich sehr mag. Theodora wacht nach dem Brandanschlag auf und fühlt sich überraschend gut. Als sie mit Ran und seiner Schwester Kylla redet, erfährt sie, dass zwei Personen sie behandelt haben. Ein Heiler aus den Bergen von Ivory, der meinte, sie bekäme nicht genügend Bewegung und „lebe nicht genug in ihrem Leib“, und einen Arzt aus Tellys (ein wissenschaftlich-technischer Planet), der meinte, sie hätte eine Gehirnerschütterung und Verbrennungen zweiten Grades. Als der Arzt ging hatte sie immer noch eine Gehirnerschütterung und Verbrennungen, als der Heiler ging waren ihre Verletzungen geheilt … Ran ist dabei ziemlich genervt davon, dass die Heiler in den Bergen anscheinend über eine Magie verfügen, von der er noch nie gehört hat. Außerdem gab es in einem Gespräch zwischen Theodora und Rans Bruder Eln Informationen zu eventuellen Hintergründen zur Magie auf Ivory – die vielleicht durch wissenschaftliche Experimente und Genmanipulationen an von Außerirdischen „mitgenommenen“ Menschen verursacht wurde. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass dieser Teil irgendeine Rolle in der Geschichte spielt (was vermutlich daran liegt, dass ich das komplett vergessen hatte), aber für die Protagonistin ist das der Anlass sich darüber Gedanken zu machen, ob sie und die Menschen von Ivory überhaupt noch der selben Spezies angehören … Äh … ich nehme das mal so hin, finde es aber überraschend wenig überzeugend. 😉

Es ist schon faszinierend, dass ich die Geschichte momentan mit einer Mischung aus „angenehmer Vertrautheit“ und „skeptischen Blick auf nicht so fundierte Elemente der Handlung“ lesen kann, ohne dass ich mich über Letzteres ärgere. Es zeigt mir eher, wie sehr sich mein Lesen in den vergangenen zwanzig Jahren verändert hat. Was ich aber weiterhin genießen kann, sind die kleinen zwischenmenschlichen und häufig amüsanten Momente. Manchmal ist es nur eine flüchtige Beobachtung, die Theodora macht, aber andere unterhaltsame Momente entstehen aus ihrer Unkenntnis der Gesellschaft, weil sie nicht genug Informationen hat oder weil die Einheimischen andere Erwartungen an sie setzen als an ihre Nachbarn. Diese Szenen mag ich wirklich sehr! Außerdem zieht die Handlung endlich an und Theodora und Ran sind auf sich allein gestellt im Hinterland unterwegs. Theodora hat gerade einen Job gefunden, mit dem sie in den kommenden Wochen vielleicht für sich und Ran sorgen kann, wenn sie ihre Tätigkeit denn überlebt … *g*

Mittwoch (01.09.) Kapitel 10 bis 14

Oh, das zehnte Kapite beginnt mit der Begegnung zwischen Theodora und dem „Masseur“ (genauer gesagt Heiler), an den ich mich noch so gut erinnern konnte. Wenn ich an die Ivory-Bücher denke, dann ist das immer der Teil der Handlung, an den ich mich als erstes erinnere, und die Atmosphäre, die ich gesucht habe, als ich das Buch nach so vielen Jahren wieder aus dem Regal zog. Naja, das und die Tatsache, dass ich herausfinden wollte, ob ich die Romane weiterhin so sehr mag, dass sie Platz in der Wohnung einnehmen dürfen. 😉 An den Alten Mann von der Insel Kato konnte ich mich auch nicht mehr erinnern, dabei ist er so ein wunderbarer Charakter! Auf jeden Fall finde ich es faszinierend, dass so ein kleiner Teil der Handlung so einen langanhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen hat und in meiner Erinnerung für die gesamte Trilogie steht.

Es gibt eigentlich relativ wenig Szenen in dem Roman, die einem als Leser einen Einblick in das Denken anderer Figuren als Theodora bieten. Aber ich mag die Momenten, in denen Theodora auf „problematische“ oder „feindliche“ Personen trifft und in denen sie sich gemeinsam mit ihrem Gegenüber eine Auszeit von all den schwierigen Themen gönnt und stattdessen einfach zusammen schweigen oder sich gegenseitig Geschichten erzählen. Wenn ich ehrlich bin, dann reicht die (bisherige) Handlung in „Das Elfenbeintor“ eigentlich nicht für einen Roman, aber all diese kleinen zwischenmenschlichen Momente sorgen dafür, dass ich die Geschichte trotzdem mag und es nett finde, dass ich das Buch in diesen kleinen Nachmittagsportionen wiederentdecken kann.

Mittwoch (08.09.) Kapitel 15 bis Ende

Ich mag es sehr, wie schlüssig Theodoras Entwicklung bis zum Ende des Romans von Doris Egan dargestellt wird. Wie Theodora Tag für Tag versucht Kompromisse zu finden zwischen den Ansichten und Lebensweisen, mit denen sie aufgewachsen ist bzw. die sie auf Athena gelernt hat, und denen, die auf Ivory üblich sind. Und am Schluss steht sie da und findet heraus, wie sehr all diese Kompromisse sie selbst verändert haben. Dass sie – egal, wie sehr Theodora versucht hat sich dies einzureden – nicht mehr dieselbe Wissenschaftlerin ist, die vor Jahren auf einem für sie barbarisch wirkenden Planeten strandete. Inzwischen ist sie selbst deutlich „barbarischer“ geworden, als sie es sich je hätte vorstellen können, und das führt dazu, dass Theodora am Ende nicht so recht weiß, wohin sie gehört. Was sich irgendwie bitter, aber nicht entmutigend anfühlt. Oh, und obwohl es kein glückliches Ende gibt, gelingt es der Autorin, dass ich mit einem Schmunzeln das Buch aus der Hand lege – was mit ein Grund dafür ist, dass ich die Reihe in all den Jahren in so guter Erinnerung behalten habe. „Das Elfenbeintor“ hat so einige kritisierenswerte Punkte, aber insgesamt finde ich die Geschichte ungewöhnlich und die Erzählweise der Autorin auch nach all den Jahren immer noch ansprechend genug, dass die Reihe weiterhin einen Platz in meinem Regal verdient hat. Und das ist ehrlich gesagt mehr, als ich beim ersten Anlesen erwartet hätte. 😉

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