Stephanie Burgis: Masks and Shadows

Von Stephanie Burgis habe ich in den letzten Jahren fast alle Veröffentlichungen gelesen. Was mir bislang aber noch fehlte, waren ihre ersten beiden Romane für Erwachsene („Masks and Shadows“ und „Congress of Secrets“). „Masks und Shadows“ spielt im Jahr 1779 und wird zu einem großen Teil aus der Perspektive der frisch verwitweten Charlotte von Steinbeck erzählt. Zusätzlich kann man noch die Sicht des Kastraten Carlo Morelli sowie einige weitere Personen verfolgen. Alle Beteiligten sind zu Gast (oder Angestellte) im Palast des ungarischen Prinzen Nikolaus, dessen offizielle Geliebte Charlottes Schwester Sophie ist. Charlotte und Carlo stolpern unabhängig voneinander über seltsame Vorgänge im Palast, die anscheinend mit den beiden anwesenden Alchemisten in Verbindungen stehen und in die auch einige Mitglieder des Gesangsensembles des Opernhaus des Prinzen verwickelt zu sein scheinen.

Ich muss gestehen, dass ich den Titel aus dem Regal gezogen hatte, weil ich etwas Abwechslung zu den eher düsteren Geschichten haben wollte, die ich Ende Oktober gelesen habe – und dann musste ich feststellen, dass „Masks and Shadows“ auf seine Weise nicht weniger düster war als „Into the Drowning Deep“ und „Der Besucher“. Von Anfang an ist die Situation für Charlotte unangenehm, nachdem sie feststellen muss, dass ihre Schwester nicht nur die Geliebte des Prinzen Esterházy ist, sondern auch öffentlich als seine Begleiterin und Gastgeberin bei seinen Veranstaltungen auftritt. Die Prinzessin Esterházy hingegen wurde von ihrem Mann in ihre Gemächer verbannt und scheint auf den ersten Blick bei Hof keine Rolle mehr zu spielen. Dass dieser erste Eindruck täuscht, wird Charlotte schnell bewusst, denn in diesem Palast scheint das Überleben davon abhängig zu sein, wie gut man informiert ist und wie gut man sich bei all den Intrigen behaupten kann.

Für Carlo sind die Vorgänge weniger überraschend als für Charlotte, die seit ihrer Verheiratung in einem sehr abgeschiedenen und ländlichen Umfeld gelebt hat. Der musico hingegen hat nur deshalb eine so erfolgreiche Karriere führen können, weil er die Vorgänge an den verschiedenen Höfen Europas in der Regel schnell durchschaute und sich darauf einstellen konnte. Doch was unter dem Dach des Prinzen Esterházy vor sich geht, ist auch für Carlo nicht so einfach zu entschlüsseln. Ich fand es sehr faszinierend, die verschiedenen Informationen und Perspektiven zu verfolgen, immer mehr Details über die Charaktere und ihre Motivation zu bekommen und mir meine Gedanken darüber zu machen, welcher der Beteiligten wohl welchen seiner Verbündeten hintergehen wird.

Stephanie Burgis spart dabei nicht an Szenen, die deutlich machen, wie willkürlich die Regentschaft des Prinzen Nikolaus war und wie gefährlich das Leben an einem solchen Hof sein konnte, wenn man weder Einfluss noch mächtige Verbündete hatte. Sehr schön fand ich dabei, wie unterschiedlich Charlotte und Carlo viele Szenen wahrnahmen, denn obwohl Charlotte für ihre Zeit relativ offen ist und ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeit von Standesunterschieden hat, so ist sie doch von ihrer Erziehung und ihrer Umgebung beeinflusst. Carlo hingegen ist als Sohn armer italienischer Bauern geboren worden und weiß, welche Entbehrungen für das einfache Volk damit verbunden sind, wenn ihr Prinz zum Beispiel beschließt, dass er ein Stück Land trockenlegen lassen will, um dort einen neuen Prachtbau errichten zu lassen. Dabei ist sich Carlo durchaus der Tatsache bewusst, dass er – dadurch, dass er sich von den diversen Adelshäusern engagieren lässt – ebenso seinen Vorteil aus diesem System zieht.

Ausgeglichen werden die düsteren Szenen rund um die Intrige, die im Palast gesponnen wird, und die kritischen Elemente bezüglich des Verhaltens der Adeligen am Hof durch die Liebe zur Musik, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. Dass für Carlo die Musik mehr ist als eine Tätigkeit, mit der er seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, ist mehr als offensichtlich. Dass diese Musik ihm auch etwas genommen hat, das dafür sorgt, dass ihn viele Menschen nicht als gleichwertig oder gar als Mann wahrnehmen, ebenso. Trotzdem liebt er die Musik, liebt es, zu singen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Auch Charlotte und viele andere haben ein besonderes Verhältnis zur Musik und so sind diese Passagen selbst dann schön zu lesen, wenn man – so wie ich – relativ wenig mit Opern anfangen kann. Ebenso mochte ich es, Charlottes Entwicklung zu verfolgen, die zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben vor mehreren möglichen Wegen steht und für sich entscheiden muss, wie sie ihre Zukunft gestaltet und auf wessen Gefühle und Erwartungen sie dabei Rücksicht nehmen kann und möchte.

Ein weiterer Pluspunkt in der Geschichte war für mich der Schauplatz. Schloss Esterházy galt zu seiner Zeit als ungarisches Versailles, und seine prachtvollen Bauten waren berühmt (wenn auch anscheinend nicht unbedingt geschmackvoll eingerichtet, wenn ich nach den Beschreibungen der Autorin gehe). Auch hatte Prinz Nikolaus in seinem Palast einige der berühmtesten Künstler seiner Zeit versammelt, wie zum Beispiel den Komponisten Joseph Haydn, der jahrelang exklusiv für den Prinzen arbeitete. Diese Mischung aus Möglichkeiten und Gefahren, die sich durch eine solche Anstellung für die Künstler ergaben, hat Stephanie Burgis meiner Meinung nach gerade anhand von Haydns Beispiel gut eingefangen, was für einen wirklich atmosphärischen Rahmen für ihre Geschichte sorgt.

Insgesamt hat mir „Masks and Shadows“ zwar nicht die erhoffte Abwechslung von meiner eher düsteren Lektüre geboten, aber dafür habe ich den unverbrauchten Schauplatz und die realistischen (und of genug auch sympathischen) Charaktere sehr gemocht, während die unheimliche, von den Alchemisten beschworene Gefahr und die damit verbundene Intrige für Spannung sorgte. Insgesamt habe ich die Geschichte wirklich gern gelesen und mich dabei immer wieder darüber gefreut, wie gut es Stephanie Burgis dabei meiner Ansicht nach gelingt, Spannung und Grusel aufkommen zu lassen und doch immer wieder kleine Momente einzubauen, in denen man als Leser hoffen kann, dass die eine oder andere Figur vielleicht doch noch davonkommt oder vielleicht sogar gestärkt und gereift aus all den schrecklichen Situationen hervorgeht.

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